Claudia am 16. August 2002 — Kommentare deaktiviert für Kleine Neigung in Richtung Sterben

Kleine Neigung in Richtung Sterben

Ein Gefühl der Schwäche um den Solar Plexus, so etwa, wie nach drei Wochen Grippe – oder bilde ich es mir nur ein? Es ist mitten in der Nacht, ich bin nochmal aufgewacht und die Realität hat nicht so ganz dieselbe dichte und schwere Qualität wie am Tag. Sie ist weicher, flexibler, mehr von meinen Vorstellungen, Gedanken, Wünschen und Träumen abhängig – muss ich jetzt aufpassen, was ich für Vorstellungen entwickle? Die Imagination des Siechtums ist erstaunlich, hat aber im Moment nichts Erschreckendes. Im Gegenteil. auf einer subtilen Ebene ist es abwechslung, neue Empfindungen wecken den Geist aus dem Schlaf des allzu Bekannten und ich wundere mich, warum rund um Krankheit, Sterben und Tod soviel gejammert wird.
Manche Gedanken sind verboten. Das kommt mir gleich in den Sinn, wenn ich sowas hinschreibe. „Bekomm du erstmal selber deinen Krebs!“, denkt man sich, wenn man sowas liest – jedenfalls würde ich so denken, da bin ich mir sicher.

Noch immer fühl‘ ich mich schwach, fiebrig, ich will einen Kräutertee mit Zitrone und Honig, will ein bißchen bedauert und gepflegt werden, aber weit nach Mitternacht paßt das nicht so recht. Eigentlich paßt es nie, wenn ich ehrlich bin, deshalb will ich ja auch einen Krankenbesuchsverein gründen. Jedes Mitglied hätte das Recht auf einen Krankenbesuch pro Tag und ist im Gegenzug selber bereit, andere zu besuchen. Bei den vielen alleine Lebenden in Berlin, so denk ich mir, wär das gar nicht so falsch. Vor hundert Jahren hat es sowas schonmal gegeben, hab‘ ich mal gehört.

Bis jetzt bin ich zu gesund, um das wirklich anzugehen. Wo es keinen „versteckten Gewinn“ des Krank-Seins gibt, ist das auch kein Wunder. Dass ich mich schwach fühle, ist eine Folge der Zelt-Übernachtungen am letzten Wochenende in Mecklenburg. Es war kalt, es war feucht, ich fror in der ersten Nacht und wie immer hab‘ ich nicht wirklich auf so etwas geachtet. Na, mitten in der Nacht war es auch nicht mehr zu ändern und immer noch besser, als mit anderen im selben Zimmer zu schlafen. Dieses Jugendherbergsgefühl gefällt mir lange schon nicht mehr und das Schnarchen des Mitmenschen raubt mir den letzten Nerv, nein danke!
Jetzt also schon eine Woche „grippaler Infekt“: Schwitzen, Schwachheitsgefühle, Trägheit, gelegentlich Aspirin, mit schlechtem Gewissen, versteht sich. Und Träume von der Hinfälligkeit, wie jetzt.

Makabre Gedanken, Erinnerungen an das Schreibwochenende, wo mir Krankheit und Tod unübersehbar begegneten. Die Schwester einer Teilnehmerin hatte gerade ihre Diagnose bekommen: Lungenkrebs. Mit dem Rauchen hat sie daraufhin aufgehört – während der anstehenden Operation wird erst klar werden, wieviel von der Lunge entfernt werden muß. Zwanzig Prozent, sagen die arzte, könne sie ja locker durch das Nicht-Mehr-Rauchen ausgleichen. (Immerhin, plappert mein altes Raucherinnenbewußtsein, Nichtraucher können das nicht!) Ihre Schwester ist erschüttert, aLLE sind betroffen, man senkt die Stimmen und fühlt sich sehr sensibel. Man hätte gerne Tränen in den augenwinkeln.
Zum Ende fahre ich nicht gleich nach Hause, sondern erst noch mit unserem Gastgeber an die Ostsee, M. besuchen, eine andere Teilnehmerin dieser Jahrzehnte alten Schreibgruppe. auch sie konnte nicht kommen, hatte gerade ihre OP: Eierstockkrebs, in die Bauchhöhle gewachsen, drittes Stadium. Die erste Chemo hat sie hinter sich. Ihr halb fertig ausgebautes Haus in einem kleinen Dorf nahe der Ostsee ist wunderschön – genau die Idylle, von der der Städter träumt. Unverbaubarer ausblick in die offene Weite, Felder, am fernen Horizont der Wald, ein großer Garten, Obstbäume, Wiese – und noch kein richtiger arger mit den Nachbarn.

Das Haus ist die ehemalige Dorfschule. Genug Platz also für M., die sich das Ganze vor zwei Jahren gekauft und seither dran herumgebaut hat. Endlich weg aus Berlin, zum Jahreswechsel dann auch das ersehnte Ende der Berufsarbeit. M. ist 60, schlank, sie begrüßt uns mit einer Bemerkung zu ihren jetzt kurzen Haaren. „Ich dachte, ich treff dich ganz ohne“, sag ich, während ich sie umarme, denn ich will gleich klar stellen, dass wegen mir über die Hauptsache nicht geschwiegen werden muss. Über den Krebs, den Skandal, die angst, das mögliche Ende. M. lacht und sagt, kurze Haarbüschel, die sich in der Wohnung verteilen, seien jedenfalls nicht so nervig wie lange Strähnen.

Wir sitzen im Schatten, trinken Kaffee, M. hat Kuchen aufgetaut, der Kater streicht uns um die Knie. Viele Leute bieten jetzt ihren Besuch an, erzählt M. auch über längere Zeit. aber das wolle sie nicht, sie sei am liebsten alleine in den Tagen rund um die Chemo. Da könne sie ungestört schlaff herumliegen, müsse sich um niemanden kümmern. Oh Gott, denk ich mir, immer diese fraulichen Pflichten, tief eingraviert in unser Bewußtsein. Der aNDERE ist immer wichtiger! Die perfekte Gastgeberin reicht am Rand des eigenen Grabes schmackhafte Häppchen….
Im Dezember war sie noch beim arzt gewesen. Hat sich da schon irgendwie schlecht gefühlt, aber es wurde nichts gefunden. Erst viele Monate, verschiedene arzte und etliche Untersuchungen mit scharfem Gerät später wurde der Krebs entdeckt – im dritten Stadium, kurz vor den Metastasen also. Da war sie schon sehr viel dicker geworden, hatte kiloweise Wasser eingelagert. Schließlich die Operation. „Ich hab nicht gewußt“, sagt M, „dass sie einen heutzutage schon am nächsten Tag unter die Dusche jagen. Wie zäh ein Mensch doch ist!“ Man habe allerlei ausgeräumt, den Eierstock sowieso, dann den Blinddarm, einen Teil des Darmgeflechts – 14 Nahtpunkte lang sei ihre Narbe am Bauch. Naja, genäht werde heut‘ auch nicht mehr, so mit Nadel und Faden, sondern GETACKERT.

„Wir können froh‘ sein, dass sie nicht kleben. Wie bei den Flugzeugen,“ sag ich und grüble über den technischen Fortschritt, so ganz hautnah.
Wie es wohl ist, wenn man vom eigenen Krebs weiß? Ich gehe davon aus, daß ich natürlich in Schrecken erstarre, erstmal. Dass es etwas ganz anderes ist, die definitive Diagnose zu bekommen als nur die Möglichkeit zu überdenken. Sicher, wir sterben alle und wissen nicht wann. aber wir leben so, als sei dem nicht so, oder? Fast täglich denke ich: Was wäre, wenn jetzt bald Schluß wäre? aber ich rechne damit, dass mich das nicht wirklich der Realität näher bringt. Und trotzdem: Mein Vater ist genauso gestorben, wie er gelebt hat – also wird das bei mir auch nicht anders sein.
Im Moment fühl‘ ich mich nicht nach Sterben, nur so angenehm schwach. Ein Geschmack von Hinfälligkeit und Niedergang, vermutlich wird sich das Grobe, die starken Eindrücke, zu immer feineren Wahrnehmungen verwandeln, wenn es mal Ernst wird. Na, vermutlich auch einfach so, man wird ja älter und das gehört zu den damit verbundenen Vorteilen: Wer alles schon kennt, dem bleibt nichts anderes übrig, als dasselbe ganz anders anzusehen.

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Claudia am 14. August 2002 — Kommentare deaktiviert für Das Wasser – ein Feind ?

Das Wasser – ein Feind ?

Es ist etwas anderes, jemandem zuzuhören, der „mitten im Wasser steht“, als nur im Fernsehen mit dem üblichen Katastrophen-Interesse die Sondersendungen anzugucken: Wow, und das bei uns! Nein, das Internet machts möglich, Freunde und Bekannte berichten von den steigenden Fluten, von voll gelaufenen Kellern und von der furchtbar gedrückten Stimmung der letzten Tagen. Gefühle der Ohnmacht, des ausgeliefert-Seins, immer mehr Opferbewußtsein – und dann die oft unausgesprochene, aber dennoch drängende Frage nach dem „Warum?“.

