Claudia am 30. Juli 2020 —

Die Zukunft gehört uns nicht

…aber wir brauchen sie trotzdem!

Viele Jahre lang hatten sie ihr Alter geplant. Noch in diesem Sommer wollten sie ihre selbstständigen Berufe auf ein Minimum herunter fahren. Nach Turbulenzen in den letzten Jahrzehnten war es ihnen gelungen, die Finanzen wieder so zu ordnen, dass ein sorgenfreier Lebensabend in greifbarer Nähe schien. Sie freuten sich aufs Reisen, auf vieles, was sie sich für „später“ vorgenommen hatten. Und auf ihre anstehende Silberhochzeit.

Weg / Zukunft-Symbolbild

Doch diese Zukunft wird es nicht geben. Ganz plötzlich ist mein alter Freund in diesem Frühjahr verstorben – obwohl „eigentlich“ gesund, fit, aktiv und jünger aussehend. Gemerkt hatte ich es, als die Blumen zum Geburtstag ausblieben, die er Jahr für Jahr gesendet hatte. Die Todesanzeige fand ich im Netz – verstörend! Zurück bleibt seine Frau, die nicht nur ihren geliebten Mann, sondern auch die gemeinsame Zukunft verloren hat. Eine Zukunft, mit der sie fest gerechnet, auf die sie hingelebt hat. Wie furchtbar!

Was sagt uns das? Verschiebe nichts auf später, denn es könnte kein „später“ geben? „Hier und jetzt“ ist die einzige Wirklichkeit? Carpe diem?

Jeder kennt diese philosophisch-spirituellen Ratschläge. Aber beachten wir sie auch? Geht das überhaupt? Was ist mit all den anderen Weisungen, die dazu auffordern, Ziele anzustreben, nach Visionen zu suchen, Fortschritte zu machen? „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ fragen Personalmanager die Mitarbeiter und wer da nur mit den Schultern zuckt, macht gewiss keinen guten Eindruck.

Die Zukunft gehört uns nicht und doch tun wir so, als gehöre sie zum Besitzstand. Wir rechnen mit ihr. Kommt es dann doch ganz anders, ist der Verlust umso größer, je genauer die Vorstellungen und Pläne waren.

Aber ist ein Leben nur im „Hier und Jetzt“ überhaupt denkbar? Obdachlose kommen diesem Ideal nahe. Der nächste Schlafplatz, die Öffnungszeiten der Suppenküchen – mehr Zukunftsplanung gibt es nicht. Ein solches Leben hat noch kein spiritueller Lehrer als erstrebenswert bezeichnet!

Wie sehr wir alle die Zukunft brauchen, zeigt auf eindrückliche Art die Serie „8 TAGE“, die derzeit in der ZDF-Mediathek zu sehen ist. Nicht grundlos schreibt sich der Titel im Intro mit Anarcho-A:

8 Tage - Logo

Ein Asteroid rast auf die Erde zu, Ablenkungsversuche misslingen, der Menschheit bleiben noch acht Tage bis zum Einschlag. Vorexerziert wird, wie die öffentliche Ordnung zusammen bricht und bis dahin gültige Werte und Verhaltensmaximen ihren Sinn verlieren. Der letzte Aufrechte ist ein Polizist mit Migrationshintergrund, der auch im End-Szenario seiner Ethik treu bleibt und versucht, Recht und Ordnung hoch zu halten – bis niemand außer ihm mehr da ist. Seinen Bunkerplatz gibt er zu Gunsten der handlungstragenden Familie auf. Schlussszene Sekunden vor dem Einschlag: auf einem verwüsteten Stadtplatz schreibt er einen Strafzettel und klemmt ihn hinter die Scheibenwischer eines „falsch geparkten“ Autos.

Kritiker vermissen an der Serie einiges, was sie von Katastrophenfilmen erwarten. Mir hat nichts gefehlt. In derselben Woche, in der ich den Wegfall der individuellen Zukunft eines alten Ehepaars mitbekommen hatte, konnte ich hier den Wegfall der kollektiven Zukunft besichtigen. (Bunker hin oder her, sie ändern nichts daran, dass die Welt, wie wir sie kennen, in „8 Tage“ untergeht).

