Claudia am 01. September 2018 — 6 Kommentare

Mit 5% die Welt verändern

Mal was Positives: Zitat aus einem lesenswerten Interview mit dem Sozialpsychologen und Bestseller-Autor Harald Welzer auf „Perspektive Daily“.

Wie groß muss diese kritische Masse »offener Menschen« sein, um die Gesellschaft neu zu gestalten?

Harald Welzer: 5%.
Maren: Woher nehmen Sie diese Zahl?

Harald Welzer: Soziale Bewegungen gehen immer von Minderheiten aus. Die Gesellschaft ist bewusstseinsmäßig so aufgeteilt, dass 5–10% ein Avantgarde-Denken haben, weitere 5–10% sind extrem konservativ und die restlichen 80% interessieren sich einen Scheiß für irgendwas und machen alles mit. Also ist ein Lebensstilwandel, der von 5% auf die Wege gebracht wird, effektiv.

Insgesamt schlägt er ganz andere Töne an, als man sie von den Klimawissenschaftlern gewohnt ist, die ernsthaft glauben, die Bekanntgabe von Fakten führe bereits zu Handlungen. Dabei ist er in den Forderungen durchaus ruppig:

„Was wollen wir von der gegenwärtigen Gesellschaft behalten und was muss dringend verändert werden? Dazu gehört, dass wir unsere Rechts- und Zivilisationsgüter behalten. Dafür muss ich die Autoindustrie abschaffen, dafür müssen die Autos aus der Stadt raus, wir müssen Kreuzfahrten und SUVs verbieten, und so weiter. Gleichzeitig müssen wir ein positives Bild entwickeln, wie eine solche ökologisch aufgeklärte Gesellschaft aussehen kann. Dann können wir politisch daran arbeiten, das umzusetzen.“

Dazu fällt mir ein, was mir gestern beim Vorbeiradeln an einem täglich auftretenden Stau aufgefallen ist: Noch nie habe ich etwas darüber gelesen, wie dieses „Stehen im Stau“ mit seinem Stopp & Go und den deutlich riechbaren Emissionen der Gesundheit der Autofahrer schadet. Es geht immer nur um die sekundär Betroffenen, dabei trifft es doch die Leute im Auto am stärksten. Die haben ja nicht etwa gute Luft in Flaschen dabei! Und abgesehen von der schlechten Luft, geht das Stau-Erleben doch gewaltig auf die Nerven – oder etwa nicht?

Positive Vorstellungen, wie das Vorankommen von A nach B auch für bisherige Auto-User attraktiver gemacht werden könnte, fehlen. Klar, wer kann, soll mit dem Fahrrad fahren – aber das können nicht alle, und schon gar nicht zu jeder Jahreszeit.

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
6 Kommentare zu „Mit 5% die Welt verändern“.

  1. Die 5 % sind wohl etwas niedrig gegriffen. Meinem Kenntnisstand nach sind etwa 15 % nötig. Dies ist eine „alte“ Schätzungen.
    Diese 5 oder 15 % müssten an einem Strang ziehen und spürbar sein zudem.

    Ich betrachte solche Aussagen auch in Zusammenhang mit der bekannten These, daß die Menschheit weniger Gewalt kenne als in vergangenen Zeiten. Sapolsky, von dem das nicht ausging, hat das jüngst auch in seinem neuesten Buch diskutiert. Die Daten geben nichts Eindeutiges her und Naturvölker, von denen es noch einzelne gibt, reichen auch nicht aus, um diese These zu untermauern.

    Für mich klingt eher wahrscheinlich, daß soziale Entwicklungen sehr, sehr lange Zeit brauchen. Da gibt es sozusagen einen „eingebauten“ Widerstand. Ob die Menschheit in 200 Jahren, falls es sie noch gibt, friedlicher sein wird, wer weiß.
    In der Zwischenzeit brauchen wir Verhaltensregeln, Aufklärung, tägliche Arbeit an den Konflikten, all die bekannten Strategeme, denen wir uns länger schon bedienen.

