Claudia am 27. April 2004 — 0 Kommentare

Die Liebe zum DU

Gewidmet den Geliebten, in der Nähe und in der Ferne

Der Andere, der Mitmensch in der Lichtgestalt des Geliebten, fasziniert wie nichts sonst auf der Welt. Auch, wenn wir meinen, ihn gut zu kennen, wenn er uns also berechenbar erscheint, wissen wir doch, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Immer bleibt ein Rest Geheimnis, ein innerer Raum, in den wir nicht sehen können – für die einen ein Faszinosum, Quell des Verlangens nach weiterer Annäherung, ja Verschmelzung, für die anderen eine Gefahr, untergründige Drohung, Quelle der Angst.

Was wir beim Anderen nicht sehen können, ist nicht deshalb verborgen, weil unser Gegenüber bewusst etwas verbirgt. Mag sein, dass er Aspekte seiner Persönlichkeit oder gewisse Tatsachen seines Lebens lieber nicht zeigen will, warum auch immer. Dies ist nicht gemeint, ja, genau diese aus allzu bekannten Motiven ungern gezeigten Aspekte sind unschwer erkennbar und meistens banal. Fehler, Versäumnisse, Versagen, Verrücktheiten, Ecken und Kanten, Charaktermängel – wer zeigt sowas schon gern? (Und wer hätte sie nicht?)

Das Geheimnis des Anderen

All dies berührt das Geheimnis des Anderen nicht einmal am Rande. Es liegt nicht dort, wo er etwas ihm Bekanntes nicht zeigt, sondern dort, wo er selber nichts von sich weiß, sich selbst (noch) nicht kennt. Im Raum der Möglichkeiten also, die erst in einem zukünftigen Augenblick Wirklichkeit werden – oder auch nie. Konfrontiert mit etwas So-noch-nie-Dagewesenem – WER ist er da?? WIE wird er reagieren? Weder er noch ich kann das wissen, alles Zusammensein und Erleben ist (auch) ein ständiges Erforschen dieser Frage, sofern es sich nicht nur um Wiederholungen schon bekannter Dinge handelt. Und selbst dann weiß ich ja nie sicher, ob er WIEDER bzw. IMMER NOCH so ist, wie bisher – oder ob er sich nicht auf einmal verändert hat und plötzlich „ganz anders“ reagiert.

Gäbe es diese Ungewissheit nicht, diese „Leerstelle“, die im menschlichen Miteinander niemals gänzlich verschwindet, wäre meine Liebe bald keine wirkliche Liebe mehr, nämlich bar jeder Brisanz für mich selbst. Sie wäre allenfalls so ein „gutes Gefühl“ wie man es als Frauchen gegenüber einem geliebten Hund verspürt.

Dem nachspürend wundere ich mich, staune über die Entdeckung: Zunächst „gefällt“ der Andere ja durch seine persönlichen Eigenheiten und ich meine, sagen zu können: Ich liebe dich, WEIL du so und so bist. Doch je mehr ich von den Reizen der Oberfläche in immer größere Tiefen von Psyche und Geist eintauche, stelle ich fest: ja, all diese „konkreten“ Eigenschaften mag ich (andere wiederum nicht…), aber nicht SIE sind es, die mich immer neu faszinieren, verlocken, verführen, binden – sondern es ist das Unbekannte, Undefinierbare: WER ist er noch, außer alledem? Was mag da noch alles „dahinter“ stecken?

In diese Frage hinein, mitten in das schwarze Loch, das der Andere in seiner Unerkennbarkeit ist, können wir alles projizieren, was wir uns nur vorstellen können und tun es auch, je nach persönlicher Gestimmtheit: Gott und Teufel, Freund und Feind, Mensch und Raub- oder Schoßtier, Partner und Gegner, Verfolger und Beute, Kind und Guru. Der Andere kann ALLES sein, solange er nichts tut, was die gerade aktuelle Projektion definitiv stört.

