Claudia am 29. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für 10.Tag „ohne“

10.Tag „ohne“

Gestern bin ich zwar auf die Idee gekommen, ins Netz bzw. in die Mail zu schauen, hab‘ sie dann aber doch nicht verwirklicht, sondern den Tag offline verbracht: lesend, kochend, einkaufend, plaudernd. Abends wollte ich den Chianti zur Pizza mittrinken, das schmeckte jedoch wie fauliger Traubensaft, so dass ich es nicht über mich brachte, eine wirkungsvolle Menge davon einzunehmen. Weiter → (10.Tag „ohne“)

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Claudia am 27. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Kampf, Gewalt, Moral

Kampf, Gewalt, Moral

Ein eloquenter Gast im Forum, der es vorzieht, ein anonymes Schatten-Dasein zu führen (shadow_being), sagt von sich:

Ich bin einer derjenigen, die Spaß am Kampf haben. Zwar nur auf verbaler oder intellektueller Ebene (zugegeben ein schrecklicher Ausdruck) aber dort doch mit großer Ausdauer und Kompromißlosigkeit. Doch selbst auf dieser nicht-physischen Ebene begegne ich ständig den moralischen Instanzen, die für jede Form des Kampfes in dieser Gesellschaft gilt: Widerstände wie Erziehung, Anstand, gutes Benehmen und dergleichen untersagen in vielen Umständen eine Diskussion oder ein Streitgespräch, sprich den Kampf. Man verzichtet darauf, wider besseren Wissens oder wider eigener Neigung. Eigentlich schade, denn wenn hat man schon die Möglichkeit, seine verbalen und geistigen „Marktwert“ zu testen, wenn nicht in einer Auseinandersetzung? Ich mag es, mich in Diskussionen über diese Widerstänmde hinwegzusetzen, zu Mitteln zu greifen, die zwar verpönt aber probate Mittel des Kampfes sind. Ich denke nicht, daß dieses Verhalten einfach in die „Platzhirsch-oder Ego-Schublade“ eingeordnet werden sollte, auch wenn zweifellos ein Machtanspruch und die Pflege des Selbstbewußtseins mitentscheidend für solche Auseinandersetzungen sind. Tatsächlich fühle ich in diesen Situationen auch den Jagdinstinkt, man schätzt den Gegner ab, sieht seine Schwächen, sieht ihn unterlegen und schlägt zu. Ich halte mich für ein gut domestiziertes Raubtier aber das hindert mich nicht unbedingt daran, meine Restinstinkte dann und wann auszuleben und ein Opfer zu „schlagen“ – vor allem, wenn dies völlig unblutig und ohne physische Gewalt von statten geht.

Warum sollte es moralisch einen Unterschied machen, ob da nun physische Gewalt im Spiel ist oder nicht? Körperliche Gewalt ist oft ein Ausdruck mangelnder Verbalisierungsfähigkeit, in sozial schwachen Milieus also häufiger anzutreffen als in besser verdienenden/gebildeteren Kreisen. Sich MORALISCH KORREKTER zu fühlen, bloss weil man in der Lage ist, den anderen mit Worten statt mit Fäusten zu zerlegen, halte ich nicht für legitim.

Ich kenne den Spaß am Kampf gut und hab‘ ihn in Zusammenhängen erlernt und genossen, die erstmal keine großen Moralfragen aufwarfen. Die Hausbesetzungsbewegung Anfang der 80er in Berlin bot ein wunderbares Spielfeld, um sich auszuprobieren. Es ging um „die gute Sache“, die auch vielen nicht-aktiven Berlinern wichtig war, es gab immer ein WIR, auf das ich mich bezog, das mich stützte und vor der Erkenntnis schützte, dass es mir sehr wohl auch um mich, meinen „Marktwert“ und dergleichen sachfremde Benefits ging.

Wie auch immer: Von keinem Zweifel angekränkelt kämpften „wir“ mit fantasievollen Mitteln, die beim Publikum oft aufgrund ihrer Humorigkeit gut ankamen. Doch konnte ich nicht lange darüber hinwegehen, dass der große Erfolg der „Bewegung“ (!) nicht zustande gekommen wäre, wenn da nicht eine Anzahl Leute ordentlich „Randale“ gemacht hätten, Leute, die die gute Gelegenheit nutzten, auf den Putz zu hauen, weil ihnen das Spass machte und ein intensives Kampfgefühl vermittelte. Die „Kunst“ bestand schon bald darin, sich von dieser gewaltbereiten Sub-Szene soweit zu distanzieren, dass man für die Gegenseite Verhandlungspartner sein konnte, sie andrerseits aber subtil zu beeinflussen, so dass sie an den richtigen Stellen, zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Maß zuschlug (weil man ja sonst als Verhandler allen Drohpotentials verlustig ging). Leider gelang das nicht immer so punktgenau, schließlich gab es keine etablierten Machtpositionen, alles wurde in Versammlungen offen ausgetragen.

