Claudia am 13. Juni 2011 — 4 Kommentare

Vielleicht gibt es nur EINE Sucht in 1000 Gestalten

Vielen Nicht-Mehr-Rauchenden hilft es gut über die ersten Wochen, ein paar motivierende Sprüche im Kopf zu haben – und sie immer wieder zu erinnern, sobald das Rauchverlangen („Schmacht“) auftritt.

Heute las ich in diesem Zusammenhang den Satz: „Ich muss es durch nichts ersetzen!“.
Dieser Spruch gilt für mich definitiv NICHT, bzw. er zeigt in eine völlig andere Richtung als jene, die mir bisher recht erfolgreich das Nicht-mehr-Rauchen ermöglicht.

Ich muss mir nämlich in jeder einzelnen Situation, in der gewohnheitsmäßig der Gedanke „jetzt rauchen!“ auftaucht, klar machen, was jetzt der Sinn bzw. der Nutzen des Rauchens gewesen wäre. Und den dann ANDERS gewährleisten ODER die Situation verändern, damit ich nicht in ein Gefühl des „Verzichtens“ komme.

Ein paar bewusste tiefe Atemzüge an frischer Luft, ein kurzer Spaziergang, ein Kaffee – derlei Dinge können in vielen Situationen die schnelle Lösung sein. Oft genug ist das aber nur Ablenkung, noch keine VERÄNDERUNG im Sinne von nachhaltiger Befreiung vom Rauchverlangen.

Was eigentlich per Rauchen gewollt wurde, konte ich an meinem Beispiel über besonders gut funktionierenden Ersatz wie etwa Pfefferminzbonbons, Kaugummis, fettiges oder süßes Essen und Trinken leicht herausfinden.

Offenbar gibt es – ganz unabhängig vom eigentlichen RAUCHEN irgendwelcher Stoffe über die Lunge – ein orales Saug- und Lutschbedürfnis: Etwas im Mund bewegen, das angenehme, beruhigende Gefühle auslöst und mir die Konzentration auf Körper-fernes Tun erleichtert. Optimal: etwas süß-fettiges Warmes schlucken….

Es liegt auf der Hand, WAS das eigentlich ist: eine Regression/ein Rückfall in die Lust- und Bedürfniswelten eines Säuglings, der an der Mutterbrust saugt. Und sich so SICHER, GEBORGEN, GELIEBT und ANGENEHM BEFRIEDIGT fühlt.

Dieses uralte, jedem Menschen in unbewusster Erinnerung positv besetzte Verhalten hat sich DES RAUCHENS BEDIENT bzw. machte (bei mir) offenbar einen großen Teil der Sucht aus.

Weil ich nicht zunehmen und mir das unbewusste „mehr naschen“ bzw, „mehr essen“ nicht erlauben wollte, hab ich diesen oralen Sucht-Aspekt gut kennen gelernt. Und bin recht froh über diese frühe Entdeckung, denn

**** EIN SÄUGLING IST NICHTRAUCHER!! *****

Die Rückkehr zu ANDEREN oralen Genüssen (zuckerfreie Lutschbonbons, hochvolumiges, aber kalorienarmes Essen, über den Tag verteiltes genüssliches Verspeisen kleiner Portionen) ist also voll befriedigend – auch und gerade für diesen etwas peinlichen Säugling in mir, der Jahrzehnte lang mit einer Kippe im Mund vorlieb nehmen musste.

Eine andere Sache ist es, nun auch von dieser „Lutsch-Sucht“ wegzukommen, nachdem sie vom Glimmstengel ENTKOPPELT wurde. Auch das geht, genau wie auch beim Rauchen – nur ist es nicht so dringlich, denn ein bisschen zu oft Bonbons lutschen ist ja nicht weiter schlimm. :-)

Ich bemühe mich trotzdem ab und an, die Leere „ohne“ als ein Aktivitätspotenzial zu spüren, das ANDERS gefüllt werden will als durch Konsum beruhigender Saug-Empfindungen: was TUN zum Beispiel, etwas, wobei der Körper mitmachen muss!

Denn die Ruhigstellung des Körpers war bei mir die hauptsächliche Aufgabe des Rauchens – wobei auch das Dämpfen bzw. Betäuben körperlich-emotionaler Erregungszustände mit gemeint ist.

Und wofür? Um ein ungestörtes Sitzleben vor dem Monitor führen zu können: lesend, denkend, schreibend, kommunizierend, analysierend, projizierend, bewertend, planend und gestaltend – durchaus kreativ, jedoch nur einen Teil meiner menschlichen Potenziale nutzend.

Der Rest musste still gestellt werden, koste es, was es wolle.

Diskussion

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4 Kommentare zu „Vielleicht gibt es nur EINE Sucht in 1000 Gestalten“.

  1. prima! das bild des rauchenden säuglings macht mich zunächst schmunzeln. gut gewählt, der vergleich – sagt eine raucherin, die sich ab und an fragt, was sie da eigentlich tut …
    viele grüße

  2. falls du drüber nachdenkst,aufzuhören: ich staune selbst, wie leicht es diesmal geht. und es ist wirklich wunderbar, den ganzen schmodder nicht mehr zu haben!

  3. Ich hab mal gelesen, das Kaugummi kauen die Konzentration anregt, weil durch das Bewegen der Kaumuskeln… und da verlassen mich meine Erinnerungen eben. ;-) Aber diese Richtung könnte auch noch ein Grund sein, warum rauchen einem den Eindruck vermittelt, sich dabei besser konzentrieren zu können…

  4. Gute Analyse! Teilweise wird ja auch von Suchtpersönlichkeit gesprochen. Zu dieser Suche nach dem zufriedenen Säugling kommen vielleicht noch die Erfahrung, dass nur ein ruhig sitzendes Kind ein braves Kind ist und ruhiggestellt und Liebe vermittelt wurde über die Zuführung Essen (eine positive orale Erfahrung, die man mental dann auch auf das Rauchen überträgt).

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