Claudia am 09. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom Klick, mit dem die Schmerzen kommen

Vom Klick, mit dem die Schmerzen kommen

Dass man vom Tippen und Maus-bewegen eine art „PC-arm“ bekommen kann, wußte ich nicht, spürte es aber schon Monate lang, ohne doch deshalb meine arbeit „am Gerät“ herunter zu fahren. Bin also selber schuld, wenn die Sache jetzt eine Dimension errreicht hat, wo man sie mit Recht Berufskrankheit nennen kann. Oberarm und rechte Schulter tun zeitweise verdammt weh, das Fitnesscenter hab ich idiotischerweise fast ganz gestrichen. Mein arbeitsschub hält immer noch an, so dass ich tatsächlich wie die Maus im Laufrad meine aufgaben abarbeite, nicht links, nicht rechts guckend, und sogar dieses „RSI-Syndrom“ nicht ganz so ernst nehme wie ich sollte – Himmel, ob das mal wieder aufhört???

Interessant, aber auch typisch in dem Zusammenhang, sind meine Recherchen im Web verlaufen: unter „RSI-Syndrom, Tennis-arm, Golferarm“ findet sich der „PC-arm“ schon recht häufig. Was an Behandlungen empfohlen wird, reicht wie üblich von Spritzen über Tabletten bis zur Operation, davor liegt die gewöhnliche Odysse von arzt zu arzt, jede Menge Tests und teure Diagnoseverfahren – gut, hier und dort wird auch eine Physiotherapie empfohlen, aber auch das sind dann komplizierte teure Verfahren unter Einsatz von Spezialgerät (z.B. Reizsstromtherapie). Um all das ranken sich die Berichte von Betroffenen, die mich dann auch zu einer Seite führten, wie man sie mittlerweile – dem Web sei’s gedankt! – für viele Krankheiten vorfindet: die selbstgestrickte Info-Site eines Laien, der aus eigener Erfahrung und dank der Kommunikation mit anderen Leidenden die Sache in prägnanter Kürze auf den Punkt bringt: Berichte, Diagnose, Tests („Ist’s WIRKLICH ein Tennisarm?) und als Therapie ein paar effektive Dehnübungen mit genauen anleitungen. Nach aussagen der Surfer im Gästebuch sollen die übungen nach 3 Tagen bis drei Wochen deutliche Besserung bringen. Was man ruhig glauben kann, denn es handelt sich ja um eine organische Veränderung durch einseitige Körperhaltung und allzu punktuelle Kraftausübung.- was könnte da sinnvoller sein, als die verkürzten Muskeln wieder zu dehnen???

„Diese Tennisarm-Seiten sind nicht kommerziell. Ich bin (war) ein persönlich Betroffener der gerne seine Erfahrungen mit anderen austauscht. Es soll hier nichts verkauft werden. Sie probieren alles auf eigene Verantwortung.“

..schreibt Thomas auf seinen Seiten – und kein Mensch rechnet aus, wieviel Kosten er den Kassen erspart und gibt ihm einen Orden!

Zwar tu‘ ich einzelnen engagierten Ärzten dieser Welt jetzt unrecht, aber sei’s drum, ich sag’s trotzdem mal in dieser Allgemeinheit: das meiste, was man erlebt, wenn man mit einer x-beliebigen Beschwerde zu einem ganz normalen Arzt geht, ist teuer, meistens überflüssig, selten hilfreich, aber gelegentlich gefährlich. Mit Grausen denk ich dran, wie es mal sein wird, wenn ich mal WIRKLICH krank bin und tatsächlich Hilfe brauche – na, auch dann wird es Infos im Web geben, also keine Panik!

Was mich regelmäßig entrüstet, ist der Geist des Absahnens, der sich wie Mehltau über das Gesundheitswesen gelegt hat und der sich hinter angeblich dem Patienten dienenden Regelungen versteckt: zuvorderst die Tatsache, dass auf Kassenkosten jeder auf eigene Faust von Arzt zu Arzt rennen kann, sich dort zig verschiedene Dinge verschreiben lassen, gern auch doppelt und dreifach, und sei es für den Müll oder zur Weitergabe an Dritte. Alte Menschen nehmen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, bis zu zehn, fünfzahn verschiedene Tabletten pro Tag ein: die Altlast der Arztbesuche aus den letzten Jahren. Arztbesuche, die sie oft nur deshalb unternehmen, weil es für sie sonst keine Möglichkeit gibt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines anderen Menschen zu stehen (einfach reden würde vermutlich oft schon reichen). Welche Nebenwirkungen all diese Medikamente in der Kombination so haben mögen, scheint niemanden zu interessieren, im Gegenteil, das sind ja neue therapierbare „Krankheiten“: Zur Not gibt’s eben noch die 15. Tablette dazu, gegen Magenleiden bzw. Übelkeit.

Meine wenigen eigenen Arztbesuche der letzten zwanzig Jahre waren samt und sonders überflüssig, nutzlos und ohne jede Perspektive auf Heilung der Beschwerde, mit der ich gekommen wahr. überdeutlich nahm ich die Interesselosigkeit, die Eile und Unaufmerksamkeit, oft auch den Zynismus des Arztes wahr, der mich vor allem durch seinen Gerätepark schleusen wollte, schließlich muss der Krempel sich rechnen. Besonders abgestoßen hat mich, daß sie mich auch bei „handfesten“ Zipperlein niemals berührten (wie es für die Ärzte meiner Kindheit noch selbstverständlich war): ich kam z.B. wegen einer gefühlten Schwellung an der Rippe, aber keiner der deshalb aufgesuchten Ärzte hat da jemals hingefaßt, um zu prüfen, ob die Schwellung wirklich da ist oder nur Ausgeburt meiner Einbildung. Statt dessen Bluttests, Röntgen, Ultraschall – ganz egal, ob das evtl schon ein Arzt zuvor hatte machen lassen, danach fragten sie nicht mal. Ich habs dann einfach aufgegeben und lebe mit meinem „Tietze-Syndrom“ seit Jahren in Frieden, ohne dass noch jemand dran verdient.

Na, ich höre jetzt besser mit dem Lästern auf, es könnte über Seiten so weiter gehen, und vermutlich könnten mir Leser locker mehrere Foren und Gästebücher mit ähnlichen Klagen voll schreiben. Wir sind, was die Medizin angeht, in einem absurden Theater: die Versicherungsbeiträge steigen, aber wenn wir wirklich Heilung suchen, müssen wir doch dorthin gehen, wo man selber zahlt: in den alternativen Sektor, bzw. den „komplementären“ Bereich. Nicht, dass dort nicht auch viel Schatten und manche Scharlatanerie das Bild trübt und die Suche schwierig macht: man trifft jedenfalls viel mehr Menschen, die echtes Interesse am Heilen haben – und am Zusammenhang zwischen Heil-Sein und Lebensweise, womit wir die Verantwortung zurück gewinnen für Gesundheit und Krankheit, für Wohlbefinden oder Leiden.

Tja, und damit bin ich wieder beim „PC-Arm“ und bei mir selbst: ich denk‘ ja nicht dran, einen Auftrag abzulehnen, solange ich die Maus noch klicken kann. Bis jetzt jedenfalls nicht, muss ich doch die Flaute vom ersten Halbjahr ausgleichen – und Umziehen will ich demnächst auch, das kostet auch wieder Geld! (Gut, ich mach jetzt deutlich mehr Dehnübungen für den Arm und im Moment schreib ich seltener Diary. Ob das aber schon reicht, damit ich wieder „in Ordnung komme“? Oder ob die Globuli was bringen, die mir ein lieber Freund schicken will?)

