Thema: Alltag

Claudia am 19. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Natur = Schönheit ?

Natur = Schönheit ?

An den Kastanien, die so langsam ihre Blätter fallen lassen, sieht man bereits jetzt die Knospen für’s nächste Jahr. Während alles abstirbt, können wir mit Fug und Recht annehmen, dass im nächsten Frühling das Leben erneut explodiert, blüht und fruchtet, um dann genau wie jetzt wieder abzusterben. Die Schnecken, Plage hiesiger Gartenfreunde, haben ihre Eier abgelegt, auf dass Hunderttausende neuer Schnecken nächstes Jahr den Salat wegfressen können. Ein Kreislauf, wesentlich berechenbarer als das Hochfahren von Windows ’98, jedes Jahr dasselbe und doch ein Wunder, eine Freude.

Auch die größeren Tiere sind ja so leicht zu durchschauen: 17 Hühner picken eifersüchtig Konkurrenten vom Futtertrog weg, selbst dann, wenn genug für alle da ist. Komme ich in den Hühnergarten, rasen sie herbei wie kleine Raptoren, sie würden mich fressen, wäre ich ein bisschen kleiner. (So aber kann ich mir einbilden, sie mögen mich). Die Motive und Emotionen der ansässigen Hunde sind ein offenes Buch – fast jeder Landhaushalt hat ja mindestens einen, mensch fürchtet sich weniger, wenn das Vieh gleich laut bellt, sobald ein Spaziergänger es wagt, in Sichtweite zu kommen.

Überall berechenbare Abläufe und Verhaltensweisen, zwar störanfällig, aber alles in allem verläßlich. Wachsen, blühen, sterben, fressen & gefressen werden. Und Millionen Naturfreunde finden das toll, ich auch. Doch frag‘ ich mich gelegentlich: Warum ist das „Natürliche“ im Reich der Pflanzen und Tiere schön, unter den Menschen aber häßlich? Konkurrenzverhalten, Büro-Mobbing, Korruption, Intrigen, Sägen an fremden Stühlen – allgemein üblich, aber niemand sagt: Wie wunderbar!

Wenn im Frühling die Kater im Kampf um ihr „Revier“ (sprich: Zugang zu den ansässigen Katzen) kämpfen und sich ernsthafte Verletzungen zuziehen, würde niemand Kritik üben. Dasselbe Verhalten unter Menschen veranlaßt die gemeinte Frau eher dazu, keinen der „Streithähne“ zu wählen, sondern einen Dritten, der sich souverän heraushält, einen, der „drüber steht“.

Gerade das, was wir an den Tieren mögen, ihr unverstelltes und ungebrochenes Agieren im Rahmen einfachster Bedürfnisse und Emotionen, treibt uns in die Flucht, wenn es beim Mitmensch allzu deutlich sichtbar wird. (Und selber tun wir viel dafür, so zu erscheinen, als seien wir anders). Zivilisation, Kultur, Sozialstaat, Recht und Gesetz – alles Bollwerke gegen die anderwo bewunderten natürlichen Eigenschaften eines jeden Wesens, das wachsen und leben will und deshalb darum kämpft, zu dominieren.

Das Wunderbare

Warum ist das so? Ich frage mich das, weil ich andere Menschen mindestens genauso wunderbar finden möchte wie zum Beispiel die Hühner hinten im Garten. Stattdessen krieg ich schon die Krise, wenn ich nur die Nachrichten einschalte. Und es sage mir keiner, das sei nur ein Medien-Problem! Viele Jahre war ich in Gruppen, Teams, Vereinen, Nachbarschaften und Initiativen aktiv. Einzig im „geschützten Raum“ eines therapeutischen Workshops oder im schweigenden Miteinander einer Yoga-Gruppe war etwas anderes zu erleben, als ein mehr oder weniger verstelltes Hauen & Stechen. Letzteres hat ja durchaus seine Highlights: Wenn man noch lernt, endlich auch mal zu siegen, oder wenn der „eigene Stamm“ einen Sieg zu verbuchen hat und feiert. Aber auf die Dauer schleift sich das ab und es wird immer deutlicher, dass es nichts zu gewinnen gibt, nichts wirklich Wichtiges oder auch nur dauerhaft Interessantes.

