Claudia am 15. März 2012 — 0 Kommentare

Im 13.Jahr: Das eigene Blog neu entdecken

Heute ist mir so richtig aufgefallen, dass ich in diesem Blog ja auch mal nachlesen könnte, was ich so vor zehn Jahren erlebte, dachte und schrieb. Normalerweise schaue ich nie zurück. Mich interessieren aktuelle Themen, nicht Texte von vorvorgestern, schon gar nicht die eigenen.

Die Idee kam beiläufig, in einer Mail an jemanden, der mir nah und doch ferne steht. Dem „Gruß zum Fünfzigsten“ fügte ich die URL zu meinem entsprechenden Eintrag aus 2004 hinzu. Da er den schlichten Titel „Fünfzig!“ trägt, wusste ich, dass es ihn gibt. Als ich ihn nun wieder sah, fiel mir besonders die Google-Werbung für Seniorenheime ins Auge! Ich hatte auf diesen alten Seiten ein „Ad“ platziert, in das Google seit Jahren „passende“ Werbung einspielt – und es dann vergessen. Jetzt ist es weg. :-)

Und weiter zurück…

Da ich grad schon dabei war, sichtete ich auch noch einen Text von vor zehn Jahren. Der „Spaziergang zur Spree“ stammt noch aus der Vor-Blogscript-Zeit, dem entsprechend sind auch die Bilder für heutige Sehgewohnheiten recht eigenartig angeordnet (ja SO FREI war man damals!).

Im März 2002 war ich schon ein paar Monate wieder in Berlin, nach einem zweijährigen Land-Wohn-Experiment in Mecklenburg, in einem kleinen Dorf bei Schwerin. Frappierend, was sich seitdem alles geändert hat! Meine damaligen Eindrücke beschreiben ein Berlin-Friedrichshain vor der „Gentrifizierung“, und die gezeigten Stadtbrachen und alten Gemäuer sind heute weiträumig einer ordentlichen Verwertung zugeführt: Umbau, Neubau, Straßenbau, Bahnhofsbau, Stadtvillen – der Charme unaufgeräumter Orte ist längst dahin.

Wie glücklich ich damals war, zurück in der Stadt zu sein! Etwas, das sich trotz allen Wandels seither nicht wieder geändert hat. Der Spruch auf der Jahresübersicht 2002 passt dazu:

Das Selbst kommt nicht in die Stadt, um zum anderen zu kommen, sondern im Gegenteil: Erst in der Stadt entsteht das Selbst als das Andere des anderen.

– Vilém Flusser –

Ja, ja, der Hauch der Geschichte…

Ok, man kann also in manchem Diary-Beitrag den drastischen Wandel der Zeiten nachvollziehen. Jetzt erinnere ich mich auch, schon mal bei Gelegenheit allgemeinen Gedenkens den ersten Eintrag nach 9/11 (Vom Glück inmitten des Grauens) gesichtet zu haben. Nach dem Einstürzen der Türme war ich eine gute Woche verstummt, und wurde erst durch eine Leser-Mail („Da geht die Welt unter und du bist nicht da!) aus dem schreiberischen Stupor gerissen.

Wie seltsam, die eigene Stimme aus lang vergangener Zeit zu vernehmen! Mein Hobby wird das bestimmt nicht, wenn ich mich auch als Schreibende mit mir selbst identisch fühle, egal von wann der Text stammt. Die Schreibende ist in meinem Gefühl ein Aspekt jenseits der Zeit. Eine Repräsentanz des inneren Wesens, das wir nicht benennen und konkretisieren können, aber stets als identisch erleben – mit 8 genau wie mit 80.

Aber wer liest schon alte Texte?

Die Frage hatte ich im Beitrag über die angedachte Neugestaltung des Digital Diarys gestellt – und ein Leser, der gewiss nicht sauer ist, wenn ich ihn zitiere, schrieb mir dazu:

Du stellst die Frage „Aber wer liest schon uralte Texte?“ – Ja: ich. Ich teile Dir im Anhang den Inhalt eines Newsletters mit, den ich vor ein paar Tagen an ein paar Bekannte versendet habe und der auch einen Link auf einen Deiner Texte enthält.

Die Frage ist: Was ist neu bzw. was ist aktuell? Der Beitrag „Was wir am Ende des Lebens bereuen“ ist jetzt (und zufällig) relativ frisch, aber er ist jetzt für Dich und für mich neu und aktuell. In einigen Wochen oder Jahren wird er für Dich nicht mehr neu sein, aber immer noch aktuell für jeden, der ihn noch nicht kennt oder der ihn wiederlesen möchte (!!!).

Darauf sollte Webgestaltung reagieren. Ich bin ganz und gar nicht der Meinung, dass Texte im Archiv versacken sollten, nur weil sie schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben und scheinbar nicht mehr neu sind. Es wäre also zu überlegen, ob nicht Leser den Texten einen Wertmaßstab (etwa Sternchen wie die frühere Version von ReadersEdition, oder Verschlagwortung) mitgeben könnten, die solchem Versacken entgegenwirkt und den Text in der Aufmerksamkeits-Sphäre behält.

Zur Ästhetik kann ich nur den Satz wiederholen, der mich beruflich jeden Tag begleitet:

Die Form verbessern heißt den Gedanken verbessern.
– Ludwig Reiners –

Herzlichen Dank für diese Anregung! Ein Bewertungssystem ziehe ich nicht wirklich in Betracht, da ich ja immer noch davon ausgehe, dass kaum jemand alte Texte lesen wird. Das „Voting“ würde also lange lange der Wertigkeit vieler Texte nicht entsprechen.

Anders, wenn eine Statistik der Abrufe seit dem jeweiligen Erscheinen existierte, die es aber über ganze 13 Jahre nicht gibt. Zu sehr haben sich die beteiligten Techniken geändert, ich bin ja schon froh, die Texte über die Zeiten gerettet zu haben. (Wenn auch mancher durch diverse Umstellungen und Transfers gelitten hat. Das werde ich beim Übertrag im Rahmen des Updates bereinigen).

Zumindest aber könnte ich die Möglichkeit schaffen, per Klick Artikel von „vor einem Jahr“, „vor fünf Jahren“ und „vor zehn Jahren“ auszuwählen. Diese Erweiterung müsste ich wohl programmieren lassen, denn sie müsste ja auch im Stande sein, einen Beitrag anzuzeigen, der „dem gewünschten Datum am nächsten“ ist. Schließlich war das Digital Diary nie eine tägliche Publikation.

Immerhin wäre die „Rückschau“ ein Feature, das es so nicht an jeder Ecke gibt. Für mich selbst könnte ich sie ja ausblenden, wenn mir ernste Bedenken kommen, ich könnte doch noch damit anfangen, mich für „mich damals“ zu interessieren. (Bitte nicht!)

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