Claudia am 08. September 2004 — 0 Kommentare

Von der Lust an der Arbeit

Mein Problem mit der Selbstdisziplin, von dem der letzte Beitrag handelte, ist wieder einmal vom Tisch: einfach weggefegt, aufgelöst in der Begeisterung für ein neues Projekt, das mir diesen gewissen „Geschmack von Abenteuer“ bietet, der mich beflügelt. Ein Kurs „Erotisch schreiben“ – hätte mir jemand zum Start meiner Schreibimpulse-Kurse vor einem Jahr prophezeit, dass ich „so etwas“ machen werde, ich hätt’s nicht geglaubt! Wie ich dann doch dazu gekommen bin, steht im Artikel „Erotisch schreiben – vom Spannungsfeld zwischen Lust und Literatur“. Bemerkungen, Tipps, Fragen und Meinungen zu dieser Kurspräsentation sind sehr erwünscht! (auch per Privatmail).

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Wenn ich mein Verhältnis zum Arbeiten insgesamt betrachte, dann sehe ich, dass ich Arbeit als „notgedrungenes Muss“ immer schon gern vermeiden wollte. Lange Zeit glaubte ich, ich sei schlicht „faul“, weil es ja so normal zu sein schien, Dinge zu arbeiten, an denen man nicht das geringste persönliche Interesse hat. Verwaltungskraft in einer Behörde, Mitarbeiterin in einer großen Firma – nichts fand ich abschreckender als so einen „9 to 5-Job“, von denen ich einige während des Studiums aus der Nähe besichtigen konnte.

Also versuchte ich zeitlebens, mit dem Geld zu verdienen, was mir gerade Spaß machte. In den Jahren des Stadtteil-Engagements hatte ich „prekäre Honorarjobs“ auf niedrigem Niveau. Geld und Sicherheiten waren mir egal, ich ging in der Arbeit auf, was wollte ich mehr? Als es mir dann mal gelungen war, einen großen öffentlichen Auftrag für unseren Verein an Land zu ziehen, stellte ich mich selber für ein halbes Jahr an – und ab da kam ich in den Genuss der „originären Arbeitslosenhilfe“: unbefristet wie nirgendwo sonst, im Grunde eine lebenslängliche Rente, in die man bequem „zurückfallen“ konnte, wenn ein befristeter Job zu Ende war. In einer solchen „Lücke“ entdeckte ich dann 1996 das Internet und arbeitete mich begeistert ein. Meine selbst organisierte „Umschulung und Weiterbildung“ zur Webworkerin führte schon bald zu ersten Aufträgen, zudem schrieb ich nebenbei für Printmedien: schlecht bezahlt, aber ich konnte so ziemlich schreiben, was ich wollte: Hauptsache Internet!

Anfang ¨98 konnte ich dem Arbeitsamt ade sagen. Es lief so gut, dass ich nicht einmal das Übergangsgeld in die Selbständigkeit beantragte: Zuviel Papierkrieg für Peanuts! Ein einziger Auftrag brachte mir mehr als die Förderung für ein halbes Jahr ausgemacht hätte, also verzichtete ich dankend. Ich war „auf dem Markt angekommen“ und was ich da erlebte, gefiel mir sehr. Alles lief „wie von selbst“, ich hatte immer wieder neue, interessante Webprojekte, die Kunden fanden sich von alleine ein. 1999 streifte mich sogar der „Net-Hype“: ich verdingte mich als „Art-Directorin“ bei einem kleinen Start-Up-Unternehmen. Als „feste Freie“ verdiente ich ganz kurz soviel wie noch nie zuvor und fühlte mich auf einmal als „besser Verdienende“. Dass ich um das Honorar kämpfen musste, weil mein Auftraggeber von Beginn an an der Pleite entlang schrammte (wer zu spät kommt, den bestraft das Leben), bestätigte allerdings meine Vorurteile: sobald es richtig Geld gibt, beginnt das Hauen & Stechen – dazu hatte ich keine Lust, musste mich schwer überwinden und war dann richtig froh, dass ich den Vertrag kündigen konnte.