Diese Vorstellungen (statische Bilder!) halten wir gern für Realität, für tatsächlich existierende Aspekte des „Da draußen“, die sich in Gestalt des Anderen zeigen. Ein Irrtum, den wir im Lauf des Lebens in zunehmender Selbsterkenntnis aufklären können: Was ich in dir sehe, sagt mehr über MICH aus als über DICH – Projektionen eben. Der Andere ist mein Spiegel, in dem ich mich selbst erkenne – aber das ist nicht alles.

Da ist noch der „Leerraum“ selbst: Was ist das? Er ermöglicht das Projizieren und Sich-darin-spiegeln – aber was ist er, für sich genommen? Ist diese Leerstelle, aus der die Fülle kommt (kommen kann… könnte….), ein „Teil“ von IHM, vom Geliebten? Im Raum der Möglichkeiten existiert der Andere doch noch gar nicht, ist als Persönlichkeit und auch als Individuum noch gar nicht geboren! Wie kann ich also davon ausgehen, dieses „Nichts“ sei „ER“?

Und das tue ich, tu ich immer schon ganz unbewusst und automatisch, solange ich zurückdenken kann. Erst jetzt, diese Sätze schreibend, wird mir klar: Es hört gerade auf! Über längere Zeit ist dieses unbedachte „Für-wahr-halten“ schier unmerklich schwächer geworden – jetzt ist da nur noch ein großes Fragezeichen.

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In jedem ernst gemeinten „Ich liebe dich“ erkenne ich heute im Hinsehen aufs Jetzt und im Rückblick auf Vergangenes letztlich die Liebe zum „Dahinter“: das Fasziniert-Sein vom Ungekannten, vom Numinosen, das mir als der geliebte Andere in lebendiger Realität gegenüber tritt. Wo wäre da „er“? (es könnte auch mal eine „Sie“ sein..sag niemals, nie!) Steht er nicht dem eigenen Unbekannten genauso fremd gegenüber wie ich? Ist er nicht ebenso unwissend wie ich im Blick auf die eigene „Leerstelle“, die mir gleichwohl tägliche Wirklichkeit ist, mit der ich rechne, nach deren „beredtem Schweigen“ ich mich manchmal richte, die ich aber niemals „verstehe“?

Weiter gefragt: Ist denn jeder seine EIGENE Lichtung? Handelt es sich nicht vielmehr um denselben „Raum der Möglichkeiten“, dasselbe „Reich des Ungeborenen“, an dem wir alle auf unerforschliche Weise Teil haben – oder eben keiner von uns?

Wen liebe ich also, wenn ich sage „ich liebe dich?“ Meine ich DICH damit – oder gerade nicht? Inwiefern hat es noch „mit dir“ zu tun, wenn du mir „nur“ Tor zum Blind Date mit dem Unerforschlichen bist?

Liebe ich also wirklich „den Anderen“? Oder löst sich persönliche Liebe letztlich irgendwo im spirituellen Nebel des Absoluten auf? Verliere ich im Zuge dieses Erkennens etwas, das ich schätze, wie nichts anderes auf der Welt? Im Moment ein bedrückender Gedanke – aber ist er zwingend?

In der lebendigen Wirklichkeit menschlichen Miteinanders erlebe ich allein den Geliebten: als einen, der in ungeklärten Beziehungen zum Raum des Numinosen steht, aus ihm lebt, ihn mir durch seine grundsätzliche Unberechenbarkeit ins Bewusstsein hebt. (Genau wie ich es für ihn tue, ob er es nun bemerkt oder nicht.) Was hat das noch „mit uns“ zu tun – so ganz persönlich betrachtet?

