Claudia am 15. November 2004 — 0 Kommentare

Mit dem Notebook im Bett

Zum ersten Mal bin ich mit dem Computer im Bett. Ein lieber Freund hat mir einen Notebook geschenkt, weil er meine Klagen über das Leiden am langen Sitzen nicht mehr hören mochte. Schon einmal hatte ich ernsthaft ins Auge gefasst, künftig liegend oder halbliegend zu arbeiten und mir dafür auch eine Möbelkonstruktion ausgedacht. Aber damals hörte ich letztlich auf den Rat eines Geliebten, der meinte, unzählige Menschen verbrächten täglich viele Stunden am Monitor, ohne deshalb krank, behindert oer missgelaunt zu werden. Es läge an mir, eine gesunde Herangehensweise zu entwickeln, anstatt die zeitgemäße Standardstellung zu vermeiden. Mehr Bewegung, öfter ins Fitness-Center, bessere Ernährung – ich weiß, ich weiß!

Aber ich tu’s nicht, bzw. nicht genug. Der Mausarm und die Druckschäden an gottlob nicht so wichtigen Nerven werden nicht etwa besser. Doch davon soll jetzt nicht die Rede sein, ich habe keine Lust mehr, mich öffentlich am Riemen zu reißen und Ermunterndes über die Zukunft zu sagen. Eine Zukunft, die sobald sie Gegenwart wird, mich doch wieder auf dem Stuhl vorfindet…

Hierjetzt aber liege ich im Bett, Kissen unter dem Rücken und unter den Knien eine Rolle, geformt aus der zweiten Bettdecke – toll! Ich habe darauf geachtet, keine eierlegende Wollmilchsau zu erstehen, sondern ein schlankes, leichtes Gerät, dessen Gewicht (nur 1,8 Kilo!) ich jetzt kaum spüre. Die Maus hab‘ ich gar nicht erst dran gesteckt, nur das Netzteil.

Zur Verwendung des Notebook kam mir schnell die Idee, ihn NICHT in meine Arbeitswelt einzubinden, KEINE zweite Fassung meines Tower-PCs zu erschaffen mit allem, was ich so brauche – und vor allem keinen Internet-Zugang! Dann könnte ich nämlich E-Mail lesen, wäre für alle erreichbar, hätte alle meine halb erledigten Aufgaben und Werke griffbereit – es wäre ein zweiter Arbeitsplatz und dessen Forderungen könnte ich mich nicht entziehen. Ich würde noch mehr arbeiten, halt jetzt in liegender Stellung.

Lieber nicht! Ich habe nicht vor, meine Arbeitszeit zu verlängern, das Reich der Pflichten und Ziele noch weiter wachsen zu lassen, sondern ich sehne mich nach Zeit für mich. Für mich am PC! Dazu komme ich kaum noch, denn wenn ich alles geschafft habe, was ich schaffen muss, bin ich üblicherweise viel zu malträtiert vom Sitzen, als dass ich da nun noch ein bisschen schreiben, bildbearbeiten oder eigene Webseiten entwerfen wollte (auch ein Grund für die Diary-Flaute). Und schon morgens mal eben drei Stunden in ein Thema versinken, bevor ich die Außenwelt an mich heran lasse, kann ich mir derzeit nicht leisten.

Mit dem Notebook steht mir nun auch außerhalb der „Sitzzeiten“ ein PC zur Verfügung – eine Zuflucht, die mir signalisiert: hier befindest du dich im nicht vernetzten Sektor. Tu, was du willst!

Oh nein, bitte nicht schon wieder! Überall muss ich tun, was ich will, muss mit den Gegebenheiten interagieren, um es zu erreichen, muss es pflegen und erhalten, wenn es dann da ist, muss immer Neues wollen und Neues schaffen – und weiter und weiter. Es ist ok, ich kann nicht klagen, im Gegenteil, meine Arbeit macht mir Freude. Und das ist keine Schönrederei, denn zum Beispiel der gerade laufende Kurs „Erotisch schreiben“ ist der spannendste, der bisher stattfand. Ich genieße die entstehenden Texte, das offene und friedlich-lustfreundliche Miteinander von Männern und Frauen, das gelegentliche erotische Knistern – kann Arbeit schöner sein? Auch im Webseiten-Sektor baue ich gerade an einem Projekt, das mir gefällt. Ok, alles könnte etwas einträglicher sein, aber daran arbeite ich ja, oder bilde mir das zumindest ein.

Umso besser es gelingt, in selbst geschaffenen Feldern und Formen zu arbeiten, mich „zu verwirklichen“, wie man so sagt, umso sinnvoller erscheint die Frage, ob es eigentlich noch mehr gibt als DAS. Wenn ich es mal abstrahiere, besteht mein Leben daraus, Misstände zu bemerken und zu bereinigen, mich vom Gegebenen inspirieren zu lassen, Änderungen und Verbesserungen ins Werk zu setzen, die jedoch auch immer wieder verbesserungsbedürftig sind, zu weiterem Bearbeiten heraus fordern – und immer so weiter. Ein übergeodnetes Ziel gibt es – zum Glück! – nicht, ich bewerte meinen Erfolg oder Misserfolg anhand der Resonanz, die ich erfahre, und daran, ob das, was ich tue, nun auch das ist, was ich mir erträumt habe, als ich damit anfing. Ich bin die Maus in einem zu großen Teilen selbst gebauten Laufrad, das eingebunden ist ins große Räderwerk, das unsere Welt am laufen hält. Nichts dagegen, aber ist das schon alles?