Die „große Bedrückung“ ist etwas, das mich innerlich herausfordert. Komischerweise wüsste ich gerne, wie ich angesichts so einer Sache reagieren würde. Ganz gewiss würde ich nicht „warum?“ fragen, ich wundere mich richtig über diese Frage! Es ist doch klar, warum: Die Klimaforscher haben das lange schon so oder so ähnlich angesagt. auch die mit der Theorie von den „natürlichen Schwankungen“ ändern an den Tatsachen nichts. Und wenn jetzt alle (völlig verständlich!) ihre Ventilatoren und Gebläse anwerfen, um das Feuchte so schnell wie möglich zu trocknen, wird erneut die Folge mit „Mehr von der Ursache“ bekämpft. Dass man nun mal nicht anders handeln kann, gemahnt an das Tragische im Leben, das schon seit den Griechen zu großen Kunstwerken motiviert.
Oder ist es ein anderes „Warum?“ – eine philosophische Sinn-Frage? Dann ist für mich klar, dass ich den Sinn selber geben muß: Das Wasser in seiner GEWALT hat das Potential, mir alles zu nehmen, was ich in meinen Besitz gebracht habe: Gegenstände, Verdienste, Wirkungsmächtigkeiten verschiedenster art. Was bin ich, jenseits von alledem? WER bin ich – zur Not in einer Turnhalle, nur mit dem Besitz, den ich als Klamotte am Leibe trage?

Würde ich über die materiellen Verluste klagen? Angst empfinden, weil ich jetzt meine Auftragstermine nicht einhalten kann, kein Geld mehr habe und nicht weiß, was kommt?
Ich weiß es nicht, habe aber in einer hinteren Ecke des Bewußtseins doch noch ein Selbstbild, dass das von sich nicht glaubt, nicht in der Tiefe! Fast bin ich neidisch auf diejenigen, die Gelegenheit haben, die Wirklichkeit zu erfahren (und dabei sich selbst) – obwohl es vermessen ist, so zu denken. In der Erfahrung sieht alles anders aus, als wenn man im Trockenen sitzt und philosophiert.

Die Freude am Mitmensch

Was aber immer wieder beeindruckend ist und zur Faszination einer Katastrophe gehört: auf einmal nehmen die Menschen einander wieder wahr, rennen nicht mehr völlig dicht eigenen Zielen, Plänen und Pflichten nach, sondern arbeiten zusammen, helfen einander! Die „Welle der Hilfsbereitschaft“ ist für mein Empfinden nicht nur dem augenblick der Katastrophe geschuldet, sondern auch der tiefen Unzufriedenheit mit dem, was unsere „Normalität“ ausmacht. Dieses ignorant-effektive aneinander-vorbei-Funktionieren wie Rädchen in einer großen Maschine – (noch dazu eine, die immer weniger Leute zum Weiterlaufen braucht.)

In den letzten Tagen lange Nachrichten geguckt: all die Berichte über die Zerstörungen, das ungeahnte ausmaß, fast ganz Sachsen ist betroffen, große Teile von Bayern, heut‘ Nacht noch die zweite Flutwelle aus Prag… dann die Spendenkonten, alle 10 Minuten eingeblendet, die ankündigungen der Hilfsmaßnahmen – der Städte, der Länder, des Bundes, ja, Europa wird angezapft!
Und ein komischer Gedanke schleicht sich ein: könnte DaS nicht die Wende sein? Die Rettung aus der Krise? Das Ende der „Kaufzurückhaltung?“ Wird nicht all das, was jetzt kaputt geht oder überschwenmmt wird, so schnell wie möglich geputzt, ausgeräumt, renoviert, repariert, neu gekauft und neu gebaut?

Vom privaten Keller bis zur öffentlichen Infrastruktur ist jede Menge auf breiter Fläche dahin – werden nicht alle, die irgend etwas handwerken und bauen können, die nächste Zeit voll beschäftigt sein? Ja, sogar arbeitslose dazu nehmen, weil so viel zu tun ist? Irgend jemand wird ja bezahlen: Ersparnisse, staatliche Hilfen, neue Verschuldungen, Spendengelder –
aus dem Schlamm und unter den Dreckmassen hervor kommt wie Phönix aus der asche der Kreislauf aus Geld, Waren und Dienstleistungen wieder in Gang???
Könnte es nicht so sein????

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Claudia am 12. August 2002 — Kommentare deaktiviert für Wochenende in Waldeshöh – drei Tage schreiben

Wochenende in Waldeshöh – drei Tage schreiben

Drei Tage schreiben ohne aufzuhören, drei Tage mit dreizehn anderen Schreibenden, drei Männer, neun Frauen, mitten im tiefsten Mecklenburg, dazu Wolken, Sonne, Wind, alte Bekannte, auch ein paar neue Gesichter. Das mußte einfach mal wieder sein!

Mit dieser Gruppe werde ich alt. Es ist der einzige Zusammenhang, den ich schon seit zwanzig Jahren kenne und – in immer neuen Formen – immer wieder aufsuche. Entstanden aus Volkshochschulkursen im Kreativen Schreiben, weiter geführt in privaten, selbst organisierten Schreibtreffen alle paar Monate, auch mal ausgeufert in eine dreijährige Gestalt-Gruppe, vierzehngtägig, weil Rainer, unser aller hoch geschätzter Schreib-Animateur sich zum Gestalttherapeuten weiter bildete. (Warum nicht nehmen, was sich gerade bietet, auch wenn mal nicht geschrieben wird?) autobiographisches Schreiben, Selbsterfahrungs-orientiertes Schreiben, es hat gelegentlich andere Namen, aber die sind nicht so wichtig. Immer ist es schön, manchmal tief, meistens lehrreich – und dann die Wochenenden! Seit etwa fünfzehn Jahren treffen wir uns alle Jahre im Haus eines Mitschreibers, mal in Mecklenburg, mal in der Rhön, ich lasse auch mal ein Jahr oder gleich mehrere aus. Wie wundervoll, dies jetzt alles wieder zu treffen, wieder zu erleben, mitzubekommen, wie wir alle älter werden, wie wir uns verwandeln oder uns gleich bleiben. (Krankheit, Tod und Sterben schlägt jetzt schon im allernächsten Umkreis ein, das ist nicht zu übersehen).

Aber davon ein andermal. Es ist jetzt acht Uhr morgens und als ich vorhin die Mailbox abrief, waren da 770 Mails in meinem Arbeits-Account (für den auch 15 Mailinglisten abonniert sind) und 79 im privaten. Etwa 50 hab ich schon als SPAM gelöscht, die anderen benötigen eine Reaktion. In den zwei Mailinglisten, in denen ich mich gerade am Gespräch beteilige, erfordern zwei ein intensiveres Eingehen. Daneben will ich von mir aus an einige Menschen schreiben, um die Fäden der gemeinsamen Aktivitäten wieder aufzunehmen – und die Arbeit schreit nach mir, vor mir liegen sehr disziplinierte Tage, ich muss jede Menge schaffen!

Anstatt jetzt also länger über einem Diary-Beitrag zu sitzen, setze ich mal nur einen Text von der art ein, wie er für diese Art Schreibgruppen üblich ist. Man schreibt nach der Uhr, einfach das, was in den Sinn kommt, ohne irgend einen Wert auf Form, Stil, Inhalte oder sonst etwas zu legen. Je mehr Erfahrung man darin hat, desto besser läuft es, desto weniger ist man vom eigenen Schreiber-Ego blockiert. Der „Anspruch“ ist nicht derselbe, wie in den meisten Veröffentlichungen: dass man anstrebt, etwas für andere Interessantes, Unterhaltsames oder Hilfreiches zu verfassen. Es sind Lockerungsübungen und es macht einfach Spaß. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

10 Minuten ohne vorgegebenes Thema

Zehn Minuten ohne vorgegebenes Thema, einfach drauf los schreiben, weiter schreiben, im Fluss bleiben. Eigentlich ist es wie sonst auch, wie jeden Tag, wie immer, von der Wiege bis zur Bahre: einfach drauf los leben und dann sehen, was kommt. Man sieht es ja früh genug, man erblickt es, wenn es sich zeigt, und oft will man sich nicht anfreunden. Nicht mit dem, was kommt und erst recht nicht mit dem, was sein Kommen ankündigt, beziehungsweise androht. Immer scheint es das Unerwünschte zu sein, selten das Wunderbare, das Paradies. Das 13. Monatsgehalt des Lebens erwarten wir eher nicht. Die Kündigung dagegen, die Abmahnung, das niedergelegte Schriftstück, kommende Krisen und abstürze, alle Formen von Gemeinheiten – all das sind wir gewohnt und nehmen es ohne Murren in Kauf, sobald wir die 40 überschritten haben. auch Leben muss man üben, locker lassen sich Jahrzehnte verschwenden, bevor man endlich begreift, dass kein Thema vorgegeben ist. alle tun nur so, bzw. die, die vor uns gelebt haben, versuchen, uns ihre Themen aufzudrücken. Gut, wem selber nichts einfällt, der hat vermutlich kein Problem damit, bedenkenlos fremde Filme abzuspulen, doch in den Zeiten der Ich-AG ist man schon gefordert, den eigenen Businessplan zu erstellen. Und – anders als im Geschäftsleben – bekommen wir vom Universum allen Kredit, wir müssen ihn bloß abfordern.

