Claudia am 11. November 2016 — 3 Kommentare

In Memoriam Leonard Cohen

Selten fühl‘ ich mich dem Heulen nahe, wenn ein großer Künstler stirbt. Aber Leonard Cohen begleitete meine jungen Jahre, ich intonierte seine frühen Songs auf der Gitarre und war fasziniert – sowohl von seinen lyrischen Texten als auch von seiner großartigen Stimme, von diesem speziellen unverwechselbaren Cohen-Sound.
Seine Lieder über Liebe, Sex, Begehren, Beziehung berührten meine romantische Seele und setzten einen Kontrapunkt zur oft konfliktreichen, aber auch banalen Realität meiner frühen Liebesaffären und erotischen Begegnungen.

I cannot follow you, my love,
you cannot follow me.
I am the distance you put between
all of the moments that we will be.
You know who I am,
you’ve stared at the sun,
well I am the one who loves
changing from nothing to one.

Das ist die erste Strophe aus „You know who I am“ – der Text sprach mir „irgendwie“ aus der Seele, ich identifizierte mich damit, obwohl Cohen hier als Mann zu einer Frau spricht. Hat mich nicht gestört, ich war es, die „from nothing to one“ werden wollte, dringend! Der Trend zum allzu symbiotischen Miteinander, den heftige Jugendlieben mit sich bringen, behinderte mich in diesem Verlangen – ich konnte es selbst noch kaum in Worte fassen, Leonard Cohen konnte es!

Aus dem gleichen Gefühl heraus hat mir auch „Tonight Will Be Fine“ gefallen, ich hab es dem einen oder anderen Beziehung-auf-ewig-Aspiranten vorgesungen, aber sie haben das „for a while“ nicht als Botschaft verstanden.

Sometimes I find I get to thinking of the past.
We swore to each other that our love would surely last.
You kept right on loving, I went on a fast,
now I am too thin and your love is too vast.
But I know from your eyes
and I know from your pretty little smile
that tonight, tonight will be fine,
will be fine, will be fine, will be fine
for a while.

Zu meinem Cohen-Repertoire gehörte auch der eindrückliche Song „Story of Isaac“, in der er die Bibel-Geschichte vom Vater erzählt, der seinen Sohn opfern will und von Gott gestoppt wird. Obwohl ich mit Religion nichts mehr am Hut hatte, berührte mich der Song sehr. Wie so oft in Cohen-Texten vermittelt die letzte Strophe eine Zerrissenheit und Verzweiflung, die meiner Seelenlage in dunklen Momenten entsprach.

And if you call me brother now,
forgive me but I must inquire,
„Just according to whose plan?“
When it all comes down to dust
I will kill you if I must,
I will help you if I can.
When it all comes down to dust
I will help you if I must,
I’ll kill you if I can.
And mercy, mercy on our uniform,
man of peace, man of war,
the peacock spreads his deadly fan.

Ich ahnte, dass es im Leben nicht immer möglich ist, „immer bei den Guten“ zu sein, dass das manchmal von äußeren Umständen abhängt, über die wir keine Macht haben. So hätte ich es damals aber noch gar nicht formulieren können – Cohen konnte!

Manna für die Seele – ohne den Kopf zu beleidigen

Obwohl ich sonst mit Lyrik nicht viel anfangen kann: als Song von Leonhard Cohen konnte ich mich darauf einlassen, stieß mich nicht an „unverständlichen Formulierungen“ (wie etwa im „Master Song“ oder „Stranger Song“ ), sondern wurde eher von einer Art mystischem Schauder ergriffen. Ja, ERGRIFFENHEIT ist definitiv ein passender Begriff für die Wirkung seiner Lieder auf meine jugendliche Seele. Ganz verblasst ist das nie, immer wenn ich die alten Songs wieder mal höre (was nicht oft der Fall ist, ich lebe eher Musik-frei), erfasst mich diese spezielle Melancholie aufs Neue. Was bei Anderen Kitsch und übertriebener Pathos wäre, kommt von Cohen als Manna für die Seele rüber – seltsam, aber wahr!

Leonhard Cohen besingt die Übel der Welt beeindruckend „beiläufig“, so als melancholischer Beobachter, der weder in Zorn noch Angst verfällt, höchstens mal eine Frage stellt, wie in „Stories of the Street“:

I know you’ve heard it’s over now
And war must surely come,
The cities they are broke in half
And the middle men are gone.
But let me ask you one more time
O children of the dust,
These hunters who are shrieking now
Do they speak for us?

Cohens Spät- und Alterswerk ist dann weitgehend an mir vorbei gegangen. Als plötzlich Orchester und Synthesizer, aber kaum mehr seine Stimme dominierte, war mir das ein zu großer Bruch mit dem, was ich von Cohen hören wollte. Das Album „Death of a Ladies Man“ hatte dafür immerhin den perfekten Titel!
Jetzt erst höre ich hier und da mal rein in das, was er in den 90gern und nach der Jahrtausendwende gesungen, bzw. mehr und mehr geflüstert hat – und finde darunter manche Perle und zur Zeit passende apokalyptische Düsternis wie in You want it Darker, seinem letzten Song.

Leonhard Cohen ist gestern gestorben, eingegangen in den Olymp der ganz großen Künstler, die so schnell nicht vergessen werden.

Ich bin traurig – und dankbar, dass er gelebt, gedichtet und gesungen hat!

Noch mehr Lieblingssongs von Leonhard Cohen

Wer noch ein wenig in Erinnerungen schwelgen will: hier noch ein paar meiner Cohen-Lieblingssongs. Die Mega-Hits wie „Suzanne“, „So long Marianne“ und „Bird on the Wire“ lass‘ ich weg, an denen hab‘ ich mich irgendwann überhört.

Avalanche – aus „Songs of Love and Hate“;
Famous blue Raincoat – dito;
Chelsea Hotel#2 – inspiriert durch seine Affäre mit Janis Joplin;
Sisters of Mercy – aus „Songs of Leonard Cohen“;
Teachers – dito;
The Partisan – aus „Songs from a Room“;
There is a war – aus „New Skin for an old Ceremony“.
I tried to leave you – dito.

***

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3 Kommentare zu „In Memoriam Leonard Cohen“.

  1. Liebe Claudia,
    du sprichst mir aus der Seele.
    Er war ein großartiger, bescheidener Mensch und hat unserer Generation viel gegeben. Mir geht es wie dir, ich kann mit Lyrik meist nicht so viel anfangen, aber seine Texte Sprachen zu einem.
    Danke für so einen schönen Nachruf.

    Lieben Gruß
    Angelika

  2. Ach Claudia, ich hab einen dicken Kloß im Hals, das würgt ein wenig. Mir ist, als hätte ich einen Freund verloren… Und dann kommst du. Und zitierst ausgerechnet das „you know who I am“ zuerst. Das kaum jemand kennt. Das mich wie dich begleitet hat. Wo ich mich immer wieder drin gefunden habe… Eigentlich am meisten von allen Songs, ach ne: in vielen andren auch. Ebenfalls die story of isaac. Oder Avalanche. Oder. Nee. Der Kloß geht nicht weg.
    Aber es ist wundervoll, dass wir uns „getroffen“ haben. Hab Lust, dich zu umarmen.
    Ganz herzlich
    Maria

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