Thema: Weltgeschehen

Claudia am 03. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Zur Mai-Randale in Berlin

Zur Mai-Randale in Berlin

Es wundert niemanden wirklich, dass auch dieser 1.Mai in Berlin „wie immer“ verlief: Randale in Kreuzberg, kaputte Scheiben, brennende Autos, ein geplünderter Supermarkt und von Stein- und Flaschenwürfen Verletzte auf beiden Seiten. Und: tolle Bilder in der Abendschau: Wie sie auf den Straßen tanzten vor brennender Barrikade, artistische Kleinkünstler, die den Handstand rückwärts im Feuerschein eines „abgefackelten“ Autos vollführen – wow! Die Ästhetik des Ausnahmezustands wird in den Medien genussvoll zelebriert, wie an jedem 1.Mai.

Die Polizei übte sich dieses Jahr in „Deeskalation“. Nur kein martialisches Auftreten, niemanden provozieren, sogar die Veranstalter der „Revolutionären 1.Mai-Demo“ bemerkten anerkennend, dass „es den Bullen diesmal nicht darauf angekommen ist, hier hunderte schwer Verletzter zu haben“. Immerhin verliefen die Demonstrationen selber friedlich, das Konzept war teilweise erfolgreich – auch die Randale im Anschluss ging schneller zu Ende als in anderen Jahren. Trotzdem darf sich die Polizei nun die üblichen Vorwürfe anhören: das Konzept „Deeskalation“ sei gescheitert, von einem „Rückzug des Rechtsstaats“ ist die Rede – als könne irgend eine Strategie, sei sie nun martialisch oder eher zurückhaltend, die Gewaltausbrüche zur Gänze verhindern. ALLE wissen das, aber anstatt dazu etwas zu sagen, erfolgt der übliche politische Schlagabtausch: Ihr seid schuld….

Wer ist denn nun schuld? Oder ist das eine falsche Frage? Heut‘ morgen hat mich mal interessiert, wie eigentlich die Aktivisten von links außen die Ereignisse bewerten. Mal kurz gegoogelt (Autonome + Berlin) und schon der zweite Klick brachte zu Tage, was ich suchte. Das Webzine „Autonome Antifa Berlin“ meldet unter dem Banner „Danach“ nur einen einzigen Satz:

„Wir danke den viele besoffenen, gröhlenden, sinnloskleineAutoszerstörenden, sexistischen, unverantwortlichen, partyeventmachenden, unpolitischen , eigeneLeuteverletzenden Pseudohooligans und Radalekiddies …. für diesen schönen 1.Mai.“

Klare Worte und kein Grund, ihnen nicht zu glauben. Wer die Geschichte gewaltätiger Ausschreitungen in Berlin seit 1968 rekapituliert, wird die Entmischung von Geist und Gewalt bemerken: die Theorie- und Utopie-Lastigkeit der 68er und Spontis vermochte es noch, Gewalt aus der „Systemopposition“ hochintellektuell zu rechtfertigen. Die später sich entwickelnde Anti-Atom und Umweltbewegung hatte schon weit handlichere Gründe für Gewalt „am Rande“ von Demonstrationen, der Kampf gegen die Nato-Nachrüstung basierte gar auf echter existenzieller Panik: Man glaubte allen Ernstes, wenn jetzt die Pershing 2 stationiert werde, gehe sofort der 3.Weltkrieg los. Also: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Wiederstand zur Pflicht. Die Hausbesetzerbewegung Anfang der 80ger konnte ebenso auf das Wohlwollen fast der ganzen Stadt setzen, denn die Skandale von Entmietung, Leerstand und Kahlschlagsanierung waren allen sicht- und erlebbar – und doch wurde hier schon sehr deutlich, dass immer auch ein gewisses „Gewaltpotential“ existiert, dass sich hinter Gründen nur verbirgt, sie aber nicht wirklich braucht.

Und heute? Im Vorfeld der Mai-Randale fahndet die Berliner Abendschau offenbar immer nach jemandem, der noch etwas „Rechtfertigendes“ zu den mit Sicherheit kommenden Ereignissen sagt, aber man merkt, dass das immer schwerer wird. Allenfalls finden sich noch Leute, die auf die „Provokationen der Bullen“ verweisen – insofern ist die „Deeskalation“ die einzig wahre Strategie: Nicht, dass sie Gewalt wirklich verhindern könnte, aber sie zerstört die letzten Illusionen über einen vermuteten „Sinn“ dieses Geschehens.

Sinnlose Gewalt also – warum findet sie statt? Und – mangels erkennbarem Sinn ist das fast noch interessanter: warum immer zu einem festen Termin?

Der Innensenator sagte im TV: Wenn man diese Gewalt verhindern will, kann man das nicht allein der Polizei überlassen. Ich weiß nicht, was er konkret meint, aber für mich ist ganz klar: diese Gewalt ist ein Auswuchs unseres gesellschaftlichen Unbewussten. Kaum jemand ist nämlich wirklich entrüstet, auch nicht ein paar Tage nach Erfurt, wo doch so viel von „Innehalten“ die Rede war, von der Notwendigkeit, die Akkzepanz von Gewalt als Teil der Normalität zu bekämpfen.

Während der Randale sind immer viele Schaulustige unterwegs. Erwachsene stehen am Straßenrand und applaudieren den jugendlichen Steinewerfern. Der Apotheker, dem man die Scheibe eingeschmissen hat, meint, er nehme das nicht persönlich. Und wer in der Walpurgisnacht oder am ersten Mai sein Auto in der Kampfzone parkt, muß sowieso unendlich blöde oder arrogant sein, heißt es in der Sendung „Kontraste“. Der weißhaarige Sprecher der Abendschau berichtet vom Verlauf der Ereignisse mit belustigtem Unterton – überhaupt ist der „Programmpunkt Mai-Randale“ ab Januar ein zunehmend häufiges Thema. Die „Unausweichlichkeit“ der sinnleeren Veranstaltung wird zwar beflissen bedauert, aber es gibt interessante Strategiediskussionen und am Tag der Tage natürlich Sondersendungen – und immer wieder Witze über die punktgenaue „Revolution nach Terminkalender“.

Ein lieber Freund, dem das ganze Geschehen wirklich in der Seele weh tut, fragt, warum eigentlich die Justiz nicht schärfer reagiert, z.B. gegenüber den Verhafteten den möglichen Strafrahmen stärker ausschöpft. Auch das ist ein Teil der allgemeinen Akzeptanz dessen, was da so sinnlos sich vollzieht – und ich finde es eigentlich einsichtig, dass nicht versucht wird, mit juristischen Mitteln, mit langen Gefängnisstrafen und all ihren lebenszerstörenden Folgen hier „Prävention“ zu betreiben. Ein bisschen käme mir das vor, als würde das Publikum im Theater die Schauspieler für die Verbrechen in einem Shakespeare-Drama zur Verantwortung ziehen. Das ist vielleicht ein bisschen überspitzt gesagt, aber mein Gefühl geht in die Richtung: diese Randale ist kein Privatzoff einiger Irrer, sondern Ritual einer ganzen Gesellschaft. Ein Ausbruch des Irrationalen, der umso weniger „ausfallen“ kann, je weniger uns rational zur „Lage der Welt“ noch einfällt.