Um das zu erfassen, bietet es sich an, zu fragen: Was fangen wir denn mit dieser Situation an? Das ganze Potenzial des Menschen, dessen Grenzen zu „allem Anderen“ nicht so ganz klar definiert sind, tritt mir in Gestalt des Geliebten entgegen – und nun? Klar, da ist in der Regel der Alltag, wir können zusammen das Dasein genießen oder auch mal gemeinsam arbeiten, Welt gestalten. Das ist die „Oberfläche“ des Miteinanders. Schaut man tiefer, entdeckt man das Wesentliche: im Genießen und Gestalten bzw. im damit zwangsläufig einher gehenden (nicht ausschließlich rationalen!) Dialog ERSCHAFFEN wir erst gemeinsam die zu genießende oder zu gestaltende Welt. Im Dialog mit dem Geliebten mache ich mit ihm aus: DAS HIER ist Wirklichkeit, jenes ist Illusion. DAS HIER bin ich, und DAS DA bist DU – der Rest ist also „Welt“. Und da wir beide in Richtung der „Lichtung“ offen sind, uns jederzeit aus dem Raum der Möglichkeiten heraus neu kreieren können, ist dieses Welt-schaffende Gespräch niemals zu Ende. Es gibt keine „letzte Antwort“, es gibt (wir geben!) nur das, was wir von Augenblick zu Augenblick aus unserem in Liebe vernetzten Bewusstsein als „Welt“ erkennen.

So gesehen lässt sich leicht feststellen, wann und warum ich „persönlich“ liebe: Wie sieht die Welt aus, die DU mit mir definieren/erfinden/erschaffen willst? Ist sie nur dunkel und kalt, nur Kriegsschauplatz und Jammertal – oder scheint das Licht in sie hinein, so hell und durchdringend, dass wir unter jedem harten Pflaster noch den Strand erkennen können?

Bin ich mit mir alleine, schwanke ich ständig zwischen diesen Sichtweisen, kann mich kaum je „stabilisieren“ zu einer festen Sicht, die mich handlungsfähig macht. Und doch weiß ich, was ich bin und was ich will: dass ich nämlich die „Variante mit Licht“ vorziehe!

Im Geliebten treffe ich den Anderen, der mir hilft, diese Sicht zu stabilisieren – indem ich zwar noch immer alleine hinsehe, aber den Blick des anderen Standpunktes als „möglicherweise ebenso richtig und wahr“ einbeziehe. Dabei erschließt sich eine tiefere Dimension – genauso, wie man eben mit ZWEI AUGEN (=zwei verschiedene Blickwinkel) anders und besser sieht als mit nur einem.

Die jeweiligen Standpunkte und Blickwinkel können wechseln: mal sehe ich nur das Dunkle, das Leiden und die Sinnlosigkeit und bringe das in den Dialog ein – ein andermal bin ich diejenige, die „die Welt rettet“ und das Schöne, das Wunderbare, das in Richtung Paradies weisende aufzeigt. Wichtig ist, dass beide beide Positionen grundsätzlich anerkennen und erleben können – Zyniker und restlos Verzweifelte kann ich bedauern, aber nicht persönlich lieben, genauso wenig wie die Träumer und Schwärmer, denen ihre rosarote Brille auf der Nase festgewachsen ist.

Und natürlich auch nicht diejenigen, für die die Welt „fest definiert“ ist, gänzlich unabhängig von unserer – einsamen oder gemeinsamen – Sicht. Mit ihnen mag ich nicht mal mehr darüber diskutieren, ob und inwiefern das stimmt oder nicht. (Bin ja immerhin fast 50 und ich WEISS!) Ich kann sie sowieso nicht „überzeugen“, denn niemand ändert sein grundsätzliches Weltverständnis aufgrund von Argumenten.

Da widme ich mich doch lieber dem großen Spiel, dass ich mit dem Geliebten (mit allen Geliebten, es ist nicht auf den „Einen“ begrenzt) spielen kann: dialogisch Welt erschaffen, in die das Licht herein scheint – und an dieser Welt dann ein bisschen mitbauen. Die Energie, die das möglich macht, ist die erotische: Das Verlangen, das Sich-Hingezogen fühlen zum Anderen ist das für jeden erlebbare „positive Beispiel“ am eigenen Leib. In der Sexualität sind es die „Schmetterlinge im Bauch“, auf der Ebene des Herzens erleben wir es als persönliche Liebe – und jenseits dessen ergießt sich das Licht umfassender Liebe auf alles-was-da-ist.

Ohne dass dabei etwas „verloren geht“! Wie wunderbar!

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