Claudia am 12. August 2013 — 6 Kommentare

Zur Zeitungsdebatte: Die Frage nach den Inhalten

Der SPIEGEL versucht seit ca. einer Woche, eine breitere Debatte über die Zukunft der Zeitung anzustoßen. Dazu sind durchaus interessante Beiträge erschienen. Der Journalist Richard Gutjahr schreibt nun in seinem Blogposting „Killergurke, anyone?“:

Die Debatte um die Zukunft der Zeitung will nicht so recht zünden. Vielleicht liegt es daran, dass wir der eigentlichen Frage aus dem Weg gehen – der Frage nach den Inhalten.

Mein Kommentar dazu ist lang geraten, deshalb halte ich ihn hier auch mal fest.

Inhalte? Oh ja, da hätte ich durchaus Bedarf, da bin ich lange schon wandelnde unbefriedigte Nachfrage! Und nicht nur ich…

Die Krux des real existierenden Journalismus ist es, immer über AKTUELLES schreiben zu müssen. Klar es gibt gute längere Artikel, die auch mal Hintergründe, vergangene Entwicklungen und beteiligte Interessen beschreiben. Auch mal „pro“ und „kontra“ oder gar einen „Schwerpunkt“ mit Beiträgen mehrerer zu einem Thema.

ABER: all das ist jeweils am Aktuellen aufgehangen und verschwindet mit diesem in der Versenkung – sowohl gedruckt als auch online. Sowohl in Zeitungen als auch in Blogs!

Was fehlt, sind bleibende, aktuell gehaltene Gesamtdarstellungen eines Themenkomplexes, verständlich und gern auch multmedial aufbereitet. So als Basis, um sich zu informieren, als Schaffung von Transparenz, die Voraussetzung für Teilhabe ist.

Beispiel: FREIHANDEL

In den letzten Wochen gab es hier und da ein paar versprengte Artikel zu den anstehenden Verhandlungen über das Freihandelsabkommen USA/EU. Aufgehangen am Aktuellen, da diese demnächst starten sollen. Befürchtungen gibt es dazu jede Menge, die kamen in den Artikeln auch durchaus vor. Und dann war wieder Schluss mit dem Thema.

Statt dessen bzw. zusätzlich wünsche ich mir ein Medium, das es mir ermöglicht, mich über das Ganze zu informieren. Also über

  • Geschichte und aktuellen Status des Freihandels in der EU bzw. gegenüber anderen Ländern
  • welche Verträge zwischen wem regeln was?
  • Wer sind die Akteure, Lobbies, Institutionen und Interessen?
  • Welche Fördergelder fließen in diesem Zusammenhang an wen?
  • Mit welchen Ländern gibt es welche Streitigkeiten?
  • Welche Auswirkungen haben Freihandelsabkommen bisher in diversen Ländern?
  • Gibt es NGOs und Bürgerinitiativen, die sich hierzulande oder in den Partnerländern mit diesen Themen befassen?
  • und dann auch aktuelle Artikel über den Stand der jeweiligen Verhandlungen, die beteiligten Personen, den Kampf der Interessen…
  • alles natürlich mit Links zu Quellentexten, Personen und Institutionen – so dass man sich einmischen kann, wenn man will.

Zu sperrig? Interessiert niemanden?

Glaube ich nicht! Die Bürger sind oft weit informierter und interessierter als sich das mancher Verlagsmensch und Journalist denkt. Bloß weil „Lady Gaga nackt“ öfter angeklickt wird, heißt das nicht, dass die genannten Befürchtungen keine Rolle spielten und da kein Info-Interesse wäre. Man denke nur an die Ablehnung von GenFood, den Kampf ums Wasser und vieles mehr.

Mit einer „Themenseite“, die dann auch nur die einzelnen (und bald nicht mehr aktuellen) Artikel des je eigenen Mediums dazu versammelt, ist es aber nicht getan.

