Claudia am 28. Januar 2013 — 22 Kommentare

Kurz bemerkt: zu #Jauch in Sachen #aufschrei

Dazu zitiere ich jetzt einfach mal Johnny Häusler auf Spreeblick, denn er bringt auf den Punkt, was ich auch hätte sagen wollen:

„….ein weiterer Vorwurf, die Debatte sei überflüssig, wurde von der Jauch-Ausgabe am Sonntag Abend in der ARD bravourös widerlegt, als einmal mehr die Chance des Zuhörens, möglicherweise sogar der Suche nach Lösungen vertan wurde und die Generation Schenkelklopfer in Person von Günther Jauch, Hellmut Karasek und Wibke Bruhns versuchten, ein wichtiges gesellschaftliches Thema ins Lächerliche zu ziehen, während Silvana Koch-Mehrin, eine überraschend ruhige Alice Schwarzer und Anne Wizorek alias @marthadear (“Wir sind doch nicht von den Bäumen heruntergekommen, um uns wieder dorthin zurückzuziehen”) wahrscheinlich am liebsten einen Facepalm-Zirkel gebildet hätten ob der Ahnungslosigkeit, Ignoranz, Arroganz und reaktionären Haltung des Moderators und einem Teil seiner Gäste.“

Wibke Bruhns tat sich u.a. dadurch hervor, dass sie Männer, die NICHT diskriminieren und NICHT übergriffig werden, mit Ochsen (=kastriert) verglich. Und eisig lächelnd behauptete, die Zustände in Sachen sexueller Belästigung würden sich NIEMALS ändern. Wie bescheuert! Es HAT sich schon einiges geändert in den letzten 50 Jahren und auch jetzt schafft die neue, ungemein breit geführte Debatte Bewusstsein. Viele Männer reflektieren das eigene Verhalten, es gibt jede Menge öffentliche Auseinandersetzung und private Gespräche. Auf viele Verkürzungen folgen umfangreiche, differenzierende Artikel – und ich WETTE, speziell im beruflichen Sektor wird sich mancher Sprüche-Klopfer und Angrapscher jetzt zurück nehmen. Nicht unbedingt aus Einsicht, aber aus Angst, dass über derlei Übergriffigkeiten nicht mehr brav geschwiegen wird. Gut so!

***

Diskussion

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22 Kommentare zu „Kurz bemerkt: zu #Jauch in Sachen #aufschrei“.

  1. Ich glaube, die Debatte, die sich jetzt mehr und mehr einer Generalisierung nähert, kommt an den Punkt, wo wir alle:

    10 mal tief und lange durchatmen sollten.

  2. Lieber Menachem: ich bin überhaupt nicht aufgeregt, muss also nicht 10 mal durchatmen! :-)

    Ich verfolge die #Aufschrei-Angelegenheit mit großem Interesse quer durch alle Medien und finde nicht, dass sie „sich einer Generalisierung nähert“. Sie nähert sich gar nichts, sondern wird diese Woche noch von sämtlichen Talkshows „genutzt“ und dann wird das wieder wegdümpeln.

    Vom Start weg verschränkten sich zwei sehr unterschiedliche Kommunikationswelten mit ebenso unterschiedlichen „Gewohnheiten“ und Notwendigkeiten:

    -> Einerseits das „Brüderle-Gate“, ganz wie üblich aufgebracht und ausgeschlachtet von Mainstream-Medien, die gerne hoch und runter schreiben. Steinbrück gab nichts mehr her, jetzt ist Brüderle dran. Seit Wulff hat das „Dran bleiben“ für mein Empfinden da auch eine neue, intensivere Qualität (als Steinbrück noch dran war, konnte er noch so viel Inhalte bringen, es wurde immer nur über „den Kandidaten“ und seine evtl. Defitzite und Schandtaten in der Vergangenheit berichtet).

    -> Andrerseits der #Aufschrei der Betroffenen im Netz: umfangreich und vielstimmig wie nie, natürlich „verkürzend“ (140 Zeichen) und viele Phänomene und Aspekte thematisierend, die durchaus unterschiedlich zu bewerten sind.

    -> Drittens wurde und wird auch wieder soviel zum selben Thema gebloggt wie lange nicht. Nicht nur für die Mainstream-Medien ist es toll, wenn ein Thema gefühlt ALLE erreicht… Blogs sind dabei das Medium der Differenzierung, hier finden sich alle erdenklichen Aspekte des Themas ausführlich ausgebreitet und debattiert.

    Es wirkt auf mich da fast verstörend, wenn ich HEUTE unter aktuellen Artikeln in Mainstreammedien (derzeit zu Jauch) genau diesselben Argumente finde, die schon 1000 Mal gesagt und beantwortet wurden.

    Wenn man sich in irgend einer Weise auseinander setzt, ist es für mich das Normalste der Welt, mal einen Schritt weiter zu gehen und das Gegenargument aufs Argument einzubeziehen. Aber nein, unzählige Menschen scheinen entweder nur selten etwas zu lesen ODER gar nicht interessiert daran, eine „Debatte“ zu führen. UND sie scheinen nicht willens oder nicht im Stande zu sein, verschiedene Ebenen des Themas zu unterscheiden – etwa den Unterschied zwischen „versehentlich übergriffiger Anmache“ und sexueller Belästigung im Alltag, sowie Diskriminierung im Beruf. Gar noch zu unterscheiden zwischen den Skandal-Erfordernissen der Mainstream-Medien (immer gehts um Parteien, einzelne Politiker, fast nie um Inhalte) und den vielstimmigen Äußerungen Betroffener, scheint auch viele zu überfordern.

    Kurzum: Gerade so ein MEM, das „alle“ erreicht, zeigt aufs Drastischste, wie zersplittert und „verschieden informiert“ wir alle sind – jeder in seiner Filterbubble, gar nicht mehr fähig, eine „gesellschaftliche Diskussion“ zu führen, die auch Folgen hat.

