Thema: Autobiografisches

Claudia am 02. November 2001 — Kommentare deaktiviert für Identität und Gewohnheit

Identität und Gewohnheit

Derzeit rauche ich wieder. Nicht viel, nicht mehr so, daß das Zimmer total verqualmt ist, aber immerhin: Das „innere Gestell“ ist wieder da und stützt meinen Tag.
 
Die Summe der Laster (oder der Lasten?) bleibt immer gleich: Aus meiner Herbstdepression bin ich ‚raus, dafür aber wieder an der Kippe – bei bester Laune! Eine Zeit lang, mehrere Wochen, hab‘ ich gar nicht geraucht und es war tatsächlich ganz easy. Dann gelegentlich das Mitrauchen bei Freunden, draußen, bei Besuchen und in Kneipen. Schließlich der Entschluß, mich wieder zum Rauchen zu bekennen – Erleichterung!
 
Im Diary-Forum ist ein schönes Gespräch über Identität zu lesen, das hat mich zu diesem Eintrag inspiriert. Anders nämlich, als in anderen Nichtraucherphasen, hab‘ ich diesmal einen Identitätsverlust verspürt – deutlicher, als alle anderen Empfindungen, die auftreten, wenn ich meine abstinenten Zeiten durchlebe. Wie schon öfter beschrieben, erlebe ich die Wirkungen der Zigaretten als eine Art „inneres Gerüst“: die Wahrnehmung wird ein bißchen abgedichtet gegen körperliche Empfindungen, es wird leichter, ganz in Gespräche oder in die Welt hinter dem Monitor zu versinken. Mit Zigaretten kann ich „virtueller“ leben, mehr im Geist, weniger im Körper.
 
Als Nichtrauchende hatte ich mein Leben entsprechend verändert: Oft ins Fitnesscenter, viele Spazergänge, viel Bewegung – und immer weniger hatte ich Lust auf die Welt der Worte, Bilder, Ideen und Texte. Der Sommer ist sowieso eine Zeit, die das von sich aus nahelegt, wogegen der Herbst mit seinen kühlen Wettern und heftigen Winden eine Verinnerung bedeutet: Genau wie die Blätter vom Baum herunter wirbeln, fühle ich mich leichter, konzentrierter, dem Denken, Reden und Schreiben zugeneigter. Wie eine Art Heimkommen.
 
Und genau da liegt meine Identifizierung. Die Claudia im Fitnesscenter, in der Sauna, draußen am Strahlauer Strand, ist eine Spätentwicklung. Eine Art Update und Zusatzfeature: ganz wunderbar, fühlt sich toll an, solange sie neu ist. Aber dafür die alte, die „eigentliche Claudia“ verlieren? Die Frau, die seit Jahrzehnten Texte und Bilder, Ideen und Projekte generiert? Das ist das Zentrum meiner (relativen!) Identität und wenn ich bemerke, daß ich daran immer weniger Freude habe, ja, mich von allem, was nur auf dem Papier, im Kopf oder hinter dem Monitor stattfindet, geradezu genervt fühle – dann wird es wirklich ernst!
 
Ein interessantes Phänomen: Die Gründe, wieder mit dem Rauchen anzufangen, verlagern sich im Lauf des Lebens auf höhere Ebenen. Mitte zwanzig konnte ich keine 24 Stunden „ohne“ durchhalten, weil mein gesamtes Nervenkostüm, all meine psychophysischen Empfindungen derart durch den Wind waren, daß ich zwischen Schreien und Heulen schwankte: Agressivität und Wehleidigkeit wechselten sich ab und ich war schlicht nicht gesellschaftsfähig. Heute kann ich locker aufhören, verlebe Tage und Wochen eine angnehme Intensivierung körperlicher Empfindungen, fühle mich befreit vom inneren Gestell und bekomme Lust, zu tanzen und zu singen. Und zwar so nachhaltig, daß mir mein ganz persönliches Leben entgleitet, das, was ich über Jahrzehnte als „Ich“ entwickelt, kennen und schätzen gelernt habe: die Schreibende, die Kreative, die Computer-Frau… :-)
 
