Claudia am 17. März 2009 — 11 Kommentare

Finanzkrise – müssen wir uns fürchten?

Da man im Internet äußerst unterschiedliche Einschätzungen zur weiteren Entwicklung lesen kann (bis hin zu Untergangspropheten, die allen Ernstes zur Bewaffnung raten), frage ich immer mal wieder mir persönlich bekannte Menschen aus anderen Ecken der Welt nach ihrer Sicht der Dinge.

Zum Beispiel Peer, meinen lieben Freund in Phnom Penh, der in Kambodscha an der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes mitarbeitet. Ich wollte wissen, ob er vielleicht Gründe sieht, meinen nächsten Besuch bei ihm vorsichtigerweise ausfallen zu lassen. Mit seinem Einverständnis zeige ich hier seine Antwort auf meine Mail, in der ich ihm auch allerlei besonders „katastrophische“ Webseiten, die sich fast genüsslich dem Ausmalen zivilisatorischer Zusammenbrüche widmen, zeigte.

„Es ist ja wirklich grauenhaft, welche Mengen dummes Geschwätz durch den offenen Zugang zu den Medien entstehen. Früher kannte man den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Zeitung, heute glaubt die Mehrheit jeden Unsinn, nur weil er im Internet steht. Die Panikmache und das Jammern sind zwei Leidenschaften der reicheren Nationen geworden und verinnerlichen sich dort immer mehr.

Darf ich dich an letzten Sommer erinnern, als ein Barrel Öl über 100 US$ kostete? Da wurden monatelang die finstersten Gespenster an die Wand gemalt und bereits mit konkreten Zahlen hochgerechnet, wie viele Menschen im Winter in Deutschland erfrieren werden. Und dann? Wer spricht heute vom Erdölpreis? Wo sind all diese hochkarätigen „Fachleute“ und „Experten“ vom letzten Sommer? Hast Du schon mal jemanden gehört, der seine Fehleinschätzung zugegeben hätte?

Was ist denn eigentlich passiert, wie sieht ein solcher „Zusammenbruch“ aus und wen betrifft er? Unsere Finanzmärkte, wie sie so schön heißen, haben ein System kreiert, wie man ohne zu arbeiten reich werden kann, indem man Geld permanent verschiebt (verleiht). Erstens ist Gewinn ohne Arbeit gegen jede Lebensregel, weil die schlicht besagt, dass man für sein Überleben was tun muss. Schau ins Tierreich! Zweitens sind durch mangelnde Aufmerksamkeit und geringe moralische Grundsätze Schneeball-Systeme im Finanzwesen entstanden. Du kennst das: ich werbe 10 Leute, die 100 Euro in die Kasse zahlen und 1000 Euro kriegen, wenn sie jeweils 10 neue geworben haben, die dann wieder 1000 Euro kriegen, wenn sie 10 neue geworben haben – und so weiter. Jeder weiß, dass dieses Spiel einmal krachend und mit Verlust für die meisten Beteiligten endet. Und solche Systeme hatten sich mehr und mehr in die internationale Finanzwelt eingeschlichen. Einige haben auch bombig daran verdient: der aufgeblähte Aktienmarkt und die Menge der riskanten Hedge Fonds sprachen eigentlich eine deutliche Sprache. Aber in dieser Situation, wo alles zwar höchst riskant, aber doch noch gut läuft, sind die Warner oder gar die Panikmacher eher stumm. Die kommen erst, wenn’s zu spät ist. Und Gambling macht ja vielen auch Spass, die Hoffnung auf (unverdienten) Gewinn und dann das große Jammern, wenn man alles verloren hat.

Aber wen betrifft es letztendlich? In erster Linie die, die aktiv gegambelt haben. In zweiter Linie aber auch Wirtschaftskreisläufe, die sehr stark (und manchmal bis zu unseriös) von Krediten abhängig sind, wie etwa die Bauwirtschaft. Und natürlich haben aufgeblähte Finanzmärkte auch einen erhöhten Konsum und dadurch ein entsprechendes Wirtschaftswachstum zur Folge. Denn die Individuen, die daran teilhaben, investieren hauptsächlich in drei Bereiche: man kauft sich ein Haus, ein neues Auto oder macht eine tolle Reise. Und genau diese Branchen brechen jetzt konsequenterweise ein, mit Wirtschaftswachstum ist es erstmal vorbei. Ist ja auch klar, weil vieles davon gar kein richtiges, sondern aufgeblähtes Wachstum war! Die Blase ist nun leider geplatzt. Musste sie aber sowieso irgendwann.

Trotz der vielen Horrormeldungen, Claudia: kein Grund zur Panik! Wir werden nicht verhungern, wir werden lediglich unseren Konsum etwas einschränken müssen und das war ja schon lange fällig. Wird aber vermutlich noch nicht einmal lange dauern. Verglichen mit den Armen hier in Kambodscha werden wir weiter im Luxus leben.“

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Diskussion

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11 Kommentare zu „Finanzkrise – müssen wir uns fürchten?“.

