Claudia am 16. Juli 1999 — 1 Kommentar

….angekommen: Gottesgabe, Tag 2

Mit einem Teelöffel läßt sich ein Swimming-Pool schlecht ausschöpfen. Genauso unmöglich scheint es mir, mit eigenen Worten etwas „Passendes“ über diese unglaubliche Veränderung zu sagen. Ich bin kein Poet und konnte das bis heute nicht bedauern, doch jetzt wär‘ es schon schön, ein bißchen dichten zu können! Stattdessen werde ich Bilder machen, sobald das Gefühl körperlicher Erschöpfung vorüber ist, das der Umzug von der Metropole aufs Land hinterlassen hat.

In Berlin lebte ich mit meinem Lebensgefährten in einer 70 m² großen Wohnung. Jetzt teilen wir 144 m², Erdgeschoß und 1.Stock, verbunden durch eine wunderschöne Wendeltreppe in einem Lichthof, der sich in meiner Etage zur großzügigen Diele erweitert. Noch nie hatte ich soviel Platz! Es war ein Leichtes, alles mitgebrachte Umzugsgut aus- und aufzuräumen und noch immer ist genug Raum übrig, weit mehr, als ich jemals zur Verfügung hatte. Und Raum macht Freude, stelle ich fest! Macht den Kopf und das Herz frei, erst recht, wenn rund um den ‚eigenen‘ Raum nichts anderes zu sehen ist als Wiese, Wald und Himmel.

Das Zimmer, in dem ich jetzt schreibe, hat je ein Fenster nach Osten und Norden, zur Diele hin eine weiße Flügeltür mit alten, geschliffenen Glas-Kasetten. Dadurch wirkt es noch weitläufiger, als seine vielleicht 30 m² vermuten lassen. Das Rauschen der Festplatte neben dem Vogelgezwitscher ist merkwürdig laut – überhaupt: die Geräusche! Nicht mehr dieses ständige Dröhnen einer aus verschiedensten Quellen zusammengemischten Lärmkulisse, sondern klare, identifizierbare Töne auf dem Hintergrund der Stille.

Und oft genug Stille pur, morgens, abends, in der Mittagszeit und die ganze Nacht über. Auf einmal habe ich wieder Lust, gelegentlich Musik zu hören, ein Bedürfnis, das mir in den Jahrzehnten des Stadtlebens ganz verloren gegangen war. Gegen den Sound der Nachbarn (rechts Türken-Rap, gegenber Techno, links lautes Streiten, unterlegt mit Baulärm und dem steten Rauschen der Autos…) weitere Töne zu setzen, schien mir wie das Nachsalzen eines sowieso schon völlig überwürzten Essens. Doch hier, mitten in die Ruhe hinein, wirkt z.B. die Musik von Ravi Shankar als spielerische Begleitung dessen, was ist; kein Übertönen, kein zwanghaftes Beschallen der außer Form geratenen Psyche, sondern Vertiefung und Erweiterung mittels einer anderen, zutiefst menschlichen Dimension.

Hier in Gottesgabe existieren weder Läden noch irgendwelche öffentlichen Einrichtungen. All dies gab es vor der Wende im Schloß, in dem ich jetzt mit weiteren fünf Mietparteien wohne. Der nächste Laden ist heute ein Edeka-Geschäft im 5 km entfernten Lützow. Bequemerweise ist er auch gleichzeitig Post und Zeitungsladen. Während ich bei der Verkäuferin Geld abhebe, lese ich den Steckbrief, der an der Wand hängt: „Raubmörder gesucht“. Ich erstehe eine Schweriner Zeitung und kaufe ein wenig ein, bevorzugt interessante Ost-Produkte, die ich in Berlin nie zu Gesicht bekam. Der Weg nach Lützow und zurück ist meine erste Fahrt über Land, gewundene Straßen, wunderschöne Alleen, teilweise Kopfsteinpflaster. Und: nur ganz selten ein anderes Auto!

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Ein Kommentar zu „….angekommen: Gottesgabe, Tag 2“.

  1. […] schrieb mir ins Forum: „Lese mal wieder.. 16.7.99, angekommen, Gottesgabe Tag 2.“ Was will er mir damit sagen? Ich lese selber den Beitrag nochmal, eine fast euphorische […]

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