Claudia am 09. September 2016 — 13 Kommentare

Ebbe erleben in Husum

Mittelmeer, Atlantik, Golf von Thailand und nach der Wende die Ostsee: diverse Meere hatte ich schon gesehen, doch noch nie die Nordsee. Viel zu spießig war mir das in jungen Jahren, also kannte ich Ebbe und Flut nur aus Medien. Zumindest bis Dienstag, denn diese Woche war ich drei Tage in Husum. Um endlich mal zu sehen, wie es ist, wenn das Meer einfach verschwindet.

Ich hatte mir Husum ausgesucht, weil diese Kleinstadt für eine Kurzreise von drei Tagen mehr bietet als nur Watt und Landschaft. Hier der erste Blick auf die idyllische Hafenpromenade, die bei Ebbe so aussieht:

Ebbe in Husum

Faszinierend! Bilder gibt es nicht viele, die DigiCam ist zuhause geblieben. Lieber erleben als dokumentieren, teilen, kommentieren, dachte ich mir. Ein paar schlechte Handy-Fotos mussten reichen. Hier ein alter Segler am Ende des Binnenhafens, nicht weit vom sehenswerten Schiffahrtsmuseum:

Binnenhafen Husum

Im Museum haben wir – mein Liebster und ich – kurz vor der Rückreise ein paar Stunden zugebracht. Dort liegt das in Zucker konservierte Ülvesbüller Wrack, ein 400 Jahre alter Frachtensegler, der 1994 bei Bauarbeiten entdeckt wurde. Schon beeindruckend, was für ein Aufwand getrieben wird, um so ein altes Schiff auszustellen!

Wattwandern? Rumstolpern im Schlickwatt!

Die Hauptattraktion war allerdings die Wattwanderung, die wir uns vorgenommen hatten. 1,5 Stunden sollte sie dauern, das schien überschaubar, so von der Strecke her.

Strecke? Was für ein Irrtum! Unsere Gruppe wurde von einer engagierten FÖJ-Aktivistin ca. 150 Meter weit ins Watt geführt – mehr war auch kaum schaffbar!

Schlickwatt-Wanderung in Husum

Warum? Weil es sich hier um ein „Schlickwatt“ handelte, nicht etwa ein leicht begehbares „Sandwatt“. Das heißt: Man sinkt bei jedem Schritt bis eine Hand breit unterm Knie in zähen Schlick ein, es ist sehr anstrengend, auch nur ein paar Meter vorwärts zu kommen. Kleine Kinder waren auch in der Gruppe, die hatten richtig Angst und mussten getragen werden – kein Spass für den Träger! Mir war anfänglich auch etwas mulmig, da man ja beim Reintreten nicht weiß, wann der feste Boden kommt. Und bäuchlings im Schlick zu landen wollte ich ja auch tunlichst vermeiden!

Von dieser Plattform aus starteten wir ins Watt:

Plattform im Watt

Wenn ich mir jetzt nochmal die Beschreibung dieser Veranstaltung anschaue, fällt mir auf, das der Schlick nicht etwa verschwiegen wurde: Schlicktour, Schlickwatt – aber als Ahnungslose dachte ich mir nichts dabei, erinnerte mich nur an Dokus, in denen Leute locker über relativ festen Sandboden wanderten… tja, umso größer war immerhin der Abenteuerfaktor! :-)

Wir kämpften uns also mühsam Meter um Meter durch den Schlick, der jeden Fuß gerne festhalten wollte. Auf Geheis der Leiterin sammelten wir fünf Sorten Muscheln, lernten Wattschnecken, Wattwürmer und Krabben kennen und waren froh über die Pausen, während der wir nur herum stehen und zuhören mussten: Küstenschutz, Wattgetier, Weltkulturerbe – dann ging es zurück zur Plattform, wo immerhin eine Dusche bereit stand, um uns den Schlick von den Füßen zu waschen.

Dass die einheimische Auster von der pazifischen Auster verdrängt wurde und auch die Miesmuscheln wegen ihr weniger werden, zählt nun zu meinem neuen Watt-Wissen. Seit 1994 ist es für die aus Zuchtanlagen ausgebüchste Auster warm genug, um sich im Watt fortzupflanzen. Seltsam, dass der Immigrant es bisher nicht in die nordfriesische Küche geschafft hat. Wir fanden jedenfalls auf keiner Speisekarte Austern, dafür die gefährdete Miesmuscheln und die allgegenwärtigen Husumer Krabben, die heute großteils in Marokko gepult werden, bevor sie in den Handel gelangen.