Dass ich mehr Zeit mit diesem Diary verbringe als mit den Hühnern, ist immerhin ein Zeichen, dass es mich noch zu anderen Menschen zieht – wenn auch nur in einer sehr vermittelten, symbolisierenden Form. Und wäre da nicht mein Lebensgefährte, mit dem ich seit über 15 Jahren ein Gespräch über die Welt führe, wäre ich sicherlich auch im „Real Life“ etwas umtriebiger – aber nur der Not gehorchend, nicht wie früher im Glauben, das Gute und Wunderbare beim Anderen zu finden.

Finde es bei dir selbst, würde jetzt ein Weiser sagen und er hätte recht. Der Blick auf die Welt und die anderen ist nicht unabhängig vom Empfinden mir selbst gegenüber. Ich war schon in Zuständen so positiver Art, dass ich das Wunderbare in einem agressiv-besoffenen Penner erleben konnte, der in der Berliner U-Bahn rotgesichtig, fluchend und wutschnaubend auf mich zukam: Ich wich nicht ängstlich aus, sondern sah ihm freundlich und offen entgegen, fragte mich (in diesem einen Moment!) voller Mitgefühl: Was mag diesen armen Typ nur so fertig machen? Ja, ich war drauf und dran, IHN zu fragen, wenn er nahe genug gekommen wäre. Doch seltsamerweise wählte er mich NICHT als Opfer – die U-Bahn war fast leer! – sondern drehte plötzlich ab, sah an mir vorbei und setzte sich murmelnd irgendwo ab. Als wäre ich ganz plötzlich für ihn unsichtbar geworden. Ein seltsames Erlebnis.

Der „Zustand“ war ebenso seltsam zustande gekommen: Ich hatte mir eine Kassette mit den Carmina Burana gekauft, obwohl ich praktisch nie Musik höre. Über Kopfhörer konnte ich es laut hören, es euphorisierte mich irgendwie. Der Kasette lag ein Booklet bei, in dem die lateinischen Texte standen und ich begann, das mal versuchsweise mitzusingen – ich, die ich normalerweise NIE singe! Und das euphorisierte mich NOCH mehr. Ich sang die ganze Vorder- und Rückseite laut mit, stand schließlich auf (war ja alleine im Zimmer) und sang alleine weiter, alle Lieder und Texte, an die ich mich erinnern konnte, wirklich alles, von „Hair“ bis „Hänschen klein“. Das Singen ergriff mich psychisch und körperlich in nie zuvor erlebter Weise, ich geriet in einen völlig anderen Seinszustand: mit viel mehr Sauerstoffumsatz, heftigerem und tieferem Atmen und einem Gefühl im Herzen, als wäre ich im Paradies, die Welt ein wunderbarer Ort. Allein das bloße Atmen war die reine Ekstase und erfüllte mich mit Dankbarkeit und Liebe. (Danach bin ich dann U-Bahn gefahren…)

Ich sang so ungefähr drei Stunden lang, das Gefühl hielt aber bis zur Mitte des nächsten Tages an. Erst in irgendeinem Meeting irgendeiner Arbeitsgruppe landete ich wieder langsam auf dem Boden gewöhnlicher Empfindung.

Vielleicht sollte ich ja mal wieder singen… ;-)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 11. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Steuer ’99 – Teil 2

Steuer ’99 – Teil 2

Der Programmpunkt „Einnahmen“ für die Steuer ’99 ist erledigt – ja, das ist der kleinere, weniger arbeitsaufwendige Teil, ich weiß, aber es stimmt mich schon mal froh, daß ich überhaupt in diese lästige Arbeit ‚reingefunden habe. Und meine Laune ist deutlich besser: Sind doch alles nur Papiere, Zahlen…. Oder doch nicht? Weiter → (Steuer ’99 – Teil 2)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 30. September 2000 — Kommentare deaktiviert für Blick in den Kindergarten

Blick in den Kindergarten

Fernsehen macht träge und dumm. Gestern geisterte so eine „wissenschaftliche“ Untersuchung durch die Medien, in der mit aller Banalität festgestellt wurde, dass längeres Sitzen vor der Glotze aufgrund des Bewegungsmangels zu Trägheit und Fettleibigkeit führt – wie das „dumm“ begründet wurde, daran erinnere ich mich nicht, bzw. nur ganz dunkel: TV-Gucker lesen weniger – oder so… Weiter → (Blick in den Kindergarten)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 25. September 2000 — Kommentare deaktiviert für Kein Ärger mehr

Kein Ärger mehr

Auf der Insel Poel vor der Wismarer Bucht. Abgeerntete Felder, teilweise schon wieder mit einem Hauch von frischem Grün. Als ich noch in der Stadt wohnte, glaubte ich, die Erde wäre über den ganzen Herbst und Winter braun und schwarz. Vielleicht war sie das, früher einmal, in den Kinderbüchern. Ostsee Ende September, der Himmel weit und nahtlos blau, ein paar ältere Ausflügler beleben die verlassenen Ferienanlagen, überall wird gebaut: „Hier entstehen 67 Ferienwohnungen, z.B. 45 Quadratmeter, 185.000,–.“ Weiter → (Kein Ärger mehr)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 22. September 2000 — Kommentare deaktiviert für Input? Nein danke.