    Na, trotzdem war es gut, denn EINZELNE werden ihr Verhalten reflektieren und im professionellen Sektor werden diverse Grapscher vorsichtiger werden.

    UND es wurde das POTENZIAL von Twitter etc. aufgezeigt. Das ist RIESIG, doch wir werden immer unfähiger, es zu nutzen.

  3. Bin ich ein Alien?
    Hi Claudia, selten gab es ein von dir angestoßenes Thema (und ich lese seit 2000)zu dem ich nahezu nichts aus eigener Erfahrung beitragen konnte. Die Brüderle-Geschichte betrachte ich von außen wie das Dschungelcamp bei RTL, nach dem Motto „Komische Sachen machen die Menschen“.
    Vorweg: Ich habe selber Töchter und weiß natürlich intellektuell um die Problematik des Frauseins.
    Nur mit dem beschriebenen Männerbild kann ich nichts anfangen, die beschriebenen Verhaltensweisen habe ich in meinem Umfeld in über fünfzig Jahren nie selber beobachten können. Weder im Büroalltag noch im privaten Kreis. Kann sein das damals bei der Bundeswehr irgendwer blöde Bemerkungen gemacht hat. Ich weiß, ich würde ziemlich schockiert sein, wenn jemand in meinem Umfeld sexistische Bemerkungen machen würde. Ich könnte mich weder darüber amüsieren noch selber etwas dazu beitragen, ähnlich wie wenn jemand sich rassistisch äußern würde.
    Ebenso ist mir das oberflächliche „anbaggern“ von Frauen total fremd, das meistens ja nur aufgrund der äußeren Erscheinung stattfindet. Ich brauche das Kennenlernen des Menschen hinter der Fassade.
    Kurzum: Ich fühle mich von dieser Diskussion nicht angesprochen weil ich meine Mann-Position und meine Umgebung nicht wiedererkenne; dabei gehöre ich keiner religiösen Sekte an und behaupte mal, das ich im Übrigen ziemlich geerdet/spirituell im Leben stehe.
    Ich gebe aber zu, das ich vom Naturell her jemand bin,der nicht im Mittelpunkt stehen muß, dem inhaltliche Gespräche wichtiger sind als ermüdendes Small-Talk blabla;vielleicht ist das ein Grund.
    Die interessante Frage dabei ist: Bin ich ein Exot oder geht es anderen Männern auch noch so?
    Wenn „Männer“ so sind wie in den Foren beschrieben (triebgesteuert, peinlich, gewalttätig, verletzend) dann möchte ich nicht mit denen in einen Topf geworfen werden, dann lieber Alien.
    Gruß aus Hamburg

  4. Lieber Achim, auch wenn du selbst keinerlei solche Erfahrungen machst bzw. mitbekommst, heißt das nicht, dass das Problem nicht existiert! Auch mir passiert derlei schon lange nicht mehr, einerseits weil ich zu alt bin um als spontanes „Objekt der Begierde“ herzuhalten, andrerseits weil ich mich nicht mit Menschen umgebe, die so agieren. Und weil ich zuhause arbeite, trifft mich auch nicht der „Sexismus im Machtgefälle“, jedenfalls nicht von Angesicht zu Angesicht.

    Es sind mittlerweile aber unzählige Blogposts und Artikel erschienen, die im Detail berichten, was Frauen so z.B. in der Arbeitswelt erleben – grade eben dieser hier aus der Buchbranche:

    Buchreport.de: Sexismus ist auch in der Buchbranche ein Problem: „Es geschieht eigentlich überall“

    Selbst hab ich (wie die allermeisten Frauen) in jungen Jahren vielfach sexuelle Belästigung erlebt: in Jobs, auf der Straße, im Bus, im politischen Engagement – ich hab mich zur Wehr gesetzt, wie es eben ging, doch ist das oft nur möglich, wenn frau z.B. bereit ist, auf den jeweiligen Job zu pfeiffen. Hab ich auch durchaus mal gemacht – aber kann DAS die Lösung sein?

    Ganz übel war auch der Sexismus im Jura-Studium, sowohl von Kommilitonen als auch von Lehrpersonal. Ja, wenn man beginnt, zurück zu denken, fallen immer mehr Vorkommnisse ein….

    Für mich ist das vorbei, gegessen, ich trage auch keinen Hass in mir (mit 20 war das schon mal der Fall!). Allerdings finde ich es schlimm, dass sich bis heute nicht allzu viel verändert zu haben scheint. Wobei ich natürlich NICHT davon ausgehe, dass „alle Männer“ so sind (oder Frauen sowas NIEMALS tun). Das behauptet in der gesamten „Welle“ auch niemand, aber unzählige Männer scheinen das so zu verstehen.

  5. Wenn von Männern die Rede ist, gehe ich schon davon aus, dass auch ICH damit gemeint bin. Oder wo ist das Unterscheidungsmerkmal, zwsichen „Männern“ und „mir“. Ich kann es in dieser Verallgemeinerung nicht sehen und bin in Folge erst einmal in Sippenhaft, der seine „Unschuld“ darlegen muss.

    In unserem europäischen System hat man aber gut daran getan ( und das war wohl weislich und gut überlegt), den umgekehrten Weg zu wählen, nämlich den, das die Schuld bewiesen werden muss. Bis dahin ist man mal erst unschuldig.
    Und es hilft auch mit Sicherheit nicht der Differenzierung, wenn von Männern gesprochen wird, zu denen natürlich nicht jeder gehört ( wer ist überhaupt jeder? Wo ran erkennt man den auf der Strasse) wenn anschl. gemeint wird: es geschieht überall.

    Es geht mir jetzt nicht um das „was“ diskutiert wird, sondern um das „wie“. Und das betrachte ich für zukünftige Diskussionen schon als sehr wichtig.

