Claudia am 21. März 2013 — 4 Kommentare

Über Krisen-Tango und Zahnweh

Abends kommt der Schmerz. Seltsam, denn eigentlich sollte so ein angeschlagener Zahn – wenn schon – doch durchweg schmerzen! Was kaputt ist, kann doch nicht einerseits „ganz normal“ funktionieren, um dann zu nächtlicher Uhrzeit in den Krisenmodus zu fallen, der nach sofortiger Action schreit. Und doch ist dem so.

Zum Glück ist der Winter zurück und auf meinem Balkon türmt sich der Schnee. Den reibe ich mir auf die Wange, was kurzzeitig den Schmerz lindert. Tabletten wirken kaum. Mein Zahnarzt macht Urlaub bis zum 2. April und seine Vertretung ist jene Zahnärztin, mit der ich mich vor eineinhalb Jahren überworfen hatte. Weil sie immer gleich ZIEHEN und Ersatz einbauen will. Sie würde triumphierend sagen: „Sehen Sie, ich hab’s ja gesagt!“ und wieder nicht verstehen, dass 18 Monate mehr mit eigenem Zahn festgehaltene Lebensqualität bedeuten. Insbesondere dann, wenn die anstehende Sanierung den großen Schritt hin zum mobilen Zahnersatz erfordert.

Durchwursteln…

So mache ich es also wie die EU und wurstele mich so durch die Zahn-Krise: mal eine Tablette hier, noch eine dort, zwischenzeitlich scheint es, als hätte sich das Problem verzogen, um dann umso wuchtiger zurück zu kehren. Dann renne ich alle zehn Minuten auf den Balkon und kühl‘ mir die Backe.

Anders als die EU hat meine Zahn-Krise allerdings eine klare Perspektive. Abriss, mitsamt der Brücke, deren einer Pfeiler es nicht mehr tut. Und weil das Ganze sich nicht irgendwo in der Reihe abspielt, sondern am Ende derselben, auf der Hauptkaufläche, braucht es auch die Demut, zu akzeptieren: Ja, es ist soweit. Die Zeit der „dritten Zähne“, die nicht mehr vergessen lassen, dass sie keine „Echten“ sind, bricht an.

Immerhin keine Alternativlosigkeit wie bei unserer Groß-Krise! Bei ihr gibt es niemanden auf der ganzen Welt, der sagen könnte: Jetzt machen wir eine Grundsanierung, akzeptieren alle damit einher gehenden Verluste und fangen dann eben auf anderem Level wieder neu an. Alles Geld will Geld verdienen, Zinsen erwirtschaften – und weil es sehr viel mehr Geld gibt als reale Güter und Werte, kann das auf Dauer nicht funktionieren. Das Geld ergießt sich also als „Not leidendes Kapital“ in Pseudo-Werte, in „giftige Papiere“ und riskante Wetten (vulgo: „die Banken haben aus der Krise nichts gelernt und machen einfach weiter wie bisher“). Es finanziert Staaten, die noch halbwegs zahlungsfähig wirken, fällt aber in die Realwirtschaft ein, sobald die Unsicherheiten dieser „Anlagen“ nicht mehr zu leugnen sind. So werden Rohstoffe teurer und die Aktienmärkte boomen sich in die Blase, obwohl die Wirtschaft weltweit schwächelt und die Staaten überschuldet sind. Für sie wird sogar extra Geld „gedruckt“, damit ihre Zinslast nicht steigt. Wodurch es immer mehr Geld gibt, ohne dass die Gütermenge, die damit erworben werden kann, in gleichem Maße wächst.

Das System braucht einen „Reset“, sagt Dirk Müller (Mr.Dax) fast in jeder Talkshow, in der er auftritt. Anders als der Computer hat das Weltfinanzsystem aber keinen entsprechenden Schalter. Jegliche grundsätzliche Veränderung ist nur als Folge massiven Zerfalls und Zerstörung mit Krieg und Chaos vorstellbar – und selbst dann würde sich das alte System restaurieren, wenn dem nicht durch eine Art Welt-Diktatur Einhalt geboten würde. Die man ja auch nicht will (nicht mal in der EU wollte man ja wirklich gegen die „Steuerspar-Geschäftsmodelle“ einiger Mitgliedsstaaten vorgehen).