Input? Nein danke.

Vielleicht sollte ich aufhören, Zeitungen zu lesen. Nicht Internet-World, da kann man was Nützliches lernen, aber zum Beispiel DIE ZEIT und alles, was die Anmutung verbreitet, von einem großen WIR zu erzählen. Das große WIR existiert natürlich nicht, es wird durch das „Reden über“ Unvereinbarkeiten, unterschiedliche Meinungen, Interessen, Tabus und deren Verletzungen konstruiert. Hoeullebec fordert, die Alten zu töten, um den Tod unsichtbar zu machen, und sagt gleich dazu, dass er ja alles sagen darf, weil er in Mode ist. Madonna kann sich als letzte „modellbildende“ Pop-Ikone erlauben, eine CD einfach „Music“ zu nennen, Glückwunsch. Das neueste Retortenbaby soll dem kranken Bruder Knochenmark spenden – darf es das? Ein Bürgerrecht auf billiges Bezin gibt es – natürlich! – nicht und Shakespeare ist immer noch ein Thema, trotz Zlatko. Allerlei Leute müssen hier oder dort abtreten, andere erscheinen im Rampenlicht und erklimmen die Schleudersitze. Alles geht seinen Gang, von Woche zu Woche, und irgendwie werde ich von alledem nicht mehr angeregt, sondern müde. Unendlich müde. Weiter → (Input? Nein danke.)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 20. September 2000 — Kommentare deaktiviert für …nichts bleibt…

…nichts bleibt…

Wow, den Eintrag von gestern sollte ich mir ausdrucken und an die Wand hängen: Mit ein paar Sonnenstrahlen glücklich sein – so geht’s! Heute ist wieder ein ganz anderer Tag, der Himmel ist durchgängig grau und verhangen, der Herbstwind setzt alles in Bewegung, die Luft ist frisch und kühl, optimales Arbeitswetter. Ich fühle mich leicht, irgendwie kompakt und könnte virtuelle Bäume ausreissen, ein Zustand voller Energie, die nicht nach DRAUSSEN drängt. Angenehm, und etwas völlig anderes als das gestrige Verschmelzen-wollen mit der Natur! Weiter → (…nichts bleibt…)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 06. September 2000 — Kommentare deaktiviert für Behindertengerecht?

Behindertengerecht?

Gestern konnte ich endlich eine meiner drei kleineren Projekt-Baustellen abschliessen. Die Site des Verbandes kleinwüchsiger Menschen ist fertig (aber noch nicht online). Zu diesem Auftrag bin ich gekommen, als ich neulich hier mal ganz allgemein über grottenschlechte Websites vom Leder zog. Wer den Mund voll nimmt, muss dann halt auch hinlangen, beraten, dabei helfen, es besser zu machen. Mein Entwurf ist gut angekommen und ich hab‘ selber einiges gelernt, für das ich mich ansonsten nie interessiert hätte: Über 100.000 kleine Menschen leben in Deutschland, die nur zwischen 80 und 150 cm groß sind. Ist es nicht seltsam, dass man sie so wenig sieht? Das Netz enfaltet hier wirklich einen seiner schönsten Aspekte: Behinderte, Kranke, mehr oder weniger diskriminierte Minderheiten können sich finden und in Selbsthilfegruppen austauschen. Ein unglaublicher Zuwachs an Möglichkeiten, die auch ganz real in der Lage sind, das Leben zu verändern. Weiter → (Behindertengerecht?)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 02. September 2000 — Kommentare deaktiviert für Die Last der Möglichkeiten

Die Last der Möglichkeiten

Was ist Freiheit? Jenseits allzu philosophischen Tiefschürfens kann man es vorläufig ganz einfach sagen: Die Möglichkeit, zu tun, was wir gerade tun wollen, zu einem Zeitpunkt, den wir selber wählen. Zu jeder Zeit an jedem Ort die Freunde erreichen, von überall aus arbeiten, rund um die Uhr shoppen, etwas lernen, wenn man es benötigt, Service on Demand.