Für alles gibt es günstige und ungünstige Zeitpunkte: meine nächste Nichtrauch-Phase werde ich in den Frühlung legen, am besten in den Mai. Wenn die Zeit des Nach-außen-Gehens anfängt, wenn Texte und Monitore sowieso langweilig werden und die Energien des allgemeinen Erwachens und physischen (!) Wachsens das Innere nach Außen drängen. Dann hab‘ ich länger Zeit, mich mit einer neuen Identität auseinander zu setzen – auch jetzt schon behalte ich ja ein Stück „Claudia 2.0“ bei, gehe immerhin weiter ins Fitness-Center…
 

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Claudia am 23. Oktober 2001 — 1 Kommentar

Herbstdepression

Niemals jammern und klagen – diese unausgesprochene Vorgabe steht immer schon über diesem Webdiary. Und das nicht nur, weil ich mich natürlich gern von meiner besten, also STARKEN Seite zeige, sondern weil mir kaum je im Leben Texte begegneten, mit denen ein Autor oder eine Autorin es vermocht hätte, auf unterhaltsame Art zu jammern und zu klagen. (Und sag‘ mir jetzt keiner, Unterhaltung müsse ja nicht sein, wir hätten doch schon übergenug Spaßgesellschaft: So schnell, wie du wegklickst, wenn ich hier langweile, kommst du garnicht erst in die Lage, so einen Gedanken überhaupt zu fassen!)
 
Ein weiterer Grund, alles Lamentieren über das eigene Befinden lieber bei sich zu behalten, ist der sich sofort aufdrängende Vergleich: Die Kinder in Afghanistan, zum Beispiel. Und immer und zu jedem Zeitpunkt ist die Welt voll von solchen Beispielen, die mich zum Verstummen bringen oder gar meinen Schreibimpuls um 180 Grad drehen, so daß allenfalls eine Lobrede entstehen will, eine Hymne der Dankbarkeit auf den (unverdienten) paradiesischen Zustand, in dem wir alle leben – und auch das geht eigentlich nicht, verdammt nochmal!
 
Warum überhaupt schreiben? Warum nicht einfach schweigen, wenn die Inhalte in den Filtern hängen bleiben, die für dieses Diary gelten? Tu ich ja, tu ich oft genug, doch hat das seine Grenzen, will ich diese einmal geschaffene und jahrelang verfestigte Form der Selbstveröffentlichung nicht beschädigen. Und das werd‘ ich nicht, ist es doch eine der wenigen festen Strukturen, die mein ach-so-befreites und flexibles Leben begleiten und durch das bloße „immer-wieder-so“ stützen!
 
Im Lauf der Jahre hab‘ ich zu meinem Erstaunen festgestellt, daß Routinen etwas Hilfreiches, ja, Rettendes sind: Zum Beispiel ein Arbeitstag im Büro mit festen Uhrzeiten, wiederkehrende Pflichttermine am Abend aus irgendwelchen Mitgliedschaften. Auch simple Volkshochschulkurse und andere Just-for-Fun-Gewohnheiten – „immer Sonntags Tatort gucken“ – entfalten ihre stützende Kraft, sobald man sich mies fühlt, sobald ich mich der Frage „Was jetzt?“ einfach nicht mehr stellen will oder kann (und das ist im Grunde kein Unterschied, wenn man mal genau hinguckt!). Klar, auch in meinem Leben gibt es ein paar solcher Stützroutinen, aber die meisten davon sind „prekär“, sind freiwillig, können täglich wegfallen, um ihre Aufrechterhaltung muß ich mich bemühen. Dabei vermisse ich zunehmend „unfreiwillige“ zementierte Strukturen, solche, die es zumindest möglich machen, in stupide Bewußtlosigkeit zu versacken und einfach nur zu funktionieren. Also genau das, wovon ich mich die meiste Zeit meines Lebens befreien, bzw. gar nicht erst hinein verstricken wollte! Ist das nicht pervers?
 
