Claudia am 21. Dezember 2025 — 11 Kommentare

Melancholischer Spaziergang zum Flohmarkt am Boxhagener Platz: das war’s für mich!

4.Advent, morgens:  wegen einer Absage ist meine sonntägliche Routine durchbrochen und ich frage mich, was tun? Vielleicht ins Fitnesscenter? Da war ich sonntags noch nie, aber ich fühl mich nicht danach, schließlich hab‘ ich gestern gesportelt, eine halbe Stunde Langhanteltraining, immerhin! Ein bisschen Laufen wäre aber gut, Bewegung, frische Luft – und auf dem sonntäglichen Flohmarkt am Boxi war ich eine gefühlte Ewigkeit nicht. Bis dahin wären es zu Fuß NUR ca. 15 Minuten…

Ich ringe mit mir, um die Trägheit zu überwinden, die mich länger schon im Griff hat. Unter dem Vorwand „mieses Wetter“ verlasse ich zur Zeit nur selten die Wohnung, lasse mir Lebensmittel liefern und bin froh, nicht raus zu müssen.“Verhockt“ nenne ich diesen Zustand und weiß: gesund ist das NICHT!

Also los! Gut eingemummelt mache ich mich gegen 13 Uhr auf den Weg und spaziere ohne Eile über die Modersohnbrücke in Richtung Boxhagener Kiez. Der Amazontower steckt noch mit dem Kopf im Nebel.

Amazon-Tower Berlin

Links unten neben der Brücke erstreckt sich ein vor der Außenwelt abgeschotteter Bereich. Auf den ersten Blick sieht er nach Müllhalde aus, entpuppt sich jedoch bei genauerem Hinsehen als Obdachlosen-Wohnstatt.

Obdachlosenbehausung

Verlotterte Zelte, schief zusammengenagelte Unterstände aus Holzbrettern und Wellplatten, fast jeder Zwischenraum gefüllt mit kaputten Stühlen, Paletten, Fahrradteilen, auch Pfannen in etwas, das wohl als eine Art Außenküche genutzt wurde – hoffentlich nicht jetzt im Winter!

"Außenküche"

Nach der Brücke beginnt das Friedrichshainer Partyviertel, das bei Touristen sehr beliebt ist. Viele kleine Läden mit Schnickschnack säumen die Gärtnerstraße, in der ich Anfang der Nullerjahre mal gewohnt habe. Noch ein paar Meter bis zum Boxhagener Platz mit dem Flohmarkt: Nicht sehr belebt heute, aber auch nicht leer.

Flohmarkt

Die meisten Leute schlendern nur herum und schauen, die Verkäufer/innen werden heute wohl nicht glücklich. Im nächsten Bild seht Ihr das dritte, hellgelbe Haus von rechts: da hab‘ ich gewohnt, Vorderhaus, großer Balkon, es war recht laut, was mich damals garnicht so gestört hat.

Flohmarkt

Der arme Bodenfegerhund, denke ich mir und spaziere weiter, einmal rund um den Platz. Es gibt alles, was es immer schon gab, altes Geschirr, Kisten voller Besteck oder Bücher, gerahmte Bilder, gebrauchte Schuhe und Klamotten, Handtaschen, Halstücher und Spielzeug. Ein ganzer Stand versammelt Kameras aus dem analogen Zeitalter, für die sich allerdings NIEMAND interessiert.

Analoge Kameras

Dafür herrscht mich der Verkäufer an und meint, ich hätte um Erlaubnis fragen müssen! Muss ich NICHT, nur Menschen haben hier ein Recht am eigenen Bild! Egal, ich gehe weiter, ärgere mich nicht mal, nur erscheint mir das ganze Ambiente zunehmend deprimierend. Früher hatte ich hier Spaß, war unterwegs im Geiste des Jagens und Sammelns, jetzt mag ich nicht mal mehr besonders skurrile Dinge fotografieren.

Flohmarkt

Grade mal sieben Fotos vom Flohmarkt sind es insgesamt geworden, trotz 1001 möglicher Motive – die Müllgegend an der Brücke hat es auf sechs gebracht! Die unzähligen Dinge stoßen mich sogar ab, alles Zeugs, das aussortiert wurde und auch jetzt kaum mehr Interessenten findet. Ich denke an alles, was bei mir zuhause noch so rumliegt, seit Jahren nicht entrümpelt: altes Computerzeugs, Kabel, CDs, Klamotten, die ich nicht trage und immer noch drei Regalmeter Bücher, die ich nie wieder lesen werde.

