Claudia am 13. März 2014 —

Feministisches Sprachhandeln – mein Kommentar

Fefe hat mal wieder einen blogpublizistischen Knaller gelandet, indem er einen Text seziert, der im Stil des „feministischen Sprachhandelns“ gehalten ist. In diesem Text heißt es zum Beispiel:

Was wir* und dixs Studierxs kritisieren, ist zum Beispiel die Re_produktion von problematischen Wörtern wie zwei Be_griffe die mit „W“ und „S“ beginnen, wir* aber nicht re_produzieren wollen, da diese kolonialrassistisch und somit diskriminierend für Schwarze und People of Color und gleichzeitig privilegierend für weiße Menschen sind.

Sternchen und Unterstriche kannte ich ja schon, wobei sich mir der Sinn in geschlechtsneutralen Worten wie „re_produzieren“ nicht erschließt. Aber Dixs? Studierxs?

„Wir* hoffen nun unseren* Stand_Sitz_Liegepunkt noch einmal klar und verständlich machen zu können.“

Ganz gewiss erreichen derlei „kreative“ Sprachverformungen, seien sie auch noch so gut gemeint, eines nicht: die Texte leicht verständlich zu machen. Ganz im Gegenteil stolpert man (ich müsste hier korrekt „eins“ sagen) fortwährend über die seltsamen Unterstriche, ixe und Sternchen. Sie lenken vom Inhalt ab und stoßen Grübeleien über den jeweiligen Sinn an dieser Stelle an. Mehr noch: sie verärgern, denn damit wird mir das Thema „Gender in der Sprache“ fortwährend „reingewürgt“, ganz ohne Konsens.

Nun werden jene, die diese Schreibweisen promoten, einwenden, dass die „Normalsprache“ mit viel größerer Kraft und ebenfalls ganz ohne expliziten Konsens mir auch allerlei „reinwürgt“, was durch die anderen Schreibweisen ja gerade bewusst gemacht werden soll. Stimmt! Allerdings ist Sprache zuvorderst ein Mittel zur Kommunikation, das zum jeweiligen Zweck nur funktioniert, solange die verwendeten Begriffe, Wort- und Satzbildungen vom Üblichen nicht allzu weit abweichen. So wurden z.B. die Werke Arno Schmidts nie massenkompatibel, sondern nur für eine kleine elitäre Fan-Gemeinde goutierbar, die Freude daran hat, seine in der Literaturszene viel gelobte Sprachgestaltung zu entziffern:

ajá;« (erwiderte Sie dramatisch) : »Unsereins erst mittn in ein’n grooßn Wald führ’n – unter Verschprechungn S—gut mit Ei’m zu mein’n – & dänn : ?!«; (und tat, wie wenn Sie sich nur ganz allein : ni Dieu ni Maitresse!. (Nach 5 Schratschrittn sah man sich kaum noch) / Unterholzijes, von dürren Axentn starrend; (der Fußbodn dagégn mit zartestn Farbdornen besprenkelt) : ›kurz-weilijer Alter‹; das höchste Prädi-kat, das Unsereins; pff : FREUD schwatzt immer vom ›zweizei….

– Arno Schmidt, Zettels Traum

Gendern als Schreibblockade

Wie man sieht, ist das neo-feministische Gender-Sprech sogar noch vergleichsweise verständlich. Dennoch fühle ich mich von beiden Sprachgestaltungen gleichermaßen abgestoßen. Und beim Bloggen ergeht es mir immer öfter wie der Tausendfüßlerin, die das Laufen verlernt, indem sie bei jedem Schritt überlegt, wie er RICHTIG zu setzen sei. Das gutwillige Bemühen, allzu „männlich Konnotiertes“ zumindest zurück zu fahren, dabei aber auch die Sprache nicht allzu sehr zu vergewaltigen, erweist sich als echter Stolperstein fürs spontane Schreiben.

Mission accomplished, könnte man sagen, Glückwunsch! Aber ich mag es nicht, es stört und nervt mich, denn ich will ja meist etwas ausdrücken, was die Geschlechterproblematiken nicht mal am Rande streift. Mit Worten und Sätzen, wie sie „von selber“ kommen, im Fluss des Schreibens entstehen. Diesen Fluss empfinde ich immer öfter als blockiert, bzw. es ist mit den Sätzen und Worten fast so, als müssten sie zunächst durch eine Schleuse, wo sie mühsam auf ein anderes Niveau gehoben werden. Wobei dieses „andere Niveau“ hoch umstritten ist und die Schwelle zur Nerverei sehr leicht überschritten wird.

Diskriminieren im Kampf gegen Diskriminierung

Fefes spöttischem Zerpflücken des massiv gegenderten Textes hält „Ephemera“ folgende Gedanken über aussichtslose Kämpfe entgegen:

Manche Menschen kämpfen aussichtslos gegen sprachliche Diskriminierung, manche kämpfen aussichtslos gegen staatliche Überwachung.
Beide stecken zu tief im System – die Diskriminierung in der Sprache, die Überwachung im Staat –, um sie zu besiegen, ohne das System selbst zu zerstören.
Mit dem gleichen Recht kann man sich über beides lustig machen (weil: von Außen sieht beides so herrlich komisch nach einem Kampf gegen Windmühlen aus).
Und mit dem gleichen Recht kann man beides respektieren (weil: von Innen sieht selbst ein aussichtsloser Kampf besser aus als eine Kapitulation vor den Verhältnissen).

Ok, das ist ein Argument! Ich respektiere ja auch die Intention, niemanden per Sprache diskriminieren, bzw. auf solche Diskriminierungen aufmerksam machen zu wollen. Für mich sind die Methoden und Ergebnisse allerdings weit entfernt von „alltagstauglich“ – und zudem erreichen sie ihren Zweck nicht vollständig, sondern erschaffen sogar neue Diskriminierungen.

Man gebe einfach mal den oben genannten Satz („Was wir* und dixs Studierxs kritisieren….“) in den Natural Reader ein! (Vorher auf „Deutsch“ umstellen, evtl. den „Speed“ reduzieren). Was beim Vorlesen heraus kommt, ist definitiv unerträglich! Und das will man also jetzt Blinden und Sehbehinderten zumuten, die sich Texte aus dem Web vorlesen lassen müssen?

Der per Sprache umgesetzte „Stand_Sitz_Liegepunkt“ gegen Diskriminierung erreicht also zumindest bezüglich einer Gruppe sein genaues Gegenteil. Angesichts der ehrenwerten Motive geradezu tragisch!

***

Siehe dazu:

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Diskussion

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31 Kommentare zu „Feministisches Sprachhandeln – mein Kommentar“.

  1. Ich lese solche Texte nicht. Ich habe keine Lust, mir erstmal mein Sprachzentrum zu verbiegen, bevor ich über den Inhalt des Textes nachdenken kann. Was diese Gender-Fetischisten erreichen ist, dass sie mich nicht erreichen.

    Nehmen wir nur mal dieses Wir mit Sternchen. In der Fußnote dieses sprachlich seltsamen Textes steht die Erklärung, die ich nur dank Fefe gelesen habe:

    „Wir* schreiben unser* Personal- und unsere* Possessivpronomen mit einem Sternchen, weil wir* zum Ausdruck bringen möchten, dass wir* unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Meinungen sind, als Gruppe jedoch immer konsensuell entscheiden.“

    Da frage ich mich wo und wie diese Leute sozialisiert wurden? Jeder, der schon mal in einem Team gearbeitet hat, gemeinsam mit anderen Sport getrieben oder einfach nur eine Familie hat, weiß, dass das so ist. Wir heißt mindestens zwei und der Rest, der sich daraus ergibt, ist reine Logik, vielleicht auch Erfahrung, auf jeden Fall aber eine Tatsache.

    Den Lesefluss eines Textes zu zerstören, nur um auf eine Selbstverständlichkeit hinzuweisen halte ich für reichlich dämlich. Und vor allem nicht für zielführend. Mit solchen politisch korrekten Verrenkungen werden weder Frauen gleichberechtigt, noch hört die Diskriminierung anderer Menschen auf. Dieser Schwachsinn verlängert nur das Leiden. Und das Patriarchat hat mal wieder was zum Grienen.

  2. @Olaf: herzlichen Dank für deinen Kommentar – und dafür, dass du ARGUMENTIERST und nicht nur spöttelst wie Fefe und viele andere!

    Das „wir*“ erscheint mir nicht mal als die Selbstverständlichkeit, die du aus der Fußnote entnimmst. Erstmal gilt sowieso: wenn es eine Fußnote braucht, ist es schon misslungen, durch das Anhängen eines Sternchens irgend etwas Konkretes auszudrücken. Da ich das Sternchen an sich schon kenne, hätte ich ja gedacht, dass sie damit ausdrücken wollen, in diesem „wir“ seien Frauen, Männer und Trans-Menschen enthalten.
    Aber nix da: es ist AUCH gemeint, dass sie Menschen MIT UNTERSCHIEDLICHEN MEINUNGEN sind, die IMMER IM KONSENS entscheiden.

    Da soll ein Sternchen aber verdammt viel Botschaft tragen – wie kann man nur ernsthaft denken, das könnte klappen? Sobald der Text ohne Fußnoten im Web steht ist es auch vorbei mit der Chance, das erklärt zu bekommen!