Genug für jetzt, die Arbeit ruft. Zum Glück kann ich dem Ruf noch folgen!

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Claudia am 26. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Luft holen, Kranke besuchen – und lästern nach der Wahl

Luft holen, Kranke besuchen – und lästern nach der Wahl

Seit gestern ist wieder ein wenig Luft. In den letzen Wochen hab‘ ich von früh bis spät „Webseiten geklopft“, keine Zeit mehr für irgend etwas anderes, kein Gedanke an eine Mailingliste oder an dieses Diary. Naja, ein bisschen schlechtes Gewissen, nun schon über acht Tage nichts Neues, ich glaub, das ist die längste Pause gewesen, seit das Diary existiert – und leider nicht wegen Urlaub!

Umso schöner, nun wieder den Kopf zu heben und zu sehen: Es gibt ein Leben neben den Aufträgen! Natürlich liebe ich meine Arbeit, finde es immer wieder faszinierend, aus dem Nichts eine Webpräsenz erstehen zu lassen, das „Home“ einer Institution, eines Unternehmens oder einer Person mit einem je ganz eigenen Gesicht. Aber wenn es zu dicke kommt, wenn mehrere gleichzeitig darauf warten, dass zumindest der Rohbau ihres neuen Heims im Cyberspace sichtbar wird, dann wird es für mich ein wenig eng – wo ich doch „offene Weite“ gewohnt bin!

Egal, es hat alles geklappt und jetzt geht es wieder ein bißchen gemütlicher zu. Zum ersten Mal seit langer Zeit plane ich sogar ein neues No-Commerce-Projekt, nämlich eine Website für meinen Yoga-Lehrer! Seit vielen Jahren schon bin ich nun bei ihm und immer hab‘ ich es vermieden, zum Thema Yoga eine eigene ernsthafte Seite zu machen. Als hätte ich gewußt, dass ich eines Tages dazu kommen würde, das Original zu verwebben: die Quelle darstellen – die Früchte müssen für sich selber sprechen.

*

Frau B. hab ich im Krankenhaus besucht. Sie ist schmächtig, kaum mehr von dieser Welt, dünn und durchsichtig die Haut, aber ihr Gesicht strahlt wie das einer 13-Jährigen. Fast ein engelhafter Anblick! Wie kann eine 87-Jährige krebskranke alte Frau so JUNG aus den Augen schauen?
Sie begrüßt mich freundlich, findet nichts dabei, daß wir uns nicht kennen und es keinen GRUND gibt, dass ich sie besuche. Gern erzählt sie aus ihrem Leben, auf Nachfrage auch von ihrem Krebs und ihren nächtlichen Schmerzen – ohne Scheu und Scham und ohne das aufdringlich rücksichtlose Vollabern-um-jeden-Preis, das soviele Alte und Junge auch unaufgefordert an den Tag legen, wenn man ihnen den Raum dazu läßt.

Fast zwei Stunden bleibe ich an ihrem Bett, fasse ihre Hände zum abschied, bin dankbar, dass SIE es ist, die ich als erste besuche. Ich will mit alten, Kranken und Sterbenden in Kontakt kommen – aber eine verbitterte und zu Tode geängstigte Person hätte mich zu anfang vielleicht doch abgeschreckt. Frau B. aber strahlt Frieden und Liebe aus – trotz aller Schmerzen. Über niemanden sagt sie etwas Böses nach, nicht eínmal, als sie mir erzählt, wie sie von der letzten Pflegerin zuhause bestohlen wurde. („Wer will denn das Leben einer 20-Jährigen mit einer anzeige belasten!“).

Leider versteht mich Frau B. kaum, altersbedingt ist sie stark schwerhörig. Eigentlich hatte ich gedacht, das würde mich nicht groß stören, denn in meiner Midlife-Arroganz war ich davon ausgegangen, dass ich kein Verlangen haben würde, mit einer Hochbetagten ein richtiges Gespräch zu führen. Erst jetzt wird mir das bewußt, jetzt, wo ich ihr gerne wenigstens ein paar Sätze daürber sagen würde, wer ich bin und warum ich hier bin.

Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal zu erforschen, warum sie kein Hörgerät benutzt – im Moment jedenfalls trägt sie keines und schon am Telefon hat sie mich kaum verstanden. Vielleicht könnte ich eine Low-Tech-Lösung ausprobieren? Einen kleinen Verstärker mitbringen, dazu ein Mikro und Kopfhörer – so könnte sie sich Lautstärke, Höhen und Tiefen selber einstellen, während ich ins Mikro rede. Das wäre gewiß besser, als sie anschreien zu müssen!

***

Die Wahl ist ja nun rum, die Probleme sind geblieben. Ich hab‘ grün gewählt, damit Renate Künast die Agrarwende weiter betreiben kann. Was die großen Themen angeht, vermute ich, das alles so weiter geht wie bisher, wobei die wirtschaftliche Lage immer schlechter und schwieriger werden wird. Die Neigung, Problemen auszuweichen und Realitäten einfach nicht sehen zu wollen, ist hierzulande derart verbreitet, dass es noch viel Katastrophisches braucht, damit sich etwas ändert. Über den Wahlkampf haben sich ja viele aufgeregt, weil er so personalisiert und emotionalisiert ablief, anstatt echte Diskussionen zu den wichtigen Fragen zu befördern.

Tja, das ist so, weil die Mehrheiten das so wollen! Augen zu und weiter so. Wenn die Politiker wirklich von den PROBLEMEN reden würden und nicht ängstlich den Schlaf des Volkes schützen, dann würden sie eben einfach NICHT GEWÄHLT:

  • Wer will denn hören, dass wir in Zukunft weit weniger Wohlstand erwirtschaften werden und verteilen können als bisher?
  • Wer will denn wissen, dass für das soziale Netz in Zukunft jeder MEHR aufbringen wird müssen und dennoch WENIGER davon haben – also private
    Vorsorge treffen oder mit MEHR Unsicherheit leben.
  • Wer will denn wahrhaben, dass die Bedingungen, unter denen im öffentlichen Dienst hierzulande (noch) gearbeitet, geurlaubt, krank geschrieben und früh pensioniert wird, eine Götterwelt repräsentieren, die nicht mehr viel mit der Wirklichkeit der anderen Da DRAUSSEN zu tun hat? Und dass da eine zunehmende „Gerechtigkeitslücke“ besteht?
  • Wer breitet denn gern die ganzen erschreckenden Folgen aus, die der Bevölkerungssrückgang in den nächsten 30 Jahren unabwendbar haben wird??? (Die Kitas sind bereits reduziert, viele Grundschulen stehen schon leer – etwa in 2006 werden die Firmen die Lehrlinge suchen und nicht mehr umgekehrt – und dann kann man von Jahr zu Jahr immer besser beobachten, wie der „Knick“ in die produktiven Jahrgänge reinwächst und was das bedeutet…die Arbeitslosigkeit, das wird von manchen Politikern längst heimlich gedacht, kann man vor diesem Hintergrund einfach
    AUSSITZEN)

Nun ja, in diesem Diary werden wir die Fragen auch nicht lösen, zumindest nicht fürs große Ganze. Ganz individuell aber finde ich es mehr als angesagt, sich mal ein paar ernste Gedanken darüber zu machen, wie es in den nächsten 30 Jahren weiter gehen soll: WIR werden keine Renten bekommen wie die Rentner von heute – und auch die Riester-Rente wird uns nicht retten. Wie sollen wir also im alter künftig unser Dasein fristen? Und BIS WANN? Oder – mal auf ein anderes Gebiet geschaut – lohnt es sich z.B., wegen ein bißchen Ziehen in den Oberarmen oder irgend welchen Schmerzen in den Gelenken zu allerlei arzten zu rennen und Diagnosekosten von mehreren 1000 Euro auszulösen? Um heraus zu finden, dass es sich um irgend eine Form rheumatischer Beschwerden handelt, gegen die sowieso nichts auszurichten ist?

