Claudia am 28. März 2015 — 5 Kommentare

Die Suche nach den Schuldigen: Hier habt Ihr sie!

Der Copilot, der den Airbus an der Bergwand zerschellen ließ, ist ja nun tot. Er kann nicht mehr bestraft werden, also sucht man krampfhaft nach weiteren Schuldigen. Was sich da abspielt, empfinde ich als kollektives Rachebedürnis: Irgend jemand muss doch verantwortlich sein für das Schreckliche, schier Unfassbare – und den bzw. die will man auch „hängen“ sehen.

Und so scannt der mediale Radar alle und alles, was in Betracht kommt, potenziell Mitschuld zu tragen. Als da sind:

  • Natürlich zuerst das persönliche Umfeld – ärgerlich, dass man da (noch?) nicht richtig rankommt (Beziehungsprobleme? Leichen im Keller?)
  • Der Arbeitgeber – hätte Germanwings nicht aufgrund des „SIC“ in der Personalakte reagieren müssen?
  • Die USA mit ihrem Anti-Terror-Sicherheitswahn, die uns dieses Türverriegelungs-Regime aufgewungen haben.
  • Die Regierung und die Luftfahrtbehörden, weil sie die 2-Personen-Regel von den USA nicht mit übernommen haben.
  • Die Ärzte, die den Täter krank geschrieben haben, aber nichts taten, um ihn vorm Fliegen abzuhalten.
  • Die Kollegen, die ihn als „Tomaten-Andi“ verspotteten und so gewiss zu seinen psychischen Problemen beitrugen.
  • Die Billigfliegerei – klar, dass da ein Druck herrscht, der jeden geneigt macht, sich in den Abgrund zu stürzen.
  • Der Islam (jetzt wirds verschwörungstheoretisch)… „unabhängige Wahrheitsblogs“ meinen, der Copilot sei vermutlich Konvertit gewesen.
  • Alle Airlines, weil sie wissen, dass technisch bedingt „giftige Luft“ in die Cockpits geleitet wird, sie aber nichts dagegen unternehmen.
  • Airbus – auch die müssen fürchten, dass die Wahrheit ans Licht kommt!
  • Hacker, die von außen die Kontrolle über die Bordelektronik übernommen haben…
  • Kampfjets: hey, da wurden fünf Kampfjets in der Nähe gesichtet – ist das nicht SEHR verdächtig? Wird da was vertuscht?
  • Die Banken, wer sonst? („Würde mich nicht wundern, wenn auf der Passagierliste Personen stehen, die den Bankstern im Wege stehen“).
  • Angela Merkel – die ist IMMER schuld!

Ich verzichte mal auf Verlinkungen. Was alle Vermutungen – die noch halbwegs nahe liegenden als auch die abstrusen – gemeinsam haben: Die Unfähigkeit, das Geschehen als das hinzunehmen, was es ist: eine menschliche Katastrophe, die 150 Menschen das Leben gekostet hat. Nicht nur Piloten haben in ihrer Berufsausübung Macht über Leben und Tod, auch Bahnfahrer, Busfahrer, Schiffskapitäne und viele andere. Wenn man dazu noch bedenkt, welche Schäden die Betreiber unserer technischen Infrastruktur anrichten könnten, wenn sie wollten, müsste man glatt in Panik geraten angesichts der ständig drohenden Gefahren.

Jeder könnte depressiv sein oder unter einer Psychose leiden, dies aber gekonnt verbergen. Auch psychologische Tests können dies nicht mit Sicherheit feststellen, wenn es ein Proband darauf anlegt (wofür es ja Gründe gibt, wenn die Berufsausübung am Ergebnis hängt).

Menschen sind letztlich unberechenbar, das Leben ist und bleibt gefährdet und unsicher.
Nehmen wir das doch einfach mal hin! Der tröstliche Hölderlin-Spruch „in der Gefahr wächst das Rettende auch“ gilt nämlich auch umgekehrt „Mitten im Rettenden wächst auch die Gefahr“ – siehe Cockpit-Türsicherung.
Je mehr wir sichern, desto mehr gefährden wir auf andere, neue Art.

Diskussion

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5 Kommentare zu „Die Suche nach den Schuldigen: Hier habt Ihr sie!“.

  1. „Irgend jemand muss doch verantwortlich sein für das Schreckliche, schier Unfassbare…“

    Mein Fazit aus dieser Woche ist, Claudia, dass das „schier Unfassbare“ in dem ganz „Normalen“ und „Einfachen“ seinen Weg zur Katastrophe gefunden hat. Nichts spektakuläres. Einfachste Dinge, wie wir sie tagtäglich selbst erleben und gestalten, können, kommen sie in einer bestimmten Konstellation zusammen, solche Unglücke verursachen.

    Es scheint, erst in der unglücklichen Verkettung mehrerer Schwachstellen, die im Einzelnen nie diese Katastrophe hätten auslösen können, mussten am Dienstag 150 Menschen sterben.

