Claudia am 01. Dezember 2018 — 12 Kommentare

Dickenmobbing – warum diese Aggressivität?

Warum zum Teufel macht es Leute derart aggressiv, wenn jemand schwer übergewichtig ist und den „Kampf gegen die Pfunde“ nicht brav weiterführt? Sondern sich statt dessen gegen Dickendiskriminierung engagiert?

Nathalie Rosenko ist auf Twitter und schreibt da als Kurzbio:

„#Gewichtsdiskriminierung sichtbar machen und #DarüberReden. Dafür bin ich hier auf Twitter.“

Sie polemisiert nicht, reagiert nicht auf Beleidigungen, sondern bleibt immer sachlich. Und dennoch finden sich unter praktisch jedem ihrer Tweets übelste Anwürfe:

  • Der Arzt ist safe froh dich fetten Schmalztitan ne anfassen zu müssen
  • Mach’s doch einfach damit du ne mehr so ein fetter schlammranzen bist
  • Du Pommespanzer.
  • Na Fetti … wieder nicht zufrieden mit deinem Erscheinungsbild? Schön nochmal Schoki hinterher damit es dir besser geht?
  • Friss doch noch mehr solange bis du Herzflattern bekommst.
  • Du bist fett und wahnsinnig
  • das meinst du doch nicht ernst du fette Qualle
  • Na, ein Bulettenbomber fällt halt auf.
  • Naklar wird gestarrt.. man sieht Wale nunmal selten an Land.
  • usw. usf.

Nathalie schreibt jetzt eine Kolumne »Über Gewicht« in der Süddeutschen Zeitung. Die erste Folge heißt Natürlich darf ich glücklich sein. Sie erzählt darin die Geschichte ihrer Fettleibigkeit, die ihr tatsächlich „in die Wiege gelegt“ wurde. Ich denke mal, alle die im späteren Leben ihre „Pfunde zuviel“ angesammelt haben, können nie und nimmer nachvollziehen, wie es ist, wenn man so schon als Säugling fett gefüttert wurde – und später nie davon loskommen konnte.

Weit schlimmer als Abweichlerinnen wie Nathalie finde ich Menschen, die auf ihr herum hacken, sie beschimpfen, beleidigen und verspotten. Die glauben ja nicht etwa, dass ihr das hilft, gar dazu führt, dass sie sich erneut ums Abnehmen bemüht. Nein, sie gießen einfach ihre Menschenfeindlichkeit über jemanden aus, der stark von der Norm abweicht und sich nicht entsprechend in Sack & Asche hüllt. Dabei könnten sie auch einfach ignorieren, was sie doof finden.

Tja, es gibt leider viele Gründe, Misanthropin zu werden!

Diskussion

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12 Kommentare zu „Dickenmobbing – warum diese Aggressivität?“.

  1. Nachdem man ja – verdammte Political Correctness aber auch! – nichts mehr sagen darf gegen Frauen, Schwarze, Schwule etc., ist Diskriminierung von Dicken halt die letzte einigermaßen tolerierte Diskriminierung. Weil die schließlich ’selber schuld‘ sind, sich ‚doch bloß mal am Riemen reißen müssten‘ etc. Ich wäre übrigens neugierig, ob die Zitierten alle so selbst normal-/idealgewichtig sind, wie sie sich da stilisieren.

  2. Man könnte auch mal die betont schlanken diskriminieren. Manche ältere wirken durch ihr betontes Schlanksein, durch das Verhältnis Körper zu Kopf, auch nicht unbedingt vorteilhaft.
    Wichtig ist mir Beweglichkeit. Auf die kommt es an, denke ich.

  3. …das war mein Post, habe ihn nicht kenntlich gemacht, sorry,

  4. Wie dieser Haß auf Dicke zustandekommt? Ich vermute, es ist das Unwohlsein derer, die von einer Regel (der Schlankheitsnorm) profitieren und es als Bedrohung empfinden, wenn jemand sich erfrecht, diese Norm zu ignorieren. Gerade Menschen, denke ich, die enormen Aufwand treiben, um ihr Gewicht zu halten, können es nicht verknusen, wenn sich jemand dem Gebot, dem sie selber so eifrig folgen, entzieht. Das Glück dicker Menschen, die sich von dem Zwang befreit haben, der ihnen Schlankheit gebietet, ist eine Gefahr für das Glück derer, die ihre Befriedigung aus eben diesem Zwang ziehen. Oder anders fomuliert: Wenn auch Dicke glücklich sein können, dann wäre ja der ganze Aufwand an Sojaquark und Fitneßbude umsonst gewesen. Ich nehme an, das ist eine inakzeptable Vorstellung, in der Dicke, indem sie nicht mehr mitspielen, denen die Zufriedenheit rauben, die sich den Regeln beugen. Die Gefahr besteht ja zudem, daß, sollte sich die Zufriedenheit der Dicken mit ihrem Körper ausbreiten, die Schlankheit der Sojaquarkesser und Hungerharken nichts mehr wert wäre. Dem muß ordentlich vorgefegt werden: Ergebnis sind solche unflätigen Haßausbrüche, wie Sie sie zitieren.

  5. Danke für Eure Kommentare! Solminores Analyse scheint mir das Naheliegendste zu sein. Es passt auch die klassische Projektion: Was ich mir selbst (mit Anstrengung) verbiete, hasse ich umso mehr bei Anderen.

