Claudia am 11. Mai 2009 — 3 Kommentare

Werden wir zu Insekten?

Wenn ich morgens erstmal ein wenig herum surfe, auf Rivva die Themen der Blogosphäre betrachte, einige Blogs und Mainstreammedien aufsuche, die auf meiner Startseite verlinkt sind, empfinde ich das Web oft als irgendwie „zu flach“. Eine völlig irrationale Anmutung, denn wie könnte es denn je „tiefer“ sein, wenn ich doch immer nur eine einzelne Seite auf einmal ansehen kann?

Diese einzelne Seite, die mein Interesse durch eine Artikelüberschrift geweckt hat, scheint mir mehr zu verbergen als zu zeigen: das ganze Web ist ja immer „dahinter“. Angesichts der unendlich vielen Blickwinkel auf die Welt, die ich mir „potenziell“ zu Gemüte führen könnte, ist sie ein Nichts, ein irrelevantes Stäubchen im Sandsturm, den ich immer nur ahne, aber niemals in ganzer Ausdehnung anschauen kann.

Auch ich bin so ein Stäubchen angesichts des Ganzen – aber für mich selbst bin ich das Zentrum. Eine verzerrte Sicht der Dinge, aus der ich nur sehr begrenzt in Gedanken mal aussteigen kann.

Norbert Bolz prophezeit unterdessen im SPIEGEL, dass wir mittels direkter Gehirnvernetzung demnächst zu Insekten werden:  „Biokybernetische Kommunikationssysteme werden das Zentralnervensystem des Menschen und seinen Computer direkt verschalten, die Datenflüsse des Gehirns direkt steuern – Stichwort Biochip. Ein ins Gehirn implantierter Computer wird es dann auch ermöglichen, von Gehirn zu Gehirn zu kommunizieren – das war bisher den Engeln des Mittelalters vorbehalten.“… Der Computer wird von der Black Box zum Kleidungsstück und schließlich zum Implantat. Nanotechnologie sorgt dafür, dass der Computer weniger als Werkzeug denn vielmehr als eine Art Kleidung oder gar Haut erfahren wird. Nano-Biosensoren im Körper kontrollieren Gesundheit und Stresslevel.“

Total gehirnvernetzt würde mir wohl nichts mehr „zu flach“ vorkommen, denn es gäbe keine Trennung, kein sinnlich wahnehmbares „Interface“ mehr zwischen mir und den Informationswelten, die alle und alles umfassen.

Ist Bolz ein Spinner?  Angesichts der nur noch geringen Fähigkeit vieler, sich zu konzentrieren, glaube ich nicht an die „Gehirnsteuerung“ – außer in der Art, wie sie derzeit bei Hightech-Prothesen schon im Einsatz ist: Ersatzmuskeln steuern, das scheint zu gehen. Hätte ich aber „Google im Kopf“, würde es kaum gelingen, noch irgend etwas genauer anzuschauen, denn jeder Begriff, über den ich nach-denke, würde bereits neue Infos ins Bewusstsein heben. Das Chaos im Kopf würde ein Handeln unmöglich machen.

Vielleicht ist das aber genau das, was fehlt? Der Mensch, endlich still gestellt in seinem oft genug zerstörerischen Aktivitäts- und Expansionsdrang?

„Der Körper und seine Gegenwart werden für das Funktionieren unserer Gesellschaft immer unwichtiger. Was zählt ist Erreichbarkeit, nicht Anwesenheit; was zählt ist Funktion, nicht Substanz.“

Das ist zum Teil heute bereits so – und doch ist es eine Lüge. Denn die Motiviation, überhaupt irgend etwas zu tun, entsteht im Körper, in der Welt der Gefühle und Empfindungen, die auf alles reagieren, was so „herein kommt“ – aber eben in hohem Maße vom Grundbefinden im „Hier und Jetzt“ abhängen. Mal raus auf den Balkon treten, in die Sonne blinzeln, ein paar Mal tief einatmen – und schon ist man völlig anders drauf!

