Claudia am 06. August 2012 — 9 Kommentare

Was ich nicht schreiben kann

Manchmal beneide ich Bloggerinnen wie Claudia K. (Sammelmappe), die einen Satz, ein paar Worte oder ein kleines Gedicht posten können – Selbstausdruck aktueller Gefühle ohne Geschichte dazu, die irgend etwas erklärt.

Warum kann ich das nicht? Warum schweige ich lieber bis wieder ein „kompletter“ Blogbeitrag das Licht der Welt erblickt? Ein Text, der keine Fragen offen lässt, WAS mich gerade bewegt und warum?

Irgendwie fehlt mir wohl die poetische Ader. Das „verdichten“ können von Gefühlskomplexen, die sich aus vielerlei Quellen speisen in einen einzigen, abstrahierenden Satz. Wie gerne würde ich zum Beispiel meine Wut auf verschiedene Erscheinungsformen heutiger Politik einfach mal so in zwei Sätzen auf den Punkt bringen und mich dann besser fühlen. Statt dessen käme von mir viel wahrscheinlicher ein langes Posting mit dem Titel „120 Gründe, politikverdrossen zu sein“. Oder ein Artikel über EIN Thema, der alles enthält, was ich darüber denke.

Und auch das Zwischenmenschliche: nie würde ich ein unausgegorenes Empfinden in poetische Worte fassen, die vielerlei Spekulationen über die Hintergründe zulassen. Nein, ich nutze das Schreiben, um mir selber die Dinge klarer zu machen, Verwirrungen mental zu sortieren und daraus ein Fazit, eine Lösung, ein Ergebnis zu destillieren. Das sind dann zwar auch keine konkreten „Geschichten aus dem Leben“ (ich schütze meine Privatheit durchaus), aber doch auf Erleben basierende, abgerundete Abhandlungen eines Themas, das mich berührt.

So macht halt jede, was sie am Besten kann – ich hadere nicht, schließlich wär es langweilig, wären wir alle gleich! :-) Nur manchmal, wenn ich nicht schreibe, weil das, was zum Schreiben drängt, noch viel zu verworren und vielgestaltig ist, würde ich gerne „kurz posten“ können. Ein Satz, ein Bild im Kopf, ein Gefühl – und Schluss.

Diskussion

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9 Kommentare zu „Was ich nicht schreiben kann“.

  1. Liebe Claudia,

    ich bin auch eher eine von der Sorte „Warum kurz fassen, wenn man sich auch lang und ausführlich ausdrücken kann?“. Und ich kenne das, dass manche Blogeinträge dadurch länger auf sich warten lassen. Auf der anderen Seite mag ich aber auch solche umfassenden, ausgereiften und abgerundeten Abhandlungen wie die von dir verlinkte sehr. Auch das ist eine Kunst, und sie gelingt beileibe nicht immer. Umso schöner, wenn sie gelingt!

    Liebe Grüße
    von der Schattentänzerin

  2. Vielleicht klärt das rein garnichts, aber mir fiel gerade spontan der Vergleich mit Musik ein: Obwohl etwa House und ein Grieg-Konzert beides Musik genannt wird, bedient es doch völlig andere Hör- und Konsumgewohnheiten. Der gemeinsame Begriff trügt.
    Dir liegt das Sezierende, das Analytische (sag ich mal frech verkürzend), während eine andere Position ist, dem Gefühl ein Aussehen, eine Farbe, einen Ton zuzuordnen, und diese gleichsam als Abbild des Gefühls wirken zu lassen.

  3. Das ist ja das Schöne am Bloggen: es lässt Raum für all diese Vorlieben, Eigenheiten, Talente, Empfindungen, Aussprachen, Diskussionen, Perspektiven, Meinungen, Informationen und was es da sonst noch so alles gibt.

    Wenn ich daran denke wie sehr noch immer Romane – und selbst Lyrik – an bestimmte Formen gebunden sind. Selbst die Experimentalliteratur ist da sehr abhängig.

    Bloggen ist lebendig. Es ist ein Teil des Lebens bzw. es spiegelt einen Teil der Lebensvielfalt.

  4. […] Claudia Klinger philosiert über die unterschiedlichen Arten des Bloggens. […]

  5. Für mich waren Blogs schon immer eine Form von Literatur. Es ist falsch, wenn behauptet wird, der Übergang zum Journalismus sei fließend. Kommerzielles Schreiben ist kein Bloggen. Das Blog lebt, es bildet das Leben ab, das Denken, das Fühlen der Autorin oder des Autors. Das kann man gar nicht bezahlen, und das verträgt sich auch nicht mit einem kommerziellen Massenmedium. Dazu kommt die Vernetzung der Blogger untereinander. Die Blogroll ist nicht totzukriegen. ;) Und die wird auch noch bestehen, wenn alle sogenannten sozialen Netzwerke schon längst wieder Geschichte sein werden. – Das wird nicht mehr lange dauern, aber das ist ein ganz anderes Thema und soll ein andermal erzählt werden. ;)