    Zweitens: Was hat es mit dem jeweiligen Text-Inhalt zu tun, dass dieses „wir“ irgend etwas (was eigentlich?) „im Konsens entscheidet“???

    Da mich das Thema als Vielschreiberin stark berührt, ja regelrecht behindert, werde ich gewiss noch weitere Artikel dazu schreiben.

  3. […] Claudia hat da ein paar Gedanken zu gehabt, in erster Linie geht es darum, dass sie Probleme damit hat, als Fembloggerin die Sprache Genderneutral zu halten und dass das ständige reflektieren, ob denn jetzt was genderneutral ist oder nicht, ihr den Spaß an der Bloggerei verdirbt. […]

  4. Vielen Dank Claudia, ich denke, dass der Beitrag von mir da oben für meine Verhältnisse schon recht „nölig“ ist. ;o)

    Ich kann wohl sehen, dass uns unsere Sprache gewisse Bilder und Ansichten in die Köpfe malt, die nicht immer konstruktiv und oder zeitgemäß sind. Aber ich bezweifle das es etwas nützt unsere doch eigentlich so schöne Sprache so dermaßen zu verstümmeln.

    Dieser Text, oder besser diese Art zu schreiben, empfinde ich als Versuch das Werkzeug Sprache zu schärfen – allerdings an der vollkommen falschen Stelle, nämlich am Griff und nicht an der „Arbeitsfläche“.

    Was ist die geschriebene Sprache denn noch wert, wenn man sie nicht mehr sprechen kann? Oder wenn man spätestens beim Sprechen eines solchen Textes zwangsläufig nicht mehr politisch korrekt sein kann? So ein Text, und damit auch sein Inhalt, schafft es nie und nimmer in die Nachrichten. Der wird nichtmal zitiert, weil es eben einfach nicht geht.

    Diese Leute sind so sehr damit beschäftigt politisch korrekt zu formulieren, dass sie gar nicht mehr merken wie die Inhalte zweitrangig werden. Und das ist schade, denn in vielen Dingen haben sie ja recht oder legen zumindest den Finger in Wunden, die sonst ignoriert werden aber notwendigerweise behandelt werden müssten.

    Mir persönlich liegen die Themen Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern und Diskriminierung von allem und jeden sehr am Herzen. Ich will das nicht haben. Ich will, dass Frauen endlich der Platz freigemacht wird, der ihnen schon immer zusteht. Ich will, dass man schaut, was da für ein Mensch vor einem steht und nicht welches Geschlecht er hat oder welche Hautfarbe, Herkunft, Bildung etc. pp.

    Ja ich weiß, das ist naiv, vor allem in unserer Welt. Vielleicht ärgert mich diese seltsame Gendersprache deshalb so sehr, eben weil sich diese sonst so klugen Köpfe selbst beschneiden (und es nicht zu merken scheinen).

    Du, liebe Claudia, bist da für mich ein kommunikatives Vorbild. Dich verstehe ich, Deine Worte kann ich nachvollziehen. Ich bin nicht immer einig und manches sehe ich anders. Aber ich habe immer Respekt vor dem was Du sagst. Weil Du die Dinge in einer Sprache ansprichst die für mich verständlich ist. Nämlich in meiner Sprache.

  5. @Olaf: erstmal bin ich gerührt über dieses Lob! 1000 Dank!

    „Weil Du die Dinge in einer Sprache ansprichst die für mich verständlich ist. Nämlich in meiner Sprache.“

    Ich kenne „deine Sprache“ ja nicht, sondern kann mich nur selbst bemühen, nach meinem Empfinden „allgemein verständlich“ zu schreiben. Und das werde ich auch nicht aufgeben zu Gunsten einer politischen Botschaft, sei sie auch noch so sinnvoll und berechtigt.

    Sprache ist das MITTEL, das MEDIUM, mittels dem wir Politisches diskutieren. Wenn ich also schon bei der Sprachgestaltung beginne mit dem Agitieren, hab ich ein Problem! Dadurch springen mir nämlich potenzielle Leser/-innen ab, die „keinen Bock auf diesen Scheiß“ haben – egal wie sie ansonsten zu den damit intendierten Inhalten stehen! Es sind ja nicht alles rückwärtsgewandte Konservative, die sich mit dem Sprach-Gendern schwer tun.

    Dennoch hat das Ganze eine Wirkung – zum einen eine negative im Sinne der von mir beschriebenen Schreibblockade, zum andern eine postive in der Bewusstmachung: vieles mag lächerlich erscheinen, aber man/frau/mensch kommt nicht umhin, die Intention zu erkennen und anzuerkennen. Daraus folgt dann das Bemühen, der Intention gerecht zu werden OHNE die Sprache bis hin zur unerträglichen Nervigkeit zu verändern.

    Mein Schreiben hat sich so durchaus verändert – wenn auch nicht in die Richtung, die von den Vertreterinnen des neuen Gender-Sprech akzeptiert würde. Dennoch findet Veränderung statt – und in der Auseinandersetzung mit der inneren Schreibblockade kommen sogar neue Blog-Themen auf. Toll! Also demnächst in diesem Theater:

    -> Warum „man“ durch „eins“ nicht verlustfrei (!) ersetzbar ist.

    und manches mehr.. :-)

  6. Es ist aber ohne weiteres möglich, das ‚man‘ durch ein ‚du‘ zu ersetzen. Du siehst dich dann vielleicht gezwungen, zwischen der allgemeinen und der persönlichen Bezeichnung, etwa durch Großschreibung, zu unterscheiden, was sich meiner Ansicht nach ohnehin sehr angenehm liest. Und mancher wird deine Texte dennoch missverstehen. Davon solltest Du Dich aber nicht abschrecken lassen, denn dafür klingt es – in meinen Ohren jedenfalls – freundlicher und hat sogar den Vorteil – auf den ich allerdings pfeife, weil ich der Sonne die Mönder gern gönne – der Gender-Neutralität.

  7. @Susanne: zwar hast du bisher nicht kommentiert, aber von dir wünsche ich mir das ganz besonders. Weil du für mich eine sehr Sprach-gewaltige/kompentente literarische Leuchte bist – sogar wenn du „nur“ einen Kommentar schreibst.

    Also sag doch mal: Wie gehst du mit alledem um?

  8. Hi Susanne, das ist ja irre! Wir haben GLEICHZEITIG um 21.54 zur Sache und „füreinander“ gepostet. Bin begeistert.. das Universum unterstützt doch SINN…

  9. @Claudia

    Das war sicherlich eine Raum-Zeit-Anomalie! ;-)
    Zur Frage jedweden xyz*-korrekten Sprachgebrauchs fällt mir nur ein, daß ich Sprache zwar als die Buntstifte ansehe, mit denen ich mir die Welt aus- und anmale, nicht aber für einen Baseballschläger mißverstehe, den ich ihr in die Magengrube rammen kann.

    * hier bitte den Namen der Denkvorschrift einsetzen, die dem dies Lesenden jeweils opportun erscheinen mag

  10. @Susanne: erzähl bitte MEHR! Ich kann mir gar nicht denken, dass dieser Gender-Kram an dir als Sprach-Sensible komplett vorbei gegangen ist! Natürlich würdest du nie durchweg Unterstriche und Sternchen nutzen, aber ich denke, dass du ein Mensch bist, der die Intention dieser jugendlich Radikalen zumindest nicht falsch findet – aber wie gehen wir als Schreibende damit dann tatsächlich um?

    Mich blockiert/behindert/nervt es – obwohl es für mich als im 16. Jahr Bloggende und im Jahr 2014 SECHZIG Jahre alt werdende (ich fasse es nicht!) Person wahrlich kein Selbstbewusstseinsproblem ist. Für mich gibt es kein „PC“ und all das – dennoch fühle ich mich berührt von den verrückten Sprach-Umtrieben dieser Twentysomethings, weil sie ja in der Intention recht haben. Und damit einen ehrenwerten, bedenkenswerten Impuls geben – aber was machen wir daraus?

    Bei mir ist es so, dass die „Sprache des inneren Schreibers“ mir suspekt geworden ist. Allein schon, dass ich diesen „inneren Schreiber“ genau wie den „inneren Kritiker“ über Jahre unreflektiert in der männlichen Form nutzte (unwidersprochen in 3 Jahren selbst veranstalteter Schreibkurse!) finde ich seltsam…

  11. Sicherlich gehen die Versuche von Sprachpolizisten jeglicher Couleur, falls ich deren Texte lese, nicht spurlos an mir vorüber, doch dominiert, muß ich zugeben, bei mir ein geschmäcklerischer – damit es besser klingt, sagen wir lieber: ästhetischer – Aspekt. Ich empfinde nämlich deren Sprache meistens als ebenso übergriffig und abstoßend wie das, wogegen sie sich damit – womöglich mit einigem Recht und vielleicht sogar mit meiner Zustimmung – wenden wollen.

    Zum anderen scheint mir die zu eifrige Auseinandersetzung mit all den vielen Ausdrucksformen eines als schlecht betrachteten, gesellschaftlichen Seins zu oft dort ein willkommenes Ersatzspielfeld abzugeben, wo andere Formen der Auseinandersetzung als zu kostenintensiv – für Beruf oder Leib und Leben usw. – gesehen werden. Ich selbst jedenfalls rede sehr gern um den heißen Brei herum, wenn ich Angst davor habe, mir an ihm die Finger zu verbrennen.