Im Rahmen eines Honorarjobs schreib ich unter anderem immer wieder Texte zum Thema Diät – rein körperlich verstanden. Es ist aber eine ganz andere Diät, die die zunehmend vernetzte Menschheit braucht: nämlich die Info- & Input-Diät. Mal kein Blick ins Netz, kein TV, keine Musik, kein Handy, keine Zeitungen, nicht einmal ein gutes Buch – sondern einfach da sein, in der Welt sein, jedoch nicht nach außen schauen. Wer das gelegentlich übt, wird sich zunächst vorkommen wie „ausgesetzt“ – und doch bald bemerken, wie sehr es dem inneren Frieden nützt.

Wir sind übende Wesen und müssen uns gewisse Anthropotechniken aneignen, die einst nur im Rahmen religiöser Askesen tradiert wurden, sagt Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch „Du musst dein Leben ändern“. Das Wissen um die Ausschaltknöpfe all der Gerätschaften und die Fähigkeit, Info-Angebote auch mal links liegen zu lassen – erst wenn das ganz verschwunden ist, sind wir das, was Norbert Bolz als Ziel der Entwicklung ansieht: ein Schwarm von Insekten.

Diskussion

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3 Kommentare zu „Werden wir zu Insekten?“.

  1. beinah könnte man sagen, dass achtsamkeit, stille, sinnenspaziergänge, ruhepausen u.ä. mittel sind gegen die gefahr, ein fremdgesteuertes insekt zu werden….
    habe grad das radio ausgemacht, da quakte einer arg schnell und hektisch, dass doch bitte jeder mensch, um okay zu sein, noch ein ehrenamt übernehmen müsse
    habe mich bei facebook wieder abgemeldet
    schaue fast kein TV
    das tut gut.
    dein artikel auch.
    gruß von sonia (habe heute das grüne buch von rosadora bekommen, auf ihrer seite angekündigt!)

  2. Über diese Flachheit habe ich auch vor kurzem nachgedacht. Das bloggen habe ich segeln genannt, ein herumschippern auf der Oberfläche – aber eben kein Tauchen, nichts, was in die Tiefe geht. Dazu müsste man springen – ins kalte Unbekannte.
    Mit deinem Beitrag sehe ich das jetzt etwas anders, und es ist immer wieder seltsam, wie sich so etwas verändern kann, wenn jemand anderes ähnliche Gedanken in seine Worte packt.
    Vielleicht liegt es auch daran, dass wir nicht mehr ins Netz geben wollen. Zu groß sind die Warnungen allerseits, nicht zu viel preiszugeben, denn – es könnte irgendwann negativ gegen dich verwendet werden.
    Also wäre die Frage, was soll rauskommen, wenn nichts reingegeben wird?
    So kann ich mich gut mit dem Gedanken anfreunden, übende Wesen zu sein. Das gibt uns den Raum, Neues in vieler Art auszuprobieren und dabei auch mal ruhig Fehler machen zu dürfen.

  3. Ich stimme dir zu. Schön geschriebener Artikel.

    Wahrscheinlich, wird allerdings großer Teil der Menschheit versuchen auf eine kybernetische Gesellschaft hinzuarbeiten, sich wohlweislich nicht der Gefahren bewusst, die diese heraufzubeschwören vermag.

    Es ist nicht geklärt, ob eine derartige Vernetzung das Gefühl der Einsamkeit, welches die Individualität begleitet, abzustellen vermag. Und verwandelte sich der Mensch nicht in etwas völlig anderes, wenn er niemals mehr den „Stimmen  der Vielen“ entkommen könnte?

    Außerdem: Nicht wenige Entwicklungen in unserer jüngeren Geschichte zeigen, dass der Mensch mit Massenphänomenen (Propaganda, religöse Kulte, fragwürdigen Weltanschauungen, etc.) nur sehr schlecht umgehen kann, als wäre der Mensch als Teil einer Gruppe anfälliger für derartige Dinge, wie als Individuum (und doch ist diese Beobachtung sicher nur teilweise korrekt).

    Mir scheint unsrer eigener Körper die letzte Verbindung zu unserem Ursprung zu sein, den wir im allgemeinen als Natur bezeichnen. Entfremden wir uns noch mehr von ihm, besteht die Gefahr einer noch größeren Entwurzelung von unserer Heimat, unsrern Ursprüngen, unserem Selbstverständnis (größer als diejenige die mit der Modernen Einzug hielt) ?

    Aber vielleicht sind meine Überlegungen auch nur ein Ausdruck meiner Ängste vor einer neuen Entwicklung…

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