Das INTENSIVE KAMPFGEFÜHL, das die einen beim Aufheben des Pflastersteins, die anderen beim Einnehmen der Stühle und ins Auge fassen des Gegners erleben, ist offensichtlich ein Wert, auf den mensch nicht so leicht verzichten mag. So schreibt shadow_being auch weiter:

Zu einem gewissen Grad bewundere ich die Leute, die sich über alle Normen hinwegsetzen und ihre Emotionen hemmungslos ausleben. Denn wenn ich mich umsehe, dann sehe ich lauter sedierte Emotionen: verhaltene Freude, gebändigte Wut, gezügelte Lust. Dabei sind es meiner Meinung nach gerade die Emotionen, die unser Dasein als „Krone der Schöpfung“ wirklich intensiv machen können.

Ein uraltes und hochaktuelles Thema, sicher ein Grund, warum Nietzsche derzeit so „in“ ist. Mit 15 las ich Freuds „Unbehagen in der Kultur“ und hatte schon gleich keine Lust mehr, erwachsen zu werden. Wofür, wenn es doch nur bedeutete, alles Intensive zugunsten des Gemäßigten aufzugeben, die „wahren“ Emotionen unter lauter Höflichkeiten zu verbergen?

Mal beiseite gelassen, dass ich mir keine Welt wünsche, in der jeder seinen aktuellen Emotionen nachgeht, ist mir deren „Wahrheit“ doch recht zweifelhaft geworden. Sicher, sie sind da, sie sind das Tierhafte, das Automatenhafte am Menschen. Ihre Zwangsläufigkeit und Bedingtheit mit kühlem Mind zu erkennen und sich nicht von ihnen „übermannen“ zu lassen, scheint mir typisch menschlich. Doch eben nur typisch menschlich im Sinne einer mentalen Einseitigkeit: gerade mal die Großhirnrinde entwickelt und schon wird alles nur noch vom Denken aus beurteilt, der Rest ist Archaik.

Bevor mensch sich „Krone der Schöpfung“ nennen darf, sollte das Problem eine andere, eine bessere, eine innovativere Lösung gefunden haben: Weder neurotisch vermodern in Zahlen & Zeichen, aber auch nicht so tun, als könnten wir ungebrochen fröhliches Raubtier sein. (Wenn ich ‚was finde, werde ich es zweifellos hier aufschreiben… :-)

Siehe dazu auch:
<a href=“https://www.claudia-klinger.de/digidiary/diary00_05_08.htm“>05.08.2000 Vom Kämpfen</a>
<a href=“https://www.claudia-klinger.de/digidiary/diary00_28_06.htm“>28:06:00 Mensch: ein Raubtier?</a>

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Claudia am 25. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Herbstwüste

Herbstwüste

Heute ist es draussen wüst und leer, ein Sturm rasiert die letzten Blätter von den Bäumen herunter, nicht mal die Hühner haben so richtig Lust, von ihren Stangen abzusteigen und den Stall zu verlassen. Kann ich gut verstehen, mir geht es nicht viel besser: Nach wie vor hält die Arbeitsunlust an, um zehn muss ich zum Zahnarzt, Steuer ’99 ist noch immer nicht fertig, und die Gedanken, die mir durch den Kopf ziehen, sind allesamt unendlich langweilig und schon ‚zigmal da gewesen.

Wie ich am 16. Oktober in einem autobiografischen Schreibanfall berichtete, beschäftige ich mich ja bevorzugt damit, mich von etwas „zu befreien“ – wie auch jetzt wieder vom Rauchen. Doch lange schon ist mir klar: Nach der Befreiung kommt nichts. Es folgt die nächste Aufgabe, der nächste Zwang, von dem ich mich wieder frei machen will – wofür eigentlich?

Meine Schwester hat drei Kinder und ist völlig in den Alltagsstress eingesponnen. Niemals stellt sie irgendwelche darüber hinausweisenden Fragen, warum auch? Manchmal bewundere ich sie, beneide sie um die Fraglosigkeit, das schlichte Da-Sein und So-Sein. Und doch würde ich nicht mit ihr tauschen, für keinen Preis der Welt.

Lieber stehe ich in der Wüste, die sich nach soviel Befreiungen auftut, schaue um mich her in unendliche Weiten, kein Blinzeln. Horizonte versprechen nichts mehr, sind nur einfach da, nicht mal eine Fata Morgana vergaukelt mir den Vormittag. Wenn ich lange genug bleibe, nicht aus Langeweile in irgend einen Zug steige, werde ich endlich sehen, was ist.

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Schloss Gottesgabe - hier wohnen wir in einer Mietwohnung
 

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Claudia am 23. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Gefühl & Gedanke – Reflexionen über Sucht

Gefühl & Gedanke – Reflexionen über Sucht

Tag 4 ohne Zigaretten fängt gut an, ich fühle mich fit, arbeitswillig und fähig, kein Schmachten nach der Kippe mehr. Es wird wiederkommen, da bin ich mir sicher, doch nicht mehr so lange bleiben.

Wer bin ich? Offensichtlich ein Konglomerat aus chemischen Prozessen, dem es an Dopamin mangelt, der Stoff, aus dem das Glücksgefühl gemacht ist. Wenn ich so lese, wie Sucht funktioniert, kann ich mich nur wundern, dass überhaupt Leute davon wegkommen. Andrerseits wundere ich mich auch wieder, dass so wenige es schaffen, denn immerhin machen Raucher viele Entwöhnungsversuche, wollen also wirklich – oder doch nicht?