    Außerdem bin ich der Überzeugung, daß eine nachträglich – dies im weiteren Sinne von: nach der ersten Zigarette/dem ersten Joint/der ersten Enttäuschung, die sich nicht allzu leicht und gar nicht gut verkaufen ließ usw. – erlernte Sprachdisziplin ‚im Namen des Herrn’* nur eine andere Form der Vermeidung ist, um nicht ‚unwillkürlich‘ – dies im weiteren Sinne von: ‚Kindermund tut Wahrheit kund‘ – sich selbst zu verraten, sei es vor anderen, sei es nur vor dem barmenden Ego. Was jedoch eine möglicherweise sehr gute Übung wäre, die Gewohnheiten und Ver- sowie Gebote des eigenen Denkens einmal frei heraus zu lassen.

    Sprache, so glaube ich, ändert zwar nicht die Welt, die ich anschaue, weil beide untrennbar miteinander verbunden sind, aber sie zeigt, wenn ich sie – die Sprache – anschaue, wie ich sie – die Welt – anschaue, und manchmal sogar, warum ich dies so und nicht anders tue. Das kann erhellend, das kann sehr schön, aber ebenso auch reichlich peinlich und oft sogar ziemlich niederschmetternd sein. Und kein mir aufgezwungener oder von mir herbei gesehnter Sprachgebrauch entläßt mich aus diesem Zusammenhang.

    Daß Du schreibst, Du fühltest Dich blockiert und genervt und behindert, verwundert mich ein wenig. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Menschen, die mir vorschreiben wollen, wie ich zu denken, zu empfinden und mich zu äußern habe, indem sie meine Sprache attackieren, damit vor allem gegen eine eigene Sprachlosigkeit angehen wollen, die sie unter einem Berg von Hülsen verstecken zu können meinen. Solche Versuche lassen mich daher kalt – sind diese Menschen mir persönlich nicht weiter bekannt. Andernfalls wären sie für mich ein sehr guter Grund, genauer darüber nachzudenken, welche Formen von Macht und welche Nutzenkalküle dahinter stecken könnten.

    Denn Sprache ist – oder zumindest war sie es bisher – in meinen Augen eine der wenigen, wenn nicht die einzige Daseinsform von so etwas wie Schwarm-Intelligenz, nämlich etwas, das sich, bevor es zu mir gekommen ist, aus tausenderlei Quellen und auf noch mehr verschlungenen Wegen andauernd neu bildete, ohne daß dieser Prozeß jemals erfolgreich kanalisiert, monopolisiert oder manipuliert werden konnte. Und ich hoffe, daß kein hypertext transfer protocol oder ähnliches Zeugs daran etwas ändern wird. Was allerdings ein wirklich großer Batzen Geld, wenn er es denn daerauf anlegte, oder die Aussicht auf einen unter den Zeitgenossen machtvollen Preis alles mit der Sprache eines Menschen anstellen können, entzieht sich meiner Kenntnis, obwohl ich darüber so meine kleinen Vermutungen hege.

    *hier bitte wieder den Namen einer der schon oben umrissenen Denkvorschriften einsetzen

  12. Wir* können über diesen antiautoritären Blödsinn nicht mal lachen. Das Konzept hinter der Sprachverwirrung ist nicht (Erziehungs-) Wissenschaft, sondern Narzissmus.

  13. Ja, Sprache ist frei – deshalb tummelst Du Dich gerne in ihr, @Susanne.

  14. Denn Sprache ist – oder zumindest war sie es bisher –
    in meinen Augen eine der wenigen, wenn nicht die
    einzige Daseinsform von so etwas wie Schwarm-Intelligenz,
    nämlich etwas, das sich, bevor es zu mir gekommen ist,
    aus tausenderlei Quellen und auf noch mehr verschlungenen
    Wegen andauernd neu bildete, ohne daß dieser Prozeß jemals
    erfolgreich kanalisiert, monopolisiert oder manipuliert
    werden konnte.

    Und ich hoffe, daß kein hypertext transfer protocol oder
    ähnliches Zeugs daran etwas ändern wird. Was allerdings
    ein wirklich großer Batzen Geld, wenn er es denn daerauf
    anlegte, oder die Aussicht auf einen unter den Zeitgenossen
    machtvollen Preis alles mit der Sprache eines Menschen
    anstellen können, entzieht sich meiner Kenntnis, obwohl
    ich darüber so meine kleinen Vermutungen hege.

    geschätzte und überaus bemerkenswerte Miss Susanne:)

    es sind sätze wie diese drei(tatsächlich, es sind „nur“ 3!)
    die mir das gefühl geben -noch- in einer Welt nicht vollständig
    kontrollierter, manipulierter, vorhersehbarer, 29_11-geimpfter,
    determinierter Möglichkeiten zu leben.
    das eine zuviel-seiende „e“ im bereich des tatsächlich seienden
    gesamten ist mir, obwohl höchstwohlmöglichst ein lapidarer
    flüchtigkeitsausrutscher- ein zusätzlicher hochgenuss
    deiner jedesmal funkelnden blumen der Argumentation.

    aehnlich wie unsere Gastgeberin hier befinde ich mich in
    einem lebensabschnitt von dem behauptet wird ab hier sollte
    im prinzip das meiste geregelt sein, eine -fuer mich-
    zugegebenermassen aeusserst unbefriedigende unterstellung
    von restlos unzutreffenden wirklichkeitsbeschreibungsversuchen.

    wie auch immer, mit der steigenden zahl der erlebten winter
    werden die sommer immer kürzer und was in den grossen ferien früher
    nahezu unendlich schien ist für mich heute nur noch ein kurzer
    augenblick im terminkalender.

    ähnlich ist es mir mit den Unterhaltungen, ich sehe manchmal
    komplexe systeme von abhängigkeiten alle in sich gesehen kausal
    aber doch von grund auf falsch. ich nenne es mal das „karl-may-Syndrom“
    etwas zutreffenderes kommt mir grade nicht auf den schirm:
    „durch die Wüste“ worin diese alte trickser eine Fata-Morgana
    beschreibt, in der unendlich verlängerte gewehre und morde
    eine typische westernheldrolle spielen.

    alles so wirklichkeitsgetreu wieder gegeben, dass ein 14jähriger
    gar keine chance hat auch nur den funken eines zweifels aufkeimen
    zu lassen. und doch: alles nur erfunden, gelogen im interesse
    des Drehbuchs.

    mag sein, dass ich vollkommen daneben liege, aber ich habe kein problem
    mehr damit, zuzugeben, dass ich im grunde garnichts weiss.
    viel beser noch: ich begreife so ganz langsam, dass es durchaus
    nutzniesser von einer allgemeinen massenverblödung gibt.
    was gibt es besseres für „schmarotzer“ als wirte, die
    ihre gesamte wirklichkeitswahrnehmung perfekt auf die
    interessen der eigentlichen nutzniesser zugeschnitten
    erhalten und verinnerlicht haben?.

    sorry für diese kruden verwirrsprachspielereien,
    ich wollt nur mal eben hallo sagen:)

    gruss aus sz
    i.m.

  15. „man“ ist meiner erfahrung nach meist die feige variante des „ich“.

    vielen dank für die vielen guten anregungen hier!

    .~.

  16. @Susanne: wow, danke für die intensive Einlassung!

    Wie ich ja bereits schrieb, ist es nicht so, dass mich die schiere Autorität feministischer Studentixe einschüchtern und im Schreiben behindern würde. Schon lange bevor ich dieses ins Extreme getriebene „Umschreiben“ kannte, fühlte ich mich aus eigener Einsicht immer dann verunsichert, wenn ich z.B. ganz spontan von Politikern, Bundesbürgern und ähnlichen generischen Maskulina schreiben möchte. Da stockt es dann und ich frage mich: lieber „Politikerinnen und Politiker?“ Oder „Politiker/-innen“? Oder „die Politik“ – hm, das ist wiederum zu abstrakt… etc. usw. Dass ich ganz gewiss nicht Politiker_innen* schreiben werde, ist klar – dennoch bin ich mindestens dreimal pro Artikel einschlägig verunsichert…

    „Sprache, so glaube ich, ändert zwar nicht die Welt, die ich anschaue, weil beide untrennbar miteinander verbunden sind, aber sie zeigt, wenn ich sie – die Sprache – anschaue, wie ich sie – die Welt – anschaue, und manchmal sogar, warum ich dies so und nicht anders tue. „

    So gesehen ist meine Irritation ein Bemerken, dass meine Sprache (die aus tausenderlei Quellen entstanden ist) in mancher Hinsicht noch nicht gleichauf mit meiner Weltwahrnehmung ist: Tatsächlich sehe ich in unserem von Merkel, VonderLeyen und Nahles mitregierten Land nicht nur „Politiker“ vor dem inneren Auge, wenn ich das so hinschreiben will. Gleichzeitig tu ich mich mit „neuen Formen“ schwer, die ja zumindest zu Teilen die Ästhetik der Sprache locker den Bach runter gehen lassen (Politiker_innen*) und „im Schwarm“ auch einfach nicht akzeptiert, sondern als Stolperstein wahrgenommen werden.