Wenn man mal anfängt, über den allgemeinen Wahnsinn zu schreiben, der bei uns noch immer als normal gilt, kommt man so schnell an kein Ende. Für heute muss es hier aber genug sein. Euch hab ich vermutlich sowieso schon die Laune verdorben – sorry, ein andermal geht’s heiter weiter, versprochen!

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Claudia am 17. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Und plötzlich ist Herbst

Und plötzlich ist Herbst

Heut‘ mit Frau B. telefoniert, sie liegt im Krankenhaus, wo sie sich dringend wieder hingewünscht hatte. Zuhause, ans Bett gefesselt, allein den Pflegediensten ausgeliefert, sei es furchtbar, sagt Frau B. Nachts hätte sie oft geschrien so laut sie konnte, doch niemand wäre gekommen. Zuletzt hätte die Pflegerin ihr gar gedroht, man könne es ihr auch „reinstopfen“, wenn sie nicht bald schneller essen würde.

Daraufhin hat sie es ins Krankenhaus geschafft, irgendwie. Abgefüllt mit allem, was es so an passenden Medikamenten gibt, wartet sie dort auf die neue Behandlung. Bisher sei sie ganz falsch therapiert worden, sagt Frau B., das habe man ihr angedeutet. Was aber heisst hier falsch? Alle zehn Jahre Krebs, seit 50 Jahren – was ist da falsch? Was richtig? Morgen werde ich sie besuchen, am Telefon verstehe ich sie so schlecht.

Es ist der dritte Montagnachmittag beim Verein der Freunde alter Menschen. Ich bin im Telefondienst, wie alle, die hier anfangen. Und am Samstag werd‘ ich ein paar Alte kennen lernen. Sie werden abgeholt, der Verein hat sie zum Essen eingeladen. Es wird Tafelspitz geben, ich bin gespannt. Kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal mit „richtig Alten“ zusammen war!

***

Eine neue Tastatur gekauft, diesmal wieder mit Kabel. Drahtlos ist kein Fortschritt, wie ich bemerkte. Man nutzt die Tastatur auch nicht anders, obwohl man sie hierhin und dahin mitnehmen könnte. Aber warum sollte ich? Soll ich etwa mit der Tastatur mobil sein, wenn doch der Bildschirm steht wie ein Stein? Natürlich nicht, sie lag die ganze Zeit an derselben Stelle, wie alle Tastaturen zuvor. Und ganz plötzlich setzte sie aus, mitten im Schreiben: nichts geht mehr. Wenn es dann NICHT die Batterie ist, kann man gar nichts machen.
Weg damit! Genau wie die zugehörige Funkmaus, die hab ich schon vor zwei Jahren auf dieselbe art verloren. Jetzt bin ich wieder am Draht.

Sie hatte aufgehört, zurück nach K. ziehen zu wollen. Eigentlich hatte sie nie zurück gewollt, sie wäre nur mitgegangen, wenn alles so geblieben wäre wie bisher. ZURüCK zu gehen war nicht ihre Sache, ja, es schreckte sie: Angst vor dem allzu Bekannten, Angst vor den sprechenden Wänden, den Straßen, in denen alte Geschichten hängen wie klebriger Dunst.

Also nicht nach K. Wohin dann? Bleiben? Alleine in einer neuen Wohnung in FH? Eine Freundin hatte ihr die Augen geöffnet, neu geöffnet für die Schönheit, das Bunte, das Wilde. Es gibt Schlimmeres, als unter jungen Menschen alt zu werden. aber bleiben? WAS wollte sie denn hier?

Sie hatte verlernt, etwas Eigenes, etwas Besonderes zu wollen. Vom Wohnen wußte sie auch nicht mehr viel. Solange das kühle Licht des Monitors ihre Tage begleitete, war Wohnen keine Frage, auf die sie antworten mußte. Meistens war sie ja doch unterwegs in den Zeichenwelten, die sie immer hungrig zurück ließen.

Was nun? Vielleicht das oberste Stockwerk einer WBS 70-Platte? Ein Stalinbau in der Karl-Marx-Allee mit diesem melancholischen Charme des untergehenden Roms? Eine Fabriketage mit Blick auf die Spree – was wäre denn für sie das GANZ ANDERE? Der Ort, an dem sie herausfinden könnte, wohin es sie zog. Oder würde einfach nie mehr etwas an ihr ziehen? Ratlos beendete sie das Nachdenken. Es musste sich er-geben, nicht er-grübeln. Draußen war es Herbst geworden und am liebsten würde sie jetzt einfach den Kopf unter die Bettdecke stecken.

– – –

arbeit. Niemals zuvor war soviel Arbeit. Zu viel Arbeit, um noch jemand anderen zu Hilfe zu holen, denn demjenigen müßte ich zuviel erklären. Zuviel Arbeit,um daneben noch anderes zu tun, kein Platz, um nach rechts oder links zu schauen. Wo im ersten Halbjahr die Flaute mich daran denken ließ, einen neuen Beruf zu suchen, erschlagen mich jetzt all die Aufträge. Und alle müssen sie spätestens im Oktober fertig sein. Schöne Projekte, wunderbare Auftraggeber, sinnvolle Webseiten – und ich geh‘ auf dem Zahnfleisch. Es möge mir niemand böse sein, wenn ich mich jetzt nicht melde, nicht mal „Guten Tag“ sage, wenn eine alte Bekannte in einer Mailingliste auftaucht, nicht verläßlich antworte, wenn mir einer schreibt: „Hey, da ist ein Link falsch gesetzt!“

Wird es ein „danach“ geben??? Im Moment kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn ich nichts zu tun habe. Wie lange tu ich eigentlich schon etwas, auch wenn ich nicht muss? Wielange schon gehört es zu meinem Selbstverständnis, gern zu arbeiten, viel zu arbeiten, niemals an ein „danach“, gar an so etwas exotisches wie „Urlaub“ zu denken?

Gerade beginne ich damit, den Montag zu fürchten. Der Blick in den Monitor stimmt mich nicht freundlich und gestern ist die Tastatur ausgefallen, einfach so. Oh Ihr Göttinnen und Götter allen Tuns&Lassens: Lasst mich bitte bitte noch diese paar Aufträge zu Ende bringen! Dann, ja dann mag sich meinetwegen ein „Danach“ entfalten – jetzt ist Disziplin und Energie alles, was ich brauchen kann.