Muss ich das ausführen? Die üblichen Schlagworte ein weiteres Mal aneinander reihen? Ich glaube nicht. Jede Leserin und jeder Leser weiß, was ich meine, wenn es auch jeder für sich etwas anders formulieren würde. Mit Vernunft allein scheint man nirgends mehr viel ausrichten zu können, egal, welches Problemfeld man in den Blick nimmt. Und so sehr wir uns auch dagegen wehren mögen: der Kampf aller gegen alle wird härter, sowohl im Bereich des individuellen Berufslebens als auch im politischen Großraum, wo der Krieg als Mittel der Politik wieder möglich ist.

Das rechtfertigt nicht die rituelle Gewalt auf den Straßen in Kreuzberg. Aber es macht die Wurzeln der Gefühle verständlicher, aus denen die gar nicht so heimliche Akzeptanz der „Mai-Festspiele“ erwächst – die dieses Mal übrigens unter das Motto „Macht verrückt, was Euch verrückt macht!“ gestellt waren.

Etwas Positives zum Schluss? Berlin hat ja nicht nur den Mai-Zoff im Terminkalender: Demnächst findet der „Karneval der Kulturen“ statt, ein wunderbar buntes Multi-Kulti-Festival im Geiste von Frieden und Völkerfreundschaft. Ebenso schön der schwul-lesbische Christopher-Street-Day und im Juli dann der berühmte Mega-Event, die Love-Parade. Das Irrationale hat auch seine hellen Seiten, sogar mit deutlich mehr Terminen. Hoffen wir also auf gutes Wetter!

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Claudia am 28. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Amoklauf in Erfurt: Der Tunnelblick verengt sich

Amoklauf in Erfurt: Der Tunnelblick verengt sich

17 Menschen sind tot. Der Amoklauf eines 19-Jährigen, der Lehrer, Schüler und Polizisten des Gymnasiums niedermetzelte, aus dem er kürzlich verwiesen wurde, erschüttert die Republik. Fassungslosigkeit, Entsetzen, hilflose Fragen nach den Gründen. Wer ist schuld? Hätte man das verhindern können? „Er wollte immer auffallen“, sagt eine Mitschülerin. Ein Psychologe spricht vom Realitätsverlust des Täters, vom Tunnelblick, der keine Alternativen mehr zulasse als eben den Griff zur „Pump-Gun“. So jemanden dürfe man eben nicht alleine lassen, wenn man ihn von der Schule werfe.

Kulturkritische Reden werden jetzt wieder gerne geführt, gedruckt, gesendet: Der Werteverlust! Das hohle Leistungsdenken! Nur die Reichen und Schönen, nur Erfolgsmenschen und Medienstars gelten etwas in unserer Welt – kein Wunder, dass diejenigen schon mal ausrasten, die in der sich ausweitenden Kampfzone als Verlierer da stehen. Vom Bundespräsidenten bis zum Hinterbänkler wissen auf einmal alle: Der Wurm ist drin in unserer Gesellschaft, die nur noch dem Mammon huldigt, in der gegenseitige Hilfe, Achtung und Respekt allenfalls noch als Sonntagsreden-Marotte religiöser Würdenträger vorkommen. Habermas, wie recht du hast!

Ein paar Tage noch werden die Medien das Thema durchdeklinieren, dann wird es im Wahlkampf verschwinden: Wie kann Deutschland sich im internationalen Wettbewerb behaupten? Wie muss man das Bildungssystem umbauen, um die Schüler und Studenten in kürzester Zeit fit für den Weltmarkt zu machen? Die Betroffenen in Erfurt bekommen ihre psychosoziale Betreuung, für Großschäden durch Terroranschläge haftet seit heute der Staat, die „unausweichlichen Strukturveränderungen“ im sozialen Netz stehen auf der Tagesordnung, gleich nach der Wahl kommt der „Umbau“. Wir sind bereit für die Zukunft, da kann man nicht meckern.

Wie doch die Worte und Sätze locker dahin fließen! Auf der Ebene psychosozialer und politischer Verallgemeinerungen lassen sich Zeilen schinden ohne Ende, doch es befriedigt mich nicht. Das Klagen und Lästern über die „böse Welt“ ändert nicht nur nichts, sondern vermittelt auch immer den Eindruck, der Autor (und der ebenso entrüstete Leser) habe mit alledem nichts zu tun, sondern säße als unbeteiligter Beobachter auf einem Podest hoch über den Niederungen, in denen die Dummen und die Bösen das furchtbare Schauspiel dieser Welt zelebrieren.

Das Eintauchen in solches Schreiben und Lesen ist zwar entspannend. Man tröstet sich mit der Vorstellung, es besser zu wissen und erhaben zu sein – ganz ohne je darüber nachzudenken, inwiefern man selber Teil des Schreckens ist, der als „das Übel“ so angenehm auf Distanz gehalten wird. Und geht zur Tagesordnung über.
Mitmensch on Demand

Zum Beispiel Erziehung. Gewalt, so berichten Kundige in der Folge der Erfurter Schrecknisse, werde von den Jugendlichen heute öfter im Elternhaus erlebt als in der Schule – und weit häufiger als noch vor zwanzig Jahren. Gleichzeitig berichtet ein Radiosender von den Bemühungen des Gesundheitsministeriums, die um sich greifende Medikamentierung der Grundschulkinder zurück zu fahren. Bereits ein gutes Fünftel wird regelmäßig oder gelegentlich mit dem Beruhigungsmittel Ritalin sediert, das eigentlich nur für krankhaft hyperaktive Kinder entwickelt wurde.

Böse Eltern? Die einen sind so hilflos, dass sie schon mal zuschlagen, wenn der Nachwuchs nervt, die anderen benutzen die Errungenschaften der Pharmaindustrie, und wieder andere sind froh, die Kids in der Obhut zweifelhafter Medien sich selbst überlassen zu können: Videos, Computerspiele, vielleicht auch die pädagogisch wertvolle Hörkassette, Hauptsache, sie geben Ruhe!

Mir scheint, das Aufziehen von Kindern ist eine Sache, zu der heutige Individuen immer weniger in der Lage sind – aber ICH habe gerade kein Recht, mich über das Versagen von Eltern zu erregen, denn persönlich bin ich dem Thema Kind lieber gleich ganz aus dem Weg gegangen. Wer nichts macht, macht auch nichts falsch, da lässt sich’s locker kritisieren!

