Claudia am 30. Juni 2003 — Kommentare deaktiviert für Von sich schreiben – Reflexionen in der ersten Person

Von sich schreiben – Reflexionen in der ersten Person

„Kann man irgendwo lesen, was du zum Thema »Von sich schreiben« gesagt hast?“, fragt mich eine Leserin per E-Mail. Ich fühl‘ mich einerseits geehrt, andrerseits kalt erwischt: genau darüber will ich seit Monaten schreiben! Drei angefangene Artikel hängen unvollendet im Ordner „eigene Dateien“, es gibt Stichwortsammlungen auf Papier und Mindmaps mit hübschen Wolken und wilden Assoziationen – sogar bis zu einer Gliederung hab ich’s mal gebracht und dann doch wieder aufgegeben. Kein Artikel – was ist daran nur so schwer??

Frag einen Tausendfüßler, wie er es schafft, beim Laufen die vielen Beine zu koordinieren – er wird ins Grübeln verfallen, erschreckt bemerken, dass er es selber nicht weiß, und nicht mehr von der Stelle kommen – ist es vielleicht diese Angst? Eigentlich nicht. Wer Jahr um Jahr ein Web-Diary führt, in Mailinglisten und auf Webboards in derselben Manier das je Eigene der Welt verkündet, muss nicht wirklich fürchten, auf einmal keinen Text mehr zustande zu bringen. Alle meine Texte entstehen ja wie von selbst: nicht das Schreiben ist ein Problem, eher die Unmöglichkeit, es dem planenden Denken zu unterwerfen – und auch das ist nicht wirklich ein „Problem“, denn üblicherweise ist mein Schreiben spontan, ohne Ziel und Zweck. Wenn ich beginne, weiß ich nicht, wo ich im Lauf des Textes ankommen werde.

Gerade das macht einen wichtigen Reiz aus: Ich will nichts verkünden, es gibt keine vorab feststehende Botschaft, sondern ich setze mich schreibend dem Thema aus, lasse es wirken, beleuchte es von verschiedenen Seiten – und tippe alles in die Tasten, was dazu an Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen ins Bewusstsein tritt. Wenn gerade nichts kommt, bearbeite ich den letzten Absatz, stelle Worte und Sätze um, so dass sie „den richtigen Sound“ entfalten. Das ist ein Wechsel vom rein beobachtenden Geist („Was ist?“) ins ästhetische Empfinden („Hört es sich gut an?“), der dem „Selbst-Beobachten“ eine Pause gönnt, was dem Fortgang des Textes äußerst dienlich ist. Es ist dasselbe Oszillieren zwischen Inhalt und Form, wie sie etwa beim Clustering bzw. Mindmapping auf Papier zur Ideenfindung angeraten wird: Ein Wort, ein Satz, eine Assoziation wird nieder geschrieben, und bis die nächste kommt, malt man Wolken um die Worte, verbindet sie mit Strichen, kritzelt so ein bisschen vor sich hin – und schon fallen neue Ideen ein – anstrengungslos.

Aus den Schubladen aussteigen

In den Schulen wird das „intuitive“ Schreiben nicht gelehrt. Dass es mir zunächst nicht gelungen war, das Thema „Von sich schreiben“ wirklich anzugehen, verdanke ich einem Rückfall in genau jene Schreibtradition, die dort mit aller Kraft eingeübt wird: das vermeintlich objektive Schreiben, z.B. in Gestalt der „Erörterung“, zwingt dazu, zunächst einen Überblick über den Stoff zu geben, Fragestellungen zu entwickeln, Argumente zu sammeln und in eine Reihenfolge zu bringen, möglichst viele Sichtweisen zu diskutieren, um ganz am Ende – vielleicht – noch zwei drei Sätze „eigene Meinung“ drunter zu setzen. Das ist Schreiben, wie es im Berufsleben meist gebraucht wird: Konzepte, Berichte, wissenschaftliche Arbeiten, journalistische Artikel – ein Schreiben aus dem „Willen zur Macht“: ein Thema, ein Stück Welt soll in den Griff genommen werden, es geht um Übersicht, Orientierung, Meinungsbildung, um handlungsleitende Verlautbarungen.

Genau so hatte ich nun versucht, über das „persönliche Schreiben“ in Webtagebüchern, Blogs, in Foren und Mailinglisten einen möglichst umfassenden Artikel zu erstellen: Stoffsammlung, Überblick, Beispielsammlung, Kriterien zu deren Bewertung – und meine „innere Schreiberin“ trat prompt in den Streik. Schreibend kann ich offensichtlich nicht zwei Herren dienen: einen „pressemäßig korrekten“, möglichst objektiv klingenden Rumdumschlag in die Welt setzen UND dabei den Geist und die Herangehensweisen meines „Schreibens in der ersten Person“ vermitteln. Gerade bei diesem Thema ist mir das schier unmöglich, aber – und das sei allen Interessenten als Warnung ans Herz gelegt! – auch bei allen anderen Themen verliert sich die Lust an der „objektiven Schreibe“. Es fühlt sich mühsam an, die persönliche Sicht wieder beiseite zu lassen bzw. sie zu verstecken, wenn man einmal in die Praxis des freien Schreibens richtig eingestiegen ist. Das Bedienen von Schubladen, das sich Hinein-Zwängen in allseits erwartete Formen („Formate“), wie es z.B. das Schreiben für Zeitungen und die meisten Magazine erfordert, ist mir schon nach etwa zwei Jahren eigendynamischen Schreibens im Netz derart lästig geworden, dass ich es 1998 mit Freude aufgab. (Die üblichen Honorare waren, als Schmerzensgeld betrachtet, auch kaum geeignet, mich bei der Stange zu halten.).

Die persönliche Sicht

Von meinem Fenster aus sehe ich auf einen Spielplatz, Kinder fahren zu zweit auf kleinen Fahrrädern rund um den riesigen Sandkasten. Gelegentlich höre ich das entfernte Geräusch der S-Bahn, doch außer im Winter bekomme ich die Züge nicht zu Gesicht: große Linden und Ahornbäume lassen die Augen im Grün ausruhen, genau das Richtige für eine wie mich, die fast den ganzen Tag auf einen Monitor starrt. Wenn der Schreibfluss mal stockt, ist es immer gut, sich vom Thema zu lösen und umzusehen, die physische Umgebung zu betrachten, das Zimmer, den Schreibtisch, die eigene körperliche Befindlichkeit. Wenn ich verkrampft sitze, Schultern und Hals verspanne, wird kaum je ein lockerer Text in die Tasten fließen. Ich stehe auch mal auf und gehe herum, trete auf den Balkon oder in die Küche – Schreibpausen sind auch zum beiläufigen Aufräumen und Herumputzen gut geeignet, ich mach dann ja nicht einfach Hausarbeit, sondern „diene dem Fortgang des Textes“!

Schreib ich denn nun wirklich „von mir“, wie es die interessierte Leserin mit dem Subject „Von sich schreiben“ voraus setzt? Viele Diary-Schreiber und Blogger tun erst mal genau das: Sie teilen der Welt mit, was in ihrem Alltag passiert, berichten von der Arbeit, den Erlebnissen in der Freizeit – und bekommen dann üblicherweise Probleme, wenn „brisante“ Themen berührt werden: Konflikte mit Nahestehenden, üble Gefühle, unerfüllte Wünsche, eigene Schwächen. Die meisten lassen dergleichen einfach aus, ihre Diarys sind entsprechend langweilig, insbesondere, wenn ihr Leben von den äußeren Umständen her keine lesenswerten Besonderheiten bietet. Andere setzen sich wild entschlossen über jedwede Hemmungen hinweg und empfinden sich selbst als sehr mutig. Sie nutzen ihr Schreiben entweder als Waffe im täglichen Kampf (wenn etwa die Kontrahenten mitlesen), oder auch als Kanal, um Zuspruch, Ermunterung und Beistand vom Publikum zu bekommen, das ganz wie bei einer „Daily Soap“ in voyeuristischen Freuden schwelgt und gerne Tips gibt, wie in diesem oder jenem Konflikt nun weiter zu verfahren sei.

Andere vermeiden diese „Niederungen“ von vorn herein, indem sie die „Formate“ der üblichen Presse nachempfinden. Sie schreiben zu allgemeinen Themen, jedoch mit deutlicher Präferenz der eigenen Meinung: Brandreden zu diesem und jenem, wie sie auch mal im Lokalblatt unter „Meinung“ oder „Leserbrief“ stehen könnten. Sind es schreiberisch begabte Autoren, liest sich das ganz nett, allerdings fragt man sich, warum es als Web-Diary daher kommt: als Leserin ist mir die Meinung eines Unbekannten nur eine Meinung mehr auf dem großen Haufen der täglichen Meinungsäußerungen, die aus allen Kanälen sprudeln, wenn man in die traditionellen Medien bzw. die ihnen zugehörigen Websites schaut. Auf persönlichen Seiten will ich nicht „noch eine Meinung“, sondern etwas über den Menschen selbst erfahren: Warum denkt er so? Wie erlebt er das, worum es hier geht? Was fühlt er, dass er zu dieser oder jener Meinung neigt?

Ich schreibe also nicht „über mich“, aber auch nicht einfach nur „über die Welt“. Eher ist es ein Schreiben „aus mir heraus“, ein „Ver-äußern“ dessen, was ich gerade (jetzt!) bin in Bezug auf das Thema, über das ich schreibe. Neulich stieß ich auf den Begriff „selbstreflexives Schreiben“, der es ganz gut trifft. Das „Selbst“, das hier reflektiert wird, ist die Gesamtheit aller Empfindungen und Gefühle, das physische und psychische Erleben, dazu die Gedankenwelt mit ihren Bewertungen, Plänen, Zielen, Ängsten, Wünschen und Meinungen, bis hin zu Intuitionen und Meta-Ebenen, die nur schwer in Worte zu fassen sind.

Die richtige Haltung

Diesem „Selbst“ gegenüber nehme ich schreibend dieselbe Haltung ein, wie ich sie auch gegenüber „der Welt“ pflege, wenn ich nicht gerade ein bestimmtes Ziel erreichen will: einfach nur Hinsehen und registrieren, was ist. Jegliches Beurteilen, jedes Sortieren in „angesagt“ oder „unmöglich!“ verstellt die Sicht, verzerrt und verfälscht die Wahrnehmung. Ich darf nicht mit der Vorstellung „So bin ich“ in dieses Beobachten gehen, sondern muss völlig offen sein gegenüber allem, was sich da zeigen mag.

Als ich damit anfing, gab es noch jede Menge innerer Verbote, die Liste der „unbeschreibbaren“ Themen war lang. Reine Meinungsartikel „über die Welt“ oder Schmunzelstoff aus dem Alltag waren die Regel, aber langsam wuchs mir größere Freiheit zu. Ich lernte, den inneren Zensor immer öfter auszutricksen, der mir zwar die Wahrnehmung nicht mehr verstellte, aber doch seine „Do’s und Dont’s“ vor dem Niederschreiben, erst recht vor dem Veröffentlichen errichtete. Immer mehr Themen wurden möglich: Schwächen, verworrene psychische Zustände, Krankheiten, Not-PC-Meinungen, finstere Aspekte der eigenen Vergangenheit, Vater, Mutter, das Geschlechterverhältnis, allerlei Süchte und Unfähigkeiten – all das ist durchaus schreibbar, sobald ich mich in der richtigen „Haltung“ einrichte: Ich schreibe, wie die Dinge gerade für mich aussehen, wie ich erlebe, fühle, darüber denke, bin aber mit alledem, was ich da berichte, nicht voll identifiziert. Befinde mich also schreibend nicht „im Kampf“, sondern „in Touch“ – in Berührung mit mir selbst, was eine dermaßen angenehme, herzerwärmende Erfahrung ist, dass schon dadurch die Motivation immer mehr steigt, dem Zensor Paroli zu bieten.

Den inneren Zensor austricksen

Ein paar Überlegungen sind dafür hilfreich, die ich anstelle, wenn die „Bedenken“ überhand nehmen wollen:

  • Ich schreibe aus dem JETZT: was ich heute zu einem Thema sage, muss nicht für alle Zukunft und angesichts der gesamten Vergangenheit das letzte Wort sein.
  • Ich schreibe FÜR MICH. Es ist schön, wenn das jemand lesen will, aber ich schreibe niemandem nach dem Munde und bediene keine Zielgruppen.
  • Perfekt sein langweilt: Auch meine Leserinnen und Leser sind keine Superfrauen und Männer. Sie kennen die Niederungen des Lebens und finden es vermutlich ganz spannend, wenn ich mal ein „brisanteres“ Thema anfasse, mit dem ich so meine Probleme habe oder hatte.
  • Anders sein ist interessant und erlaubt – aber keine Pflicht! Manchmal ist es sogar mutiger, sich als zum (vermuteten) Mainstream gehörig zu outen, anstatt das „besondere Indivíduum“ zu zelebrieren. Manchmal bin ich die Stimme der „schweigenden Mehrheit“ – na und?
  • Ich bin potenziell ALLES, nicht immer nur bei „den Guten“. Und nicht nur ich bin so, sondern alle, ob sie es wissen (wollen), oder nicht.
  • Ich – mein Empfinden, Fühlen, Denken – gehöre nur mir selbst. Niemand hat das Recht, mir zu verbieten, von mir zu schreiben.