Sooo ein schönes Hotel!

Mehr als zufrieden waren wir übrigens mit der Unterkunft, die ich über Booking.com gebucht hatte. Das „Hotel & SPA Rosenburg“ hat einen Wellnessbereich, der sich sehen lassen kann. Bio-Sauna und Finnische, superbequeme Liegen – genau das Richtige zum Entspannen nach den Tageserlebnissen im Ort bzw. in der Umgebung. Wir mieteten Fahrräder direkt im Hotel, speisten auch mal im Hotel-eigenen Restaurant, wo es u.a. einen Labskaus gibt, der sämtliche Vorurteile gegenüber diesem Gericht zerbröseln lässt. Das tägliche Frühstücksbuffet beeindruckte mit phänomenaler Vielfalt – das Ergebnis der Schlemmerei sehe ich jetzt auf der Waage! Sogar der Service war sehr zuvorkommend, die Mitarbeiter ganz offensichtlich mit Freunde bei der Arbeit, viele kleine Details zeigten, dass man hier mit dem Herzen bei der Sache ist. Ich hatte nach dieser Bleibe länger recherchiert, das Hotel ist mit einem verdienten „hervorragend“ bewertet und dennoch erschwinglich. Da ich hier höchst selten Lobeshymnen auf Produkte oder Dienstleistungen schreibe, lässt sich ermessen, wie begeistert wir waren!

Husum: keine „graue Stadt“

In einem Gedicht beschrieb Theodor Storm Husum als „graue Stadt am Meer“, doch ist Husum heute gar nicht mehr grau! Die Stadt wirkt reich, es gibt viele schöne Häuser im Stil der Bäderarchitektur, aber auch kleine Katen, die an eine ärmere Vergangenheit erinnern.

Husum Häuser

In nur drei Tagen haben wir bei weitem nicht alles gesehen und erlebt, was Husum bietet. Wer allerdings Nachtleben sucht, ist hier wohl eher falsch. Schon um 21.30 Uhr wirkt die Hafenpromenade mit den vielen Lokalen als sei es schon Mitternacht! Aber dafür waren wir ja nicht gekommen.

Hier noch ein Blick über den Marktplatz von Husum mit Tine-Brunnen – die „Tine“ gilt als das heimliche Wahrzeichen von Husum:

Marktplatz Husum mit Tine-Brunnen

Und richtig gute Luft!

Was in den Tourismus-Infos gar nicht erwähnt wird, ist die beeindruckend gute Luft. Der Kontrast zu Berlin ist gewaltig, wobei Berlin noch eine Großstadt mit vergleichsweise guter Luft sein soll. Als ich aus dem Zug stieg, merkte ich, was ich hier dauernd atme! Zum Glück verschwindet diese Wahrnehmung schnell wieder aus dem Bewusstsein, doch wird der Aspekt „Luftqualität“ in Zukunft ein Faktor sein, wenn ich mir einen Urlaubsort aussuche.

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Diskussion

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13 Kommentare zu „Ebbe erleben in Husum“.

  1. ein Reisebericht, der im unterschwellig die barbarischen Sitten unserer Wohlstandsgesellschaft transportiert.:)
    wir leben auf relativ hohem Niveau und verlustieren uns auf Kosten vom Rest der Welt, macht nix, war schon immer so, daher gewohnheitsrecht.
    danke für den kleinen Einblick in ein Thema das dieses Diary so vielfältig macht:) habs gern gelesen und mich an alte Zeiten erinnert, Reisen ist was fürs Herz, Seele und Verstand.

    dieser Planet funktioniert nur mit Lastern, die wir entwickelt haben, unsere Bäuche zu mästen, im Grunde ist das ok, solange uns diejenigen, auf deren Rücken wir dies treiben, mit Hungerlöhnen zufrieden sind und uns „machen lassen“.

    gruss vom mittlerweile wieder im Schwabenland angesiedelten Ex-Selbvieh
    i.m.sz

    Die globalisierte Weltwirtschaft macht es möglich. Weil das Pulen hierzulande zu teuer ist, schicken große Anbieter von Nordseekrabben ihre Fänge zum Pulen nach Marokko und lassen sie dort zu Dumpinglöhnen weiterverarbeiten.
    Ein Zentrum zur Verarbeitung von Nordseekrabben ist das marokkanische Tanger. Hier werden die kleinen Meerestiere tonnenweise von ihrer Schale befreit, bevor sie sich wieder auf die lange Heimreise gen Norden machen.
    Eigentlich kennt man die Tiere in Marokko gar nicht, aber die Arbeiterinnen haben das Pulen mittlerweile perfektioniert. Bezahlt werden sie nach Menge und so kommen sie auf etwa sechs Euro Tageslohn. Diese geringen Lohnkosten sind der Grund, warum es sich für deutsche und niederländische Unternehmen lohnt, ihre Krabben 2500 Kilometer über die Weltmeere zu schippern.