„Same same but different“ fällt mir ein, nur der Satz, nicht der Film. Der Flohmarkt hat sich gar nicht wesentlich verändert, aber ich. Der Anblick all der viel zu vielen Dinge stimmt mich melancholisch. Wie lange es wohl dauern wird, bis der hübsche Schnickschack aus den Touristenläden auf Flohmärkten wie diesem landet, oder gleich im Müll?

Am Ende kaufe ich zwei Päckchen Räucherstäbchen, Sandelholz und Weihrauch. Den Stand gab es hier schon vor 23 Jahren, einer der wenigen mit Neuware. Früher gab es hier auch noch einen Würstchenstand, der ist lange schon abgeschafft, wegreguliert. Lebensmittel und Imbisse gibts nur auf dem Wochenmarkt am Samstag, soviel Ordnung muss sein!

Ich merke: Mit Flohmärkten bin ich durch, es war wohl mein letzter Besuch. Lieber mal in ein Museum, da sind die Dinge wenigstens schön oder „interessant alt“.

***

Und sonst:

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Diskussion

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11 Kommentare zu „Melancholischer Spaziergang zum Flohmarkt am Boxhagener Platz: das war’s für mich!“.

  1. Ich ringe mit mir, um die Trägheit zu überwinden, die mich schon länger im Griff hat. Unter dem Vorwand „mieses Wetter“ verlasse ich zurzeit nur selten die Wohnung, lasse mir Lebensmittel liefern und bin froh, nicht raus zu müssen. „Verhockt“ nenne ich diesen Zustand und weiß: gesund ist das nicht!

    Das ist fast schon komisch – oder sagen wir: tröstlich. Denn mir geht es ganz ähnlich. Diese Marotte begleitet mich besonders hartnäckig in diesem Herbst. Wenn es draußen grau, nass und unerquicklich ist, zieht es mich kein bisschen an die frische Luft. Die hätte ich allerdings bitter nötig, von der Bewegung ganz zu schweigen.

    Erst Ende vorletzter Woche habe ich mich – der Gesundheit zuliebe – zusammengerissen. Seitdem bin ich tatsächlich täglich bei jedem Wetter drei bis vier Kilometer spazieren gegangen. Sieben Tage hintereinander! Gestern und heute habe ich allerdings schon wieder geschlumpft. Man ist ja schließlich kurz vor dem Fest. Da schadet unmäßige körperliche Betätigung nur, schließlich muss man seine Kräfte einteilen.

    Übrigens: Wir schenken uns zu Weihnachten nichts mehr – die Kinder natürlich ausgenommen. Das hat Jahrzehnte gedauert, bis sich diese Einsicht durchgesetzt hat, aber nun halten wir das schon seit vielen Jahren so. Und ehrlich gesagt: Es fehlt uns an nichts.

    Dass es auch in Berlin Menschen gibt, die etwas dagegen haben, dass man ihren Stand fotografiert, habe ich ebenfalls erlebt – allerdings auf einem Weihnachtsmarkt. In der Provinz scheint die informelle Selbstbestimmung nicht minder ernst genommen zu werden als in der Hauptstadt. Bei mir waren die beiden Damen mit auf dem Foto. Insofern eine andere Ausgangslage. Da war was los. Sie hatten vermutlich ihre Gründe für die Unfreundlichkeit. Ich habe das Bild jedenfalls ganz brav vor ihren Augen gelöscht.

    Danke fürs Verlinken.
    Schöne Weihnachten und bis bald.

    Herzliche Grüße
    Horst 🌲✨

  2. @Horst: Danke! Auch für mich ist es tröstlich, dass es nicht nur mir so geht – zudem motiviert mich dein Aufraffen! Ich werde versuchen, es dir nachzutun: Wenn schon nicht Fittnesscenter, dann wenigstens ein Spaziergang. Ein Gartenbesuch steht auch an: Biomüll auf den Kompost bringen, Topinambur ernten und das Olivenkraut gießen, das im Gewächshaus überwintert!
    Was mich wundert: Du schreibst

    „Wir schenken uns zu Weihnachten nichts mehr – die Kinder natürlich ausgenommen. „

    Ich meinte, mich zu erinnern, dass Ihr keine Kinder habt – so gelesen in deinem Blog. Hab sogar gesucht und die Stelle gefunden! Hast du vielleicht irgendwelche „Wahlkinder“? :-)

  3. Noch jemand, den es gerade nicht rauszieht. Das kann ich so gut verstehen. Das graue und trübe Wetter macht es einem nicht leichter aber auch die Sonne kann ich bei der Kälte hervorragend ignorieren.
    Flohmärkte fand ich als Kind noch spannend aber der Jagdtrieb hat sich längt herausgewachsen. Vor ein paar Jahren hatte ich nochmal einen Anlauf gewagt aber irgendwie reizt es mich gar nicht mehr. Da kann ich gut verstehen, dass die Wohnstätte sogar noch interessanter zu fotografieren war.
    Liebe Grüße!