Wir raffen also Möglichkeiten und nehmen alles dankend an, was uns Zeit-Souverainität verspricht. Virtual World wächst in staunenswerter Geschwindigkeit: Im Reich der Texte, Bilder und Bestellformulare ist alles zu jeder Zeit möglich, Ideen und Konzepte sind schnell eingespeist und machen etwas her, es ist leicht, in den Köpfen der Leser (Kunden, Auftraggeber, Fans, Klienten…) ganze Welten von Möglichkeiten entstehen zu lassen und beiläufig die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Ein immer größerer Teil der Arbeitswelt tut nichts anderes und wird dafür besser bezahlt als all die armen Gestalten, die noch im Physischen für 10 oder 20 Mark fünfzig die Stunde zu Gange sein müssen.

Kampf gegen den Stoff

In den Anfängen des Netzes träumte ich davon, dass die Virtualisierung dazu führen könnte, die physische Welt zu entlasten: Weniger Gegenstände, weniger Papier, ganz allgemein weniger Stoff. Leider ist das nicht eingetroffen, im Gegenteil. Durch E-Commerce entsteht mehr Verkehr denn je, ein wachsender Warenstrom wird in immer mehr Fahrzeugen von immer mehr Logistik-Dienstleistern durch die Gegend gefahren. Unrettbar konservativ drucken Menschen noch immer jede Menge aus, stauen es in Ordnern und Ablagen, wo sie es kaum mehr wieder finden, ja, gar nicht finden müssen, denn wer braucht schon den einmal gelesenen Text ein zweites Mal? Die Büromöbel, Regale, Ablagen und Ordner stehen aber herum und werden immer mal wieder erneuert, wie es die Mode ansagt.

Schon seit vielen Jahren kämpfe ich gegen Stoff-Ansammlungen. Das hat damit angefangen, dass ich Anfang der 80ger oft umgezogen bin, zwar immer im selben Stadtteil von Berlin, doch war es trotzdem jedes Mal eine elende Schlepperei. Und jedes Mal eine neue Gelegenheit zu fragen: Brauche ich das wirklich noch? Sollte ich das nicht lieber wegwerfen, um es nie mehr herumzutragen, aufzuräumen, abzustauben und in neue Möbel umzuräumen, die auch immer wieder herumgetragen, abgestaubt und eines Tages entsorgt werden müssen?

Jeder Gegenstand, den ich so mit der Frage „Kann der weg?“ anschaute, zeigte mir ein Stück von mir selbst. Der innere Widerstand, den ich gegen das Wegwerfen spürte, kam nicht aus einer Liebe zu den Dingen, wie sie etwa ein nicht vom Geld motivierter Kunstsammler für ein schönes Bild empfindet, sondern allein aus dem Bestreben, Möglichkeiten zu erhalten: Ich könnte das ja nochmal brauchen, kann doch sein, dass ich das irgendwann nochmal lesen will.

Glücklicherweise war meine Faulheit größer und ich warf fast alles weg. Sogar das „Allerheiligste“ aller Symbolisierer, die Bücherwand, reduzierte ich im Laufe von drei Umzügen auf ca. 150 Bücher, von denen ich meinte, die seien nun wirklich wichtig und unverzichtbar. (Auch von diesen hab‘ ich übrigens höchstens ZEHN noch einmal angesehen!).

Seither bin ich im Physischen recht spartanisch – nicht aus ehrenwert ökologischen, ethischen oder gar spirituellen Gründen, sondern aus Faulheit und weil die Selbstbeobachtung allzu oft gezeigt hat, dass ich die Dinge tatsächlich nicht mehr ansehe, nachdem ich sie gekauft und EINMAL benutzt (oder gelesen, gesehen, ausprobiert) habe.

Konsequent meide ich heute alle Schenk-Termine und wenn ich plötzlich den Wunsch spüre, etwas unbedingt haben zu wollen, warte ich grundsätzlich 24 Stunden ab, oder – bei größeren Anschaffungen – bis zu vier Wochen, um zu sehen, ob sich der Wunsch hält. Meist ist das nicht der Fall, wenn aber doch, dann zeigt sich wieder das Übliche: ich probier es aus und stell es dann in eine Ecke, die später wieder als Aufräumproblem ins Bewußtsein tritt. Kaufen und gleich weiterschenken ist manchmal die Lösung, doch fühle ich mich nicht gut dabei, denn der Beschenkte weiss ja nicht, dass ich nicht vorrangig ihm, sondern MIR etwas Gutes tue.