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Claudia am 11. September 2002 — Kommentare deaktiviert für September eleven

September eleven

September eleven

Es ist kurz nach zehn und ich fühl mich so wohlig weh. Traurig, angerührt, erschüttert und voller Sympathie für die Amerikaner. Der Feuerwehrmannfilm zum 11.September, der soeben in 145 Ländern gleichzeitig gezeigt wurde, hat mich gefühlsmäßig voll erwischt. (Ganz so, wie es wohl auch gedacht war). Selbst ein Jahr danach noch sind die einstürzenden Türme des World Trade Center und das, was da angerichtet wurde, weit furchtbarer, katastrophaler, grausiger als alles, was man sonst so mitbekommt: Überschwemmungen, große Flut, Sturmkatastrophen, Kriege hier und dort, das ganze Elend eben. all das berührt mich auch, das eine weniger, das andere mehr – aber über alledem gibt es ein ganz einzigartiges Gefühl des Grauens, ein ganz besonderes WTC-Entsetzen: diese aufschlagenden Körper der Menschen, die gesprungen sind! Die ganze Situation in den oberen Stockwerken, all die letzten Telefongespräche – mein Gott, wie kann man nur „danach“ noch ein Hochhaus bauen, planen, bewohnen oder darin arbeiten???

Es wird nichts mehr so sein, wie zuvor, sagten alle vor einem Jahr. Und es wird doch immer wieder ganz genau so. Nach jeder Katastrophe kehrt die Ignoranz zurück, die Herzen erkalten und jeder kümmert sich wieder nur um sich selbst. Zwischen Stress und Spaß das große Gähnen, sofern nicht die angst die Laune verdirbt: angst um den arbeitsplatz, angst vor armut, Krankheit und alter, angst, nicht mehr stark, gesund und reich genug zu sein, um uns auch weiterhin um uns selber kümmern zu können. Nicht zu vergessen die angst vor dem anderen, der immer erfolgreicher, besser, schneller und auch noch erotischer ist. Zu guter letzt die große angst vor dem Tod, weil wir nichts mehr wünschen, als dass dieses Leben immer so weiter geht. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Einzig nach einer Katastrophe erwachen wir für kurze Zeit aus der gewöhnlichen Verblendung und schnuppern einen Hauch Wirklichkeit. Wie Leben sein kann, wenn man die Probleme gemeinsam anpackt, wenn jeder jedem hilft, „ohne Ansehung der Person“ – nur, weil es auch ein Mensch ist. Inmitten großer Gefahr wird auf einmal klar, wie schön das Leben ist, wie gut es ist, zu atmen und in die Sonne zu sehen. Alles, was man da durch Karriere, Erfolg oder Selbstinszenierung noch dazugewinnen und draufpacken kann, ist vergleichsweise Pipifax! also verblassen die kleinen und großen Unterschiede zu Fußnoten einer faszinierenden Geschichte – einer Geschichte, die immer von Helden handelt, obwohl sie „nichts besonderes“ taten – wie eben diese Feuerwehrmänner am 11.September. Nur das, was jeder Mensch in derselben Situation auch getan hätte – ja doch, wir kennen den Spruch!

aber, und das ist das Problem, wann sind wir schon mal Mensch?

Immerhin haben wir jetzt einen neuen Gedenktag: September Eleven, der erste globale Volkstrauertag. Nicht überall in der Welt wird er im gleichen Geiste begangen, aber auch nicht ignoriert. Da es in der Welt vor allem an gemeinsamen Erlebnissen mangelt, die ins Erleben von Gemeinsamkeit und Gemeinschaft umschlagen können, ist der 11.September, wie er heute – und vermutlich auch in Zukunft – rund um den Globus multimedial zelebriert wird, vielleicht ganz gut. Gut zum Herz-Erweichen – und das hätten wir ja wirklich nötig!

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Claudia am 04. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Veränderungen tun weh, Veränderungen tun gut!

Veränderungen tun weh, Veränderungen tun gut!

In Berlin ist die Abstimmung über den neuen Bahnhof verlängert worden: „Zentralbahnhof“, „Berlin Mitte“ oder „Lehrter Bahnhof“ stehen zur Wahl. Der alte Bahnhof an gleicher Stelle hieß immer schon Lehrter Bahnhof – und soweit ich das beobachte, meint eine große Mehrzahl der Berliner, das solle auch so bleiben.. Die Lehrter natürlich auch. Das neue, durchaus attraktive Ungetüm aus Stahl und Glas soll allerdings nach dem Willen der Politiker einen „wichtigeren“ Namen bekommen – was ist schon Lehrte? Ein kleiner Ort in der Nähe von Hannover.

Es kann trotzdem gut sein, dass „Lehrter Bahnhof“ die Abstimmung gewinnt. Schließlich ist sie allein deshalb verlängert worden, weil dieser alte Name bisher in Führung liegt, zum Ärger des Stadtentwicklungssenators. Vielleicht mobilisieren jetzt beide Seiten mehr Postkartenschreiber – ich glaube, der „Lehrter“ wird bleiben, zumindest als Name.

Warum sind die Berliner nur so sperrig? Ist es nicht einsehbar, dass für so ein völlig neu in die neue Mitte Berlins gesetzes neues Bahnhofsgebäude auch ein neuer Name her muß? Ich glaube, der Kampf für den „Lehrter Bahnhof“ ist eine Demonstration, Ausdruck einer Verärgerung, die ungefähr sagen will: Könnt Ihr nicht wenigstens diese paar Buchstaben so lassen, wie sie sind? Die ganze Mitte ist neu, in der Luisenstadt findet man sich nicht mehr durch, die jahrzehntelangen Baustellen werden als „Schaustelle“ ins Kulturleben integriert – es ist einfach verdammt anstrengend, wenn man hier wohnt. Warum zusätzlich noch neue Namen lernen?

Neues strengt an, Neues tut weh, aber ohne Veränderungen langweilen wir uns zu Tode. Leben ist alles andere als vernünftig und wenn ich heute eine Rede gegen die Kreativität halte, einen der antriebe für Veränderung, so fühl‘ ich mich wenige Tage später eher zu einem Loblied aufgelegt, ja, denke womöglich: es geht schon verdammt langsam und allzu gemütlich voran in deutschen Landen!

Ersticken wir nicht unter allzu vielen Vorschriften? Hat nicht jede Interessengruppe ihren Way of Life & Making Money abgesichert bis zum geht nicht mehr? Ist nicht die Krise, die die Arbeitslosenzahlen ins Astronomische treibt, in vieler Hinsicht eine Folge von Verweigerungshaltungen? Ich spreche nicht von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Arbeitslosen, die man für schlecht bezahlte Jobs künftig ans andere Ende der Republik hetzen will! – sondern von der Unbeweglichkeit derjenigen, denen es eigentlich ganz gut geht. Man denke nur als Beispiel an die Apotheker, wie sie gleich einen Aufstand inszenieren, weil in ihrem Sektor der Versandhandel zugelassen werden soll. Oder an die Tastsache, dass hierzulande einer, der eine Festplatte ersetzt, einen Meisterbrief braucht.