  6. Schön, was du da schreibst, @Gerhard.

    Ja, blog ist wie Musik, @Claudia, und du komponierst richtig gut. Sie erzeugt Resonanz. Ich mag deine Musik – so wie sie ist :)

  7. Liebe Claudia
    Geht uns das nicht allen Blog Schreibenden so. Nur jeder hat doch seine Eigenen Interessen und Bedürfnisse. Das was Du schreibst ist stark an der Gesellschaft orientiert und genau das was Dich beschäftigt und aufregt, darüber schreibst Du. Wenn das ein poetischer Blog wäre, würde ich kaum hier lesen.Dass Du aus Deinen Texten, manchmal durchaus drei Beiträge machen könntest ist Dir glaube ich noch nie aufgefallen. Ich selber versuche, öfters wieder kürzere Beiträge in meinem Blog zu schreiben und manchmal bleibt es auch beim Versuch.
    Ich selber kam zum schreiben, weil mir mein Sohn, bei WP einen Blog einrichtete. Er meinte “ ich solle mal was über dieses Zen schreiben und meine Erfahrung und Wissen mit anderen teilen und jetzt schreibe ich bereits seit 5 Jahren in meinem Blog. Wie Gerhard oben schreibt finde ich den Vergleich mit Musik sehr passend.
    LG zentao

  8. Ich hadre schon. Auch ich kann das Unausgegorene nicht brauchbar in Sätze fassen, aber mir misslingen zudem die Abhandlungen. Ich nutze, wie du, das Schreiben zum Sortieren der Gedanken – bloß krieg ich’s nie hin. Kaum liegt das ‚abgerundete‘ Ergebnis (nette Formel) vor, mag ich es nicht. (Das gilt fürs Kommentieren ebenso, obwohl das leichter ist.) Also noch mal. Und noch mal. Und irgendwann ist die Luft raus. Nichts ist entstanden und ich wende mich anderem zu. Erst wenn es vorbei ist, dann, später, fällt mir ein Gedicht dazu sein. Manchmal. (Wohl, weil ich ständig welche lese.) Wenn ich dabei gehe, bekommt es den Atemrhythmus des Gangs.

    Leider ist auch das selten. Darum blogge ich nicht mehr, spiele lieber mit Wörtern (nach dem Rat des Mephisto) als mit Themen herum.

    Vielleicht passt der Schnellschuss gar nicht in dein Blog. Was ist mit Twitter? Da könntest du zwischen den Links ab und zu eine verwirrte Notiz einstreuen, z.B. (alter Trick) als Frage formuliert. Geht nicht? – weil die Frage gleich jemanden fragt, weil du stets im Gespräch bist? Das nämlich, denk ich, ist es: Man kann schlecht vor sich hin brabbeln, während man mit anderen spricht. Wahrscheinlich schwimmst du zu gut, einfach mal unterzugehen.

    Ich zumindest nehme dein Blog weder als ‚Musik‘ noch als ‚Literatur‘, sondern als Teil des Netzgespräches (und frage mich immer noch, ob es das Bloggen war, jeder sein Plätzchen, das die Mailinglisten gekillt hat, und ob die Wieder-AOLisierung des Netzes, Facebook und & Co., die Antwort darauf war).

  9. @alle: danke Euch für die freundlichen Resonanzen – manches macht mich richtig verlegen! :-)

    Derzeit hab ich viel abzuarbeiten was in der Buch-Schreibzeit in den Hintergrund rückte. Bin deshalb grade nicht so präsent mit dem Kommentieren bzw. etwas langsamer.

    @schneeschmelze: du glaubst, die sozialen Netzwerke verschwinden mal wieder? Ich zweifle… bin aber froh, dass das Bloggen offenbar nicht tot zu kriegen ist und auch immer wieder neue Leute damit anfangen! Bloggen bedeutet weitgehende Unabhängigkeit in Form und Inhalt, vor allem bleiben die Themen im Zugriff und Gespräche können sich über Wochen hinziehen. Finde ich sehr viel angenehmer als das Kurzmeldungs-Geschwurbel in den SNs.
    Trotzdem setzen dieses Nutzungsstandards, die Blogs dann teilweise defizitär wirken lassen – wie etwa die Möglichkeit, andere direkt anzusprechen und damit eine Nachricht auszulösen.

    @Dirk: kann ich mir gar nicht vorstellen, ich schreibe nie etwas nochmal und nochmal, sondern „höre“ nach jedem Absatz, ob er für mich flüssig klingt und nichts Überflüssiges enthält – und dann ists gut! Aber ich hab ja auch keinen literarischen Anspruch, sondern will nur sagen was ich denke und manchmal auch in Worte fassen, was ich fühle. Teil des Netzgesprächs – ja, genau!

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