Claudia am 22. Oktober 2021 — 5 Kommentare

Man kann sich nicht entschuldigen!

Jedes Mal, wenn sich irgendwer öffentlich entschuldigt, stößt es mir unangenehm auf: Man kann sich nicht selbst entschuldigen! Das, wofür man sich entschuldigen will, hat doch Andere verletzt. Ohne ihre Mitwirkung lässt sich diese Schuld also nicht aus der Welt schaffen. Ganz im Gegenteil ist es ein weiterer Affront, so zu tun, als stünde es in der eigenen Macht, einen Schlussstrich unter die Angelegenheit zu ziehen. Und wenn das Opfer noch wagt, etwas zu sagen, springen andere bei und geben vorwurfsvoll zu Protokoll, er/sie/* habe sich doch entschuldigt!

Wenn das so einfach wäre, spräche nichts dagegen, fortwährend Gift & Galle über Andere auszukübeln und sich bereitwillig zu „entschuldigen“, sobald das jeweilige Verhalten zum Stolperstein zu werden droht. Der Konjunktiv ist hier vielleicht nicht mal mehr angebracht, weil das kollektive Verständnis vom „sich entschuldigen“ das ja goutiert.

Falsch ist es trotzdem. Man kann nur um „Verzeihung“ bzw. „Entschuldigung“ BITTEN. Und dann darauf hoffen, dass die Betroffenen zum Verzeihen in der Lage sind.

Zur Bitte um Entschuldigung gehört auch das Bereuen des eigenen Tuns – und zwar aus Einsicht in die Sache, um die es geht. Das gelingt den Individuen nicht immer. Dann mag es genügen, begleitet von einem undefinierten „es tut mir leid“ um Entschuldigung zu bitten. Besser als nichts, jedenfalls besser als sich mit einer falschen Begründung erneut als mega-ignorant zu outen. Wie es oft geschieht, wenn jemand nachschiebt „es war nicht meine / unsere Absicht, jemandes Gefühle zu verletzen“.

Diskussion

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5 Kommentare zu „Man kann sich nicht entschuldigen!“.

  1. Die prinzipbedingte Entschuldigung ist eh Augenwischerei und dient dem Ablauf von Formalitäten. Im Alltag der Deutschen haben Entschuldigung, Bitte & Danke und andere lustige Kniggewörter des 18. Jahrhunderts nichts verloren.

    Diese sind Indikatoren des SUSI-Prinzips und der- oder diejenige, der diese Wörter regelmäßig anwendet, hat sein Leben verwirkt. Diese Wörter entscheiden darüber, ob Du morgen noch auf die Arbeit kommen „darfst“, Dein Auto fahren darfst oder Du Dir einen neuen Verein, eine neue Partei oder ein neues Land suchen musst.

  2. Also ich erlebe das ganz anders. Sowohl im privaten wie im beruflichen Umfeld bei mir wird um Entschuldigung gebeten. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann sich bei mir jemand entschuldigt hätte oder umgekehrt. Zu öffentlichen Entschuldigungen Prominenter kann ich nichts sagen. Da ist mir aktuell keine bewusst.
    Aber selbst wenn jemand die „falsche“ Formulierung verwendet, stört mich das nicht. Ob es jemand Ernst meint oder nicht (und darauf kommt es an), merkt man doch an anderen Dingen, die nicht in den Worten enthalten sind.

    Viel schlimmer finde ich das mangelnde Verständnis für den Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend. Da weiß ich tatsächlich häufig nicht, was denn nun gemeint ist und wenn das von Leuten kommt, die beruflich mit Sprache zu tun haben, ist das echt ärgerlich.

  3. Es kann sich halt nicht jeder leisten, nur im Theater unterwegs zu sein.

  4. Auch über diese Spitzfindigkeit gibts Internet-Debatten wie beispielsweise zu solchen sinnfreien Erörterungen darüber, ob Weiße sich über Rassismus äußern dürfen oder ob Männer nicht längst als überflüssiges Relikt der Evolution zu gelten haben.

    Ich entschuldige mich für etwas, das ich besser nicht gesagt oder getan hätte. Stimmt schon. Ich kann mich nicht selbst entschuldigen. Aber wie lange schon nutzen wir Menschen diese Formulierung (im deutschsprachigen Raum)?

    Nee! Lieber so: Ich bitte um Entschuldigung für meinen Gedanken, meine Haltung, mein Like, meinen Retweet eines fremden, anstößigen Gedanken, den ich (aus irgendwelchen Gründen interessant gerade fand) und an dem viele keinen Spaß haben und schnell übellaunig werden.

    Heute wird eine Entschuldigung übel gekommen, weil Menschen in dieser wahnsinnig schwierigen Zeit alles noch komplizieren, in dem sie verlangen, semantische Spitzfindigkeiten (Gendersprache etc.) zu etablieren. Diejenigen, die sich diesem Zwang entziehen, werden abgekanzelt.

    Eine Entschuldigung kann ernst gemeint sein oder nicht. Tun wir uns einen Gefallen, wenn wir semantische Spitzfindigkeiten in den Vordergrund stellen und nicht lieber doch das, was wir Menschen mit einer ausgesprochenen Entschuldigung bisher meistens verbunden haben? Im Übrigen ist es ja so, dass einer Entschuldigung vernünftigerweise Konsequenzen folgen sollten. Dass das (Politik) aus der Mode ist, sollte nicht dazu führen, dass wir wieder an der Sprache herumfuhrwerken. Besser wäre es vielleicht, wenn die Forderungen nach Konsequenzen von uns allen auch mit dem nötigen Ernst ausgesprochen würden.

  5. @Juri Nello: Ich hoffe, das war Sarkasmus oder so was in der Art.

    Claudia, Du hast recht, „Entschuldigung!“ zu sagen ist Blödsinn, man bittet um Entschuldigung und das Gegenüber gewährt einem diese Bitte (oder auch nicht). Das zum sprachlichen Aspekt.

    Andererseits ist es ja schon toll, wenn man überhaupt eine Bitte um Entschuldigung hört. In dieser rüpelhaften Welt ist das ja aus der Mode gekommen – ein D. Trump hat sich beispielsweise nie entschuldigt und wird es auch nie tun. Wozu auch? Ist ja aus seiner Sicht alles toll und richtig, was er macht und sagt – ob er nun Colin Powell posthum verhöhnt oder Alec Baldwin von seinem missratenen Wechselbalg von Sohn in den Dreck gezogen wird.

    Ich finde, man bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn man – sollte man mal einen richtigen Bock geschossen oder jemanden sehr verletzt haben – um Verzeihung bittet. Das kann man von mir zurecht erwarten, wenn ich jemandem Unrecht getan habe, das erwarte ich aber auch von anderen, wenn sie mich mit Worten oder Taten verletzt haben. Das macht uns menschlich.

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