  1. Na toll! Erst überbieten sich Zeitungen, Radio und TV mit düstersten Krisenmeldungen, schreiben das Ende des Kapitalismus in Leitartikel, dann entwickeln einige Webber und Blogger apokalyptische Phantasien, teils durchaus ironisch, und dann kann man rufen: „O, wie seriös die Presse! Uh, wie reißerisch, wie negativ das Internet!“

    Dein Freund hat Recht. Wären all diese Sensationsmedien nur zahlenden Kunden zugänglich, nicht jedermann, hätten die Leute lieber aus ihrem Garten gebloggt.

    Ich fürchte übrigens auch, dass nur die Gürtel ein wenig enger geschnallt werden, die Völker die neuen Vermögen ein, zwei Generationen lang abarbeiten und der Westen erst mal im Luxus bleibt, wie Kambodscha arm. Schön, der Erhalt Verhältnisse, kein Grund zu Pessimismus. (Das falsche Leben gehe! auf das richtige (es weiß ja, wie es sein soll) in kleinen Schritten zu.)

  2. Mit gefällt ja insgesamt, was der Herr Peer sagt.
     
    Aber das: <i>“Erstens ist Gewinn ohne Arbeit gegen jede Lebensregel, weil die schlicht besagt, dass man für sein Überleben was tun muss. Schau ins Tierreich!“</i>“ schüttelt mich doch durch und durch. Wenn ich einen Satz aus der Alltagsphilosophie der Menschen um mich herum liebe, dann den: <b>“Durch seiner Hände Arbeit ist noch keiner reich geworden.“</b>
     
    Ahne ich da eine kaum überbrückbare Differenz der jeweiligen Lebenswelten, aus denen sich kluge Regeln ziehen lassen?

  3. Oh Mann, daß deine Webiste die HTML-Tags ignoriert, die überall sonst gelten,  werde ich mir wohl nie merken können.
     
    LG
    Susanne

  4. Website, natürlich, um das Chaos perfekt zu machen!

  5. @Susanne:  bin grad auf dem „Weg ins Bett“, deshalb nur zum Technischen: Mich wundert, dass du  das alte und echt nicht von jedem beherrschte HTML vermisst, wenn doch extra ein bequemer EDITOR hier eingebunden ist, der oben Buttons mit „B“ (bold/fett), „I“ (italic/kursiv) und „U“ für Unterstreichung anbietet.  Ist das nicht intuitiv ERKENNBAR??

  6. Na, nun doch noch das weiter oben gelesen: ÜBERLEBEN und REICH WERDEN sind aber auch ganz zwei verschiedene paar Stiefel. :-) Vermutlich liegt im Streben nach „reich werden“ der Hase im Pfeffer.

  7. Denk ich auch. Mit Arbeit (Lohn) kann man überleben, mit Arbeiten-Lassen (Gewinn) reich werden – und ohne Arbeit weder das eine noch das andere.

    Nb.: Ich ziehe meine Behauptung (<a href=“http://www.claudia-klinger.de/digidiary/2009/03/17/finanzkrise-muessen-wir-uns-fuerchten/#comment-8677″>Abs. 3</a>) zurück. Die Staaten haben sich anders entschieden, als ich hoffte, und setzen doch auf die Notenpresse. Es wird nichts abgearbeitet.

  8. @Clauia

    Zum Technischen:
    Du hast Recht, der Editor ist komfortabel. Intuitiv offensichtlich nicht, zumindest für mich nicht. Das liegt sicher an meinem Stolz darauf, ein paar HTML-Tags kapiert zu haben, so daß ich sie andauernd anwenden will. Und wie ich unten Dirks Kommentar entnehme, funktioniert das Link-Einfügen scheinbar auch nicht so recht.
     
    Zum Inhalt:
    Ich las in dem Zitat aus ‚Gewinn‘ etwas mehr als das bloße Überleben. Dafür braucht es natürlich Arbeit, vorzugsweise aber auch die anderer Leute. Die physische Aneigung der Natur (i.e. Arbeit als Herstellen von Lebensmitteln) muß erfolgen, da Säuglinge (noch!) nicht dazu in der Lage sind, mehr herzustellen als sie selbst verbrauchen (de factor stellen sie nicht einmal das her), und nur das Stillen also nicht ausreicht, Menschen zu ernähren.
    Ich wollte oben darauf hinweisen, daß in unseren Weisen der Reproduktion Konsum und Produktion sehr weit auseinander liegen. Zu weit, um die Lebensweisheiten unmittelbarer Susbsitenzproduktion (oder der Tierwelt) dort ‚hinauf‘ abbilden zu können.

  9. Na, zudem gibts ja jede Menge „leistungsloses Einkommen“, etwa durch einfachen Kapitalbesitz. Da haben Menschen ja vielleicht etwas zustande gebracht, was es im Tierreich so nicht gibt – allerdings gibts ja doch Tiere, die nur mal eben den Mund aufmachen brauchen.. :-))

     

  10. […] der Kosten sowie Insolvenzsicherheit entscheidend für den. So legen gerade in Zeiten der Finanzkrise 75,2 Prozent der Befragten einen hohen Wert auf den Schutz vor Totalverlust ihrer […]

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