Zu pessimistisch? Mir wäre auch lieb, ich könnte das anders sehen. Drastische Regulierung durch friedliche Verhandlungen, basierend auf der allgemeinen Einsicht in die Not-Wendigkeiten – das erscheint als allzu verstiegene Utopie. Denn die Nöte, die gewendet werden müssten, sind allzu ungleich verteilt und werden immer ungleicher: zwischen Ländern und ganzen Regionen, aber auch zwischen den Bürgern innerhalb der Staaten.

Also konzentrieren wir uns auf das gelobte „Hier & Jetzt“, anstatt allzu viel an die Zukunft zu denken. Ich werde die Zahnweh-freien Stunden nutzen, zwar keine Apfelbäumchen aber immerhin etliche Tomaten, Zucchini und andere vorzieh-fähigen Gemüse ansähen. Auf der Fensterbank hab‘ ich dann WACHSTUM!!! Wo gibts‘ das heute schon noch?

***

Ein paar Lesetipps zur Krisenlage:

Es gibt eine stärkere Währung als den Dollar – Doch die zerbröselt gerade – Gaertner’s Blog;
Die Perspektiven der Krise – Vier Szenarien – www.german-foreign-policy.com;

Marktwirtschaft ohne Kapitalismus und Sozialismus ohne Planwirtschaft
– Im Gespräch mit Sahra Wagenknecht | Linksnet;

Diskussion

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4 Kommentare zu „Über Krisen-Tango und Zahnweh“.

  1. Ein Lesetipp zum Thema Zahnschmerz: Dostojewski, Aufzeichnungen aus dem Untergrund:

    „Ha-ha-ha! Wenn Sie so denken, dann werden Sie ja auch im Zahnschmerz einen Genuß finden!“ rufen Sie mir lachend zu. „Gewiß! Auch im Zahnschmerz liegt ein Genuß!“

    Diese Abhandlung über den Zahnschmerz hat mich seinerzeit auf Dostojewski aufmerksam gemacht. Wirklich lesenswert, wie es da weitergeht.
    http://de.scribd.com/doc/117001213/Fjodor-Dostojewski-Aufzeichnungen-Aus-Dem-Untergrund#page=14

  2. Hallo Claudia – besorg Dir das Wala Mundwasser und kleine Wattepads. Ein kleines Eck aus dem Pad schneiden und das Mundwasser unverdünnt drauf träufeln. Dies auf den schmerzenden Zahn/od.Zahnfleisch legen/drücken. So lang wie möglich drauf lassen und bei Bedarf wiederholen.
    Sollte helfen – hat bei mir schon mehrmals funktioniert :-)

  3. Gegen die Zahnschmerzen weiß ich leider nichts, weder Fjodor Dostojewski noch Wilhelm Busch helfen da durchschlagend. Aber gegen die Krisen helfen Märchen. Hier eines, das sich neulich in einem Gespräch quasi von selbst erzählte:

    Ein Wagen mit einer Handvoll tanzender Narren wird von einer großen Menge Menschen durch den Karnevalsabend voran gezogen. Die Narren werfen Karamellbonbons nach vorn, unter oder vor die Füße der Menge, die sie aufliest und verspeist, auch wenn sie deswegen Zahnweh bekommt.

    Darüber herrscht Streit unter den Ziehenden: wer zu wenige, wer zu viele der Bonbons einheimst, wer ungerechterweise die besseren Chancen auf ein Bonbon hat, wer die schlechteren, was einer tun kann, an mehr Bonbons heran zu kommen als seine Nebenleute, oder an solche Bonbons, die neben dem Weg liegen oder nicht schnell genug aufgelesen werden können und Gefahr laufen, von Unaufmerksamen zertrampelt zu werden.

