Thema: Alltag

Claudia am 17. Juni 2001 — Kommentare deaktiviert für Abbruch der Zelte

Abbruch der Zelte

Der PC funktioniert noch, die Vorhänge müsssen auch noch ‚runter, aber ansonsten sitz‘ ich hier in einer gut überschaubaren Leere. Leere Regale, ein paar Umzugskisten, an den Wänden sieht man jetzt die Schäden, den Staub, die Löcher – werde zum Streichen nochmal herfahren, Ende der Woche vielleicht. Weiter → (Abbruch der Zelte)

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Claudia am 14. Juni 2001 — Kommentare deaktiviert für Mehr Chaos

Mehr Chaos

Mehr vom Chaos soll ich schreiben, mailt mir eine Leserin. Dabei bin ich doch so froh, dass es bis jetzt nicht überhand nimmt! Ich beobachte es genau, denn Chaos macht mir Angst, zumindest erinnere ich mich gut an Zeiten, in denen die Angst vor dem Chaos – und damit das Chaos selbst – mein Leben bestimmte.

Heute weiß ich: Chaos verhindert man nicht mit dem Kopf, im Gegenteil, der Verstand macht es nur schlimmer. Das fängt schon bei den kleinen Dingen an, wie etwa mit der Ordnung auf dem Schreibtisch, in der Wohnung oder auch auf der Festplatte. Große Aufräumaktionen bringen nichts, feste Vorsätze, in Zukunft die mal eben eingeführte „neue Ordnung“ pingelig einzuhalten, laufen ins Leere. (Wer z.B. seine Festplatte aufräumt, wird schnell feststellen, daß man danach nichts mehr findet.) Der jeweilige Grad der Ordnung oder Unordnung, die mich umgibt, entspricht mir, das kann ich nicht im Hau-Ruck-Verfahren ändern.

Was funktioniert, sind kleine „Work-Arounds“. Weil ich z.B. keine Ordnung in den Gegenständen halten kann, trenne ich mich von allem, was ich nicht wirklich brauche. Was weg ist, kann sich nicht zu unübersichtlichen Ramschecken anhäufen. Was übrig bleibt, kann ruhig kreuz und quer liegen, ich blick immer noch durch, weil es eben nicht mehr viel ist. Und Aufräumen ist dann eine Sache von fünf Minuten, wenn mal alles richtig gut aussehen soll, weil Besuch kommt.

Solange ich dieses „Gut aussehen“ nicht selbst im täglichen Leben vermisse, werde ich es auch nicht dauerhaft herstellen. Kleine Fortschritte gibt es ja durchaus, immerhin BRAUCHE ich heute diese Transparenz, die keine Dreckecken mehr duldet. Und auf meinen Webseiten herrscht sowieso Ordnung, mehr, als ich je im physischen Raum verwirklichen konnte. Vielleicht, weil Webseiten vor allem Kopfprodukte sind? Liegt nahe, stimmt aber auch nicht: Unordnung auf Webseiten tut mir einfach weh, falsche Proportionen, unklare Navigation – der reine Horror! Es wundert mich selbst, daß sich dieses Gefühl nicht beim Anblick meiner gegenständlichen Umgebung einstellt. Vielleicht schau‘ ich einfach zu selten hin! Die 1024 mal 768 Pixel auf dem Monitor sind ja so viel leichter und anstrengungsloser in den Griff zu bekommen… ;-)

Ein Philosoph würde jetzt vielleicht einwerfen: Je mehr Menschen sich mit der Gestaltung von Medien befassen, desto chaotischer wird die Welt.

Es geht los..

Am Montag zieh‘ ich nun wirklich um. Wir haben uns jetzt doch dafür entschieden, den Umzug machen zu lassen – und zwar von derselben schnellen türkischen Firma, die uns auch hier ‚rausgebracht hat. Der Rückzug nach zwei Jahren kostet 500 Mark mehr, aber was soll’s. Selber einen Laster mieten, selber Schilder beantragen und aufstellen, Hilfskräfte von der Jobvermittlung organisieren und selber schwer schleppen? Es ist gut, dass es auch anders geht, ich bin halt nicht mehr zwanzig. Der Break zwischen der hiesigen Welt der Stille, umgeben von Natur, Tieren und Pflanzen, zurück in die laute Mitte Berlins ist eh so heftig, daß ich mich im Äußeren dabei gern so wenig wie möglich anstrenge. Gegen das Chaos hilft nämlich am besten, recht nah bei sich zu sein, in sich hineinzulauschen, was denn los ist – und wenn ich schwitze und schwer schleppe, gerate ich einfach „außer mir“.

