Claudia am 28. Mai 2003 — 0 Kommentare

Schreibzeit: ein ganz normaler Tag

Wenn ich morgens den Computer anschalte und, während er hochfährt, in der Küche den Kaffee aufsetze, ist der Geist noch klar, geradezu LEER – allenfalls spüre ich einen kleinen, freudig-neugierigen Sog in Richtung „Cockpit“. Dann, angekommen auf dem Stuhl vor dem Monitor, schau ich auch aus dem Fenster zur „Real World“, genieße den Blick auf viel Himmel, die grünen Bäume und den besonnten Kinderspielplatz. In einem Raum ohne gute Sicht nach draußen könnte ich mich nicht wohl fühlen, das hab‘ ich für mich heraus gefunden. Eigentlich verwunderlich, denn all meine Aktivitäten, mal abgesehen vom Einkaufen, Spazieren gehen und Freunde treffen, finden im „Raum hinter dem Monitor“ statt.

Und nun geht’s also los. Ich rufe die Mails aus vier Mailboxen ab, darunter die völlig im SPAM versunkene klinger@snafu.de. Hier bekomme ich einen ersten Eindruck von der „Problemlage des Tages“: heute etwa sind noch gar keine „Penis Enlargement“-Mails darunter, dafür mehr „Anti-Aging-Miracles“ und zunehmend auch „Keep SPAM out!“-Ratschläge. Pro Tag trudeln auf diesem Account etwa 60 bis 100 Werbemails ein, die ich sofort löschen muss, denn sonst find‘ ich nicht mehr durch. Hab‘ schon daran gedacht, Wissenschaftlern den Bezug dieser täglichen Horror-Auswahl zu Forschungszwecken anzubieten: Wer hat schon eine Mailadresse, die seit 1996 überall im Web gepostet und frei verteilt wurde???

4 Mailboxen, 22 Listen, 40 Server – und was JETZT?

Nun ja, nicht jede Idee ist kommerziell vielversprechend! :-) Als nächstes kommen die Listenmails aus 22 Mailinglisten. Automatisch sortieren sie sich in ihre je eigenen Ordner, die ich gelegentlich „aufsuche“ wie niemals endende Tagungen, in die man mal reinschauen kann, wenn Zeit ist. Immer gibt es „Lieblingslisten“, also die zwei, drei, in denen ich gelegentlich selber schreibe. Zur Zeit ist das die Ab40-Frauenliste, die Ken-Wilber-Mailingliste, und – aus alter Anhänglichkeit – die Liste Netzliteratur, wo fast über alles geredet werden kann, nur Mails zum Thema finden wenig Resonanz. Der große Rest meines umfangreichen Listenwesens sind Fach-Listen: I-Worker, CSS-Design, Texttreff, Webgrrls und ähnliche Zirkel, im wesentlichen dafür da, fortlaufende Weiterbildung zu ermöglichen, Fragen zu stellen und Antworten zu geben, die sich aus der täglichen Arbeit ergeben.

Diese mittlerweile unverzichtbare „Arbeitsstruktur“ mutet mich manchmal wie ein virtuelles Großraumbüro an, in das ich etwa hinein rufe: „Hey, warum klappt diese Spalte jetzt nach unten weg, anstatt sich brav oben rechts zu positionieren?“ Meistens gibt’s schon sehr bald Antworten. Eine schnellere Methode, sich neues technisches Wissen anzueignen und mit den ersten Anwendungsproblemen auseinander zu setzen, ist kaum denkbar: erst ein paar einschlägige (in Listen erfragte oder per Google gefundene) Webseiten zum Thema lesen, dann mit der Umsetzung beginnen und bei Problemen nachfragen. All das geht nicht nur weit schneller, sondern ist immer auch aktueller und praxistauglicher als alles, was als Buch oder gedrucktes Magazin mit ihren langen Herstellungszeiträumen zu haben ist.

Nachdem SPAM und Mailinglisten eingetrudelt bzw. gelöscht sind, bleiben die wenigen, an mich persönlich gerichteten Mails zur Sichtung übrig. Freunde und Mitarbeiter aus verschiedenen Projekten, manchmal ein Diary-Leser mit einem eher „philosophischen“ Anliegen (die liebe ich!), natürlich meine Auftraggeber, meist mit kleineren Arbeitsaufträgen oder Nachfragen, und dann noch ein paar selbst bestellte Newsletter.