Besser, ich versuche, das Dilemma nachzufühlen: Was ist das Schreckliche an Kindern und Jugendlichen? Was ist der Kern der Überforderung? Immerhin begegne ich ihnen gelegentlich, erlebe Eltern im Umgang mit ihren Sprösslingen, spüre die Erschöpfung bei Freunden und Kollegen, wenn sie sich stundenlang liebevoll und engagiert den Bedürfnissen von 10-Jährigen fügen. Ich kann mich verabschieden, wenn es mir zuviel wird, sie nicht.

Was ist dieses „zuviel“? Es ist das rücksichtslose Eindringen in unsere Blase der Wahrnehmung. Kinder sind noch nicht so sehr „im eigenen Kopf versponnen“ wie der durchschnittliche Erwachsene, der gelernt hat, die Welt und ihre Anforderungen auf Distanz zu halten und sich den Dingen nach eigenem Plan zu widmen. Das Leben wird immer komplizierter, die Anforderungen an den Intellekt steigen. Ich muss jede Menge Informationen aufnehmen und wesentlich mehr Kontakte auf unterschiedlichsten Ebenen pflegen als es noch vor zwanzig Jahren möglich und üblich war. Der Siegeszug der E-Mail (und der SMS) spricht eine deutliche Sprache: Man brettert nicht mehr einfach so rein in ein anderes Leben, indem man jemanden anruft oder gar aufsucht. Nein, man schiebt seine Botschaft in einen elektronischen Speicher, in die Mailbox oder auf den Anrufbeantworter, damit der Andere nach eigenem Gutdünken darauf Zugriff nehme, wann immer es ihm passt. Mitmensch on demand, alles andere wird zur Überforderung.

Wir tragen Scheuklappen, die Jahr für Jahr dichter werden. Die Individualisierung, diese wunderbare Freiheit, Arbeit, Beziehungen, Wohnort, Werte und Bindungen weitgehend selber wählen zu können, verschärft die Lage noch, denn auf Gemeinsamkeiten aus Herkommen und Tradition, auf irgend welche Selbstverständlichkeiten kann niemand mehr zählen. Statt dessen müssen wir uns informieren (= in verwendbare Form bringen) und kommunizieren, taktieren, planen, verhandeln, Kompromisse schließen. Um überhaupt noch zusammen zu wirken, bedarf es des ständigen Stroms medialer Berieselung und jeder Menge technischer Interfaces, die ihrerseits hohe Anforderungen an die Lernfähigkeit mit sich bringen. Alles zusammen ergibt eine extrem einseitige Belastung des Intellekts, zwingt zur Rationalität, zum berechnenden Denken, das immer eine Zukunft plant und das „Jetzt“ nur als Mittel zum Zweck betrachtet. Gefühle sind dabei eher störend und der Körper wird – wenn überhaupt – mühevoll fit gehalten, damit er im üblichen Sitzleben nicht vorzeitig ausfällt.

Leben aus dem Tunnelblick: Ich nehme nur wahr, was mir nützt und was in meinen Plan passt. Anforderungen von außen sind Störfaktoren, die es zu bekämpfen gilt – gibt es überhaupt noch ein „außen“? In vielen Köpfen offensichtlich nicht. Der Status quo des Tunnelblick-Bewusstseins wird jedoch selber zum Störfaktor mit zunehmender Neigung zum Katastrophischen. Vor einer Berliner Grundschule ist gerade ein Spielgerät zusammengebrochen, einige Kinder brachen sich Arme und Beine: Es war eine Art Karussel auf einem Holzstamm, der im Sandboden steckte. Bei jedem Regen stand lange das Wasser um den Stamm, das hatten viele gesehen und konnten es in die Mikrophone erzählen. Aber nie war jemand auf die Idee gekommen, der Stamm könne durchfaulen, natürlich nicht, niemand hat Zeit, an so etwas zu denken. Und wenn doch, wäre man ja gewiss nicht zuständig!

Vor drei Wochen versuchte ich, in einer sozialen Einrichtung bei mir um die Ecke einen Raum für einen Abend pro Woche zu mieten – und zwar zu einem festen Starttermin. Die Angestellten waren freundlich, sagten zu allem „ja gerne“, hängten sogar meine Ankündigungsplakate auf, auf denen der Termin stand. Und sie sprachen davon, dass sie mir einen Schlüssel machen lassen würden, damit ich in die Räume komme – insgesamt vier Leute sprachen immer wieder davon, waren weiterhin freundlich, schoben sich das Vorhaben gegenseitig zu und verwiesen aufeinander – letztlich aber brachten sie es nicht zustande, auch zu tun, was sie sagten! Ich war nicht mal richtig sauer, so seltsam kamen sie mir vor: wie Zombis in einem Traum, zu denen man einfach nicht durchdringt, egal, wie laut man schreit.

Wieviele Menschen wohl in diesem Zombi-Tum ihr Leben verbringen? Wie oft bin ich selber so? Können uns bald nur noch Amok-Läufer, Selbstmordattentäter und Kamikaze-Piloten für ein paar Augenblicke aus dem täglichen Schlaf aufstören?

Ob dieser Text, in dem ich mir das Ganze für heute von der Seele schreibe, ein wenig wacher macht? Glaub‘ ich nicht, Worte werden maßlos überschätzt. Wir lernen allein durch die Folgen unserer Taten – im Moment tut mir zum Beispiel der Rücken vom langen Sitzen weh, besser, ich mach‘ jetzt Schluss und gehe ein bisschen im Zimmer umher.

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Claudia am 15. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Sumpfpegel steigend

Sumpfpegel steigend

Schon den ganzen März über gelingt es mir nicht, etwas über die Welt „da draußen“ zu schreiben. Wenn sich der Blick unvorsichtig vom Detail abwendet und diese seltsame Gesellschaft im Niedergang ins Auge fasst, wird mir so schlecht, dass der Schreibimpuls gleich wieder verschwindet. Es verschlägt mir die Sprache, stumm stiere ich auf den blinkenden Cursor und schließe dann das Schreibprogramm. Nicht lästern, nicht jammern, weder spöttische Kolumnen, noch tief entrüstete Tiraden, keine Relativierungen und Distanzierungen, uberhaupt kein Zuschütten fremder Gehirne mit noch mehr überflussigem Ballast – das ist die letzte Zärtlichkeit fürs große Ganze, die ich derzeit zustande bringe.

Manchmal kommt mir dann der verrückte Gedanke, mich völlig abzuwenden, nicht nur, was das Schreiben angeht. Warum interessiert mich das alles uberhaupt noch? Es zwingt mich ja keiner, die täglichen Widerlichkeiten fortlaufend zur Kenntnis zu nehmen. Die Ausbreitung des Sumpfes aus Korruption, Betrug und hemmungsloser Gier, die Ausplunderung sozialer Netze, die gut-gelaunte Beraubung wehrloser Noch-Steuerzahler – all dem kann ich sowieso nichts entgegen setzen – warum also uberhaupt noch hinsehen?