    Im von mir verlinkten Leitfanden lese ich dann, dass die von mir gelegentlich als verwendbare Varianten genutzten Formen von den Verfasserinnen als „Pseudo-antidiskriminierende Sprachformen“ entlarvt werden. So heißt es dort zu Partizipalformen (= „Studierende“):

    „Diese Sprachform hat genau deshalb so schnell Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden, weil sie ausschließende Konzepte gerade nicht herausfordert, gängige Wahrnehmungen also nicht irritiert werden und sich auf diese Weise auch keine sozialen und diskriminierenden Konzeptualisierungen verändern.“

    Diese Mädels möchten also klar gesprochen ALLES ANDERE, was jemand (eins!) per Sprache vermitteln will, dem Kampf gegen Diskriminierung unterordnen. Nur was aneckt und irritiert, ist GUT, alles gerade noch Akzeptable ist feiges Ausweichen, gar Kollaboration mit dem Feind.

    Tja, diese Haltung kenne ich gut: zwischen 18 und 28 war ich auch so drauf und konnte gar nicht verstehen, dass es für andere Menschen noch „ein Leben neben dem Kampf“ gibt! Weil ich mich daran gut erinnere, muss ich über sie nicht weiter lästern. Eine Gesellschaft, in der es keine jugendlich Radikalen mehr gibt, wäre der Horror! :-)

    Folgen muss ich ihnen aber deshalb nicht, sondern sehe zu, dass ich meine persönlichen Kompromisse finde in all den in Frage stehenden Fällen. So dass ich irgendwann nicht mehr überlegen muss…

  17. @Ingo: dir auch ein hallo! So richtig konnte ich deine Rede zwar dem Thema nicht zuordnen, aber das macht nichts!!! Schön, dich mal wieder zu lesen! :-)

    @Klaus-Peter: bloß mit Narzismus sind solche Initiativen gewiss nicht erklärt! Der Streit um die Sprache hat handfeste Hindergründe und ehrenwerte Motive, sonst würde das alles ja allgemein auch gar nicht „verhandelt“.

    @dot_tilde_dot: das ist EINE Interpretation – gerade das „man“ umfasst genug Aspekte für einen extra Artikel (demnächst, wenn ich mich grade nicht aufgrund der großen Politik ängstige wie heute…)

  18. Sehr interessante Diskussion, ich kommentiere der Einfachheit halber en bloc einige frührere Kommentare:

    @Olaf: „Dieser Schwachsinn verlängert nur das Leiden.“

    Dummheit ist nicht heilbar. Man muß damit rechnen und damit leben.

    „Und das Patriarchat hat mal wieder was zum Grienen.“

    Ich gehöre ja auch zum Patriarchat, aber ich schüttele nur den Kopf. Eigentlich ist mir meine Lebenszeit zu schade, mich mit derartigem Schwachsinn zu beschäftigen, leider ist man aber dazu gezwungen, denn dank Grünen und SPD haben diese „Denk“schulen eine große politische Macht.

    @Claudia Klinger: „Da soll ein Sternchen aber verdammt viel Botschaft tragen – wie kann man nur ernsthaft denken, das könnte klappen?“

    Rhethorische Frage, deren Antwort ich zustimme. Ich fürchte, ein mittelstrenger Deutschlehrer würde für solche argumentativen Leistungen die Note 5 vergeben. Daher bezweifele ich auch, ob man mit den Verfassern des kritisierten Textes eine ernsthafte Diskussion führen kann.

    @Olaf: „Diese Leute sind so sehr damit beschäftigt politisch korrekt zu formulieren, dass sie gar nicht mehr merken wie die Inhalte zweitrangig werden.“

    Das sehe ich etwas anders. Diese Sprachdeformationen funktionieren wegen ihrer Auffälligkeit als Hypnosetechnik zur Verstärkung und Verstetigung des Opferbewußtseins, Details s. hier.

    @Claudia „hat das Ganze eine [negative] Wirkung … Schreibblockade“

    Hatte ich auch mal, davon habe ich mich emanzipiert.

    „man kommt nicht umhin, die Intention zu erkennen und anzuerkennen“

    Ich komme durchaus umhin. Ich lasse mir nicht vorschreiben, worüber ich nachzudenken habe, eventuell sogar mit welchem Ergebnis. Vor derartigen Ansprüchen habe ich mich emanzipiert, Schlüsselerlebnis dabei war die Privilegientheorie, genauer gesagt der Moment, in dem ich deren antidemokratischen Charakter verstanden hatte.

    „Allein schon, dass ich diesen „inneren Schreiber“ genau wie den „inneren Kritiker“ über Jahre unreflektiert in der männlichen Form nutzte (unwidersprochen in 3 Jahren selbst veranstalteter Schreibkurse!) finde ich seltsam“

    ich nicht. Du hast eben den Sinn des generischen Maskulinums verstanden. Genauso, wie ich verstanden habe, es nicht als Angriff auf meine Sexualität oder Person zu interpretieren, wenn man mich als Person, Kapazität, Niete, Persönlichkeit, Autorität,… bezeichnet oder wenn DIE Männer im Plural einen weiblichen Artikel bekommen.

    Auch heute noch lesenswert in diesem Zusammenhang: Dieter E. Zimmer: Leuchtbojen auf einem Ozean der Gutwilligkeit, Die Zeit, 23.02.1996, http://www.zeit.de/1996/09/Leuchtbojen_auf_einem_Ozean_der_Gutwilligkeit

    Der Symbolgehalt von Sprachformen ist Vereinbarungssache. Auf meinem Blog habe ich die Sprachregelung deswegen auch explizit gemacht. Den Respekt vor anderen, speziell Frauen, um den es ja auch geht, drücke ich nicht durch formelle Wortlisten, sondern durch Ernstnehmen der Argumente aus. Der Respekt hängt natürlich von der Qualität der Argumente ab.

    @Susanne „Ich empfinde nämlich deren Sprache meistens als ebenso übergriffig und abstoßend wie das, wogegen sie sich damit – womöglich mit einigem Recht und vielleicht sogar mit meiner Zustimmung – wenden wollen.“

    Exakt. Ich rätsele, warum dieser innere Widerspruch nicht häufiger auffällt.

  19. @mitm:

    „Ich komme durchaus umhin. Ich lasse mir nicht vorschreiben, worüber ich nachzudenken habe, eventuell sogar mit welchem Ergebnis. Vor derartigen Ansprüchen habe ich mich emanzipiert“.

    Solche Pseudo-Argumente kommen – auch hier – immer wieder mal. Es scheint dir und anderen, die sowas sagen, nicht in den Sinn zu kommen, dass das Verhalten Anderer tatsächlich Anlass zum nach-denken geben könnte, bzw. zum Ergründen der dahinter stehenden Intention. Und dass man diese Intention dann aus den eigenen Werten heraus POSITIV bewerten kann – ohne deshalb die „Durchführung“ im Sinne von Unterstrichen und Sternchen gut zu finden.

    Nur deshalb GEGEN etwas zu sein, weil es mir jemand „vorschreiben“ will, ist – mit Verlaub – eine pubertäre Haltung.

    Das „generische Maskulinum“ unterliegt – genau wie Sprache insgesamt – dem Wandel. Da kann man noch so lange auf grammatikalische Korrektheit und „Mitgemeint-Sein“ pochen: wenn eine Mehrheit der Menschen bei Worten wie „Politiker“, „Sportler“, „Metzger“ etc. eine Ansammlung von Männern ASSOZIIERT, dann ist dadurch das „mitgemeint sein“ ernsthaft in Frage gestellt. Grammatik und Sinn hin oder her!

    Die genannten Bemühungen, diese Lage mittels innovativer Schreibweisen zu ändern, einfach als „dumm“ zu bezeichnen, empfinde ich als schlichte Feindseligkeit und der Problematik absolut nicht angemessen. Diese Studentixe (= meine lustig gemeinte Verbalhornung des „Studierxs“) sind nicht DUMM, sondern in ihrem Idealismus radikal. Kann man kritisieren, aber bloßes „beschimpfen“ ist mir meinerseits zu DUMM!

  20. @Ingo: dir auch ein hallo!
    So richtig konnte ich deine Rede zwar dem Thema
    nicht zuordnen, aber das macht nichts!!!
    Schön, dich mal wieder zu lesen! :-)

    hallo Claudia,
    ich kann auch lang, hier eine kleinere Sammlung:)
    wie dicht dieser Text jetzt am Thema ist, kann ich
    nicht so recht einschätzen, aber es sind gedanken dabei,
    die -für mich- nachzuvollziehen sind und so eine art
    „grundgerüst einer Weltsicht“ darstellen:)
    wenns zu lang ist: einfach löschen.
    —>
    -Achtung-!dieser Text ist lang und selbstverfasst und
    passt eventuell nicht hier her, für jegliches
    nachfolgende hirnversagen werde ich keinerlei
    haftung übernehmen:)

    –>

    (dieser Text entstand durch eine monologisierende Diskussion.
    ich vertrete darin die Ansicht, dass Realitaet nur ein
    Begriff unter vielen ist / dabei ging mir auch die
    hier gelaufene Diskussion –Farbe Rot– schwarzer Schwan
    und aehnliche durch den Kopf. die genannten Beispiele
    (Helmut Leitner und Ernst Gruber sind als Fallbeispiele
    fuer Anschaulichkeit gedacht und koennen jederzeit durch
    Personen anderen Namens ersetzt werden, so sie durch
    andere (eigenerstellte) Seiten im Netz vertreten sind
    und miteinander etwas zu tun haben/hatten)

    „Was, um alles in der Welt ist real?“

    „Das, was bleibt, wenn du alles, was sich
    loeschen laesst, vergessen laesst, verheimlichen
    laesst nicht mehr existiert;
    alles was dich kalt, unberuehrt,
    desinteressiert, unbeteiligt laesst; was
    dir Freude macht, dir nuetzlich
    ist, dich in der Welt haelt, dir dein
    Ueberleben sichert; was dich motiviert
    ein Mensch zu sein. Das ist real.“

    Das ist eine sehr persoenliche, individuell
    angelegte Einschaetzung. Es gibt keine
    wirkliche, allgemein gueltige Realitaet,
    was dem einen seine Eule, ist dem anderen
    seine Nachtigall.

