Claudia am 06. Oktober 2018 — 0 Kommentare

Postfaktische Debattenkultur: Blocken statt Argumentieren

Wer meine Blogs und Tweets liest, weiß, dass ich nicht zu jenen gehöre, die gerne Streit vom Zaun brechen oder gar mit beleidigenden Sprüchen herum trollen. Ich pflege eine – heute evtl. altertümlich wirkende – Gesprächskultur: den Austausch von Argumenten, untermauert von Fakten und Belegen. Dabei stelle ich immer öfter fest, dass es Leute gibt, die offenbar gar nicht mehr mit dieser Form klassischer Debatten zurecht kommen. Anstatt ein kontroverses Gespräch fotzusetzen, werden meine Kommentare nicht mehr frei geschaltet und auf Nachfrage per Tweet werde ich „blockiert“.

Wenn es sich dabei um irgendwelche Extremisten handeln würde, die ich als krasse politische Gegner verorte, fände ich das nicht weiter bemerkenswert. Schade finde ich es, wenn es sich um Gesprächspartner handelt, mit deren Intention ich eigentlich einig bin – wie etwa die Sorge um den aktuellen, zunehmend unfriedlichen Zustand der Welt.

So schrieb Lothar Martin Kamm (hraban57) auf Querdenkende recht poetisch:

„Was aber vermag Mensch real ändern in den Fallen der Gezeiten, die er sich selbst auferlegt? Lediglich im Hier und Jetzt bestimmt er seinen Lauf, obwohl Vergangenheit und Zukunft ganz dicht bei ihm, ihn begleitend die Hand reichen wollen, wenn er denn versteht, des Rätsels Lösung ohne Zögern zu deuten.

Dazu bedarf es nicht unbedingt spirituell ausgereifter Ideen oder gar das Wissen darum, vielmehr zählt der Einklang mit sich selbst und der Umwelt, ohne andere zu stören oder gar feindselig ihnen zu begegnen. In der Tier- und Pflanzenwelt funktioniert jener Respekt in einer beispielhaften Selbstverständlichkeit. Mensch hingegen, seinen Verstand in rasender Geschwindigkeit nahezu chaotisch stets vergleichend, vergißt vor lauter Selbstüberschätzung, den Schwachen an die Hand zu nehmen, um sich wie ein Herrscher von oben herabblickend zu erheben.

Der Unfrieden ward geboren, Homo sapiens hat dadurch nicht nur seine Unschuld verloren, sondern das Wesen der Natur mißachtet. „

Die Intention dieses Textes teile ich, halte jedoch den Bezug auf ein friedliches „Wesen der Natur“ für falsch – und deshalb nicht hilfreich bei der Suche nach einer Verbesserung des menschlichen Miteinanders im Großen und Ganzen. Ich kommentierte also:

„„…vielmehr zählt der Einklang mit sich selbst und der Umwelt, ohne andere zu stören oder gar feindselig ihnen zu begegnen. In der Tier- und Pflanzenwelt funktioniert jener Respekt in einer beispielhaften Selbstverständlichkeit.“

Das kann nicht dein Ernst sein – oder du bist ein Städter, der nie über das Halten einer Zimmerpflanze hinaus mit „Natur“ Kontakt hatte. Das meine ich nicht böse, ich erklär mir deinen Satz halt so.

Als Betreiberin eines naturnahen Gartens kann ich dir sagen, dass alles, was dort lebt und west, keineswegs darauf aus ist, „andere nicht zu stören“ bzw. immer friedlich zu sein.

Ganz im Gegenteil gibt es z.B. eine Reihe dominanter Pflanzen (z.B. Brombeeren, Hopfen, Kanadische Goldrute, Efeu und viele mehr), die – solange der Standort passt – alles andere überwächsen und nieder machen, wenn man sie lässt.

Sogar Gemüsepflanzen wehren andere ab, mit denen sie sich nicht vertragen. Sie sondern Giftstoffe ab, die den anderen keine Entwicklungchancen lassen.

Das viel gerühmte „Bodenleben“ ist auch nicht nur brav und kommunikativ und Humus-bildend, da sind auch Bakterien und Pilze drunter, die ganze Bäume binnen kürzester Zeit absterben lassen (bei uns traf das in 10 Jahren über 50% der vorhandenen und neu gepflanzten Bäume).

Und erst die Insekten! Alles ist am Fressen und Gefressen werden, es gibt sogar richtige Kriege, wenn etwa ein Ameisenvolk eine anderes überfällt, viele Ameisen tötet und deren Eier und Larven raubt und fortträgt. Ganz übel ist oft genug die Fortpflanzung, wenn etwa andere lebende Insekten als „Proviant“ für die implementierte Brut genutzt wird.