Manche meinen (und schreiben das sogar in ihre Webtagebücher), es gehe uns zu lange schon zu gut. Mal wieder ein Krieg wäre gar nicht so schlecht, er würde die Menschen aufwecken, das tagliche Lügen und Betrugen auf einen Schlag beenden – Wahrheit unter Stahlgewittern? Mir gruselt!

In Berlin ist das Hauen & Stechen im Kampf um die Zuwendungen der unter Schuldenbergen versinkenden öffentlichen Hände gerade besonders extrem. Jede Abendschau bringt die neuesten Sparbeschlüsse, dann die heftigen Proteste der Betroffenen, routiniert veranstaltete Demonstrationen, das tägliche „Nein“ der Gewerkschaften zu jeglichen Kurzungen; dazu immer neue kriminelle Aktivitäten von Ärzten, Apothekern und Sozialamtsmitarbeitern, die sich locker aus den Kassen und Steuertöpfen bedienen, in die wir alle einzahlen. Kontrolle findet nicht statt, wer sollte die denn ausüben, wie sollte man das finanzieren und organisieren???

Die Software ist schuld, sagt man im Sozialamt, die kontrolliert die Abbuchungen der Sachbearbeiter nicht, was will man da machen? Ärzte rechnen Unsummen über die Behandlung unzähliger „Patienten“ ab, die niemals bei ihnen in der Praxis waren, ganze Kartelle fliegen auf, die sich die „Kärtchen-Daten“ massenweise gegenseitig weiter reichen, die Staatsanwaltschaft ist überlastet und wird sowieso nur zufällig findig. und jeder Politiker und Funktionär, der in diesen Tagen einem Mikrofon zu nahe tritt, ist tief entrüstet! Böse Ärzte! Hey, ich erinnere mich noch sehr gut, dass das einzige Mittel, das diese Betrügereien effektiv verhindern könnte (nämlich den Patienten Rechnungen zu schreiben, wenn sie in der Praxis waren), zu Zeiten Andrea Fischers nicht beschlossen werden konnte: angeblich wurde man sich nicht einig, wer das Porto zahlt! auch aus der Speicherung verschriebener Medikamente auf der Mitgliedskarte ist nichts geworden, aus Datenschutzgründen, wie es heißt, doch faktisch wird hier einfach ein Freiraum zum unkontrollierten absahnen verteidigt – MIT Hilfe der Politiker.

Der Bäcker um die Ecke hat dicht gemacht, das Nichts breitet sich aus, zumindest in Gestalt leerer Laden. Gegenüber der Turkey wollte seinen Getränkestützpunkt verkaufen, muss aber nun doch weiter machen, denn er wird nicht aus dem 10-Jahresvertrag entlassen, wenn der Käufer nicht MEHR Miete zahlt – dabei berappt der arme schon seit Jahren einen total überteuerten „Nach-der-Wende-Preis“. Nicht weit davon sitzt eine nette Frau die letzten Monate ihres Jahresvertrags in ihrem Secondhand-Laden ab, sie hat ein Existenzgründerverfahren hinter sich, aber keine Kunden – leicht absehbar in dieser Nebenstraße ohne Laufpublikum, da muss ich kein professioneller Berater sein, um das zu bemerken. Keine Bankgesellschaft hilft solchen Menschen, sie können niemanden bestechen und haben das Pech, nicht von öffentlichen Mitteln, sondern vom Endverbraucher zu leben. Der macht sich rar zur Zeit, behält sein Geld bei sich, guckt Abendschau und beobachtet das „sozial ausgewogene Sparen“. Nicht sparen müssen die Glücklichen, an die die Manager der Bankgesellschaft diese tollen Immobilienfonds mit der für 23 Jahre zugesicherten Rendite verteilt haben – obwohl die Immobilien bereits leer standen. Berlin hat das jetzt für die nächsten 23 Jahre im Haushalt, na klar! und die Verantwortlichen beziehen noch über Jahre ihre Pensionen und Abfindungen in Millionenhöhe, da kann man auch nichts dran andern, Vertrag ist Vertrag.

Ach, jetzt hab‘ ich mich ja doch hinreißen lassen, im Sumpf zu wühlen! Zur Zärtlichkeit durch Schweigen hat es heute leider nicht gereicht. Gibt es vielleicht was Positives, so für den Schluss? Das mit öffentlichen Mitteln aufwendig restaurierte Altberliner Klohäuschen am Boxhagener Platz soll Ende März wieder eröffnet werden, lese ich im Wochenblatt. Ob man das glauben soll? Es war schon letztes Jahr fertig, doch nach wenigen Tagen ereignete sich ein Wasserrohrbruch, das „aus“ für die Anlage – wer sollte denn auch die Reparatur bezahlen???? Bis zum Wintereinbruch beschwerten sich die Anwohner fortlaufend über den Gestank – es ist ja nicht so, dass die Leute sich hier NICHT erleichtern, nur weil das Klohäuschen dicht hat! Nichts hat geholfen – aber JETZT, inmitten der schlimmsten Sparmaßnahmen, soll das „Café Achteck“ wieder öffnen? Vielleicht ein Zeichen des kommenden Aufschwungs…

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Claudia am 15. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Worte, Taten – meditieren?

Worte, Taten – meditieren?

„Wissen, Wollen, Wagen, Schweigen“ – der uralte Merkspruch aus der abendländischen Magie kommt mir gelegentlich in den Sinn, wenn ich darüber nachdenke, wieviele Vorhaben und kreative Ideen einfach versacken, anstatt realisiert zu werden. Das liegt nicht allein an Trägheit, mangelnder Energie oder an den Schwierigkeiten, die plötzlich auftreten. Das letzte Stündlein einer angedachten Veränderung schlägt oft schon dann, wenn man darüber redet, gar darüber schreibt und das veröffentlicht.
Ich liebe Fernsehdokumentationen über naturnah lebende Völker, zum Beispiel über die Nomaden in Kasachstan und Sibirien. Der Kontrast zu unserem Leben könnte nicht größer sein, und immer wieder wundere ich mich, wie sie es aushalten, von morgens bis abends für das bloße überleben hart zu arbeiten – allenfalls noch für ein einziges großes Fest im Jahr. So etwas wie „Freizeit“ ist ihnen unbekannt und mir scheint, deshalb reden sie kaum darüber, was sie jetzt tun sollten, warum sie es tun und was daran anders vielleicht besser wäre. Veränderungen entstehen – wenn überhaupt – aus Notwendigkeit, nicht aus endlosen „Besprechungen“.

Freie Zeit – zwanghaft folgenlos?