    Realitaet ist der Tisch oder die Strassenlaterne,
    beides nuetzlich oder beides geeignet, sich eine
    Beule zu holen, je nach Motivation und Taetigkeit
    des Benutzers. Zu diesen beiden Dingen gehoert
    allerdings die ganze Kultur der Ueberschriften
    der dahinter verborgenen Umweltzusammensetzung:

    Ein Tisch ist ein Tisch, weil ihn ein Begriff
    einer Sprachform dazu bestimmt; weil ein Tischler
    ihn gebaut; weil ein Kunde ihn gekauft; weil ein
    Benutzer ihn als Unterlage benutzt hat.

    Alle Kultur basiert auf Begriffen- mit denen sich
    die Menschen die sich innerhalb dieser Kulturkreise
    befinden, untereinander verstaendlich machen koennen.
    Um zu diesem Werkzeug (Sprache, Begriffe) auf einem
    allgemeinverstaendlichen Nenner zu gelangen, braucht
    es eine lange Abfolge von Versuch und Irrtum, Einsicht
    in Notwendiges, Ueberlebensstrategie, eine Unzahl
    von Uebereinkuenften, einen ‚Konsens‘ der Sichtweise
    innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft.

    ‚Realitaet‘ ist-, wie jeder andere Begriff-, eine
    frei erfundene Zusammenstellung von Lauten, ein Begriff
    mit neun Buchstaben, durch Sprachgebrauch und Entwicklungs
    geschichte allgemein aktzepierter Sachverhealt, eine
    Beschreibung eines objektiv erkennbaren Zustands
    einer Sache oder eines Verhaeltnisses.

    Ist Realitaet desshalb eine Erfindung? eine allgemein
    vorhandene Illusion? Was, wenn die Mehrheit derer, die
    dem gefundenen Konsensbegriff „Realitaet“ vertrauen,
    durch eine geschickte Taeuschung hinters Licht gefuehrt
    werden/wurden? (aktuelles Beispiel: Kriegsgrund
    Massenvernichtungswaffen)

    Unsere Sprache und Schrift ist eine sehr diffizile
    Angelegenheit, es gibt eine Unzahl von Doppeldeutigkeiten,
    jederzeit besteht die Moeglichkeit, dass etwas voellig
    anders gemeint als verstanden wird (abhaengig vom
    Bewusstseins- stand der Einzelnen) jeder Sender einer
    Aussage ist gleichzeitig ein Mitgestalter der Verhaeltnisse,
    bestenfalls wird eine weitere Uebereinstimmung einer Sicht
    weise auf eine moegliche Lesart der „Realitaet“ gefunden.
    Es besteht die Moeglichkeit- aber: es ist nicht
    unumstoesslich wahr.

    HelmutLeitner hat weiter oben (?) angemerkt: es besteht
    die Moeglichkeit, dass sich Ernst in seinen Ausfuehrungen
    verstrickt, sich durch laengere Erlaeuterungen in eine
    selbstgestellte „wenn-dann-Falle“ verlaeuft; (das nur als
    nicht wertend gemeintes Beispiel); wenn ich mir als
    Unbeteiligter das durchlese und versuche hinter den
    „realen“ Sinn dieser Aussage zu kommen, bleibt mir nichts
    weiter uebrig, als ein moeglichst umfassendes Beispiel
    der (veroeffentlichten) Person ‚Ernst‘ zu erhalten,
    um mir eine Vorstellung von der Tragweite dieser Aussage
    zu machen.

    Im Netz ist so eine Recherche sehr einfach „Stichwort“
    in Suchmaschine eingeben und den Links folgen.
    allerdings auch sehr umfangreich: je mehr man wissen will,
    umso vielfaeltiger wird die Zahl der zu lesenden Seiten,
    (654 Seiten bei „ernst gruber“; 1550 Seiten bei
    „ernstgruber“; 713 Seiten bei „helmut leitner“;
    1920 Seiten bei „helmutleitner“). (Quelle: Google,
    Stand 13.1.2004, Suche „webweit“)

    Ein Leben reicht nicht aus, alle Fragen lesend zu
    erfassen, alle angebotenen Antworten zu lesen,
    geschweige denn, ‚alles‘ an Information zu verstehen
    und in eine persoenlich durchdrungene, bewertungstaugliche
    Sichtweise einfliessen zu lassen. Also ist man gezwungen
    zu schaetzen. „vom Gefuehl her“ bewerten. Ein Stimmungsbild
    ueber den „Charakter“ der gefundenen und verstandenen
    Information- letztendlich eine vermutete Grundbewertung
    und ein Versuch persoenliches Verstaendnis der Realitaet
    mit den gefundenen Informationen ueber das gesuchte Bild
    herzustellen.

    Das ist keine Realitaet, sondern (auch) nur ein weiteres
    (Ab-) Bild einer geschaetzten Realitaet. So wie dieses
    kleine Beispiel ist meiner Ansicht nach jegliche
    Realitaetsichtweise mit den vielfaeltigsten Fallstricken
    verbunden, es ist nie voellig auszuschliessen, dass es
    nicht doch noch eine andere (unbekannte) Sichtweise
    eines Verhaeltnisses gibt. Ergo ist „Realitaet“ (nmE) eine
    hoechst individuelle Interpretation.

    Motivation:

    „man tut, was Freude bereitet. Was eintraeglich ist,
    was notwendig ist; wozu man gezwungenermassen verpflichtet
    ist“

    Unsere Triebfeder, etwas zu tun, liegt in unseren
    Beduerfnissen und in unseren Erfahrungen. Unsere
    Umwelt hat uns im Verlauf unseres Daseins durch
    unmittelbare Situationsbewaeltigung durch Versuch und
    Irrtum beigebracht, wie unser persoenliches Verhalten
    im guenstigsten Fall uns unser Ueberleben sichert.
    „gut“ empfundene Situationen und Verhaeltnisse
    werden normalerweise als erstrebenswert empfunden,
    „schlechte“ versucht zu vermeiden.

    die Einteilung in „gut“ und „schlecht“ liegt in unserem
    ureigensten Bewerten dieser Begriffe; das bedeutet:
    gut und schlecht ist gleichwertig, ein individuell
    besetzter Begriff.

    Beispiel hierzu: einer benutzt ein Brotmesser wegen
    der langen Klinge um eine „sauber“ geschnittene,
    gleichmaessig dicke Scheibe Brot zu schneiden.
    ein anderer benutzt das selbe Messer um jemand
    anderen „gut“ zu verletzen. Ist das Messer nun
    „gut“ oder „boese“?

    Nein, diese Frage ist nicht albern sondern verdeutlicht
    meiner Ansicht nach die perfide Macht der Begriffe,
    mit denen wir uns verstaendigen.

    anderes Beispiel (Motivation):
    warum schreibe ich das hier?
    ich hab durch Zufall hierhergefunden, mich eine
    Zeitlang durch die Artikel des GruenderWiki s
    (Anm.: dort lief/laeuft eine Debatte um „Realitaet“)
    durchgeclict und mit wachsendem Interesse gelesen.
    (ob ich alles „verstanden“ habe, steht auf einem anderen
    Blatt). Der Inhalt der Seiten hat mich motiviert,
    mir Gedanken ueber Communities und ihr funktionieren
    zu machen. Mich interessiert das „Prinzip dahinter“.
    dann habe ich mich vor meinen Texteditor gesetzt und
    angefangen zu schreiben. „thats all“. Ich glaube,
    allein die Moeglichkeit, seine ureigensten
    Ansichten und Sichtweisen der „Realitaet“ anderen
    auf diese Weise (schreiben und unzensiertes
    veroeffentlichen in einem weltweit verfuegbaren Forum )
    liefert Motivation, dies zu tun. Hintergrund jeglicher
    Aeusserung ist Motivation, Antrieb etwas „aus sich heraus
    zu stellen“. Wie also Motivation in anderen herstellen?
    Inhalte anbieten. Offene Konflikte darstellen. Fragen.
    Feedback / Antworten, die eine Bewertung der Sinngehalte
    dem Lesenden offen lassen, moeglichst manipulationsfreie
    Darstellung von Sachverhalten, Trennung von Meinung und
    ‚Fakten‘. Oder zumindest den Versuch, diese Ziele
    erkennen zu lassen.

    Oekonomie:

    „ich glaube, wir leben in einer Ueberschriftengesellschaft“

    Wir haben gelernt, verfuegbare Information nach Gehalt
    zu filtern, uns nuetzliches von unwesentlichem zu trennen,
    vertrauen unserem angeeigneten Gefuehl zum abschaetzen
    wichtig/unwichtig.