Ich könnte so fortfahren, aber ich denke, es reicht. Die Idealisierung von „Natur“ ist gänzlich unangebracht, auch wenn uns als Betonbewohnern jede grüne Oase als Idylle erscheint.

Philosophisch betrachtet ist das alles zunächst verstörend, aber es kann auch dabei helfen, die menschliche Population und ihre Kulturen nicht nur als leider furchtbar defizitär anzusehen. Verglichen mit „Natur“ haben wir es mittels Kooperation und Anpassung doch recht weit gebracht – wir KÖNNEN friedlich zusammen leben und „Kultur machen“ – nicht immer und überall, aber doch ziemlich oft und viel.“

Da der Kommentar zunächst nicht frei geschaltet wurde, fragte ich beim Verfasser @hraban57 auf Twitter nach. Kurz darauf war der Text immerhin frei geschaltet, darunter seine Antwort:

„Selbstverständlich ist das mein Ernst. Du allerdings hast einen entscheidenden Denkfehler. Weil man wenn man deine Argumentation fortsetzt, gäbe es nur noch Krieg und Elend in der Natur selbst, das würde bedeuten, die Starken obsiegen, die Schwachen werden vernichtet. Funktioniert aber nicht, es gibt immer ein Gleichgewicht der Kräfte. Mensch verspielt dies und ist dabei, sich selbst und andere zu vernichten, wenn er nicht wachsam genug.“

Das hat mich nun ziemlich geplättet! Ich hatte immerhin beobachtete Fakten angeführt, die einfach nicht in die Rede von der „friedlichen Natur“ passen. Wie kann der Autor diese einfach als „Argumente“ missverstehen, die sich nach Belieben ignorieren lassen? Dass er seine (!) Schlüsse und Folgerungen aus diesen Fakten zudem als meinen „Denkfehler“ bezeichnet, konterkariert eigentlich alle Regeln vernünftiger Debatte. Und meine eigene philosophische Deutung im letzten Absatz hat er gleich mit ignoriert. Gründe genug für einen weiteren Kommentar, der ebenfalls höflich und sachlich blieb, aber nicht mehr frei geschaltet wurd. Aus dem Gedächnis zitiert:

„Du hast mich missverstanden! Dass es in der Natur kein stabiles Gleichgewicht und keinen „selbstverständlichen Respekt voreinander“ gibt, heißt doch nicht, dass wir als Menschen dazu ebenfalls unfähig wären bzw. für immer bleiben. Auch im naturnahen Garten bin ich es, die den dominanten Pflanzen Grenzen setzt – und menschliches Miteinander funktioniert ja dank unserer Fähigkeit zur Kooperation und zum „Kultur machen“ durchaus, wenn auch nicht immer und überall.“

Als ich nun wieder nachfragte, ob er meinen zweiten Kommentar frei schalten könne, war dann Schluss. Ein weiterer Blick auf seine Tweets war nicht mehr möglich, es erscheint die bekannte Twitter-Meldung:

„Du kannst @Hraban57 nicht folgen und die Tweets von @Hraban57 nicht ansehen, da Du blockiert wurdest. Mehr erfahren…“

Tja, was soll ich dazu sagen? Dieses Vorkommnis erscheint es mir jedenfalls wert, hier darüber zu berichten. Denn es ist beispielhaft für das Verhalten vieler, die einfach alles ausblenden, was ihrer Meinung, wie die Welt zu sein hätte, widerspricht. Ob man so zu einer besseren Gesellschaft, zu mehr Frieden und Einigkeit kommt? Wohl kaum!

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Kürzlich hab‘ ich mir mal ein paar Videos über und von Kreationisten angesehen. Weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie man heute ernsthaft der Meinung sein kann, Gott habe die Welt (zusammen mit sämtlichen Artefakten, die auf eine längere Erdgeschichte hinweisen) vor 6000 Jahren erschaffen. Ein führender Kopf einer solchen Gemeinde antwortete auf die Frage, warum er denn die gut belegte Evolutionstheorie ablehne, ganz offen: Weil sie der Bibel widerspricht. Und wenn die dort erzählte Genesis nicht stimme, dann sei ja auch alles andere, was die Bibel sagt, fraglich. Es gäbe keinen festen Maßstab mehr, kein garantiertes Wissen um Gut und Böse – und somit breche alles zusammen.

So geht das im „postaufklärerischen“ Zeitalter. Wenn die Fakten dem widersprechen, was man selbst für wahr halten will, dann werden sie eben abgelehnt. Scheiß auf die Belege, Beobachtungen, wissenschaftlichen Beweise – am Ende ist das alles das „Werk Satans“. Sowas hat @Hraban57 immerhin NICHT verkündet, aber die Nicht-Argumentation und das Blockieren speist sich aus demselben Geist: Was du anführst, ignoriere ich, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

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