  2. Ja, das mit den Krabben ist schon krass! Sogar die punktuell eingesetzten Schälmaschinen sind teurer:

    Eine Pulerin in Marokko verdient im Durchschnitt sechs Euro pro Tag. So billig arbeitet nicht einmal eine Maschine in Deutschland. Der Krabbenfischer Alwin Kocken weiß das: Er hat eine Krabbenschälmaschine erfunden. „Täglich frisch – gefangen und geschält in Norddeutschland“, wirbt Kocken für seine Nordseekrabben. Für Kunden ist das eine gute Alternative, für Hersteller offensichtlich nicht: Das Interesse an der Maschine ist gering. Denn die Kosten pro Kilo liegen um drei bis vier Euro höher als bei der Variante des Pulen-Lassens in Marokko.

    Quelle: Feelgreen.de

    Die Maschinen sind auch unzuverlässig:

    „Es gab immer wieder Versuche, die Krabben maschinell in Deutschland zu schälen und zu verarbeiten aber das ist eine so filigrane Angelegenheit, dass Maschinen damit nicht oder nur schlecht zurecht kommen. Die entsprechenden Geräte sind teuer, unzuverlässig und wartungsintensiv und liefern einen geringeren Output als bei der Verarbeitung mit der Hand. Oder aber sie können nur sehr kleine Menge verarbeiten. Versuche, große maschinelle Schälzentren direkt an der deutschen Nordseeküste einzurichten, wie man es zum Beispiel in Cuxhaven probiert hat, sind gescheitert und die entsprechenden Firmen pleite.“

    Quelle: Scienceblog.de

    Würde man alles, was wg. Minilöhnen ausgelagert ist, heimisch produzieren lassen, könnte sich das nur eine kleine Schicht Reicher leisten – wie früher.
    Allerdings würde deren Konsummenge vermutlich nicht ausreichen, um die Produktionsstrukturen überhaupt zu erhalten – ein schier unlösbares Dilemma.

  3. Schöner Bericht. Gerne gelesen. Zeigt mir: Es gibt soviel zu entdecken.
    Wieso ward ihr nur drei Tage dort? Je länger man da ist, umso mehr taucht man in das andersartige, vom gewohnten Leben verschiedene, ein.

  4. @Gerhard: nun, ich muss arbeiten… und Geld kostet das ja auch!

  5. Also bei 6 € pro Tag hat so eine Krabbenpulerein umgerechnet gute 1900 $ Jahersverdienst und liegt bei knapp 2/3 des durchschnittlechen marokkansichen Jahreseinkommens – nicht schlecht für eine ungelernte Tätigkeit (Krabbenpulen will gelernt sein aber es wird auch früher in Deutschland kein Ausbildungsberuf gewesen sein). Da ich mir kaum vorstellen kann, dass sehr viele Frauen in Marokko alleine im eigenen Haushalt leben, werden sie also einen nicht unerheblichen Beitrag zum Familieneinkommen leisten – neben Ehemann, Vater evtl. auch Mutter, Geschwister, weiterer Verwandschaft oder auch eigener Kinder. Damit lässt es sich durchaus leben in Marokko.
    Und selbst wenn sie alleine lebt, „hungern“ wird sie bei diesem Lohn sicherlich nicht.

  6. […] diese Woche war ich drei Tage in Husum, weil ich in diesem Leben unbedingt auch mal Ebbe erleben wollte. Ansonsten hege ich kein Bedürfnis, noch “die ganze Welt zu sehen”, sondern […]

  7. Hallo Claudia!

    auch wenn es hier erstrangig um Husum geht, finde ich die Krabben-Diskussion sehr interessant! Die 6 EUR am Tag erklären mir, wie es sein konnte, dass Krabben zum Standardwarenkorb für Aldi-Kunden gehören. Vorher war es der Lachs, der plötzlich so günstig wurde. Wobei da gibt es denke ich andere Gründe.