Die „Freizeitkultur“ ist ein schwarzes Loch, ein als luxuriöse Errungenschaft gepflegtes Grab sämtlicher Veränderungsimpulse. Klar, in der Freizeit führt man zweckfreie Gespräche, erhält Anstöße für manches umdenken, es entstehen neue Wünsche und Meinungen – aber dann ist sie wieder ‚rum, die Freizeit, und der arbeitsalltag hat seine eigenen Gesetze. Es ist unendlich mühsam, eine erwünschte und rundum „besprochene“ Veränderung tatsächlich im Leben zu verwirklichen. Das geht mir immer wieder so, in kleinen und größeren Dingen. als ob ein Tabu über der freien Zeit läge: hier hat alles Platz, die Welt der Möglichkeiten kann sich schrankenlos entfalten, nur folgenlos muss es bleiben, sonst wär‘ es doch keine FREI-Zeit!
Ich treffe einen Bekannten, wir erzählen, was wir so machen und was wir von der Welt in diesem und jenem Punkt denken. Schon bald sind wir dabei angekommen, über Ideen, Vorhaben und „Probleme“ zu sprechen, die Gedanken fliegen, die Stimmung ist gut, ein Gefühl von aufbruch mag sich einstellen. Dann ist die Zeit vorbei, man verabschiedet sich und widmet sich wieder dem alltag, ganz wie gehabt. Wer kennt das nicht?

Oder ich hab‘ gerade ein Stück notwendige Arbeit hinter mich gebracht, nichts Zwingendes liegt an – was jetzt? Eine innere Stimme sagt: Jetzt hast du so anstrengend gearbeitet, du kannst doch nicht einfach so weiter machen! Abspannen ist angesagt – ich leg mich dann aufs Bett und lese einen literarischen Krimi, blättere in der ZEIT, guck mir Weltspiegel und Nachrichtensendungen an – und meine innere To-Do-Liste bleibt unabgearbeitet.

Die innere Liste

Diese To-Do-Liste füllt sich von ganz alleine und bildet sozusagen einen Arbeitsplan für die freie Zeit: Ich sollte 5 Kilo abnehmen, sollte öfter ins Fitness-Center gehen, endlich wieder aufhören zu rauchen und weit mehr trinken (Wasser!). Ich sollte mir ein Ehrenamt suchen und einen neuen Draht finden, aktiv am politischen Leben teil zu nehmen. Ich sollte meditieren, mir wieder mal ein anderes Sitzmöbel zulegen, mich mehr weiter bilden und meine diversen Projekt-Ideen konsequent umsetzen… ich sollte, ja. aber ich machs nicht, bzw. nur gelegentlich und mit Mühe, nicht „im Fluß“ des ganz normalen Lebens.

„Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen!“, wird gerade hier überall plakatiert. Mir scheint, nicht nur ich kämpfe mit seltsamen Formen von Stagnation. Ein Mehr an Kommunikation ist dabei vielleicht gerade kontraproduktiv. Wir können uns nicht von oben oder außen sagen lassen, wie wir „rucken“ sollen! Gerade diese innere Ausrichtung auf die Stimmungen eines „man“, seien es plakatierende Verbände, die Beschwörungen der Obrigkeit, die in den Medien veröffentlichten Meinungen oder die Bedenken und Interessen konkreter Gruppen und Individuen, mit denen wir interagieren: es lähmt eher. Es füllt vielleicht die innere To-Do-Liste weiter auf, doch die ist letztlich nur eine Bürde, die mich behindert, das zu tun, was NOT-wendig ist, und das zu sehen, was WIRKLICH ist.

Die Liste zusammenstreichen

Vor etwa einem Jahr hab ich es gewagt, das „Du solltest meditieren!“ von meiner inneren Liste ersatzlos zu streichen. Natürlich hat mir das niemand aufzwingen wollen, die innere Liste ist ja eine Sammlung ureigenster Ansprüche, Vorstellungen und Wünsche. Wie viele meiner Generation las ich lebenslang immer wieder Bücher über Meditation, kam gelegentlich in Kontakt mit Gruppen, die Meditation üben, hatte faszinierte Phasen, in denen ich ernsthaft versuchte, täglich zu „sitzen“ – und nicht zuletzt gehört es untrennbar zum Yoga, den ich seit mehr als 10 Jahren praktiziere, in unterschiedlicher Intensität. Die letzen 20 Minuten einer Yogastunde sitzen wir still in der Runde – und das ist gut so, der Körper ist durch die übungen ruhig geworden, ein schönes Loslassen, kein Problem.

Anders das „engagierte Meditieren“, diese fruchtlosen Versuche, durch Selbstdisziplin im rituellen „Sitzen“ irgend etwas zu erreichen. Immer wieder andere Meditationsweisen: den Gedankenfluß beobachten, Bilder imaginieren, Worte, Sprüche, Töne, Empfindungen als Focus benutzen, es gibt ja so vieles! Sich dabei immer ein bißchen komisch vorkommen: Meditation ist das Gegenteil von „etwas erreichen wollen“ – warum um Himmels Willen mach‘ ich das also?

Genug davon, das liegt weit hinter mir. Nur stand es noch ziemlich lange auf der inneren To-Do-Liste: „Du sollst meditieren, vielleicht nicht jetzt, vielleicht später, aber irgendwann ganz bestimmt!“ Immer wollte ich jedoch andere Dinge lieber tun, und eines schönen Tages kam mir der Gedanke: Sitzen? Den Teufel werd‘ ich tun! Ich werde mich setzen, wenn alles getan ist, was ich lieber tue, keine Sekunde vorher!

Ich vergaß Meditation. Sogar wenn sie mir in einem Buch begegnete oder in einem Gespräch, kam der Ich-sollte-Gedanke nicht mehr auf. Schließlich denke ich auch sonst nicht bei allem, was ich sehe, dass ich das auch brauche.

Tatsächlich interessiere ich mich für ganz andere Dinge. Zum Beispiel ist es ungeheuer spannend, zu beobachten, wie während des Sitzens vor dem Monitor unzählige Impulse von außen und innen um meine Aufmerksamkeit kämpfen. Ich arbeite mit ca. acht offenen Programmen, zappe vom Schreiben eines Textes zum Bearbeiten eines Bildes hin zum Coding einer Website – alles immer wieder unterbrochen vom Lesen der hereinkommenden E-Mails. Ich „besuche“ 12 verschiedene Mailinglisten, zwar nur punktuell, aber wenn ich in eine „reinlese“, dann entführt das meinen Geist wieder in eine ganz neue Richtung. Im Laufe eines Tages bin ich bestimmt mit 50 verschiedenen Themen befaßt und arbeite an fünf bis zehn aufgaben, unterbrochen von unüberschaubar vielen freiwilligen und unfreiwilligen Ablenkungen. Die Zerstreuungsmaschinerie, der ich mich so fortlaufend aussetze, ist beispiellos, nie da gewesen und es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch irgend etwas zustande bringe.