Der Raum des Schreibens

Mir scheint, ich bin reif für die Insel. Doch nicht das entlegene Eiland im Pazifik, nicht der Urlaub, die Kur, die Ayurveda-Wellness-Woche locken mich, sondern ein immaterieller Ort des Innehaltens, den ich gelegentlich aufsuche, um frei von Zielen und Zwecken dem nachzuspüren, was Dasein sonst noch bedeutet. Einfach Ruhe, Beruhigung der bewegten Oberfläche, egal in welchen Formen das stattfindet – aber KEINE Sitzmeditation!!! (Wenn ich DARAN denke, fällt mir die ganze Absurdität auf, die darin liegt, Menschen, die in der Mehrzahl den ganzen Tag sitzen, zum Zweck der Besinnung dazu anzuhalten, noch mehr zu sitzen!)

Der „Raum des Schreibens“ jenseits eines „Um-Zu“ war mir im Zuge der mehr werdenden Arbeit entglitten. Gleichzeitig hatte ich in diesem Sommer damit aufgehört, „alles, was mich bewegt“ und doch nicht ins Diary passt, an jenen fernen Geliebten zu mailen: diese alte Geste des Mich-Mitteilens, die ich einst auch jahrelang gegenüber meinem Yogalehrer pflegte, passt nicht mehr. Besser gesagt, hat sie Nebeneffekte, die zunächst nicht auffallen, aber im Lauf der Zeit eine Art „Zweitrealität im Kopf“ erschaffen, die mit den real existierenden Beziehungen zwischen Sender und Empfänger kaum mehr etwas zu tun hat. Ich nenne es die „Internet-Verstrickung“: das Ausbluten der Realität zugunsten der Virtualität. Was „der Möglichkeit und Kraft nach vorhanden“ ist, ist dennoch nicht WIRKLICH vorhanden – aber das ist oft kaum mehr spürbar, bis das Reale sich zurück meldet und klar wird, was bloßer Gedanke ist und was Fakt.

Heute kommuniziere ich anders, beziehungszentrierter. Der Wunsch, schreibend etwas auszudrücken, was mich beeindruckt, hat im Web und anderen, an ein allgemeines Publikum gerichteten Medien den rechten Ort – nicht aber in der persönlichen Kommunikation, deren Charakter immer dialogisch bleibt, auch wenn man bis zum Abwinken und in beiderseitigem Einverständnis monologisiert. Denn was der Andere nicht sagt, denke ich mir dazu, lege ich in sein Schweigen hinein, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Ich öffne mich, zeige mich, ergründe die letzten Winkel meiner Seele – und das Schweigen des Gegenübers interpretiere ich als liebevolles Zuhören: Er versteht mich, wie niemand sonst.. und das ist nur die erste einer Reihe aufeinander aufbauender Annahmen, die zusammen ein Gebäude ergeben, das nicht auf Grund steht, sondern ein Luftschloss ist. Herrlich anzuschauen, aber nicht real!

In dieser Irrealität erlebte ich ein Gefühl der Geborgenheit, das mich inspirierte, die Selbstentblößungen auf ungekannte Gipfel zu treiben. Gleichzeitig dümpelte die „Außenseite“, nämlich dieses Webdiary in zunehmender Langweiligkeit vor sich hin. Ich habe ja kein Interesse daran, mein Denken und Erleben zu „diskutieren“: es ist, wie es ist, und je näher mir etwas geht, desto weniger möchte ich mich mit Lesern auseinander setzen müssen, bei denen ich vielleicht anecke. Wozu sollte das gut sein? Ich schreibe ja nicht, um mir Rat zu holen, jemanden zu meiner Sicht der Dinge zu bekehren, oder um zu streiten, sondern … ja WARUM DENN???

Hier stockt der Schreibfluss und mir fällt nichts ein. Ich schreibe, weil ich schreibe – ich projiziere meine Deutungen in die Leere und das tut mir gut.

Was ich an Nähe und Geborgenheit in einer „tief gehenden“ und schrankenlosen persönlichen Kommunikation erlebe, das bin ich selbst, das ist einfach das „bei mir sein in Wahrheit“. Es kommt nicht vom Anderen, wie man meinen könnte. Der Andere bietet lediglich einen „geschützen Raum“, vergleichbar dem, den ich in meinen Kursen und privaten Coachings errichte.

So ein „geschützter Raum“ ist wundervoll: er gibt Gelegenheit, sich selbst zu begegnen, ohne Angst haben zu müssen. Auf Dauer aber muss man ihn verlassen, genau wie man irgendwann den Sandkasten verlässt, um die Welt zu gewinnen.

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