Wenn ich die Geschichte meiner Nicht-mehr-rauch-Versuche bedenke, ist der Wunsch, davon loszukommen, im Lauf der Zeit gewachsen. Anfänglich war das Aufhörenwollen eine reine Vernunftangelegenheit: Kein vernünftiger erwachsener Mensch kann ja das Rauchen ernsthaft verteidigen, also fühlte ich mich immer schon gefordert, aus guten Gründen aufzuhören. Wenn dann noch jemand versucht, mich zu beeinflussen oder ich freiwillig motivierenden Lesestoff aufnehme, dann kommt es zu einem Entwöhnungsversuch, der allerdings bald wieder scheitert.

Das Suchtgedächtnis ist nach dreissig Jahren Rauchen WEIT STÄRKER als alle Argumente und oberflächlichen Motivationen, die z.B. sozial bedingt zustande kommen. Verläßlich wiederholbare Glückszustände – das ist die Domäne der Chemie, menschliches Miteinander kann da nicht mithalten, Argumente sowieso nicht. (Wer würde denn mit Gespenstern gegen Panzer angehen?).

Die einzige Chance gegen die Sucht liegt auf derselben Ebene des Gewahrseins wie diese selbst: Gefühle, Emotionen und sinnliche Befindlichkeiten müssen sich DAGEGEN aussprechen, den Stoff, aus dem die Träume sind, weiter aufnehmen zu wollen. Das Leiden am Rauchen – vom Husten über die verschleimten Bronchien bis hin zum benebelten Kopf und schauderhaft stinkigen Zimmer – muß größer werden als die „Kaskade der Glücksgefühle“, dann ist Aufhören möglich. So hoffe ich wenigstens.

Ich danke es meinem Yogalehrer und dem zunehmenden Alter, dass die Sensibilität auf der physischen Ebene gewachsen, also trotz rauchen nicht geschrumpft ist. Ich konnte es zum Herbst hin kaum mehr ertragen, dieses Zimmer hier voll zu qualmen, saß selbst an kühlen Tagen bei offenem Fenster vor dem Monitor, die wohlig-gemütliche Arbeitssituation war das lange nicht mehr. Und ich spürte die Gifte in den Adern, litt an einschlafenden Händen, kalten Füßen und vielem mehr. Irgendwie hatte ich in den letzten Wochen auch keine Lust mehr, mein Zimmer aufzuräumen – wozu, wenn man sich selber täglich mit solchem Dreck abfüllt?

All diese Gefühle sind schon länger da und trotzdem konnte ich nicht aufhören, bzw. erlitt wieder Rückfälle. Nun hab‘ ich neulich ganz außerhalb aller Gedanken ans Rauchen ein Gefühl aus früher Kindheit wieder entdeckt: Den Ekel vor der eigenen Unfreiheit (siehe 16.10.00). Dieses Gefühl verbinde ich jetzt mit der Zigarette, erinnere mich daran, wenn das Verlangen kommt. Es passt wirklich gut dahin, wo der Gedanke alleine vielleicht auf verlorenem Posten stünde: Der Gedanke, dass die Zigarette NICHT die Freiheit, das Glück und das Wohl-Sein bringt, sondern mich immer neu an die Unfreiheit, das Übel, die Krankheit fesselt.

Wer jammert oder trauert, hat schon verloren. Mein letzter Rückfall war praktisch schon vollzogen, als ich es gedanklich zuließ, von den „Schönheiten“ einer Zigarette zu träumen, anstatt diesen Gedanken schon im Ansatz als suchtbedingte Lüge zu erkennen und nicht eine Sekunde darin zu schwelgen. Ich hoffe, dass es diesmal besser läuft, alle Zeichen stehen gut. Wenn aber Gefühl & Gedanke noch immer nicht genug ausrichten, dann werde ich trotzdem nicht aufgeben. Sondern andere einladen, eine Gruppe zu bilden, um unsere Macht zu potenzieren. Das ist das letzte Mittel und ich weiß, es hilft.

***

Wie Sucht funktioniert

Alle Phasen der Sucht – von Rausch bis Rückfall, von Kick bis „Craving“ – spielen sich primär im gleichen kleinen Hirnareal ab: im so genannten Nucleus Accumbens, dem Belohnungssystem. Die Evolution hat diesem Nervenknoten eine entscheidende Rolle zugeteilt. Er verbindet lebenswichtige Vorgänge wie Essen, Trinken und Sex mit einem Lustgefühl. Dazu schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, vor allem Dopamin. Sämtliche Drogen jedoch stören den Mechanismus so, dass mehr freies Dopamin übrigbleibt:

  • Nikotin steigert die Ausschüttung;
  • Kokain blockiert die Wiederaufnahme;
  • Opiate hemmen Nervenzellen, die die Dopaminmenge begrenzen;
  • Cannabis benutzt einen anderen körpereigenen Steuerkreis, den es wie mit einem Nachschlüssel starten kann;
  • Alkohol greift so umfassend in die Steuerung der Neuronen ein, dass ebenfalls mehr Dopamin ausgeschüttet wird.

Dopamin sorgt jedoch nicht selbst für den Kick, sondern setzt gleichsam hinter alle Erlebnisse ein Ausrufezeichen: Das hier, was du gerade tust, dieser Ort, dieser Geschmack, dieser Geruch! – das ist immens wichtig, sagt der Dopaminschub dem Drogennutzer. Das Belohnungszentrum verknüpft die Umstände des Konsums mit der spezifischen Wirkung der Droge.