Wenn diese Einwände die Bedenken nicht auszuschalten vermögen, dann schreibe ich eben nicht. Sich selbst unter Druck setzen, ist kontraproduktiv, denn dann „trauen“ sich die wahren Empfindungen und Gedanken schon gleich gar nicht mehr ans Licht des Bewusstseins. Ich lasse alles kommen, was dann wirklich „raus geht“, kann ich immer noch ganz frei entscheiden. Und vielleicht ist das Thema ja an einem anderen Tag, in einer anderen Situation auf einmal „schreibbar“. Wichtige Dinge kommen sowieso immer wieder.

Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Wer bis hierher mitgelesen hat, wird verstehen, dass diese Art des „freien Schreibens“ nur funktioniert, wenn ich nichts verfälsche: Keine bewussten Verbiegungen und Schönungen, schon gar keine richtigen Lügen! Schließlich ist das Ganze eine Praxis der Selbsterforschung und Erfahrung. Würde ich die Ergebnisse wissentlich falsch darstellen, entfiele die ganze Motivation, das Abenteuerliche, das Spannende. Wahrhaftigkeit ist fürs selbstreflexive Schreiben also nicht moralische Bringschuld, sondern konstituierende Basis.

Allerdings ist die „Wahrheit“ immer eine punktuelle, relative, aus dem Augenblick und dem jeweiligen Standpunkt erlebte und geschriebene Wahrheit. Ich bin kein statisches Wesen, verändere mich ständig, und ich habe auch nicht immer den gesamten Überblick. Es gibt in meinem Webdiary Artikel, da schreibe ich sogar wissend aus einer aktuellen Verblendung heraus (zum Beispiel über die Freude, wieder zu rauchen) . Aber diese Verblendung ist dann halt Tatsache, da mögen sich die Leser amüsieren, für mich ist es ok, auch dann zu schreiben: zwar „wahrhaftig“, aber mit Blindheit geschlagen.

Über Andere schreiben?

Zuletzt will ich noch einen Punkt behandeln, der speziell Diary-Schreibenden auf dem Herzen liegt: Mein Leben gehört mir, aber in diesem Leben kommen Andere vor: Beziehungspartner, Freunde, Auftraggeber und Mitarbeiter, Verwandte und Bekannte – kann ich auch über sie schreiben? Ist nicht jedes Schreiben „über mich“ auch ein Schreiben „über sie“, sobald diese Anderen zu meinem Erleben beitragen?

Ja, ein heißes Thema, und ich kann nur meine ganz persönlichen Antworten bieten: „Über sie“ schreibe ich grundsätzlich nicht. Das ergibt sich schon daraus, dass die ganze Form nicht pseudo-objektiv angelegt ist. Im reinen Erzählen des Alltags können Andere schon mal vorkommen, doch würde ich nie auf die Idee verfallen, etwa schreiben zu wollen „was mein liebster Freund für einer ist“. Das kann ich letztlich nicht wissen, ich erlebe ja immer nur die eigene Wahrnehmung, die eigenen Urteile – und da ist unerforschlich viel Eigenanteil darin, Objektivität ist nicht möglich.

Aber auch das eigene Erleben zu schildern, ist problematisch. Ich gebe zu, dass ich schon mal interessiert mitlese, wenn jemand sich über das langweilig gewordene Liebesleben mit seiner Frau auslässt – aber gleichzeitig läuft mir ein Schauer über den Rücken! Ich empfinde das als eine Art Verrat, eine Illoyalität gegenüber der Intimität der Beziehung, die auch dadurch nicht „geheilt“ wird, dass so mancher das dann seiner Frau auch noch zu lesen gibt – so ganz offen und ehrlich…! Manchmal fühlen sich die Autoren in der Anonymität relativ sicher: insbesondere in den ersten Jahren des Netzes war es eher unwahrscheinlich, dass das eigene Umfeld mitliest, was man im Web so verbreitet. Das hat sich mittlerweile drastisch geändert und gelegentlich konnte ich mitbekommen, wie hart es für die Autoren manchmal war, wenn der „Clash of Cultures“ plötzlich DOCH statt fand.

Es macht dabei sicher einen Unterschied, ob der Schreibende etwas berichtet, was er auch dem „Gemeinten“ in aller Offenheit ins Gesicht sagt, oder ob es etwas ist, das dem Betroffenen ganz neu ist. Zuhause den Mund nicht aufkriegen, aber im Web jammern, klagen, schimpfen, fordern, das ist so ziemlich die unterste Stufe möglichen Verhaltens, wenn man es moralisch betrachtet – und das tue ich hier, es geht ja um „die gute Sitte“ im persönlichen Schreiben.

Doch auch wenn „nur“ geschrieben wird, was auch dem Betroffenen bekannt ist, ist es doch ein Übergriff auf dessen Leben: Er oder sie muss gewärtigen, dass nun irgend jemand aus dem Bekannten- oder Kollegenkreis haarklein darüber Bescheid weiß, was zu Hause gerade los ist – kein schöner Zustand. Es gibt vielleicht Menschen, die ganz frei mit so etwas umgehen können, aber der Normalfall ist es gewiss nicht. Eher bedeutet es eine Art mediale Vergewaltigung, das Intimleben eines anderen öffentlich zu machen. Deshalb sind dem ja auch in der Welt traditioneller Medien rechtliche Grenzen gesetzt.

Was also tun, wenn mich etwas heftig bewegt, ich aber wirklich nicht berichten kann, was los ist, ohne eine ganz bestimmte Person „öffentlich zu besprechen“? Das Thema wird erfahrungsgemäß jedes Mal in den Vordergrund drängen, wenn ich mich zum Schreiben hin setze. Ich kann beobachten, wie es „sich schreiben will“, betrachte mir das ein bisschen und lehne dankend ab. Es wird wieder kommen, doch nicht mehr in derselben Form. Die innere Schreiberin ändert ihre Methoden, man muss nur abwarten! Meist verstreicht dabei ein wenig Zeit und die ganze Konfliktlage entspannt sich: nicht nur im Schreiben-Wollen, sondern auch in der Realität. Nun finden sich auf einmal Formen, darüber zu schreiben, ohne die konkrete Person erwähnen zu müssen. Es sind abstrahiertere, verallgemeinerte Darstellungsweisen, die aber trotzdem nicht langweilig sein müssen, wenn man dicht an den eigenen Gefühlen bleibt. Bezüge zur Vergangenheit sind auch eine mögliche Form. Wenn ich – ohne Namen und Einzelheiten – über eine Beziehung, die zehn oder zwanzig Jahre her ist, schreibe, interessiert keinen Menschen mehr, WER das nun war, das Erlebte ist zum „allgemeinen Beispiel“ geworden, durchaus schreibbar.

Manchmal erübrigt sich auch die Notwendigkeit, über das aktuelle Erleben „mit dem Anderen“ zu schreiben. Schließlich geht es um mich, und ich konzentriere mich immer sehr bald auf das, was mich weiter bringt. Über das Wieder-alleine-Leben zu schreiben, ist dann zum Beispiel sehr viel nahe liegender als über die Gründe einer Trennung.

Mehr als Text

Wer sein Schreiben ernst nimmt und daraus eine regelmäßige Praxis macht, merkt schnell, dass es weit mehr ist, als nur das Produzieren mehr oder weniger lesenswerter Texte. Dieser Artikel ist zudem nur eine Annäherung: Das „Wie“ hab‘ ich angerissen, kaum noch das „Was“ und auch nicht die konkreteren Umstände und Rahmenbedingungen des Schreibens im Web. Insofern ist das gewiss nicht der letzte Beitrag zu diesem wundervollen Thema – wer mag, schaut mal wieder rein!

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Claudia am 18. Juni 2003 — Kommentare deaktiviert für Weiblich und männlich – Alles und Nichts

Weiblich und männlich – Alles und Nichts

Wenn die Schubladen verschwinden:

Wenn die Bäume sich im Getöse der „orkanartigen Bö“ ungewohnt weit zur Seite neigen, wenn der Sturm mit Knall und Geschepper Gegenstände von den Baugerüsten reißt, Staubwolken, Pappe, Blätter und herab gestürzte Äste durch die Straßen treibt, wenn der Himmel sich verdunkelt, Blitze durch die Wolken zucken, und in den Sekunden danach sich die Zeit in Erwartung des Donnergrollens regelrecht zu dehnen scheint: wenn dann manche einfach vor den Kneipen sitzen bleiben und interessiert zusehen, als liefe ein Naturfilm im Fernsehen, bis der knapp vor den eigenen Füßen zerschellende Blumenkübel aus dem 4.Stock doch aufmerken lässt – ja, dann fühl‘ ich mich seltsam glücklich!

Jetzt scheint die Sonne, nur ein paar sanfte Schönwetterwolken segeln am Horizont daher. Ein vermutlich gemeinnütziger Arbeiter gießt den frisch eingesähten Rasen rund um das neue Schachspielfeld auf dem Rudolfplatz – am kollektiven Freizeitpark wird weiter gebaut, auch in Zeiten dramatisch leerer Kassen. Schach hab ich auch mal gespielt, fällt mir da ein, Anfang 20, Regionalliga Hessen Süd: Sonntags vier bis fünf Stunden gezittert, geschwankt zwischen einer Art Mordlust und der Angst, zu verlieren, mich zu blamieren, wo sie – alles Männer! – doch sowieso dazu neigten, mich erst mal für die Bedienung zu halten. Schweißausbrüche, extreme Spannung, heiße und kalte Schauer über den Rücken, wenn der Gegner endlich den falschen Zug machte. Die Aufregung versetzte den Körper in gänzlich unbekannte Alarmzustände – ohhhhhhh, der Adrenalinrausch hatte mich fest im Griff, während Freund und Feind des eigenen und gegnerischen Vereins ums Brett herum standen und kibitzten, wie „das Mädel sich wohl schlägt“, dabei mit entsprechenden Bemerkungen nicht sparend. Als dann in allen Vereinen endlich klar war: neben der 70jährigen Frau J. gibt’s jetzt NOCH EINE FRAU, die auch nicht schlecht spielt, war dann aber bald die Luft raus. Schach war mir nur Mittel bzw. Waffe gewesen, nicht Selbstzweck. Ohne es mir ganz bewusst zu machen, kämpfte ich darum, als Frau „ernst genommen“ zu werden, und das konnte nur geschehen, indem ich die Herren der Schöpfung in ihren traditionell angestammten Domänen aufsuchte, heraus forderte und – wenn immer möglich – auch besiegte.

Kämpfen, siegen oder verlieren: meine Liebesbeziehungen waren lange Zeit Arenen einer fortlaufenden Auseinandersetzung über alles und jedes. Für Männer mit einer starken oder gar übermächtigen Mutter war ich die Richtige, um ihren eigenen Kampf weiter zu führen – so hatten beide Seiten, was sie brauchten. Nur schade, dass diese Phase so lange dauern musste! Bis Mitte dreißig währte mein ganz persönlicher Beziehungskrieg mit wechselnden Gegnern, dann hatte ich endlich geschnallt, dass das „Siegen“ gleichzeitig ein Verlieren ist. Ich hatte „meinen Mann gestanden“, um als Frau geliebt zu werden, wie absurd!

Genießen statt bekämpfen

Da ich mich nun lange schon blendend „verwirkliche“, ohne dass mir einer aufgrund seines Mann-Seins noch irgend eine Butter vom Brot nehmen könnte, kann ich’s mir mittlerweile leisten, das andere Geschlecht einfach nur zu genießen. Und zwar gerade in seiner Andersartigkeit: wenn es ums Erotische geht, liebt mein weiblicher Aspekt das Männliche im Mann. Die Polarität generiert Spannung und schlägt Funken, nicht die Gleichheit. „Als Frau“ will ich nicht diskutieren, sondern fasziniert, erobert, erkannt werden. Die erotische Ebene ist ja zum Glück KEIN Unternehmen, nicht mal ein Familienbetrieb: nicht aus dem Verstand zu gestalten und zu „bespielen“, sondern aus Gefühl und Intuition.

Gelegentlich ecke ich mit solchen Äußerungen an. Zum Beispiel wehren sich viele Frauen dagegen, bestimmte Eigenschaften dem einen oder anderen Geschlecht zuzuschreiben. Ihre feministische Seite fühlt sich verletzt, wenn ich „althergebrachte“ Zuordnungen benutze, etwa Sanftheit, Weichheit, Launenhaftigkeit dem Weiblichen zuordne. Natürlich haben sie auf eine Weise recht: auch in Männern leben diese Eigenschaften, genau wie mir – physisch und im Ausweis ohne Zweifel weiblich – auch Härte, Durchsetzungsvermögen und Konsequenz zu Gebote stehen. Wir sind eben potenziell ALLES, und gerade dieses Wissen sollte uns in die Lage versetzen, das Spiel mit den Unterschieden, die nichts als unterschiedliche, manchmal jahrtausende-alte Schwerpunktsetzungen und Ausprägungen sind, zu genießen. Die Eigenschaften, die sich jeweils nach außen zeigen, sind ja nicht etwa die einzig vorhandenen, sondern finden ihre Entsprechung, ihren Gegenpart im Inneren – UND im Anderen, im andersgeschlechtlichen Gegenüber. Wie wunderbar!

Das Selbst nicht definieren

Dass es als wunderbar erlebt werden kann, setzt allerdings ein Selbstverständnis, ein Selbst-BEWUSSTSEIN voraus, das von Definitionen völlig absieht. Wenn ich auf die Frage „Wer bin ich?“ einfach nur mit „weiblich“ antworte und es damit bewenden lasse, dann habe ich ein Problem. Dann muss „frau“ tatsächlich GLEICH sein, muss in jeder Hinsicht ebenso geartet sein wie Mann, denn nur so lässt sich Gleich-Berechtigung rational begründen – und diese ist unverzichtbar, schließlich geht es im Leben nicht nur um Liebe und Erotik, sondern auch um die weltliche Macht.