Im wilden F’Hain

Ich mach‘ lieber nicht weiter mit solchen Beispielen, das kann man schließlich alles in den Zeitungen lesen. Nicht dort zu lesen ist, dass die Lebendigkeit des Stadtteils, in dem ich lebe, zum großen Teil davon herrührt, dass sich Menschen kreativ über Vorschriften hinweg setzen – junge zumeist, aber auch ein paar Ältere, die extra „zugewandert“ sind. Neues macht Freude, Neues tut gut! Zwischen den Gründerzeitfassaden von Berlin Friedrichshain gibt es jede Menge Neues: selbst zusammen geschweißte Balkone, die die Welt noch nicht gesehen hat, Läden, die bis ein Uhr Nachts geöffnet haben, denn sie sind ja auch ein „Imbiß“, ein ehemaliges Reichsbahnausbesserungswerk, das jetzt als RAW-Tempel vielen Künstlern und Bastlern riesige Freiräume bietet: viel viel Platz, ungeregelt, ungestaltet, unbeaufsichtigt – und natürlich die Szene-Kiez-übliche Fassadengestaltung, meist recht öde Grafitti, die ich mich nicht scheue, Schmierereien zu nennen, aber auch wundervoll bemalte Fassaden, geheimnisvolle Schablonen-Sprühereien auf den Fußwegen, unglaublich verrückte Läden und auch die Leute selber sehen nicht unbedingt stromlinienförmig aus, manche sind echte Hingucker!

Abends sammeln sich Menschen wie Schwalben auf den Stahlkonstruktionen der noch im Bau befindlichen Modersohnbrücke (verboten!). Von da aus hat man einen weiten Blick über ein schier unendliches Gewirr aus S- und Fernbahn-Geleisen, dahinter die in dramatische Sonnenuntergangsbeleuchtung getauchte Skyline des neuen Berlins, Oberbaumbrücke, Funkturm, Alexander Platz. Wunderschön! Nach zwei Jahren Mecklenburg wäre es für mich schwer gewesen, in einem Häusermeer ohne Ausblick zu leben, immer nur an die Wand gegenüber starrend. Hier werde ich aufs Beste mit „offener Weite“ bedient, aber nicht genug: ein paar Schritte noch und bin ich an der Spree, muss also nicht mal Wasserlandschaften entbehren.

Erstarren ist so leicht

Jetzt bin ich ins Schwärmen gekommen und weg von meinem Thema, den Leiden und Freuden der Veränderung. Nochmal dahin zurück: Seit zwei Wochen mach‘ ich Telefondienst im Verein der Freunde alter Menschen, telefoniere Montags mit Menschen jenseits der Verfassung, in der man sie „rüstige Senioren“ nennt. Mir fällt dabei auf, wie unglaublich lang einige in ihren Wohnungen leben! Eine 75-Jährige erzählt mir, sie lebe in der „elterlichen Wohnung“, eine andere wohnt in einem „Neubau“ von 1961, wo sie zu den ersten Mietern gehörte. Unglaublich, dieses selbstverständliche Beharren auf dem, was man hat, was man kennt, wo man immer schon ist – ein Verhalten, das zur heutigen Zeit nicht mehr paßt und das auch vielen alten zum Verhängnis wird: sie leiden unendlich, wenn sie – warum auch immer – aus ihren gewohnten Umgebungen gerissen werden.

Viele können irgendwann nicht mehr laufen, für sie wird ihre Wohnung im Berliner Altbau zur Falle, die sie praktisch niemals mehr verlassen. Sie werden dort, solange es geht, gepflegt, und daneben steht jede zweite Erdgeschoßwohnung im selben Stadtteil leer. Würde man als alter Mensch rechtzeitig der Erde näher kommen, dafür auch Umzug und Veränderungen in Kauf nehmen, könnte man sich sehr viel besser die Restbeweglichkeit erhalten, sich länger selber versorgen und sogar noch am öffentlichen Leben teilnehmen. Warum ist das nicht so? Weil die, die HEUTE so alt sind, Veränderungen vermieden haben! Weil sie erstarrt sind, weil sie ganz selbstverständlich ihre Eigenheiten immer eigener haben werden lassen, sich selbst nicht in Frage stellend.

Recht haben – sofern es das überhaupt gibt – wird mit zunehmendem Alter unwichtiger, das ist mein Fazit. Denn auf Recht haben (zum Beispiel mit einer Klage, einer Kritik, einer Polemik etc., aber auch im Sinne „ein Recht haben auf…“) folgt SO-Bleiben, folgt Beharren und Erstarren, folgt der Verlust der Fähigkeit, mit Neuem innerlich zurecht zu kommen – und deshalb sehen viele Alte so verbittert aus. Und das bei einem Rentensystem, das diejenigen, die heute alt sind, doch noch ganz gut bedient!

WIR werden es weniger gut haben! Bleiben wir also biegsam, rasten wir besser nicht ein auf EINE Sicht der Dinge, üben wir Körper und Geist im kreativen Umgang mit Veränderung – wenn nicht’s anderes übrig bleibt, ist es immer besser, man hat Spaß an dem, was ist.

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Claudia am 02. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Routine und Gewohnheit – Mangel und Fülle

Routine und Gewohnheit – Mangel und Fülle

„Zwei Wochen weg von allem, das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen!“ Ich sage es so dahin, als sie mir von ihrem Urlaub auf Gomera erzählt, höre mich diesen so selbstverständlich klingenden Satz sagen und wundere mich. Was ist dieses „alles“, von dem ich nicht weg will, das mich hält, fasziniert, mir das Gefühl gibt, „am Ball“ zu sein? Zwei ganze Wochen nur Sonne, Meer, Wind, Natur – wär‘ das denn nicht wunderbar? Im Geiste bin ich dort, sehe mich barfuß am Strand, sehe mich über Felsen klettern, den herben Duft südlicher Gewächse atmen, den weiten Blick genießen, der ein Gefühl von Zeitlosigkeit vermittelt: vor einer Million Jahre sah es auch schon nicht anders aus, ewig brechen sich die Wellen, wirbeln Gischt auf, verlaufen und versickern auf dem Sand – was ist Zeit?

„Ich würde in ein Internet-Café gehen“, sag ich zu ihr, bin im Geiste am Ende meiner Wanderung angekommen, hab‘ im Hotel geduscht, das Salz von der Haut gewaschen, mir frische Sachen angezogen und fühle Tatendrang. „Da war ich,“ sagt sie, „zehn Minuten kosten drei Euro. Es ist unglaublich teuer!“.

Der Flug, so hat sie mir erzählt, kostet fast nichts. Ich fliege nicht, also bekomme ich die allgemeine Entwicklung der Flugpreise hin zum Taxi-Tarif nur am Rande mit. Was ich nicht benutze, bedeutet mir nichts, selbst wenn es kostenlos ist. Aber wieder wundere ich mich: Die physische Bewegung durch weite Räume wird immer billiger, und doch zieht es mich überhaupt nicht weg! Das Gefühl, anderswo sein zu wollen, kenne ich kaum noch, erinnere mich nur dunkel, dass es früher immer wieder mal aufkam – doch eigentlich nicht als Verlangen nach Erholung, es war pure Unzufriedenheit mit dem, was gerade ist. Langeweile, Sehnsucht nach Abwechslung, nach neuen, ganz anderen Erfahrungen, nach einem Bruch der Routinen und Gewohnheiten, in denen mein Alltag kreiste.