  2. Genauso ruppig müssen die Forderungen aber sein.
    Wir sind alle so scheinheilig. Wir verbieten Plastiktüten und gehen dann auf Kreuzfahrt.
    Wir brauchen einen radikalen Wandel.
    Aber das geht ja wieder gegen die Freiheit – funktioniert ja schon nicht beim Tempolimit auf Autobahnen. „Ich will aber auch mal schnell fahren“

  3. @Gerhard: ob es nun 5 oder 15% sein müssen, wer weiß das schon wirklich? Der Knackpunkt liegt beim „spürbar sein“ – und ich ergänze: positiv spürbar.
    @Maik: ja, es geht also darum, den Wert dieser Freiheit zu senken, bzw. dem Verzicht etwas Positives entgegen zu stellen.

    Bei vielen Veränderungsanliegen bekommen die Leute etwas dafür, dass sie an bestimmten Stellen ihr Verhalten (auch: ihr Denken und ihre politische Positionierung) ändern und Verluste (an Freiheit zum weiter so) in Kauf nehmen: Gemeinschaft, Zugehörigkeit, verbunden mit dem gewissen Avantgarde-Gefühl.
    -> So funktionieren rechtsextreme Gruppen, insbesondere auf dem Land, wo die Vereinzelung/das abgehängt sein sehr belastend ist.
    -> Das funktioniert in (frei-)religiösen Gruppen in der Stadt, etwa bei den Jesus-Jüngern –
    – und das funktioniert sogar bei den Anonymen Alkoholikern, deren Rezept, um trocken zu bleiben, sehr wesentlich vom Aufsuchen der Meetings lebt.

    Allen drei beispielhaft genannten Communities ist gemeinsam, dass sie nicht nur im Internet stattfinden, sondern reale Begegnungen und gegenseitige Unterstützung inszenieren.

    Nicht ganz leicht, sich so etwas für einzelne klimapolitische Anliegen auszudenken, aber gewiss nicht unmöglich.

  4. „Klar, wer kann, soll mit dem Fahrrad fahren – aber das können nicht alle, und schon gar nicht zu jeder Jahreszeit. „

    Wenn alle, die es können, es auch täten, wäre schon viel gewonnen.

    Autofahren kann auch nicht jeder (ist also keine Lösung für alle) — trotzdem ist die Welt aufs Auto zugeschnitten. Das Argument: es können nicht alle war für die Schaffung einer Infrastruktur rund ums Auto auch nicht maßgeblich. Wie wäre es denn dann, wenn die Welt aufs Fahrrad zugeschnitten wäre? Auch wenn es nicht alle können?

  5. „Klar, wer kann, soll mit dem Fahrrad fahren –
    aber das können nicht alle,
    und schon gar nicht zu jeder Jahreszeit. „

    Wenn alle, die es können, es auch täten,
    wäre schon viel gewonnen. Autofahren kann
    auch nicht jeder
    (ist also keine Lösung für alle) —
    trotzdem ist die Welt aufs Auto zugeschnitten.

    Hallo Ihrs:)

    Ist die Welt wirklich aufs Auto zugeschnitten?
    „Nur“ aufs Auto sicherlich nicht,
    ich denke, „die Welt“ ist auf maximalen
    Verdienst ausgerichtet.