Wie also mit der Zukunft umgehen? Als Bezugspunkt für vielerlei Handlungen ist sie immer auch Bestandteil der Gegenwart, daran lässt sich nichts herum deuteln. Problematisch wird es, wenn es darum geht, wieviel mögliche Lebensfreude wir bereit sind, für sie zu opfern. Ist es zuviel, kann es sein, dass man das „richtige Leben“ verpasst, weil es immer nur für die Zukunft geplant war.

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Diskussion

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7 Kommentare zu „Die Zukunft gehört uns nicht“.

  1. Ich weiß nicht, ob Diogenes von Sinope (der mit der Tonne) Schüler hatte (ich denke nicht, es paßt nicht zu ihm) und insofern als spiritueller Lehrer qualifiziert, aber vorgelebt hat er die zukunftslose Bedürfnislosigkeit allemal. Heute zählte er wohl zu den Obdachlosen, eine Lebensweise, die der Philosoph allerdings selbst gewählt hatte.

    Es gibt aber noch eine andere Lebensweise, die auf Zukunft verzichtet (außer auf die Zukunft der Erlösung durch Jesus Christus) und sich ganz einem Gott gewidmeten Leben der Kontemplation verschreibt, nämlich das Mönchtum in allen seinen östlichen wie westlichen Ausprägungen. Zukunftspläne gibt es in einem solchen Leben nicht.

    Wenn man von diesen Extremen absieht, bleibt gewöhnlichen Menschen nur, irgendeine Mitte zu halten. Wer so lebt, als müßte er morgen sterben, vernachlässigt auch seine Zahnpflege. Dumm nur, wenn es dann doch noch ein bißchen dauert mit dem Sterben.

    Übrigens sind diese Gedanken ziemlich alt, schon die Antike hat sich mit der Frage nach der Zukunft beschäftigt.

  2. Ja, Solmione, die Frage ist alt, aber die Antworten darauf dürfen immer wieder neu sein.
    Ich bin nun im reifen Alter von 67 und habe vor vier Monaten links eine neue Hüfte bekommen, weil ich beim Rollerskaten im Park gestürzt war und ratzpatz der Oberschenkelhals gebrochen war. Seitdem ‚erobere ich mir‘ meine Beine neu, mit Übungen aller Art, tags und nachts – auch nachts, weil ich seitdem schlecht schlafe. Inzwischen kann ich wieder tanzen und sanft joggen, aber das Leben ist nicht mehr wie vorher. Es unterteilt sich für mich in die Zeit vor und nach dem Sturz.
    Das Leben im Hier-und-Jetzt, wie Eckart Tolle es anpreist und viele andere spirituelle Lehrer mit ihm, ist von der Idee her ja ganz schön. Als Zeitschriftenmacher für diese Zielgruppe der ‚Spiris‘ aber habe ich erleben müssen, wie sie mehrheitlich nur die naive Variante dieser Weisheit gefressen haben, dieses: Kümmere dich nicht um Gestern, es ist vorbei; und plane nicht für das Morgen, es wird nie kommen. Ich nenne sie spöttisch die »Hier-und-Jetzt-Fraktion«. Sie ignorieren, wie wichtig es ist Wurzeln zu haben, die eigene Herkunft zu kennnen und zu respektieren. Das gilt auch für alle Gesellschaften, die z.B. eine rassistische oder faschistische Vergangenheit haben können (die meisten haben eine solche). Und sie planen nicht, weil sie ja »wissen«, dass sie mit Tolle und Meister Eckart in der ewigen Gegenwart leben.
    Die ganze Weisheit aber lautet: Erinnern kann man sich nur jetzt, und auch Planen kann man nur jetzt. Wir leben sowieso unausweichlich in der ewigen Gegenwart, auch wenn wir das ignorieren oder vergessen (ach, vergessen ….) sollten. Die Werte des Sich-Erinnerns und Planens gelten auch hier, in der ewigen Gegenwart, der niemand entkommen kann.
    Der Film »Acht Tage« scheint den Zeitgeist gut erfasst zu haben, wenn man das liest, was du da schreibst, Claudia. Ich verwende als Metapher für unsere globale Situation gerne die Titanic, da steckt der Größenwahn noch besser drin. Falls wir der Oberklasse angehören, tanzen wir auf dem Deck der Titanic zur noch immer spielenden Musik, weil das Schiff den Eisberg und damit den Untergang sowieso nicht mehr vermeiden kann.
    Da lobe ich mir den »Polizisten mit Migrationshintergrund«, der noch am letzten Tag einen Strafzettel fürs Falschparken vergibt. Er erinnert mich an Luthers Apfelbäumchen.
    Wir wissen nicht, wann es soweit ist, dass wir »abberufen« werden, wie Theisten es vielleicht nennen würden. Das gilt für uns Alte ebenso wie für die Jungen. Manchmal beneide ich die Jungen für ihre Jugend, manchmal bedauere ich sie dafür. Dann fällt mir der folgende Spruch dazu ein (Ist er von Oscar Wilde?). Sinngemäß geht er so: Gott hat die Vorzüge der Jugend an die vergeben, die noch nicht damit umgehen können.

