Claudia am 06. März 2021 — 4 Kommentare

Versackt im Schlick: Wahnsinn Elbvertiefung und immer weiter so!

Eigentlich sollte man denken, in einer Weltstandt wie Hamburg befänden sich genug intelligente und vorausschauende Leute, um auch Großprojekte halbwegs rational durchführen zu können. Was für eine Illusion!

Baggerschiff auf der Elbe
Baggerschiff in der Elbe, jährliche Baggerkosten 150 Millionen!

Was da gerade läuft, ist purer Irrsinn, nicht „nur“ ökologisch, sondern auch ökonomisch. Die 9.Elbvertiefung, die derzeit nach 20 Jahren Streit und einem abschließenden Gerichtsurteil tatsächlich im Gange ist, versackt gerade in zunehmendem Schlick – und trotzdem fällt den Verantwortlichen nichts weiter ein als das gewohnte „weiter so, Hamburg braucht das, die Wirtschaft…“.

Das Thema ist normalerweise nicht meins, doch ein kurzer Bericht im Magazin Panomama zeigt ein Desaster, das mich so bewegt, dass ich einfach drüber schreiben muss. Die Fakten:

  • Die 900 Millionen teure.9. Elbvertiefung soll die Elbe um einen Meter vertiefen, damit Schiffe mit 14,5 Meter Tiefgang in den Hafen einfahren können. Vor 20 Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass die größten Containerschiffe heute bereits 16,5 Meter Tiefgang haben, ein Ende ist nicht in Sicht.
  • Aktuell zeigt sich, dass durch die Vertiefung weit mehr Schlick nachfließt als vorausgesagt. Es kommt weniger Wasser aus der Elbe (Klimawandel), die Fluten vom Meer laufen weiter den Fluss hinauf, das Entsorgungsproblem besteht weiter und verschärft sich noch (Ich war geschockt, zu hören, dass man bisher den Schlick einfach 10 km weiter die Elbe hinauf wieder ausgekippt hat, von wo er natürlich mit der Strömung zurück kommt! Fortan soll er kurz vor Helgoland ins Meer gekippt werden)
  • Die Vorhersagen über die künftige Hafenauslastung haben sich nicht bewahrheitet. Es ist nicht mehr zu erwarten, dass die prognostizierten 25 Millionen (Tonnen) Containerumschlag jemals erreicht werden.

    Containerumschlag
    Quelle: Panorama
  • Schon seit Jahren verliert der Hafen an Bedeutung gegenüber den Häfen direkt am Meer (Rotterdam, Antwerpen). Den Wettlauf mit ihnen kann Hamburg (ein Flusshafen, 100 km vom Meer entfernt!) durch noch so viel Baggern nicht gewinnen, denn wenn schon jetzt Giganten mit 16,5 m Tiefgang unterwegs sind, wird auch eine auf 14,5 m vertiefte Elbe da nicht mithalten können.

Was da entgegen jeder Vernunft voran getrieben wird, zeigt die reale Betonköpfigkeit sämtlicher Entscheider aus Politik und Wirtschaft so drastisch, dass eigentlich klar ist: Jede Hoffnung auf die menschliche Fähigkeit, sich geänderten Bedingungen anzupassen, ist mittlerweile für die Katz! Geht einfach nicht mehr, wenn zuviel Geld im Spiel ist. Die Verantwortlichen zitieren Gutachten zur Wirtschaftlichkeit, die längst überholt sind, sprechen von „Chancen, durch die Vertiefung Marktanteile zurück zu gewinnen“ (für wie lange?) und sind fest entschlossen, den Weg in die Sackgasse weiter zu gehen.

Aber die Arbeitsplätze! Das ewig gleiche Argument bleibt immer gleich blödsinnig: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! Wenn keinerlei Anstrengungen unternommen werden, die Wirtschaft an die Zukunft als „Ergänzungshafen“ anzupassen und eben auch andere Sektoren zu entwickeln, dann werden Umsatz- und Arbeitsplatzverluste deutlich krasser und leidvoller ausfallen als mit einer voraus schauenden Umsteuerung.

Die Elbvertiefung zahlen wir übrigens alle mit!

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Diskussion

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4 Kommentare zu „Versackt im Schlick: Wahnsinn Elbvertiefung und immer weiter so!“.

  1. „Ich war geschockt, zu hören, dass man bisher den Schlick einfach 10 km weiter die Elbe hinauf wieder ausgekippt hat.“

    Wirklich? Diese Prozesse finden sich überall im Arbeitsleben wieder. „Bauet auf und reißet nieder, so gibt es Arbeit immer wieder!“ VWLer würden sowas Wirtschaftskreislauf nennen. Die Finanzwelt funktioniert z. B. auch so.