  4. Ich stelle im Laufe der Jahre auch fest, dass ich alter Knüppel mit zunehmendem Alter kälteempfindlicher geworden bin. Während mir ein warmer Regen beim Joggen nichts ausmacht, halte ich mir bei niedrigen Temperaturen und Gegenwind die Option offen, den Lauf jederzeit abzubrechen, wenn es unangenehm wird. Ist aber noch nie nötig gewesen. Manchmal habe ich erst nach 3 km (von 10) meine Betriebstemperatur erreicht. Während ich früher auch so um die Null Grad mit dem Rad unterwegs war, liegt mein Limit jetzt bei 12 Grad. Darunter kommt beim Biken schlechte Laune auf. Das Joggen unterlasse ich bei Temperaturen von um die 5 Grad, während mir vor 20 Jahren selbst Minusgrade mit Schneefall nichts ausgemacht haben. Oft habe ich mich, der Wettervorhersage gehorchend zu warm angezogen.

    Ein Vorteil ist es, dass ich aus der Haustür und den ersten km bergab laufen kann. Da schläft der innere Schweinehund noch.

  5. @Claudia. Du hattest es richtig in Erinnerung. Die Kinder sind nicht unsere. Es sind Großneffe und Großnichte. :-)

  6. @QueenAll: oh, wie schön, noch eine, der es ähnlich geht! Vermutlich hat halt alles seine Zeit im je eigenen Leben, auch die Flohmärkte.

    @Gerhard: Ich bewundere Leute wie Dich, die joggen – für mich war und bleibt das eine ganz fürchterliche Aktivität! Bin da kindheitsgeschädigt, weil mich die „Kinderbande“ im Hinterhof zum Wettlaufen gezwungen hat, weshalb ich mich beim schier unterträglichen Gerenne lieber habe fallen lassen, um aufhören zu können, zwar mit blutigem Knie, aber das war es mir wert!

  7. Das mit dem Joggen, da geht es mir genauso- und was die Anziehung von Flohmärkten bedeutet, auch. Allerdings vertrage ich dortige, oft muffelige Gerüche so gar nicht mehr. Außerdem: was braucht man schon noch …
    Gruß von Sonja

  8. „Lieber mal in ein Museum“
    In Berlin wird es 1001 Museen und Galerien geben., mehr als sogar in Frankfurt.
    Dazu müsste man aber eine Ausstellungsübersicht aufrufen, aber nur, wenn man generell an Museen und Kunst interessiert ist.😉

  9. […] Klinger beschreibt ihren Besuch auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz am vierten Advent. Es ist nicht so ihr Ding und ich denke, da stimme ich mit ihr über ein. Wir […]

  10. Ach ja. Das Wetter. Es ist bei mir zur Zeit eher die Dunkelheit, die mir zu schaffen macht. Kalt kanns sein, scheißdrauf, ich erinnere mich noch an das Silvester 98/ 99 bei -30°C, das war was. Aber die endlose Dunkelheit, und dann nur so ein kurzer Frühling und wieder endloser Sommer, wo man gesellschaftlich in die Abendstunden gedrängt wird, aber den Morgen verschläft (es ist ab 3 Uhr hell Leute!)… Ach das nervt. Aber egal.
    Flohmärkte, früher ja, heute liegen die Bücher zum Verschenken herum, keiner braucht mehr, wofür man früher viel Geld berappen musste, da ist für mich jedes Mal wie Flohmarkt. Auf Flohmärkten selbst hingegen immer mehr diese „eh Meesta warumdn ditte“-Aggro-Stimmung. Das können sich alle irgendwie verkneifen, ist wie „Kartenzahlung erst ab X“…
    Egal. Frohe Weihnachten oder anderes.

  11. […] Claudia und Flohmärkte, eine Entfremdung: Ich merke: Mit Flohmärkten bin ich durch, es war wohl mein letzter Besuch. Lieber mal in ein Museu… […]

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