Draußen zwitschert ein Vogel, ein recht junger Vogel. Ob der wohl erschüttert ist, wenn es demnächst Winter wird? Oder ob er das ganz locker wegsteckt, einfach so von augenblick zu Augenblick? Es ist ja doch immer nur Leben, ohne besondere Vorgaben. Wer will mir also vorschreiben, wann ich entsetzt zu sein habe? Bloß, weil irgend ein Tag mein letzter sein wird?

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Claudia am 30. Juli 2002 — Kommentare deaktiviert für Das Einfache ist nicht einfach, das Schwierige nicht schwer

Das Einfache ist nicht einfach, das Schwierige nicht schwer

Eine Website zu gestalten ist eigentlich kein Problem, wenn man die dafür notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten (und ein paar Jahre Erfahrung) voraus setzt. Kurze Ladezeiten, eine ansprechende Optik, der schnelle Überblick über die Inhalte – mehr will der Surfer erst mal nicht. Ist das irgendwie schwierig?

Webdesign hat mir von anfang an Spaß gemacht, um so mehr, da ich zu einem Zeitpunkt eingestiegen bin, als bei weitem noch nicht ausgemacht war, was aus dem Web einmal werden würde. Ich zögerte nicht, es zum Erwerbsberuf werden zu lassen, als mich auf einmal Leute fragten, ob ich auch „im auftrag“ arbeiten würde: aber sicher doch! Besser kann das Leben ja eigentlich nicht laufen, als wenn man für das bezahlt wird, was man sowieso gerne tut, dachte ich mir so. Einfach nur immer Ja sagen, kein Drücken, kein Sich-mühsam-anpreisen, kein direktes Konkurrieren (wer ein Klinger-Design will, will nicht irgend etwas anderes) – nur immer den eigenen Impulsen folgen, schreibend, gestaltend, kommunizierend. Dadurch teilt sich der Welt ganz automatisch mit, was ich kann und was nicht und wie ich die Dinge sehe. Wenn dann jemand kommt, der etwas Spezielles haben möchte, brauch‘ ich nur einen Kostenvoranschlag machen und loslegen. Wunderbar!

Es gibt allerdings einen Moment der Unsicherheit im Herstellungsprozess einer Site, den ich niemals „in den Griff“ bekomme: der erste Entwurf. Vorher sammle ich Material, schau mir Seiten aus dem Umfeld an, versuche heraus zu bekommen, was für Farben, Formen und Stile dem auftraggeber gefallen könnten (was gar nicht leicht ist, weil er das selber nicht weiß). Aber irgendwann sitze ich dann doch da, schaue auf die leere Fläche in der Größe einer Webseite und schiebe ein Logo hin und her oder sonst etwas, was gerade als minimaler ausgangspunkt dienen mag. Jetzt „denke“ ich nicht mehr, sondern schalte auf „fühlen“ bzw. spüren um. Auf der leeren Seite tu ich das, was alle Lebewesen überall tun: Leiden meiden und Freude suchen. Genau wie sich ein Satz holprig anhören, eine Formulierung unglücklich wirken, ein absatz sich schmerzlich in die Länge ziehen und unendlich langweilen kann, so enthalten auch die einzelnen Elemente einer Seite – Farben, Formen, Bilder, Textblöcke – ihre gefühligen aspekte, die es „sprechend“ einzusetzen und auszugleichen gilt.

Wer das diskursive Denken nicht abschalten kann, kann nichts gestalten, allenfalls vorhandene Werke mehr schlecht als recht nachahmen. Als letztes Mittel schwebt genau das als Möglichkeit vor dem Gestalter, dem (noch) nichts eingefallen ist – diese angst geht dem ersten Entwurf jedes Mal voraus, selbst wenn sie einem kaum mehr auffällt, weil man an sie gewöhnt ist wie an Nachbars stinkenden alten Hund.

Persönlich erlebe ich diese Angst nicht direkt als Angst, etwas in mir verweigert sich diesem Gefühl. Statt dessen erscheint es als ein Hinauszögern, als schier endloses Vor-mir-her-Schieben dieser Gestaltungsaufgabe. Das wirkt durchaus so verrückt, dass ich nicht darüber hinwegsehen kann. Immerhin verzögere ich etwas, das ich „eigentlich“ gerne tue! Irgendwann findet diese Phase ihr natürliches oder von meinem Zeitplan verordnetes Ende und es wird Ernst: Ich sitze vor der leeren Seite, schiebe ein Logo hin und her oder sonst etwas, versuche es mit dieser oder jener Form, teste eine Farbe an, probiere eine bestimmte Raumaufteilung, dann eine andere…

…und wenn das so eine halbe Stunde gegangen ist, kommen auf einmal „Ideen“ (bzw. fallen ein) – ich schreibe sie in anführungszeichen, weil sie sich keinesfalls rein mental ins Spiel bringen. Eher sind es heiße Wünsche, Empfindungen heftigen Verlangens: hier MUSS einfach noch ein Rot hin, damit das andere nicht so alleine klotzen kann! Und da oben ist ein Loch im Raum, das auf keinen Fall so bleiben darf – jetzt aber sieht alles schrecklich bieder aus, um Himmels Willen, da muss ein Bruch rein, eine Irritation, ein bisschen Schmerz für den Betrachter, der sich dann umso besser auf dem warmen runden Orange da drüben wieder erholen kann….

Es spricht für die Verrücktheit der Gesellschaft, diese Form von Kreativität als schöpferische LEISTUNG bestimmter Individuen in den Himmel zu heben. Und richtig peinlich wird es, wenn Einzelne mit diesem gewissen Ich-der-Kreative, ICH-die-Künstlerin-Gestus auftrumpfen. Ich vermute mal, das sind meistens Leute, die entweder zu den geschickten Nachahmern gehören, oder solche, die gar nicht wissen, was sie (nicht) tun, dumm genug, um sich das Geschehen und die Ergebnisse als „Leistung“ anzurechnen, nicht bemerkend, dass alles „von selber“ geschieht.

Im kreativen Prozess muss man nämlich nichts leisten: keine Kraft einsetzen, keine großen anstrengungen, nicht kämpfen, nicht dominieren und sich durchsetzen, auch nicht intellektuell brillieren, im Gegenteil: man muss sich los lassen, alles ausprobieren, was so „ein fällt“, nicht urteilen, einfach nur spielen und fühlen, fühlen, fühlen – zur Saite werden, zum Resonanzboden, der auf verschiedene auslöser unterschiedlich reagiert. Und dann eben einfach reagieren, das Ergebnis als neuen Impuls erleben, wieder spüren, wie es sich JETZT anfühlt – die einzige „Leistung“, wenn man es unbedingt so nennen will, ist die Konzentration, das Fokussieren der aufmerksamkeit auf diese Resonanz und sonst gar nichts.

OB da etwas geschieht, WaS da geschieht, ob etwas dabei heraus kommt (?) oder doch nicht – letztlich können wir das nicht vorher wissen, es ist immer eine art Zitterpartie. Gott lob nur für den Teil des Geistes, der noch darüber grübelt, ob der auftraggeber das mögen wird, ob der Termin einzuhalten ist, ob nicht all dieses ausprobieren und Herumspielen lange schon den veranschlagten Zeitrahmen sprengt – aber genau dieser Teil ist ja vorübergehend von der Bildfläche verschwunden, wenn der kreative Part aktiv ist!

Um 90 Grad gedreht

So, es ist jetzt halb drei, die Hitze draußen ist gewaltig und von Minute zu Minute wird es schwüler. Mir geht’s dennoch ausgesprochen gut, denn heut‘ hab ich mich spontan aufgerafft, meinen Schreibtisch umzustellen – einschließlich des ganzen Computer-Equipments, das da dran hängt. Alles um 90 Grad nach links gedreht, so dass ich jetzt mit dem Rücken zur Wand sitze – und nicht mehr zur Tür! Schräg rechts ist jetzt das Fenster, gerade aus ein kleiner Tisch mit drei Buddhas und Blumenstrauß, links die immer offen stehende Tür, ich kann ein Stück weit in den Flut sehen.

Was für ein gutes Gefühl, nicht mehr dieses energetische „Loch“ im Rücken zu spüren, das ich mir seit Jahren freiwillig zumute. Und nicht etwa aus Unwissenheit – jeder weiß schließlich Bescheid, was das „Mit-dem-Rücken-zur-Tür-Sitzen“ angeht – sondern aus Hybris: allen Ernstes hab‘ ich angenommen, ich könne mich gewaltsam umgewöhnen, das Phänomen ignorieren, das Unwohlsein „aussitzen“ und so im Lauf der Zeit zwingen, mangels Beachtung einfach zu verschwinden. Weit gefehlt, es hat sich keinen Deut verändert, das bemerke ich jetzt, wo es verschwunden ist. Wie schön, wenn der Schmerz nachlässt!