In diesen letzten Tagen erlebe ich Anfälle von Abschiedsschmerz. Alles erscheint auf einmal schöner denn je. Draussen vor der Saunalandschaft in der Sonne liegen, gegenüber der Wald, in den Lüften kreist ein Adler… Morgens der Weg zum Zigarettenautomt, das immer schlafend wirkende Dorf ganz still, nur die Vögel zwitschern, der Wind streichelt mich, die klare Luft und das Grün überall – werde ich das nicht furchtbar vermissen?

Wenn es dann im Kopf so auf die übliche automatische Weise weiterdenkt: Hast du das richtige gewählt? Bist du sicher, dass es gut ist, wieder in die Stadt zu ziehen? – dann sage ich „Stop!“. Diese Zweifel haben nichts mit dem realen Leben zu tun, wie ich es von Augenblick zu Augenblick fühle. Im Denken will man immer „das Andere“ und außerdem alles auf einmal und gleichzeitig – nur, um wieder an Anderes zu denken, wenn man wirklich etwas „hat“. Dem sitze ich nicht mehr auf. Nicht „ich“ habe auf einmal beschlossen, in die Stadt zu ziehen. Es hat sich als Stimmung angebahnt, als Leiden, als Gefühl, als Verlangen, dann als Gespräch mit meinem Lebensgefährten, und nach und nach war es klar: Ich gehe zurück – und doch nach vorn, denn wie ich jetzt schon weiß, ist die Stadt nicht mehr diesselbe Stadt. Sie ist im Gegenteil ganz neu für mich, vermutlich, weil ich eine andere bin als die, die damals voller Überdruss Berlin verlassen hat.

„Ereignisse geschehen, Handlungen erfolgen.“

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Claudia am 12. Juni 2001 — Kommentare deaktiviert für Das Chaos beginnt

Das Chaos beginnt

Bisher schien es so, als würde dieser Umzug wie am Schnürchen klappen. Aber das kann ja eigentlich nicht sein, ich hätte es wissen müssen. Gestern also nach Berlin gefahren, um einen Termin mit der Telekom wahrzunehmen: ab 13 Uhr, Einrichten des ISDN-Anschlusses. Ha, ich saß also wartend in der leeren Wohnung und pünktlich um 13 Uhr fuhr tatsächlich ein Telekom-Bus vor. Nur: Der war nicht für mich gekommen, sondern für Leute aus dem fünften Stock, Mieter, die nun ihrerseits nicht zuhause waren, so daß der arme Monteur unverrichteter Dinge wieder abziehen mußte. Bis halb sechs blieb ich dann noch dort, gewöhnte mich an die neue Lautstärke, schob im Geiste Möbel hier und dahin und ärgerte mich über die nutzlos gefahrenen 500 Kilometer. Zwischenzeitlich hatte sich auch herausgestellt, daß die Telefonanlage im Heizungskeller liegt, zu dem ich keinen Schlüssel habe. Klar doch, es hat eine umfangreiche Wohnungsübergabe mit drei Seiten Protokoll gegeben, aber dass ein Mieter auch ein Telefon braucht, war dem Mitarbeiter der Hausverwaltung nicht aufgefallen. Weiter → (Das Chaos beginnt)

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Claudia am 03. Juni 2001 — Kommentare deaktiviert für Abschied von Mecklenburg

Abschied von Mecklenburg

Die letzen Wochen auf dem Land verbringe ich in einem seltsamen Zwischenzustand. Noch nicht in Berlin, aber auch nicht mehr richtig hier, haben die Tage etwas träumerisch-irreales. Auf Spaziergängen fange ich Bilder und Stimmungen ein, gestern zum Beispiel auf dem Weg nach Lützow, danach dann im Wald hinter dem Schloß, der sich in diesen Frühsommertagen märchenhaft entfaltet.
Wer mag, kann mal eben mitgehen:

Abschied von Mecklenburg – ein Spaziergang (aber Achtung, die Bilder haben eine gewisse Ladezeit, ich wollte sie einfach GROSS haben…)

in Mecklenburg

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Claudia am 28. Mai 2001 — Kommentare deaktiviert für Friedrichshain – gebongt!

Friedrichshain – gebongt!