Obwohl es nun nicht mehr ganz so locker Aufträge regnete, hatte ich weiterhin mein Auskommen. Doch immer wieder beschäftigte mich die Frage: Soll ich anstreben, zum Geld verdienen „Brotjobs“ zu machen, um daneben dann Zeit zu haben für das, was mir wirklich Spass macht? Oder soll ich versuchen, von dem, was mich am meisten inspiriert und Herzblut kostet, auch zu leben? Beide Vorgehensweisen haben Vor- und Nachteile. Zudem sind sie nicht wirklich zu trennen, solange ich nicht mit einem „Herz-Projekt“ so erfolgreich bin, dass ich nichts Anderes mehr brauche. Doch selbst, wenn das eintritt: Wie lange fasziniert es mich, Monat um Monat dasselbe zu tun? Schnell werde ich zur Angestellten des eigenen Projekts und sehne mich wieder nach „Freiheit“. So richtig „in den Griff“ bekomme ich das Thema Arbeit bisher nicht. Es bleibt ein Spannungsfeld zwischen Lust und Notwendigkeit, auf dem ich mir manchmal vorkomme, wie auf dem Hochseil; insbesondere dann, wenn ich mit Dingen, die es so noch nicht gab, frischfröhlich dem Markt ins kalte Auge sehe (wie jetzt mit dem neuen Kurs).

Harz 4 – der erzwungene „Ruck“

Die unbefristete Arbeitslosenhilfe, die mir einst Zwischenfinanzierung und Starthilfe war, ist nun abgeschafft. Ohne sie hätte ich 1996 meinen befristeten Projektleiter-Job nicht auslaufen lassen, sondern halbtags weiter gemacht. Ich hätte dann eben in der anderen Tageshälfte das Netz erforscht, weniger gemütlich, aber so begeistert, wie ich war, wäre das kein Problem gewesen. Selbst mit Sozialhilfe hätte nichts mich davon abhalten können, meinem Dämon zu folgen…

Ich denke oft an die vielen Menschen, die jetzt genötigt sind, auf die Schnelle etwas zu finden: einen Mini-Job, eine Ich-AG oder was immer. 500.000 sollen es sein, die plötzlich gar keine „Stütze“ mehr bekommen. Diejenigen mit Vermögen und Besitz tun mir weniger leid als diejenigen, die auf einmal vom Einkommen des Partners leben sollen. Was für eine Belastung für die Beziehung, wenn diese bisher keinerlei gegenseitigen Unterhalt umfasst hat! Man hat ja aus guten Gründen nicht geheiratet – und nun das! Ich würde auf jeden Fall lieber auseinander ziehen anstatt zur „Bedarfsgemeinschaft“ zu werden.

Druck von außen – ob er dazu führen wird, dass sich mehr Menschen aufs Neue fragen: Was will ich eigentlich wirklich? Was macht mir Freude? Was ist mein UREIGENES Ding, das mich so fasziniert, dass es mehr Spiel als Arbeit ist?

Ein Freund von mir lebt lange schon von Sozialhilfe und hat von Harz4 (erst mal) nichts zu befürchten. Wir sprechen gelegentlich darüber, was das alles für Wirkungen haben wird, aber auch über das Arbeiten ganz allgemein. Er hält sich für faul, doch ich meine, dieselbe „Pseudo-Faulheit“ in ihm zu erkennen, die mich auch selbst überkommt, wenn mich anödet, was ich da tun soll.

Ich glaube, das merke ich in diesen Gesprächen, dass es für jeden Menschen etwas gibt, was er gerne tut. Aber der Schritt, es auch zu suchen und niemals – arbeitend und nicht arbeitend – nachzulassen, kommt vielen gar nicht in den Sinn. Das wundert mich richtig, denn ein solches Leben im ungeliebten Job oder in der „sozialen Hängematte“ kann ich mir nicht vorstellen. Wo würde ich meine „Kicks“ finden, meine Abenteuer erleben, meine Fähigkeiten ausprobieren und weiter entwickeln? Auch auf das Gefühl, an der Gestaltung der Welt mitzuwirken, das eigene „für besser halten“ tätig einzubringen, könnte und wollte ich nicht verzichten. Auch nicht, wenn ich morgen eine Million auf dem Konto hätte: der Kurs „Erotisch schreiben“ würde trotzdem stattfinden!

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