    Wieviel Information wir jeden Tag ausfiltern oder garnicht
    erst wahrnehmen, liegt an unsereren (begrenzten)
    Moeglichkeiten. Die der Mittel; der Zwecke; die
    der Beduerftigkeiten. Ich denke, wir sind durch die
    Umstaende gezwungen, uns auf ein sehr kleines- persoenlich
    zugeschnittenes- Informationsfenster zu beschraenken.
    Andernfalls waeren wir vierundzwanzig Stunden taeglich
    damit beschaeftigt, einen Wust von Informationen zu sichten
    und spaetestens nach sieben Tagen tot. Gestorben durch
    Schlafmangel, Essen und Fluessigkeitsentzug.
    Wir sind gewohnt, unsere Zeit einzuteilen. Unsere
    Handlungen bestimmen wir durch die Notwendigkeiten unseres
    Alltags. Sind wir wirklich ‚frei‘ bei der Entscheidung, was
    wir tun bzw. lassen?

    Unser Handeln wird (auch) von unserem persoenlichen Wollen
    bestimmt, je nach Liebesbeduerfnis, sozialem Umfeld,
    Resonanz in anderen wichten wir unseren Aufwand und Zeit
    in unseren Aktionen. Unter diesem Gesichtspunkt kann
    der Schreiber dieser Zeilen durchaus (auf kurze Sicht)
    als ueberbordender Liebes/Anerkennungsbeduerftiger
    betrachtet/eingeschaetzt werden; allein: ich sehe das nicht
    so, ich werde diesem Artikel wahrscheinlich keine weitern
    aehnlichem Umfangs folgen lassen.

    Ich sehe in diesem Schrieb eine (fuer mich) oekonomisches
    Vorgehen, meine Vorstellung von „Realitaet“ jetzt, in
    diesem Moment, auszudruecken und in einem Forum mitzuteilen.

    Oekonomie ist fuer mich das Abwaegen zwischen Aufwand und
    ‚Ertrag‘; dieser Beitrag ist fuer mich schon allein durchs
    verfassen ertragreich, wie sehr ergiebig/nuetzlich er fuer
    andere ist, lasse ich dahingestellt.
    wahrscheinlich ist er zu lang:)

    gruss aus sz
    i.m.

  21. Uebertrieben lang ist der artikel nicht, ingo. Dennoch war ich sehr versucht, ihn nicht zu lesen, weil ich nur bestimmte quanten an information reinlassen kann. Aber mich „quaelt“ der gedanke, dass da jemand denkt und schreibt…und niemand guckt drauf.
    Vom inhalt deiner zeilen weiss ich nicht mehr viel. Ich habe aber bemerkt, dass du sagtest, du schreibst das jetzt ohne „seelen fangen zu wollen“ und mit keinem folgeartikel im auge. Das ist bemerkenswert! Demzufolge kommst du wahrscheinlich nicht zurueck, um zu schauen, ob jemand reagiert hat?
    Solche betrachtungen wie du ueber realitaet etwa strebe ich selbst nicht an. Ich bin eigentlich kein denker, obwohl das manche in meinem umfeld anders sehen. Mein denken findet auf bestimmten feldern statt, aber deswegen bin ich kein philosoph.
    Was ich also mitnehme, ist, dass da jemand sehr in begriffen denkt und allgemeine aussagen machen kann…ich selbst bin gewissermassen anders.
    Danke.

  22. :)
    @gerhard:
    quäl dich nicht mit überflüssigen gedanken:)
    und nein: ich komme hier regelmässig her, nicht um zu sehen ob jemand auf meine (dünn gesäten) bemerkungen reagiert hat sondern weil ich gerne aus anderen gründen hierher vorbeilese.
    gruss ingo

  23. @ingo

    sehr schön ;-)

    [..] Es gibt keine wirkliche, allgemein gueltige
    [..] Realitaet, was dem einen seine Eule, ist dem
    [..] anderen seine Nachtigall.

    darf ich hier reklame für die „andere claudia“ machen?

    deren twitter motto lautet „Realität ist das, was ich dafür halte.“ nicht daß ich oft bei twitter vorbeischaue, eher regelmäßig auf ihrem blog, aber treffender kann man es nicht sagen.

    ich denke, es gibt beim verfassen von texten zwei grundhaltung:

    a. man hat was zu sagen.

    das macht man dann schön kurz, damit alle es lesen und den kopf nicken/schütteln, teilhaben an der eigenen klugheit/dummheit. man freut sich am feedback, den klicks, den relinks und retweets und likes. man fühlt sich vrstanden und gemocht.

    b. man möchte was erzählen.

    und es ist einem egal, ob der andere zustimmt oder es ablehnt. man hofft, etwas zu erzählen, was bei dem anderen einen eigenen gedanken auslöst, ohne ihm diesen direkt aufzuzwingen.

    und entsprechend gibt es zwei haltungen, etwas zu lesen.

    die eine sucht erkenntnis beim anderen. die andere freut sich daran, selbst auf einen gedanken gekommen zu sein, weil man etwas gelesen hat, was jemand anders ganz gut versteckt hat.

    eule oder nachtigall.

    ich fand deinen text anregend …

    @thema

    es war schon immer eine ziemlich dumme idee, zu glauben, daß man dadurch, daß man die worte wegnimmt, man auch die mit ihnen verbundenen realitäten in luft auflösen kann. man sieht sie bloß nicht mehr so klar und ist dann, wenn man denkt, die welt sei ein besserer ort geworden und doch feststellen muss, daß das elend bloß keine namen oder worte mehr hat, mit denen man es ausdrücken kann, sich im grunde nichts geändert hat.

    eine interessante form von magie, wie ich finde.

    autosuggestion.

    funktioniert bloß so in dieser form schon seit vier jahrzehnten (afaik) definitiv nicht. aber jede generation muss offensichtlich alle fehler zwanghaft selbst machen.

  24. @Claudia

    Du schreibst, Deine „Irritation [sei, S.S.] ein Bemerken, dass meine Sprache (die aus tausenderlei Quellen entstanden ist) in mancher Hinsicht noch nicht gleichauf mit meiner Weltwahrnehmung ist: Tatsächlich sehe ich in unserem von Merkel, VonderLeyen und Nahles mitregierten Land nicht nur ‚Politiker‘ vor dem inneren Auge, wenn ich das so hinschreiben will. Gleichzeitig tu ich mich mit ’neuen Formen‘ schwer, die ja zumindest zu Teilen die Ästhetik der Sprache locker den Bach runter gehen lassen (Politiker_innen*) und ‚im Schwarm‘ auch einfach nicht akzeptiert, sondern als Stolperstein wahrgenommen werden.

    Das mit dem Stolperstein ist doch sicherlich so gewollt und eine (unter vielen anderen) Möglichkeiten, diejenigen über ‚Wirklichkeit‘ aufzuklären, von denen die den Stolperstein Auslegenden glauben, sie verschlössen die Augen vor ihr oder ihren schlechten Seiten. Genau an dieser Stelle jedoch scheiden sich die Geister bzw. leben sehr verschiedene Menschen in sehr verschiedenen ‚Wirklichkeiten‘. Daß Frauen in gehobene Positionen gelangen (als Politikerin, aber mehr noch als Vorgesetzte im Betrieb) und dort oft den besseren Job machen, bezweifelt zumindest in meinem Lebensumfeld kaum noch jemand. Daß sie es daher auch bitte immer mehr tun sollen, ist nur für ziemlich hartgesottene ‚Kerle‘ mit reichlich weicher Birne weiterhin ein existentielles Problem. Allerdings gehen die Meinungen sehr weit auseinander, ob sie es bereits in ausreichendem Maß tun und wie das zu befördern sei.

    Daß viele Menschen, die ihre Ansichten über die Welt, wie sie ist und wie sie sein soll, nicht primär auf dazu anregenden Kongressen irgendwelcher Bewegungen oder aus sich explizit, leider aber auch für die Laien oft recht unverständlich mit Weltansichten beschäftigenden Schriften beziehen, hat nach meiner Einschätzung mit die schlafenden Geister der Aufgeklärtheit aufrüttelnder Sprache jedoch nur insofern etwas zu tun, als diese eine Hemmschwelle bilden kann, wenn sie sich zu weit vom alltäglichen Sprachgebrauch entfernt. Und obendrein liegt für einige die Vermutung nahe, daß eine Beschäftigung mit Sprache unter dem Banner einer weltanschaulichen Aufklärung durchaus ein angesagtes Karrierethema des Wissensbetriebes darstellten mag, also nicht viel zu tun haben kann mit der alltäglichen Wahrnehmung solcher Menschen, die sich nicht allein mit den sachlichen und ästhetischen Unterschieden im Auftreten männlicher und weiblicher Politikdarsteller, sondern in ihrem Beruf mit beiden Sorten Vorgesetzter herum ärgern müssen. Gerade diese Erfahrung aber lehrt so einiges über Diskriminierung, Benachteiligung und Vorurteile, obwohl es nicht unmittelbar dazu führen muß, daß sich die Sprache, in der dieses Erleben gekleidet wird, ebenso rasch synchron ändert.
    Ich sehe in diesem Hinterherhinken der Alltagssprache aber weniger eine sprachliche Behinderung eines emanzipatorischen Prozesses, sei er ein mehr individueller des eigenen Denkens und Urteilens oder allgemeiner ein politischer und sozialer Vorgang, als eine Folge der sinnstiftenden Funktionen von Sprache, die sich auf den oben bereits angesprochenen, vielfältigen Wegen den veränderten Bedingungen anpassen muß, die sie selbst wiederum beeinflussen kann. Was eben nicht von Heute auf Morgen passiert.