Und wie das dann weiterläuft, wenn ich den Monitor mal verlasse! Viele Themen hallen nach, der Geist ist noch immer „im Summs“, aber es entspannt sich ein klein wenig, man spürt den Versuch, eine Ordnung hinein zu bringen, etwas will neue Prioritäten setzen. Wer? Was? Ich schau doch nur zu! Die innere To-Do-Liste bringt sich in Erinnerung, andrerseits ist da auch diese geistige Müdigkeit, die mich dazu veranlasst – einfach mal so zum abspannen – die Aufmerksamkeit auf eine Körperempfindung zu focussieren, den Atem zum Beispiel. auf dem Laufband im Fitnesscenter geht das recht gut, im Liegen ziehe ich das Strömen und Gribbeln in den Muskeln vor. Oh, wie entpannend! als würde man das Hirn in klares Quellwasser und reine Luft tauchen! Doch gleich sind sie wieder da, die planenden und berechnenden Gedanken, ein Stück weit folge ich ihnen, dann fällt mir wieder ein: Ich MUSS ja nicht, gönne mir ja gerade eine PAUSE, – kehre also zum Atem zurück, genieße die zunehmende Verlangsamung dieses hektischen Hin und Hers. Und plötzlich: ein Augenblick ohne Denken, ohne alles, ohne MICH. Eine Lücke in alledem – was war das? Wie könnte ich diese Lücke nochmal erzeugen, wieder erleben, genauer betrachten? Aber WER sollte da WAS betrachten, wenn da doch „gar nichts“ war???
Sehr seltsam, aber doch interessant. Was so alles vorkommt in einer kleinen Pause! Jetzt liege ich manchmal ein wenig länger, bevor ich zur Zeitung greife – und nach diesem Artikel geh ich aufs Laufband. Gottlob muß ich ja nicht „sitzen“, brauch‘ nicht zu meditieren…

Vielleicht wär‘ es eine gute Idee, auch den anderen Kram von der Liste zu streichen?

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Claudia am 26. März 2002 — Kommentare deaktiviert für Was geht mich das an?

Was geht mich das an?

In Berlin wurde gestern ein Mann zu 16 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Er hatte seine Frau auf deren Verlangen erdrosselt, weil sie ihr Luxusleben nicht gegen ein Dasein in Armut tauschen wollte. Beide konnten den Niedergang ihres dereinst florierenden Textilgroßhandels nicht aufhalten und standen vor dem Nichts – so die Berliner Abendschau.

Das ist mal ein verständnisvolles Urteil, milde gesagt. Soviel Mitgefühl und Nachsicht wird dem gemeinen Ladendieb nicht entgegen gebracht. Ob das ein Hinweis sein soll, eine Art guter Rat, wie mensch mit dem sozialen Abstieg umgehen soll?

Demnächst werden – egal, wer die Wahl gewinnt – etwa 250.000 Leute von der Arbeitslosenhilfe in die Sozialhilfe verschoben. „ALHI“ soll nämlich abgeschafft, bzw. „mit der Sozialhilfe zusammengelegt“ werden. Ein Thema, das derzeit kaum jemanden bewegt, lieber entrüstet sich die Welt über die „inszenierte Entrüstung“ der CDU im Bundesrat. Wenn es aber dem lieben Vieh an den Kragen geht, dann kocht der Volkszorn: der Berliner Finanzsenator hat angedacht, einen der beiden Zoos zu schließen, die Reaktionen sind heftig! Ich vermute mal, an der Stelle wird der Sparwille keinen Schritt weiter kommen, nicht, solange nicht mindestens eine der drei (!) hochsubventionierten Opern geschlossen wird.

Im Forum schreibt Wodile zum Thema „Sumpf“:

„Im Grunde genommen durchzieht unsere Gesellschaft inzwischen nur noch ein einiziges „hau jedem eins auf die Fresse, bevor er Dir eine reinhauen könnte“.

Das hat zwar ein paar individuelle Vorteile, bringt das Gesamtgebilde derzeit aber spürbar zum Einknicken. Ohne zumindest einen grundsätzlichen Solidargedanken funktioniert nämlich auf Dauer keine Gesellschaft. Es gibt dann keine wirkliche Entwicklung mehr, sondern nur noch Stagnation und läppische Verteidiung jedes noch so kleinen Status Quo. Bildlich ausgedrückt: es werden keine neuen Kuchen mehr gebacken, sondern nur noch die alten Kuchenstücke von gestern mit allen Mitteln verteidigt. Essen kann man die irgendwann aber auch nicht mehr.

Im Grunde genommen ist daher das derzeit fehlende „qualitative Wachstum“ gar nicht die Schuld der Politik, sondern der herrschenden Lebensphilosophie. Mit der kann es nämlich gar nicht mehr entstehen.“

Bin mal gespannt, ob der Appetit auf die „Kuchen von gestern“ nicht irgendwann in Übelkeit umschlägt. Aber vermutlich geschieht das eher nicht, Veränderungen kommen praktisch nie von denjenigen, denen es (noch) gut geht, sondern erst, wenn für relevante Minderheiten die Karre so richtig im Dreck steckt. Traurig, aber wahr. Trotzdem kann man sich das nicht etwa deshalb wünschen (der alte RAF-Standpunkt: Verschärfung der Widersprüche), denn aus Unglück, Wut und Angst entsteht nicht zwangsläufig kreatives Engagement und neues Miteinander, sondern vor allem Verzeiflung, Haß und Gewalt, mehr, nicht etwa weniger Hauen & Stechen.

Ich und die Anderen

So manchem ist in diesem Diary derzeit zuviel von Politik die Rede. Das langweilt, turnt ab, und überhaupt: Was soll denn ein Einzelner da machen! Schon der Gedanke, dass man hier persönlich gefragt wäre, ist irgendwie unangenehm, nicht? Ich wenigstens empfinde das so – im Moment, solange die Dinge noch so festgefahren wirken, daß man nur in uralte Schubladen (Parteipolitik z.B.) einsteigen und dort scheitern könnte (oder ein Teil des Problems werden).

Es ist allerdings eine Illusion, zu glauben, man könne seine Haltung zur Gesellschaft frei wählen, etwa einfach umsteigen vom zynisch-ignoranten „jedes Volk hat die Regierung, die es verdient“ zur großen Anklage „der Kapitalismus ist an allem schuld“ – oder gar von diesen beiden Sichtweisen zur reinen „Selbstbeobachtung“ wechseln, für die eine Welt da draußen – sofern sie überhaupt existiert – ohne Bedeutung ist (…solange die Kohle reicht…). Die einen vergesellschaften ihr persönliches, selber angerichtetes Elend, indem sie es der Gesellschaft zurechnen und diese dann bekämpfen, anstatt mal in den Spiegel zu sehen. Die anderen beziehen ihre Sicht der Welt aus persönlichen Erfolgen, aus zufälligem Glück und freundlichen Umständen: Wenn es mir so gut geht, dann muß es doch an jedem einzelnen selber liegen, daß die nicht alle auf ähnlich grünen Zweigen hocken und den Tag loben! Ab ins Motivations-Seminar: Tschekkaaaaaaaaaahhhhh!

Nö, ich mach mich hier nicht über andere lustig. All diese Haltungen hab‘ ich schon mal ganz persönlich ausgelebt und für die einzige Wahrheit gehalten. Und das sagt mir vor allem eines: Ich bin nicht autonom, nicht die objektive Beobachterin dessen, was geschieht, sondern in hohem Maße ein Teil von allem, sowohl Ursache als auch Ergebnis, Opfer und Täterin – immer gleichzeitig.

