Claudia am 23. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Die Niedermacher

Die Niedermacher

Eigentlich hätte das „Philosophische Quartett“ gar nicht mehr gesendet werden müssen. Man konnte nämlich darauf wetten (und gewinnen!), dass allein schon das Ereignis „Sloterdijk im TV – in einer Autofabrik!“ eine Verriss-Welle nach sich ziehen werde, deren jeweilige Textgestalt kaum noch der Auffüllung mit Fakten und Anmutungen aus der Sendung am späten Sonntagabend bedurft hätte. Weiter → (Die Niedermacher)

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Claudia am 21. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Intelligenz im TV: Ein Comeback mit Stoiber und Sloterdijk

Intelligenz im TV: Ein Comeback mit Stoiber und Sloterdijk

Fernsehen ist meistens deprimierend. Wenn ich mal zu träge bin, gleich nach dem Tatort-Krimi abzuschalten oder es gar am frühen Abend wage, durch die Kanäle zu zappen, verdirbt mir die beiläufige Menschenverachtung der Programm-Macher punktgenau die Laune. Nichts gegen Spaß und Unterhaltung, ich lache gern, wenn es was zu lachen gibt. Dass aber fast alles wegzensiert wird, was auch nur von Ferne zum Nachdenken und Mitdenken anregt, weil es für den Zuschauer vorgeblich zu mühsam wäre, macht das Medium zum schier unerträglichen Nullmedium. Das mächtigste Kommunikationsmittel des 20sten Jahrhunderts ist zum einflussreichen Kasperltheater geworden, multipliziert primitivste Gefühle, verkleistert das Hirn mit katastrophischen Info-Bits und scheut komplexe Sachverhalte wie der Teufel das Weihwasser. Ich sollte es einfach ignorieren, sag ich mir immer wieder, aber mich nervt die Spiegelfunktion der ganzen Veranstaltung: Weil IHR, die Zuschauer, nun mal solche Idioten seid, die kein anderes Programm sehen mögen, MÜSSEN wir all diesen Fun&Crime-Schrott fabrizieren, selber schuld! Weiter → (Intelligenz im TV: Ein Comeback mit Stoiber und Sloterdijk)

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Claudia am 20. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Textschnipsel am Sonntag

Textschnipsel am Sonntag

Was mich ärgert:
Da will eine Hausgemeinschaft eine Genossenschaft gründen und ihr Haus der Wohnungsbaugesellschaft abkaufen. Sowas macht Arbeit, braucht Engagement – selbst dann, wenn das „Kaufen“ an sich kein Problem ist. Man muß vielleicht auch mal ein paar Briefe schreiben und Papiere kopieren – wer zahlt dann aber das Porto und die Kopien? Schwierige Frage, denn gleich melden sich ein paar Mieter, die NICHT Genossenschafter werden wollen, und meinen: „WIR wollen aber die Copy-Kosten NICHT mitbezahlen!“ Ihr kleinkarierter Geiz möge ihnen im Halse stecken bleiben! Dumm wie Bohnenstroh sind sie ja schon, denn jeder, der mitdenkt, kann sich leicht ausrechnen, dass die Bedingungen auch für Kaufunwillige besser sind, wenn ihre Wohnung nicht von einem Privatinvestor übernommen wird.

Was mich freut:
Matti! Ein wunderbares Kind, drei Monate alt, hat gestern stundenlang mit mir geflirtet. Dieses unglaublich interessierte Gucken, man kommt sich vor, als sei man ein Karussell oder sonst etwas ganz Spektakuläres. Ein schöner Besuch bei alten Freunden, die gerade Eltern geworden sind. Nicht ganz leicht in einer Welt, in der wirklich jeder der Mutter gute Ratschläge gibt, wie und was und warum dies oder jenes so und nicht anders zu tun sei. Auch Kinderlose halten da nicht an sich: „Kinder machen blöd“, sagte jemand zu C., der jungen Mutter, die gerade ihre Doktorarbeit in Philosophie schreibt. Ich hätte geantwortet: lieber blöd als ausgestorben!
In Wahrheit ist es umgekehrt: Matti hat uns davor bewahrt, dass unser Gespräch in allzu große Blödheiten abgleiten konnte, wie es immer dann geschieht, wenn man nur noch sich und die eigene Meinung immer verbissener vertritt. Das ging gestern nicht, Matti war ja da – und hat gelächelt, gewunken, uns mit großen Augen „bewundert“ – da kann man einfach kein Idiot sein! :-)