Anderes Beispiel: GELD.

In Nischenpublikationen und „alternativen“ Blogs streitet man sich lange schon, ob nun das (Falsch-)Geldsystem („Fiat-Money“) oder die Verzinsung das Grundübel ist, das kommende Mega-Crashs des Finanzsystems unausweichlich mache. Irgendwelche Vertreter herrschender Ökonomie nehmen an diesen Diskussionen in aller Regel nicht teil – und sie werden auch nicht von Qualitätsjournalisten dazu aufgefordert. Geschweige denn, dass mal ein Medium das Thema ganz groß und nachhaltig aufnimmt und aufbereitet – und so als 4.Gewalt den meinungsbildenden Dienst leistet, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, bzw. zu Stellungnahmen zu „motivieren“.

Evtl. lassen sich solche Großthemen auch per Crowdsourcing finanzieren – einen Versuch wäre es jedenfalls wert. Ein Blog kann sowas jedenfalls nicht „mal eben so“ leisten, bzw. wird in der Regel nur die persönliche Meinung und einen dazu passenden Ausschnitt des Ganzen bringen – keine halbwegs neutrale Übersicht.

Ich denke, das Menschenbild der Verlagsleute und vieler Journalisten ist durch den Blick auf die Klickraten „spannender“ News ziemlich mies geworden. Sie halten das Volk für blöd und nur am „Kick“ interessiert – vergessen dabei aber, dass auf Reize (Katastrophen, Gefahren, Promis, Witze, Sex & Crime) zwar reagiert wird, aber DAFÜR ZAHLEN wird heute kaum noch jemand wollen. „Aufreger“ finden nämlich unter allen Umständen ins Netz, eher zu viele als zu wenige!

Anstatt nun in Richtung nachhaltiger und vertiefter Information zu gehen, zu der immer auch ein Bereich mit aggregierten aktuellen Artikeln VIELER MEDIEN gehören müsste, stellten sich „die Verlage“ in all ihrer Ignoranz auch noch selbst ein Bein: das herbei lobbiierte Leistungsschutzrecht verhindert nun die unaufwändige und kostenlos „suchmaschinen-ähnliche“ Aufbereitung aller erdenklichen Quellen zu einem Thema – auch für Verlage.

Allein für diesen Coup, der die ungemein nötige und weltweit übliche Aggregation in DE faktisch verunmöglicht (abgesehen von Google, das „to big to ignore“ ist) verdienen sie den Untergang!

Da hoffe ich schon mehr auf kreative Journalisten, die beweglicher und motivierter sind – und evtl. so auch näher an den Interessen der Leser.

***

2020 – Die Zeitungsdebatte;

Sascha Lobo: Zeitungskrise? »Die Lösung bin ich!« – der Text ist als kommentierte Linkliste zu allen erschienenen Beiträgen nutzbar!

Diskussion

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6 Kommentare zu „Zur Zeitungsdebatte: Die Frage nach den Inhalten“.

  1. Manchmal scheint es mir, als wären vorwiegend die Artikel, die wir online abrufen können, dermassen schmal und schal, dass es kaum lohnt, mehr als die Überschrift zu lesen.
    Ich hoffe mit dir, dass sich wenigstens eine Hand voll Online-Journalisten auf den investigativen Journalismus besinnen – oder ihn gar neu entdecken.

  2. hallo Regula:)
    freut mich ausserordentlich dass du noch zappelst:)

    investigativer Journalismus
    ich würde mich auch über eine ausufernde Berichterstattung
    genau über das tatsächliche Zustandekommen dieser scheinbaren
    Geld-Finanzkrise freuen.

    vor allem die „verschachtel-Technik“ der Banken und Versicherungen im Detail wäre doch so ein Aufhänger an dem entlang diese gesmate Misere sauber aufgedröselt werden kann.

    die Grundzuege (m.E.): Banken verleihen an immer ärmere
    Abnehmer Darlehen (Immobilienkredite) aufgrund „Wachstumszwang“ der Kreditwirtschaft.

    irgendwann ist der Boden erreicht, die neuesten Abnehmer der Immobilienkredite können die Tilgung (schon vor Kaufabschluss absehbar) garantiert nicht tragen.