Lob der Routine

Auch jetzt kenne ich Routinen, doch anders als früher schätze und pflege ich sie. Jeden Sonntag besuche ich M., meinen Ex-Lebensgefährten. Wir gehen spazieren, er kocht, wir essen und plaudern, setzen uns dann vor die Glotze: Lindenstraße, Weltspiegel, Tagesschau, Tatort, Sabine Christiansen – jeden Sonntag dasselbe, ich kann mich richtig aufregen, wenn irgend ein blödes Sportereignis die Gewohnheit durchbricht. Andere Routinen sind nicht so leicht zu haben, ich muss regelrecht um sie kämpfen: zum Beispiel die Mittagspause. Immer noch ist die mal um zwölf, mal erst um zwei. Manchmal koch‘ ich mir was, meistens tun es ein paar Brote, beim Essen lese ich die Tageszeitung, genieße das provinzielle Wir-Gefühl, das aus dem Lokalteil der Berliner Zeitung dräut, genieße auch, dass mir nicht mehr das geringste schlechte Gewissen den Appetit verdirbt, verstoße ich doch regelmäßig gegen das spirituell korrekte „Wenn ich esse, dann esse ich“. Ha! Wenn ich esse, esse ich nicht nur, sondern lese auch Berliner Zeitung! So what?

Routinen und Gewohnheiten lassen sich erst dann in ihrer wohltuenden Wirkung richtig schätzen, wenn es die eigenen sind. Solange ich noch danach strebte, in all meinem Tun und Denken irgendwelchen Idealen nahe zu kommen, höchsten Werten zu genügen, wunderbaren Utopien am eigenen Leib zum Durchbruch zu verhelfen – solange war mir im Grunde alles mühsam, sperrig, widersprüchlich bis hin zum Stress. So entstandene Routinen sind dann nur einzwängende Schubladen, in die man sich selber gesteckt hat, um die Weltrettung oder die ganz persönliche Gesundung voran zu treiben. Alles andere als nachhaltig, immer prekär, immer in Gefahr, plötzlich in irgend einen Exzess zu explodieren, in dem sich das Verdrängte, nicht gelebte zum Ausdruck bringt, dabei alle Gewohnheit und Routine, aber auch Wachheit und Wohlbefinden in den Abgrund reißend.

Vorbei. Keine Lust auf Urlaub, keine Neigung zu Exzessen, keine Sehnsucht nach dem ganz Anderen – was sollte das auch sein? Ich wüsste nicht, von was ich mich noch befreien sollte, und es gibt auch nichts, was ich unbedingt HABEN muss. Manchmal, in psychophysisch bedingt schlechten Momenten, deren Entstehen ich meist sehr gut herleiten kann, ist da ein Erschrecken vor der Leere: Und jetzt? Was soll ich denn nun machen? Wenn mir nichts fehlt, wonach soll ich streben? Wo bitte ist der Kick? In solchen Augenblicken sind Routinen wunderbar, bieten sie doch die Möglichkeit, sich von derart nutzlosen Gedanken einfach abzuwenden. Nicht abzulenken, sondern bewusst abzuwenden. Tomaten klein schneiden, Salz, Pfeffer, Olivenöl, beiläufig die Krümel auf dem Kühlschrank und die Reste der übergelaufenen Milch auf dem Herd wegputzen – locker lässt sich so ein philosophisch daher kommendes, mentales Tief umschiffen, das vielleicht vom zu späten Essen am Vorabend rührt, oder einfach im allgemeinen Beharrungsvermögen der Psyche gründet, die ihrerseits gern alte Gewohnheiten festhält.

Speziell die Gewohnheit, aus einem vermeintlichen Mangel heraus zu denken, zu fühlen und zu handeln, ist nicht ganz einfach abzulegen. Selbst dann nicht, wenn klar ist, dass das „Konzept des Mangels“ ein Konstrukt ist, keine Wirklichkeit. Die spezifische Verengung des Bewusstseins, die auftritt, wenn etwas Erwartetes nicht „wie erwartet“ geschieht, lässt regelmäßig vergessen, dass erst die Erwartung das Mangelgefühl erzeugt, an dem dann gelitten wird. Wünsche, die einfach „ein-fallen“, sind so ungesund wie leerer Zucker und Weißmehl, denn sie vernebeln den Geist, der nicht mehr wirklich hinsieht, was geschieht. Ihnen aufzusitzen heißt, nach einer selbst erdachten Konkretisierung zu streben, Scheuklappen aufzusetzen und das ganz Bestimmte zu suchen, das scheinbar einzig und allein jetzt den Mangel zu beheben vermag – eine leidbringende Illusion!

Aber…

Himmel noch mal, wenn ich mich jetzt so lese, fällt mir auf, dass ich ungefähr dieselben Gedanken schon vor zwanzig, dreißig Jahren in allerlei erbaulichen Büchern fand. Sie stapelten sich bei mir, ich las immer gleich mehrere auf einmal, schwankend zwischen einem heftigen, aber nicht konkretisierbaren Verlangen nach etwas „ganz Anderem“, und dem Trotz und Ärger, den solche Reden in mir hervor riefen. Wollten die mir meine Wünsche ausreden? Meine unzähligen Wünsche nach Nähe und Zärtlichkeit, nach Anerkennung, Bewegungsfreiheit, Resonanz, nach nützlichem Tun, nach Frieden, Freude und Sinn? SO zumindest formuliere ich HEUTE diese Wünsche – damals waren sie sehr viel konkreter: DIESER Mann, und sonst keiner, Urlaub nur dort, wo Pinien stehen, Wohnen in Gemeinschaft, aber nur mit diesem und jener, sinnvolle Arbeit, aber bitte ohne Anstrengung und „Druck-Termin“, Jeans, aber nur von Levis – und Geld, nicht viel, aber so eine Art Grundeinkommen, zu überweisen vom Staat, den ich ansonsten abschaffen wollte.

Es lag nicht in meiner Macht, zu wählen, wie ich auf die Hinweise in den Büchern reagieren wollte. Zeitweise bemühte ich mich allen Ernstes, von eigenen Wünschen Abstand zu nehmen – zum Glück immer nur kurz, denn dies ist ein Irrweg, der nur Zeit verschwendet. In der Regel folgte ich meinem Verlangen und versuchte, all das zu bekommen, worauf es sich gerade richtete. Letztlich ließ ich mir dabei von niemandem reinreden, nicht wirklich, allenfalls formulierte ich die Begründungen für meine Bedürftigkeiten ein bisschen passender, passend zum Gedankengebäude, dem ich gerade huldigte. Kein Buch, keine Autorität und nicht mal ein geliebter Mann konnten mich jemals davon abbringen nach dem zu streben, was mir aktuell als „das Glück“ erschien, gaukelnd am fernen Horizont wie eine verheißungsvolle Fata Morgana.

Und immer wieder hatte ich Erfolg, bekam, was ich mir wünschte, erreichte meine Ziele, verwirklichte meine Vorstellungen von einem „besseren Leben“. Lebte in Gemeinschaft mit Freunden, bekam die Männer, die ich wollte, hatte meine Überweisung vom Staat, arbeitete selbstbestimmt an der Verbesserung der Welt im Kreuzberg der 80ger-Jahre, bekam jede Menge Anerkennung – und es ging immer so weiter, in neuen Varianten, auf anderen Ebenen, immer dieses Streben nach etwas…, ja WAS eigentlich? Jedes Mal, wenn ich ein Ziel erreichte, wenn ein Wunsch sich erfüllte, fühlte ich die Leere. Das, was mich in Bewegung versetzt hatte, dieses innere Brennen, wurde durch den Erfolg, das Erringen, die Ziel-Erreichung in keiner Weise beantwortet. Ja, ich sehnte mich schon gleich zurück nach einem neuen Streben, das sich auch schnell einstellte: der Verstand findet jederzeit unzählige Mängel, die es noch abzustellen gilt.

Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann begreift auch die hartnäckigste Psyche, dass sie in einem Laufrad strampelt, und immer nur im Kreis. Es kommt nicht wie eine Erkenntnis, als ein „Aha-Erlebnis“, sondern schleicht sich langsam, fast unmerklich ins Leben wie das „Fading Out“ der Farben bunter Kleider, die durch vieles Waschen langsam ausbleichen.

Nun sitz ich auf der Erde neben dem still stehenden Laufrad. Alles ist gut, alles ist da. Ich sehe die Fülle, die mich umgibt und die neuerdings sogar dazu neigt, mich mit allerlei schönen Dingen zu überschütten, für die ich nicht erst strampeln muss. Gewöhnungsbedürftig ist es, zu bemerken, dass auf einmal andere Menschen ihre Sehnsucht nach dem „ganz Anderen“ auf mich richten – aber verdammt noch mal, ich bin es nicht!!!! Bin allenfalls wie ein Kapitel in dem Buch, das nur der versteht, der es eigentlich nicht mehr lesen braucht. Aber ich lass mich nicht zuhause stapeln.
Zeit zum Schreiben

Es ist fast Mittag. Wenn ich einen Diary-Beitrag schreibe, meist ohne vorher zu wissen, über was, lasse ich alles Andere warten, rufe keine Mail ab, hoffe, das Telefon möge nicht läuten und mich aus dem Schreibfluss reißen. Wenn der Fluss an sein Ende kommt, egal ob das Thema „abgehandelt“ ist oder nicht, stelle ich das Geschriebene ins Netz, korrigiere noch mal Fehler, füge Zwischenüberschriften ein und wende mich dann den 10.000 Dingen zu, die auf mich warten. Es ist spannend, E-Mail nicht gleich morgens um acht abzurufen, sondern erst um elf! Da können dann so richtige Hämmer dabei sein, die „immediately Action“ verlangen, womöglich gleich mehrere auf einmal. Die arbeite ich dann in ausgesprochen guter Stimmung ab, fühl mich nicht gehetzt, empfinde weder Stress noch ein schlechtes Gewissen – und letztlich geht alles viel schneller und effektiver ab, als wenn ich schon in der Frühe angefangen hätte. So ist mir das Schreiben fast wie ein Gang ins Fitness-Center, nur auf einer anderen Ebene: Zeit wird nicht verloren, sondern gewonnen. Und noch manches mehr.

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Claudia am 29. August 2002 — Kommentare deaktiviert für Von der Last, kreativ zu sein – eine Umwertung

Von der Last, kreativ zu sein – eine Umwertung

„Was denkt Ihr über Kreativitat?“ Eigentlich eine harmlose Frage, die da über die Mailingliste kommt. Vermutlich werden jetzt gleich ohne weitere Vorwarnung alle von ihren kreativsten Leistungen berichten, vom Brainstorming und von Kreativtechniken, vom anlegen eines Gartens, von hunderfünfzig tollen Webseiten und vom Töpferkurs im letzten Jahr – ohhhhhh, bitte bitte nicht!

Hier hat es 29 Grad, aber das ist nicht neu. Seit Wochen schon bringt mich der Jahrhundertaugust ins Schwitzen, daran kann es nicht liegen, dass mir die Galle hochkommt! Kreativitat? Au, ich bekomme Fluchttendenzen, Beißreflexe, Pickel im Gesicht und die Zehennagel kräuseln sich vor Schreck nach oben.

Für mich ist Kreativitat namlich lange schon und immer mehr eine Last, nicht etwa Lust – und zwar die eigene genauso wie die Kreativitat anderer. Die Wertschatzung dieses Begriffs hat insgesamt den Zenit weit überschritten, oh ja, ich beteilige mich gern daran, den Popanz „Kreativität“ zu entzaubern und auf die hinteren Platze zu verweisen. Aus den augen aus dem Sinn, lasst Buchhalter um mich sein!

In einer lang vergangenen unkreativen Zeit bzw. Gesellschaft, in der es üblich war, von festen Traditionen und Rollen bestimmt zu leben, immer alles „nach Vorschrift“ zu tun und insgesamt
wenig Möglichkeiten zur Wahl und zur Selbstbestimmung zur Verfügung standen, da bekam Kreativitat nach und nach und zu Recht einen geradezu märchenhaften Glanz. Man denke nur an die Wertschätzung des AUTORS, des Schriftstellers, des Künstlers, ganz allgemein des „Genialen“ – aber heute? Ich kenne ja kaum noch jemanden, der noch KEIN Buch geschrieben hat!

In unseren Tagen der extremen Individualisierung, wo alles erlaubt und weitgehend egal ist, wo ein jeder gefordert ist, zu machen, was er will, ist Kreativitat, gelinde gesagt, nichts Besonderes. Mitten im Zwang, sich dauernd neu zu erfinden und in veranderten Bedingungen zu Recht zu finden, womöglich als ICH-AG zu bestehen und stets INNOVATIV und FLEXIBEL zu sein, entsteht die Sehnsucht nach dem, was bleibt, was sich nicht Ändert, nach Dingen, Orten und Strukturen, die nicht von ungebremsten Kreativen seit der letzten Sichtung schon wieder GANZ ANDERS gemacht wurden.

Ich bin kreativ – und das ist nicht gut so!

Wie furchtbar, wenn man die Dinge, wie sie gerade sind, nicht einfach mal so lassen kann! Am besten OHNE inneren oder äußeren Kommentar, ohne irgendwelche Verbesserungsvorschläge oder gar Initiativen!

Statt dessen geht das Andersdenken, Anderswollen, Verbessern los. Sei es die Einrichtung eines fremden Klos oder das Eingabeformular auf einer x-beliebigen Website: immer seh‘ ich Fehler und Unvollkommenheiten, immer gibt’s Potential zu großen Verbesserungen, Verschönerungen und Veränderungen. Jeder Text kann selbstverständlich weit besser formuliert werden, jeder
Vorgang und jede eingeschliffene Verhaltensweise ist kritisierbar – man könnte doch statt dessen…. Man könnte SO VIEL. Will das etwa jemand anpacken? Bitte bitte nicht!

In mir entstehen ständig Geschaftsideen und „mögliche Projekte“ – durchaus gute Sachen, aber weder hab‘ ich immer Lust auf sie, noch ist das alles im Rahmen meiner Möglichkeiten, rein aus Zeitgründen schon nicht. Viele dieser Projektideen sehe ich wenig spater „auf dem Markt“, liege also nicht unbedingt voll daneben. Und jeses Mal schmerzt es, gute Vorhaben NICHT anzugehen, einfach NICHTS zu tun, die vielfaltigen Potentiale, die an jeder Ecke schlummern (lauern, drohen, ihre gierigen Zähne fletschen…), NICHT zu nutzen – die Welt einfach zu LaSSEN, wie sie ist.

