Claudia am 03. September 2013 — 7 Kommentare

Visionen: unverzichtbar oder ein Grund, zum Arzt zu gehen?

Menachem schreibt heute in seinem Gemeinsam-Leben-Blog:

„Visionen, oder Träume oder Wünsche, begleitet von der einzigartigen kraftspendenden „Hoffnung“ sie zu erreichen, betrachte ich als das Lebenselixier, dass wie Blut durch unsere Lebensadern fließt und uns in Bewegung hält – nach Vorne.“

Und auf HolyFruitSalad beschreibt die Bloggerin Claudine ihr derzeitiges Lebensgefühl mit den Worten:

Ich bin weiterhin müde, visionslos, kraftlos. Ich habe Angst vor dem Herbst, vor dem Winter, vor fehlendem Licht.


Visionen als Antrieb, ihr Fehlen als Leiden – beides absolut gängige Beschreibungen. Und immer wieder frag ich mich, wenn ich derlei lese: Wie kann es sein, dass ich so „visionslos“ ein recht zufriedenes, oft sogar glückliches Leben führe? Weder bin ich reich, noch ist mein Berufsleben „sicher“, eher im Gegenteil. Durchweg hab‘ ich nie viel Kompromisse gemacht im Streben nach Arbeit, die mir Freude macht. Phasenweise war ich arbeitslos, dabei aber nie untätig. Seit 1997 bin ich als Webworkerin selbständig, doch war und ist das nie besonders stressig. Es gab Zeiten schwerwiegender Geldsorgen, doch auch das hat mich nicht wirklich deprimiert – vielleicht, weil ich wusste: auch wenn ich „Stütze“ brauchen sollte, würde ich nicht verhungern.

Der frühere Bundeskanzler ist mit dem Spruch „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ aufgefallen. Damit läutete er die AGENDA 2010 und das Zeitalter der Alternativlosigkeit ein (Update: Gedächtnis-Fail!). Seitdem leben wir in einer visionslosen Zeit, Politik fährt „auf Sicht“ und wenn man sich in die komplexen Themen einliest, wundert das auch nicht. Dennoch kotzt es mich an, MICH, die ich mit Visionen eigentlich nichts am Hut habe.

Wer mein Blog und meine Linkschleuder-Gewohnheiten in den sozialen Medien kennt, weiß, dass ich Welt-verbessernde Aktivitäten gerne unterstütze. Das passiert allerdings nicht aus einer Vision vom besseren Leben heraus, sondern aus der Kritik an allerlei sehr konkreten üblen Zuständen hier und anderswo. Wer Durst hat, braucht Wasser, so einfach ist das. „Sauberes Wasser für alle“ empfinde ich dann nicht als großartige „Vision“, sondern als Selbstverständlichkeit, die ungerechterweise nicht für alle auf diesem Planeten verwirklicht ist, obwohl das durchaus machbar wäre.

Dem Begriff „Vision“ haftet irgendwie eine Großartigkeit an, die mir widerstrebt. Auch das damit verbundende Augenmerk auf Zukunft kann durchaus kontraproduktiv sein: etwa, wenn Menschen sich krumm legen und im Laufrad funktionieren, nur um IRGENDWANN mal ihre Erfüllung oder Befreiung zu erleben. Das verstellt den Blick auf das, was man JETZT tun und erleben kann zugunsten von Erwartungen, die vielleicht nie eintreten. Bzw. mit denen manche, wenn sie denn eintreten, gar nichts mehr anfangen können.

Der Garten ist mir ein Lernfeld in Sachen „Visionen“. Ich sah z.B. vor dem inneren Auge Gladiolen (die auf dem sandigen Boden schlecht wachsen) zwischen den hübschen heimischen Ziergräsern. Also hab ich welche gesetzt, von denen jedoch nur drei gewachsen sind, geblüht hat keine. Aber drei Meter daneben erschien ein fantastischer Blutweiderich, viel schöner und in diesen halbwilden Garten viel passender. Zum Glück hatte ich für seine Ecke KEINE Vision gehabt, denn sonst hätte ich ihn schon früh ausgerissen.

Genug für jetzt. Besonders stringent ist dieser Artikel nicht geworden – halt eine kleine Meditation über „Visionen“, frei assoziiert. Vielleicht habt Ihr ja Lust, das in den Kommentaren fortzuschreiben?

Diskussion

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7 Kommentare zu „Visionen: unverzichtbar oder ein Grund, zum Arzt zu gehen?“.

  1. Der frühere Bundeskanzler ist mit dem Spruch “Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen” aufgefallen. Damit läutete er die AGENDA 2010 und das Zeitalter der Alternativlosigkeit ein.

    Helmut Schmidt als Einläuter der Agenda 2010? Ca. 1975?