Das Einfache ist nicht einfach und das Schwierige nicht schwer. Je älter ich werde, desto klarer wird das. Eine Kampagne planen und zwanzig Mitarbeiter leiten ist einfacher, als im eigenen Zimmer eine transparente Ordnung zu erhalten, die nicht nur aus dem Kopf kommt, sondern sich rundum gut anfühlt. Keine überflüssigen Dinge horten und alles belastende Zuviel vermeiden ist weit anspruchsvoller als das schlichte Powerplay, mit dem man in der Gesellschaft „etwas wird“. Zustände analysieren, Einfälle auswerten, Vorgehensweisen planen, umsetzen und kontrollieren, berechenbare Ziele anstreben und erreichen – man glaubt viel zu lange, das sei es, was das Leben für uns bereit hält, was die Welt von uns will. Dabei ist es nichts anderes als die Ideologie des Funktionierens: alles muss flutschen. Bau mit am großen Programm, sei innovativ, schaff dein ureigenes „Feature“, setze es am Markt durch und du wirst unsterblich sein – ein Lacher! Morgen wirst du durch das Feature deines Konkurrenten ersetzt, das alles, was du kannst, weit besser und schneller zustande bringt – und warum auch nicht? alles, was berechenbar ist, ist letztlich langweilig und menschlicher Befassung nicht wert – wir wissen schon, warum wir das Funktionieren ganz gern den Programmen und automaten überlassen!

Richtig spannend, wirklich abenteuerlich wird das Leben erst, wenn keine Ziele mehr locken und der Blick endlich frei wird. Frei für das, was immer schon da ist, übersehen, unbemerkt: die unendliche Weite des Augenblicks. Ziele, Wünsche, Vorhaben können sich ja nur auf bereits Bekanntes richten; meist sind es die öden Ziele der Gier, das immer gleiche Haben- und Absichern-wollen.

Das Unbekannte zeigt sich erst, wenn wir „genug davon“ haben, wenn wir uns selbst nicht mehr in den Mittelpunkt der aufmerksamkeit drängen.

So einfach. So schwer.

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Claudia am 17. Juli 2002 — Kommentare deaktiviert für Kurz dahin geplaudert…

Kurz dahin geplaudert…

Einfach mal in die Tasten tippen und schauen, was dabei heraus kommt. Nicht lang überlegen, immer im Rhythmus bleiben – oh, jetzt hab‘ ich den verbotenen Gedanken gedacht und schon stockt das Ganze, noch bevor es richtig angefangen hat. Okay okay, also lieber Zeit lassen, die Leere im Hirn genießen, nicht nach Themen und Lesern fragen, nicht nach arbeit, die lautstark nach mir ruft und nicht nach dem nächsten Kaffee, für den die Milch nicht mehr reicht, sondern erst beim Bäcker gegenüber geholt werden muss.

Es ist halb neun und schreibend komme ich mir vor, als würde ich die Schule schwänzen. Ich verbrauche Energie, die für andere Dinge verplant ist, um Sätze aneinander zu reihen, einfach nur, weil es mich glücklich macht. Manchmal schreib ich nur kurz, wie jetzt, manchmal dauert so eine Session aber auch bis zu zwei Stunden; dann ist eine Pause fällig, in der ich allenfalls mechanische Dinge tun kann, ganz gewiss nichts Kreatives mehr!

So manches mal verschwindet auch schon recht früh am Tag die Bereitschaft, immerzu auf einem Stuhl zu sitzen. Der Körper mag einfach nicht mehr – und das wirkt sich auf alles aus, was ich dann noch tue, denke, schreibe und gestalte, nicht unbedingt zu dessen Vorteil.
Lieber mal aufstehen – BEVOR es richtig ätzend wird! – und eine Yoga-Übung einschieben. Kaum etwas regeneriert, erfrischt, belebt, beruhigt und klärt die Gedanken in kürzerer Zeit.

Zum Beispiel mach‘ ich gerne die Vorbeuge: Rücken gerade, aus der Hüfte heraus langsam „abknicken“, den Oberkörper nach unten hängen lassen, die Haare berühren den Boden, ein ulkiges Gefühl. Durch die Beine hindurch sehe ich die Welt um 180 Grad gedreht, ich schaukle mit dem Kopf, um sicher zu sein, dass er ganz locker nach unten baumelt – wie angenehm!

Zumindest sieben Atemzüge sollte man in einer solchen „Asana“ ausharren, so lange dauert es nämlich, bis alle Ebenen meines Wesens die Veränderung bis in ihre Einzelheiten mitbekommen und mitgefühlt haben. Bei Übungen wie dieser bleibe ich auch gerne länger in der Stellung, genieße sie richtig, ja, ich genieße alle Übungen, die nicht auf aktiver Muskelanspannung (Kraft-ausübung) beruhen – vermutlich einer der Gründe, warum ich „zusätzlich“ ins Fitness-Center gehe. Dort begegnet mir das Thema Kraft nämlich als „Problem mit einem Gerät“ – und DaS ist schließlich eine heute ganz übliche und ausgesprochen gewohnte Form, der Welt ins kalte auge zu schauen.

Tja, und wenn ich das mal so aus der Distanz betrachte, stelle ich fest, dass ich auch im Center die Gerätschaften tendenziell eher meide, die Zeiten werden kürzer, die Wiederholungen weniger, eigentlich macht mir das Ganze schon keinen Spaß mehr. Dafür sind Fitness und ausdauer im Cardio-Training (Walken, Rudern, Steppen) gewaltig gewachsen. Im letzten September schaffte ich gerade mal zehn Minuten, heute laufe, rudere und steppe ich locker eine dreiviertel Stunde, fühl‘ mich dabei blendend und genieße das Schwitzen. Dazu 20 Minuten nicht mehr so richtig ernst gemeintes Krafttraining, und dann, ja dann geht’s in mein persönliches Paradies, die SaUNa. (Ohne die Sauna wär‘ ich nämlich gar nicht erst Mitglied geworden!)

Wenn ich dann hinterher auf der Bäderliege entspanne, empfinde ich jedes Mal große Dankbarkeit für das mir ohne Zutun geschenkte Dasein in der entwickelten Industriegesellschaft, die dieses privilegierte Schwelgen im reinen Wohlgefühl ermöglicht: in Frieden und Freiheit, mit frischer Luft und sauberem Wasser, zu einem für die große Mehrheit erschwinglichem Preis. Wer hat das schon, mal weltweit umher geschaut? Schade nur, dass es für selbstverständlich genommen wird und kaum noch jemanden glücklich macht. Die meisten laufen hierzulande mit einer Miene herum, als hätten sie in den Wüsten des Sudan Hunger und Krieg zu erleiden oder neben den lecken Pipelines im ölverseuchten Nigeria dem Shell-Konzern ein paar Dollar abzubetteln. Aber was rede ich, vermutlich sehen die Leute dort vergleichsweise gut aus, sind weder übergewichtig noch neurotisch und lachen sich ganz oft an!

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Claudia am 11. Juli 2002 — Kommentare deaktiviert für Donner, Blitz und wahrer Wille – von der höheren Macht

Donner, Blitz und wahrer Wille – von der höheren Macht

Heute morgen, während der letzten zehn Minuten im Bett, hatte das Schreiben schon angefangen: Satz um Satz floss durch mich hindurch und wollte hinaus. „Merk dir das für nachher“ redete der innere Lektor auf mich ein, obwohl es wahrlich nichts Besonderes war, was da nach Veröffentlichung drängte. Ich sehnte mich einfach nach dem weißen Raum, nach der Tastatur, nach der Stille, die eintritt, wenn der Strom der Gedanken endlich im Fokus der Aufmerksamkeit steht wie ein geladener und freudig erwarteter Gast. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

„Sieben Tote in Brandenburg“, sagte mein Lebensgefährte, als ich mir den ersten Kaffee aus der Küche holte. 1000 Bäume sind heute Nacht umgestürzt, einige davon auf Autos, Zelte und Menschen! Es scheint, als verstärkten sich in letzter Zeit die Unwetter, die Schäden werden größer, die Verletzten und Toten immer zahlreicher. Ist das die Klimaveränderung? Ich glaube, dass es sich hier zumindest auch um Kollateralschäden des Info-Zeitalters handelt: von klein auf gewohnt, Medien weit wichtiger zu nehmen als das meiste „Realgeschehen“, ist jeglicher Respekt vor den Naturgewalten abhanden gekommen. Wer hat denn noch Angst vor Blitz und Donner? Wer fragt sich, ob er „Schutz bei Buchen suchen“ oder lieber „unter Eichen weichen“ soll? Vielleicht fallen mir gleich noch ein paar Sinnsprüche meiner Kindheit ein, deren Richtigkeit zwar angezweifelt wurde, nicht aber deren Berechtigung!