  3. Herzlichen Dank für Eure Kommentare!

    @Solminore: das Mönchstum verlagert m.E. die Zukunftserwartungen von außen nach innen. Christliche Mönche rechnen damit, dank ihres gottgefälligen Lebens beim Jüngsten Gericht kein Problem zu haben und in den Himmel zu kommen.
    Buddistische Mönche streben mittels ihrer Praxis nach Entwicklung Richtung Nirvana, Erleuchtung, Boddisattva werden, raus aus dem Rad der Wiedergeburten – je nach Schule. Eine weltliche Zukunft spielt tatsächlich kaum eine Rolle, mal abgesehen von Lehren und Missionieren.

    @Wolf: die „ganze Weisheit“ ist eigentlich sehr einleuchtend. Und ich glaube der „Hier-Jetzt-Fraktion“ nicht, dass das so ganz stimmig gelebt wird. Wenn junge Menschen eine Zeit lang per Work&Travel durch die Welt reisen, kommt das für eben diese Phase so hin – aber meist ist das doch nur eine Phase. Wer „ausgesorgt“ hat, so Wohlstands-technisch, hat auch gute Karten, nurmehr im Jetzt zu leben – eigentlich erstaunlich, dass es viele dennoch nicht tun.

  4. Solche Gedanken, liebe Claudia, dürften mit fortschreitendem Alter bestimmt jeden mal „erwischen“.
    Ich habe davon erzählt, dass wir uns zu Hause um meine Schwiegermutter (im Oktober 96) kümmern. Wir teilen uns die Arbeit so gut das geht. Es wird immer schwerer und die seelische und körperliche Gesundheit meiner Frau nimmt das mit. Mir macht es Sorgen. Aber trotz der steigenden Belastung, wir ziehen das durch. Wir haben darüber nachgedacht und über Alternativen geredet. Sie bleibt bei uns und fertig.
    Inzwischen sind wir schon ein paar Jahre in Rente. Unternehmen können wir fast nichts. Ab und an geht meine Frau mit Freundinnen aus, bei mir siehts eher mau aus. Das ist der Nachteil, wenn man wenig Freunde hat, die zu allem Überfluss auch noch „wegsterben“.
    Wir denken häufig gemeinsam darüber nach, was du so eindringlich beschrieben hast.
    Mein engster Freund ist vor 10 Jahren mit 56 Jahren verstorben. Wir kannten uns seit der Grundschule und unsere Familien waren eng miteinander. Unsere Frauen sind seit ihrer Ausbildungszeit Freundinnen. Den engen Kontakt pflegen wir. Aber es ist nichts mehr wie es war.

    Du kennst den Satz mit den Einschlägen, die immer näherkommen. Jeder kennt das Gefühl, die älteren eher als die jüngeren. Für mich gibt keinen schrecklicheren Gedanken als den, meine Frau zu verlieren. Es gibt diese banale Liedzeile von Stephan Sulke: „Außer manchmal bei ’nem Unfall, gibts bei Ehen halt kein Happy End.“ Das bringt diese Tragödie wunderbar auf den Punkt.

    Rentner beklagen sich, glaube ich, selten über Langeweile. Irgendwas ist schließlich immer. Bei uns ist das nicht anders. Seit den Corona-Lockerungen kommen die Kinder meiner Nichte wieder regelmäßig, und ich habe mich vorletzte Woche seit Langem mal wieder mit Kumpels von der Feuerwehr auf ein Bierchen getroffen.

