Claudia am 28. Oktober 2001 — 0 Kommentare

Freude am Herbst

Gestern ein Spaziergang über die Friedhöfe bis zum Friedrichshain. Keine Sonne, sondern diesiges Herbstwetter. Gerade so verhangen und grau, daß die bunten Farben der Blätter aus sich selber leuchten, wie sie es nur tun können, wenn sie nicht vom Spiel mit Licht und Schatten überstrahlt werden.
 
Wenn ich so eine Beobachtung hinschreibe, wird sie mir gleich zur Metapher, zur verschlüsselten Botschaft der Welt, die uns etwas sagen will – aber was? Was wäre in unserem Leben „Licht & Schatten“ ? Zwar wunderschön, lebenswichtig und unverzichtbar – aber doch das je eigene Blühen einer jeden persönlichen Farbe herabmindernd?

Ahornbuddha

Mit einem Strauß bunter Blätter kam ich dann heim, fotografierte sie, legte sie auf den Scanner – und gab ihnen damit eine Art „ewiges Leben“ – das virtuelle nämlich: ein Datenleben im Cyberspace, ohne Zerfall und Tod solange die Festplatten existieren.
 
Es gibt tatsächlich Menschen, sogenannte „Transhumanisten“, die wollen das „mit sich selbst“ auch gern veranstalten: Das Bewußtsein auf die Platte downloaden und der Welt aus Fleisch und Blut adé sagen – naja, wem’s gefällt! Für mein Empfinden könnte der Irrtum kaum größer sein, in dem sie sich befinden, wenn sie meinen, ihr Bewußtsein bestünde aus mentalen Inhalten, die sich ganz easy als „Daten“ in Software abbilden lassen. Und selbst wenn es anders wäre: Was wäre denn ein Leben ohne Tod? Wie sollten wir je etwas wertschätzen, wenn kein Ende abzusehen wäre, an dem wir es ganz gewiß verlieren werden?
 
Meine Herbstdepression ist vorbei! Ich genieße es sehr, wieder Freude und Interesse an den Dingen zu fühlen. Ein langer Besuch bei einer Frau in meinem Alter, die ich gerade erst kennen lerne, hat den Ausschlag gegeben: ein ganz anderer Lebensstil, eine fliessende Kommunikation von Geist zu Geist – und viele Stunden ergötzliches Zusammensein, Essen gehen in Berlin Mitte, zuletzt eine ulkige Suche nach dem verlorenen Auto (WO nur haben wir es abgestellt?). Ein wunderbarer Tag mitten im REAL LIFE, neue Inspirationen – und angesichts eines fremden Menschen fühle ich mich deutlich stärker als Individuum, als wenn ich immer nur im Rahmen meines häuslichen Cocooning verharre, das ich in letzter Zeit ein wenig übertrieben hatte.
 
Wohlbefinden braucht alle Ebenen: Geist, Psyche, Körper – und für die Psyche sind neue Eindrücke unverzichtbar. Der Gedanke „ich hab‘ doch schon alles erlebt“ ist genauso falsch wie die Ideen der Transhumanisten – und führt, ernst genommen, einfach nur in die Depression.

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