Claudia am 30. März 2004 —

ENIGMA – oder WER ist der Andere?

Nur selten erlebe ich ein Theaterstück. Die „Hochkultur“ der Opern, Konzerte, Theater, Museen und „Lesungen“ ist mir eher fremd geblieben. Wer da nicht „reinsozialisiert“ ist, fragt sich auch später nicht aus eigenem Antrieb: Sollte ich mal ins Theater gehen? Das, was ich mir dann doch ansah, weil Freunde mich mal mitschleppten, hat auch nicht recht begeistert. Die Geste der Klage und Anklage ödet mich an, das bemühte Skandalisieren und Provozieren ebenso. In Stücken aus ferner Vergangenheit schlafe ich fast ein, es erinnert mich an den Deutschunterricht, in dem es mir ebenso ging: Was will uns der Dichter damit sagen? Und dann dieses stockende Gewürge, wenn die Lehrerin versuchte, aus den uninteressierten Teenys ein Verständnis im Sinne eines „Zeitbezugs“ herzustellen – meist ohne Erfolg, denn wir lebten ja noch gar nicht „in unserer Zeit“.

Später dann faszinierte mich kurzzeitig die Berliner Schaubühne mit Stücken von Botho Strauss, inszeniert von Peter Stein. Da gab es „Zeitbezug satt“ – meist ging es um das Scheitern von Beziehungen, das ins Leere laufen aller Erwartungen an „den Anderen“, die Personen redeten grundsätzlich aneinander vorbei, und zwar so, dass das auch alle Zuschauer mitbekamen und sich im Spiegel sahen. Zwei, drei mal ist das ganz schön, aber DANN frage ich mich doch: Warum soll ich mir das immer wieder antun? Das „Bewusst machen“ dessen, was ist, ist ein endliches Vergnügen. Ich bin nun mal keine Dauerkonsumentin negativer Gefühle, sehe nicht ein, für den kunstvoll generierten Blick auf Scheitern und Hoffnungslosigkeit auch noch Geld zu bezahlen! Bye bye Theater, ich BRAUCHE dich nicht!

Neulich dann das Renaissance-Theater. Wieder hat mich ein Freund „mitgeschleppt“ und weil es ein Stück mit Mario Adorf war, ging ich das Risiko ein. Es war wider alles Erwarten ganz wunderbar, deshalb erzähl ich hier davon. Aber Achtung: Wer vor hat, das Stück noch anzusehen, sollte besser nicht weiter lesen! Denn es lebt einerseits von den genialen Schauspielern, aber auch von verblüffenden Wendungen, die natürlich nicht mehr verblüffen, wenn man sie schon kennt.

Als denn:

ENIGMA
Zwei-Personen-Stück mit Mario Adorf und Justus von Dohnányi
Regie: Volker Schlöndorff

Ein gealterter Großschriftsteller, Nobelpreisträger, hat sich auf eine Insel im Norden zurückgezogen, um den Banalitäten des Mensch-Seins möglichst ferne zu bleiben. Als sein 21. Buch ist soeben der Briefwechsel eines Liebespaars erschienen, das nur wenige Monate „im realen Leben“ zusammen war. Dann hatte ER, der Protagonist des „Romans in Briefen“ die Trennung verlangt – und dass die beiden ihre Leidenschaft nur noch schreibend leben, um sie so zu erhalten. SIE willigte letztlich ein und der Briefwechsel währte tatsächlich 15 Jahre. Wo er dann ohne Erklärung abbricht.

Einem Journalisten gelingt es, beim Literaturgenie einen Interviewtermin zu bekommen. Der Großschriftsteller hat das zwar vergessen, als er ankommt und schießt zunächst auf ihn – aber der Besucher erreicht das Haus doch noch lebend. („Wenn Sie vor meinem Haus sind, sind Sie der Feind, wenn sie drin sind, mein Gast“).

Es entspinnt sich ein vielschichtiger Dialog mit mehreren „Schocks“, die jeweils die Grundlagen der Situation vollständig verändern. Dabei staunte ich über die drastischen Bezüge zu philosophischen „Netz-Themen“, ohne dass je explizit ein Bezug zu „Real bzw. Virtual Life“ hergestellt wird.

In den Dialogen des Stücks wird Literatur und Leben, Wahrheit und Lüge genial diskutiert und variiert. Das „Erlebte“ bzw. Geschehen der Geschichte ist dann aber weder Wahrheit noch Lüge, ist beides und nichts davon, sondern vollendete Virtualität. Das „Virtuelle“ entfaltet sich in einer Reihe aufeinander folgender „Schocks“, die jeweils die Realität völlig neu und anders darstellen.