  2. Ach, ich dachte, der Spruch sei von Schröder!!! Tja, so versumpft das Gedächtnis im Lauf der Jahrzehnte… ich änder das jetzt aber nicht. Sollen sich die anderen auch amüsieren… :-)

  3. Persönliche Ziel-Visionen kenne ich garnicht. Ist mir zu anstrengend. Allerdings kenne ich das aus jüngeren Jahren, als ich es im Sport weit bringen wollte – das ständige Feuer machte es wohl möglich, da voranzukommen.
    Jetzt finde ich „Feuer“ eher ungeil.
    Viele meiner Kollegen, die auf den bald beginnenden Ruhestand schauen, haben Visionen wie Telleraugen: Sie träumen von einem ganz und gar wunderbaren Leben „nach der Arbeit“, wohlwissend, daß das so nicht eintreten wird und kann. Trotzdem wird das vor sich selber geleugnet. Da wird aus einem einfachen, tapferen Angestellten im Hauruckverfahren ein Prinz, von der Muse geküsst, von den schönen Dingen entzückt, ein wahrer Bonvivant.

    Wenn ich eine „Vision“ habe, dann die eines zufriederen Menschen, wohlwissend, daß es ganz meine Wahl ist, dafür etwas zu tun. Von alleine kommt das nicht hergeflogen…

    Wie sagte @Thinkabout unlängst: „Trage zu Deinem Glück bei!“

  4. Liebe Claudia,

    du hast oft einen so herzerfrischend nüchternen Blick auf viele Themen und Begriffe, die bei mir rosarot verbrämt sind. „Vision“ ist auch eines meiner Lieblingsworte. Ich verstehe eine Vision als eine Art Leitstern, der mir die Richtung weist. An meinen Visionen hangele ich mich entlang, wenn es um wegweisende Entscheidungen geht. Aber du hast natürlich völlig recht: Visionen können auch Stress machen, wenn sie zur Messlatte für ein gelungenes Leben werden – und sie können dazu verführen, immer mehr im Morgen zu leben als im Heute. Beide Tendenzen sind mir durchaus nicht unbekannt. Und doch möchte ich meine Visionen nicht missen. Sie haben mich schon mehr als einmal durch raues Gelände getragen.

    Herzliche Grüße,
    Schattentänzerin

  5. [..] Das verstellt den Blick auf das,
    [..] was man JETZT tun und erleben kann

    so ist das.

    manche vision“ ist nur das vertagen dessen, was man sich noch nicht zutraut. und so auf dauer verpassen wird …

    [..] schröder / schmidt

    schmidt behauptet, er hätte das nie gesagt und wenn, dann hätte möchte er es nicht so verstanden wissen

    [..] visionen

    also, meine begann damit, daß …

    nein, den bericht über den großartigsten acid-trip meines lebens vertage ich mal auf später *gd&rvvvvf*

  6. Liebe Claudia, ich finde es schön, und mehr kann ich vom bloggen eigentlich gar nicht erwarten, dass durch einen Beitrag gerade darüber nachgedacht wird, dass das „visionslose“ zu
    „einem recht zufriedenen, oft sogar glücklicherem Leben“ führt. So in etwa verstehe ich auch tendenziell Gerhard, wenn er auch aus einer anderen Perspektive dazu kommt.

    Dass das darüber schreiben für einen Selbst auch einen eigenen großen (therapeutischen) Wert hat, macht das bloggen doppelt wertvoll.

    Ich möchte jetzt nicht sagen, dass das zufrieden und glücklich sein im „visionslosen“ JETZT auch schon eine Vision sein kann, denn das, würde mich in die Ecke des „doch recht haben wollens“ hineinrücken :)

    Definitv glaube ich auch, dass es zwischen Visionen, Träume und Wünsche Unterschiede gibt. Und ich versuche diesen Unterschieden seit meinem Beitrag, leider bisher nicht von Erfolg gekrönt, näher zu kommen. Aber es muss da etwas geben, sonst wären uns diese Differenzierungen fremd.

    Visionen, Träume oder Wünsche stellen zwar eine erste Verständigungsebene her, aber die Inhalte sind für jeden anders. Und gerade das – empfinde ich als das Bereichende.

    Der „Leitstern“ von Schattentänzerin kommt meinen Vorstellungen dabei sehr nahe, auch wenn ich Vision gerne nur als „Stern“ bezeichnen würde. Kein sichtbarer Weg führt zu diesem Stern. Keine Brücken, keine Wasser, keine Berge – die es zu überqueren gilt. Ein stetiges, leises und von einem selbst unbemerkbares wirken führt dorthin. Kein bewusstes Tun.

    Genug der Worte. Lieben Dank für deine Velinkung, Claudia. Vielleicht kommen wir der Sache ja doch noch einmal gemeinsam näher, wenn ich von Vision 1 und 2 erzähle.

    Dabei glaube ich auch, dass wir im Grunde überwiegend das Gleiche empfinden und meinen. Aber die richtigen Worte dazu – die fehlen mir halt.

  7. Hallo Claudia,

    Menschen sind durch Visionen zu verführen –
    aber nicht zu führen – ist meine Meinung.

    Gruß Hanskarl

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