Was ich heut‘ allen Schreibenden empfehle:
Auf fernsehn.de schreibt Dirk Schröder einen Literaturwettbewerb aus:
„Gesucht werden literarische Arbeiten zum Thema Leben mit Computer und Internet, „Netzleben.“ Grund für diese Themenvorgabe ist der Mangel an Belletristik, die sich mit solchen Dingen befasst. Gerade die im Usenet und im WWW publizierten Texte deutscher Schriftsteller haben mit dem Internet meist nichts am Hut, täglich am Computer sitzende Autoren erzählen unter Netizens Geschichten vom Pferd, vom Brief, vom Blümelein. Dabei fahren sie selbst Motorrad, schreiben E-Mails, grüßen per SMS. So soll es nicht weitergehen!“
Die Domain fernsehn.de kann man gewinnen und noch einige andere, ein bißchen Literatur-nähere Domains. Tolle Idee!

Was ich heut‘ Abend mache:
Peter Sloterdijks „Philosophisches Quartett“ startet heute um 22.45 im ZDF. Zusammen mit Rüdiger Safranski wird er mehrere Folgen der neuen Sendereihe moderieren, immer mit zwei Gästen. Heute kommen Reinhold Messner und Friedrich Schorlemmer. Das Thema „Angst – Warum es keine Sicherheit gibt“ wird die Runde beswchäftigen. Ich bin gespannt – und finde es einfach zum Kotzen, dass vorab allerlei Journalisten ihr Gift darüber ausschütten, dass die Veranstaltung in der neuen VW-Fabrik in Dresden stattfindet, welch große Sünde! Kaum je ein Wort zu Sloterdijk als Philosoph, allenfalls wird wieder die Mär von den „Züchtungsphantasien“ kolportiert, das geht schnell, da braucht man nicht neu nachlesen. Und: In der Tonne soll er bleiben, der Philosoph, sich nur nicht auf dem Marktplatz herumtreiben, wie weiland Sokrates. Bei praktisch allen derartigen Verlautbarungen spüre ich den Neid auf die Sloterdijksche Sprachgewalt und „Medienkompatibilität“ aus allen Poren triefen.

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Claudia am 18. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Traum, Tunnel, Tietze-Syndrom

Traum, Tunnel, Tietze-Syndrom

Es ist halb vier. Die Ziffern der Uhr leuchten hämisch herüber, ich kann nicht schlafen. Fließe hin und her zwischen Wachen und Dösen, nicht auf der linken noch auf der rechten Seite halte ich es lange aus, auf dem Rücken schon gar nicht. Nein, ich rege mich nicht auf, wirklich nicht, das nützt nichts sondern macht es nur schlimmer. Das Jucken an der Rippe unter der linken Brust, das mich seit Jahren begleitet, nervig, aber nicht wirklich beängstigend, hält mich wach. „Tietze-Syndrom – möglicherweise“, sagte mal ein Arzt vor ein paar Jahren, „leider nicht erforscht, ich kann Ihnen nur eine Cortison-Depotspritze anbieten. Das ist gar nicht so schlimm, wie man meint“. Hab‘ ich abgelehnt, damals, wie kann er mir nur sowas anbieten, wenn er gar nicht weiß, was ich habe? Keine Arztbesuche mehr seither, ein paar Recherchen im Netz auf eigene Faust, ohne Ergebnis. Weiter → (Traum, Tunnel, Tietze-Syndrom)

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Claudia am 15. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Langeweile

Langeweile

Fast eine Woche ohne Diary – warum? Da mittlerweile ein paar liebe Leute anfragen, was aus mir geworden ist, melde ich mich hiermit zur Stelle: Still alive and clicking! :-) Es gibt einfach Zeiten, in denen mich die Muse nicht küßt, mir fällt definitiv nichts ein, was „raus“ will, oder ich zensiere es schon gleich im Kopf weg: zu langweilig, völlig unbedeutend, besser nichts als nur ein paar Worte machen um der Worte willen.