Trotz aller Abbau- und Vermeidungs-Haltungen steht hier für mein Empfinden immer noch zuviel Zeug: Von den ca. 200 Büchern im Regal könnten 150 weg, die 30 Aktenordner wären auf 10 zu reduzieren und die ca. 15 Schuber mit Fotos, Texten, Werken haben keinen anderen Zweck, als zu dokumentieren, dass es mich gegeben hat, dass ich in der Welt etwas geleistet habe. Brauche ich das?

Nein. Und wieder nicht aus ehrenwerten Gründen, sondern einfach deshalb, weil meine Werke und Leistungen mittlerweile in Virtual World ausreichend dokumentiert sind, sich dort spreizen wie eitle Pfauen und von mehr Menschen gesehen werden, als je in diesem Leben an meinen Regalen vorbei kommen könnten, selbst wenn ich sie an einer Bundesstrasse aufstellen würde.

Virtueller Ballast

Es ist also eine Täuschung, zu glauben, mit dem (schlecht & recht) erfolgreichen Kampf gegen den Stoff sei alles erreicht: Im leeren Zimmer mit den wenigen funktionalen Möbeln steht dominant das Gerät, in das alles verschwindet und doch nicht verschwindet, wie in ein schwarzes Loch! Je „weniger“ ich im physischen repräsentiert bin, desto größer wird mein virtueller Kosmos. Damit meine ich nicht nur Webseiten, Domains, laufende Projekte und künftige Vorhaben, sondern ebenso Beziehungen, Verpflichtungen, Abonnements, Beteiligungen, Kooperationen, Mitgliedschaften. Dabei sein ist alles, die Chancen scheinen unendlich, ich horte Möglichkeiten, nach wie vor.

Doch seit einiger Zeit spüre ich die Last, die auch diese Form von Besitz und Verstrickung bedeutet. Das Erhalten von immer mehr Möglichkeiten kostet Zeit, die man mit schlichter Verwaltungsarbeit verbringt. Kleine Pflichten (Kontakte, Rechnungen, Reklamationen, Konten, Sortierarbeiten, veraltete Links…) summieren sich zu einem Wust von Dingen, mit denen man sich doch eigentlich nie befassen wollte. Zeit-Souveränität? Aber sicher: Ich kann das alles machen, wann ich will, aber ich muss es machen! Und Geld kostet es auch: Ich zahle für Domains, die ich nicht nutze, habe Zeitungen abonniert, die ich nicht mehr lese, verfüge über Netz-Zugänge, die ich seit der Flatrate nicht mehr brauche, aber noch immer nicht gekündigt habe.

Auch hier ist also Abbau angesagt, wenn ich nicht von alledem aufgefressen werden will. Man lässt das ja lange geschehen, solange man noch unbewusst glaubt, ewig zu leben. In der zweiten Lebenshälfte wird aber immer deutlicher, dass die Zeit begrenzt ist. Dass es nicht darauf ankommt, für die Zukunft 1000 Möglichkeiten zu erhalten, sondern den Augenblick genießen zu lernen. Ich bin froh, dass mir das „schon“ mit 46 klar ist und nicht erst mit 60 oder 80, und zudem glücklich, mich nicht in die üblichen Kredite, Vermögen, Hausbau-Aktivitäten oder Unternehmensgründungen verstrickt zu haben, die so viele Menschen gefängnisartig binden, die damit doch ursprünglich nur ihre Möglichkeiten erweitern wollten. Alles, was ich angehäuft habe, ist recht leicht abbaubar – wenn es auch jedes Mal eine Überwindung kostet, eine „Möglichkeit“ zu verabschieden. Die „Freiheit von“ ist schwerer zu erringen als die so nahe liegende „Freiheit zu“.

Es geht voran, aber langsam. Diese Woche immerhin zwei Abos gekündigt! Und die bisher ungenutzte Domain medienverdrossen.de hab‘ ich abschalten lassen, damit sie keine monatlichen Kosten verursacht. Ganz aufgeben konnte ich sie aber noch nicht: Ist doch eine tolle MÖGLICHKEIT, mal die Aufmerksamkeit der Medien zu versammeln, falls ich das mal wieder für irgend etwas brauche….

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Neuere Einträge — Ältere Einträge