Claudia am 22. Juni 2020 — 9 Kommentare

Randale in Stuttgart, gestiegene Aggressivität

Auf Wortschwatz schreibt Horst, für die Randale in Stuttgart sei „vielleicht auch die Anti-Rassismus-Kampagne“ mit verantwortlich. Das glaube ich nicht, denn einen politischen Hintergrund vermutet nicht mal die Polizei. Über die sog. „Partyszene“ ist zu lesen, dass jedes Wochenende Leute aus dem gesamten Umland nach Stuttgart kommen, „um die Sau raus zu lassen“. Das ist jetzt krass eskaliert, wobei die Teilnehmer Deutsche waren, zusammen mit einem „bunten Mix über den Globus,“ wie es ein Polizist beschrieb.

Ich denke, das wäre auch ganz ohne „Black Lifes Matter“ passiert, denn auch hier in Berlin treffen sich nachts hunderte junger Leute in (großen!) Parkanlagen, um bis in den Morgen zu feiern. Die Polizei geht da nicht hin und macht Drogenkontrollen! Mir scheint, durch die lange und anhaltende Schließung aller Clubs und Dancefloors ist das Agressionslevel deutlich gestiegen. Die Bereitschaft, sich durch Regelungen und Verbote noch länger einschränken zu lassen, ist bei bestimmten Gruppen offenbar vorbei. Und auch in breiteren Bevölkerungsschichten, die in Stuttgart den Tätern applaudiert haben.

Mehr Aggressionen im Alltag

Das allgemein gestiegene Aggressionspotenzial zeigt sich ja nicht nur in solchen schlimmen Ausschreitungen. Auch im Alltag sind viele deutlich aggressiver, regen sich über kleinste Dinge auf, die ihnen nicht passen. Zur extremen Erregung eines Radfahrers angesichts eines auf dem Radweg parkenden Autos sagte gestern ein lieber Freund: „Hätte der eine Waffe dabei gehabt, hätte man um das Leben des Autofahrers fürchten müssen!“

Morgen wird der Berliner Senat ein Bußgeld für das Nicht-Tragen von Masken beschließen. Im ÖPNV und auch in kleinen Geschäften halten sich viele nicht mehr an die bisher ohne Bußgeld bestehende Maskenpflicht. Weil seit Tagen die Infektionszahlen in Berlin steigen, sind nun auch die Grünen dafür.

Durchsetzen sollen das Polizei und Ordnungsämter. Mir tun schon jetzt die Leute leid, die diese Auseinandersetzungen im ÖPNV und in den Läden dann führen müssen. Die sind dann nämlich punktgenau in der Zwickmühle zwischen den Fronten: Die Maskenverweigerer sind genervt und reagieren womöglich aggressiv, während andere sich über die Verweigerer ärgern, bei Polizei und Bezirksämtern Anzeigen und Beschwerden einreichen und sich dann über die gefühlte „Untätigkeit“ der Polizei aufregen, die ja nicht überall sein kann.

Im März, noch ganz am hiesigen Anfang der Pandemie hatten alle Angst, waren mit den Beschränkungen zu 95% einverstanden – jetzt schwingt das Pendel in die andere Richtung. Und zwar recht gewaltig.

Diskussion

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9 Kommentare zu „Randale in Stuttgart, gestiegene Aggressivität“.

  1. Man wird manchmal beim Einkaufen oder Wegfahren angebafft, aber ich schreibe das gewöhnlich dem Stress in dieser Zeit zu. Eine Kassiererin entschuldigte sich bei mir jüngst wegen einer Kundin, aber ich sagte ihr sinngemäss, daß es Schlimmeres gäbe.

  2. @Gerhard: oh je, wenn die sich auch noch fürs Benehmen der Kunden verantwortlich fühlen, ist die Belastung ja noch deutlich höher! Eine sehr liebe Kassiererin!

  3. Es ist so, dass viele auf Kleinigkeiten aggressiv reagieren. Es ist naheliegend, dass das mit den Corona-Maßnahmen zu tun hat bzw. damit, dass sich viele in ihrem Bewegungsfreiraum stark eingeschränkt fühlen. Das kann ich nachvollziehen. Nicht nachvollziehen und zwar unter keinen Umständen kann ich allerdings die Gewalttätigkeit mit der die Demonstranten gegen Polizisten vorgingen und welche kriminelle Energie sich dabei entlud.

    Ich war etwas überrascht, dass in einigen Medien die von mir vertretene Meinung geteilt wurde. Cicero, NZZ aber auch andere sehen den Zusammenhang mit der durch die #blacklivesmatter Proteste ausgehenden Wut auf Polizei im Allgemeinen. Als einen Freifahrtschein für gewalttätige Übergriffe gegen Menschen mit Uniform. Nun, sei’s drum. Alles ist Politik. Und die Ansichten, die da aufeinanderstoßen, sind auch politisch motiviert, glaube ich. Alles im Leben ist irgendwie auch politisch. :-) Ich glaub, das ist nicht von mir…

    Ich mag mir nicht vorstellen, was geschehen könnte, wenn es tatsächlich zu einer 2. Corona-Welle in Deutschland käme. Die Bereitschaft und sicher auch die (wirtschaftliche) Fähigkeit, einen weiteren Lockdown zu verkraften, stieße nicht nur an die Grenzen, deren Überschreitung wir in der Stuttgarter Innenstadt besichtigen konnten. Das Netz ist auch voll davon. Widerstand, Anarchie und Hass auf demokratische Institutionen. Das kann was werden.