Nikotin löst also eine wohlige Gefühlskaskade im Belohnungszentrum des Gehirns aus. Eine Zigarette beglückt den Raucher ähnlich wie ein Kuss oder ein gutes Essen. Diese „Belohnung“ wird direkt mit der Tätigkeit des Rauchens assoziiert. Der durchschnittliche Raucher mit 7.000 Zigaretten pro Jahr wiederholt ständig seine „Erfahrung“, dass Rauchen eine beglückende Tätigkeit ist. Dies prägt sich tief in sein Unterbewusstsein ein, es entsteht ein sogenanntes „Suchtgedächtnis“. Dieses Gedächtnis wird aktiv, wenn der Spiegel an wirksamen Substanzen im Belohnungszentrum nachlässt. Oder wenn der Raucher einen anderen rauchen sieht. Dann erwacht wieder das Verlangen nach einer neuen Dosis Nikotin.

Ein weiterer Aspekt ist die Vermehrung der Anzahl von Nikotinrezeptoren bei chronischem Nikotinabusus. Bei Untersuchungen an Gehirnen gestorbener Raucher wurden doppelt soviele Rezeptoren gefunden wie bei Nichtrauchern. Eine Hypothese ist, dass dadurch bei Kettenrauchern besonders viel Dopamin ausgeschüttet wird, was eine intensivierte Reaktion auf das Nikotin zur Folge hat. Allerdings ist das Phänomen reversibel: bei Ex-Rauchern sinkt die Anzahl der Nikotinrezeptoren wieder in den Normbereich. Das Suchtgedächtnis scheint jedoch eine irreversible Komponente aufzuweisen, die die Entwöhnungsschwierigkeiten erklärt.

Quelle: http://www.rauchen.de/

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Claudia am 21. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Die Gelegenheit

Die Gelegenheit

Feuchtfröhliche Abende mit Freunden kommen nicht mehr oft vor, seit ich hier wohne. Abgesehen davon, dass wir außerhalb des Schlosses keine Leute kennen, verbietet sich jedes Trinken in der Ferne, denn man müßte ja hinterher irgendwie nachhause kommen. (Der Mecklenburger fährt zwar unverdrossen in praktisch jedem Zustand Auto, doch enden diese Fahrten öfter mal am nächsten Allee-Baum, da will ich nicht mithalten.)

Ich war also much amused, als vorgestern unsere Wohnungsnachbarn zu Pizza und Wein herüberkamen. Richtig ungewohnt, aber schön, mal wieder plaudernd bis in die Motten um den mit Vor- und Nachspeisen festlich überladenen Tisch zu sitzen – die Männer auf den unbequemen Stühlen, verdammt, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht!

Gestern morgen fasste ich dann spontan den Entschluß, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und (mal wieder…) den Versuch zu machen, das Rauchen zu lassen. Das geht am Tag nach Besäufnissen besonders gut: irgend etwas ist in der Körperchemie dann so verändert, dass man sowieso keine rechte Lust auf das Qualmen hat.

Im Durchschnitt versucht ein Raucher zwei- bis dreimal im Jahr, davon loszukommen, las ich neulich und dieses Jahr halte ich den Schnitt! Das Aufhören selbst ist ja – selbst bei 30 bis 40 Zigaretten pro Tag – nicht das ganz große Problem, sondern das dauerhaft rauchfrei bleiben. Solange da ein Kampf um die Umstellung ist, wie jetzt, wo sich praktisch alles, was ich tue, anders anfühlt als „normal“, solange kann man sich über Erfolge freuen:

  • WOW, schon jetzt atme ich besser,
  • toll, meine Bude stinkt nicht mehr nach Rauch,
  • herrlich, diese Woche über 100,- Mark gespart….

Wenn dann aber das Nichtrauchen droht, „normal“ zu werden, dann melden sich tiefere Schichten: WOLLTEST Du WIRKLICH aufhören?, sagt ein Teil von mir, der das Selbstbild „Claudia, die Schreiberin, am Monitor, rauchend, Kaffee trinkend“, vertritt und sich gar nicht vorstellen kann, dass davon ohne Kippen etwas übrig bleibt. Dann wird es erst heftig, denn DANN kommt die Versuchung auf, mal wieder „eine“ zu probieren – und dem konnte ich bisher nicht widerstehen. Was heisst hier „konnte“, es war ja gerade mein Wille, der untergraben wurde, das Rauchen romantisierte sich in meiner Erinnerung mehr und mehr, bis ich mir WÜNSCHTE, wieder „die Alte“ zu sein. (Dies alles zu WISSEN, hilft leider nicht ‚raus aus dem Prozess, der sich eben nicht durch Gedanken steuern läßt, sondern mit Gefühlen agiert und sich aus uralten, physisch eingravierten Gewohnheitsmustern speist).

Nichtsdestotrotz versuche ich es wieder, da sich die Gelegenheit nun mal ergeben hat und ich mich gerade ziemlich gut fühle ohne dieses Pfeifen in den Bronchien. Und jetzt geh‘ ich in die Sauna…

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Claudia am 19. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Natur = Schönheit ?

Natur = Schönheit ?