    Und so wie es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass „ Frauen“ sich über individuell gefühlte sexuelle Belästigungen Luft verschaffen müssen, so muss dies auch für Männer gelten dürfen, wenn sie sich aus ihrer Gefühlswelt, und die mag eine ganz andere sein, auch äußern wollen.

    Nun stecken wir „Männer“ erst mal alle in einer Schublade, oder waren nur brillentragende, oder langhaarige, oder alte, oder humpelnde.. gemeint

    Sind die Gruppenvorurteile mal da, ob blond, Islamisten, Politiker, Wutbürger, Juden, banker… wird es sehr schwer, diese wieder aus den Köpfen raus zu bekommen.

    Was ich zugebe ist, das ich auch keinen guten Vorschlag habe, wie diese Diskussion hätte angesetzt hätte werden sollen, um über ein Problem zu reden, das vielleicht 10 % einer Gruppe betrifft, nicht aber die anderen 90% automatisch mit einbezieht.

    Dumm dabei ist, und das sehe ich auch ein, das so ein Thema nur auf eine große Bühne kommt, wenn es um eine große Gruppe geht.
    Das ich aber dabei mein persönliches Recht auf Unschuldigkeit nicht ausreichend gewürdigt sehe, das möchte ich zu der bei mir ankommenden Art der geführten Diskussion sagen dürfen. Mich – verletzt das.

  6. Die eigentliche #Aufschrei-Aktion meinte NICHTS ANDERES als das Berichten von Einzelfällen – und SO haben es zunächst auch die Frauen gehalten. Vereinzelt haben sich auch Männer gemeldet, die sich sexistisch behandelt fühlten oder belästigt wurden. Auf 140 Zeichen lässt sich zum einzelnen Vorfall nicht allzu viel sagen – klar!

    Dann setzte das allgemeine Reagieren ein, Trolle, Geschimpfe, Witze, Provokationen (teils SEHR WEIT unter der Gürtellinie) – auch von Frauen übrigens. Und der Presse&TV-Hype begann, noch nie nie waren ALLE MEdien dermaßen an einem Thema dran. (Ich merke grade, dazu hab ich oben schon einiges geschrieben).

    Was ich damit sagen will: es gibt nicht „die Debatte“, sondern jegliche Form von Austausch, Streit, Einzelstatements, Talks, Blogs, Artikel etc. usw. Und jede und jeder sieht nur die jeweils eigene Auswahl, reagiert auf diese Auswahl, angesichts der Unübersichtlichkeit aber nurmehr verallgemeinernd.

    Ich hab‘ z.B. sehr viele sehr differenzierende Artikel gelesen, gerade auch von Frauen. Von daher ist mein Eindruck gar nicht, dass hier „Männer allgemein“ in die Pfanne gehauen werden.

    Mich nervte eher, dass für mich gefühlt schon alles zigmal gesagt und beantwortet war, aber viele dann immer noch mit denselben Statements ankamen: Warum erst ein Jahr später? Kann Frau sich nicht besser wehren? Sollte Frau sich nicht anders anziehen? Haben wir nichts Wichtigeres zu tun? Sind das nicht alles Marginalien? Haben Frauen denn keinen Humor? Wollen wir denn amerikanische Verhältnisse? Etc. usw. Und natürlich wird von solchen Kommentierenden von „Frauen“ geredet, nicht von „einigen Frauen“. Aber darüber reg‘ ich mich nun nicht mehr auf!

  7. @Menachem: dass sich „gute Männer“ (Nicht-Sexisten, Nicht-Belästiger) vom großen GEschwurbel rund um „Aufschrei“ persönlich verletzt fühlen, gibt mir zu denken! (Du bist da nicht alleine) Was könnten Frauen, was kann ICH tun, um das richtig zu stellen bzw. dagegen anzugehen?

    Eigentlich wünsche ich mir, dass Männer, die all dieses Macho-Verhalten genau wie ich Scheisse finden, mit Frauen solidarisch agieren: nicht schweigen, wenn zu Lasten von Frauen dummdreist gewitzelt wird, auch mal beispringen, wenn sie mitbekommen, dass eine Frau mittels „sexistischer Kackscheiße“ klein gemacht werden soll – nicht etwa aus erotischer Motivation, sondern um sie im beruflichen Kontext „als Frau“ zu bekämpfen, anstatt mit ihr „ordentlich“ zu konkurrieren…

    Ich denk‘ drüber nach und freu mich über entsprechende Ideen!

  8. Liebe Claudia,

    seit einiger Zeit verfolge ich gespannt diese Diskussion. Sie geht mir unter die Haut, da ich davon selbst betroffen bin. Nicht als „Opfer“ sondern als ungewollt Mitansehende. In dem Betrieb, in dem ich arbeite wurde eine ältere Mitarbeiterin fristlos gekündigt. Zuvor bekam sie zwei Abmahnungen, die meines Erachtens an den Haaren herbei gezogen waren. Die Unstimmigkeiten hätten in einem persönlichen Gespräch geklärt werden können, wenn MANN denn gewollt hätte. Der wahre Grund war, dass die Frau den Mut aufbrachte ihrem neuen Vorgesetzen Grenzen zu setzen. Diese wurden von dem „Neuling“ aus welchen Gründen auch immer,ignoriert. Sie erhoffte sich Hilfe vom Firmeninhaber, zu dem sie, wie sie glaubte, ein gutes Verhältnis hatte. Schließlich arbeitete sie schon viele Jahre für ihn und seinen Betrieb. Die Antwort: „Das geht mich nichts an. Klären Sie Ihre Differenzen unter sich.“ Wo bleibt da die Fürsorgepflicht eines Arbeitgebers? Die Angelegenheit ist inzwischen vor Gericht. Einzig eine junge Kollegin, die eine von vielen Augenzeugen der sexuellen Belästigungen war, ist bereit vor Gericht als Zeugin auszusagen. Alle anderen, es tut mir Leid es sagen zu müssen, MÄNNLICHEN Kollegen, wissen von nichts mehr oder verharmlosen die Geschichte und das, obwohl sie sich vorher die Mäuler über den neuen Vorgesetzten zerrissen hatten. Die mutige Kollegin hat inzwischen „freiwillig“ gekündigt. Sie verdient meinen aller größten Respekt.