Die Freaks und Trinker auf dem Boxhagener Platz bleiben einfach sitzen, wenn der Himmel sich verdunkelt und der Sturm die Blätter treibt als sei es schon Herbst, wenn die Äste der Kastanienbäume hin und her peitschen, wie man es ihnen gar nicht zutrauen würde und die Abstände zwischen Blitz und Donner immer kürzer werden. „Du musst die Sekunden zählen“, sagte mein Vater mit gesenkter Stimme, wenn ein starker Blitz das Zimmer erhellte und die ganze Welt in einer Schrecksekunde gefangen war: „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, weiterzählen bis es donnert! Dann weißt du, wie viele Kilometer das Gewitter noch weg ist.“ Und ich zählte, ja, ich zähle heute noch und überlege mir viel zu lange, ob es jetzt Zeit ist, den PC herunter zu fahren und den Stecker zu ziehen. Oder ob das nicht doch ein bisschen übertrieben ist? Wer denkt denn ernsthaft daran, der Blitz könnte „ins Gerät fahren“???

Bisher hatte ich Glück in meinem Leichtsinn. Nicht so ein guter Freund, der bei einem Gewitter den für computergestützte Menschen größten anzunehmenden Unfall erleben musste: es hat ihm beide Festplatten gleichzeitig zerschossen. Ich muss ihn doch mal anrufen und fragen, ob er mittlerweile immer den Stecker zieht.

Endlich Nichtraucherin?

Gut sechs Wochen sind es nun schon, die ich rauchfrei zubringe und zum ersten Mal seit 32 Jahren fühle ich mich als Nichtraucherin. Während der vorhergehenden Aufhörversuche – drei Wochen im letzten Jahr oder damals 1998, als ich monatelang ein Nichtraucher-Tagebuch schrieb – war es anders. Ich blieb geistig im Raum des Rauchens, wenn auch in einer negativen, ablehnenden Weise. Man ist kein Nichtraucher, solange man ans Nicht-Rauchen denkt, solange man sich innerlich ständig bestärken und mit Rauchern vergleichen muss, um weiterhin der Meinung zu bleiben, „ohne“ sei das Leben besser als mit der Kippe.

Heute komme ich tagelang ohne Gedanken ans Rauchen oder Nichtrauchen aus – glücklicherweise hat auch mein liebster Freund die Kippen aus der Wohnung und unserem gemeinsamen Leben verbannt, so dass der Übergang in ein rauchloses Dasein vergleichsweise leicht geglückt ist. In den ersten zwei Wochen erlebte ich noch häufige „Verlangensattacken“, doch dann sind sie fast ganz aus meinem Leben verschwunden und melden sich nur noch sehr selten. Ein guter Gedanke in einer solchen Situation ist: „Ob ich jetzt rauche oder nicht rauche: das Verlangen wird in kürzester Zeit vorbei sein“. aber wie gesagt, es kommt kaum noch vor, ich kann das alles für lange Phasen vergessen, wie wunderbar!

Neben allen Veränderungen auf der körperlichen und psychischen Ebene nehme ich dieses Mal deutlicher denn je wahr, dass eine geistige Vernebelung von mir gewichen ist, die mein ganzes Leben umfasste. Mit den Giften aus der Zigarette konnte ich bestimmte aspekte meines Daseins verstärken und andere unterdrücken, ganz ohne dass mir das im Einzelnen bewusst gewesen wäre, bzw. dass ich da etwas GEWÄHLT hätte. Meine Bereitschaft, Dinge hinzunehmen oder mich ihnen zu wiedersetzen, mein Vermögen, aktiv das Leben zu gestalten oder es nur passiv zu beobachten, mein Vertrauen in das eigene Empfinden und ins Selber-Denken (!) – all dies war durch das Rauchen zumindest schwer verzerrt, teils sehr stark beeinträchtigt.

Weil viele immer nur die psychophysischen aspekte des Rauchens erwähnen, will ich das an einem Beispiel erläutern: Wir sind es ja alle gewohnt, immerzu die Welt zu kritisieren, Missstände zu benennen, uns über alles und jedes aufzuregen und Verbesserungen zu fordern: ob es die Politik, das Wirtschaftsleben, die ganz persönliche arbeitswelt oder unsere Beziehungen betrifft: so vieles ist nicht so, wie wir es gerne hätten! aber was soll eigentlich das ganze Kritisieren und Herummäkeln, wenn wir uns – ungerührt vom eigenen Verbesserungs-Geplapper – Tag für Tag das Leben wissentlich selbst verkürzen, die eigene Gesundheit sehenden auges zerstören, Woche für Woche, Jahr für Jahr? Und dafür, als Gipfel des Irrsinns, auch noch ein kleines Vermögen ausgeben?

Warum denn die Natur schützen, wenn ich meine Lungen zur braun verklebten Müllhalde umfunktioniere? Warum die Hühner aus den Käfigen befreien, wenn ich doch jeder Zelle des eigenen Körpers ein „inneres Gerüst“ aus Nikotin verpasse, damit ich weniger spüre?

Es geht hier nicht um Fragen der Glaubwürdigkeit in Bezug auf eine „außenwelt“, nicht um andere Menschen, die so denken und mich nicht ernst nehmen könnten. Diese Gefahr ist tatsächlich gering, denn das Rauchen gilt als derart normal, dass eher diejenigen unter Verdacht geraten, die diese Gedanken offen aussprechen. Mir geht es jetzt einzig und alleine um mich: was ich selber von mir halte, wie ernst ich mich selbst nehmen kann, inwiefern ich meiner eigenen Wahrnehmung (von mir selbst UND der Welt da draußen) vertrauen und mein Denken und Handeln daran ausrichten kann.

Wow, und das hat jetzt eine ganz andere Qualität! Seit es gelungen ist, das, was nervt und stinkt und schmerzt und kostet, endlich los zu lassen, hat alles andere in meinem Leben auf neue Weise Hand und Fuß. Das ist KEINE Sache des Denkens, des oberflächlichen Sich-selbst-bewertens: Ich habe mich ja wegen des Rauchens nicht etwa verurteilt oder auch nur ernsthaft kritisiert, sondern im Gegenteil stets getröstet, gerechtfertigt und verteidigt: auch Nichtraucher müssen sterben! Wer macht schon alles richtig im Leben? Bin ich denn eine Heilige?

aber unterhalb dieses Mich-Beschwichtigens, weit unterhalb des „vernünftigen Denkens“ und all der Unvernünftigkeit, zu der es fähig ist, lebt etwas, das sich nicht bestechen und belügen lässt. Dort ist der Ursprung der angst, das Leben selbst, das nun mal Überleben will und alles Todbringende ablehnt und fürchtet. Man kann nicht mit ihm diskutieren, man kann nur seine Wahrnehmung ablehnen, die eigenen Kanäle verstopfen, sich betäuben und benebeln.

Das klappt. Sogar sehr gut. Allerdings verliert man dabei nicht „nur“ die Wahrnehmung der angst und des eigenen Leidens, sondern gleich alle „Tiefenwahrnehmung“, die uns Menschen eigentlich natürlich ist. Das Gespür für den anderen, für die Situation, für den richtigen Zeitpunkt: die 360-Grad-Wahrnehmung des augenblicks im Hier & Jetzt, quer durch alle Ebenen des Daseins. Im Yoga spricht man von den Siddhis, den „Fähigkeiten“, auch diese sind hier mit gemeint. Sie werden idiotischerweise auf dem Eso-Buchmarkt als „‚was ganz Besonderes“ vermarktet und sind doch nur verfeinerte Wahrnehmungsweisen, die allen Menschen zugänglich sind, mal mehr, mal weniger, je nach Offenheit, Veranlagung und Temperament. Jeder sieht ein bisschen hell, solange er nicht mutwillig den eigenen Blick (besser: das Gespür) verdunkelt, zum Beispiel mit stofflichen Giften und Suchtmitteln.

Die Chancen wachsen!

Ich weiß, dass solche Texte den Noch-Rauchenden nicht gerade angenehm sind. Weil es nun mal nicht in der je eigenen Macht liegt, das Rauchen von jetzt auf gleich zu lassen, fühlt man sich ziemlich beschissen. Man ist adressat von Vorwürfen, ausgesprochen oder nicht, und dabei kann doch kein Nichtraucher nachvollziehen, wie man sich tatsächlich befindet. Es SCHEINT ja so, als könne man das Elend jederzeit beenden: die Kippen wegwerfen und mit einer der üblichen Methoden – von der Gehirnwäsche mit alan Carr übers Nikotinpflaster bis hin zum gefährlichen Zyban – in ein hoffentlich langes Nichtraucherleben starten. Aber der Wille ist eine begrenzte Ressource, alleine reicht er nicht aus, um „mal eben so“ zum Nichtraucher zu werden. Kaum einer schafft es beim ersten Mal, egal, ob das Loslassen nun als schwierige langwierige Unternehmung oder mit a. Carr als „ganz leicht“ betrachtet wird. Immerhin: bei jedem aufhören wird es wahrscheinlicher, dass der Raucher frei wird, das ist mittlerweile statistisch bewiesen.