Es ist ja kein Problem, IRGENDWAS hinzuschreiben! Derzeit bekomm‘ ich zum Beispiel immer wieder mal Werbung von www.satt.org, die da stolz vermelden:

„Jeweils einen Monat lang veröffentlichen von nun an handverlesene Autoren auf daily satt ihre tagesaktuellen Aufzeichnungen. Los geht es im Dezember mit daily willmann: den Notizen des Berliner Lyrikers und Schriftstellers Frank Willmann, im Januar 2002 folgt daily stahl (Enno Stahl, Köln) und im Februar 2002 daily wagner (Achim Wagner, Köln/Mülheim a. d. R.). Lesenswerte und kurzweilige Internettagebücher sind Nadeln in Heuhaufen. daily satt ist weder Meinungsportal, noch Nabelschau, weder wahl- noch uferlos. Die Beschränkung auf einen Autor gewährt Einheitlichkeit, der monatliche Turnus Abwechslung.“

Naja, und nun guckt mal, was da so steht! Macht euch das „satt“? Braucht das die Welt? Lohnt es den Klick??? Wenn das die „Nadel im Heuhaufen“ ist, frag‘ ich mich, in welches Heu die zwecks Orientierung geguckt haben. Mir kommt fast jedes Gelegenheits-Blog spannender vor als solche leeren Minimal-Ergüsse, die offensichtlich nur da stehen dürfen, weil der Verfasser sich anderweitig einen Namen gemacht hat. Schon jeder Kreativ-Writing-Kurs bringt weit lesenswertere Ergebnisse!

Lästern ist ja immer ein guter Ausweg, wenn man an existenzieller Langeweile krankt. Mal eben einen kleinen „Krieg“ vom Zaun brechen, zum Beispiel gegen die Telekom: seit Mai warte ich auf einen ISDN-Anschluß, hier, inmitten von Berlin, im „In-Viertel“ von Friedrichshain. Als ich hergezogen bin, sah noch alles ganz normal aus: Antrag gestellt, telefonisch einen Termin ausgemacht – tja, aber der Monteur kam nicht! Auch sonst keine Nachricht, ich war wochenlang ohne Anschluß und beim telefonischen Nachhaken traf ich auf Leute, die jetzt Stein und Bein schworen, die Telekom hätte ganz gewiß NIE einen Termin mit mir ausgemacht, sowas gehe ja nur schriftlich! Endloses Herumtelefonieren, schließlich kam heraus, dass die Bauabteilung die Sache ad acta gelegt hatte, weil ISDN hier noch nicht möglich sei. Dass der Mensch vielleicht trotzdem irgend einen Anschluß möchte, ist ihnen nicht eingefallen. Nochmal Wartezeit, und seither hänge ich „analog“ im Netz, so richtig steinzeitmäßig. Dann im Dezember nochmal nachgefragt: WANN bitte bekomme ich ISDN??? Drei Wochen später ein schriftlicher Bescheid: Wir PRÜFEN dass, wenn die Prüfung abgeschlossen ist, geben wir Ihnen Nachricht. Wie schön!

Was könnte ich tun? Ich könnte jede Menge Wirbel machen, eine BI der Betroffenen gründen, vielleicht allerlei Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft motivieren, bei der Telekom anzufragen, wann endlich die Versorgung dieses Innenstadtbezirks gewährleistet ist. Immerhin zieht demnächst Emi-Music hierher, eine der wenigen großen Firmen, die sich entschlossen haben, in die Hauptstadt zu kommen. 500 Leute, von denen etliche hier in FH wohnen wollen. Die werden sich freuen, wenn sie auch gleich „analogisiert“ werden!