Was der Einzelne machen kann? Eine falsche Frage, es muss heißen „was kann ich machen?“, bzw. besser noch „was will ich machen?“ Nicht aus einem „grundsätzlichen Solidargedanken“ heraus, der ist viel zu abstrakt und moralisch. Sondern aus dem Leiden heraus: Was stinkt mir wirklich? Was vermisse ich so sehr, dass es schmerzt?

Das ist nicht schwer heraus zu finden: Mir fehlen Zusammenhänge, in denen sich Menschen außerhalb des Marktes begegnen, gemeinsame Aktivitäten, die nicht so organisiert sind, daß einer der Anbieter und die anderen die Konsumenten sind. Ich will nicht mehr Eintritt bezahlen, um Gemeinschaft zu erleben, mich „weiter zu entwickeln“ oder gar, um meinen Seelenfrieden zu finden. (Deshalb zur Kirchgängerin zu werden, ist irgendwie nicht die richtige Lösung.) Vielleicht tun sich ja Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten auf, wenn der Staat jetzt seine Aktivitäten zurückfährt und große Lücken aufreißen, die nicht mehr mit Geld gestopft werden können. Wenn das „Soziale“ und Kulturelle nicht mehr nur mit Staat, sondern wieder mehr mit uns zu tun hat…

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Claudia am 06. März 2002 — Kommentare deaktiviert für Der Mörder brauchte Froschblut!

Der Mörder brauchte Froschblut!

Morgens gleich die SPAM-Lawine: bei mir sind es immer so ca. 10 bis 20 Mails, glücklicherweise am Titel erkennbar, nacheinander lösche ich sie weg: Register to your dream vacation! New product mp3 clock! Low Cost Merchant Account! Fatnews.de Newsletter – ach, was deutschsprachiges, was ist denn wohl fatnews?? Tonnen von Nachrichten oder Nachrichten für Tonnenschwere? Ich klicke mal hin, aha, ersteres. Naja, Nachrichten ist vielleicht nicht das passende Wort: Mann beim Sex mit Ziege erwischt, Wurde Pornostar Lolo Ferrari ermordet? Essen für den Hund – In Singapur gibts das! Ein Schwammwesen siedelt sich im Hafenbecken an und zerstört alle Tiere und Pflanzen … Und das soll man also auch noch Freunden empfehlen, gleich beim ansurfen springt ein zweites Fenster auf, das um Mailadressen von Bekannten bettelt…. Weiter → (Der Mörder brauchte Froschblut!)

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Claudia am 28. Februar 2002 — Kommentare deaktiviert für Menschen technisch verbessern?

Menschen technisch verbessern?

Die Gen-Debatte ärgert mich. Nicht weil da „Grenzen überschritten“ werden, die uns Gott, die Natur oder sonstwer auferlegt hätte, sondern wegen der verwirrten und verwirrenden Diskussionsweise. Man redet ohne Geschichte, bzw. benutzt die Geschichte allenfalls als Selbstbedienungsladen zur Untermauerung eigenen Wollens & Meinens. Ein gutes Beispiel ist die gerade wieder laufende Auseinandersetzung um die PID (=Selektieren der Embrionen vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter). England hat es jetzt in einem Fall erlaubt und alle schreien AUWEIA! Weiter → (Menschen technisch verbessern?)

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Claudia am 15. Februar 2002 — Kommentare deaktiviert für Geborgen im Detail – von den Freuden des Idioten zum einen Geschmack

Geborgen im Detail – von den Freuden des Idioten zum einen Geschmack

In den letzten Tagen, die ich wegen der technischen Erneuerung des Diarys mehr oder weniger im Code versackt zubrachte, ist mir aufgefallen, was für ein „stilles Glück“ diese Reduzierung des Bewusstseins auf einen kleinen Teilaspekt der Welt doch mit sich bringt. Weniger ist tatsächlich mehr, Beschränkung tut gut, ist das nicht seltsam?

Man bewegt sich in einem Raum aus Vorschriften und Methoden, der – zwar weitläufig und in Teilen unbekannt – erst erforscht und erlernt werden muss, aber doch insgesamt ein Gefühl der Sicherheit und Übersichtlichkeit vermittelt: Das Ziel ist klar, alles, was mir auf dem Weg begegnet, ist von Menschen geschaffen, die sich etwas dabei gedacht haben. Nicht das große Unbekannte, „ganz Andere“, nicht Natur, Gott oder gar Mitmensch lauern in den Weiten der Details, sondern die Gesetze der Logik, umgesetzt in lernbare Algorithmen, ergeben ein Gefühl der Sicherheit und Berechenbarkeit, das im „realen Leben“ immer mehr im Schwinden begriffen ist.

Auch wenn ich mich gewöhnlich als durchaus weltkompatibel einschätze, fähig, auf den Wellen der Existenz „surfend“ zumindest den Kopf oben zu behalten und das Herz nicht zu vergessen, stelle ich doch fest, wie GUT das tut. Alles ausblenden, was nicht zur „einen Aufgabe“ gehört, sich ganz auf das „Wie“ konzentrieren und keine Was-, Warum- oder Wer-Fragen zuzulassen: Wow, das ist Urlaub von den vielen Fronten des Daseins! Und so wird es möglich, sich an die Zeichenketten eines Codes wohlig anzuschmiegen wie an den warmen Sand eines Sonnenstrands im Süden.

…und noch mehr:

Diese vermeintliche Geborgenheit in einer, verglichen mit dem Weltganzen lächerlich unwichtigen Detailwelt, ist noch nicht einmal der ganze Spaß. Man wird auch von der Langeweile befreit, diesem wabernden Nichts, das sich in jeder Lücke zwischen den einzelnen Akten des Handelns, Denkens, Genießens und Leidens ausbreitet – immer dann eben, wenn die Frage „Was jetzt?“ nicht zwingend und unausweichlich zur einzigen lebensrettenden Antwort führt. Und wann ist das heute schon noch?

Das Wesen der Langeweile ist das Leiden, vom Dasein als Ganzem nicht angesprochen zu sein. Dieser Gedanke Heideggers ist die beste, mir bekannte Beschreibung des Phänomens. Langeweile durchdringt und erfüllt die Leerräume des Daseins, leer in dem Sinne, dass sie uns nichts sagen, uns nicht fordern, nicht einmal mehr beängstigen. Was soll ich hier? Was liegt an? Warum dieses tun und nicht jenes? Wenn ich im Augenblick nichts Konkretes tun muss, sondern auch anders kann, hat Langeweile ihre Chance.