Was ist Wille? Wenn ich sage, der Wille allein reicht nicht, meine ich damit nicht nur die heftige Willensanstrengung, die zusammen mit der „Punkt-Schluß-Methode“ in Verruf geraten ist, weil sie die meisten Rückfälle produziert. Auch jede geschickte art und Weise, die Dinge anders zu betrachten, sie mal genau zu beobachten, um dabei festzustellen, dass all die vermuteten Leiden, die mit dem Entzug herein brechen sollen, in Wirklichkeit halb so wild sind – all diese geistigen Methoden zähle ich zum „inneren Ikebana“, das ich erst einmal anwenden WOLLEN muss, bevor es funktionieren kann.

Und: Ich kann zwar lernen, zu wählen, was ich denken will, aber mir eben NICHT aussuchen, was ich wollen soll. Dazu reiche ich nicht aus, bzw. das, wozu ich (aus guten Gründen!) gewohnt bin, „ich“ zu sagen, reicht nicht bis in die Tiefendimension des Ganzen hinein, aus der der wahre Wille sich täglich neu gebiert. Was immer dieser Wille sein mag: es handelt sich in jedem Fall um ein ganz anderes Kaliber als dieses blasse „ich denke, ich sollte…“, das wir manchmal Wille nennen.

Kann man also etwas tun? Sicher! Ich habe immer wieder versucht, das Rauchen aufzugeben. Dafür muss ich mich immer wieder freiwillig in den „Entwöhnungsraum“ begeben: diese hässlichen Informationen über die Schäden des Rauchens lesen, mit anderen kommunizieren, neue Versuche starten, das Beste hoffen, den Willen anstrengen, den Willen ignorieren, alles genau beobachten, nicht dran denken, das Thema vergessen, die Geister beschwören, oder auch bitten, betteln, beten und befehlen – alles, alles, alles, was irgendwie nützt!

Was aber letztlich geschieht, habe ich NICHT im Griff. Einzig dieser Gedanke – ihn zu REALISIEREN, nicht nur zu denken – erlöst von aller Sucht.

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Claudia am 05. Juli 2002 — Kommentare deaktiviert für Nähe und Verbindlichkeit

Nähe und Verbindlichkeit

Mal frische Luft schnappen. Ich stehe auf und will die Balkontür öffnen, da sehe ich den Spatz. Am Rande des Betonbodens, auf dem noch die große Pfütze vom letzten Regen steht, hüpft er zögernd vorwärts, schaut suchend um sich, guckt nach rechts, nach links – jetzt hat er mich bemerkt! Ein kurzes Erschrecken und weg ist er.

Mich packt prompt das schlechtes Gewissen, denn ich weiß, was der Spatz gesucht und nicht gefunden hat. Gestern noch, vorgestern und auch schon vor einer Woche hatte ich nämlich auf Fenstersims und Balkonbrüstung Brotreste ausgelegt. Der Wind hatte die Brosamen verweht und über den Boden verteilt, wo sie fein säuberlich von den Spatzen aufgepickt worden waren. Ja ja, ich weiß, weder ist es Winter, noch sind Spatzen „schützenswert“, im Gegenteil, sie gelten als die Allergewöhnlichsten unter den Vögeln. Aber egal, lieber seh‘ ich Spatzen auf dem Balkon als gar keine Vögel – so dachte ich zumindest gestern, vorgestern und vor einer Woche.

Heute aber hab‘ ich es vergessen. Ach was, das wäre schon zuviel gesagt, ich war einfach auf einem anderen Stern, beschäftigt in einer der vielen Welten, die mein Leben ausmachen und doch nicht allzu viel miteinander zu tun haben. Und nur ganz ganz wenig mit Vögeln.

Zum Beispiel gibt es keine Spatzen dort, wo ich gerade versuche, per E-Mail die Verwendung eines FTP-Programms Schritt für Schritt verständlich zu erklären. Auch nicht in den virtuellen Gemeinschaften und Informationsquellen, wo ich gerade für einen Interessenten erforsche, wann eine private Homepage ein Impressum braucht. Himmel, jene Welt ist dafür voll von lauernden Monstern, sogenannten „abmahnanwälten“ die einen Unwissenden hinterrücks überfallen und fünfzigtausend Euro fordern können, wenn man etwas falsch macht. Weit fürchterlicher also als ein realer Dschungel mit echten Würgeschlangen. Ich schaudere und mach‘ mich davon, sende die gesammelten Erkenntnisse noch als Warnung an liebe Freunde und rufe schließlich – Erholung suchend – meine Privatmail ab.

„Ich will dich“, „Get White Teeth Fast“, „Nachrichten von deinem Single-Finder-Team“ – ich schlage mich durch das übliche Gestrüpp aus unverlangter Werbemail und finde tatsächlich eine RICHTIGE Botschaft. Ein Bekannter spinnt einen Gesprächsfaden weiter, der schon vor Wochen abgerissen war, einfach unterbrochen, obwohl wir uns sogar offline getroffen und von angesicht zu angesicht geplaudert hatten. Verbindlichkeit ist eines seiner Themen – Himmel noch mal, ich geh‘ jetzt SOFORT in die Küche, schneide das alte Sesam-Vollkornbrot auf und füttere erst mal die Spatzen!

Verbindlichkeit? Was ist das eigentlich und existiert es noch in den Zeiten der Netze? Wenn ich „potenziell“ immer sofort alles haben, abrufen, ordern, auswählen, in mich hineinfressen, kaufen, genießen und verbrauchen kann, ja sogar soll – was bedeutet dann noch „Verbindlichkeit“?

Das Wort scheint ein Überbleibsel aus Zeiten des Mangels zu sein, wo man sich darauf verlassen können musste, dass unter ganz bestimmten, aber immerhin bekannten Bedingungen jemand da sein wird, für MICH da sein. Ich werde verlässlich bekommen, was ich brauche, seien es materielle Dinge, sei es Schutz, Zuwendung, Fürsorge, Zuspruch – oder einfach eine Gelegenheit, mich fallen zu lassen.

Achtung, hier gerate ich gefährlich nah‘ ans Therapie-Idiom: komm, lass dich gaaaaanz fallen, lass einfach los… Wünschen wir uns etwa Verbindlichkeit, um wenigstens zu bestimmten Terminen wieder Kind sein zu können? Will ich berechenbare Verhältnisse, damit ich psychisch und geistig einschlafen kann? Zumindest ist es bemerkenswert, dass der Hang zur Verbindlichkeit erst mit zunehmendem alter so richtig ins Bewusstsein tritt. In jungen Jahren dominiert die Sehnsucht nach Freiheit, nach Veränderung, nach dem Bruch mit dem allzu Bekannten und Verlässlichen. Spontaneität und Echtheit sind hohe Werte. Keinesfalls will man sich anpassen, womöglich verbiegen, nur um sich in vermeintlich sicheren Bahnen bewegen zu dürfen. Schlimmer noch: Dem Onkel Willy nach dem Munde reden, weil der zu Weihnachten immer das Scheckbuch zückt? Niemals! Zwar ist so eine Liebedienerei nicht dasselbe wie Verbindlichkeit, aber fängt es mit dem fraglosen Einhalten all dieser unausgesprochenen Verabredungen und Erwartungen nicht schon an?

Haben nicht alle Beziehungen etwas Korrumpierendes? Keine Frage, ich brauche Verbindlichkeit, ich sehne mich nach „Nähe“ und möchte gerne MEHR Menschen kennen, denen ich vertrauen, auf die ich mich verlassen kann. Dass ich dieses Bedürfnis spüre, das Gefühl gut kenne, heißt allerdings nicht, dass es damit schon „gut so“ ist. Die Rückseite der Medaille steht mir ebenso im Bewusstsein, die Unfreiheit, die Gebundenheit, ein Gefühl des Ausgeliefertseins und der Machtlosigkeit, das bis zum Ekel gehen kann. Als Kind wurde mir gelegentlich flau im Magen, wenn ich an der Hand meiner Mutter treppauf zur Wohnung unseres Drei-Generationen-Haushalts steigen musste. Ich war erst vier Jahre alt und fühlte mich zum kotzen, wusste aber nicht warum. Es hätte auch keinen erkennbaren Grund gegeben, den ein Beobachter hätte nennen können. Meine Kotzgefühle waren einfach eine Reaktion auf die vielfältigen, meist unter der Decke gehaltenen Konflikte und Spannungen zwischen Vater und Mutter, Eltern und Großeltern – aber es war immerhin „die Großfamilie“, der heut‘ von vielen nachträglich so gern gerühmte Hort der Sicherheit und Wärme.

Befreit vom Druck der Verhältnisse: zu kalt?