  4. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir Kontrollen in den ÖPNV herbeisehne, nicht weil ich in Blockwartmentalität den anderen eins auswischen will, sondern weil ich der Situation kaum noch entgehen kann und gezwungen bin, mich während einer Fahrt mehrmals umzusetzen oder am besten gar hinzustellen, denn die Maskenverweigerer in Bus+Bahn sind jetzt so zahlreich, daß ich dazu genötigt bin, um mich nicht der Gefährdung auszusetzen.

    Und auf Arbeit, auf Station begegnet uns ein passiv-aggressives Unverständnis bei den Besuchseinschränkungen (1 Besucher pro Tag für maximal 1 Stunde). Ständige Diskutiererei, Verhandeln um Bevorzugung und Einlenken bis hin zu Beschimpfungen und Drohungen.

  5. @Markus Kolbeck: Keine Ahnung wie man diese Form von Widerstand nennen soll. Die Leute müssten doch sehen, welche Gefahren immer noch lauern. Was in Brasilien oder Indien vor sich geht (eben haben ich einen schlimmen Bericht aus Peru im TV gesehen) müsste doch jedem klarmachen, das Vorsicht das einzige ist, das uns vor einer Katastrophe bewahren kann. Wahrscheinlich ist es nicht einmal Rücksichtslosigkeit, sondern eine echte Verweigerungshaltung. Insofern haben also die Coronaopposition der Vielen Früchte getragen. Wozu das noch führen könnte, will ich mir nicht vorstellen.

  6. @Markus, @Horst:

    Menschen agieren nun mal nicht nur rational. Das predigen „wir“ den Ökonomen seit Jahrzehnten, die ihre Wirtschaftsmodelle auf rationale Kosten-Nutzen-Rechnungen des sog. „Homo Ökonomicus“ stützen – aber dass das auch in allen anderen Bereichen gilt, ruft immer wieder Verwunderung hervor.

    In Berlin gilt nun ein Bußgeld für Maskenverweigerer im ÖPNV. Theoretisch auch in Geschäften, aber da müsste erst jemand die Polizei rufen. Die soll es im ÖPNV kontrollieren – bin gespannt, ob das wirklich stattfinden wird und in welchem Umfang.

    In die Spätis in Berlin (kleine Tante-Emma-Läden, meist von Migranten betrieben) gehen die meisten ohne Maske. Von „nur 1 Person pro 10 m²“ ist nichts zu bemerken – und wenn ich da gelegentlich MIT Maske reingehe, komme ich mir vor wie ein Alien. Weshalb ich manchmal auch „ohne“ kurz rein gehe, jedoch nicht, wenns voller ist.

    Ich denke, das hat sich so entwickelt, weil sich die Inhaber nicht trauen, die Pflicht durchzusetzen. Zwar hängen an der Tür pflichtschuldigst Aushänge, aber faktisch sind sie Migranten, sind allein im Laden, auch mal weiblich – da verstehe ich gut, dass die keinen Bock auf Auseinandersetzungen haben. Es gibt aber auch welche, die selbst zu den Gegnern zählen und Corona nicht ernst nehmen – entgegen aller Rationalität!

  7. Auf solche Auseinandersetzungen (und ich kann mir gut vorstellen, wie schnell das heute geht) hätte ich auch keinen Bock. Dass die Maskenpflicht nicht durchgesetzt werden kann, hat mit fehlender Disziplin und auch mit der Sicht der betreffenden BürgerInnen auf die Polizei zu tun. Womit wir wieder beim Thema wären. Aber wie ich darüber denken würde, wenn ich nicht zur Risikogruppe zählen würde, als jung wäre, weiß ich gerade nicht. Ich denke, mir wäre es auch nicht wirklich wichtig gewesen, die Maske zu tragen. Schon gar nicht nach all dieser Zeit mit den Erfahrungen. Ich möchte kein Polizist sein, der irgendwelche Verstöße mit einem Bussgeld von 500 (?) Euro ahnden würde. Das gibt noch viel mehr Stress als einen Hinweis auf die Maskenpflicht. So ist das in diesem Land. Keiner tut was er soll und alle machen mit. Jedenfalls nach den Eindrücken, die man gerade so gewinnen muss.

  8. @Horst: und vermutlich stimmt langfristig: je renitenter das Volk, desto repressiver der Staat.

  9. Klingt logisch. Aber ich hoffe doch, dass das bei uns nicht nach solchen „Gesetzmäßigkeiten“. Leider spricht einiges dafür. Die Vorlagen in der Literatur gibt es ja zu Hauf.

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