Naja, und dann läßt der Anfall von Aktivismus gleich wieder nach. Vielleicht liegts am Alter, daß mich die Vorstellung derartiger „Protest-Arbeit“ nicht mehr richtig motiviert. Vielleicht ist es auch nur eine Phase, der Januar ist nicht gerade ein Super-Monat. Ja, ich langweile mich! Nicht etwa, dass ich nichts zu tun hätte, die Liste „To do“ liegt neben mir und macht mir ständige Vorwürfe – aber irgendwie bekomm‘ ich die Kurve nicht, es mangelt an Begeisterung, an konkreten Wünschen und Zielen, die mich in Bewegung setzen. Und ich vermute, das bleibt auch so, ich hege den Verdacht, dass die Zeiten vorbei sind, in denen ich „von außen“ motiviert werden kann.

Heidegger beschreibt die existenzielle Langeweile als das „Leiden, vom Dasein als Ganzem nicht angesprochen zu sein“. Gute Formulierung, trifft genau den Punkt. Wer sich z.B. verliebt, plötzlich die Kündigung bekommt oder Opfer einer Katastrophe wird, ist auf einmal vom Dasein als Ganzem unausweichlich angesprochen. Dieses „Angesprochen-Sein“ allein aus mir heraus zu erzeugen, ist mir bisher nicht gelungen. Aber ich sehe immer besser, dass genau das die Aufgabe ist.

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Claudia am 09. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Kampfzone

Kampfzone

Gestern abend lief ein Fernsehfilm auf 3SAT, „Schlafende Hunde“, der gut und gern als Illustration zum Roman „Ausweitung der Kampfzone“ von Houellebecq gesehen werden könnte. Ein Konzern plant in einer kleinen Stadt ein riesiges Shopping-Mall-Projekt mit Gastronomie, Wellnesslandschaft und Hotelerie, Gesamtvolumen 140 Millionen. Schauplatz des Films ist die Büroszene des Projektträgers: Wichtige Männer, die laufend Besprechungen haben, viel telefonieren, jede Menge Bestechungsgelder in Geldkoffern hin und herreichen, umgeben von schick gestylten Frauen, die für Häppchen und Getränke sorgen und niedere Organisationsarbeiten erledigen. Jeder kämpft für sich allein, wittert im Anderen den immer zum Tiefschlag bereiten Gegner. Verbissen sägen sie gegenseitig an ihren Stühlen und tricksen sich aus, wobei immer der GANZE Mensch gefordert ist, alle Beziehungen, einschließlich der sexuellen, stehen ganz im Dienst der Intrigen und Karrieren, Freizeit ist fast ganz verschwunden. Weiter → (Kampfzone)

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Claudia am 02. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für St.Hedwig

St.Hedwig

Gestern mittag draußen gewesen. Ich wollte über die Festmeile der Silvesternacht schlendern und mit der Digicam festhalten, wie „Berlin – the Day after“ aussieht. Wegen Aufräumarbeiten und einem Neujahrslauf war die Straße Unter den Linden immer noch gesperrt, mit dem Auto konnte ich nicht ganz bis zum Brandenburger Tor fahren. Parkte also vor der Humboldtuniversität, schoß ein einziges Bild, dann meinte der Apparat schon, die Energie reiche nicht mehr weiter. Sollte ich jetzt nach Batterien suchen? In den Andenkenshops wühlen? Wieder ins Auto steigen und eine Tankstelle anfahren??? To much, es muss ja nicht sein! Ich schaltete um von „jagen & sammeln“ auf „erleben“ und wußte nicht recht, was tun. Guckte mir die Gebäude an, Prachtbauten im trüben Winterlicht, es war noch wenig los, insgesamt eine seltsame Atmosphäre, als mache die Welt gerade Pause. Weiter → (St.Hedwig)

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Claudia am 26. Dezember 2001 — Kommentare deaktiviert für Weihnachten, ein Opferfest