An der Stelle halte ich meist inne und frage mich: Was jetzt? Das Befassen mit den an mich gerichteten Mails bedeutet den „richtigen Einstieg in die Tagesarbeit“ – will ich das schon? Oder will ich mir erst noch ein wenig Besinnlichkeit gönnen, ein bisschen in den Listen stöbern, eine Antwort schreiben, vielleicht mal wieder einen Diary-Beitrag verfassen? Auch persönliche Dialoge können mich richtig beschäftigen, es laufen selten mehr als zwei, drei auf einmal, echte Gespräche über tiefere Themen, die mich locker für ein bis zwei Stunden von allem anderen abziehen können – natürlich nicht jeden Tag und meist erst zu späterer Stunde! Das geistig-emotionale Befassungspotenzial ist in dieser Hinsicht begrenzt, das ist mir aufgrund jahrelanger Erfahrung sehr bewusst. Meine Liebesfähigkeit wird durch das Netz eben NICHT vermehrt oder irgendwie beschleunigt. Und ja: für mich ist ein umfassendes Gespräch in aller Offenheit (nur diese schätze ich wirklich!) eine Form der Liebe.

Lieben, plaudern, arbeiten?

Will ich jetzt also lieben, plaudern, mich besinnen, lernen oder arbeiten? Nicht nur morgens, sondern jedes Mal, wenn ich Mail abrufe, stellt sich diese Frage „im Prinzip“ neu. Es kann sich jeder denken, dass Probleme mit der Selbstdisziplin mir nicht unbekannt sind! Es kann schon mal Nachmittag werden, bis ich mir einen inneren Ruck gebe und mich frage: Was will ich eigentlich heute noch SCHAFFEN? Dass das nicht wirklich zum Problem wird, liegt daran, dass ich auch im beiläufigen Tun, das einfach dem Fluss der Impulse folgt, etliches von dem „schaffe“, was anliegt. Es erscheint mir gar nicht erst als Arbeit. Meine Kunden sind in aller Regel nicht von meinem täglichen Chaos betroffen, sondern werden SOFORT bedient, wenn sie einen AKUTEN Bedarf haben – da muss ich gar nicht erst überlegen, insofern gibt’s da auch kein Konzentrationsproblem.

Anders meine ureigenen Vorhaben und Projekte: die stehen in ständiger Konkurrenz zu dem, was „von außen“ kommt, ich muss immer wieder neu darauf achten, eine Balance zwischen Agieren und Reagieren, zwischen Erschaffen und abarbeiten & pflegen hinzubekommen. Nicht immer leicht! Mal häng ich „am Draht“ wie das Kaninchen vor der Schlange, manchmal ignoriere ich die Mailwelt einen ganzen Tag, weil etwas Eigenes die ganze Konzentration braucht. Zum Glück liege ich meist in der Mitte zwischen den Extremen.

Mittags Real Life

Um die Mittagszeit, das kann um zwölf, manchmal erst um zwei sein, ruft sich „Real World“ in Erinnerung. Der Mensch lebt nicht vom Monitor allen, ein Break ist angesagt. Vielleicht mal kurz zum Bäcker oder ins Lädchen gegenüber (Milch, Tabak, Mineralwasser kaufen), den physischen Briefkasten leeren (Tageszeitung, Behördenbriefe, Werbung) und dann ein Imbiss – dafür wechsle ich in die Küche, Südseite, sehr sonnig, und während ich esse, lese ich die Berliner Zeitung, wohl wissend, dass das etwas ist, was MAN nicht tun sollte, denn: „Wenn ich esse, dann esse ich!“ Nun ja, ich hab meist einfach keine Lust auf Ess-Meditation, sondern will lieber das bisschen Wir-Gefühl, dass über die Lokalzeitung kommt, noch eben mitnehmen, bevor ich mich wieder der völlig ortlosen Netzwelt zuwende. Manchmal leg‘ ich mich dann noch eine halbe Stunde hin – mittags zu dösen ist wirklich wunderbar!