An den Kastanien, die so langsam ihre Blätter fallen lassen, sieht man bereits jetzt die Knospen für’s nächste Jahr. Während alles abstirbt, können wir mit Fug und Recht annehmen, dass im nächsten Frühling das Leben erneut explodiert, blüht und fruchtet, um dann genau wie jetzt wieder abzusterben. Die Schnecken, Plage hiesiger Gartenfreunde, haben ihre Eier abgelegt, auf dass Hunderttausende neuer Schnecken nächstes Jahr den Salat wegfressen können. Ein Kreislauf, wesentlich berechenbarer als das Hochfahren von Windows ’98, jedes Jahr dasselbe und doch ein Wunder, eine Freude.

Auch die größeren Tiere sind ja so leicht zu durchschauen: 17 Hühner picken eifersüchtig Konkurrenten vom Futtertrog weg, selbst dann, wenn genug für alle da ist. Komme ich in den Hühnergarten, rasen sie herbei wie kleine Raptoren, sie würden mich fressen, wäre ich ein bisschen kleiner. (So aber kann ich mir einbilden, sie mögen mich). Die Motive und Emotionen der ansässigen Hunde sind ein offenes Buch – fast jeder Landhaushalt hat ja mindestens einen, mensch fürchtet sich weniger, wenn das Vieh gleich laut bellt, sobald ein Spaziergänger es wagt, in Sichtweite zu kommen.

Überall berechenbare Abläufe und Verhaltensweisen, zwar störanfällig, aber alles in allem verläßlich. Wachsen, blühen, sterben, fressen & gefressen werden. Und Millionen Naturfreunde finden das toll, ich auch. Doch frag‘ ich mich gelegentlich: Warum ist das „Natürliche“ im Reich der Pflanzen und Tiere schön, unter den Menschen aber häßlich? Konkurrenzverhalten, Büro-Mobbing, Korruption, Intrigen, Sägen an fremden Stühlen – allgemein üblich, aber niemand sagt: Wie wunderbar!

Wenn im Frühling die Kater im Kampf um ihr „Revier“ (sprich: Zugang zu den ansässigen Katzen) kämpfen und sich ernsthafte Verletzungen zuziehen, würde niemand Kritik üben. Dasselbe Verhalten unter Menschen veranlaßt die gemeinte Frau eher dazu, keinen der „Streithähne“ zu wählen, sondern einen Dritten, der sich souverän heraushält, einen, der „drüber steht“.

Gerade das, was wir an den Tieren mögen, ihr unverstelltes und ungebrochenes Agieren im Rahmen einfachster Bedürfnisse und Emotionen, treibt uns in die Flucht, wenn es beim Mitmensch allzu deutlich sichtbar wird. (Und selber tun wir viel dafür, so zu erscheinen, als seien wir anders). Zivilisation, Kultur, Sozialstaat, Recht und Gesetz – alles Bollwerke gegen die anderwo bewunderten natürlichen Eigenschaften eines jeden Wesens, das wachsen und leben will und deshalb darum kämpft, zu dominieren.

Das Wunderbare

Warum ist das so? Ich frage mich das, weil ich andere Menschen mindestens genauso wunderbar finden möchte wie zum Beispiel die Hühner hinten im Garten. Stattdessen krieg ich schon die Krise, wenn ich nur die Nachrichten einschalte. Und es sage mir keiner, das sei nur ein Medien-Problem! Viele Jahre war ich in Gruppen, Teams, Vereinen, Nachbarschaften und Initiativen aktiv. Einzig im „geschützten Raum“ eines therapeutischen Workshops oder im schweigenden Miteinander einer Yoga-Gruppe war etwas anderes zu erleben, als ein mehr oder weniger verstelltes Hauen & Stechen. Letzteres hat ja durchaus seine Highlights: Wenn man noch lernt, endlich auch mal zu siegen, oder wenn der „eigene Stamm“ einen Sieg zu verbuchen hat und feiert. Aber auf die Dauer schleift sich das ab und es wird immer deutlicher, dass es nichts zu gewinnen gibt, nichts wirklich Wichtiges oder auch nur dauerhaft Interessantes.

Dass ich mehr Zeit mit diesem Diary verbringe als mit den Hühnern, ist immerhin ein Zeichen, dass es mich noch zu anderen Menschen zieht – wenn auch nur in einer sehr vermittelten, symbolisierenden Form. Und wäre da nicht mein Lebensgefährte, mit dem ich seit über 15 Jahren ein Gespräch über die Welt führe, wäre ich sicherlich auch im „Real Life“ etwas umtriebiger – aber nur der Not gehorchend, nicht wie früher im Glauben, das Gute und Wunderbare beim Anderen zu finden.

Finde es bei dir selbst, würde jetzt ein Weiser sagen und er hätte recht. Der Blick auf die Welt und die anderen ist nicht unabhängig vom Empfinden mir selbst gegenüber. Ich war schon in Zuständen so positiver Art, dass ich das Wunderbare in einem agressiv-besoffenen Penner erleben konnte, der in der Berliner U-Bahn rotgesichtig, fluchend und wutschnaubend auf mich zukam: Ich wich nicht ängstlich aus, sondern sah ihm freundlich und offen entgegen, fragte mich (in diesem einen Moment!) voller Mitgefühl: Was mag diesen armen Typ nur so fertig machen? Ja, ich war drauf und dran, IHN zu fragen, wenn er nahe genug gekommen wäre. Doch seltsamerweise wählte er mich NICHT als Opfer – die U-Bahn war fast leer! – sondern drehte plötzlich ab, sah an mir vorbei und setzte sich murmelnd irgendwo ab. Als wäre ich ganz plötzlich für ihn unsichtbar geworden. Ein seltsames Erlebnis.