  6. Ich würde meinen, die Aggresivität dabei ist anerzogen. Klappt es bis zum Ende des Kindergarten noch ganz gut mit der Inklusion, scheitert es spätestens in der Grundschule, da alles was der gefühlten Norm nicht entspricht, abgelehnt und ausgegrenzt wird (sowohl von Lehren, Schülern & Eltern). Daher gibt es ja auch die Behindertenzentren am hintersten Ortsende einer Stadt oder im Falle des Ruhrgebiets in Wetter, einem Dorf mitten im Niemandsland bei Hagen ohne nennenswerte Verkehrsanbindung. So hat man alles schön separiert und die Normalos sind unter sich und müssen deswegen nicht klagen, wenn da nur nicht noch die Dicken oder die Hässlichen wären…Sollte es mit „normalen“ Mobbing nicht klappen, so gibt man auch den Kindern mit Smartphone, Tablet und interaktiven Fotocollagelernprogramm, sowie angeschlossener „Social Media“, die passenden Waffen an die Hand. Daher wird es in Deutschland auch nie eine solidarische Gesellschaft geben können.

  7. @Juri: meinst du denn, das alles käme nur in Deutschland vor?

  8. @Claudia Nein, aber auch (noch) nicht überall. Allerdings kann man sich ein Urteil nur vor Ort erlauben, wenn man das selbst durchlebt hat.

  9. In den progressiven Gegenkulturen der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es keine Dicken, insbesondere keine dicken Männer – der einzige „Wampenhippie“, der mir spontan einfällt, war Bob Hite von Canned Heat. Warum wohl? Dicksein, das war – jedenfalls in Deutschland – typisch für die ignoranten, reaktionären Spießer der Wirtschaftswunderjahre, die ihren Frust über den verlorenen Krieg und all die damit verbundenen politischen, moralischen und persönlichen Katastrophen buchstäblich in sich hineinfraßen. Bezeichnenderweise war jener Kanzler, der als Exponent eben jenes Spießermilieus 1982/83 antrat, um Schluß zu machen mit der 68er-Libertinage („geistig-moralische Wende“) schon damals nicht der Schlankeste, und er wurde im Laufe der folgenden 16 Jahre dicker und dicker und dicker – bis er 1998 schließlich mit 170 kg aus dem Amt schied.

    Dicksein ist uncool, Dicksein ist dumm, Dicksein ist reaktionär – so kann man etwa den berühmten, 1980 erschienenen Müller-Westernhagen-Song zum Thema zusammenfassen.

    Ich selbst bin ebenfalls widerlich fett – zur Zeit 134 kg – und auch deshalb nicht zum großen wilden Alternativleben geeignet… weil körperlich und damit auch geistig nahezu immobil geworden. UND ES MACHT MICH FERTIG!!! Glaubt mir, Dicksein ist einfach nur SCHEISSE!!!

  10. @Yadgar, mein Mitgefühl! War gerade auf deinem Blog – eigentlich sollten da viele Jahre Fahrradtouren sein – aber: „not found“. Da die Daten bis 2017 gehen, nehme ich an, die Touren haben dennoch statt gefunden. Du machst also noch was, gehst raus, bewegst dich – das ist doch ein Lichtblick und gewichtsreduziertechnisch vermutlich ausbaubar?

    Ich bezweifle nicht, dass extremes Übergewicht schlimm ist – aber dazu muss nicht auch noch der Hass anderer Menschen kommen!

    In den von dir zitierten 60gern hast du noch gar nicht gelebt, wie ich deinem Blog entnehme und in den 70gern warst du Kind. Lass dir sagen, dass „schlank sein sollen“ damals kein großes Thema war, verglichen mit heute! In jeder Schulklasse der 70ger gab es ein paar Übergewichtige, das war aber selten Thema, an richtiges Mobbing erinnere ich mich nicht (war mit einer „Dicken“ befreundet, es hielt sich echt in engen Grenzen!).

    Anders als du es nahe legst, war die Eltern- und Großelterngeneration keineswegs „fett gefressen“, sondern fast durchweg normalgewichtig, wenn nicht gar schlank. Was kein Wunder ist, denn im Krieg und danach hatten sie eher Hunger, waren also eher untergewichtig als zu dick (=keine Gelegenheit, zuviel Fettzellen anzusetzen!) – und auch danach hatten sie zwar genug zu essen und legten zu, aber kein Vergleich zu heute! Damals hat man zuhause gekocht (da Frau meist zuhause war), keine „Snack-Kultur“, nicht an jeder Ecke 1 Imbiss, Limo/Cola war seltenes Highlight und man hat sich noch sehr viel mehr bewegt. (Hier ein paar Grafiken, die das gut zeigen, mit Text, warum das so war).

  11. @Claudia
    Aber wenn ich Fotos aus den späten 60ern bis frühen 80ern sehe, die Hippies, Alternativkommunen, Hausbesetzer oder Anti-Atom-Demos zeigen, dann sind da wirklich NIE Dicke zu sehen! Während heutzutage selbst Langhaarige (Metal-Szene!) immer häufiger Wampen durch die Gegend wuchten…

  12. Das liegt wie gesagt an den anderen Ess- und Trinkgewohnheiten damals. Heute ist es ja recht schwierig, den vielen Versuchungen zu widerstehen – und wer nicht selber kocht, hat auch schlechte Karten!

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