    Das alles schmälert aber nun keineswegs die Ergebnisse solcher Untersuchungen der Sprache auf die Spuren diskriminierender oder subsumierender Einstellungen und Sichtweisen (wie etwa der, daß das männliche Geschlecht als Platzhalter für beide Geschlechter zu gelten habe). Niemand mit noch etwas Verstand im Kopf kann bezweifeln, daß unsere Alltagssprache voll diskriminierender, repressiver Symbolik steckt, die präzise herauszuarbeiten eine Aufgabe auf dem Wege ist, solche sprachlich symbolisierte Repression und Diskriminierung zum Gegenstand eines möglicherweise den dahinter liegenden, sozialen Tatbestand abwendenden Handelns zu machen. Diese Arbeit nun flapsig und flink als ‚Schwachsinn‘ abzutun, wäre daher grundfalsch. Daß es immer wieder getan wird (s.o.), zeigt mir nur, welch vehemente Verdrängungsenergien und -bereitschaften in Menschen stecken können, gerade wenn es um jene Ketten geht, mit denen wir alle uns täglich an eine als meist mehr schlecht wahrgenommene ‚Wirklichkeit‘ binden müssen – und wollen.

    @ingo

    Das, was bleibt, wenn du alles, was sich loeschen laesst, vergessen laesst, verheimlichen laesst nicht mehr existiert; alles was dich kalt, unberuehrt, desinteressiert, unbeteiligt laesst; was dir Freude macht, dir nuetzlich ist, dich in der Welt haelt, dir dein Ueberleben sichert; was dich motiviert ein Mensch zu sein. Das ist real.” schreibst Du und ich habe lange an diesem Satz geknabbert. Zuerst nahm ich an, daß hinter dem dritten ‚laesst‘ besser ein Komma stünde und nach dem ‚existiert‘ ein Punkt zu folgen habe, jedenfalls las ich dann ziemlich problemlos bis hinter das vierte ‚laesst‘, dann stolperte ich jedoch sofort über das Folgende, welches mir das, was zuvor ausgesagt wurde, wieder zurückzunehmen schien.

    Bis ich endlich glaubte, dahinter gekommen zu sein, daß Dein Satz im Grunde besagt: Real ist alles!

    Was gar nicht so trivial ist, wie es auf den ersten Blick klingt – falls überhaupt etwas im Auge klingen mag. So ist ja auch die Illusion real, nachdem ich sie beschrieben habe, das viereckige Dreieck, sobald ich von ihm spreche, die Quadratwurzel aus -1, wenn ich damit rechne, und der alles vergebende Gott, indem ich zu ihm bete. Leider verliert der Begriff ‚Realität‘ damit ein wenig an Schärfe, aber das ist gut und nicht schlecht, weil sich bei Begriffen ein ‚zu viel‘ an Schärfe ebenso schlimm auswirkt wie bei Schrauben ein zu heftiges Anziehen.

    Selbiges paßt obendrein recht gut zu meinem Empfinden, wenn ich von jenen aufwendigen Sprachkonstruktionen lese oder höre, welche sich um irgendeine Korrektheit oder wenigstens Neutralität im Ausdruck bemühen. Mir kommt es dann so vor, als würde jemand mit einer immer feiner und feiner geschliffenen Klinge verzweifelt versuchen, Wasser zu zerschneiden. Die damit einhergehende Überspitzung des Werkzeuges bleibt jedoch enttäuschend hilflos gegenüber dem Material, indem und weil der Ansatzwinkel vielleicht nur um wenige Bogensekunden ins Leere zeigt. Und dennoch wird sie mit Eifer immer weiter getrieben. Ein Reflex, der, so fürchte ich, geschuldet ist der Schwierigkeit, seine Hilflosigkeit gegenüber allen nicht im Bereich eigener Wirksamkeit liegenden Umständen sich einzugestehen, und dessen innerpsychische Aufgabe darin bestehen mag, unserem Verstand dabei zu helfen, nicht an sich zu verzweifeln, wenn er an einer uns wichtigen Sache immer wieder kläglich zu scheitern droht oder doch seine Erfolge uns als nicht hinreichend erscheinen angesichts der Dringlichkeit der Sache.

    Die Rede von ‚Wirklichkeit‘ aber ganz ins Subjektive aufzulösen, gefällt mir gar nicht. Vielleicht als Rentnerin erst könnte es mir möglich und zufriedenstellend vorkommen, mich von der Annahme eines materiellen Bandes zwischen den Menschen zu lösen, das ich mir sehr gern als ein Tableau aus Produktion und Interaktion vorstelle. Deinen Satz „Ergo ist “Realitaet” (nmE) eine hoechst individuelle Interpretation“ möchte ich daher so umformulieren: Das Reden von Realität ist ein höchst individuelles Interpretieren eines Geteilten, um immer wieder Zugang zu ihm zu gewinnen.“

    Über den (vielleicht notwendigerweise mäßigen) Erfolg dieses Zugangs und seine (vermutlich noch weniger durschlagende) Kommunizierbarkeit – darüber handelt vermutlich fast alles menschliche Nachdenken über sich, die Nächsten, das Heute, die Zukunft, die Welt und wohl auch Gott.

  25. Ärgerlich, nach dem letzten Zitat scheint mir in der Eile des Tippens das schließende Tag (für das Kursivschreiben) misslungen zu sein. Vielleicht kannst Du, Claudia, es noch korrigieren, mir als Leserin des Blogs ist das leider nicht möglich.
    Vielen Dank schon mal im Voraus – Susanne.

    P.S. Außerdem funktioniert die Benachrichtigung per E-Mail über nachfolgende Kommentare offenbar nicht, ich jedenfalls habe keine bekommen. Schau doch mal nach, wenn Du Zeit dafür findest.

  26. Mir fällt gerade ein, daß Du vielleicht Kommentare inhaltlich gar nicht ändern kannst, also gebe ich meinen oben stehenden unten jetzt einfach nochmals in korrigierter Form hier ein und bitte Dich, die dadurch überflüssigen Kommenmtare zu löschen – damit ich nicht als zu geschwätzig da stehe ;-)

    LG
    Susanne

  27. @Claudia

    Du schreibst, Deine „Irritation [sei, S.S.] ein Bemerken, dass meine Sprache (die aus tausenderlei Quellen entstanden ist) in mancher Hinsicht noch nicht gleichauf mit meiner Weltwahrnehmung ist: Tatsächlich sehe ich in unserem von Merkel, VonderLeyen und Nahles mitregierten Land nicht nur ‚Politiker‘ vor dem inneren Auge, wenn ich das so hinschreiben will. Gleichzeitig tu ich mich mit ’neuen Formen‘ schwer, die ja zumindest zu Teilen die Ästhetik der Sprache locker den Bach runter gehen lassen (Politiker_innen*) und ‚im Schwarm‘ auch einfach nicht akzeptiert, sondern als Stolperstein wahrgenommen werden.

    Das mit dem Stolperstein ist doch sicherlich so gewollt und eine (unter anderen) Möglichkeiten, diejenigen über ‚Wirklichkeit‘ aufzuklären, von denen die den Stolperstein auslegenden glauben, sie verschlössen die Augen vor ihr oder ihren schlechten Seiten. Genau an dieser Stelle jedoch scheiden sich die Geister bzw. leben sehr verschiedene Menschen in sehr verschiedenen ‚Wirklichkeiten‘. Daß Frauen in gehobene Positionen gelangen (als Politikerin, aber mehr noch als Vorgesetzte im Betrieb) und dort oft den besseren Job machen, bezweifelt zumindest in meinem Lebensumfeld kaum noch jemand. Daß sie es daher auch bitte immer mehr tun sollen, ist nur für ziemlich hartgesottene ‚Kerle‘ mit reichlich weicher Birne weiterhin ein existentielles Problem. Allerdings gehen die Meinungen sehr weit auseinander, ob sie es bereits in ausreichendem Maß tun und wie das zu befördern sei.

    Daß viele Menschen, die ihre Ansichten über die Welt, wie sie ist und wie sie sein soll, nicht primär auf dazu anregenden Kongressen irgendwelcher Bewegungen oder aus sich explizit, leider aber auch für die Laien oft recht unverständlich mit Weltansichten beschäftigenden Schriften beziehen, hat nach meiner Einschätzung mit einer die schlafenden Geister der Aufgeklärtheit aufrüttelnder Sprache jedoch nur insofern etwas zu tun, als diese eine Hemmschwelle bilden kann, wenn sie sich zu weit vom alltäglichen Sprachgebrauch entfernt. Und obendrein liegt für einige die Vermutung nahe, daß eine Beschäftigung mit Sprache unter dem Banner einer weltanschaulichen Aufklärung durchaus ein angesagtes Karrierethema des Wissensbetriebes darstellten mag, also nicht viel zu tun haben kann mit der alltäglichen Wahrnehmung solcher Menschen, die sich nicht allein mit den sachlichen und ästhetischen Unterschieden im Auftreten männlicher und weiblicher Politikdarsteller, sondern in ihrem Beruf mit beiden Sorten Vorgesetzter herum ärgern müssen. Gerade diese Erfahrung aber lehrt so einiges über Diskriminierung, Benachteiligung und Vorurteile, obwohl es nicht unmittelbar dazu führen muß, daß sich die Sprache, in der dieses Erleben gekleidet wird, ebenso rasch synchron ändert.