In den wunderbaren Atbauwohnungen mit den hohen Decken wohnen wir gerne, aber die Verhältnisse der Menschen, die früher darin lebten, haben wir mit Freude abgeschafft, haben uns weitgehend befreit, zu tun und zu lassen, was wir mögen. Jeder darf seinen eigenen Entwurf leben und diesen so oft wechseln, wie er es vermag; darf denken, sagen, schreiben, was immer ihm beliebt (im Rahmen der Gesetze, versteht sich, die aber vergleichsweise große Freiräume zulassen). Die Welt wird immer komplexer, es gelingt kaum mehr, für oder gegen etwas zu sein, wenn man nicht bei den Banalitäten der Oberfläche stehen bleiben will. Meinungen taugen also immer weniger dazu, Verbindlichkeit zu transportieren, sie wechseln einfach zu schnell oder existieren gar nebeneinander in einem allumfassenden Sowohl-als-auch. Was aber dann? Woher sollen die „Konstanten in menschlichen Beziehungen“, die man so gerne hätte, eigentlich kommen?

Der Partner, die Familie, der Clan, das Dorf oder die Nachbarschaft – all diese Beziehungen und Bezüge, die früher das ganze Leben bestimmten, haben ihre einstige Macht, ihre Bindungskraft aufgrund konkreter ökonomischer Bedingungen verloren. Diese art Verbindlichkeit haben wir gekündigt, uns von konkreten Mitmenschen emanzipiert und statt dessen abstrakte Systeme geschaffen. Das soziale Netz gibt Sicherheit, das Rechtssystem erzwingt Berechenbarkeit – war das nicht eine super Idee? Frei von Zwängen und Notwendigkeiten müsste sich so das Zwischenmenschliche doch eigentlich optimal entfalten können – warum nur stimmt sie auf einmal nicht mehr, diese sozialdemokratische Utopie? Hat es äußere Gründe, weil unser Export-abhängiger Wohlstand durch weltweite Konkurrenz angegriffen wird? Oder ist es einfach die Kälte des „Lebens mit den Systemen“, die immer unerträglicher erscheint?

Der Rollback ist jedenfalls im Gange, nicht erst seit gestern. Das Unbehagen an den erkämpften Freiheiten, das Leiden an der Unverbindlichkeit und „Beliebigkeit“ wird immer stärker. Die Errungenschaften der 68er und Post-68er verschränken sich lange schon mit den Bedürfnissen des alles durchdringenden Marktgeschehens und der damit einher gehenden Rationalisierung. Flexibilität, Mobilität, alles verändert und beschleunigt sich – wir kennen den Sound der Zeit und halten uns immer öfter die Ohren zu. Wo meine Großmutter noch darauf zählen konnte, dass zumindest die Farbe und Form ihrer acht verschiedenen Tabletten von Tag zu Tag gleich blieb, schwindet momentan selbst diese kleine Konstante des alltags im Zuge der Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen dahin. Nurmehr „Wirkstoffe“ darf der arzt verschreiben, und der Apotheker sucht dazu die preisgünstigsten Tabletten heraus. Völlig vernünftig, ja sicher – aber wohin mit dem Unbehagen, das mit all diesen Vernünftigkeiten über uns kommt? Vor manchen psychiatrischen Einrichtungen stehen die Menschen schon Schlange (wollen „sich fallen lassen“..), wie mir dort arbeitende glaubwürdig versichern. Und wie viele Individuen mag es geben, die sich in die Haltung eines amok-Läufers so richtig gut einfühlen können?

Hallo, hier bin ich! Und du?

Die Spatzen da draußen lassen es sich gerade richtig gut gehen. Wenn ich ans Fenster trete, bemerken sie mich zwar, flüchten aber nicht mehr gleich. Bloß jetzt nicht hektisch bewegen! Ha, sie sehen mich, behalten mich im augenwinkel, fressen aber trotzdem weiter. So schnell entsteht Nähe aus Zuwendung und Verlässlichkeit, zumindest bei Spatzen. Ist es bei uns denn wesentlich anders?

Und was heißt überhaupt noch „Nähe“? Wir sind doch überall-zu-jeder-Zeit erreichbar – per Handy, per E-Mail, per SMS rufen wir uns gegenseitig zu: „Hallo, hier bin ich, bist du auch da?“ Dieses Hereinbrechen der Stimmfühlungslaute, mit denen wir uns ständig neu aneinander ausrichten wie es Gänseschwarme tun, ist die grundstürzendste Veränderung in Sachen Nähe seit Erfindung der Sprache. Die Tugend, Verabredungen richtig ernst zu nehmen und pünktlich zu erscheinen, verliert so einfach den Boden, auf dem sie entstand. Es ist ja jederzeit möglich, Termine den geänderten Bedingungen entsprechend zu verlegen – und das wird auch zunehmend gemacht. Natürlich müssen dann alle von einer Verlegung Betroffenen in der Folge auch IHRE Termine verlegen – und so weiter und so fort, bis der ganze Gänseschwarm einen Schwenk nach links gemacht hat.

Der Vogelflug am Himmel hat etwas wunderbar Elegantes. Im Herbst schaue ich den Gänsen nach, bewundere die Pfeilformationen und bin tief berührt. Warum nur empfinde ich die technisch implementierte „Stimmfühlungs-Ära“ nicht als ebenso angenehm? Im Gegenteil, es kommen gelegentlich Gefühle auf, wie ich sie als Vierjährige empfand, als ich an der elterlichen Hand das Treppenhaus hochsteigen musste. Ohne zu wissen, was dagegen einzuwenden gewesen wäre, wollte ich einfach nicht!

Es sieht so aus, als bekäme ich auf meine alten Tage noch mal Lust, Sand im Getriebe zu sein. Einfach so, ganz unideologisch, aus rein ästhetischen Gründen. Da ich immer weniger im Außen nach dem suche, was mir gerade fehlt, bin ich auch kaum mehr korrumpierbar und kann es mir besser leisten als in meinen „wilden Jahren“.

Nähe? Je näher ich mir selber komme, desto näher bin ich dem anderen. Und sobald ich mich verbindlich verhalte, bekomme ich Verlässlichkeit zurück.

Es gibt kein Problem. Nur die Freude am aufschreiben.

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Claudia am 03. Juli 2002 — Kommentare deaktiviert für Die Bewegungsmeisterin

Die Bewegungsmeisterin

Eigentlich ein ganz normales Treffen. Gemütlich sitze ich mit zwei lieben, langjährig bekannten Kollegen auf der Veranda einer frisch angemieteten Idylle am Rande Berlins. Ich bestaune den freundlichen Garten, die waldreiche Umgebung: mitten im Grün zu wohnen ist doch wirklich wunderbar! Noch dazu sind es kaum fünfzehn Autominuten bis zum Kudamm, wenn man es versteht, die richtige Autobahnauffahrt zu finden. Auf dem Herweg ist mir das leider nicht gelungen.

Immerhin bin ich angekommen. Mein Orientierungsvermögen im realen Raum ist nämlich mehr als beschränkt, allenfalls für kleine Fußwege auf bekanntem Terrain ausreichend. Wenn ich wirklich einmal weitere Strecken fahre (also nicht nur bis zum Fitnesscenter, sondern auf die andere Seite der Stadt), quäle ich mich mit dem Stadtplan von Ampel zu Ampel, schaffe es niemals wirklich, mich in der kurzen Haltephase ausreichend zu orientieren, verärgere regelmäßig Autofahrer hinter mir, die mich hupend daran erinnern, dass jetzt grün ist. Mit dem quadratmetergroßen Plan über dem Lenkrad kämpfend, behindere ich andere Menschen in ihrem Recht auf ein schnelles Fortkommen, weil ich selber da einfach einen Knacks in der Birne habe! Selbst nach über 20 Jahren Berlin ist keine Besserung in Sicht – ätzend!

Was ich eigentlich erzählen wollte: Wir sitzen also auf der Veranda und plaudern gemütlich über unsere aktuellen und künftigen Projekte, während im Wohnzimmer, das sich zur Veranda hin öffnet, die 12jährige Tochter meines Kollegen auf eine kleine Trommel einschlägt. Erst haut sie eine Zeit lang auf den hölzernen Rand, dann auf das Trommelfell, dann auf ihre eigenen Oberschenkel und zur Abwechslung auf die Sitzfläche der Couch. Schließlich greift sie sich ein kleines Holzschränkchen und trommelt darauf weiter, ja, jetzt wird es richtig laut! Wir schauen ihr zu, ohne Ärger, wissen wir doch, dass sie nicht hören kann: Nicht den Ton, den sie der Trommel oder anderen Gegenständen entlockt, nicht unsere Stimmen, nicht das Radio, nicht das Rauschen der nahen Autobahn und auch nicht das Zwitschern der Vögel im Garten. Vera weiß nicht einmal, dass ich gekommen bin, dass eine Fremde mit ihrem Vater auf der Veranda sitzt, seit Stunden schon. Vera sieht nicht und hört nicht, Vera ist taubblind.