Der Mietvertrag ist da! Es hat wirklich geklappt! Zwar war ich mir eigentlich sicher, dass wir die Wohnung bekommen, doch wollte ich nicht allzu sehr dran glauben, ohne den Vertrag in Händen zu haben. Es ist eine 84 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung gleich beim Boxhagener Platz in Friedrichshain (hier noch eine eher „amtliche“ Kurzbeschreibung). Die beiden Zimmer sind gleich groß, nach vorne raus und mit je einem eigenen Eingang zum Balkon, klasse! Sogar mit großer Wohnküche, nicht ganz so riesig wie hier im Schloß, aber doch größer als alles, was ich in Berlin bisher an Altbau-Küchen so zu Gesicht bekam. Weiter → (Friedrichshain – gebongt!)

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Claudia am 25. Mai 2001 — Kommentare deaktiviert für Vom Nichtstun

Vom Nichtstun

Während der mediengenerierte Meinungsmainstream sich in den letzten Wochen den Kopf über ein „Recht auf Faulheit“ zerbricht, wird mir nach einem halben Jahr unproduktivem Herumhängen klar, wie wichtig, richtig und unverzichtbar echtes Nichtstun ist. Weiter → (Vom Nichtstun)

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Claudia am 21. Mai 2001 — Kommentare deaktiviert für Ein Hauch von Freiheit

Ein Hauch von Freiheit

Im Rückblick erfindet ein jeder die eigene Vergangenheit täglich neu – ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat, doch zweifellos hat er recht. Jede Veränderung im Jetzt zeigt die Vergangenheit in anderem Licht, man merkt es allerdings nur anhand großer Brüche, nach Krisen, bei kleinen und großen Katastrophen. Jetzt zum Beispiel kann ich langsam erkennen, wie meine innere und äußere Stagnation des letzten halben Jahres zustande kam, ja, ich nenne das erst jetzt „Stagnation“ oder auch Krise, denn es verabschiedet sich gerade in Lichtgeschwindigkeit und gerät so überhaupt erst in den Blick. Weiter → (Ein Hauch von Freiheit)

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Claudia am 20. Mai 2001 — Kommentare deaktiviert für Welt gestalten

Welt gestalten

Immer wieder fragen mich Leute angesichts des anstehenden Umzugs von Gottesgabe nach Berlin, warum ich denn „das Grüne“ verlassen und ins Häusermeer zurückkehren will. Nicht etwa an den Stadtrand, nicht in den Speckgürtel, sondern „in the mid of the muds“, wie es mein Lebensgefährte in Erinnerung der Hunde-verschissenen Berliner Gehwege so treffend ausdrückt.

Ich liebe das Grün (typisch Stadtmensch!). Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich die Mai-seelige Biomasse spriessen, als gälte es, bis zum Herbst das Schloß mal richtig zu überwuchern. Der Geruch der feuchten Erde hängt in der Luft, vermischt mit dem Blütenduft der Äpfel, Kirschen, Linden und Kastanien. Die endlosen Weiten der mecklenburgischen Felder zeigen sich derzeit in gelb: blühender Raps, wohin man schaut. Wunderschön, jederzeit vom PC weggehen zu können, ein paar Schritte zu machen und im Grünen oder Gelben zu stehen.

Dass ich hier weggehe, ist kein Ergebnis rationaler Überlegungen. Natürlich könnte ich jetzt so tun als ob und eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen, die zeigt, dass sich „unterm Strich“ die Waagschale auf die Seite der Stadt senkt. Von der Realität wäre das weit entfernt, die immer eine Vielfalt von Ereignissen ist, die mich auf allen Ebenen beeinflussen und letztlich in eine bestimmte Richtung schieben, ziehen, mitreissen. Gegen solche Strömungen will ich nicht mehr anschwimmen, im Gegenteil, ich will sie frühzeitig kommen spüren und mitgehen. Zwei ganze Jahre in einem winzigen Dorf, in einem recht leeren Land, das insgesamt nur 1,7 Millionen Einwohner hat – das ist eine lange Zeit.

