Claudia am 08. Februar 2013 — 2 Kommentare

Am Rande eines friedlichen Shitstorms kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen

Das Peer-Blog hat dicht gemacht. Dass ein paar Leute es gewagt hatten, „amerikanische Methoden“ in den bundesdeutschen Wahlkampf einzuführen – sprich: Geld bei Unternehmern sammeln und damit dem Kandidaten medial unter die Arme greifen – wollte man hierzulande nicht dulden. Nicht, wenn die Sponsoren nicht genannt würden, schließlich sei Transparenz bei uns Bürgerrecht! (ja? Seit wann übrigens?).

Hach, ein Peer-Blog! Welch ein Glücksfall für die Shitstorm- und Skandalisierungsmaschine! Im Wahljahr geht Kandidaten-Bashing immer und Peer Steinbrück hatte ja schon sooo schöne Anlässe geboten. Allerdings waren diese Aufreger lange durch, fröhliches Piraten-Nachtreten auch, und Rösler für Netizens eher uninteressant. In den Mainstreammedian war man beim gemütlichen Sägen am neuen Stuhl von Brüderle angekommen, da mischte sich plötzlich „die Bevölkerung“ ein und setzte den #aufschrei auf die Agenda! Na sowas….

Auf einmal redeten und stritten alle miteinander, quer über sämtliche Medien und auch von Angesicht zu Angesicht. Oberflächlich und tiefschürfend, vereinfachend und komplizierend, in langen Texten und kurzen Tweets, schnoddrig und empfindsam, aggressiv und traurig, intelligent und saudummm und alles dazwischen. Bis zur Ermüdung und Erschöpfung, schließlich mit Rückzug in die jeweiligen Filterbubbles. Erholung muss sein, Mega-Aufreger mit Berührungspotenzial kosten schließlich viel Kraft.

Zurück zu Personen, weg von anstrengenden Inhalten

Brüderle war nun aber kommunikativ mehrfach verbrannt, so dass das so herrlich skandalisierbare Peer-Blog freudig begrüßt wurde: Zurück zum Kandidaten-Bashing, Personen sind doch so viel spannender als Inhalte!

Und ja, in immer schnellerem und routinierterem Zusammenwirken auf Twitter, in Blogs und Mainstream-Medien hatte man es binnen kurzer Zeit geschafft, das nichtssagende Peer-Blog zum fürchterlichen Sündenfall bundesdeutscher Politik-Kommunikation aufzubauschen: Blog gewordenes Lobbyistentum, gemacht von gekauften Jubelpersern. Ungehörig, nicht zu akzeptieren, vermutlich sogar rechtswidrig.

Ein mittlerer Shitstorm entfaltete sich, zwar kein Vergleich zu anderen Aufregern der letzten Zeit, aber immerhin! Übertragen ins reale Berliner Stadtleben entspräche dies in etwa einer Demo mit fünf- bis zehntausend Teilnehmern. Doch leider ist nun das passiert, was auch bei manchen Demos geschieht: Am Rande dieses friedlichen Shitstorms kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Eine Gruppe anonymer Hacker (Twittername @T3AMM3DU5A) bekannte sich dazu, den Peer-Blog mittels DDOS-Angriffen lahmgelegt zu haben – und sie drohten, so weiter zu machen, bis die „Transparenz“ hergestellt sei. Woraufhin die Macher des Blogs das Handtuch warfen und den Laden dicht machten. Sie twitterten:

„Der #PeerBlog ist in Ihrem Land leider nicht verfügbar, weil @T3AMM3DU5A das Recht auf Meinungsfreiheit nicht eingeräumt hat.“

Es mag sein, dass diese Attacke nur der letzte Anlass war, das so schnell in Verruf geratene Projekt mit möglichst wenig Gesichtsverlust zu beenden. Das aber ändert nichts daran, dass die Hacker-Gruppe eine Grenze überschritten hat, die wir alle verteidigen sollten: Es muss sich jeder äußern dürfen, ohne durch Gewalt mundtot gemacht zu werden! Hätte ein Gericht festgestellt, dass das Peer-Blog z.B. aufgrund der Gesetze zur Parteienfinanzierung nicht rechtens wäre, hätte es auf eben diesem Rechtsweg geschlossen werden können. Aber bitte nicht mit gewalttätigen Methoden, ausgeübt von beliebigen Menschen, die sich aufschwingen, bestimmen zu wollen, wer hierzulande reden und schreiben darf und wer nicht.

Zur Erinnerung: Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht

Unter dem Beitrag „Helden und Diebe? Hacker legen PeerBlog lahm“ von Stefan Sasse fragte dann ein Leser, der sich offensichtlich mit der anonymen Gruppe identifiziert:

„Dieses ganze Gerede über Meinungsfreiheit. Was hat sie denn bisher wesentliches bewirkt?“

Dass das heute jemand ernsthaft fragt, finde ich bestürzend. Vermutlich wollte der Kommentierer „nur“ provozieren, vielleicht ist er einfach dumm. Egal wie, ich fühlte mich danach, die Frage zu beantworten und beschließe diesen Artikel ausnahmsweise mit einem Eigenzitat:

„Meinungsfreiheit ist nicht danach zu beurteilen, „was sie bewirkt“, sondern ein Menschenrecht, ein Wert an sich, den es abseits jeglicher Zwecke zu verteidigen gilt.

Warum? Z.B. weil die Bewertung einer „Wirkung“ beim Bewertenden eine Meinung voraus setzt. Diese ist jedoch nicht angeboren und sollte auch nicht nur von Autoritäten (Eltern, Schule, Uni) übernommen, sondern durch SELBER DENKEN und mit anderen DISKUTIEREN je aktuell gebildet werden. Seine Meinung äußern zu dürfen ist dafür unverzichtbar, das versteht jetzt sicher auch „anonym“.

Dass das heute jeder tun kann (ein wenig Medienkompetenz voraus gesetzt) und nicht mehr nur ein paar Gatekeeper entscheiden, wer und was publiziert wird, ist ein großer Fortschritt.
Schon komisch, über solche Basics reden zu müssen!“

***

#Peerblog: Ausgebloggt! – Netzpolitik.org;

Zum Ende von „peerblog“ Die Spur der Scheine – FAZ;

Ich habe für den PeerBlog geschrieben. Zwei mal. – Matthias Schwarzer;

Grund: Cyberattacken – Peerblog gibt auf | Ruhrbarone;

Das Peerblog: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde – Thomas Knüwer;

Connection reset by Peer – Steinbrück zieht die Reißleine – NachDenkSeiten;

Diskussion

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2 Kommentare zu „Am Rande eines friedlichen Shitstorms kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen“.

  1. Meinungsfreiheit bedarf keiner Begründung – wenn Du „Medienkompetenz“ als Voraussetzung hineinbringst, bist Du schon auf einer Ebene, die die Machtverhältnisse bei der Meinungsverbreitung anspricht; aber eigentlich heißt es deshalb ja auch: Eine Zensur findet nicht statt.

    Peer wird nicht zum Blogger, weil es ein (Werbe/Propaganda-) Blog gab, das seinen Namen geführt hat. Jetzt lässt er es wohl mit einer digitalen Visitenkarte bewenden.

  2. @Klaus-Peter: nun ja, Meinungsfreiheit ohne Medienkompetenz ist ebenfalls Meinungsfreiheit, nur eben mit sehr beschränkter Reichweite.

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