    Selbst kenne ich diese Vorfälle nur von den jeweiligen Erzählungen und von den Schreiben der Anwälte. Der besagte Kollege wollte mit seinen Anspielungen auch bei mir landen. An was es lag, dass er meine Grenzen akzeptierte weiß ich nicht. Ich kann, nachdem wir die Angelegenheit miteindander geklärt hatten, nichts Negatives über ihn sagen. Sexuelle Belästigung mag ein subjektives Empfinden sein, aber die betreffende Person hat aufzuhören, wenn der oder die andere sagt: „Das mag ich nicht.“ Und Firmenchefs sollten mal wieder über ihre Rolle als Chef nachdenken.

    Liebe Claudia, Loyalität ist nicht immer eine gute Sache. Deshalb dieser anonyme Kommentar. Wie ich mit dieser Geschichte umgehe weiß ich noch nicht. Mir bleibt nicht viel Handlungsspielraum. Meiner Kollegin kann ich nur signalisieren, dass ich anders denke, mir es Leid tut und ich sehr gerne mit ihr zusammen gearbeitet habe.

  9. „Loyalität ist nicht immer eine gute Sache“ – damit meinst du die ignoranten Kollegen, die sich nicht trauten, der Frau beizuspringen, um sich nicht selber in Gefahr zu bringen?

    Ich glaube, beschissener Umgang mit Macht und „Gefolgschaft“ ist nicht geschlechtsspezifisch. Arschlöcher, Feiglinge, Mitläufer, devote Ja-Sager etc. – das wirds immer geben. Nur stellt es sich eben momentan noch als überwältigende Macht der mehrheitlich in gehobenen Positionen befindlichen Männer dar, die es sich (noch!) erlauben können, sexistische Methoden anzuwenden, um ihre Interessen zu verfolgen.

    #Aufschrei in allen medialen Verästelungen sehe ich als einen weiteren Schritt, die Täter in die Schranken zu verweisen. Sie werden vorsichtiger werden, aus ANGST vor sozial negativen Folgen, nicht aus Einsicht.

  10. @Claudia, ich denke schon, dass die meisten „Männer“ die ausgestreckte Hand gerne entgegen nehmen und sagen, ja, das gehen wir gemeinsam an, so, wie ich es aus deinen Worten empfinde.

    Wir werden doch noch viele Dinge in Zukunft zu einem besseren wandeln wollen, auch im Berufsleben. Ob das Unterbezahlung ist, für die man aufstehen muss, ob es freudlose Arbeitsplätze sind, ob Stress, Burn-out oder auch sehr schlimm, das mobbing, ganz abgesehen von allem was noch schlimmes in Familien heutzutage immer noch geschieht.

    Ich glaube, dafür können wir uns nicht als Gruppen gegenüber stehen, uns anschreien und mit Arguemten allein zupflastern. Es ist, wir hatten hier auch schon öfter darüber geschrieben, die Form der Streitkultur.

    Werde ich aber angegriffen, konzentriert sich meine Energie auf die Verteidigung und nicht, auf die Lösung des Problems. Das finde ich sehr, sehr schade und vor allem, es nutzt der Sache nicht.

    Vielleicht noch zum Firmenchef, wenn er überhaupt noch Zeit zum nachdenken bekommt, in dieser extrem schnellen Arbeitswelt, in der man fast nur noch reagieren, aber nicht mehr agieren kann. Auch in einer kleinen Firma ist das soziale Gefüge extrem empfindlich und viele Interessen kolidieren dabei. Ich habe das in meiner Firma nie gemocht, doch auch nie ändern können, dass der „Chef“ dies oder das regeln soll. Eigene Mitarbeiterverantwortung wird dabei allzu gerne auf den einen Esel, den Chef, abgewälzt.
    Was allerdings in einer Firma stimmen muss, dann klappt zwar noch nicht alles aber schon vieles: Der Geist in dem Haus, der muss stimmen. Den allerdings, muss man erfühlbar für alle vorleben.

    Und das gilt auch nach meiner Meinung, für vieles.

  11. Hallo Claudia,

    “Loyalität ist nicht immer eine gute Sache”- damit meine ich meine männlichen Arbeitskollegen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Damit meine ich aber auch mich. Würde ich unter meinem echten Namen schreiben, würde ich meinen Arbeitgeber bloßstellen. Das mag ich nicht, schließlich arbeite ich in dem Betrieb schon viele Jahre und habe sehr schöne Zeiten dort erlebt. Was im Moment dort passiert ist, wie du zum Einen schreibst, profilieren auf Kosten Schwächerer und zum Anderen ein typisches Gruppenphänomen. Eine Gruppe findet sich, in dem sie jemanden der anders ist zum Sündenbock erklärt. Die sexuellen Übergriffe sind auf einmal gar nicht mehr schlimm, sondern nur noch lustig. Doch, und das ist meine ganz persönliche Meinung, sollten, wenn etwas lustig ist, ALLE lachen können. Ob die Aufschrei Diskussion das Gerichtsurteil beeinflussen wird bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall hat mein Kollege ganz schön ANGST.

    @Menachem Firmenchefs haben eine gewisse Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitern. Es ist ein Unding zu sagen: „Das geht mich nichts an“.

  12. @betroffener Gast: das Letztere lese ich allerdings aus Menachems Statement nicht gleich heraus! Dazu ist seine Schilderung der Chef-Situation viel zu allgemein – und die Bemerkung zum „Geist“, der stimmen und vorgelebt werden muss, viel zu positiv!