    Daran (an dieser Ausrichtung) hängt ein endloser
    Rattenschwanz von gewachsenen Vorbedingungen,
    Gesetze, Verordnungen, Übereinkommen,
    Hersteller, Vertrieb, Gebrauch, Entsorgung.

    dazu (speziell „Auto“) das gesamte Verkehrsrecht
    die gigantischen Dimensionen der hiermit „verdienten“
    Staatseinkommen; (Steuer auf Mineralöl, Führerschein-Entzug
    bei Punkten <– hierfür die massiven Einnahmen der jeweiligen
    Vorbereitungskurs-Dienstleister für dieMedizinisch/Psychologische
    Untersuchung (MPU).

    ich bin zur Zeit aus diesem Karusell ausgeschieden (Führerschein wegen telefonieren, abgefahrenen Anhängerreifen und 5x zu schnell gefahren auf unbestimmte Zeit auf Urlaub im Landratsamt) und bewältige meinen täglichen Weg zur Arbeit mit einer Kombination aus S-Bahn und ca 8 km Fahrrad-Strecke.

    für den (einfachen) Weg zur Arbeit brauche ich insgesamt ca 45-60 Minuten je nach Tagesform meiner Unterschenkel, die S-Bahn kostt mich ca 36 Euro/Monat das Fahrrad schlägt mit ca 4 Euro /Monat Unterhalt zu Buche.

    es liegt an jedem einzelnen, darüber nachzudenken ob es wirklich Sinn macht taeglich im selben Stau zu stehen, die Kosten (verteckte und offene) fürs heiligs Blechle auf die Theke der Märkte zu schubbsen oder eben konsumradikal umzudenken.

    Tägliches zweckgebundenes Radfahren hat Vorteile! wirklich wahr:)
    90-120 Minuten täglich nur konzentriert auf den eigenen Körper
    und die mit ca 7-35 Km/h überzuquerende Landschaft lenkt ab vom üblichen Tagestrott, egal ob Büro, Baustelle oder Dienstleistungs-Job.

    auf der Verkehrspolitischen Ebene wäre mit mehr Teilnehmern dieser Art auch einiges auszurichten, sei es Abgas, Strassenabnutzung,
    Verkehrsberuhigung, Unfallstatistik -was auch immer- es wäre vermutlich eine für alle Gemeindewesen lukrative Angelegenheit, den öffentlichen Nahverkehr "aufs kombiradeln" auszurichten.

    die Bahn wieder verstaatlichen, Verkehrsflüsse mittels preiswerten
    Tarifen maximieren, es sind alle Optionen offen.

    nachdenkliche Gruesse von der
    immer noch niedrigwasser Führenden Rems
    ingo

  6. Danke Ingo! Ein super Plädoyer für den Umstieg aufs Rad! Ich wollte, ich könnte mich überwinden, täglich so eine Tour zu machen – so muss halt die Fahrt in den Garten und zurück (zusammen 45 Min) ein paar Mal die Woche reichen.

    Blöd wirds halt im Winter… ich wünsch mir perspektivisch einen Boom der Mini-Gefährte: überdachte E-Mopeds, Dreiräder etc. – der passende Begriff ist wohl Kabinenroller.

    Hier mal aktuelle Beispiele:
    DIE RÜCKKEHR DER KABINENROLLER?

    Die Gezeigten fahren vergleichsweise schnell, doch gibt es auch die Version mit max. 45 kmh, die als Mopeds gelten. Warum nicht?
    Für die seltenen Fahrten zu mehreren (sowie weitere / längere Fahrten) könnte man dann ja ein Fahrzeug mieten bzw. „sharen“. Oder den ÖPNV nutzen, soweit vorhanden.

    Ich hab mein Auto, das ich während der Zeit in Mecklenburg auf dem Land dringend brauchte, nach der Rückkehr nach Berlin alsbald verkauft. Denn ich hab es sowieso lieber stehen lassen, als über eine halbe Stunde pro Ausfahrt nach einen Parkplatz zu suchen.
    Ständig radle ich an Staus vorbei, in jedem Auto sitzt nur eine Person – warum nur tun die sich das an?

Was sagst Du dazu?

*) Wenn du keine Mailadresse angeben willst, lass das Feld frei. Es wäre aber nett, eine anzugeben, weil ich gelegentlich auch mal nicht öffentlich antworte. IP-Adressen werden nicht gespeichert. Was mit Daten auf diesem Blog passiert, erfährst du in der Datenschutzerklärung.