    Die Banken vertrauen darauf,dass im Rahmen der Insolvenz
    die Immobilie (Hypothenkbelastet zu 99 % des Wertes) des Gläubigers auszuschlachten// die Immobilienwerte „steigen immer“. <–grosser Irrtum

    diese Forderungen an die Gläubiger werden zusammengefasst und als Paket in Verbindung mit eines anderen Finanzproduktes (Versicherung) auf den Markt geworfen; hierbei sind bestochene Ratingagenturen hilfreiche Helferlein;

    diese auf dem Markt befindlichen Pakete werden nochmals zu noch undurchsichtigeren Paketen geschnuert und weiter im Wettbewerb der Finanzakrobaten verwendet.

    vordergruendig sind das erstklassige Finaznprodukte (Rating Bewertung AAA) und so wird das ganze immer mehr aufgeblasen bis zu dem Zeitpunkt zu dem irgendeine Bank nach der Rückzahlung der ersten Rate der ursprünglichen Immo-Kredite gefragt wird.

    da leerstehende Haeuser natürlich keine Raten bezahlen
    und allein der auf dem Insolvenzbeschluss stehende Titel
    noch lange nicht bedeutet dass die Kohle auch real fliessen wird, bemerken diejetzigen Eigner der massenhaft vorhandenen
    aber unverkäuflichen Immobilienwerte, dass sie auf einem Haufen Dynamit sitzen, der ihnen den Hintern verbrennen wird, falls "das rauskommt".

    also muss das ganze obskure Paketgeschäft möglichst undeutlich betitelt der ganz grossen Masse der Ahnungslosen
    untergejubelt werden; diesen Vorgang denke ich nennt man ESM Rettungsschirm und was da alles dazugehört.

    diesen ganzen Vorgang im Detail mit Namen, Zahlen , Daten
    als Inhalt einer investigativen längeren Geschichte, ja, das wär schon mal ein anfang einer Berichterstattung die diesen Namen auch verdient hat.

    gruss
    im.sz

  3. Hallo Ingo
    Tja, ich zapple grad noch so :-))
    Die Hypothekarkredite wären tatsächlich ein Thema für einen tüchtigen Wirtschaftsjournalisten.
    Drängender und dringenderf aber müsste endlich mal recherchiert werden, was mit dem Billiggeld, das an die Banken verliehen wird, geschieht. Mein Eindruck: Die Banken spekulieren damit – und treiben die Börsenkurse in die Höhe. Es ist unmöglich, dass die „Werte“ der Realwirtschaft dermaßen in die Höhe klettern, wie uns die täglichen Börsenkurse dies vorgaukeln – vor allem nicht in wirtschaftlich zähen Zeiten. Und die haben wir noch nicht überwunden.
    Die sogenannt „erstklassigen“ Finanzprodukte sind, wie du schreibst, nichts anderes als (be)trügerisch, d.h., die Anleger werden geleimt.
    Ich bin eh dafür, dass den Banken das Paketeschnüren – die Angebote, die Immokredite, Versicherungswerte und anderes beinhalten – endlich verboten wird.
    Die Banken vertrauen scheinbar noch immer darauf, dass sie gerettet werden, weil sie doch so systemrelevant sind. Auch da muss endlich ein Riegel geschoben werden. Es darf nicht sein, dass die Steuerzahler von den Banken erpresst werden können.
    Während der letzten Monate haben die Banker erkannt, dass sie zu wenig verdienen. Um den Verlust auszugleichen, erheben sie jetzt höhere Gebühren – für alles und jedes.
    Es wäre schon schön, wenn sich mal ein Journalist hinter das Banken- und Börsengefüge klemmen würde. Aber mir kommt es so vor, als wären die meisten entweder zu faul oder zu abhängig von den Banken.
    Manchmal denke ich, gescheite Anleger und/oder Steuerzahler sollten ihr Geld unter der Matratze aufbewahren; es wäre bestimmt sicherer als in von Banken empfohlenen „Anlagepapieren“…