  13. Claudia, ich auch nicht. Deshalb habe ich es ja geschrieben.;-)

  14. Die hier vorherrschende Übereinstimmung muss ich schlicht als Augen zu und draufhauen kritisieren, denn was unter dem Sammelbegriff Sexismus alles angeprangert wird, gehört schlicht nicht in einen Topf. Grenzüberschreitungen die Strafnormen verletzen, gehören doch nicht verniedlichend unter Sexismus abgelegt. Schlechtes Benehmen dagegen kann ärgerlich sein, dem ist aber nicht mit dem Strafgesetzbuch beizukommen.

    Der Stern-Artikel ist ein Rohrkrepierer und dies nicht weil ich das meine, was ignoriert werden kann, sondern weil es eine Reihe von intelligenten und erfolgreichen Power-Journalistinnen so betrachtet. Sie beklagen inzwischen dieses sinnlose und unprofessionelle Verhalten von der Stern-Journalistin Himmelreich und deren Redaktion.

    Es erstaunt mich sehr, wie die aufheulenden Frauen kein Wort darüber verlieren, dass ja die wöchentliche Stern-Ausgabe mit ihrem Bildmaterial unablässig suggeriert, Frauen wären eine Ware, die wo immer man sie erspäht zum Angaffen und „bildlich ausziehen“ da wären. In einem Stern-Artikel wird verkündet, die meisten Frauen träumen davon mal vergewaltigt zu werden. Dieses Blatt, das Fantasien weckt und wöchentlich kommerziell mit herrlichem Gewinn füttert, beklagt sich darüber, dass die Journalistin Himmelreich nachts an der Bar statt einem Exklusiv-Interview eine launige Bemerkung erhält! Was für ein Schwachsinn.

    Es gibt Grenzüberschreitungen die strafrechtlich verfolgt gehören.

    Es gibt aber vor allem viel a) schlechtes Benehmen b) Pöbeleien c) schlechten Stil d) Missverständnisse e) individuelle Deutungsgewalt was willkommen und was ärgerlich ist.

    Diese Kategorien sollen vom Gesetzgeber geregelt werden? Geregelt heisst nicht verhindern sondern nur die Möglichkeit eine eventuelle Norm-Verletzung vor Gericht prüfen und werten zu lassen.

    Wie bescheuert die Welt doch ist. In Berlin lese ich, riskiert man Leib und Leben bei Benützung der S-Bahn. Polizei und Justiz sollen aber alle Energie darauf verwenden, alle Männer zu verfolgen die sich nicht Tanzschule korrekt verhalten und dies allenfalls nach dem Kriterium bei der betupften Dame, dass der Sprüchemacher nicht im Wunsch-Mann-Traumkatalog einen Platz hat. Der Clooney-Typ darf auch sagen: Na Süsse, willst du mit mir in die Kiste und es gib keinen Protest. Wer aber nicht ins Damen-Beute-Schema passt, der soll nach Schwarzer-Papst-Norm alle möglicherweise sinnlichen Bemerkungen unterdrücken.

    Im gesellschaftlichen Umfeld von mir, haben sich bei der Sexismus-Diskussion diverse Frauen zu Wort gemeldet, die keinesfalls einverstanden sind, dass Aufschrei-Frauen das Mandat haben für alle Frauen zu sprechen, wo es um die Kommunikation geht und anschliessende Wertung von Mitteilungen die frau annehmen oder ablehnen kann. Diese Frauen sind auch der Meinung, dass frau mit der Brüderle Bemerkung eigenständig und geistreich als erwachsene sowie wehrwillige und wehrfähige Frau umgegangen wären.

    Was Journalistin Himmelreich und die Stern-Redaktion dagegen gemacht haben, ist der Bericht über eine überzeichnete Story, die entweder gar nicht gebracht worden wäre oder kaum jemand interessiert hätte, ohne die unerwartete Brüderle-Spitzenposition für die Bundestagswahl im September 2013. Ein Magazin das von blanken Busen, Po-Bildern und F… Stories lebt und sich das Recht anmasst die Wortwahl eines leicht alkoholisierten Rentenalter-Politikers zum Benchmark für Sexismus-Beweisführung zu machen, ist ein Skandal. Ein Skandal für den Stern.

    Und die angeblich 50 Prozent der Deutschen die den Rücktritt von Brüderle fordern, betrachte ich als Beweis für die gelebte Doppelmoral. Unter diesen 50 Prozent Moralaposteln gibt es nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung unter Bezug auf amtliche Statistiken eine nicht unerhebliche Zahl die wegen Lug, Betrug, Kinder und Frauen verprügeln und das wissentliche Verkaufen von Produkten und Dienstleistungen ohne den zugesicherten Wert zu beinhalten, nicht nur ihren Job verlieren sollten sondern direkt ins Gefängnis wandern müssten. Es ist zum Kotzen, wie edel und auserkoren sich Leute fühlen, wenn sie die Moral von Dritten beurteilen dürfen und den eigenen gelebten Moral-Track-Record dabei völlig ausblenden

    Aber mit der Menge zu jaulen und Köpfe zu fordern, das hat ja bekanntermassen schon zu der herrlichen Jakobiner-Demokratie nach der französischen Revolution geführt.

  15. @Relax-Senf: mit Verlaub, diesen Beitrag empfinde ich in Inhalt und Stil an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt unangebracht!

    Ich habe mich am 25.Januar (Tag 1 oder 2 des #Aufschreis) umfangreich zur Sache geäußert und unter dem Posting wurde recht gut diskutiert. Auch meinen Kommentar weiter oben zum Verlauf der Debatte und ausführlicher im WWMAG möchte ich noch einmal zur Lektüre empfehlen, ebenso wie die Links im Erstposting und im WWMAG-Beitrag.