Weihnachten, ein Opferfest

Es ist still in Berlin Friedrichshain, nun schon den dritten Tag. Das „In-Viertel“ rund um die Simon-Dach-Straße ist wie ausgestorben, die meisten Kneipen bleiben zu und die Fassaden der Gründerzeit-Altbauten zeigen sich nächtens in gespenstischem Dunkel: alles leer, alles ausgeflogen. Die ungewöhnlich jugendliche Bewohnerstruktur – fast jeder ist hier unter 30 – führt an traditionellen Feiertagen zum Komplett-Ausfall der ansonsten so beliebten und gelobten kulturellen Eigenständigkeit. Man fährt halt heim zu den Eltern oder gleich ganz weit weg, in den Süden. Immerhin findet sich so endlich locker ein Parkplatz!

Da ich in keinerlei festive Aktivitäten eingesponnen bin, sind diese Tage einfach eine ruhige Insel im Getriebe. Das Gefühl, etwas (mehr!) tun zu müssen fürs „Fortkommen“, tritt in den Hintergrund. Wenn alle abschalten, darf ich ja wohl auch… Beiläufig beobachte ich die Medien im Christmas-Taumel, besonders das Fernsehen, und mit einem Mal wird mir klar, dass Weihnachten ein Opferfest ist.

Was wird geopfert? Zu welchem Zweck? Der Sinn des Opferns ist immer gleich: Man will einen übermächtigen Gott bestechen bzw. gnädig stimmen, damit die Dinge einmal nicht ihren „natürlichen“, also gottgewollten Lauf nehmen, sondern sich nach den Wünschen der Opferer entwickeln. Wird das Opfer akzeptiert, hat mensch kurzzeitig Ruhe vor der göttlichen Eigendynamik, der satte Gott hält sich ganz raus oder verhält sich dem Menschenwunsch gemäß – für kurze Zeit, ein Opfer reicht ja nie für immer.

Bis zum Abend des letzten verkaufsoffenen Tages vor Weihnachten berichten die Medien intensiv von der Konsumfront: Wieviel und was gekauft wird, ob mehr oder weniger als im letzten Jahr, was die Händler dazu sagen und ob das Volumen des Weihnachtsgeschäfts insgesamt ausreicht, der Wirtschaft zum Jahresende zu deutlichen Gewinnen zu verhelfen oder aufgelaufene Verluste zumindest spürbar zu mildern. Man beobachtet also die Opferzeremonien und versucht, zu beurteilen, ob das Opfer ausreicht und ob es angenommen wird.

Offensichtlich ist das dieses Jahr wieder der Fall, denn am Nachmittag des 24.Dezembers schließen nicht nur die Läden und Büros der Welt des Kaufens & Verkaufens, auch innerpsychisch verläßt man die erweiterte Kampfzone und legt erleichtert die Rüstung ab, checkt aus, um mal wieder „richtig Mensch“ zu sein – so zumindest ist es gemeint, gedacht, gewollt. Für ein paar Tage sind wir dann frei (gelassene..), haben uns frei gekauft und können nun Seiten zeigen und Aspekte leben, die im immer mehr Lebensbereiche umfassenden täglichen Kampf ums Fortkommen hinderlich bis peinlich sind: Weichheit, spontane Freundlichkeit, Mitgefühl, Sehnsucht nach Liebe jenseits von Leistung und Nützlichkeit, und die aus alledem folgende Großzügigkeit mit der Bereitschaft zum Helfen, Schenken und Teilen.