Doch schon bald „sitze“ ich wieder: Verschränkt mit der Mail-Ebene der großen und kleinen Gespräche, erstreckt sich mein virtuelles Dasein auf eine ziemlich vielfältige Webseitenlandschaft: eigene Seiten, gemeinsame Projekte und neue und alte Kunden-Sites. Interessehalber hab ich grad mal gezählt: 40 Serverzugänge haben sich in meinem FTP-Programm angesammelt, da muss ich auch mal wieder aufräumen! Immer ist irgendwo etwas zu tun, meist nicht besonders dringend, aber es addiert sich, wenn ich nicht aufpasse. Das „Zersplitterungspotenzial“, das die Pflege von Webseiten mit sich bringt, ist erheblich – gerade deshalb biete ich meine Kunden Pflege nicht offensiv an, doch mach ich natürlich alles, was gebraucht und gewollt wird und gelegentlich auch noch etwas mehr: wenn es sich z.B. um Dinge handelt, von denen sie gar nichts wissen, von denen sie aber gefährdet werden können, wenn sich niemand kümmert.

Routine gesucht

Und abends dann? Als ich noch zu zweit wohnte, hatte ich mir angewöhnt, meinen Arbeitstag am Monitor etwa um 18 Uhr zu beenden, zu kochen, gemeinsam zu essen und dann zumindest Abend- und Tagesschau anzusehen. Das ist weggefallen, seit ich alleine bin und noch ist es mir nicht geglückt, eine neue Routine zu finden. Manchmal geh ich ins Fitness-Center und in die Sauna, gelegentlich noch ein paar Schritte durchs Kiez. Ohne dafür großen Aufwand zu treiben, koch‘ ich mir was, beobachte mit Sorge einen gewissen Hang zu Fertigsuppen und Pizzas, telefoniere auch mal, wenn ich Lust auf eine menschliche Stimme verspüre. Da ich den Radiorecorder, den ich mir zugelegt habe, tatsächlich nur benutze, wenn mal ein Gast da ist, hab‘ ich mir auch keinen Fernseher angeschafft. Ich glaub nicht dran, dass ich mich wirklich davor setzen würde und will das eigentlich auch nicht. Eine Glotze im Leben reicht völlig aus, und wenn in der Welt etwas passiert, von dem ich wirklich wissen muss, ruft mich sowieso jemand an und sagt: Hast du mitgekriegt, dass..?

So kommt es, dass ich derzeit auch die meisten Abende am Compi verbringe – und gern! Das „ich sollte arbeiten-Gefühl“ ist dann weg und ich kann mich dem Besinnlichen oder Kreativen zuwenden. Mal wieder in den unendlichen Weiten nach Themen stöbern, die nicht „automatisch“ tagsüber in mein Bewusstsein treten, in meine Lieblingslisten schauen, ein gutes Gespräch weiter schreiben, Webseiten oder Foren von Freunden aufsuchen. Neulich hab ich mir auch mal einen Adult-Check geleistet und kann damit nun auch die mittlerweile gut abgeschotteten erotischen Seiten der Netzwelt erforschen – zu Beginn interessant, aber natürlich ist es bald wie überall: ein paar Sites, die ich gelegentlich wieder aufsuchen werde, der große Rest versinkt in der Beliebigkeit des immer gleichen Einerlei.

Alles super – oder wie?

Ein ganz normaler Tag – ist es das, was ich will? Fehlt mir ‚was? Stört etwas? Ich treibe nicht nur so dahin, sondern frage mich das tatsächlich oft. Noch nie im Leben bin ich lange bei dem geblieben, was mir nur „suboptimal“ vorkam. Würde mir nicht gefallen, was ich täglich erlebe, wäre ich längst schon anderswo, würde anders arbeiten, säße vielleicht mit anderen in einem gemeinsamen Büro, würde herum reisen, viel ausgehen, Kultur konsumieren – aber nein, all das reizt mich nicht. Ich bin DA, wo ich sein will und bin DAS, was ich sein will – sehr statisch, was den physischen Ort angeht, doch wunderbar frei und multidimensional, was das Sein betrifft, jeden Tag anders und neu.

Also alles super? Nicht doch: Ich sitze deutlich zuviel vor dem Monitor und leider ist der menschliche Körper nicht direkt für diese Art des In-der-Welt-Seins entwickelt. Das merke ich – und es ist kein Spass! Jetzt zum Beispiel reicht es wirklich, Mittagspause ist heut „wegen Diary“ ausgefallen – ich MUSS jetzt einfach aufstehen und irgend etwas anderes tun. Dieses „Andere“ zu finden, fällt mir nicht immer leicht. Aber na ja, ich arbeite dran… :-)

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