    Ich kann mich erinnern, dass in dem Concord-Absturz in Paris vom 25.7.2000, ebenfalls immer wieder die Rede von dieser Kettenreaktion unglücklicher Zufalle/Umstände war. Der wikipedia Beitrag dazu,
    http://de.wikipedia.org/wiki/Air-France-Flug_4590
    liest sich nicht viel anders wie der Germanwings Flug 4U9525.

    Wäre der Personalakte des Copiloten die gebührende Aufmerksamkeit „geschenkt“ worden, dann wüsste heute noch immer kaum jemand etwas über eine gepanzerte Cockpittür. Aber überliest nicht jeder von uns einmal Dinge, deren Bedeutung wir nicht richtig einschätzen.

    Wäre der Pilot nicht in diesem Moment zur Toilette gegangen, die Intitialzündung hätte vielleicht nie statt gefunden.

    Darin liegt für mich das Unfassbare, das Erkennen, an welch`seidenem Faden unser Leben hängt. Morgen kann irgendetwas diesen Faden durchschnitten haben. Wenn eine Verkettung unglücklicher Umstände mein Leben erreicht.Ich verdränge das. Das ist gut so für mich.

    Doch bekommt angesichts dieser Überlegungen der alte Ausspruch eine neue, und ganz besonders leuchtend, lebensbejahende und farbenfrohe Ausstrahlung:

    Carpe diem

  2. ich muss doch gar nicht verdrängen, dass mein Leben viel mehr an Fäden als an stabilen Ketten hängt – denn es ist tatsächlich ein Geschenk. Ein Einmaliges. Nichts kann es ersetzen – aber auch nicht garantieren. Gerade deswegen ist es doch besonders. Es ist wie das komplizierteste uns bekannte technische Wunderding, das – an jedem Tag, an dem wir die Augen aufschlagen und leben – schlicht ungläubiges Staunen auslösen müsste, so unfassbar unglaublich ist es.

  3. Und noch dies: Dieser Kontrollwahn, mit dem wir unser Leben überziehen, macht mir wirklich schwer zu schaffen – angefangen bei den Sicherheitskontrollen am Flughafen. Wir leben im Wahn, das Leben sicher machen zu können und geben daher jegliche Freiheit her. Jugendlichen ist heute „die Ordnung“ lieber als die Debatte über freie Meinungsäusserung. Wir haben den Wahn der Sicherheit, den uns der Staat mit Überwachung garantieren soll, zu unserem eigenen gemacht und kriechen damit laufend der Politik auf den Leim. Denn die will genau dies: Den Bürger, der lieber auf Freiheit und Unwägbarkeit verzichtet, um sein Gärtchen bestellen zu können, mag er dafür auch mannshohe Zäune brauchen.

  4. Mein „verdrängen“ möchte ich doch noch mal erläutern, Thinkabout, da ich inhaltlich mit deinen Kommentaren absolut übereinstimme.

    Ich „verdränge“ es, weil es mich handlungsunfähig machen würde, würde ich von morgens bis abends nur daran denken, wie schnell irgendein Ereignis den „seidenen Faden“ durchschneiden könnte. Ich habe überlegt, ob ich es evtl. auch „akzeptieren“ oder „tolerieren“ nennen könnte. Nein, das trifft es für mich auch nicht. Eher ein „hinnehmen“, das alles einen Anfang und ein Ende hat. Und dazwischen – leben wir.

    Das einzigartige Zusammenspiel all dieser Elemente auf unserem Planeten, ja, es macht mich auch immer wieder ganz still.

  5. Wichtige Gedanken, Claudia, danke. Und doch wird die Reaktion genau darin liegen: Noch mehr Kontrollen und Vorschriften. Wir unterliegen dem Wahn, jede Unbill ausschliessen zu können – und lassen zu, dass wir zu einer gläsernen Gesellschaft werden, deren Bewegungsfreiheit laufend eingeschränkt wird.

    Über meine Irritationen im Zusammenhang mit der medialen Auseinandersetzung mit diesem Unglück habe ich selbst geschrieben. Momentan bin ich dabei auch über mich selbst am meisten irritiert angesichts des Umstands, über wie viel wir bereits sind, als gegebene Fakten zu diskutieren:
    Wir setzen Abläufe im Cockpit voraus, die im Grunde noch gar nicht als gesichert angesehen werden können.

    Noch vor kurzem haben wir uns darüber ausgelassen, wie es möglich ist, dass ein ganzes Flugzeug vom Erdboden verschwindet – im aktuellen Fall fehlt noch immer die zweite Blackbox. Das kümmert hier aber niemanden. Das Bild des selbstmordenden Co-Piloten verhindert jede Distanz – und die gewährte Zeit, um wenigstens etwas mehr Erkenntnisse zu gewinnen.

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