    Kurzum: ich habe gefühlte 10.ooo Mal intensive Einlassungen und Antworten auf Einwände und Anwürfe wie die von dir jetzt gelesen und gehört. Dass DU kaum etwas von alledem gelesen hast, zeigt mir deine seltsame Idee, jemand riefe nach dem Gesetzgeber! Das hab ich in der ganzen Debatte (die ja keine ist, sondern lediglich eine Sammlung vieler Berichte, Beiträge und Debatten in unterschiedlichen Zusammensetzungen – von privat über Blogdiskussionen bis Talkshow) von niemandem gelesen!

    Es gibt keine „#Aufschrei-Frauen“, die irgendwelche Mandate für alle übernommen hätten, sondern unzählige Einzelstatements, meist zu Einzelfällen – und jede Menge Blogpostings, in denen sich sehr vielschichtig mit dem Thema auseinander gesetzt wird – von Frauen und Männern.

    Mit dem STERN hatte #aufschrei sehr schnell nahezu gar nichts mehr zu tun – nur die Mainstreammedien hielten lange an dieser Art „Verhackstückung“ des Themas, das so viele Frauen wie nie zu ihrem machten, fest. Brüderle interessiert mich nicht die Bohne, aber ich fand es gut, dass eine Journalistin in einem Mainstreammedium den „Aufhänger“ bringen durfte, der (nicht allein, aber doch sehr wirksam) den Anstoß gab, um das Mem „Aufschrei“ ganz unerwartet zu einer Mega-Welle zu machen. In der Zukunft werden so manche Politiker und andere Männer in Machtpositionen etwas vorsichtiger werden, mindestens!

    Was der STERN ansonsten tut und und wie ganz allgemein das „Sex sells“ der Massenmedien zu beurteilen ist, ebenso wie ihr Lieblingssport, als 4.Gewalt an Politikerstühlen zu sägen, ist eine andere Debatte, die ich an dieser Stelle nicht führe. Feministinnen haben das im übrigen über Jahrzehnte immer wieder getan – wie wirksam das war, sieht man ja! (was aber wahrlich nicht an ihnen liegt).

    Zu guter Letzt noch zwei gute Beiträge in der Rückschau auf das Ganze:

    #Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht – Antje Schrupp;

    Schreiende Lämmer – Das Nachspiel – Frau Meike;

    Auch die jeweiligen Kommentardiskussionen sind sehr lesenswert!

  16. Heute ging mir noch der folgende Kommentar per Mail zu – nach Rückfrage darf ich ihn hier einstellen. Klaus schreibt:

    ——Zitat————————–

    2 Dinge, die mich verwundern: Wie kann man sich als – nicht übergriffiger – Mann von den aktuellen Diskussionen angegriffen fühlen? Ich habe sehr viele Tweets, Blogs und Kommentare gelesen. Es wird doch fast immer von sehr persönlichen Einzelschicksalen und einzelnen Vorfällen berichtet. Und regelmäßig – insbesondere in Blogs – schreiben die betroffenen Frauen, dass sie eben nichts gegen Männer im Allgemeinen haben, dass sie nicht alle in einen Topf werfen, dass nicht mal die Mehrheit aller Männer so seien usw.

    Wie kann man da behaupten, die Diskussionen (egal, ob es „nur“ um Sexismus oder um sexuelle Übergiffe geht) würden so geführt, dass alle Männer so seien und man sich dann angegriffen fühlen?

    Zum anderen stößt mir die Betroffenheitslyrik vieler Männer auf. Dieses „Ogottogott, das wusste ich noch gar nicht.“ kann ich nicht glauben und ernst nehmen. Jeder halbwegs gebildete Mensch (Mann) wird doch in den letzten 20 Jahren mit diesem Thema und vor allem auch mit den Zahlen und den Dunkelziffern konfrontiert gewesen sein. Ich habe erst heute wieder zu den geschätzten Missbrauchszahlen von Kindern gelesen in einer stinknormalen Tageszeitung. Dann noch die dazu rechnen, die erst später als jugendliche oder erwachsene Frau vergewaltigt werden (oder bei denen es versucht wurde) plus diejenigen, die zwar nicht direkt vergewaltigt aber eben doch Opfer eines sexuellen Übergriffes wurden oder andere schlechte Erfahrungen auf Grund ihres Geschlechts gemacht haben und es liegt doch auf der Hand, dass es mehr Frauen mit solchen Erlebnissen gibt als ohne. Wie kann man(n) dann noch ernsthaft behaupten, jetzt so ganz plötzlich überrascht zu sein von den vielen Fällen und dem Ausmaß? Haben die bisher alle geglaubt, nur in Indien würden Frauen vergewaltigt und misshandelt?

    Ich verstehe das wirklich nicht. Vielleicht bin ich auch nur schon zu sehr ein „Ochse“ – DAS war eine pauschale Beleidigung aber ich befürchte, dass viele Männer und leider auch Frauen das ganz ähnlich sehen.

    ——Zitat Ende————————–

  17. @Claudia: Was für eine Watsche von einer Blogbetreiberin die sonst bei Kommentaren durch Grossmut, Flexibilität und gelebte Toleranz glänzt. Zugegeben der Kommentar wurde im falschen Gefäss deponiert womit „Inhalt … an dieser Stelle“ zu Recht kritisiert wird. Jetzt könnte der Kommentar ins richtige Gefäss verschoben werden und er kann gelöscht werden. Alles kein Problem für mich, mit der erhaltenen Erklärung.

    Die Kritik zu meinen Ausführungen zum Gesamtthema und auch zum Stil nehme ich nicht an. Dachte Blogs seien dazu da, um völlig konträren Meinungen Platz zur Darstellung zu geben. Ich habe den Hype in den Online-Medien und am Fernsehen mit Interesse verfolgt und ich habe nicht alle Beiträge in deinen verschiedenen Blogs gelesen, aber mehr davon als im Normalfall. Die Aufforderung ich solle doch mal alle Beiträge lesen bevor ich mich zu Wort melde, hat bei mir Erstaunen und auch Kopfschütteln ausgelöst.