    Ich sehe in diesem Hinterherhinken der Alltagssprache aber weniger eine sprachliche Behinderung eines emanzipatorischen Prozesses, sei er ein mehr individueller des eigenen Denkens und Urteilens oder allgemeiner ein politischer und sozialer Vorgang, als eine Folge der sinnstiftenden Funktionen von Sprache, die sich auf den oben bereits angesprochenen, vielfältigen Wegen den veränderten Bedingungen anpassen muß, die sie selbst wiederum beeinflussen kann. Was eben nicht von Heute auf Morgen passiert.

    Das alles schmälert aber nun keineswegs die Ergebnisse solcher Untersuchungen der Sprache auf die Spuren diskriminierender oder subsumierender Einstellungen und Sichtweisen (wie etwa der, daß das männliche Geschlecht als Platzhalter für beide Geschlechter zu gelten habe). Niemand mit noch etwas Verstand im Kopf kann bezweifeln, daß unsere Alltagssprache voll diskriminierender, repressiver Symbolik steckt, die präzise herauszuarbeiten eine Aufgabe auf dem Wege ist, solche sprachlich symbolisierte Repression und Diskriminierung zum Gegenstand eines möglicherweise den dahinter liegenden, sozialen Tatbestand abwendenden Handelns zu machen. Diese Arbeit nun flapsig und flink als ‚Schwachsinn‘ abzutun, wäre daher grundfalsch. Daß es immer wieder getan wird (s.o.), zeigt mir nur, welch vehemente Verdrängungsenergien und -bereitschaften in Menschen stecken können, gerade wenn es um jene Ketten geht, mit denen wir alle uns täglich an eine als meist mehr schlecht wahrgenommene ‚Wirklichkeit‘ binden müssen – und wollen.

    @ingo

    Das, was bleibt, wenn du alles, was sich loeschen laesst, vergessen laesst, verheimlichen laesst nicht mehr existiert; alles was dich kalt, unberuehrt, desinteressiert, unbeteiligt laesst; was dir Freude macht, dir nuetzlich ist, dich in der Welt haelt, dir dein Ueberleben sichert; was dich motiviert ein Mensch zu sein. Das ist real.” schreibst Du und ich habe lange an diesem Satz geknabbert. Zuerst nahm ich an, daß hinter dem dritten ‚laesst‘ besser ein Komma stünde, das ‚du‘ wegzufallen und nach dem ‚existiert‘ ein Punkt zu folgen habe, jedenfalls las ich dann ziemlich problemlos bis hinter das vierte ‚laesst‘, dann stolperte ich jedoch sofort über das Folgende, welches mir das, was zuvor ausgesagt wurde, wieder zurückzunehmen schien.

    Bis ich endlich glaubte, dahinter gekommen zu sein, daß Dein Satz im Grunde besagt: Real ist alles!

    Was gar nicht so trivial ist, wie es auf den ersten Blick klingt – falls überhaupt etwas im Auge klingen mag. So ist ja auch die Illusion real, nachdem ich sie beschrieben habe, das viereckige Dreieck, sobald ich von ihm spreche, die Quadratwurzel aus -1, wenn ich damit rechne, und der alles vergebende Gott, indem ich zu ihm bete. Leider verliert der Begriff ‚Realität‘ damit ein wenig an Schärfe, aber das ist gut und nicht schlecht, weil sich bei Begriffen ein ‚zu viel‘ an Schärfe ebenso schlimm auswirkt wie bei Schrauben ein zu heftiges Anziehen.

    Selbiges paßt obendrein recht gut zu meinem Empfinden, wenn ich von jenen aufwendigen Sprachkonstruktionen lese oder höre, welche sich um irgendeine Korrektheit oder wenigstens Neutralität im Ausdruck bemühen. Mir kommt es dann so vor, als würde jemand mit einer immer feiner und feiner geschliffenen Klinge verzweifelt versuchen, Wasser zu zerschneiden. Die damit einhergehende Überspitzung des Werkzeuges bleibt jedoch enttäuschend hilflos gegenüber dem Material, indem und weil der Ansatzwinkel vielleicht nur um wenige Bogensekunden ins Leere zeigt. Und dennoch wird sie mit Eifer immer weiter getrieben. Ein Reflex, der, so fürchte ich, der Schwierigkeit geschuldet ist, seine Hilflosigkeit gegenüber allen nicht im Bereich der eigenen Wirksamkeit liegenden Umständen sich einzugestehen, und dessen innerpsychische Aufgabe darin bestehen mag, unserem Verstand dabei zu helfen, nicht an sich zu verzweifeln, wenn er an einer uns wichtigen Sache immer wieder kläglich zu scheitern droht oder doch seine Erfolge uns als nicht hinreichend erscheinen angesichts der Dringlichkeit der Sache.

    Die Rede von ‚Wirklichkeit‘ aber ganz ins Subjektive aufzulösen, gefällt mir gar nicht. Vielleicht als Rentnerin erst könnte es mir möglich und zufriedenstellend vorkommen, mich von der Annahme eines materiellen Bandes zwischen den Menschen zu lösen, das ich mir sehr gern als ein Tableau aus Produktion und Interaktion vorstelle. Deinen Satz „Ergo ist “Realitaet” (nmE) eine hoechst individuelle Interpretation“ möchte ich daher so umformulieren: Das Reden von Realität ist ein höchst individuelles Interpretieren eines Geteilten, um immer wieder Zugang zu ihm zu gewinnen.“

    Über den (vielleicht notwendigerweise mäßigen) Erfolg dieses Zugangs und seine (vermutlich noch weniger durschlagende) Kommunizierbarkeit – darüber handelt vermutlich fast alles menschliche Nachdenken über sich, die Nächsten, das Heute, die Zukunft, die Welt und wohl auch Gott.

  28. Momentan bin ich gezwungen, mich „richtiger Arbeit“ zuzuwenden, anstatt auf diese tollen und ausführlichen (!) Beiträge zeitnah einzugehen (Im Thread zur Krise hab ich es grade noch geschafft, aber jetzt…).

    Als kleinen „Pausenfüller“ zum Nebenthema „Was ist Realität?“ hier mal ein Beispiel, wie diese Frage 1996/97 in einem Vorläufer dieses Blogs verhandelt wurde.

    Was ist Wirklichkeit?

    Damals hab ich die Kommentare noch per E-Mail bekommen und „händisch“ eingesetzt.. ja, das waren noch GERUHSAME Zeiten… :-)

    .

  29. Ein klarer Fall von Poes Gesetz! Würden wir nicht wissen, dass Fefe der Gendertheorie kritisch gegenüber steht, wäre es unmöglich zu erkennen, dass er ironische Überspitzungen macht, denn anderswo findet man dergleichen vollkommen ernst gemeint.
    Ähnliches findet man auch zu religiösen oder esoterischen Themen.

    http://rationalwiki.org/wiki/Poe%27s_law

  30. @Arnd: das sind Originalzitate, keine ironischen Überspitzungen. Seine Kommentare könnte man im Einzelfall so verstehen, jedoch distanziert er sich sogar mit „das ist jetzt keine Satire“ von dieser möglichen Interpretation. Aber danke für den Link, „Poes Gesetz“ kannte ich nicht!

    @Susanne: auch nach Wiederlesen deines umfangreichen und wie so oft beeindruckenden Textes finde ich kaum etwas, was ich noch dazu sagen könnte – klingt einfach unkommentierbar perfekt! :-)

    „Diese Arbeit nun flapsig und flink als ‘Schwachsinn’ abzutun, wäre daher grundfalsch. Daß es immer wieder getan wird (s.o.), zeigt mir nur, welch vehemente Verdrängungsenergien und -bereitschaften in Menschen stecken können, gerade wenn es um jene Ketten geht, mit denen wir alle uns täglich an eine als meist mehr schlecht wahrgenommene ‘Wirklichkeit’ binden müssen – und wollen.“

    Bezüglich eines Textes, der das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit derart weit treibt wie der angeführte, erscheint es zumindest verständlich, dass manch spontane Reaktion darauf dies als „Schwachsinn!“ bewertet.
    Meist geht aber das Mäkeln schon bei sehr viel softeren Formen los – und da geb ich dir recht: die wollen den „SINN“ einfach nicht verstehen, bzw. lehnen die Botschaft glattweg ab.

    @Ingo: „eine interessante form von magie, wie ich finde.“

    Ich denke, dass der Prozess ein interaktiver ist: die Sprache beeinflusst das Sein und umgekehrt. Frauen sind tatsächlich gesellschaftlich „sichtbarer“ geworden – und nun soll auch die Sprache folgen, tut es auch in Ansätzen, denn z.B. Formen wie „Studierende“ sind ja mittlerweile Allgemeingut.
    Sehr viel störrischer ist das Bild, das Video, das Plakat etc. Aber das ist ein Thema, das man separat behandeln müsste. Als Beispiel diene die Diskussion bei Juna „Über Leichen gehen“.

  31. […] Das ist sprachästhetisches Handeln. Zum Unterstrich oder Sternchen mitten im Wort bin ich nicht bereit. Aber […]