Tatsache ist aber: ich bin nicht „nur“ weiblich. Es gibt auch meinen männlichen Aspekt, der ist sogar recht ausgeprägt. Ein anderer Teil bleibt immer und ewig Kind, „zuständig“ für eine ganze Welt aus Spaß, Freude und Spontaneität, die allen verloren geht, die dieses innere Kind einkerkern und es nicht mal kennen wollen. All diese Aspekte können mal im Vordergrund stehen, mal sind sie eher versteckt – und alle können Beziehungen dominieren: meine männliche Seite kann in Beziehung zu einem Mann stehen, der vor allem seine weibliche Seite nach außen lebt – in der Regel wird das aber keine sexuelle Beziehung sein, denn dafür muss (zumindest bisher), meine „innere Frau“ sich angesprochen fühlen. Um meine Rechte, um das nicht zu vergessen, kümmere ich mich nicht „als Frau“, sondern als Bürgerin, die sich gegen jede Diskriminierung ganz selbstverständlich zur Wehr setzt, öffentlich und wenn’s sein muß auch ganz privat – wobei mir langsam die Diskriminierung „wegen Alter“ brisanter erscheint als die „als Frau“. (Nicht hauptsächlich Frauen werden entlassen bzw. früh verrentet, sondern tendenziell alle über 50!)

Frau, Mann, Kind, nicht zu vergessen die/der ALTE WEISE, ein Aspekt, der in späten Lebensjahren nach außen tritt, aber in gewisser Weise immer schon da ist: ich bin sie alle, aber damit ist noch lange nicht ALLES genannt. Es ist unmöglich, „alles“ aufzuzählen und betrachtend vor sich hin zu stellen, weil wir es eben SIND.

Zu mystisch?? Dann denk mal an dein Lieblingstier. Ist es ein Hund? Oder magst du Katzen besonders gern? Schwingst dich vielleicht gar mit den Raubvögeln in die Lüfte? WARUM glaubst du, liebst du dieses Tier so? Ist es nicht einem Teil von dir unglaublich nah? Dieser Teil WEISS, wie und was dieses Tier ist, es fühlt mit ihm, kann seine Sprache, sein Verhalten in jedem Augenblick verstehen – warum?

Ich weiß nicht, wie du diese Frage beantwortest, ob du dem überhaupt je nachgespürt hast. Spätestens, wenn wir im Zoo den Affen ein Weilchen zusehen, ergreift dich vielleicht auch das Bewusstsein, das ich hier meine: DAS sind wir AUCH!

Hetero – und sonst gar nichts?

All die Seinsaspekte, die ich so schon als Aspekte des „Ich bin….“ kennen gelernt habe, sind nun üblicherweise auch schon gleich wieder „zu Tode definiert“. Zum Beispiel: Ich bin Frau – und hetero-sexuell. Ehrlich gesagt hab ich diese Überzeugung nicht selbst entwickelt. In meinem Umfeld schien es „normal“, hetero zu sein, also war ich es auch. Kam gar nicht erst auf die Idee, Frauen als erotische Wesen anzusehen – ich meine damit nicht „für möglich zu halten“, sondern wirklich persönlich HINZUSEHEN: ihr Lächeln, ihre Haare, ihre Figur… Weil ich immer nur Männer aus diesem erotischen Blickwinkel betrachtete, hatte ich natürlich nie eine gleichgeschlechtliche Beziehung und war umso überzeugter: ich bin heterosexuell, und zwar ausschließlich.

Wer jetzt glaubt, ich hätte gerade die Frau meines Lebens getroffen und fühlte mich deshalb genötigt, meine Lebensphilosophie umzuschreiben, irrt. Es verhält sich eher anders herum: umstellt von Definitionen und Vorgaben, wie man/frau zu sein und zu leben, zu empfinden und zu denken habe, bleibt irgendwann nichts anderes mehr übrig, als all das nicht mehr zu glauben. Sämtliche Konkretisierungen, die auf „Ich bin…“ folgen, sind mir suspekt geworden. Allesamt stehen sie zur Überprüfung an, sind keinesfalls mehr in Stein gemeißelt, sondern geben sich als bloße Programme zu erkennen. Programme, die dazu neigen, den Arbeitspeicher zu verstopfen, auch dann, wenn ich sie gerade nicht benötige.

Seit ich in diesem Sinne nichts mehr glaube, wird auch die Welt, in der ich lebe, zunehmend „undefiniert“. Ich erkenne und ERLEBE, dass die Selbstdefinitionen meine Erfahrung erzeugt, geformt und ausgestaltet haben – sobald ich an der jeweiligen Definition nicht mehr klebe, sie gar in Frage stelle (also beobachtend frage: Ist das wirklich so? NUR so?), eröffnet sich mir auch „der ganze große Rest“ als eigene Möglichkeit: Auch DAS bin ich, bzw. kann ich sein – wenn ich es wähle, ihm Aufmerksamkeit schenke, meine Energie in die neue Richtung lenke.

Himmel noch mal! So hier hingeschrieben hört sich das wunderbar an und das ist es auch. Allerdings fühl ich mich angesichts der vielen Möglichkeiten und Potenziale, die sich mir plötzlich zeigen und immer noch weiter zunehmen, zeitweise etwas desorientiert: Wenn ich so vieles SEIN kann und tatsächlich auch erleben – was WILL ich denn eigentlich? Es ist vergleichsweise leicht, in einer Welt der Schubladen und „Gegebenheiten“ gegen Widerstände zu kämpfen. Kein Problem, sich irgendwie „bei den Guten“ zu fühlen oder den Weg des geringsten Widerstands zu einem ganz bestimmten persönlichen Ziel zu finden. Was aber, wenn „gut“ und „böse“ mitsamt der „Persönlichkeit“ sich im Nebel des Alles & Nichts auflösen? Will ich Heilige oder Hure, Unternehmerin oder Künstlerin, Initiatorin sozialer Netze oder Seelen-Coach für Einzelne sein – oder vielleicht doch lieber ganz „Schreibende“?

Oh, was für Fragen! Überlegen lächelnd rufe ich mir zu: Hey, das ist ein Scheinproblem! Dein Kopf macht sich wieder mal allzu selbständig, die Dinge ergeben sich, wenn es so weit ist, ganz von selbst. Jeder Tag hat seine Erfordernisse. Folge einfach den Impulsen, gib dein Bestes. Iss, wenn du hungrig bist, verteile Wasser, wenn jemand Durst hat und vergiss das sprichwörtliche Holzhacken nicht!

Klar doch. Das sag ich mir dauernd. Was auch sonst. Wenn sich etwas Neues ergeben sollte, gibt’s dann die Fortsetzung. Das Diary lass ich jedenfalls nicht im Nebel verschwinden.

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Claudia am 07. Juni 2003 — Kommentare deaktiviert für Matrix reloaded, Ratio gecancelt

Matrix reloaded, Ratio gecancelt

Matrix Reloaded – diesen Film wollte ich nicht auslassen. Egal, was er ansonsten noch bieten oder vermissen lassen würde: der Augenschmaus der neuesten Computeranimationskünste lockte mich, noch dazu in einer Rahmenhandlung, die den Geist vielleicht nicht gerade fordern, aber doch auch nicht allzu sehr beleidigen würde.

Also los. Ein Bezirkskino am Treptower Park garantierte entspannten Filmgenuss – je älter ich werde, desto weniger mag ich es, wenn „die Massen strömen“, man sich in langen Schlangen anstellen muss, beim Sitzen die Ellenbogen der Nachbarn spürt und der Geruch von Popkorn, Schweiß und zig Sorten Deo-Spray oder Haargel in die Nase zieht.

Je älter ich werde, das merk‘ ich auch schon seit Jahren, umso weniger verschwinde ich in den Filmen: das Eintauchen in die Handlung, die Identifizierung mit den Personen und ihren Zielen ist kaum mehr vorhanden. Bei guten Filmen macht das wenig aus, andere Genüsse treten in den Vordergrund und wiegen den Verlust mehr als auf. Auch bei „Matrix Reloaded“?

Ja. Das Spektakel für die Augen ist erwartungsgemäß beeindruckend. Es amüsiert mich insbesondere, zu bemerken, wie die „Ausstattung“, also die Umwelten, in denen die Handlung spielt, nicht so sehr von Story-Schreibern erdacht zu sein scheint, sondern sich von den aktuellen Möglichkeiten des „3-D-Rendering“ ableitet: als Computer als grafische Werkzeuge gerade erst entdeckt waren, erschien die jetzt mögliche Vollkommenheit glatter Formen und Flächen als das Neue, das NonPlusUltra – die „Zukünfte“ erstrahlten in kalter, technoider Eleganz, aseptisch, unorganisch, und niemals erinnerten sie an das lang vergangene Zeitalter der Mechanik. Man drückte auf Knöpfchen oder sprach in einen Kommunikator, die „Maschinen“ walteten im verborgenen, ganz wie in einem modernen Bürogebäude.

Das ist vorbei! Seit es möglich ist, organische Formen und „unregelmäßig“ gemusterte Flächen darzustellen, sind die Welten wieder geradezu mittelalterlich-mechanisch, voller Rost und Abnutzungserscheinungen, Rohre und Zahnräder, zusammen genietete Altmetalle, die Raumschiffe in Schrotthaufen-Optik – toll!

Und der Inhalt? Die Kunst, Weltmythen ins Bild zu setzen, braucht die Askese des Verstands, den Verzicht darauf, allzu klare Bedeutungen vorzugeben, denn das würde die Möglichkeit jedes Einzelnen beschränken, die je eigenen Interpretationen hinein zu legen. Hinzu kommt, dass der Film überdeutlich als Teil einer größeren Verwertungskette auftritt – wer mehr wissen will, soll sich den ersten Teil, den letzten Teil, die DVD und das Video mit den Interpretationen weiterer Filmemacher und Designer zulegen – und natürlich das Computerspiel erwerben, denn „noch nie griffen Movie & Spiel so perfekt ineinander“.

Ja, das tun sie, nicht unbedingt nur zum Vorteil des Films. Aber egal: der „Content“, der geliefert wird, beeindruckt durch seine Ebenen-Gewichtung: die Rede von Morpheus an die Gemeinde von Zion, das Gespräch mit dem Orakel, die Welterklärungen des „Architekten“ – alles, was das mentale Denken anspricht, passt gut in die Länge eines Diary-Beitrags. Der große Rest spricht andere Ebenen an. Und das nicht einfach nur so, ohne Kommentar, nein, es wird auch in der „Handlung“ thematisiert, geradezu gefordert. Ein beispielhaftes Ineinander-Greifen von Form und Inhalt! Immer wieder mutet mich so etwas an, als betätige sich Hollywood ganz bewusst auf der Ebene des kollektiven Unterbewusstseins: hier geht es darum, die Dominanz des „rechnenden Denkens“, des logischen Verstandes, die im 20. Jahrhundert alles andere überwuchert hat, zurück zu schneiden. Andere Seinsaspekte werden in den Fokus der Aufmerksamkeit gestellt, der Kopf vom „Grübeln“, vom endlosen Wägen und Bedenken tragen entlastet. Das erschöpft sich nicht im Kampf gegen die Maschinen, die man als Metapher für das lebensfeindlich ausgewucherte „rechnende Denken“ verstehen kann, es geht auch explizit um die innere Einstellung der Akteure: nicht aus der Analyse eines Problems beziehen sie ihre handlungsleitenden Anstöße, sondern aus dem Glauben, aus dem Herzen, aus der Intuition.

…du hast dich schon entschieden!

Um dies zu vermitteln, wird doch tatsächlich die derzeit spirituell herrschende „letzte Wahrheit“ vieler, die nicht mehr magisch-religiösen Systemen folgen wollen, eingeflochten: „Entscheidung ist nur eine Illusion, entstanden zwischen den Menschen mit und ohne Macht“. Oder auch „Du HAST dich schon entschieden, es geht nur noch darum, deine Entscheidung zu verstehen!“. Die Bezüge zu den Lehren der Satsang-Bewegung ist unübersehbar: Da ist niemand, der entscheidet. Handlungen geschehen – WER handelt? Als dann Neo zu wählen hat zwischen seiner eigentlichen Aufgabe (Zion zu retten) und seiner Freundin, wenn dabei auch die Menschheit untergehen mag, spürt er in sich hinein und „wählt“ Letzteres. Er KANN erst in dem Moment handeln und die entsprechende Tür nehmen, als man ihm sagt: Du HAST dich doch schon entschieden!!!

Jenseits der Frage, wie die Filmemacher dies meinen, wird mir auf einmal klarer, WAS der „Trick“ dieser Weisungen ist: Erst die Aussage „du hast schon entschieden“ entlastet das Individuum vom eingravierten und angelernten „How-To“ in Sachen: „Was tu ich jetzt?“. Erst durch das Beiseite-Lassen der Verstandes-Ebene tritt der Rest der großen Landschaft des „Selbst“ wieder ins Licht des Bewusstseins. Das einzig legitime und gerechtfertigte Herangehen an „Probleme“ ist nämlich immer noch das „informieren, analysieren, abwägen, berechnen, entscheiden und dann handeln“. Das funktioniert ja auch, soweit es darum geht, die Maschinen, Apparate und Programme der technischen Zivilisation zu erschaffen und am Funktionieren zu halten – aber ist das alles, wofür wir leben??? Umgibt uns nicht mittlerweile ein stählernes Gestell aus vorgegebenen Formen und Regeln, Traditionen und Gewohnheiten, Verhaltens- und Erlebensweisen? Alle rational begründet, sehr „verständlich“ und zwingend, wenn man sie hinterfragt? Aber ist das nicht eine Einbahnstraße, in deren Verlauf wir alles und jedes kalkulieren, auch den Wert der einzelnen Leben? In der wir sogar die „Investitionen“ an Gefühl und Aufmerksamkeit in Beziehungen gegen den Nutzwert abwägen, den sie uns bringen? In der wir vergessen, dass wir arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt?