    Es gibt verschiedenfarbige Bonbons, nicht alle passen zu den Kleidern oder den bunten Bändern der Jochs. Es gibt Gruppen, die bestimmte Farben schätzen und andere ablehnen und sich deswegen gegenseitig verächtlich machen, und manche horten ihre Bonbons, die einen heimlich, die anderen voller Stolz auf ihre Schätze. Sie zeigen sie her und rennen schneller, damit die Nachkommenden sie ihnen nicht wegnehmen können.

    Manche bücken sich nicht, sondern berauben jene, die sich gebückt haben, und manche von ihnen werden wieder von anderen beraubt. Es wird behauptet, ein Bonbon gehöre dem, der es letzten Endes verspeise, nicht dem, der es einst aufsammelte. Oder daß die Bonbons allen gehörten. Das führt häufig zu Unruhen.

    Einige glauben, daß es bald keine Bonbons mehr geben wird, gleich, wie schnell man zöge, einige, daß es bald mehr Bonbons geben wird, wenn man nur schneller zöge, und andere, daß es erst dann Bonbons im Überfluß für alle geben werde, wenn der Wagen an seinem Ziel angekommen sei…

  4. @Anando: danke für diesen interessanten Link zu Dostojewskys Text. Ich hab’ihn gelesen und finde es spannend, wie sich daraus Rückschlüsse ziehen lassen auf die ganz andere geistig-seelische Verfassung eines Individuums seiner Zeit im Vergleich zur jetzigen. Das wäre einen eigenen Blogbeitrag wert – evtl. komme ich mal dazu.

    @Mylo: danke für den Tipp. Leider spielt sich mein „Weh“ gar nicht im Mund bzw. lokalisierbar an einem Zahn/Zahnfleisch ab, sondern sitzt tiefer oder „woanders“ – strahlende/wandernde Nervenschmerzen im Bereich Wange/Hals. Evtl. ist es ein Weisheitszahn, der nie das Licht der Welt erblickt hat, sich nun aber einfallen lässt, auf einmal zum Problem zu werden. Ist nur eine These… und seltsam, dass es Tags ganz ok ist und immer abends kommt, so ab 22 Uhr…

    @Susanne: hab Dank für das Märchen, das die menschlichen Strebungen nach MEHR FÜR MICH (und die Reaktionen darauf) auf den Kampf um Bonbons herunter bricht und köstlich-abgründig persifliert. Amüsant! Für die Betrachtung der aktuellen Krisenlage allerdings zu abstrakt und unterkomplex.

    Denn es wird nicht thematisiert, dass viele Bonbons, die da herunter geworfen werden, nur auf Pump erworben wurden. Und dass sich da ein Schuldenberg angehäuft hat, der sich sogar bei bester Einnahme-Situation der Narren weiter anhäuft und mittlerweile unermessliche und niemals rückzahlbare Dimensionen angenommen hat. Nicht nur auf dem einen Wagen, sondern auf den meisten, die da brav weiter gezogen werden. Schließlich will man weiterhin Bonbons sammeln und es darf nicht sein, dass das plötzlich aufhört – niemand würde mehr den Wagen ziehen und das Chaos bräche aus!

    Das Geld für die Bonbons geben jene, die genug haben, um es nicht ausgeben zu müssen. Es muss ja irgendwohin, Geld will „arbeiten“ und mehr Geld verdienen. Mittlerweile sehen aber die Geldgeber, dass auf etlichen Wagen nicht mehr garantiert ist, dass das klappt. Sie bekommen Angst um ihr Geld und verleihen es nur noch an sehr gut laufende/reiche Wagen, was den ganzen Zug in Gefahr bringt. Also wird das fehlende Geld einfach GEDRUCKT und an die notleidenden Wagen ausgegeben, auf dass sie weiter Bonbons verteilen können. Weil das aber den Preis der Bonbons auf Dauer kräftig steigen lässt, verfällt man auch auf die Idee, Bonbons bei jenen einzúziehen, die schon viele gesammelt haben. Die werden verständlicherweise stinksauer und fragen sich, ob und wie lange sie den Wagen noch mitziehen sollen…

    Ich brauch nicht viele Bonbons und hab‘ auch nicht viele im Schrank. Trotzdem sorge ich mich um den Zug, aus dem ich ja nicht austreten kann.

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