Heute beneide ich in dunklen Stunden Menschen, die ein sogenanntes „normales Leben“ führen, bzw. das, was ich immer dafür gehalten habe und gemieden, wie der Teufel das Weihwasser: Um dreißig geheiratet, zwei Kinder, ordentlicher Beruf mit geregelten Arbeitszeiten und festem Einkommen, ein Haus und rundrum ein kleiner Garten, zum Nachbarn hin die blickdichte Hecke, in der Garage das Drittauto, die Bude vollgestellt mit materiellem Besitz, die Papier- und Behördenexistenz verplant und abgesichert bis zum Lebensende – und zweimal im Jahr die Fernreise ins große Anderwo bei garantiertem heimischen Standard.
 
Es ist nun aber nichts mehr übrig geblieben, wodurch ich die Tendenz zum Lästern, wie sie im letzten Absatz entgegen der Aussage durchschlägt, rechtfertigen könnte oder wollte. Heute kenne ich genug Menschen, die ein solches „normales Leben“ führen, um zu wissen, daß sie ebenso viel bzw. wenig Anlaß zum Unglücklichsein haben wie ich in meiner manchmal angst-machenden „Freiheit“. Und nichts von dem, was und wie ich geworden bin, indem ich mich gegen all das wehrte, kann ich mir irgendwie selber zuschreiben: War es doch nur eine Reaktion auf die Katastrophe des persönlichen familiären Lebens, wie sie mir als Kind begegnet und deshalb zum Point of Never-to-Do geworden ist.
 
So, bevor ich nun hier ernsthaft zu langweilen beginne, indem ich meine Herbstdepression im Detaille ausbreite, schließe ich lieber mit ein paar Zitaten des großen Cioran, den an Negativität bei gleichzeitig hohem Unterhaltungswert keiner je übertreffen wird:

„Man kann die Fehler seiner Mitmenschen nicht vermeiden, ohne eben deswegen auch ihre Tugenden zu fliehen. So richtet man sich durch Weisheit zugrunde.“

„Mit zunehmendem Alter vermindern sich nicht so sehr unsere intellektuellen Fähigkeiten, als vielmehr jene Kraft zu verzweifeln, deren Charme und deren Lächerlichkeit wir in unserer Jugend nicht zu schätzen wußten.“

„Wie alle Bildstürmer habe ich meine Götzenbilder nur deshalb zerschlagen, um mich vor ihren Scherben hinzuknien.“

„Als entschlossener Wundertäter erhebt man sich, um seine Tage mit Mirakeln zu bevölkern, und dann sinkt man auf sein Bett, um bis zum Abend Liebeskummer und Geldsorgen wiederzukäuen…“

„Ein Mönch und ein Metzger streiten sich im Innern einer jeden Lust.“

„Die glanzvollen Taten sind das Vorrecht der Völker, denen das Vergnügen, lange bei Tisch zu sitzen, fremd und deshalb die Poesie der Nachspeise unbekannt ist.“

„Im selben Maße, wie wir unsere Schandflecken tilgen, werfen wir unsere Masken ab. Es kommt der Tag, da unser Spiel stehen bleibt. Keine Schandflecken mehr, also auch keine Masken mehr. Und kein Publikum mehr – wir haben unsere Geheimnisse, die Lebenskraft unserer Miseren, überschätzt.“

Alle Zitate aus: E.M.Cioran, Syllogismen der Bitterkeit

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Claudia am 29. September 2001 — Kommentare deaktiviert für Virtuelle Räume

Virtuelle Räume

Wenn ich zwei Tage kein Diary schreibe, überkommt mich am dritten, spätestens am vierten Tag ein dringliches Bedürfnis, mich hinzusetzen, auf die „leere“ Datei zu starren und in mich hinein zu lauschen, was da jetzt wohl „zum Ausdruck“ drängt. Keinesfalls ist es ein Gefühl der Pflicht, eher eine Sehnsucht, in diesen stillen Raum der Selbstversenkung einzutreten, der sich mir schreibend so leicht eröffnet wie nirgends sonst. Kein Thema ist vorgegeben, keine Form von irgend jemandem verordnet, die Erwartungen der Leser sind so unterschiedlich wie diese selbst und also auch keine Leitlinie, die mich auf bestimmten Spuren halten würde. Volle Freiheit also, und was auf diese Weise entsteht, landet mit einem Mausklick in den unendlichen Weiten, hierjetzt und nicht erst nach Monaten oder halben Jahren wie im Reich gedruckter Worte. Weiter → (Virtuelle Räume)

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Claudia am 17. August 2001 — Kommentare deaktiviert für Nüchtern trunken: Adieu AA!