Schon das Wort „irrational“ ist nur abwertend und diskriminierend in Gebrauch. Der rationale Verstand ist vom Diener zum Herrscher geworden und negiert alles andere, ja, er versucht sich an der vollständigen Vernichtung aller nicht maschinenhaften (nicht operational „begründbaren“) Selbst-Anteile. Alles nicht Rationale soll bis in die eigene Innenschau hinein als zu verdrängende Altlast gesehen werden. Es wird dann tasächlich „vergessen“, gar nicht mehr wahr-genommen, aus der „Wirklichkeit“ aussortiert. Und so leben dann unzählige Menschen ein Schmalspurleben: wollen immer nur „abgesichert“ handeln, nicht anecken, Ansprüchen genügen, Funktionen erfüllen und dafür anerkannt werden. Und können sich keinen Reim darauf machen, warum es ihnen „trotzdem“ beschissen geht; Ängste, Süchte, innere Unsicherheit, überdruß, Selbstverachtung – und Wut und Groll nach außen auf die „übermächtigen Mächte“, die einen vermeintlich zwingen, SO zu sein, so sterbenselend vernünftig.

Anders die Helden in „Matrix“: die innere Gewissheit, aus der heraus Morpheus seine Rede an Zion am Vorabend des erwarteten letzten Angriffs der übermächtigen Maschinen hält, ist durch „Informationen“ nicht zu erschüttern. Es ist kein ganz so simpler Glaube, wie ihn die „biblischen“ Anspielungen nahe legen, das wird im Zuge der Rede deutlich: Nicht, weil das „Volk von Zion“ irgendwo hin will, oder aus seinem „Herkommen“ einen wie immer gearteten Auftrag bezieht, soll dem Angriff mutig entgegen getreten werden. Sondern „weil wir noch da sind“. Dieses Dasein „Hier-Jetzt“ wird im Anschluss an die motivierende Rede dann auch im spontanen Tanz der Menge gefeiert – kein dumpf-agressiver Kriegstanz, trotz Trommeln, sondern ekstatische Lust! Direkt in diese Szenen hinein geschnitten vereinigt sich Neo, der Außerwählte, in unverstellt erotischen Szenen mit seiner Geliebten – und sie sehen sich „dabei“ sogar in die Augen!

Der Verwurzelung des Herzens im Augenblick hält auch dann noch, als die „große Erzählung“, die für die Verstandesebene des Glaubens noch gebraucht wurde, zusammen bricht: die Prophezeiung entpuppt sich als Märchen – ein Schlag für die Helden, aber kein Grund, zu verzweifeln. Die Liebe hält sie in Bewegung, lässt sie den Forderungen des „Jetzt“ mutig entgegen treten. Wie es weiter geht, wird der dritte Teil zeigen.

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Claudia am 28. Mai 2003 — Kommentare deaktiviert für Schreibzeit: ein ganz normaler Tag

Schreibzeit: ein ganz normaler Tag

Wenn ich morgens den Computer anschalte und, während er hochfährt, in der Küche den Kaffee aufsetze, ist der Geist noch klar, geradezu LEER – allenfalls spüre ich einen kleinen, freudig-neugierigen Sog in Richtung „Cockpit“. Dann, angekommen auf dem Stuhl vor dem Monitor, schau ich auch aus dem Fenster zur „Real World“, genieße den Blick auf viel Himmel, die grünen Bäume und den besonnten Kinderspielplatz. In einem Raum ohne gute Sicht nach draußen könnte ich mich nicht wohl fühlen, das hab‘ ich für mich heraus gefunden. Eigentlich verwunderlich, denn all meine Aktivitäten, mal abgesehen vom Einkaufen, Spazieren gehen und Freunde treffen, finden im „Raum hinter dem Monitor“ statt.

Und nun geht’s also los. Ich rufe die Mails aus vier Mailboxen ab, darunter die völlig im SPAM versunkene klinger@snafu.de. Hier bekomme ich einen ersten Eindruck von der „Problemlage des Tages“: heute etwa sind noch gar keine „Penis Enlargement“-Mails darunter, dafür mehr „Anti-Aging-Miracles“ und zunehmend auch „Keep SPAM out!“-Ratschläge. Pro Tag trudeln auf diesem Account etwa 60 bis 100 Werbemails ein, die ich sofort löschen muss, denn sonst find‘ ich nicht mehr durch. Hab‘ schon daran gedacht, Wissenschaftlern den Bezug dieser täglichen Horror-Auswahl zu Forschungszwecken anzubieten: Wer hat schon eine Mailadresse, die seit 1996 überall im Web gepostet und frei verteilt wurde???

4 Mailboxen, 22 Listen, 40 Server – und was JETZT?

Nun ja, nicht jede Idee ist kommerziell vielversprechend! :-) Als nächstes kommen die Listenmails aus 22 Mailinglisten. Automatisch sortieren sie sich in ihre je eigenen Ordner, die ich gelegentlich „aufsuche“ wie niemals endende Tagungen, in die man mal reinschauen kann, wenn Zeit ist. Immer gibt es „Lieblingslisten“, also die zwei, drei, in denen ich gelegentlich selber schreibe. Zur Zeit ist das die Ab40-Frauenliste, die Ken-Wilber-Mailingliste, und – aus alter Anhänglichkeit – die Liste Netzliteratur, wo fast über alles geredet werden kann, nur Mails zum Thema finden wenig Resonanz. Der große Rest meines umfangreichen Listenwesens sind Fach-Listen: I-Worker, CSS-Design, Texttreff, Webgrrls und ähnliche Zirkel, im wesentlichen dafür da, fortlaufende Weiterbildung zu ermöglichen, Fragen zu stellen und Antworten zu geben, die sich aus der täglichen Arbeit ergeben.

Diese mittlerweile unverzichtbare „Arbeitsstruktur“ mutet mich manchmal wie ein virtuelles Großraumbüro an, in das ich etwa hinein rufe: „Hey, warum klappt diese Spalte jetzt nach unten weg, anstatt sich brav oben rechts zu positionieren?“ Meistens gibt’s schon sehr bald Antworten. Eine schnellere Methode, sich neues technisches Wissen anzueignen und mit den ersten Anwendungsproblemen auseinander zu setzen, ist kaum denkbar: erst ein paar einschlägige (in Listen erfragte oder per Google gefundene) Webseiten zum Thema lesen, dann mit der Umsetzung beginnen und bei Problemen nachfragen. All das geht nicht nur weit schneller, sondern ist immer auch aktueller und praxistauglicher als alles, was als Buch oder gedrucktes Magazin mit ihren langen Herstellungszeiträumen zu haben ist.

Nachdem SPAM und Mailinglisten eingetrudelt bzw. gelöscht sind, bleiben die wenigen, an mich persönlich gerichteten Mails zur Sichtung übrig. Freunde und Mitarbeiter aus verschiedenen Projekten, manchmal ein Diary-Leser mit einem eher „philosophischen“ Anliegen (die liebe ich!), natürlich meine Auftraggeber, meist mit kleineren Arbeitsaufträgen oder Nachfragen, und dann noch ein paar selbst bestellte Newsletter.

An der Stelle halte ich meist inne und frage mich: Was jetzt? Das Befassen mit den an mich gerichteten Mails bedeutet den „richtigen Einstieg in die Tagesarbeit“ – will ich das schon? Oder will ich mir erst noch ein wenig Besinnlichkeit gönnen, ein bisschen in den Listen stöbern, eine Antwort schreiben, vielleicht mal wieder einen Diary-Beitrag verfassen? Auch persönliche Dialoge können mich richtig beschäftigen, es laufen selten mehr als zwei, drei auf einmal, echte Gespräche über tiefere Themen, die mich locker für ein bis zwei Stunden von allem anderen abziehen können – natürlich nicht jeden Tag und meist erst zu späterer Stunde! Das geistig-emotionale Befassungspotenzial ist in dieser Hinsicht begrenzt, das ist mir aufgrund jahrelanger Erfahrung sehr bewusst. Meine Liebesfähigkeit wird durch das Netz eben NICHT vermehrt oder irgendwie beschleunigt. Und ja: für mich ist ein umfassendes Gespräch in aller Offenheit (nur diese schätze ich wirklich!) eine Form der Liebe.

Lieben, plaudern, arbeiten?

Will ich jetzt also lieben, plaudern, mich besinnen, lernen oder arbeiten? Nicht nur morgens, sondern jedes Mal, wenn ich Mail abrufe, stellt sich diese Frage „im Prinzip“ neu. Es kann sich jeder denken, dass Probleme mit der Selbstdisziplin mir nicht unbekannt sind! Es kann schon mal Nachmittag werden, bis ich mir einen inneren Ruck gebe und mich frage: Was will ich eigentlich heute noch SCHAFFEN? Dass das nicht wirklich zum Problem wird, liegt daran, dass ich auch im beiläufigen Tun, das einfach dem Fluss der Impulse folgt, etliches von dem „schaffe“, was anliegt. Es erscheint mir gar nicht erst als Arbeit. Meine Kunden sind in aller Regel nicht von meinem täglichen Chaos betroffen, sondern werden SOFORT bedient, wenn sie einen AKUTEN Bedarf haben – da muss ich gar nicht erst überlegen, insofern gibt’s da auch kein Konzentrationsproblem.

Anders meine ureigenen Vorhaben und Projekte: die stehen in ständiger Konkurrenz zu dem, was „von außen“ kommt, ich muss immer wieder neu darauf achten, eine Balance zwischen Agieren und Reagieren, zwischen Erschaffen und abarbeiten & pflegen hinzubekommen. Nicht immer leicht! Mal häng ich „am Draht“ wie das Kaninchen vor der Schlange, manchmal ignoriere ich die Mailwelt einen ganzen Tag, weil etwas Eigenes die ganze Konzentration braucht. Zum Glück liege ich meist in der Mitte zwischen den Extremen.

Mittags Real Life

Um die Mittagszeit, das kann um zwölf, manchmal erst um zwei sein, ruft sich „Real World“ in Erinnerung. Der Mensch lebt nicht vom Monitor allen, ein Break ist angesagt. Vielleicht mal kurz zum Bäcker oder ins Lädchen gegenüber (Milch, Tabak, Mineralwasser kaufen), den physischen Briefkasten leeren (Tageszeitung, Behördenbriefe, Werbung) und dann ein Imbiss – dafür wechsle ich in die Küche, Südseite, sehr sonnig, und während ich esse, lese ich die Berliner Zeitung, wohl wissend, dass das etwas ist, was MAN nicht tun sollte, denn: „Wenn ich esse, dann esse ich!“ Nun ja, ich hab meist einfach keine Lust auf Ess-Meditation, sondern will lieber das bisschen Wir-Gefühl, dass über die Lokalzeitung kommt, noch eben mitnehmen, bevor ich mich wieder der völlig ortlosen Netzwelt zuwende. Manchmal leg‘ ich mich dann noch eine halbe Stunde hin – mittags zu dösen ist wirklich wunderbar!

Doch schon bald „sitze“ ich wieder: Verschränkt mit der Mail-Ebene der großen und kleinen Gespräche, erstreckt sich mein virtuelles Dasein auf eine ziemlich vielfältige Webseitenlandschaft: eigene Seiten, gemeinsame Projekte und neue und alte Kunden-Sites. Interessehalber hab ich grad mal gezählt: 40 Serverzugänge haben sich in meinem FTP-Programm angesammelt, da muss ich auch mal wieder aufräumen! Immer ist irgendwo etwas zu tun, meist nicht besonders dringend, aber es addiert sich, wenn ich nicht aufpasse. Das „Zersplitterungspotenzial“, das die Pflege von Webseiten mit sich bringt, ist erheblich – gerade deshalb biete ich meine Kunden Pflege nicht offensiv an, doch mach ich natürlich alles, was gebraucht und gewollt wird und gelegentlich auch noch etwas mehr: wenn es sich z.B. um Dinge handelt, von denen sie gar nichts wissen, von denen sie aber gefährdet werden können, wenn sich niemand kümmert.

Routine gesucht

Und abends dann? Als ich noch zu zweit wohnte, hatte ich mir angewöhnt, meinen Arbeitstag am Monitor etwa um 18 Uhr zu beenden, zu kochen, gemeinsam zu essen und dann zumindest Abend- und Tagesschau anzusehen. Das ist weggefallen, seit ich alleine bin und noch ist es mir nicht geglückt, eine neue Routine zu finden. Manchmal geh ich ins Fitness-Center und in die Sauna, gelegentlich noch ein paar Schritte durchs Kiez. Ohne dafür großen Aufwand zu treiben, koch‘ ich mir was, beobachte mit Sorge einen gewissen Hang zu Fertigsuppen und Pizzas, telefoniere auch mal, wenn ich Lust auf eine menschliche Stimme verspüre. Da ich den Radiorecorder, den ich mir zugelegt habe, tatsächlich nur benutze, wenn mal ein Gast da ist, hab‘ ich mir auch keinen Fernseher angeschafft. Ich glaub nicht dran, dass ich mich wirklich davor setzen würde und will das eigentlich auch nicht. Eine Glotze im Leben reicht völlig aus, und wenn in der Welt etwas passiert, von dem ich wirklich wissen muss, ruft mich sowieso jemand an und sagt: Hast du mitgekriegt, dass..?