Lang genug um vieles zu erleben, was mensch sich nicht vor Augen führt in seiner Sehnsucht nach dem Grün, nach Natur, nach Tieren, Pflanzen, Erde und unmittelbar hereinbrechenden Wettern. An manchen Tagen stinkt die Landschaft zum Beispiel gottserbärmlich, die Bauern verteilen Unmengen Gülle und Klärschlamm auf den Feldern, man kann dem Gestank nach Scheiße und Dreck dann nirgends entkommen! Die Felder selbst, obwohl schön anzusehen, haben doch etwas Brachiales. Jeder Quadratmeter wird genutzt, kein Weg, kein Hain, kein Randstreifen bleibt verschont, wo nicht eine übergeordnete Institution mit ausreichend Fördergeldern und Vorschriften dafür sorgt. Und das geschieht nur punktuell, dort, wo man Touristen anlocken will, die nun mal laufen oder Rad fahren wollen.

Daß für die Raubvögel die quadratkilometergroßen Felder mit 1,60-Meter hohem Doppelnull-Raps tote Gegenden sind, weil es unmöglich ist, auf deren Boden zu sehen, ist den Landmenschen hier egal. Oder daß es vielleicht schön wäre, auf direktem Fußweg ins nächste Dorf gehen zu können, anstatt dem weiten Umweg der Autostraße nachlaufen oder unerlaubter Weise über den Acker stolpern zu müssen – kein Gedanke! Was nicht angeordnet und bezahlt wid, kommt nicht vor. Ehemals vorhandene Wege, noch von Kastanien gesäumt, sind verschwunden, der Platz für optimale agrarische Nutzung gewonnen. Man muß dankbar sein, dass sie wenigstens hier und da die Bäume nicht gefällt haben!

Was mich so belebt, wenn ich in die Stadt komme, ist zum Beispiel der überall sichtbare Wille zur Gestaltung. Die Menschen wollen sich ausdrücken, sie gestalten und kreieren deshalb weit mehr als das, was der jeweilige Job erfordert. Gestaltung ist ein Stück Selbstverwirklichung – für Städter ein Lebenselexier. Ob Hinterhofbegrünung oder Fassadengraffiti, öffentliche Raumplanung und Architekturwettbewerbe oder die Buntheit der Outfits und Kneipeninterieurs, die Vielfalt der Veranstaltungen und Events – jenseits aller kommerziellen Aspekte zeigt sich darin auch eine Liebe zum Dasein im Bemühen, etwas schöner zu machen, als es von selber schon ist.

Das vermisse ich hier. Auf dem Land würde es bedeuten, das Land wirklich zu gestalten, nicht nur zu nutzen. Den Versuch, die Gegend für Menschen – Wanderer, Radfahrer – artgerecht anzulegen und auch den Gewächsen und Tieren Raum zu lassen (viele sind ja in die Stadt eingewandert, da das Land ihnen zu wenig bietet). Natürlich braucht alles derartige dann letztlich auch Strukturen, Vorschriften, Fördermittel – aber was mich traurig stimmt, ist die Anmutung, dass es den Bauern hier einfach kein Anliegen ist. Im Gegenteil, überall, wo ein wenig Naturschutz und Landschaftspflege stattfinden soll, ist erstmal Kampf angesagt. Wäre es anders, würde man hier und da etwas sehen, was vom „Willen zur Gestaltung“ spricht, kleine eigene Intitaitiven. Zum Besipiel gibt es mitten in den großen Feldern feuchte, agrarisch nicht nutzbare Löcher, manchmal mit einem kleinen Teich, gelgentlich von Bäumen umstanden – nie sah ich, dass so ein Spontan-Biotop auch nur ein wenig gepflegt würde, vielleicht begehbar gemacht durch einen Trampelpfad und befreit vom Müll, den manche dort versenken. Nichts!

Dauerhaft auf dem Land leben könnte ich nur als Bäurin, die sich mit diesen Dingen aktiv auseinander setzt und selber etwas tut, anstatt nur zu klagen und zu fordern. Letzteres funktioniert schon gar nicht, wenn man von aussen kommt, aus der fernen Metropole, dazu noch als Wessi in den Osten. Und eine Bäurin werde ich in diesem Leben nicht mehr.

Also geh‘ ich zurück. In die Stadt, wo das Virtuelle den Großteil des Realen ausmacht, wo die Sachen nicht einfach Sachen, sondern Träger von Bedeutung sind. Dort sind meine Aktionsfelder, dort treffe ich Mitspieler und Gegner, dort passen meine Fähigkeiten hin, die hier nur mühsam durch ein 1024 x 800 Pixel-Fenster transportierbar sind.

In Friedrichshain gibt es deutlich mehr Bäume als in meinem alten Kiez in Kreuzberg. Immerhin. Weiter → (Welt gestalten)

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