Nüchtern trunken: Adieu AA!

Mein Diary-Eintrag „Auf dem Meeting„, in dem ich in aller Kürze meine Geschichte mit dem Alkohol berichte, hat viel positive Resonanz erfahren – im Forum, aber mehr noch per Privatmail. Mich hat es entspannter und glücklicher gemacht, auch von dieser Seite meines Lebens hier zu sprechen, ohne die ich nicht das wäre, was ich geworden bin – und hier zitier‘ ich mal mutig das geflügelte Wort unseres offen schwulen Bürgermeisters: Das ist auch gut so! Weiter → (Nüchtern trunken: Adieu AA!)

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Claudia am 05. August 2001 — Kommentare deaktiviert für Gedanken aus dem Schwitzbad

Gedanken aus dem Schwitzbad

Die Hitze ist vorbei und mit ihr verschwindet diese tagträumerische Lethargie, die mich so angenehm umfangen hielt. Ich gebe mich gerne dem Wetter hin, zumindest, solang‘ es warm ist, lass‘ mich treiben oder ausbremsen und beobachte, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen durch die jeweilige Wetterlage hervorgerufen oder unterdrückt werden.

Bei großer Hitze zum Beispiel ist der Körper hauptsächlich mit dem Temperaturausgleich beschäftigt und schwitzt. Das bindet einen guten Teil der Energie, erst recht, wenn es mehrere Tage anhält. Ich spür‘ dann richtig, wie der Kopf leerer wird, wie die Gedanken langsamer kommen, stotternd fast, und wie kaum mehr etwas übrig bleibt für Bedenken wie: Versteht mich noch jemand? Ist das, was ich jetzt denke, sage, schreibe, auch verständlich, stilistisch vertretbar, im Diary am rechten Platz? Unbekümmert lass‘ ich es aus mir schreiben, in die Tastatur fließen, das weiße Datenfeld füllen, blühe pflanzenhaft-ruhig vor mich hin wie meine Balkonpflanze, der es völlig egal ist, ob da jemand sagt: Wow, was für eine schöne Blüte!“, oder eben „Welch ein komisches Unkraut!“. Weiter → (Gedanken aus dem Schwitzbad)

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Claudia am 31. Juli 2001 — Kommentare deaktiviert für Coole Rationalität

Coole Rationalität

Wie lange dauert das nun schon an, dass ich den Einstieg in ein ziel- und zweckgerichtetes „sinnvolles Arbeiten“ zwischen Montag und Samstag nicht richtig finde? Wochen, Monate? Ich weiß es gar nicht mehr, immer wieder tu ich ja doch was, kümmere mich – zu wenig, aber immerhin – um das Webwriting-Magazin, arbeite an Demos für neue Angebote, finde sogar gelegentlich etwas Neues, wie neulich einen anderen Design-Stil – aber all das ist sprunghaft da und dann gleich wieder weg. Im Moment bin ich für mich selbst eine schlechte Chefin, gerade, dass ich noch die nötigsten Verwaltungsangelegenheiten halbwegs termingerecht hinbekomme, ein Glück!

Dabei geht’s mir nicht schlecht, keine Rede. Ich fühle mich nicht deprimiert, nur höchst selten irgendwie geängstigt, könnte nicht mal behaupten, ein „Problem“ zu haben – oh Gott, schon das Wort ist mir so seltsam zuwider! Ein Problem wäre ja etwas, das ich lösen müsste und auch könnte, etwas, das mich fordert, es zu analysieren, Ziele festzulegen, Methoden und Schritte zu deren Erreichung zu planen – bis hin zur Erfolgskontrolle, dass ich auch mitbekomme, wann das Problem weg ist…. schon die Vorstellung ödet mich ungeheuer an.