  4. @Ingo,

    …“würde mich auch über eine ausufernde Berichterstattung
    genau über das tatsächliche Zustandekommen dieser scheinbaren Geld-Finanzkrise freuen.“

    Meinst Du wirklich? – Was mir so an Berichterstattung schon Jahre zuvor zu Augen kam, [die Krise wurde glasklar voraus gesagt] fand ich durchaus hinreichend. Mein Ehrgeiz geht allerdings nicht so weit, das exakte Innenleben irgendwelcher Finanzprodukte zu verstehen, welche die bänker selbst oftmals nicht raffen, wie uns die Medien vielfach erzählten… Egal! Du hast mich allerdings sehr neugierig gemacht.

    Was meinst Du mit: „dieser scheinbaren Geld-Finanzkrise“

    Hört sich sehr cool an ;-))

  5. hallo Hermann:)

    der Punkt ist ja -auch-:
    diese Krise wurde tatsächlich schon lange vorhergesagt,
    allerdings hat sich niemand drum gekümmert, solange
    die immer weiter verschachtelten Finanzprodukte noch verkäuflich waren (und die RatingAgenturen bei ihrem
    AAA-Urteil blieben). warum auch.
    und dass die Banker davon nichts verstehen, das glaub ich nun ganz und garnicht.

    an anderer Stelle ist Ralf, der sich um die genauigkeit der Sprache/sprachlichen Vermittlung Gedanken macht; völlig zu recht, da Information nicht gleich information ist wenn
    die einzelnen Horizonte derart -bewusst- vernebelt werden,
    dass man Fachleuten bedingungslos glaubt, dass sie ihren eigenen mist den sie gebaut haben nicht verstehen.

    Mein „kernaufreger“ ist ganz einfach:
    wenn ein Unternehmer mist baut, Pleite geht, dann ist der eben einfach weg vom fenster.
    wenn eine Bank pleite zugehen „droht“ dann sind nicht etwwa die bank und ihre Helfershelfer aus politik, Versicherungswesen, -Lobbyistensumpf und sonstigem Sympatisantentum diejenigen die „fertig “ sind sondern es heisst „KRISE!!!“ ahhh alles geht den Bach runter, die weltwirtschaft kippt, wir werden alle verhungern und ähnliche verlautbarungen.

    genau diese Argumentationslinie wird zur Bankenrettung
    eingeschlagen. Wer nicht über das zustandekommen der einzelnen zu rettenden Beträge eindeutig belegbar Bescheid weiss, glaubt dann schlicht und einfach den Experten.
    in diesem Fall heissen diese: EU, EZB, Politiker der allerobersten Entscheidungsebene sowie deren Helfershelfer in Punkto Volksdesinformation (öffentliche Medien).

    wenn du das jetzt cool findest, ok.
    ich finds eine bodenlose Schweinerei.
    mehr noch: Das ist Krimminelles Verhalten
    der übelsten Sorte, wer sich als privatie solcherlei auch nur ausdenken würde wäre für immer Staatsfeind nummer eins.
    wenn die Staaten dies jedoch tun heisst das „rettung der Weltwirtschaft“.

    Was geschieht denn tatsächlich wenn eine Bank vom Fenster verschwindet?
    na? dämmerts?

    zusammenbrechende Kartenhaeuser machen nicht mehr lärm
    als ein umgekippter Sack Reis in China, wobei der wenigstens noch inhalt hat.

    uff, sorry, rege mich zu sehr auf, sollte eh die Klappe halten.
    :)
    gruss im.sz.

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