Ich weigere mich, die beliebte Rede vom „Auf-sich-selbst-zurückgeworfen sein“ zu übernehmen, weil ich nicht behaupten will, zu wissen, was ein „Selbst“ ist. Auf jeden Fall ist da etwas, das die Welt beständig auf Chancen und Gefahren hin durchcheckt – der Scannerblick eines Wesens, das Überleben und Genießen will, und deshalb sämtliche Eindrücke und Informationen durch seine „Nützt-mir/schadet-mir-Filter jagt, alles andere gar nicht erst wahrnehmend.. Sobald sich dabei ein Leerlauf ergibt, weil zum Beispiel Sattheit und Sicherheit zumindest für den Augenblick und die überschaubare Zukunft erreicht sind, verliert dieses Wesen seinen Sinn. Man könnte auch dramatisieren und sagen, es drohe ihm der Tod – eine pathetische Formulierung, die ich aus der Erfahrung der Langeweile nicht wirklich herausfühlen kann. (Nicht umsonst gibt es ja verschiedene Worte für Langeweile und Angst.)

Langeweile nervt! Bis zum Schrecken, der vielleicht doch hinter ihr noch lauert, lasse ich es ja gar nicht erst kommen. Ausweichen scheint so leicht, wenn es auch mit zunehmendem Alter schwieriger wird, auf „Neues“ abzufahren. Das „Neue“ erweist sich nämlich immer öfter als das Altbekannte in neuem Outfit, und um der Langeweile weiterhin zu entgehen, müsste man die Geschwindigkeit des Reality-Zappings ständig erhöhen, damit dieser Erkenntnis und der ihr folgenden Ernüchterung keine Zeit bleibt, sich zu ereignen – wir sind ja dann schon „fort“ geschritten…

Leider ist Beschleunigung nun nicht gerade das, wonach man sich in der zweiten Lebenshälfte sehnt. Also findet sich der alternde Mensch – hängend zwischen Scylla und Charybdis -psychophysisch zu anderen Verhaltensweisen genötigt. Die Hoffnung, dass, wo „neu“ drauf steht, auch neu drin ist, nimmt immer mehr ab, und man wird bereit, immer länger in der Langeweile zu verharren. Beobachten, was ist, bzw. was fehlt; ausprobieren, wie man es trotzdem ganz gut aushält; über all das nachdenken – was will man sonst auch machen?

Dabei gewinnt die Frage, was es denn bedeuten mag, „vom Dasein als Ganzem angesprochen“ zu sein, immer größere Kraft. Gerade die Schmalspurigkeit der allzeit und überall aufgedrängten Zerstreuungen und Erregungen ist es ja, die die Leere immer besser durchscheinen lässt. Was also wäre ihr Gegenteil? Kann man es finden, besitzen, anwenden, und ist man dann auch wirklich gerettet?

Donnerworte des Daseins

Wenn ich innerlich aufliste, was mir zum numinosen „Angesprochen-Sein vom Ganzen“ so alles einfällt, sind es durchgängig intensive Breitband-Erfahrungen von einiger Wucht, die alle Ebenen des Daseins in Beschlag nehmen. Denken, Fühlen, Empfinden, Wahrnehmen – alles muss sich an der Antwort beteiligen, kein Teilaspekt kann sich irgendwie heraushalten und „business as usual“ praktizieren. Kein „Alltag“ mehr, keine Masken und Rollenspiele, kein modulhaftes Leben als „verteiltes System“. Ausnahmezustand.

Ausnahmezustand? Krieg, Todesgefahr, Stahlgewitter, Erdbeben, Ernstfall, 11.September, die Assoziationskette des großen Schreckens drängt sich bei diesem Begriff geradezu auf. Im „realen Leben“ dagegen steht eher das Wunderbare und Freudige, oft auch Abenteuerliche im Focus der Betrachtung, wenn man sich danach sehnt, vom Ganzen erfasst zu werden: Frühlingserwachen, heftige Verliebtheit („falling“ in Love), physische Extremerfahrungen, Euphorie, Orgasmus, Ekstase und Erschöpfung, mystische Verzückungen, eine neue, hochwichtige Lebensaufgabe – es kann gern auch mal eine politisch-soziale Bewegung, Revolte oder Revolution sein. (Der nationalsozialistischen Revolution hat Heidegger es immerhin eine Zeit lang ernsthaft zugetraut, das „sprechende Ganze“ in der Welt zur Wirkung zu bringen).

All diese Ausnahmezustände stehen mir nicht zur beliebigen Verfügung, sonst wären es ja keine. Von der Machbarkeit her gesehen, ist es also sinnlos, weiter über ihr Fehlen nachzudenken. Darüber hinaus fallen sie in ihrer Mehrheit noch nicht einmal ins Reich der Wünschbarkeiten, das tröstet über die mangelnde Machbarkeit doch einigermaßen hinweg. Wenn ich mir dazu noch die kleinen Paradiese genauer ansehe, in die ich mangels Alternative gelegentlich doch gelange – zum Beispiel ein paar Tage im Web-Coding versacken – dann frag ich mich, was eigentlich der wesentliche Unterschied ist zwischen den „Donnerworten des Daseins“ und dem lockeren Geplauder meines Alltags at its best. Ist da wirklich ein qualitativer Unterschied und nicht nur ein quantitativer?

Immer handelt es sich doch um eine REDUZIERUNG von Bewusstsein. Im Augenblick einer Todesgefahr werde ich zwar all meine Wesensbestandteile aufbieten, um auf die Gefahr zu reagieren (und sie dann vielleicht zum ersten Mal in dieser Gänze wahrnehmen) – aber doch unter dem einzigen Zweck, das persönliche Überleben zu gewährleisten. Also in der schärfstmöglichen Verdunkelung, in der man sich angesichts der Fülle des Seins befinden kann: Schotten dicht, Alarmstufe Rot, Überlebensalgorithmen „on“.

Die anderen genannten Erfahrungen funktionieren ähnlich: Wenn es wirklich zum „Vom Ganzen erfasst -Gefühl“ kommt, dann nur deshalb, weil ein Teilbereich des Daseins kurzzeitig den gesamten Platz im Bewusstsein einzunehmen in der Lage ist. So kulminiert zum Beispiel sexuelle Erregung im Orgasmus, indem vornehmlich physisch wahrnehmbare Empfindungen sich ausweiten und andere Prozesse still stellen. Aber auch wenn „nur“ der erste Tropfen eines süßen Likörs auf die Zunge trifft und unverhofft den „einen Geschmack“ entfaltet, geschieht dieselbe Verengung. Es ist nur weit schwieriger, sich auf den kleineren Reiz einzulassen und die Reduzierung als Tor zur Fülle zu nutzen.

Für jetzt will ich diesen ins Nirgendwo führenden Überlegungen nicht weiter folgen. Ausweichen ist angesagt, ich sitze hier schon viel zu lange still! Für jetzt muss es mir reichen, festzustellen: Ausnahmezustände führen in die Illusion, sie unterscheiden sich nur in der Intensität von „normalen“ Erfahrungen und gehen wie diese vorüber. Was bleibt, ist die Langeweile – doch sie wird zunehmend interessanter.

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