So kommt es, dass ich derzeit auch die meisten Abende am Compi verbringe – und gern! Das „ich sollte arbeiten-Gefühl“ ist dann weg und ich kann mich dem Besinnlichen oder Kreativen zuwenden. Mal wieder in den unendlichen Weiten nach Themen stöbern, die nicht „automatisch“ tagsüber in mein Bewusstsein treten, in meine Lieblingslisten schauen, ein gutes Gespräch weiter schreiben, Webseiten oder Foren von Freunden aufsuchen. Neulich hab ich mir auch mal einen Adult-Check geleistet und kann damit nun auch die mittlerweile gut abgeschotteten erotischen Seiten der Netzwelt erforschen – zu Beginn interessant, aber natürlich ist es bald wie überall: ein paar Sites, die ich gelegentlich wieder aufsuchen werde, der große Rest versinkt in der Beliebigkeit des immer gleichen Einerlei.

Alles super – oder wie?

Ein ganz normaler Tag – ist es das, was ich will? Fehlt mir ‚was? Stört etwas? Ich treibe nicht nur so dahin, sondern frage mich das tatsächlich oft. Noch nie im Leben bin ich lange bei dem geblieben, was mir nur „suboptimal“ vorkam. Würde mir nicht gefallen, was ich täglich erlebe, wäre ich längst schon anderswo, würde anders arbeiten, säße vielleicht mit anderen in einem gemeinsamen Büro, würde herum reisen, viel ausgehen, Kultur konsumieren – aber nein, all das reizt mich nicht. Ich bin DA, wo ich sein will und bin DAS, was ich sein will – sehr statisch, was den physischen Ort angeht, doch wunderbar frei und multidimensional, was das Sein betrifft, jeden Tag anders und neu.

Also alles super? Nicht doch: Ich sitze deutlich zuviel vor dem Monitor und leider ist der menschliche Körper nicht direkt für diese Art des In-der-Welt-Seins entwickelt. Das merke ich – und es ist kein Spass! Jetzt zum Beispiel reicht es wirklich, Mittagspause ist heut „wegen Diary“ ausgefallen – ich MUSS jetzt einfach aufstehen und irgend etwas anderes tun. Dieses „Andere“ zu finden, fällt mir nicht immer leicht. Aber na ja, ich arbeite dran… :-)

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Claudia am 14. Mai 2003 — Kommentare deaktiviert für Wille und Wahrheit: Die „Matschbirne“ erkennen

Wille und Wahrheit: Die „Matschbirne“ erkennen

Wie funktioniert der „freie Wille“? Wo kommt er her, wie kann er wachsen und was lässt ihn verschwinden? Ich frage nicht, „was IST der freie Wille?“, beziehe mich nicht auf die philosophische Endlos-Diskussion, ob ein Wille überhaupt frei sein kann oder nicht. Meine Frage richtet sich auf den Willen schlechthin: das Wort „frei“ benutze ich nur, um ihn von unfreiem Wollen zu unterscheiden. Was das ist, weiß jeder: das Streben nach Macht, Besitz, Anerkennung, Liebe ist uns irgendwie mitgegeben, es ist da, ohne dass wir es wählen, allenfalls können wir uns in gewissen Grenzen im Lauf des Lebens davon frei machen – zum Beispiel aufgrund von Erfahrungen, insbesondere Erfolgen. Wenn ich immer wieder erreiche, was ich „will“ und dann feststellen muss, dass es mich nicht glücklich macht, sondern nur der nächste Wunsch ins Rampenlicht tritt, dann erwischt mich irgendwann das Aha-Erlebnis: DAS ist es offensichtlich nicht! Und das einschlägige Wollen und Streben stirbt ab, ganz ohne Anstrengung und Indoktrination von außen.

Was aber dann? Mein eigenes Wollen reicht seit langem nur noch dahin, meinen Lebensunterhalt auf bescheidenem Niveau zu gewährleisten, meine Arbeit so zu gestalten, dass sie mir Freude macht und mich nicht nervt. Zudem habe ich gelernt, förderliche und freudvolle Beziehungen zu Mitmenschen zu pflegen und schädigende Verstrickungen gar nicht erst wachsen zu lassen. Es geht mir gut, und zwar sowohl von der Warte des eigenen Daseins-Gefühls aus betrachtet, als auch im Vergleich zu unzähligen Menschen, die ich mitbekomme, deren Innenraum gefüllt ist mit Ängsten, Agressionen, Mangelgefühlen und vielem mehr.

Und doch kann ich nicht sagen, dass ich „zufrieden“ bin. Oberflächlich betrachtet schon, aber untergründig ist da immer ein kleiner Stachel, der sich mal mehr, mal weniger spürbar zeigt. Eine leise Stimme, die zu mir sagt: Das ist doch nicht alles! Du kannst doch nicht mit 48 psychospirituell in Rente gehen! Was ist mit deinen Fähigkeiten, deiner Kreativität, deiner Kraft? Du lebst weit unterhalb deiner Möglichkeiten, schöpfst deine Potenziale nicht aus, hängst zufrieden herum und fängst mit deiner persönlichen Freiheit eigentlich nichts an. Gehört denn alles, was du erworben und entwickelt hast, dir? Reicht es, ein angenehmes und stressfreies Leben zu führen? Was hat die Welt davon?

Den Stau wahrnehmen

Bei der letzten Frage „Was hat die Welt davon?“ könnte man glauben, es gehe um Moral, um die Pflicht, den Kriegsdienst an der Realitätsfront im Geiste der Aufopferung abzuleisten. Das ist es aber nicht, ich fühle es nicht als Forderung, die Welt auf meinen Schultern zu tragen und mich in irgendwelchen Kämpfen aufzureiben, weil das nun mal jeder tun soll, damit die Gesellschaft prosperiert. Nein, es ist mehr ein Gefühl mangelnden Austauschs, als wäre der Fluss meines Aktiv-Potenzials irgendwie gestaut – und immer, wenn ich mich zurücklehne und meine Gelassenheit feiere, spüre ich diesen Stau, spüre, dass da etwas nicht stimmt.

Wenn ich über längere Zeit denselben Aspekt als „unstimmig“ empfinde, aber so gar nicht „von selber“ darauf komme, was da eigentlich los ist und wie ich etwas ändern könnte, dann werde ich wieder offener für Anregungen von außen. Allerdings müssen es Inhalte sein, die schon irgendwie nah an meinem Thema sind. Derzeit hätte ich gar nichts davon, etwa noch weiter spirituelle Texte zu lesen, die Gelassenheit und Selbstbeobachtung, Meditation und Loslassen predigen. Mein inneres Gefühl sagt mir, dass ich genau in die andere Richtung will – zwar auf einem neuen Niveau, nicht mehr in der unbewussten und extremen Art, wie ich in der ersten Lebenshälfte versuchte, die Welt und mich selbst durch überaktives Herumwurschteln zu beglücken, aber doch in Richtung HANDELN, mich einlassen, verpflichten, fordern – auch auf die Gefahr hin, an die Grenzen meiner Kraft und meiner Fähigkeiten zu kommen. Schon dass ich das „Gefahr“ nenne, ist ein Zeichen des „Problems“!

An die Grenze gehen

Eine Yoga-Übung zelebriert, wie es „richtig“ wäre: Man nimmt langsam und bewusst eine ungewöhnliche Körperhaltung ein und geht an die Grenze des Möglichen, die gleichzeitig die Grenze zum Schmerz ist – nicht aber darüber hinaus. Dort verharrt man, solange es geht und schaut sich an, was das im Körper, in den Gefühlen und Gedanken bewirkt. Dann lässt man ebenso langsam los und entspannt sich wieder, nun beobachtend, was die Übung für weitere Wirkungen entfaltet.

Im Leben tu ich das nicht, lange schon nicht. Ich gehe NICHT an die Grenze der Möglichkeiten, geschweige denn an die des Schmerzes. Wenn sich die Gelegenheit zeigt – und das Leben ist immer voller Gelegenheiten – frage ich mich: „Wozu denn? Mir geht’s doch gut, was will ich denn noch? Es gibt doch nichts zu erreichen!“. Das ist, so seh‘ ich es jetzt, ein klarer Fall von spiritueller Matschbirne. Diese Gedanken sind nicht Weisheit, sondern kaschieren und rationalisieren einen Fehler, eine Unstimmigkeit, irgend eine Altlast, die mich behindert und einschränkt, ohne dass ich sie schon genau sehen könnte.

Ein erstes Aha-Erlebnis verschaffte mir ein Buch über „Techniken zur Erforschung des Bewusstseins“, dessen Arbeitsbögen zur Erhebung eines Persönlichkeitsprofils ich einfach mal ausfüllte, ohne noch die Texte dazu zu lesen. Zwei hintereinander stehende Fragen und meine ohne Zögern gegebenen Antworten ließen mich stutzen:

Frage:
Welchen Abschnitt deines Lebens hältst du für den besten? Weshalb?

Antwort:
Mitte dreißig, die Zeit nach meiner „Befreiung vom Alkohol“ – weil ich da entdeckt habe, dass alles „von selber“ geht und nicht von mir „gemacht“ werden muss.

Frage:
Welche Aspekte deines gegenwärtigen Ichs magst du am wenigsten?
Antwort:
Entschlusslosigkeit und Ziellosigkeit, Zerstreutheit und Unkonzentriertheit, physische Beschwerden am rechten Arm und Bein (=Schäden von zu vielem Sitzen).

Das hat mich ein bisschen wach gemacht! Die wunderbare Wende in meinem Leben, von der ich noch heute zehre, hat mir Erkenntnisse und Weisheiten vermittelt, die für mich über allem anderen stehen, da sie selbst gefunden, selbst erlebt sind, nicht von außen vermittelt. Auch nicht in einer Umkehrung angenommen, wie man etwa als junger Mensch GEGEN das ist, was von den Eltern oder der Gesellschaft an Wahrheiten tradiert wird. Es war wirklich neu, völlig unerwartet und eröffnete mir eine neue Weise des In-der-Welt-Seins, die alles übertraf, was ich mir bisher ausmalen konnte. Ich glaubte, das Geheimnis des Glücks und des „richtigen Lebens“ gefunden zu haben.

Das „richtige“ Leben

Dem war auch so. Ich sehe das jetzt nicht als falsch an. Eher scheint mir der Prozess so zu verlaufen, wie das Yin Yang-Zeichen – wenn man es animiert, in Bewegung versetzt – zeigen will: der eine Aspekt der Polarität, sagen wir „schwarz“, wird immer größer und größer bis er allen Raum einnimmt – doch im Augenblick seiner totalen Dominanz, entsteht in seiner Mitte das Gegenteil: Weiß. Ab jetzt beginnt Weiß zu wachsen und Schwarz schrumpft zusammen – bis jetzt Weiß dominiert, in dessen Mitte dann wieder ein zunächst winziges Schwarz erscheint.

Mich hat offensichtlich die Begeisterung über das erste vollständig selbst durchlebte „Umschlagen“, das Gefühl der Befreiung und Erlösung, das damit verbunden war, derart beeindruckt, dass ich irgendwann anfing, fest zu halten. Ich hielt das Gewonnene für die absolute und letzte Wahrheit und begann, in meinem Leben das „Weiß“ zu verstärken, das so wunderbar inmitten des „Schwarz“ erschienen war. Das ist solange gut und unschädlich, solange das „Weiß“ von selber wächst – wenn es aber Zeit ist, wieder in Richtung des anderen Pols zu leben, wenn die Bewegung wieder umschlägt, dann bremse ich mich so nur selber aus. Tue also (unbewusst!) genau das Gegenteil von dem, was ich als „Extrakt der gewonnenen Weisheit“ gerne predige: den eigenen Impulsen zu folgen, sich ihnen hinzugeben, mitzuleben und nicht aus dem Kopf heraus daran herum zu rechten und das Leben zu be-rechnen. Meine Willensimpulse hab‘ ich dabei zunehmend gelähmt, innerlich alles diskriminert, was über das Bestehende, das „von selbst Entstehende“ hinaus greifen will. So lange und so erfolgreich, bis ich nicht nur jeden Draht zu dieser Art Wollen verloren hatte, sondern auch physisch an den Handlung symbolisierenden Gliedmaßen „Krankheiten“ auftraten. Unglaublich!

So ist jetzt also „Wille“ mein Thema. Etwas erreichen wollen, Ziele haben, die eigenen Aktivitäten auf diese Ziele hin ausrichten, auch längerfristig. Mich verpflichten und „Verstrickungen“ riskieren – und nicht aus den Augen verlieren, ob ich den Zielen mit meinen Schritten auch näher komme. All das hört sich für mich noch äußerst fremd an, da ist eine, wie ich jetzt sehe, selbst geschaffene innere Ablehnung dieser Dimension. Wie könnte ich die wieder „abschaffen“?

Was du nicht erfühlen kannst…

Wo eine Frage als solche erkannt ist, folgen Suchbewegungen auf mögliche Antworten hin. Bisher weiß ich nicht viel, obwohl ich mich schon ein wenig in den üblichen Formen mit „Ziele finden“ auseinander gesetzt habe, zunächst auf der beruflichen Ebene. Allerdings sprang da noch kein zündender Funke über, berufliche Ziele sind eben nur operationale Ziele, also solche, die eigentlich Zielen auf ganz anderen Ebenen dienen sollten.