Heute ist der vierte Tag meiner Erkältung, zwar ist sie besser geworden, aber nicht weg, wie sonst nach drei Tagen. Bin fast überzeugt, es liegt daran, dass ich gerne krank bin, irgendwie befreit mich das von der Pflicht, vernünftig zu sein und endlich richtig loszulegen – was immer das heißen mag. Die Erkältung ist übrigens genau dann aufgetreten, als ich den Alkohol als mögliches „Ausstiegsmittel für Stunden“ verabschiedet hatte – woraus will ich denn nur aussteigen und wohin lockt es mich eigentlich?

Es ist bezeichnend, dass mir das im Kopf nicht mehr einfallen will. Wie meistens befinde ich mich am Ziel meiner (denkbaren) Wünsche: die richtige Wohnung am richtigen Ort, kein Bock auf Urlaub, Friede, Freude, auch Inspiration durch andere Menschen, wenn ich danach verlange – was sollte ich denn sonst noch wollen? Ich weiß es nicht – und trotzdem ist da was…. was???

Luxusprobleme, könnte ich sagen und es dabei bewenden lassen. Es wird vorübergehen, irgendwann wird etwas von außen kommen, vermutlich etwas Unangenehmes, und mich in hektische Aktion versetzen – solange aber kann ich nicht umhin, diesen seltsamen Zustand „am Rande“ zu bemerken, als wäre ich drauf und dran, eine bis in den letzten Winkel erforschte Heimat zu verlassen, doch noch ohne jede Sicht auf ein „wohin“, also unfähig dazu, mit bekannten Bordmitteln die erforderlichen Schritte zu unternehmen.

Vorgestern erinnerte ich einen seltsamen Traum – der dritte Traum, nachdem ich beschlossen hatte, Träumen wieder Aufmerksamkeit zu schenken (erst dann „kommen“ sie wieder…):

Mit einem alten Freund fahre ich irgendwohin, vielleicht nach Süden, in den Urlaub? Ein Propeller-Flugzeug taucht auf, so ein kleines rasantes Ding: Tiefflug über die Autobahn, Looping durch die Luft, dann unter einer Brücke durch, kopfüber (!) mit dem Bauch nach oben durch eine dichte Nebelbank, die jede Sicht versperrt… wow! Es sind zwei Männer, einer davon Araber. Sie landen und wir kommen ins Gespräch: Ich will mal mitfliegen, sie haben nichts dagegen. Doch als ich wirklich eingestiegen bin und die Türen schließen, überkommt mich Angst: Ich will wieder raus, behaupte, mir sei übel geworden (glatte Lüge!). Doch die Männer verweigern mir das Aussteigen schlichtweg, dreckig dabei grinsend, und werfen den Motor an. Worauf Angst, Panik und jede Menge Haß in mir aufsteigen…

Jetzt die für einen Traum erstaunliche Sache: Ich wäge ab, was passieren kann, wenn ich hier herumtobe und meinen Gefühlen freien Lauf lasse – und beschließe, mir das lieber zu schenken. Ich würde ja womöglich unser aller Flugsicherheit gefährden… also schließe ich lieber die Augen, bereit, die Sache möglichst blind auszusitzen. Später dann, sag ich mir noch, wenn ich aus diesem Flugzeug lebendig ausgestiegen sein werde, werde ich mich an diesen Typen rächen!

Dann aufgewacht. Die üblen Gefühle wirkten nicht nach, ich wunderte mich nur über die coole Rationalität, die ich hier gezeigt hatte, noch dazu im Traum!