    Wie kann man seine Zeit sinnvoll nutzen, und zwar auch dann, wenn man etwas eingeengt ist? Vielleicht brauchte man ein paar Hammer-Events: Fallschirmsprünge, Bungee-Jumping oder was anderes, das den Adrenalin-Spiegel hochschnellen ließe. Vergeht die Zeit dann langsamer? Eher müsste man wohl dazu für mehr Langeweile sorgen. Jedenfalls weiß ich aus jüngeren Jahren, dass die Zeit nur dann langsam vergeht, wenn man sich richtig langweilt. Aber wer will sowas?

    Ich versuche es anders hinzukriegen. Ich versuche mir Ausgeglichenheit und Zufriedenheit anzutrainieren. Das gelingt zunehmend besser. Eine Portion Fatalismus schadet auch nicht, finde ich. Meine Frau und ich haben alles, was wir brauchen. Wir sind bedingt unabhängig. Finanziell ist alles in Butter und noch sind wir gesund. In sechs Jahren – so Gott will – feiern wir unsere Goldene Hochzeit. 50 glückliche Jahre. Ohne Quatsch, ohne Prahlerei. Vielleicht kann man dann wieder ein paar Reisen unternehmen und mal ein paar Fotos mit anderen Motiven schießen? Hauptsache, wir bleiben gesund. Ich hab übrigens über 5 Kio abgenommen und will das auch weiter durchhalten.
    Wir nehmen die Zukunft bestimmt als etwas zu selbstverständlich wahr. Auch wenn ich mir das nicht ständig bewusst mache, ich bin dankbar für jeden einzelnen Tag, den wir zusammen haben. Und ich hoffe, es bleibt noch eine Zeit so.

  5. Mich regt dieser bescheuerte Ratschlag auf: „Lebe so, als wäre heute dein letzter Tag!“ So simpel ist es nicht. Wir leben eingebettet in eine Vergangenheit, die Einfluß auf das Heute hat, wie jeder Mensch mit Depressionen zur Genüge weiß. Und die Zukunft muß, wenn man weise entscheiden will ebenso bedacht werden. WENN heute mein letzter Tag wäre, würde ich mir eine Schachtel Zigaretten kaufen und ausreichend Sekt kalt stellen und vielleicht stundenlang Katzenvideos gucken. ABER: ich muß arbeiten und sollte besser nicht gekündigt werden. Ich muß Pflichten ausüben und Regeln beachten. Man lebt eingebettet in eine Vielzahl von Notwendigkeiten und wird durch äußere Umstände beschränkt.
    Das einzige, was immer geht, ist, sich den Geist freihalten, geistige und geistliche Skills zu leben und dadurch belebt und frei zu sein. Das ja. Aber wie der heutige Tag gelebt wird, wird meines Erachtens durchaus von der Vergangenheit und Zukunft bestimmt.

  6. @Markus:
    gutes Beispiel! Ich hab auch noch ein besonders Absurdes parat:

    Ich war 19, ganz frisch verliebt und grade dabei, mit Hilfe des Geliebten meine erste eigene Wohnung zu renovieren. Wir waren schon ein paar Tage zusammen, konnten die Finger kaum voneinander lassen, mussten aber warten bis zu „sichereren Tagen“ (grade keine Pille, kein Bock auf Präser). Was uns gar nicht leicht fiel, echt nicht!

    Wir strichen also zusammen die Wand und philosophierten so vor uns hin (immer unterbrochen von heftigsten Schmusereien auf dem Boden). Irgendwie kamen wir auf das mit dem „am letzten Tag ein Apfelbäumchen pflanzen“. Dazu meinte er -ganz ohne jede Ironie und philosophisch korrekt:

    „Ja, genau – wenn jetzt unser letzter Tag wäre, würden wir ganz einfach die Wand weiter streichen….“

    Ich war richtig perplex über das Ausmaß seiner akuten philosophischen Verblendung! Angesichts meiner Reaktion hat er dann doch gemerkt, was für ein Griff ins Klo das war. :-)

  7. @Horst: bewundernswert, wie Ihr das mit der Pflege durchhaltet! Und Glückwunsch zum Abnehmen!

    „Wie kann man seine Zeit sinnvoll nutzen, und zwar auch dann, wenn man etwas eingeengt ist? „

    Das Internet bietet da immer noch viel, nur leider sitzt man dabei meistens. Hätte ich keinen Garten, wäre ich garantiert nicht mehr so fit…