„Was du nicht erfühlen kannst, das kannst du nicht erjagen“ – der Satz von Goethe geht mir seit langem nach. Nur darüber zu grübeln, welche Ziele es wert wären, sich ihnen zu verpflichten und richtig Einsatz zu bringen, ist gewiss nicht der Weg. Nein, ich muss mich neu öffnen, nicht immer gleich das beschwichtigende Zufriedenheits-Programm im Kopf ablaufen lassen, wenn mich irgend etwas stört oder ein Änderungswunsch auftritt. Ich muss nicht noch mehr „Gelassenheit üben“, sondern das Gegenteil an mich heran lassen, es wieder erwecken und wachsen lassen.

Muss ich? Nein, ich muss nicht. ICH WILL.

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Claudia am 04. Mai 2003 — Kommentare deaktiviert für Bilder der Liebe

Bilder der Liebe

Auf dem Flohmarkt, sonntags, Boxhagener Platz. Kein Antik- oder Kunstmarkt, sondern einer von der ursprünglichen Art, auf dem die Leute alles verkaufen, was sie nicht mehr brauchen – und das, was sich dann so ansammelt, wenn sie das Verkaufen weiter betreiben wollen. Da meine Wände noch immer recht kahl sind, halte ich Ausschau nach Bildern. Unwichtig ob Kunstdrucke, Poster, ÖÖlgemälde, vergrößerte Fotos, zusammengeklebte Collagen oder ausgedruckte Digitalwerke, unwichtig auch, wer wo und wann das Bild geschaffen, abgekupfert, geklaut oder variiert hat. Ich durchwandere den Markt im Uhrzeigersinn und scanne die Stände, die Tapeziertische und die Decken auf dem Boden systematisch nach Content. Inhalt für die bisher weißen Wände, auf die ich täglich mehrmals schaue.

Keine bestimmten Vorstellungen helfen mir beim Suchen. Ich weiß nicht, ob ich ein Abbild der Natur, etwas ganz Abstraktes, eine Stadtansicht, womöglich gar Bilder vom Menschen suche. Nur weiß ich recht schnell, wenn ich ein Bild sehe: DAS will ich NICHT!

So geh‘ ich von Stand zu Stand und erlebe jede Menge „Das nicht!“-Resonanz. Natürlich frag ich mich schon bald, was eigentlich nicht passt, warum mir einfach keines der vielen Fotos, Poster, Drucke und Gemälde gefallen will. Auch solche nicht, die weder stümperhaft noch uninteressant, ja, vielleicht „richtig gute Kunst“ sind. Aber: will ich da täglich drauf schauen? Die innere Probe auf den Ernstfall übersteht bisher keines. Es ist eine ganz andere Situation, als wenn man einfach nur so „Bilder kaufen“ wollte, in einer Hobby-artigen Sammlerhaltung, die bestimmte Vorlieben pflegt und das Beutegut zuhause in Rollen stapelt.

Nein, ich will Bilder für mich, Bilder zum selber ansehen, nicht zum zeigen. Und was ich ständig sehe, beeinflusst mein Sein, malt die Farbe an die Wände meiner Existenz, beeinflusst meine Stimmungen und Gefühle. Es muntert mich auf oder zieht mich herunter, lenkt ab oder unterstützt die Konzentration, stärkt den Willen oder unterminiert ihn.

Ich tue gut daran, sorgfältig zu wählen. Das bedeutet nicht, zu mir selbst in eine therapeutische Haltung zu treten und mir gewisse Bilder zu „verschreiben“. Sondern nur, auf die Regungen zu achten, die der Anblick in mir hervor ruft und zu fragen: will ich DAS? Will ich das jeden Tag, im Fall der weißen Wand gegenüber meinem Arbeitsplatz gar alle paar Sekunden?

Die besten Bilder auf dem Flohmarkt dieses Sonntags hat einer, der polnische Plakatkunst verkauft. Wow, dagegen können unsere gängigen Veranstaltungsplakate einpacken! Ein ganzer Stapel großer Poster wird vor mir auf- und umgeblättert: Plakate zu Opern, Theaterstücken, Lesungen, politischen Veranstaltungen, Symposien und Ausstellungen – und jedes ein echtes Kunstwerk! Es ist mühsam, so einen Stapel großformatiger Bilder, es sind gewiss über 150, eins ums andere zu zeigen und umgedreht abzulegen. Auch deshalb bin ich ausgesprochen kaufbereit, sollte eines darunter sein, dass mich „anspricht“.

Das Schreien der Bilder

Die Bilder sprechen mich tatsächlich fast alle an. Allerdings nicht so, wie ich minütlich von der Wand gegenüber angesprochen werden will, muss ich mit Bedauern feststellen. Die allermeisten dieser wunderbaren Werke der grafischen Kunst stellen in Frage, klagen an, verunsichern oder machen Angst, vermitteln das Gefühl von Ohnmacht und Wut, stimmen aggressiv oder verzweifelt, erheben Forderungen oder machen sich abgründig über etwas lustig. Manche spielen mit dem Ekel, andere mit Gewalt, manche auf verstören-wollende Art mit Sex, wieder andere bleiben so cool, dass man die Wand gleich weiß lassen könnte – oder schwarz.

Ich kaufe schließlich eines, das mir besonders ausdrucksstark erscheint, wohl wissend, dass ich es vermutlich nicht aufhängen werde. Ein schwarzer Vogel im Flug, gemalte Silouette – in ihn hinein rast ein roter Vogel mit riesigem Schnabel und durchdringendem Blick, der das Zentrum des Bildes darstellt. Es macht agressiv, keine Frage. Und damit ist es ein Fehlkauf, einzig dem Verkäufer zuliebe geschehen.

Mit meiner Rolle unterm Arm mach‘ ich mich auf den Heimweg. Immerhin weiß ich jetzt, was ich suchte und nicht fand: Bilder, die etwas feiern und heiligen, nicht angreifen oder in Frage stellen. Bilder der Freude und Dankbarkeit, Bilder des Staunens und Bewunderns – Bilder der Liebe, kurz gesagt.

Gibt es solche Bilder? Ganz bestimmt gibt es sie, der Fundus der Bilder der Menschheit ist riesig. Ich erinnere mich spontan an einige Nähnadeln im Heuhaufen, die mir schon begegnet sind, Landschaften, Frauen, Paare in tantrischer Vereinigung, Götterbilder, erotische Szenen, die über das Erotische hinaus in eine andere Dimension weisen, auch abstrakte Kompositionen mit intensivem Gefühlswert. Es gibt sie im Fundus käuflicher Bilder, wenn man Titel und Autor kennt, doch sicher auch „ohne Titel“ auf vielen Festplatten und in Schubladen, wo alles verbleibt, bzw. verschwindet, von dem man vermutet, es sei unverwertbar. Oder mit dem man sich nicht an die ÖÖffentlichkeit wagt, warum auch immer.

Der Geist, der stets verneint

Ich verstehe, warum es so wenige solcher „Bilder der Liebe“ gibt. Zum einen stehen mir gewisse „spirituelle Kompositionen“ aus dem Eso-Markt vor Augen, die zeigen, wie schnell etwas, das mit aller Kraft harmonisch, schön und auf jeden Fall „positiv“ sein will, zum Kitsch gerät. Und mir fällt die Werbung ein. Dort gibt es eigentlich alles, was fehlt – nur dass es eben nicht um das Gute, Schöne und Wahre, sondern um die Güte und Schönheit der Ware geht. Nicht um Liebe, sondern ums Haben- und Jemand-Sein-wollen.

Es ist kaum möglich, den kritischen Geist mit all seiner Zersetzungskraft einfach zu überspringen und zu naiven Darstellungen aus voraufgeklärten Zeiten zurück zu kehren. Die dunklen Seiten der Welt können und sollen nicht geleugnet werden, doch kann ein „anprangern“ oder beweinen nicht einziger Inhalt eines „Bildes der Liebe“ sein. Noch viel weniger das „reine Spiel mit der Wahrnehmung“, das in der Kunst den Inhalt zeitweise abgelöst hat.

Ich hoffe trotzdem, auf meiner Suche nach dem Content für die blanken Wände noch fündig zu werden, hab‘ ja auch noch kaum geforscht. Wer mir Tipps geben will oder Bilder zeigen, ist herzlich eingeladen, ins Forum zu posten oder zu mailen.

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Claudia am 20. April 2003 — Kommentare deaktiviert für Vom Fühlen

Vom Fühlen

Ein Leser schrieb mir, das Gehirn „brauche Wissen, um für meine Zufriedenheit zu arbeiten“. Er bezog sich auf den Artikel „Vater UND Mutter ehren“ und meinte wohl damit: Hätte ich gewusst, warum mein Vater war, wie er war, hätte ich ihn als Kind nicht so gehasst, wäre weniger einsam gewesen und zufriedener.

Dieser Irrtum über den Nutzen des Wissens ist weit verbreitet. Kein Wunder in einer Gesellschaft, die sich „Informationsgesellschaft“ nennt. Tatsache ist: Ich wusste immer, warum mein Vater war, wie er war, denn sobald ich denken konnte, erzählte er seine Geschichte. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Doch ich konnte und wollte in frühen Jahren nicht „verstehen“ – wobei „verstehen“ schon ein Stück in die Irre führt: ich wollte nicht VERZEIHEN, war völlig außerstande dazu, denn er trampelte bei jeder Gelegenheit auf meinen Gefühlen herum. Ich litt und er war der Feind Nr.1 – so einfach, so üblich.

Erst, als ich später mit mir selbst und der Welt besser zurecht kam, als ich tat, was ich tun wollte und damit auch Erfolge hatte, hinter denen ich stehen konnte: erst da änderte sich das Verhältnis. Mein Hass verschwand, zunächst zugunsten einer gewissen Neutralität: weder Hass noch Liebe. Für die Liebe musste ich erst „werden wie er“, am eigenen Leib erleben, dass ich nicht die tolle Person bin, die ich mir ausmalte, sondern genauso eine Schreckschraube, die für Andere (und sich selbst) zum Horror werden kann. Aber das ist eine andere Geschichte.

Anders denken?

Wissen allein bringt wenig. Denken macht nicht glücklich, obwohl das Denken durchaus Anteil daran hat, wie ich die Welt erlebe. Manche Menschen denken sich in den Keller, Tag für Tag. Sie erwarten immer das Übelste, sind misstrauisch und filtern so die Informationen heraus, die zu ihrem Elend passen. Manche benötigen nicht einmal Input von außen, sondern spinnen sich selbst zusammen, worunter sie dann leiden.

Die Lehrer des „positiven Denkens“ versuchen, an dieser Stelle anzusetzen: Denk positiv, dann geht’s dir gut! Das klappt allerdings – wenn überhaupt – nur für kurze Zeit. Zu sehr sind wir üblicherweise mit dem Denken identifiziert: Wo, wenn nicht im „denken über die Welt“ spüren wir uns so sehr als erste Person: Ich denke SO, also bin ich „ich“! Dieses Denken dann mittels einer „Übung“ zu kanalisieren und zu domestizieren, kann gar nicht funktionieren. Immer wieder meldet sich das „alte Denken“ doch zu Wort, sieht Schatten, wo nun Licht gesehen werden soll, meldet Zweifel an beim morgendlichen Blick in den Spiegel, wogegen das „Jeden Tag geht es mir besser und besser“ nicht wirklich hilft, ja, es wird schnell lächerlich.

Auch Meditation wird gelegentlich als alternative Umgangsweise mit dem Denken empfohlen und praktiziert: Einfach da sitzen und die Gedanken Gedanken sein lassen. Wer das Kopfkino einfach nur beobachtet, stellt fest, wie automatisch es abläuft, wie schnell die Gedanken vom Hundertsten ins Tausendste kommen, wie gering der Bezug zur Realität ist, und vor allem, dass es eine WAHL gibt: sitze ich dem Gedanken auf, identifiziere ich mich mit dem Problem und entwickle es grübelnd weiter – ODER bleibe ich einfach sitzen und sehe zu, was als nächstes vorbei kommt.

Das kann durchaus eine gewisse Entspannung bringen, Einsicht in die Mechanismen des Denkens, ein teilweise Lösung der starken Bindung an Gedanken. Allerdings: sobald ich nicht „nur sitze“, sondern wieder tätig im Leben stehe, handeln und entscheiden muss, ist es nicht mehr damit getan, die Gedanken ziehen zu lassen. Die Meditationsübung gibt mir im besten Fall die Gewissheit, mich jederzeit „heraus ziehen“ zu können, doch was ich tun, wonach ich mich richten soll, solange ich „mitten drin“ stehe, sagt sie mir nicht.

Mehr?

Was also? Gibt s nur die Möglichkeit, sich mit dem abzufinden, was nun mal ist? Immer wieder auf dieselben Weisen im Elend kreisen, im festen Rahmen eigener Konditionierungen und gesellschaftlicher Traditionen? Immer mal wieder Ausbruchs- und Therapieversuche, eine neue Lehre, ein neues Gedankengebäude, ein neuer Partner? Und immer die Ahnung: es muss MEHR geben als das!

Ja, es gibt dieses MEHR. Aber es ist nicht machbar, es kann nicht gejagt, errungen oder erübt werden. Es ist immer da, nur wollen wir es nicht sehen, es nicht hören, uns nicht nach ihm richten. Wir wollen tun, was wir für richtig halten, was sich sinnvoll begründen lässt – und nicht das, was anliegt, nicht das, was getan werden will.