Der „Zustand“ war ebenso seltsam zustande gekommen: Ich hatte mir eine Kassette mit den Carmina Burana gekauft, obwohl ich praktisch nie Musik höre. Über Kopfhörer konnte ich es laut hören, es euphorisierte mich irgendwie. Der Kasette lag ein Booklet bei, in dem die lateinischen Texte standen und ich begann, das mal versuchsweise mitzusingen – ich, die ich normalerweise NIE singe! Und das euphorisierte mich NOCH mehr. Ich sang die ganze Vorder- und Rückseite laut mit, stand schließlich auf (war ja alleine im Zimmer) und sang alleine weiter, alle Lieder und Texte, an die ich mich erinnern konnte, wirklich alles, von „Hair“ bis „Hänschen klein“. Das Singen ergriff mich psychisch und körperlich in nie zuvor erlebter Weise, ich geriet in einen völlig anderen Seinszustand: mit viel mehr Sauerstoffumsatz, heftigerem und tieferem Atmen und einem Gefühl im Herzen, als wäre ich im Paradies, die Welt ein wunderbarer Ort. Allein das bloße Atmen war die reine Ekstase und erfüllte mich mit Dankbarkeit und Liebe. (Danach bin ich dann U-Bahn gefahren…)

Ich sang so ungefähr drei Stunden lang, das Gefühl hielt aber bis zur Mitte des nächsten Tages an. Erst in irgendeinem Meeting irgendeiner Arbeitsgruppe landete ich wieder langsam auf dem Boden gewöhnlicher Empfindung.

Vielleicht sollte ich ja mal wieder singen… ;-)

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Claudia am 18. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Medizin

Medizin

Es ist recht spät fürs Schreiben, den halben Vormittag hab‘ ich nämlich beim Zahnarzt verbracht. Die „Sanierung“ schreitet voran und ich bin immer wieder erstaunt über die fortgeschrittenen Techniken, die heute in Sachen Zahnersatz zum Einsatz kommen. Kritik an der High-Tech-Medizin übt an dieser Stelle niemand, seltsam, nicht? Bzw. allzu verständlich: Wer will schon aussehen, wie die Hexe in Hänsel & Gretel!

Seit ich übrigens beim Zahnarzt Leistungen in Anspruch nehme, die ich zu 50 oder 100 Prozent selber zahle, hat sich meine Einstellung verändert. Ich fühle mich tatsächlich nicht mehr als Opfer einer ominösen Behandlung, die von undurchschaubaren Institutionen so und nicht anders vorgeschrieben ist, sondern empfinde mich als Kundin, die sich einen gewissen Luxus leistet. Klar, dass ich die Ergebnisse des ganzen Aufwands auch schätze und ordentlich pflege! Entsetzt höre ich die Stories, die mir der Zahnarzt erzählt: von Menschen, die nicht mal den Gegenwert eines guten Essens in die bessere Optik investieren, die ihren Mundraum offensichtlich als Bereich empfinden, für dessen Gesundheit andere zuständig sind – nur keine Mark extra und locker versiffen lassen, es wird ja wieder repariert!

Zur „Krise im Gesundheitswesen“ denk‘ ich seit längerem, es wäre angesagt, bei allen leichten und mittleren Beschwerden auf Selbstbeteiligung umzustellen. Natürlich nicht bei Sozialhilfeempfängern und anderen Härtefällen, aber Otto Normalverdiener sollte schon in die Lage versetzt werden, auch finanzielle Gesichtspunkte in Betracht zu ziehen, wenn es darum geht, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Dagegen halte ich es für unmenschlich, bei Leuten mit schweren Krankheiten und dauernden Schmerzen an den Medikamenten zu sparen oder Operationen zu verschieben. Der Not-wendige Kern der High-Tech-Medizin sollte für alle zur Verfügung stehen, wogegen z.B. die „alternativen Behandlungsformen“ ruhig weiter privat gezahlt werden können. Es passt ja auch irgendwie nicht zum GEIST vieler Formen von Alternativmedizin, ihr mit einer Versorgungsmentalität zu begegnen.