Der Traum hat mir bisher nichts gesagt, aber wenn ich ihn jetzt so hinschreibe, kommen mir doch spontane Einfälle: Genau diese coole Rationalität, die vermeintlich „zugunsten des Überlebens“ auf Gefühle scheisst, ist meine altbekannte Heimat. die ich nicht verlassen kann, obwohl sie „abgelebt“ ist. Vielleicht, weil ich der Angst, vor allem aber auch dem Haß wieder begegnen könnte. Haß? Ausgerechnet ein Gefühl, von dem ich mich seit mindestens zehn Jahren so angenehm frei fühle…

Da werd‘ ich jetzt aber nicht etwa weiter nachgraben! Weder hab‘ ich Lust auf psychologisierendes Wühlen in der eigenen Psyche, noch glaube ich dran, daß man damit irgend etwas erreicht. Um nämlich zu experimentieren, zu suchen, zu forschen braucht man Hypothesen, man projiziert bereits Gewusstes oder Gewünschtes und Gefürchtetes – und kann dann letztlich nicht mehr sagen, ob das Ergebnis „gefunden“ oder durch das Suchen erst „geschaffen“ ist.

Lieber mach‘ ich mal was Handfestes, zum Beispiel ein Regal im Bad anbringen.

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Claudia am 28. Juli 2001 — Kommentare deaktiviert für Kein Kampf

Kein Kampf

Seit vorgestern bin ich heftig erkältet. Mitten in der größten Hitze ist das eine komische Sache, irgendwie unpassend. Heute fühle ich mich aber auf einmal wohl damit: diese fiebrige Schlaffheit ergibt eine physische Ruhe, die ich allein vom Fühlen und Denken her nur selten und bruchstückhaft zustande bringe, allenfalls mal nach intensivem Yoga oder einem langen Spaziergang. Weiter → (Kein Kampf)

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Claudia am 26. Juli 2001 — Kommentare deaktiviert für Auf dem Meeting

Auf dem Meeting

„Ich heiße Claudia und bin Alkoholikerin“, die rituelle Begrüßungsformel geht mir erstaunlich locker über die Lippen. Über sieben Jahre sind seit meinem letzten AA-Meeting vergangen und jetzt sitze ich wieder „an den Tischen“, kaum zu glauben! Es ist wie ein nach Hause kommen, obwohl ich keinen der Anwesenden kenne. Es braucht keine Bekannten oder gar Freunde, um sich in dieser Runde richtig zu fühlen, das ist ja gerade das Faszinierende an der berühmtesten Selbsthilfegruppe der Welt.

Es beginnt mit dem Lesen der bekannten Texte: Präambel, zwölf Schritte, zwölf Traditionen, dann die Gedanken zum Tag, heute: „Über die, die noch leiden“. Während ich zuhöre und mir dabei einen grünen Tee zubereite, spüre ich, wie das Leiden von mir weicht. Als würde eine Last von meinen Schultern genommen, mit jeder Viertelstunde fühle ich mich leichter.

Welches Leiden? Das wäre eine lange Geschichte, von der eigentlich nur zu sagen ist, daß ich sie für abgeschlossen hielt – und das war ein Irrtum, der gerade begann, gefährlich zu werden. Deshalb sitze ich jetzt hier, Tieckstraße 17, Berlin Mitte, und bin dankbar, dass es AA noch gibt.

Kennen gelernt hab‘ ich die Meetings 1990, als mein allzu aktives Leben mit zunächst beiläufigem Entspannungstrinken in eine hoffnungslose Suff-Phase übergegangen war. Schon damals hätte ich nicht so lange leiden müssen, wenn ich nicht bis zuletzt an dem verrückten Gedanken festgehalten hätte: Ich habe alles im Griff, muss mich nur zusammenreissen, mal richtig ausspannen, vielleicht einen anderen Job finden, neue Leute kennen lernen – doch war ich lange schon jenseits aller Möglichkeit, noch irgend etwas aus eigener Kraft ändern zu können. Mein erster Lebensentwurf war am Ende, wie sollte ich aus den Trümmern denn etwas Neues kreieren? Es hat lange gedauert, bis ich mir überhaupt eingestand, dass ich mittlerweile ein respektables Alkoholproblem am Hals hatte – und selbst dann lag mir der Gedanke noch ferne, jemand anderer als ich selbst könne da irgend etwas ausrichten. Schließlich hielt ich mich für intelligent, belesen, kommunikationsfähig – sah‘ mich aber leider nicht von außen, denn dann hätte ich vielleicht früher bemerkt, daß es jetzt um ganz andere Dinge ging. Zu allererst um das Aufgeben dieser Gedanken: ICH kann, ICH will, ICH muss, ICH werde….