    Meine Zeilen sollten aufzeigen, dass weder alle Frauen und schon gar nicht die ganze Bevölkerung den Protest verstehen und deshalb auch nicht mittragen, welche die Brüderle-Story ausgelöst hat. Um Missverständnisse zu vermeiden, bei allen Grenzüberschreitungen ist man sich einig über rote Karte mit Bestrafung etc.

    Verbale Fehlleistungen sind jedoch ein weites Feld, wobei ich klar sage, dass die Grenzen in der Arbeitswelt bekannt sind und eingehalten werden müssen. Im öffentlichen Raum ist diese Grenze nicht immer so eindeutig auszumachen, weil es zu Wahrnehmungsverzerrungen kommen kann, dieselbe Message wird unterschiedlich decodiert. Aber lassen wir das, es wurde ja alles schon geschrieben und ist gemäss den erwähnten Links nachzulesen.

    „zeigt mir deine seltsame Idee, jemand riefe nach dem Gesetzgeber!“ Nun weit weg davon sind wir nicht. Die Diskussion hat eine höchst politische Welle für Profilierungsversuche erreicht. Die SPD in Gestalt von Generalsekretärin Nahles betrachtet alle FDP-MBs sowie alle FDP-Wähler als potenzielle Sexisten und Claudia Roth hat im TV-Talk klar zu erkenne gegeben, sie denke daran auf politscher Ebene die Sache in die Hand zu nehmen.

    Mein Posting am falschen Ort. Richtig. Von Inhalt und Stil distanziere ich mich nicht. Da bin ich über deinen Schuss vor den Bug dann doch ziemlich verblüfft.

  18. Ich kann nur auf den ersten Teil deines Kommentar`s anworten, @Klaus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dich meine Positionierung der Angegriffenheit erreicht. Es hat definitiv etwas mit Gruppen- und Sippengefüge zu tun. Es hat mit individuellen inneren Dispositionen zu tun. Auch würde ich mir wünschen, dass es Dinge gibt, die Menschen einfach so stehen lassen können wie sie sind – auch und besonders, wenn sie nicht verstanden werden – solange sie nicht die Sphäre anderen Menschen beeinträchtigt. Der Wunsch verstanden zu werden, kommt glaube ich, erst danach.

    Ich kann aber auch nicht NICHT antworten, weil ich der Meinung bin, dass der Dialog so sehr wichtig für uns ist, auch, wenn ich/wir ihn manchmal nur widerstrebend beginnen. Das betrachte ich für mich u.a. als die Herausforderung für die Zukunft. Und weil mir da noch viel Einsicht, Mut und Übung fehlt, fang ich gleich damit an:

    Ich denke wir kennen alle Situationen, Empfindungen, Geschehnisse, die wir trotz aller Bemühungen nicht verstehen können und uns über die Verhaltensweisen wundern. Dann kann man sagen, der tickt doch nicht richtig. Man kann auch sagen, der tickt anders.

    Mir geht es um zwei Dinge:
    1. Das wir nicht im Stil diskutieren: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, und
    2. Das wir in den vielen Diskussionen, die wir noch bekommen werden, nicht wegen Einzelner ganze Gruppen in Misskredit bringen.

    Der Begriff „Dialog“ gefällt mir in diesem Zusammenhang sehr gut.

    Stell dir vor, als fiktives Beispiel, du stehst in der Adventszeit in der Fußgängerzone, und sammelst bei Schnee und Kälte mit der Spendenbüchse Gelder für hungernde Kinder in Afrika. Und nun kommt auf einmal die Diskussion auf, dass die meisten Spendengelder in den eigenen Taschen der Sammelnden verschwindet oder auf schwarzen Konten steuerfrei hinterzogen werden. Und obwohl es dir dabei zur Zeit finanziell vielleicht wirklich sehr schlecht geht, würdest du keinen Pfennig veruntreuen – trotzdem sagen die Leute zu dir in der Fußgängerzone: Nee, dem geb ich nichts. Das landet ja doch wo anders.

    Aus irgendwelchen Gründen, einer anderen Erziehung, Geschichte, Erlebnissen, mag dir das vielleicht nichts ausmachen (nur angenommen, denn ich kenn dich ja gar nicht). Das könnte ich bewundern und von mir nur sagen: Ich bin mir sehr unsicher, ob ich das aushalten könnte. Vielleicht würde es mich aber auch stark machen, nach dem Motto: Und jetzt erst recht! Ich weiß es nicht.

    Und während ich das schreibe, sehe ich auf einmal wieder die Menschen aus alten Tagen mit ihren Button`s: „Atomkraft – Nein danke“ rumlaufen. Fand ich immer affig, mit son`m Ding am Revers rumzulaufen. Ja, doch – ich glaube, so langsam fange ich auch das an, zu verstehen.

  19. @Menachem: Zu Deinem ersten Absatz weiß ich nichts zu sagen. Ich verstehe ihn nicht.

    Zu Deinem Beispiel mit den Spenden. Das Bild finde ich ziemlich schief. Für mich stellt sich die Situation so dar, dass ich in der Fußgängerzone sammel und die Leute spenden, OBWOHL gerade eine Diskussion aufkommt, dass viele Spendengelder veruntreut würden. Sie kommen zu mir und sagen: Ich habe viele schlechte Erfahrungen gemacht mit gemeinnützigen Organisationen, die doch nur in die eigene Tasche wirtschaften und trotzdem spende ich gerne!

    Viele Schreiberinnen betonen doch immer wieder, dass sie eben KEIN Urteil über DIE Männer fällen. Was sollen sie denn noch schreiben? Bei Twitter gibt es nicht genug Raum, um ein „Eigentlich finde ich Männer ganz prima“ hinterherzuschieben.