Manchmal wird in Science-fiction-Filmen gezeigt, wie jemand ziemlich verhackstückt wird und hinterher in einer Krankenstation hast-du-nich-gesehen wieder „gesundwächst“. Mein Zahnarzt sagt, in fünf Jahren schon könnten sie Knochen und evtl. auch Zähne „nachwachsen“ lassen, das ist ja schon nah dran! Mal angenommen, die Medizin entwickelt sich auf allen Gebieten sehr viel weiter und man könnte tatsächlich bis in ein Alter von 100 oder mehr relativ gesund und fit bleiben, vielleicht sogar glatt im Gesicht und mit einem straffen Körper: Wäre das ein Glück oder ein neues Elend? Niemand denkt daran, dass es auch ein psychisches und geistiges Altern gibt. Ein guter Teil davon stellt sich im besten Fall als Weisheit dar – aber ein anderer Teil ist einfach Abnutzung und Niedergang. Das eine vom anderen zu trennen, ist vermutlich unmöglich. Jeder weiß, dass man sich z.B. in den mittleren Jahren nicht mehr so „unsterblich“ verliebt wie mit zwanzig. Zum einen deshalb, weil man das nun schon öfter erlebt hat, die Abläufe kennt und einfach nicht mehr in Stande ist, derart ins Illusionäre abzudriften. Man erkennt, was die Faszination eines anderen ausmacht: sexuelle Anziehung, Aspekte der Macht oder geistige Potenzen, oder auch ganz spezifische Eigenheiten, die an einmal geliebte Menschen erinnern. Man ist realistischer geworden – und kühler. Das alles ist Erfahrung, doch andrerseits ist auch die Hormonlage im Körper eine völlig andere als mit 20. Die Natur hat es schon aufgegeben, noch mit aller Macht zur Paarung anzutreiben, und das macht es leicht, legt es sogar nahe, keine rosa Brille mehr aufzusetzen.

Würde man nun medizinisch den hormonalen Status Quo der Jugend simulieren, um glatt und straff zu bleiben, inwieweit könnte sich die psychisch-geistige Ebene noch so entwickeln? Man denke auch an die Agressivität bei jungen Männern: Will das jemand bei 60-Jährigen Politikern?

Ich glaube, das geistige Chaos wird immer größer werden – und bin mir niemals sicher, ob solche Gedanken nun „richtig“ sind oder selber nur eine Alterserscheinung.

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Claudia am 17. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Der Mainstream deprimiert

Der Mainstream deprimiert

Wie oft habe ich doch schon daran gedacht, mit diesem Diary aufzuhören! Zum Beispiel gestern wollte mir erst gar nichts einfallen, doch als ich dann anfing, über dieses seltsame Gefühl zu schreiben, entwickelte sich ein Text, der mir selber geholfen hat, wieder klarer zu sehen. Dazu muß es mir aber völlig egal sein, ob noch jemand mitliest. Denn gerade bei autobiographischen Themen denke ich, das ödet den Leser gewaltig an. Wenn Boris Becker von seiner Oma erzählt, mag das interessieren, aber die Vergangenheit von XYZ ist doch nun wirklich eine Zumutung.

Bevor ich aber aufhöre, schreibe ich dann doch lieber, was kommt. Und erstaunlicherweise erhalte ich gerade auf solche Artikel interessante Privatmails – das beruhigt mich dann wieder und motiviert dazu, weiter zu machen. Mittlerweile schreibe ich auch schon so lange, daß ich das Digital Diary schwer vermissen würde. Es ist ein stabilisierender Faktor in einer immer chaotischer werdenden Welt.

Gestern Nachmittag hatte ich das erste Mal seit langem wieder Lust, zu arbeiten. Natürlich arbeite ich ständig irgend was, aber seit Wochen mit einem gelangweilt-genervten Grundgefühl, was dazu führt, gerade mal das Nötigste zu tun und auch das noch bis an die Schmerzgrenze vor mir herzuschieben. Ich vermute, das kommt einerseits vom Wechsel der Jahreszeit: Das Absterben der Natur vermittelt so ungefähr das Gegenteil von dynamischem Aufbruch in neue Projekte. Andrerseits liegt es aber auch an der Entwicklung des Webs: Inhalt und Sinn der ganzen Umtriebe sind irgendwie verloren gegangen, abgesoffen in einer immer komlizierter und aufwendiger gewordenen Technik, die im Dienst des E-Commerce alle anderen Intentionen verdrängt. Es REIZT mich nicht, da mitzumachen!

Die durchschnittliche Website ist dreispaltig und ohne Frames, hat aber trotzdem eine lange Ladezeit, weil sie ihre „Contents“ erst aus 17 verschiedenen Datenbanken zusammenstellt. Man landet dort, weil man etwas Bestimmtes sucht, findet aber unter all den blinkenden Bannern und Sonderangeboten, dem ganzen mittlerweile üblichen Verhau aus News, Freemail, Wetterbericht, Auktionen und Börsenkursen kaum noch das, was man eigentlich wollte. Der geballte Angriff zur Zerstreuung meiner Aufmerksamkeit macht einfach nur müde und vernichtet die Motivation, solche „State-of-the-Art-Seiten“ überhaupt noch aufzusuchen. Und ganz sicher will ich sowas nicht produzieren, denn das ist ungefähr so spannend, wie ein buchhalterischer Excel-Job aus vorvernetzten Zeiten.