Nein, ich war nicht einsichtig und zu nichts bereit. Meine Welt mußte sich katastrophisch verdüstern, kleine Unfälle sich häufen, das tägliche Kreisen im immerselben Elend richtig lange schmerzen, physisch, psychisch und geistig, bis endlich etwas in mir zerbrach, bis mein ganzer Größenwahn am Alkohol zerschellte.
Endlich konnte ich dann auch in ein Meeting gehen, ohne Bedenken und Besserwisserei, völlig offen, denn in mir war nichts mehr, nur noch dunkle Leere. Ein Vakuum, das sich mit den Texten der AA vollsog, denn was sie sagen, knüpfte direkt an mein Erleben an: Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind…. Ich hatte angedockt!

Es war ein Wendepunkt in meinem Leben, ab dem sich alles ganz anders anfühlte, als wäre tatsächlich Claudia Vers.1.0 gestorben. Und die 2.0 war erstmal nur ein glückliches Kind, Neues entdeckend, spielerisch der Welt und den Anderen begegnend, ohne das entsetzlich beschränkende Gefängnis eines hypertrophierten Egos. Auch beruflich ging plötzlich alles wie von selbst, anstrengungslos, ich mußte nur immer „JA“ sagen – etwas, was ich ohne „aber“ früher nicht einmal denken konnte.

Mehrere Jahre war ich völlig „trocken“, irgendwann verließ ich AA, Alkohol war einfach kein Thema mehr. Ich hatte mit Yoga angefangen und dachte: Wozu noch mit Leuten um einen Tisch sitzen, die zwar auch Spirituelles vermitteln, wo aber doch immer wieder Alkohol besprochen wird – dieser langweilige Schnee eines abgelegten Gestern. Irgendwann wollte ich dann auch das Thema „Nicht-Alkohol“ abschließen, die Identifikation „Ich, Claudia, Alkoholikerin“ ebenso aufgeben wie alle anderen. Und trank neugierig ein Glas Sekt: Nichts passierte, natürlich nicht. Es schmeckte nicht mal und die Wirkung fand ich störend.

Nichts änderte sich. Außer, daß ich mich jetzt wieder fragen mußte: Soll ich mittrinken? Die Gelegenheiten, zu denen das Hauptschmiermittel unserer Gesellschaft verabreicht wird, sind ja unüberschaubar. Ich trank also gelegentlich wieder mit, nicht oft zwar, aber ich bemerkte schon bald die Richtigkeit eines alten AA-Spruchs: Man macht da weiter, wo man aufgehört hat. Die Geschichte des Alkohols ist ins Gehirn eingraviert, da bildet sich nichts zurück. Genau wie ehedem, so stellte ich fest, konnte ich ab dem dritten Glas das Ende oft nicht finden. Wachte dann am nächsten Morgen auf, erinnerte mich oder auch nicht und war mir furchtbar peinlich! Das wollte ich eigentlich nicht wieder erleben – und so hat der Kampf wieder begonnen. Der Gedanke „das hab ich heute im Griff“ stand wieder da in all seiner Pracht und Gefährlichkeit…

Gestern hatte ich mal wieder in trauter Zweisamkeit dem Wein zugesprochen, zu Hause, also in ganz „ungefährlichem“ Zusammenhang. Dann nahm ich das Glas noch mit an den PC und mailte ein bißchen an liebe Freunde… und heut‘ morgen konnte ich im Sent-Ordner sehen, dass ich gemailt hatte, las verwundert fremd klingende Texte – DAS war dann für mich der Punkt! Wenn ich mich selber lese wie eine Fremde, ist ganz klar: Ich hab es NICHT im Griff! Nicht den Alkohol, nicht mich selbst, von der Welt gar nicht zu reden. Und einen Kampf, den ich ganz gewiß verliere, brauche ich nicht nochmal zu führen, all das hatte ich ja schon, übergenug!

Und deshalb saß ich heut‘ im Meeting. Und lasse jetzt wieder das erste Glas stehen. Weiter → (Auf dem Meeting)

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