Und das geht so:

Eingangs löchert der Journalist den Schriftsteller, er möge doch zugeben, dass der Briefwechsel etwas mit seinem Leben zu tun hat. Was dieser entrüstet abstreitet (Literatur ist „Erfindung“, ist Poesie, nicht schnöder Alltag…) – später aber doch zugibt, um das Interview zu verlängern. Offensichtlich freut er sich doch, mal ein Gegenüber zu haben, ist in Wahrheit nicht ganz glücklich auf seiner einsamen Insel im Norden, wo es sechs Monate Tag und sechs Monate Nacht ist.

Es stellt sich heraus, dass der Journalist aus derselben Stadt kommt (und wohl nur deshalb diesen Termin bekam!), wie die ferne Geliebte des Schriftstellers. Ja, er kennt sie sogar – es ist nur eine recht kleine Stadt.

1. Schock

Auf einmal outet sich der Journalist als Ehemann der fernen Geliebten. Vor 15 Jahren (!) haben sie geheiratet..

Der Schriftsteller ist durch diese Nachricht zunächst etwas verstört, dann aber schwer erbost: War es doch über all die Jahre eine wahrhaftige, intensive und umfassende Kommunikation! Sie schrieben sich täglich, erzählten sich ALLES! Und nun muss er erkennen, dass SIE ihm diese Ehe verschwiegen hat. Er entrüstet sich, hadert, tobt, wütet – und gibt dem Jüngeren auf, ihr all seine Vorwürfe zu überbringen. Sie könne auch gerne alle Rechte und Einnahmen am Buch übernehmen, schließlich sei SIE die Autorin, die Lügnerin!

Der Journalist muss das ablehnen, denn

2. Schock

Helene ist TOT! Nach ihrem Tod hat er die Briefe in ihrem Schreibtisch gefunden. Auch die, die sie NICHT abgeschickt hat. Die, in denen sie mehr Nähe und Miteinander verlangt hat als bloß diese Schreiberei. Er überreicht dem Älteren dessen ungeöffnete Briefe aus den letzten Monaten.

Der Schriftsteller bricht nun zusammen, trauert, bedauert – und willigt ein, seine Insel zu verlassen und dem Witwer in die kleine Stadt zu folgen, um IHR Grab zu besuchen. Betont allerdings, dass er lediglich „wegen Helene“ diese Reise unternehme, dass zwischen ihnen beiden niemals so etwas wie Freundschaft sein könne…

Nichtsdestotrotz lässt er sich von dem Jüngeren die Tasche packen, ist selber zu unbeholfen, das Miteinander wirkt jetzt sehr anrührend, fast liebevoll.

Beiläufig dann, beim Hinaus-Gehen, lässt der Jornalist (der seine Zeitung nur erfunden hat) die nächste Bombe platzen:

3. Schock:

Helene ist tot, ja. Sie starb vor zehn Jahren an Krebs. Er fand die Briefe, schlüpfte in ihre Rolle und schrieb sie weiter – SO blieb sie für ihn noch „irgendwie lebendig“.

Der Großschriftsteller ist nun wahrhaft verstört. Schwer irritiert. Seit zehn Jahren korrespondiert er also nicht mit „Helene“, sondern mit ihrem Witwer! Fassungslos greift er zu Buch 21 und zitiert daraus erotische Stellen (Ich streichle deine Schenkel, spürst du das Kribbeln, dort, wo das Weiche beginnt?): „Und DAS haben SIE geschrieben?“

Ja, er hat. Und fragt unschuldig: „Bei mir ist das so, bei Ihnen nicht?“

**

Was für ein wunderbares Stück! Für diejenigen, die einer klaren Botschaft bedürfen, fällt der Satz „Die Liebe hat kein Geschlecht“. Gewiss, das ist ein Aspekt des Ganzen, doch für mich transportiert es viel mehr. Ich erinnerte mich auf einmal an die Enttäuschung, als ich vor vielen Jahren jemanden traf, mit dem ich bereits Monate lang Mails getauscht hatte. Er war nicht etwa unsympathisch, hässlich, verschroben oder sonst etwas, das meine Enttäuschung hätte begründen können. Er war nur einfach anders als der, den ich mir „imaginiert“ hatte! Deutlich anders. Ich fiel in eine Art emotionales Loch, denn: WO war jetzt dieser Andere, mit dem ich mailend eine starke Beziehung entwickelt hatte? Trauer überkam mich – fast, als wäre jemand gestorben, doch es war im Grunde schlimmer als das: Es hatte ihn NIE GEGEBEN!!!

Wer ist „der Andere“? Hat er eine eigene Wirklichkeit, oder ist er vollständig das, was ich mir erdenke, vorstelle, imaginiere? Die Frage gilt keinesfalls nur in Bezug auf Brief- und Mailbeziehungen, dort ist sie lediglich besonders gut erlebbar. Der ANDERE – bin ich das letztlich selbst? Ein Rätsel, ein Geheimnis: ENIGMA.

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