Was für ein Leben muss das sein, so ohne Licht, ohne Farben, ohne Töne? Oft hab‘ ich mich das gefragt und automatisch angenommen, es müsse leidvoll sein. Das wird mir jetzt erst richtig bewusst, wo ich Vera zusehe: ein Mädchen, das kein bisschen leidend wirkt, sondern fröhlich vor und zurück schaukelt, trommelt, alle erreichbaren Gegenstände betastet, auf den Boden schlägt – immer bleibt sie irgendwie in Bewegung, ruckelt hin und her, wippt auf und ab. Flexibel wie ein Schlangenmensch schlägt sie die Beine übereinander, knickt spielerisch in der Hüfte ab, wiegt nun liegend die verknoteten Beine auf- und nieder. Yoga-Übende kennen eine ähnliche Haltung: der mit dem Lotus-Sitz kombinierte „Fisch“. Nur dass es den meisten Yoga Übenden ziemliche Mühe macht, die Beine derart zu verschränken.

Anders als ich gedacht hatte, spielt das taubblinde Mädchen ganz für sich. Lange Zeit vergeht, ohne dass sie etwas oder jemanden braucht. Wir unterhalten uns und sie spielt und schaukelt dahinten, es ist kein Problem. Als wir später um den Kaffeetisch sitzen, verdrückt sie in Windeseile kleine, für sie zurecht geschnittene Käsebrote – dann sitzt sie rittlings auf Vaters Schoß, schaukelt wieder weiter, schlägt ihm mit beiden Händen auf den Rücken, kuschelt sich in seine Arme, stößt ihn mal eben heftig mit dem Kopf, weint sie jetzt etwa? Ich begegne ihr heute zum ersten Mal und kann nicht gleich alle Regungen und Bewegungen deuten. Immer seltsamer erscheint mir auch die Tatsache, dass sie nicht weiß, dass ich da bin. Andrerseits: Sie einfach so berühren geht nicht, das wäre vermutlich äußerst erschreckend. Also sehe ich den beiden nur zu, diesem ständigen Fluss der Bewegungen: schlagen, tätscheln, streicheln, massieren, schaukeln, umarmen, drehen, wiegen, klopfen – Kommunikation durch Berührung. Erst wirkt es ein wenig wunderlich, doch je länger man zusieht, desto selbstverständlicher wird es. Unser Gespräch über eine Datenbank für verschlüsselte Mailadressen wird dadurch jedenfalls nicht gestört.

Es ist schon Nachmittag, bald werde ich die Heimreise nach Friedrichshain antreten. Seit einiger Zeit schon bin ich aufgestanden, gehe plaudernd und gestikulierend vor dem Tisch auf und ab, Himmel, es ist wirklich öde, so lange reglos auf einem Stuhl zu sitzen! Ich verlagere das Gewicht vom rechten auf den linken Fuß, massiere ein bisschen den Oberarm, trete vor und zurück, stelle mich auf die Zehen und wippe auf und ab. Ich genieße den Kontakt der Fußsohlen mit dem Parkettboden – Zehen, Ballen, Ferse, und dann wieder umgekehrt. Mit den Fingern möchte ich eigentlich gern mal auf diesen schönen Holztisch trommeln – was ist nur los, hab‘ ich zuviel Kaffee getrunken?

Nein, ich merke erstaunt: es ist nicht der Kaffe, es ist Vera. Das Mädchen ist hochgradig ansteckend! Ihr Sich-Bewegen-wie-es-gerade-kommt macht Lust, es ihr nach zu tun. Für den Verstand wirkt dieses „Herumwuseln“ erst einmal völlig verrückt, der Körper aber weiß Bescheid und wird neidisch, möchte auch in diese Freiheit eintreten, sehnt sich geradezu danach, das ihm eigentlich zugehörige Universum des Spürens ebenso lebendig zu erforschen und zu beleben. Da ist nicht Verrücktheit, nicht Störung, nicht einmal Behinderung. Sondern einfach Bewegung, unbehinderte Bewegung, das, was da ist, wenn man mal vom Hören & Sehen absieht. Nicht nur bei Vera, sondern bei jedem, bei allen, auch bei mir: es ist der Rhythmus, wo ich mit muss!

„Stell mich doch mal vor!“, sag‘ ich zum Vater und strecke meine Hand aus, Handfläche nach oben. Ganz spontan kommt mir diese Bewegung richtig vor, eine Einladung zur Berührung. Aber leider – ich dachte es mir schon – ist es für heute zu spät für eine Kontaktaufnahme. Es wäre ja nicht nur ein kurzes Handschütteln, wie es uns Sehenden und Hörenden genügt, ja, wie wir es – zumindest im Westen – auch schon weitgehend abgeschafft haben.

Schade. Es hätte mir jetzt bestimmt großen Spaß gemacht, mich einfach in diese Spontaneität fallen zu lassen. Einfach tun, was der Körper tun will, nicht mehr ruhig und still und aufrecht und „konzentriert“ auf dem Stuhl sitzen, sondern „im Fluss sein“, das Gegenüber und die ganze Welt berührend erkunden – es ist wie Lust auf Tanzen.

Bestimmt werde ich einmal wiederkommen. Ich verabschiede mich, setze mich ins Auto, finde diesmal dank genauen Anleitungen unproblematisch den Weg in die City. Während ich durch Kreuzberg fahre, gehen mir vielerlei Gedanken durch den Kopf. Über „Behinderung“, bzw. das, was wir so nennen. Wie wir aus all diesen Abweichungen von der Norm so ein Riesenproblem machen: nicht nur ein organisatorisches, pflegerisches Problem, sondern vor allem ein Problem im Kopf und im Herzen. Wir sehen immer nur das Defizit, das, was den „Behinderten“ (im Moment find‘ ich das Wort irgendwie komisch) fehlt, aber niemals das, was sie uns – deshalb! – voraus haben. Und schon gar nicht das Potenzial, das sich aus diesen Andersartigkeiten, die auch Fähigkeiten sind, ergeben könnte.

In einer anderen, weniger verrückten Welt wäre Vera nicht Problemfall, sondern Therapeutin. Zu für Körperarbeit oder Massagen üblichen Stundensätzen von 30 bis 80 Euro würde sie Menschen empfangen und behandeln, indem sie einfach auf IHRE Weise mit ihnen kommuniziert. Ich denke an verspannte, neurotische Menschen, an alle, die steif wie ein Stock nur aus dem Kopf leben, an die auf vielfältige Weise von Ängsten geplagten, an alle, die man einfach mal heftig schütteln müsste, damit sie von ihrer persönlichen Macke herunter kommen. Aber eben auf eine Art, die nicht noch mehr angst macht.

Nicht zu vergessen die vielen, die – gesund aber unheilbar unzufrieden – gern allerlei Workshops, Übungssysteme und „Behandlungen“ ausprobieren und gut bezahlen. Vieles davon, wie etwa Yoga, Feldenkreis, Alexandertechnik, Shiatsu, etc., bedeutet das Ein- oder ausüben sehr kontrollierter Bewegungen. Es gibt aber auch Methoden, die das Gegenteil lehren bzw. ermöglichen sollen: Tanzen, intuitiv massieren, „dynamische“ Meditation, Körperbemalungen, vielerlei Übungsweisen, die das „Ki“ in spontanen Bewegungen erlebbar machen sollen – oh, man kann da jede Menge Geld los werden!

Andrerseits gibt es Taubblinde, die nichts anderes KENNEN, als die Welt der Bewegung und Berührung, sie sind immer SO, immer Da, immer im Hier & Jetzt! Spontaneität in psychophysischer Hinsicht müssen sie sich nicht erst mühevoll erarbeiten. Diese Menschen sehen wir aber als Sozialfälle an, als von vornherein für die Gesellschaft nutzlosen Ballast, den man aus humanitären Gründen und christlicher Nächstenliebe (falls noch Restbestände vorhanden) bestmöglich versorgt. Nun ja, was heißt schon bestmöglich: Wer selber Menschen mit behinderten Kindern kennt, weiß, dass es jede Menge Schwierigkeiten bedeutet und einen ständigen Kampf um Unterstützung, um Geld, um Anerkennung, um vieles, was man sich als unbetroffener Ignorant einfach nicht träumen lassen würde. (Weil wir ja auch eher selten hingucken…).

So, es ist jetzt fast geschafft, die Oberbaumbrücke, einzige Verbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, liegt schon hinter mir. Kein Stau hat mich aufgehalten, jetzt noch ein bisschen Parkplatzsuche und die Heimat hat mich wieder. Es war ein guter Tag – einerseits wegen den Freunden und den interessanten Gesprächen. Aber auch wegen Vera, der Bewegungsmeisterin: Sie hat mir gezeigt, dass ich noch ein lebendiger Mensch bin und nicht nur eine vernünftige Stuhlbesitzerin. Im Moment fühl‘ ich mich so richtig nach tanzen & springen! Der Platz vor dem Monitor kann mich heut‘ abend jedenfalls nicht mehr locken!

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