Was könnte das sein? Ich weiß, es klingt verdammt hermetisch, doch ist es auch kein „Geheimnis“, nur weil es sich im Rahmen des logischen Denkens nicht darstellen lässt. Denken ist nicht unser einziges Potenzial, wir können auch fühlen, spüren, empfinden, intuieren. Obwohl offiziell das Denken die erste Stellung einnimmt („animal rationale“) und die Gefühle einen schlechten bis kitschigen Ruf haben, bestimmen sie doch untergründig unser Denken – immer schon. Ja, den ganzen Zirkus um die Rationalität kann man als einziges Bemühen beschreiben, das Gefühlsleben zu domestizieren. Es soll mit (ge-)rechten Dingen zu gehen nicht nach persönlicher Willkür. Wer an der Welt mitbauen will, muss seine Beiträge wissenschaftlich begründen, sonst kann er in die Unterhaltungsindustrie gehen. Wer Verträge schließt, soll sich ins Kleingedruckte vertiefen, wo genau ausgeführt ist, was „sich vertragen“ im Einzelnen hier heißt – und nicht etwa auf Gefühle achten! Die Welt ist so kompliziert geworden, dass nur Rationalität noch den Schimmer einer Chance bietet, die Massen mit ihren 10.000 Dingen und Bedürfnissen halbwegs friedlich zu organisieren – also muss auch der Einzelne ein hohes Maß an Rationalität aufbieten, um sein (möglichst komfortables) Durchkommen zu bewerkstelligen.

How-To ist nicht alles

Alles nachvollziehbar, es gab keinen anderen Weg. Doch leider sind wir auf diesem Weg in Trance gesunken, haben uns selbst vergessen und das „HowTo“ zum „Um-Zu“ werden lassen. Das mit all diesen Umtrieben so aufwändig geschützte individuelle Privatleben hat kaum mehr originäre Inhalte und immer mehr Leute fragen sich zu Recht: Wozu die ganze Äktschn? Wofür dieses hohe Maß an Anstrengung und Selbstverleugnung?

Uns wird vermittelt, das bloße Erhalten des Bestehenden wäre schon jedes Opfer wert. Wenn wir – immer noch im Luxus schwimmend, verglichen mit der Mehrheit auf diesem Planeten – nicht weiter und mehr als bisher strampelten, dann würde das alles in Teilen oder ganz zusammen brechen und DAS bekäme uns sehr sehr schlecht!

Stimmt das? Das ist die Frage. Die Antwort findet jeder nur entlang an sich selbst (oder eben nicht). Nicht etwa in Zeitungen und Büchern, in Comedy- und Talkshows, auf Kongressen oder in Besprechungen – und auch nicht auf einer Website. Nur, wenn ich mich selber ansehe, weiß ich, was mir schlecht bekommt und was mir gut tut. Damit bin ich wirklich ganz alleine.

Wechsel der Blickrichtung

Also bleibt nichts übrig, als mich dem zuzuwenden. Was tut mir gut? Was macht mich wirklich glücklich? Was kann ich gerade noch ertragen, ohne zu leiden? Wovon ist mein Wohlbefinden wirklich abhängig: eher vom Kontostand oder mehr vom Wetter? Wieviel Beschränkungen und Unfreiheit bin ich bereit hinzunehmen, um bestimmte Dinge zu erreichen: materiellen Komfort, soziale Anerkennung, sichere und heimelige Beziehungen, Sex? Lohnt das Erlebte und Erreichte weiterhin ungebrochenen, möglicherweise gesteigerten Einsatz? Brauch ich dieses und Jenes wirklich – zum Beispiel, um mich sicher zu fühlen?

Ich war immer gegen Versicherungspolicen, hatte selber nie welche und hab‘ mich gern lustig gemacht über Leute, die Unsummen pro Jahr bezahlen, für den Fall, dass ein unwahrscheinliches Unglück eintritt. Mittlerweile hab‘ ich die idealistische Arroganz der sowieso mittellosen Jugend hinter mir gelassen, aber trotzdem mit den Versicherungen nicht angefangen. Weil da einfach nichts ist, was soviel wert wäre, dass der Verlust nicht locker verschmerzt werden könnte: Es gibt nichts zu holen, also brauch ich keine Diebstahlversicherung. Ich streite mich nicht um Kleingedrucktes, also spar ich mir den Rechtsschutz. Ich vertraue darauf, Geld zu verdienen, wenn ich es wirklich brauche, deshalb sind mir Sparverträge und Vermögensanlagen fremd. Für den Fall der Notlage hab‘ ich ein paar gute Freunde, die bei Bedarf weit mehr Geld mobilisieren könnten als ich, ohne darunter besonders zu leiden – ob sie es im Fall des Falles für mich täten, kann ich nicht wissen, wohl aber darauf vertrauen.. Für die Basics bin ich Mitglied in einem sozialen Netz, für dessen Verteidigung ich eintrete: Sozialhilfe für alle, die es brauchen. Mehr nicht, denn ich bin es gewohnt, jedes Mehr selbst zu erarbeiten. Klar hatte ich auch Zeiten, in denen ich den Luxus eines Arbeitslosengeldes nach BAT 2A Vollzeit genießen konnte – es war schon gut, aber nicht unverzichtbar, ganz gewiss nicht Bedingung meines Glücks oder Unglücks in den jeweiligen Zeiten.

All diese Einsichten bewegen sich nun noch auf der materiellen und sozialen, also psycho-mentalen Ebene. Um wirklich beurteilen zu können, was mir gut tut, muss ich tiefer steigen, herunter auf die psychophysische und physische Ebene: Was fühlt sich gut an? Was spüre ich gern? Was tut mir weh? Wovor habe ich Angst? Wie hängen diese Empfindungen oder die Angst vor ihnen mit meinem sonstigen Fühlen und Denken zusammen?

Der Körper, Freude und Schmerz

Freude ist nichts Abstraktes, zum Beispiel. Freude spürt man im Brustraum und um sie zu fühlen, muss er beweglich genug sein, um mehr oder weniger tiefes Atmen zu gestatten – im Fall der Freude ein Mehr. Die Zwischenrippenmuskulatur darf also nicht zum unflexiblen Panzer erstarrt sein, die Lungen müssen das volle Atmen kennen/können, nicht nur in den unteren zwei Dritteln (wie sie von Rauchern fast ausschließlich genutzt werden). Ich behaupte nicht, dass ein entsprechend flexibler Brustraum bereits die Freude garantiert, aber umgekehrt gilt eben: unterm Brustpanzer hat die Freude schlechte Karten, bzw. ist nur ein im tiefsten nicht befriedigendes Gedankenspiel.

Warum aber wenden sich so wenige ganz konkret den Umständen des eigenen Wohlbefindens zu? Eines der größten Hindernisse liegt aus meiner Sicht auf dieser körperlichen Ebene, bzw. deren psychischer Integration ins Selbstempfinden. Dort – wie auch überall sonst – gehen wir dem Schmerz aus dem Weg und suchen das Wohlgefühl. Ja, auf keiner anderen Ebene wirkt das so natürlich und selbstverständlich. Überall sonst machen wir womöglich Kompromisse und zahlen mit seelischen Schmerzen, aber physisch gesehen ist uns jedes Mittel Recht, dem Schmerz nicht begegnen zu müssen.

Das macht nicht nur jeder für sich allein so, dass wird auch von klein auf eingelernt bzw. anerzogen. Jedes Kind verbrennt sich mal die Finger, spürt den Schmerz und lernt: DA sollte ich besser nicht hinfassen! Soweit ist alles ganz natürlich, denn Schmerz hat eine informatorische Funktion und dient der Orientierung in der Körperwelt. Dann aber gerät das Kind schnell in die Fänge der „Niemals-Schmerzen“-Kultur: Überall soll es aufpassen, an seine Verletzlichkeit denken und sich entsprechend verhalten. Lustvolles muss unterlassen werden, um möglichen Gefahren auszuweichen. Um jedes trotzdem eingehandelte Wehwehchen wird ein großer Aufstand gemacht und bald schon gibt’s gegen alles eine Pille oder Spritze: Fieber, Husten, Halsweh, Kopfschmerzen, Zahnweh, Bauchweh, Menstruationsbeschwerden – später dann vielleicht auch gegen Nervosität, gegen Angst, Schlaffheit und schlechten Schlaf. Und dann vielleicht noch gegen Falten, Übergewicht und Erektionsprobleme. Es endet beim alten Menschen, der seine zehn bis zwölf verschiedenen Tabletten täglich braucht, nur um „eingestellt“ zu bleiben. Von außen eingestellt, das Wort trifft es gut!

Sich einstimmen

Können wir uns denn nicht selber auf das Leben einstellen? Von innen, statt von außen? Uns einfach weiter entlang an unseren Empfindungen von Schmerz und Lust in ihren tausend Gestalten orientieren, wenn wir durch die Ebenen unterwegs sind? Warum den Blick abwenden und „das Physische“ Experten überlassen, die aufgesucht werden, wenn etwas nicht zu stimmen scheint? Warum sich nicht gleich auf das einstimmen, was da so alles los ist, Angenehmes wie Unangenehmes?

Dies zu tun, bedeutet, den Schmerz anzusehen. Egal, wo er auftritt. Ihn immer wieder ansehen, sich versuchsweise anders verhalten und dann fragen: Ist er immer noch da? Hat er sich verändert? Oder einfach mal abwarten: Wie lange bleibt das so? Verändert sich mein Empfinden, je länger ich hinschaue?

Ich erinnere mich, als Kind eher ein forscherisches Interesse am Schmerz gehabt zu haben. Wieviel halte ich aus? Wann muss ich „Stopp!“ sagen? Es gab Kinderspiele der härteren Art, um das auszutesten. Das war spannend und aufregend, niemand hat geklagt oder sich beschwert, solange keine Erwachsenen anwesend waren. Auch das aufgeschürfte und schnell heilende Knie bosselten sich viele selber wieder auf, um mal zu fühlen, wie das so ist. Noch mit meinen ersten Liebespartnern probierte ich (außerhalb jeglichen erotischen Tuns) aus, wer den sich verstärkenden Biss des Anderen in die Handkante länger erträgt.

Doch bald schon verliert sich dieses ganz unbelastete Interesse in den Fängen der Niemals-Schmerzen-Kultur und an seine Stelle tritt Angst und Abwehr. Da Angst und Abwehr unangenehm sind, verschwindet im Zuge des Heranwachsens die Wahrnehmung der physischen Ebene mit all ihren schlecht oder gar nicht kontrollierbaren Empfindungen dann fast ganz. Nur wenn etwas mal richtig weh tut, wird es noch bemerkt und schnellstens beseitigt. Das erfolgsorientierte, rechnende Denken tritt an Stelle der Empfindungen und Gefühle, der Mensch ist vernünftig geworden, kann problemlos kratzende, schwitzige Kunststoff-Klamotten tragen und hat Versicherungen. Schließlich driften pro Tag zehn E-Mails herein, die den auf der Suche nach lustvollem Sex befindlichen Männern raten, Pillen und Pumpen einzusetzen, um „die richtige Größe“ zu erlangen. Als wäre es das!

Fühlend navigieren

Es ist Zeit, zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Das Fühlen, nicht das Denken, ist der Wegweiser zu jenem MEHR, das wir im Innersten ersehnen, wenn wir uns fragen: „Wozu das alles?“ oder „Was soll ich tun?“. Um aber fühlend und spürend zu navigieren, muss ich mir das Fühlen erst wieder zurück erobern, in all seinen vielfältigen Formen. Dazu gehört zuvorderst die Wahrnehmung der physischen Ebene, inklusive ihrer groben Aspekte, also einschließlich Feind Nr.1: Schmerz.

Das Üben dieser umfassenden Wahrnehmung, das Nicht-mehr-Ausweichen vor dem, was vielleicht ängstigt, bringt vielfältige Einsichten: ich spüre und sehe, WIE ich mich krank oder unglücklich mache, in dieser oder jener Hinsicht. Es bleibt auch nicht auf der groben Ebene stehen, sondern entfaltet sich in alle Lebensbereiche, immer besser spüre ich, was gut tut und was nicht, was jetzt „das Richtige“ ist – aber nur, wenn ich auch auf die Stimme höre, den Weisungen folge, die „von innen“ kommen: zunächst vom Körper, doch bald schon von anderen Ebenen. Jede einzelne Seelenverbiegung erzeugt ihren ganz spezifischen „Schmerz“, den ich ganz genau bemerken und mich also fragen kann: Steht es dafür? Muss das sein? Will ich das wirklich? Oder verzichte ich nicht besser auf das Zu-Erreichende und entscheide mich gleich für „weiter wohl fühlen“, hier und jetzt?

Mit diesem Wohl-Fühlen ist NICHT das Wohlgefühl als „Wellness“ gemeint, sondern das „im Einklang“ sein. Sich nicht passend machen wollen, wo es nicht von selber passt, sondern darauf lauschen, was ist, und tun, was anliegt. Was getan werden will. Zur Not auch ohne es mittels logischen Denkens begründen und kommunizieren zu können – also tatsächlich im Vertrauen auf etwas Unsagbares. Sich dem immer weniger denkend, abwehrend und absichernd entgegen zu stellen, sondern mehr und mehr darauf zu „hören“, macht das ganze Leben wieder zu dem faszinierenden Abenteuer, das es – eigentlich – immer schon war.