Es wäre ein gewisser Trost, wenigstens zu hören, daß diese Sites erfolgreich sind und jede Menge Geld scheffeln. Dem ist aber nicht so, die Akteure stehen ratlos vor der Tatsache, daß „inhaltsorientierte“ Sites zwar viele Surfer anziehen, diese dort aber kaum etwas kaufen. Ist ja auch klar: Wenn ich was über die Ebola-Epidemie lesen will, lasse ich mich nicht ablenken und kaufe statt dessen eben mal im E-Shop eine CD. Eine Suchmaschine besuche ich, weil ich bestimmte Webseiten finden will, nicht weil ich eine neue Mailbox brauche oder die Aktienkurse wissen will. (Für die geh ich nämlich gleich zu Consors oder Neuermarkt.de). Kurzum: Der ganze Web-Mainstream geht für mein Empfinden in die Irre und das schon seit einiger Zeit. Dass sich jetzt die Pleiten häufen und Projekte gecancelt werden, bestätigt mich, tröstet aber nicht über die geistige Ödnis hinweg, die sich durch die Ausbreitung der Gemischtwarenläden ergeben hat. Haben sie doch die meisten Leute weggekauft, die früher noch sehr kreativ gearbeitet haben. Selbst der „Nachwuchs“, die Szene der Homepager, ist schwer ausgedünnt, weil sich heute die Leute eher für ein Almosen als Guide bei meome.de oder clickfish.com verdingen und dort versuchen, ein PORTAL zu gestalten, anstatt ihre Power dafür einzusetzen, ihr Interesse im EIGENEN NAMEN zu publizieren. Dabei würden sie mehr lernen und als Person bekannt werden, ohne dass sie die Pleite ihrer Plattform fürchten müßten.

Letztendlich wird sich zeigen, was eigentlich schon immer klar war: Webseiten sind normalerweise KEINE Massenmedien, sondern bedienen ganz spezielle Interessen, das aber perfekter, als alle anderen Medien zusammen. Man kann Unsummen an Werbegeldern ausgeben und allerlei Krempel kostenlos verteilen, um MASSEN anzuziehen – aber letztlich rechnet sich das nicht. Nicht für Unternehmen, die auf Renditen aus sind, wie sie am Aktienmarkt erwartet werden. Ein Netz ist nun mal kein Amphitheater, es eignet sich wunderbar für viele kleine Anbieter, Individuen, die mit viel Engagement „ihr Ding“ machen und dadurch im Lauf der Zeit eine echte Community bilden. Ohne Surfer-Tracking und täglichen Blick auf die Clickraten einzelner Seiten und Banner finden sie ihr Auskommen – WENN sie den Dreh finden, ihre eigenen Interessen so aufzubereiten, dass andere etwas davon haben!

Zum Beispiel die Tinto-Community um Eva Schuhmann. Sie hat angefangen, indem sie ihr Buch Schlank werden – so klappt es! kostenlos ins Netz stellte. Bald fanden sich viele Leser auf einem Webboard ein, Eva bot ihnen das Buch in einer erweiterten Version als Arbeitsmappe (zum kaufen!) an und sorgte durch die Einrichtung thematisch untergliederter Diskussionsboards dafür, dass die wachsenden Bedürfnisse der Community befriedigt wurden. Bald gab es Platz für Selbstdarstellungen, Partnerbörsen für das gegenseitige Coaching und vieles mehr. Und sie begann, Bücher zum Thema zu rezensieren, die man gleich kaufen kann. Dass Eva nicht ihr Leben lang beim Thema „Schlank werden“ stehen bleibt, wundert nicht. Sie hat auch Interesse an Aktien (man kann ihr kommentiertes Depot betrachten), an Gartenarbeit und sie zeigt ihre Lieblingsurlaubsorte.

Nach und nach wirkt die Leitseite rein von der Vielfalt der Themen und Angebote her fast wie einer der üblichen Gemischtwarenläden. Aber nur FAST! Denn man erkennt schnell, dass die „Ordnung“ bzw. Auswahl der Themen nicht abstrakt, nach den Bedürfnissen eines vermuteten Marktes zustande kommt, sondern sich als Web-Geschichte entlang der Intressen eines konkreten Menschen entwickelt hat. Das Ganze lebt von ihrer Person, von ihrem steten Engagement, ihren guten Ideen und ihrer dauernden Kommunikation mit den Usern. Als Meome-Guide hätte sie nie im Leben eine solche Wirkung entfalten können, und ich bin mir sicher, sie nimmt ein Vielfaches von dem ein, was so ein StartUp-Hiwi im besten Fall erreichen kann. Ihre Site muss nicht glatt und durchrationalisiert aussehen und nicht erst 17 Datenbanken abfragen – sie braucht eben auch keine MASSEN, um ihr Auskommen zu haben und mit ihrer Site erfolgreich zu sein. „Erfolgreich“ heisst vielleicht nicht einmal, dass sie wirklich GANZ vom Commerce-Anteil ihrer Site leben kann – doch die Aktivität, die erworbenen Kenntnisses, die entstandenen Kontakte und ihr Ruf haben sicher dazu beigetragen, dass sie finanziell auf anderen Ebenen einen besseren Schnitt macht.

Nun hab ich mich durchs Schreiben wieder selber motiviert, wie schön! Wenn man nur auf den Mainstream blickt, weil der sich in den News und Fachzeitschriften derart breit gemacht hat, als gäbe es nichts mehr anderes, ist es ja kein Wunder, wenn einem die Laune vergeht. 1000 neue Features und Techniken lernen, nur um langweilige Möchte-gern-Massen-Sites mit zu produzieren, war nie mein Ding und wird es auch nicht werden. Das Netz ist groß genug für echte Menschen und ihre Projekte. Dass ihnen der Einstieg heute nicht mehr so leicht fällt wie mir 1996 ist eine Tatsache, die mir allerlei Nischen eröffnet. Kein Grund also Trübsahl zu blasen, nicht wegen dem Web und schon gar nicht wegen dem Herbst. (Gerade scheint wunderschön die Sonne!).

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