    „Vor 20 Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass die größten Containerschiffe heute bereits 16,5 Meter Tiefgang haben, ein Ende ist nicht in Sicht.“

    Doch das konnte man und hat man. Man hat bloß nicht gedacht, dass das für Hamburg eine Rolle spielen würde (siehe auch Deine Anmerkungen bzgl. Rotterdam & so). Was man damals jedoch nicht auf dem Schirm hatte, dass mal jedes Produkt des täglichen Bedarfs extra aus China eingeschifft werden würde.

    „Aber die Arbeitsplätze! Das ewig gleiche Argument bleibt immer gleich blödsinnig: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! “

    In diesem Fall ist es etwas weitläufiger. Es würde ein Kompetenzfeld wegbrechen. Das ist, wie anderswo in Deutschland auch, nun mal nur die Industrie. Deutschland hat die Folgen der Globalisierung verpennt und sich eben nicht zum nötigen Dienstleistungssektor entwickelt. Also tut man alles, um die Industriebrache irgendwie am Laufen zu halten, nicht nur in Hamburg. Industrieanlagen- & Maschinenbau sind leider die wenigen Kompetenzfelder, die Deutschland international geblieben sind. Würde man die einbrechen lassen, hätten wir gar keine Leute mehr (außerhalb vom Profisport), die international konkurrenzfähig sind. Deutschland würde sich dann zum Burkina Faso Europas entwickeln.

    „Die Elbvertiefung zahlen wir übrigens alle mit!“
    Die Märkte sind nur so frei, wie die Subventionen fließen. Frage doch mal Scholz. Der kennt sich damit aus.

  2. @Juri: danke für deinen interessanten Kommentar! Wieso wurde denn gemeint, dass die Schiffe mit immer mehr Tiefgang für Hamburg keine Rolle spielen würden? Dass es Amsterdam und Rotterdam gibt, hat doch auch nicht davon abgehalten, nun auf 14,5 m vertiefen zu wollen?
    Ich verstehe auch nicht, warum die nicht mehr kooperieren. Die Schiffe mit heftigsten Tiefgang nach Jade-Weser-Port und die anderen nach Hamburg. Warum sollte da „ein Kompetenzfeld wegbrechen“?

  3. Das Durchdrücken sinnloser und überteuerter Grossprojekte hat doch schon lange Konjunktur und m.E. nicht nur in Deutschland. Eine gewisse Vetternwirtschaft spielt dann auch mit hinein.

    Da gäbe es wieder das allseits beliebte Thema der Energieerzeuger, die sich lieber das Entsorgen ihres Schrotts aus der öffentlichen Hand bezahlen lassen, statt angesichts der wissenschaftlich nachgewiesenen Probleme unserer Lebensweise auf das Klima wirklich innovativ zu sein, auf erneuerbare Energien zu schwenken und lieber auf solche Sachen wie Datteln 4 zu verzichten.

    Andernorts machen AKW Probleme und es wird von den Umweltesoterikern der Grünen ignoriert genauso wie die Themen Auto usw. im Ländle, nachdem sie sich nach ihrer Wahl zur Regierungspartei auf schnellstem Wege am Einstellen des Irrsinns S21 vorbei gemogelt haben.

    Gleiches trifft auf Brücken und dergleichen zu, wo lieber erst am Instandhalten gespart wird, um dann mit Abriss und supertollem Neubau die Betonmafia zu füttern.

    Ein weiterer Punkt sind die Gewrbegebiete, die in jedem noch so kleinen Kuhdorf Konjunktur haben und wenn dann die Firmen pleite sind oder die Discounter ihre Fördermittel und Steuernachlässe abgefeiert haben, bleiben leere Hallen und Industriebrachen zurück, während sich das Lager auf der Strasse befindet.

    Wir haben ja Flächen und Natur bis zum Abwinken hier.

    Und wo dann schon einmal Natur ist, muss ein DIN-A4-Touristenbunker nach dem anderen in die Landschaft geklotzt werden mit aller Infrastruktur und den Folgen für die Landschaft. Ist dann abgewirtschaftet, zieht die Karawane auch da weiter und hinterlässt verbrannte Erde. Denn aufräumen dürfen dann wieder andere.

  4. Das ist das Problem. Man kooperiert nicht, man konkurriert. Auch das lässt sich trefflich aus der Corona-Krise ablesen (Schutzbekleidung / Impfdosen). Was glaubst Du, was der Vertrieb am Ackern ist, dass der philippinische Frachter eben nicht in Rotterdam einläuft? „Bei denen gibt`s nur die Pest! Bei uns gibt`s neben der Pest auch noch Cholera und frischen Fisch in frischen Semmeln. Bei denen dahinten gibt`s nur Frikandel Speciaal!“

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