Mein Yoga-Lehrer, den ich nach zwölf Jahren im Dezember letzten Jahres während einer übungsstunde Türen knallend verlassen habe, sprach manchmal vom „Hören des tonlosen Tons“, während wir da lagen und auf den Atem achten sollten. Ich lauschte ins Nichts und hörte leider auch nichts, allenfalls ein Rauschen, wenn der Atem durch die Teer-verengten Brustbereiche strich.

Ob er DAS gemeint hat? Das, auf das zu hören, einzig glücklich macht?

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Claudia am 09. April 2003 — 1 Kommentar

Vater UND Mutter ehren

Viele Lehren hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben. Zumindest hat er sich nach Kräften bemüht, mir etwas aus seiner Lebenserfahrung zu vermitteln, manchmal regelrecht einzutrichtern. Aus dem Stand fallen mir jede Menge Sprüche ein:

  • Kind, denk an deine Rente!
  • Schlag doch zurück, wenn du angegriffen wirst!
  • Männer sind Schweine und wollen immer nur das eine.
  • Vergiss den Gummi nicht!
  • Geld regiert die Welt.
  • Wer sich für andere engagiert, wird ausgenutzt.
  • Lass dir nichts gefallen!
  • Beschwer dich an der richtigen Stelle!
  • Um sein Recht muss man kämpfen!
  • Nichts ist umsonst!

„Niemals Aktien! Wenn, dann nur festverzinsliche Wertpapiere“, sagte er noch auf dem Sterbebett, als ich mir gerade überlegte, vielleicht doch ein paar Internet-Werte zu erstehen.

Bald war ich froh, es nicht getan zu haben. Nicht, weil ER das gesagt hatte, sondern weil mir Geldspekulationen zutiefst fremd sind. Diese Fremdheit ist allerdings auch schon eine Folge seiner „Geld-regiert-die-Welt“-Indoktrination. Diese, wie auch die meisten seiner anderen „Weisheiten“, hab‘ ich nie geglaubt, sondern immer auf Verdacht erst mal das Gegenteil für wahr gehalten. So ein Idiot konnte einfach nicht recht haben: Als cholerischer Quartalsalkoholiker war er in meiner Kindheit und Jugend der Terrorist der Familie, der Hass-Gegner schlechthin. Mein erstes Ziel im Leben war, aus seinem Machtbereich endlich zu entkommen und ich setzte es sofort um, sobald die Gesetzeslage es gestattete.

Wie sehr ich da bereits „Vatertochter“ war, wie weit mein Innenleben und meine Haltung zur Welt durch ihn, bzw. den Widerstand gegen ihn geformt worden war, realisierte ich erst viel später. Aber das ist eine andere Geschichte. Entgegen allen Erwartungen eine mit Happy End: Noch bevor er starb, liebte ich ihn. In aller Freiheit. Und half ihm per Telefon, seine „Beschwerden an den Bundeskanzler“ auf seiner Festplatte wieder zu finden, von deren Dasein und Struktur er keinerlei Vorstellung hatte.

Ohne viele Worte

Meine Mutter sagte nicht viel. Wie auch, ER redete ja immer und erzählte, wie es in der Welt zugeht und was man davon zu halten hat. Sie tat ihr bestes, um uns drei Schwestern vor seinen hässlichsten Seiten zu beschützen. Allerdings war ihre Macht beschränkt: War er besoffen genug, dass es ihm egal war, was sie von ihm dachte, weckte er uns nachts um drei auf, wollte uns mit halben Brathähnchen beglücken und gemeinsam noch einen drauf machen. Er wurde dann stinksauer, wenn das nicht so abging, wie er es sich wünschte – und wir zitterten vor Angst angesichts seiner Unberechenbarkeit. Auch, wenn er uns nicht aus den Betten holte, sondern nur durch die Wohnung polterte, laut singend: „Auf auf Matrosen, streckt eure müden Leiber! Die ganze Pier steht voller nackter Weiber!“, grübelten wir nicht über den Sinn dieses uns unverständlichen Liedes, sondern hofften nur inständig, er möge nicht ins Kinderzimmer kommen, nicht schon wieder.

Meine Mutter sagte also nicht viel. Ich liebte sie (und liebe sie heute noch), ohne Frage. Sie wirkte nicht durch Worte, sondern durch ihr Handeln, ihr Da-Sein und So-Sein. „Als Frau“ konnte sie mir allerdings kein Vorbild sein: So einen Kotzbrocken wie meinen Vater jahrzehntelang ertragen? Ich konnte es nicht verstehen und war mir ganz sicher, so etwas nie, nie, niemals im Leben auch nur ansatzweise in Betracht zu ziehen. Neben der Liebe war da also ein Vorwurf, einer der mir als „Vorwurf“ gar nicht bewusst wurde. Dass es damals in den 50ern und frühen 60gern noch keine „allein erziehenden Mütter“ gab und sie einfach keine Alternative für sich und uns sah, konnte ich als Kind nicht begreifen. Ich sah nur ihre Machtlosigkeit, manchmal auch ihre Verachtung, wenn ER gerade mal wieder „neben dran“ war. Eine schweigende Verachtung ohne für mich sichtbare Konsequenzen. Meine Welt war nicht in Ordnung.

Vaters Sprüche, selbst wenn ich sie mir mal anhörte, waren leider wenig hilfreich in Situationen, in denen es mir richtig dreckig ging. Die Angst vor der Kinderbande im Hof, später die Schwierigkeiten, in den pubertären Peer-Groups akzeptiert zu werden, bei alledem konnte er mir mit seinen Wehr-dich-doch-Sprüchen nicht helfen, ja, er machte es noch schlimmer, denn ich fühlte mich einmal mehr als unfähige Versagerin: ängstlich, schwach, und doch so begierig, dazu zu gehören.

Einsamkeit

Es gab niemanden, an dem ich mich wirklich orientieren konnte, von dem ich hätte lernen können, wie man sich in der Welt zu Recht findet. Wie ich es anstellen muss, dass „die Anderen“ mich mögen; wie ich mich verhalten sollte, wenn mein Vater besoffen auf mich einredete oder ausrastete, weil ich eine Mathe-Aufgabe nicht erklären konnte (ich war GUT in der Schule, aber für ihn reichte es nie). Was tun, wenn mich die Jungs auf dem Hof in ein Gebüsch schleppten und abtasteten? Was darüber denken? Da ich mit niemandem wirklich reden konnte, versuchte ich es bereitwillig sogar mit „Gott“, der mir als Ansprechpartner im Kommunionsunterricht anempfohlen wurde – ohne Erfolg. Gott antwortete nicht, obwohl ich ihn dringend gebraucht hätte, also gab ich den Glauben auf.

Meine einzige Zuflucht waren Bücher. Über Pipi Langstrumpf, griechische Heldensagen, nordische Märchen, englische Krimis, Karl Mai und andere Abenteuerschinken: ich verschlang die halbe Bibliothek und niemand redete mir rein, was ich da lesen durfte und was nicht. Ich orientierte mich an der „kleinen Dot“ und an Winnetou, liebte Tierbücher über alles, und in der beginnenden Pubertät las ich Geschichten von Mädchen, die nicht ausgehen und sich nicht schminken durften – genau wie ich.

So einsam wie als Kind war ich später niemals mehr. Im nachhinein kann ich sehen, dass mich das in gewisser Weise stark machte: Wenn man das Schlimmste schon hinter sich hat, ist man nicht mehr so sehr erpressbar. Auch, dass mein erwachendes Denkvermögen letztlich ganz allein auf sich selbst gestellt blieb, weil die sich üblicherweise anbietenden Erziehergestalten (Eltern, Großeltern, Lehrer, Pfarrer, „Freunde“) mir kein Vertrauen einflößten oder machtlos waren, hat mich ganz gut auf eine Welt vorbereitet, in der nichts sicher ist.

Wenn ich all das so erzähle, wundert es mich selbst, dass dieser Kindheit ein spannendes Leben folgte, in dem ich mich immer besser zu Recht fand. In dem ich es schaffte, mich niemals lange zu verbiegen, weder in einer Beziehung, noch in einer Arbeit, noch zugunsten einer Religion, einer politischen oder spirituellen Lehre. Natürlich heiratete ich nicht – kein Wunder bei dem Beispiel! Ich probierte alles aus, worauf ich Lust hatte, und ich ging, wenn es nur noch Leiden und Elend war. Klar, ich hatte auch meine selbst geschaffenen Sackgassen, in denen ich recht lange Zeit brauchte, um endlich die Kurve zu kriegen – aber das war schon zu einer Zeit, wo man für sein Gesicht selbst verantwortlich ist.

Wechsel der Blickrichtung

Eine positive Kraft trägt mich durch alle Tiefen. Niemand kann mich „im Kern“ wirklich beschädigen. Woher kommt das? Wem danke ich das? Ich will jetzt nicht darauf hinaus, dass es diesen „Kern“ gar nicht gibt, dass da „nichts“ ist, wenn man die Zwiebel des „Ich“ immer weiter schält und immer neu erkennt: auch diese Schale bin nicht ICH. Diese Erkenntnis selbst ist ja, psychologisch gesehen, auch erstmal eine „Tiefe“. Das verkraften zu können, muss jemand angelegt haben – wie komme ich dazu? Warum fühle ich „innen“ keine Angst?

Was die Welt da „draußen“ angeht, hat mein Vater mich geformt, im Schlechten wie im Guten – ob ich nun seine Lehren ablehnte oder annahm. Und je besser ich mich in der Welt (trotzdem, gegen ihn, anders!) zu Recht fand, desto friedlicher wurde unser Verhältnis – bis ich sehen konnte, was ihm in seinem Leben durch sein So-und-nicht-anders-Sein alles entgangen war. Geld regiert die Welt? Er war lebenslänglich unglücklich, nicht genug zu haben, raffte sich andrerseits aber auch niemals auf, seinen ÖÖffentlichen-Dienst-Job an den Nagel zu hängen, um welches zu verdienen. BAT 4b, der Karrieregipfel. Man darf niemandem vertrauen? Er hatte keine wirklichen Freunde. Ebenso verhielt es sich mit seinen anderen Weisheiten: er zementierte damit sein eigenes Unglück, seine Mangelsituationen, seine Unzufriedenheit. Auf einmal spürte ich Mitgefühl, freute mich, dass es ihm in seinen letzten Jahren nicht schlecht ging, als er mit dem Wohnmobil und seiner zweiten und dann dritten Frau durch Europa kurvte. Ja, auf einmal konnte ich auch sehen, was ich alles von ihm gelernt hatte – weder waren es nur Worte, noch war alles nur Schrott. Das „Lass dir nichts gefallen, beschwer dich an der richtigen Stelle! Um sein Recht muss man kämpfen!“ hab ich auf meine Weise schon gebrauchen können – und manches mehr.

All das ist jedoch nur „außen“. Um mit dem Außen konstruktiv umzugehen, muss etwas von innen dazu kommen. Etwas, das bleibt, wenn die ganze Welt in 1000 Stücke zerspringt. Es ist mir unmöglich, dafür Worte zu finden, ich glaube, es ist nicht „sagbar“, man kann es nur fühlen.

Um es fühlen zu können, braucht es aber einen Hinweis. Jemanden, der die Aufmerksamkeit in die richtige Richtung lenkt: nach innen. Und das möglichst nicht erst mit 40 in der Selbsterfahrungsgruppe oder beim Meditationskurs, sondern früher. Sehr viel früher.

Spät, aber nicht zu spät

Erst jetzt kann die Vatertochter, die ich immer gewesen bin, sehen, dass DAS von meiner Mutter kommt. Sie, die Machtlose, hat nicht viel gesagt. Sie war liebevolle Zuflucht, konnte aber „da draußen“ nicht helfen. Und doch: ETWAS hat sie gesagt, immer, wenn es mir dreckig ging, wenn ich Angst vor den Anderen hatte und wenn ich nicht wusste, was tun: „Kümmer‘ dich nicht um die Anderen, mach, was du für richtig hältst!“. Egal, um was es ging, niemals hat sie versucht, mir etwas vorzugeben, sondern mich immer darauf hingewiesen, ich solle „nach mir selber gehen“. Für sie war es kein Problem, dass ich das Jura-Studium abbrach – vielleicht machte sie sich Sorgen, sicher. Aber nie hätte sie mir gesagt, es sei falsch! Ich war ja „nach mir selber“ gegangen.

So komme ich erst spät dazu, meiner Mutter zu danken. Sie hat darauf verzichtet, mir konkrete Vorstellungen über das richtige Leben einzupflanzen und statt dessen dem „ich selbst“ eine Chance gegeben. Hat so einen Samen in meine Kinderseele gesät für die Zeit, wenn „die Welt“ und die Kämpfe da draußen nicht mehr das spannendste Thema sind. Und mir doch auch Vertrauen vermittelt, in diesen Kämpfen nicht zu verzweifeln.

Das ist keine Leistung, mag man vielleicht denken. SO hat sie vermutlich nicht groß darüber nachgedacht, es war kein wohl kalkuliertes „Erziehungshandeln“. Sie war einfach selber so, sie kannte es nicht anders.

So ist das Vater-Denken: Nur bewusste Leistung zählt, für das bloße Dasein und So-Sein darf man keine Liebe erwarten. Dieses Denken treibt die Liebe aus der Welt aus und ersetzt sie durch Bonuspunkte.

Ich bin froh, dass ich es heute besser weiß. Dass ich auch anders fühlen kann. Eben dank meiner Mutter, der ich diesen Beitrag aus ganzem Herzen widme.

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