    Und in den vielen Blogs? Hey, wenn das Thema lautet: „Meine schlechten Erfahrungen mit Männern“ (um es mal ganz allgemein und vorsichtig auszudrücken) wird halt über schlechte Erfahrungen mit Männern berichtet – über was und wen den sonst? Erwartest Du (oder alle anderen Männer, die sich auf den Schlips getreten fühlen) jedesmal ein Vorwort, in dem lang und breit die Vorzüge des männlichen Geschlechts aufgezählt werden, bevor die eigentliche Geschichte erzählt wird?

    Ich bin jedenfalls noch kaum über einen Text gestolpert, in dem „der Mann“ pauschal in Bausch und Bogen verdammt wird. Und wenn es die eine oder andere Frau doch täte: Könnte ich angesichts der geschilderten Erlebnisse sogar verstehen.

    Aber über wen würde ich mich aufregen, über wen würde ich mich ärgern? Um bei Deinem Spendenbild zu bleiben: Doch nicht über die vielen enttäuschten Menschen, die immer wieder übers Ohr gehauen wurden und nun nichts mehr geben wollen, selbst wenn sie gerne würden – aber es fehlt ihnen halt das Vertrauen. Auf meine „Kollegen“ hätte ich eine Stinkwut, dass sie die Gutmütigkeit und das Wohlwollen der potentiellen Spender ausgenutzt haben, um sich selbst die Taschen zu füllen, sodass meine Organsiation kein Geld mehr reinbekommt.

    Gäbe es also tatsächlich in den vielen Beiträgen vereinzelt Stimmen, die ALLE Männer in eine Quasi-Sippenhaft nehmen (was ich so noch nicht gelesen und auch noch nicht gehört habe), sollten doch vielmehr diejeingen unter unseren Geschechtsgenossen, die letzten Endes für ein solches Männerbild verantwortlich wären, Adressat Deiner Aggressionen sein.

  20. @Relax: ja, ich hätte deinen schroffen Ton einfach ignorieren / tolerieren sollen. Aber ich war an dem Tag einfach zu dünnhäutig und dachte: oh je, und jetzt der ganze Streit NOCHMAL HIER? Sozusagen nachgeschoben unter dem kurzen Jauch-Posting, während ich doch schon so froh war, dess das Gespräch unter meinem Artikel zur Sache so friedlich abgegangen war? Und deine Wortwahl empfand ich als sinnlos aggressiv („aufheulende Frauen“) – der Tenor der Diary-Gespräche ist eigentlich immer eher gelassen und vermeidet „Geschimpfe“. Was bringt es auch, andere zu ärgern? Dadurch ändert niemand seine Meinung, eher im Gegenteil.

    Hier übrigens nochmal eine „FAQ zu #Aufschrei“, die die vielfach gekommenen Resonanzen versammelt und bespricht (weil ja so vieles und gefühlt tausenden Blogs verteilt diskutiert wurde).

  21. @Claudia. Danke für deine Ausführungen. Jetzt „kennst du mich schreibmässig“ ein gutes Stück weit und weisst, dass ich selbst dort wo ich eigentlich von der Mainstream-Meinung nicht total entfernt bin, gerne dagegenhalte um unberücksichtigte Aspekte aufzuzeigen.

    Wenn man es versteht mich mit Argumenten zu überzeugen, ändere ich Sichtweisen. Ha, nicht ständig, aber es kommt vor. Wenn ich nach einem zackig geschriebenen Kommentar nachträglich einen Grund zur Entschuldigung sehe, nehme ich diese Hürde. Auf meinem Blog ändere ich auch schon mal den Text in den ersten 24 Stunden beim relaxten Nachlesen-Modus.

    Hier habe ich es nicht gemacht, weil ich z. B. „Aufschrei-Frauen“ nicht wertend, nicht beleidigend verwendet habe, sondern als kompakten Auseinandersetzungs-Begriff.

    Das Wort „kotzen“ war unnötig und nicht normaler Stil, aber bei einer „erdrückenden Übermacht der Meinungsrichtung“ ist halt der Griff zum dicken Pinsel nicht weit. Aber ich will nicht persönlich, individuell Personen beleidgen.

    Das Thema Sexismus hat seine Berechtigung für fortwährende gesellschaftliche Diskussion, aber nicht in der Form dass man Kraut und Rüben in einen Topf wirft.

    Um mich hier nicht zu verlieren:
    a) Sexismus-Debatte gerechtfertigt.
    a1) es gibt täglich viele schlimme Sachen
    b) Brüderle-Diskussion finde ich im Ausmass volkswirtschaftlich lächerlich und privat heuchlerisch
    c) mit meiner Sicht finde ich mich plötzlich in einem sehr starken Meinungslager wieder, angeführt von Frauen und deren stark beachteten Artikeln. Denn sorry, wenn ich dies wiederhole, ein Teil der Frauen beschwert sich nicht über den Inhalt der Kommunikation sondern willkürlich über den Sender.
    d) von den >60’000 Tweets waren ca. 14’000 Klagen aus dem Alltag. Immer noch eindrückliche Zahl, wobei man mit Bildung und Lebenserfahrung weiss, dass nur eine Untersuchung zeigen würde, wie viel Substanz übrig bleibt. Mehr als 75 Prozent der Tweets haben die Sender-Sympathie zum Thema festgehalten.

    Die Zahlen sprechen für sich und müssen doch bei einer hochstehenden Betrachtung Eingang in die Diskussion finden.

  22. Hier mal noch eine Fundsache von heute zum Umfang sexueller Belästigungen, sowie zu einigen Argumenten, die immer wieder gebracht werden:

    Zur „Sexismus-Debatte“:
    Ein Kommentar aus wissenschaftlicher Sicht (.pdf)

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