Claudia am 25. November 2008 — 3 Kommentare

Domian

Den wochentags zwischen ein und zwei Uhr Nachts im WDR laufenden Telefon-Talk mit „Domian“ hab‘ ich erst vor einem halben Jahr entdeckt, denn zu der Zeit schlafe ich normalerweise. Mittlerweile höre bzw. schaue ich ab und zu mal rein und bin jedes Mal schwer beeindruckt: einerseits von der unglaublich einfühlsamen und kompetenten Art, in der Jürgen Domian mit den extremsten Problemen umgeht, andrerseits von den Menschen, die da anrufen. Oft sprechen sie über Dinge, über die sie noch niemals mit irgend jemandem gesprochen haben – und angesichts der Berichte kann man das auch gut verstehen.

Die Sendung dauert genau eine Stunde und in der Zeit spricht Domian mit ca. sechs Anrufern. Diejenigen mit den ganz heftigen und zudem aktuellen Problemen gibt er weiter an „seine Psychologin“, die sich zusammen mit dem Anrufer weiter um eine reale Bearbeitung bzw. Bereinigung der Situation kümmert. Anders wäre das „Format“ nicht denkbar, wäre bloßer Elends-Voyeurismus auf hohem Niveau. Dass es das nicht ist, liegt aber vor allem an Domians „Charisma“, dessen Mitfühl-Potenzial unendlich zu sein scheint, ohne dass er jemals ins „Betütteln“ abgleitet. Im Gegenteil, er liest manchen Anrufern auch ganz ungebremst die Leviten, wenn sie sich etwas aus seiner Sicht Unentschuldbares zu schulden kommen ließen: wie etwa gestern Nacht der 34-jährigen Frau, die von ihrer Beziehung zu einem 17-Jährigen berichtete, von dem sie nun auch noch schwanger sei.

„Domian“ ist ein funktionierender „Beichtstuhl der Nation“, in dem diejenigen, die mit ihrer Problematik die Dimensionen gewöhnlichen Leids sprengen, Gehör finden. Manche Gespräche landen auf Youtube, wie etwa die skurrile Geschichte des Mannes, der seine Sexualität mit „60 Kilo Hackfleisch“ auslebt, das er sich einmal im Monat gönnt. Die meisten Beiträge sind jedoch weniger skurril und manch eines reicht über das Schicksal einer Einzelperson hinaus, wenn sich zum Beispiel Menschen mit seltenen Krankheiten melden, die von der Medizin nichts zu erwarten haben, um andere Betroffene zu finden.

In einem SPIEGEL-Interview erzählte Domian selbst, was aus seiner Sicht den Erfolg der Sendung ausmacht: „Ich glaube, das Erfolgsrezept der Sendung hat gar nicht direkt mit meiner Person zu tun. Die Idee dahinter ist, dass man eine solche Sendung nur mit einem Moderator besetzen kann, der eben kein klassischer Moderator ist, sondern jemand, der so authentisch wie möglich ist. Mit all den Ecken und Kanten, die man eben so hat. Der damalige WDR-Hörfunkchef Fritz Pleitgen, der die Sendung auf die Schiene gesetzt hat, sagte damals zu mir: „Vergessen Sie alles, was Sie als Journalist und Moderator gelernt haben: Distanz, das Sich-Zurücknehmen, das Einordnen. Seien sie, soweit es möglich ist, Sie selbst und halten Sie sich an die Gesetze.“ Das rechne ich ihm immer noch hoch an – eine solche Einstellung ist geradezu sensationell für einen öffentlich-rechtlichen Hierarchen.“

Was Zuschauer und Zuhörer (hoffentlich!) von Domian lernen können, ist die respektvolle Akzeptanz des Andersartigen, die in jedem Gespräch spürbar ist. Ganz gewiss hören aber auch viele zu, die mittels einer halben Stunde Domian-Talk erfahren, wie gut es ihnen doch noch geht – so im Vergleich.

„Ich habe ein Leben zerstört“ war letzte Woche Thema einer Sendung – angerufen haben ausschließlich Männer. Die Schuld, die sie Jahre lang mit sich herum trugen, konnten sie bei Domian beichten. Heute Nacht soll es um den „Tatort Familie“ gehen, doch werde ich heute lieber schlafen. Die Sendung hat nicht nur Kult-Status, sondern auch einen Sucht-Faktor: zuhören heißt, ein wenig am Ausnahmezustand teilzuhaben, aus dem heraus die Anrufer sich oft genug zu Wort melden. Einigen hört man an, dass sie nicht ganz nüchtern sind – ob sie sich nur Mut angetrunken haben oder ob der Alkohol ein wichtiger Teil ihrer Problematik ist, bleibt unklar.

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Nachtlager.de – Fan-Seiten mit Sendungs-Archiv
DOMIAN – das Buch: Wie die Sendung zustande kommt und wie Domians Leben rund um den Nacht-Talk aussieht.

Diskussion

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3 Kommentare zu „Domian“.

  1. Im Gegensatz zu den nachmittaegliechen Talkshows ist die Qualitaet von Domain wesentlich besser. Auch unterscheiden sich die Beitraege deutlich. Ich kann es durchaus nachvollziehen, das es Themen gibt, die jeder ohne Vorurteile besprechen will, denn Freund, Bekannte und Verwandte sind teilweise doch sehr voreingenommen.

  2. Über die Qualtität der Talkshows braucht man sich ja wirklich nicht zu Unterhalten. allerdings sind diese, meiner Meinung nach, einfach Unterhaltsamer wie Domian. Ich habe die Hobby Psychologen schon des öfteren gesehen, und ausser warmen Worten nicht wirklich was Interessantes gehört. Klar gibt es Leute die einfach jemanden zum zuhören brauchen, ob das übers fernseh aber der richtige Weg ist, bewage ich zu bezweifeln….

    -village

  3. Also ich finde Domian auch mal ein tolles Format, das sich natürlich gänzlich von den bekannten Nachmittags-Talkshows abhebt. Allerdings denke ich, dass sehr viele Leute so denken, und eine solche Sendung eher anschauen würden. Dass Domian dann zu einer nachtschlafenen Sendezeit ausgestrahlt wird, ist da nicht wirklich hilfreich, um wirklich alle interessierten Zuschauer zu erreichen.

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