    Husum – wunderbar!! Ich Binnenländlerin muss mich mit den Auen der Donau zufrieden geben, will ich nicht tausend km weit reisen. Schön habt ihr es in Norddeutschland!

    liebe Grüße,
    Paula aus Wien

  8. Als geborenes und unverdrossen begeistertes Nordlicht (wohne nicht sehr weit von Husum entfernt) freue ich mich naturgemäß, dass das schönste Bundesland der Welt oft so positiv wahrgenommen wird.
    Am Reisebericht fehlt mir ein wenig (nein: zur Hälfte, genaugenommen) der Blick auf die andere Gezeit, also die Flut!
    (die kommt nämlich genauso häufig vor, wie das Niedrigwasser – grins!)

    Für die nächste Tour empfehle ich zusätzlich einen Abstecher nach Eiderstedt oder auf eine der Inseln oder Halligen – dort wäre jeweils auch das deutlich kommoder zu begehende Sandwatt zu genießen.

  9. Herzlichen Dank Euch allen für die freundlichen Kommentare!

    @Brendan: auch wenns nicht direkt ein „Hunger-Lohn“ sein sollte, so ist es doch verdammt wenig für ganztägiges Rumpulen an Krabben! Schlimm, dass sich dort in Sachen Lohnhöhe offenbar allgemein nichts tut.
    Und es ist ja nicht nur das Soziale: das Hin- und Her-Transportieren verbraucht Energie, erzeugt Treibhausgase, verpestet die Umwelt… es kann einem den Appetit auf Krabben wirklich verschlagen! In Husum hab ich dennoch welche gegessen, aber zuhause kauf ich jetzt keine mehr.

    @Julia: ja, die „Demokratisierung“ des gehobenen Essens geht zu Lasten der Menschen in fernen Ländern und zu Lasten der Umwelt. Einst konnten sich sowas nur die Reichen leisten – für die Umwelt war das die bessere Welt.

    @Jens: die Flut hab ich tatsächlich nicht gesehen, außer im schmalen Binnenhafen. Aber ohne Bedauern, denn „Meer“ an sich mit bis an den Strand reichendem Wasser kenne ich ja schon.
    In 3 Tagen konnten wir lange nicht alles ausschöpfen, was dieser Landstrich bietet. Die Fahrräder waren für Leihräder zwar ganz ok, aber eben eher City- und keine Tourenräder. Wir hätten länger nach Norden radeln müssen, um die Halligen zu sehen und „richtigen Strand“.. aber dazu kam es wegen der Kürze der Zeit und den nicht grade schnellen Rädern nicht.

  10. Die Umweltproblematik ist nur sehr schwer zu lösen. Das betrifft jedoch nahezu sämtliche Güter. Die Frachtkosten müssten sich enorm verteuern – sei es durch Steuern und Abgaben oder durch verknappte Ressourcen. Beides erscheint jedoch sehr unwahrscheinlich.

    Und wenn doch – dann könnten wir in Norddeutschland wieder ohne schlechtes Gewissen Krabben essen, es würden ein paar effiziente Schälmaschinen entwickelt, ein paar Ingenieure und Techniker mehr hätten einen Job, eine Handvoll Lagerarbeiter auch. Und in Marokko wären Hunderte Frauen ihren Job los, wenn nicht noch mehr.

    Das erinnert mich an die Kampagne gegen das Teppichknüpfen von Kindern in Indien, als viele Hersteller sich verpflichtet hatten das einzustellen – mit der Folge, dass die Kinder in Batteriefabriken arbeiten mussten und sich Augen, Lunge und Hände kaputt machen seitdem. Aber in Europa kann man sich jetzt echt von Hand geknüpfte Teppiche ins Wohnzimmer legen ohne schlechtes Gewissen.

    Und ganz ehrlich: 6 € klingt wenig. Aber man muss die Relationen sehen: 2/3 des Duchschnittseinkommens ist mehr als nur „kein Hungerlohn“. Das entspricht in Deutschland einem Bruttolohn von rund 1900 € monatlich. Fürs Krabbenpulen!

  11. Bei meinen Eltern in Bremen gab es häufig Krabben – Granat genannt -, aber gepult wurden die immer selbst. Granat pulen gehört zur norddeutschen Folklore. Ich konnte es trotzdem nie besonders gut.

  12. Wenn Du und Dein Liebster sich einen besonderen Gefallen tun wollen, fahrt mal im Winter an die See… ;-)

    Schöner Bericht.

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