Ich war mal mit einem Mann zusammen, dem erging es wie mir. Wir saßen zusammen in der Badewanne und schon beim Anblick eines Nagels in der Wand kam er oder ich mit einer neuen Idee… furchtbar! Nach dem Orgasmus keine romantischen Momente, sondern ein Verbesserungsvorschlag…. nicht mal in Bezug auf den eben erlebten Sex, sondern einfach so, aus dem weiten Feld unserer gemeinsamen Aktivitäten.

Ahhhhh und dann der Kern des Kreativen: das Malen, Bilder machen, Gestalten, die Web-Kunst, Fotoshop-Art und all das!!! Ich habe ja noch das große Glück, dass ich meine Kreativitat am PC ausleben kann (klick und weg ist der Kram!), wogegen Andere wirklich arm dran sind: Müssen namlich die reale Welt mit den unzähligen Ergebnissen ihrer Kreativität belasten. Am Anfang ist das noch unproblematisch, gern zeigt man den Freunden, was man im letzten Volkshochschulkurs Entzückendes produziert hat, hartnackig das innere Auge vor der Erkenntnis verschließend, dass sie das genauso öde finden wie Diashows aus dem Urlaub oder Geschichten vom letzten Arztbesuch.

Doch Achtung! Über die Jahre kann sich einiges anhäufen und eh‘ man sich’s versieht, lebt man in extrem vollgestellten Häusern und Wohnungen: alles wird gesammelt und gestaut, die Fotos von annodunnemal, die selbst gekneteten Tassen aus der Toskana, der dann doch nie getragene Schmuck aus dem Goldschmiedeworkshop, all die vielen Texte, Briefe, Bilder, Malereien, Basteleien, Schnitzereien, Strickwerke und Wandbehange – und alles verstaubt, wird nie wieder angesehen – manch einer findet sich als „Messi“ wieder (= die Krankheit, nichts wegwerfen zu können und zu vermüllen).

DU bist kreativ? Verschone mich!

Mein Advancebankkonto kündige ich in diesen Tagen – zum dritten Mal haben sie schon das Homebanking-Portal geändert. Es umfasst jetzt auch Internet-Brokerage mit all den Infos aus der Aktienwelt und vieles mehr (schauder!). Das brauch‘ ich alles nicht, ich will Überweisung, Kontostand, Dauerauftrag, Ende. Sie sind mir zu kreativ dort, genau wie viele Andere, die ständig an der Welt herumbosseln, Synergien nutzen, Produktlinien einstampfen und neue erzeugen und mich damit zum erneuten Studium irgendwelcher Anleitungen, Handbücher und Hilfedateien zwingen. Seit Jahren weigere ich mich erfolgreich, neue Features und Programme einzusetzen, solange ich nicht genau das brauche, was sie an MEHR zu bieten haben; Und was den PC angeht, lebe ich gut und störungsfrei nach dem berühmten Motto: Never touch a running system!

Nicht, dass all das über die Möglichkeiten meiner kleinen grauen Zellen ginge, keineswegs (hab schließlich auch mal ’ne Weiterbildung zur EDV-Fachkraft hinter mich gebracht). Ich denke nur nicht im Traum daran, Zeit und Energie im Umgang mit Hilfsmitteln und Werkzeugen zu verschwenden, wenn es nicht sein muss. INTELLIGENT ist für mich heute, was Lernen minimiert, Informationen schon gleich im Vorfeld vermeidet und das Gehirn von Texten, Daten und reinen HowTo-Inhalten weitestgehend verschont. Da bleibt nicht viel zu tun für Kreative, sorry!

Und die Gegenstände? Die Welt der 10.000 Dinge? In den Kaufhäusern sieht jedes einzelne Objekt nach einem Designer-Wunderwerk aus – daneben bin ich haßlich! Die Dinge sind es, die glitzernd auf dem Thron sitzen, und wir stehen alle in der Schmuddelecke und genügen nicht. Also versuchen wir, selbst zum Ding zu werden und dieses Ding dann zu verschönern. Deshalb die derzeitige Tatoo- und Piercing-Welle, all das vielfaltige Body-Styling bis hin zu pathologischen Auswüchsen wie das „Ritzen“. Für die unauffälligere Mehrheit gibt’s die Schönheitsoperationen und die Nervengift-Spritzen für ein glattes (weil gelahmtens) Gesicht.

Jaaaaa, wir MACHEN WAS aus uns und wer da nicht kreativ ist, hat schlechte Karten. Jeder will und soll und muss „etwas Besonderes“ sein – wie anstrengend, wie trennend auch. (Mögen wir denn die Leute, die so toll aussehen, wie wir gern sein wollen?) alles soll schöner sein, als es jetzt ist – und immer so weiter! Jeder ist kreativ und tut alles dazu, noch etwas zu finden, wo
der persönliche Verschönerungsdrang gnadenlos ausgelebt werden kann – zu Lasten einer Welt die so müde von alledem ist, deren Müllberge schon so hoch und deren Seelen verwirrt sind von all dem
allzu Vielfaltigen und immer wieder Neuen und anderen.

Ach, wie muss das gemütlich gewesen sein, damals, als sich niemals etwas änderte außer den Jahreszeiten! Als niemand „sich in-formieren“ und nachdenken musste, weil sowieso immer schon klar war, was man jetzt WIE tun musste. Als das Kreative dem GENIE überlassen blieb, einer Art Märchengestalt, die gottlob im richtigen Leben nur sehr, sehr selten vorkam.

Falsch? Ja, ja, ich weiß, es war natürlich auch eine furchtbare Welt, statisch und dogmatisch, voller Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Man hatte allen Grund, zu rebellieren, umzugestalten, in die Fremde zu ziehen, Neues anzufangen, die Welt auf den Kopf zu stellen – aber nun steht sie da und rotiert. So etwas wie EIN MITTLERER WEG ist uns offenbar nicht gegeben. Wir oszillieren zwischen den Extremen und gucken zur Entspannung Filme an, in denen alles in die Luft fliegt.

Kreativitat? Nein danke. Nicht im Jahr 2002.

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Claudia am 23. August 2002 — Kommentare deaktiviert für Der philosophische Virus, Weltbilderschütterung, OOBE

Der philosophische Virus, Weltbilderschütterung, OOBE

Ohne große Ankündigung ist hier doch eine art Sommerpause entstanden. Ich komme seltener zum Schreiben, die Tage fließen zahflüssiger und seit dem Ausflug nach Mecklenburg und den Zelt-Übernachtungen beeinträchtigten mich auch noch Schlaffheit und Dauerkopfschmerz. Ich glaube, es ist jetzt soweit, Zelt und Luftmatratze zu entsorgen, alles hat seine Zeit.

Dank ein paar homöopathischer Kügelchen bin ich nun wieder gesundet – oder wär‘ es auch einfach so vorbei gewesen? Das weiß ich nie wirklich und das ärgert mich. Jedes Loch, das sich im Universum auftut, vergrätzt mich, egal, wo es sich auftut. Mit Loch meine ich Unstimmigkeiten, Unvollkommenheiten im Weltbild, mit dem wir täglich leben: plötzlich merkst du, verdammt noch mal, DAS HIER dürfte es doch eingentlich gar nicht geben, wenn „die Wissenschaft“ recht hätte – und dann? Weiter → (Der philosophische Virus, Weltbilderschütterung, OOBE)

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