Die Medien begleiten bereitwillig die kurzfristige Richtungsänderung, Familienfilme handeln von harten Geschäftsleuten, die zu liebevollen Vätern mutieren, Lokalsender zeigen tatsächlich Menschen beim schenken, helfen und teilen – von der Feuerwehrgruppe, die ein Kinderheim beschert bis zum Viersternehotel, das in der heiligen Nacht fünfzig Obdachlose verköstigt und beherbergt. Geld ist nicht alles, das darf jetzt mal gesagt, geschrieben, gesendet und gesehen werden. Sind ja nur ein paar Tage, dann ist wieder das große kollektive „Speicher löschen“ per Silvesterfete angesagt, mit anschließender kraftvoller Neuprogrammierung auf neue Wünsche, Ziele und Vorhaben im neuen Jahr. Die kurze Auszeit muß rituell gebrochen werden, sonst könnten ja Spuren in den Psychen zurückbleiben, die Freude am Helfen, Schenken und Teilen könnte um sich greifen – mit unabsehbaren Folgen! (Man sieht ja, was diese „Tradition“ z.B. im Internet angerichtet hat, wo sie die ersten Jahre des neuen Mediums kulturell dominierte: kein Geschäft nirgends, E-Commerce ein Milliardengrab!)

Bald ist sie vorbei, die „freie“ Zeit, das Opfer ist aufgezehrt und hungrig erwacht der Gott unserer Tage zu neuem gefräßigen Leben. Wir werden das Visir herunterklappen, die Samthandschuhe ausziehen, das Herz wieder als bloße Pumpe ansehen und tun, was wir tun müssen. (Wem der Übergang zu hart ist, der wird vielleicht im Januar krank -> Zeit des höchsten Krankenstandes in diesem Land).

Ist das der Endzustand? Wird es immer so sein, solange diese Welt steht, dass wir unsere liebevolle, weiche und freundliche Seite verbergen, besser noch verdrängen und vergessen müssen, um „fort“ zu kommen? Ja wohin denn eigentlich ? Man kann sich lange an der eigenen Kreativität berauschen, am Wachsen des Bankkontos, am Aufsteigen auf neue Siegertreppchen – irgendwann mal meldet sich gerade auch bei den Erfolgreichen die Frage nach dem „Wozu?“. Macht mich das jetzt wirklich glücklich? Bringt es mir echte Freude? Gewinne ich Freunde und Freiräume, oder verheize ich nur meine Lebenszeit für Dinge, die ich nicht fühlen und nicht spüren, sondern nur wissen, bzw. mir „ausrechnen“ kann?

Wenn ich mir angucke, wie so mancher Werbespot zur KUNST gerät, so daß schon kaum mehr erkennbar ist, für welches Produkt hier um Sympathie geworben wird, sehe ich die Verzweiflung erfolgreicher Kreativer: Es ist schon hart, sein ganzes Herzblut ohne Pause für so hehre Ziele wie die bessere Vermarktung von Gummibärchen oder Schokoriegeln einsetzen zu müssen – und sowas geht heute nicht mehr „mit links“, schon gar nicht in einer gewerkschaftlich abgesicherten 35-Stunden-Woche.

Der Gott unserer Tage will uns GANZ, nicht nur werktags zwischen 9 und 17 Uhr. Er ist unbescheiden, allgewaltig und groß wie es sich für einen Gott immer schon gehört. Und er nutzt moderne Kommunikationsmittel, lichtschnell und frei von allem menschlichem (Wohl-)Wollen kreist das Kapital, sein farbenfernes Blut durch die vielfach vernetzten Adern unserer Welt – in endloser Suche nach Vermehrungsmöglichkeiten. Dieser Gott will vor allem eines: wachsen. Ist er – mal so als Wachstums-Junkie betrachtet – denn wirklich allmächtig und in dieser Allmacht ewig?

Wer von Sucht etwas weiß, weiß auch, daß Zusammenbruch, Tiefpunkt und Entzug schon im kleinen menschlichen Rahmen katastrophal sein können – an einen göttlichen Breakdown mag man da lieber gar nicht erst denken! Zudem ist eine solche Entwicklung planerisch sowieso nicht zu beeinflussen und auch alle Versuche, freundliche selbstgebastelte Gegen-Götter zu etablieren, sind gescheitert – auch der Gott DIESER Welt ist ja nicht etwa irgendwo „außen“, sondern lebt in uns selbst.

Und trotzdem: Tote Götter pflastern unsern Weg, daran könnten wir uns gelegentlich erinnern! Schließlich ist noch nicht aller Tage Abend…

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