Claudia am 15. Februar 2009 —

Finanzkrise ungelöst: Das KOAN des Kapitalismus

Stell dir vor, du lebst nahe dem Polarkreis in einem gut beheizten Haus – draußen herrschen klirrende 30 Grad Minus. Auf einmal (die Ursachen lassen wir mal außen vor) lässt sich die Tür nicht mehr schließen und Kälte dringt ein: binnen kurzer Zeit wird das Leben im Haus unmöglich sein. Was machst du? Reparierst du die Tür, um sie wieder schließen zu können? Oder fängst du an, alle Möbel zu zerkleinern und zu verfeuern, damit es noch ein wenig länger erträglich warm bleibt?

Letzteres versuchen gerade all die Politiker, die große und kleine Konjunkturpakete schnüren, damit die Folgen der Finanzkrise ein wenig abgemildert werden. Sie verfeuern die Möbel, nicht nur die von heute, sondern auch die, die unsere Kinder sich in Zukunft hätten kaufen können. Derweil bleibt die Tür offen, durch die die tödliche Kälte dringt, doch immerhin kann das Volk sehen, dass die Politiker nicht untätig bleiben.

Man weiß nicht, wie das Schließen der Tür zu bewerkstelligen sei, sagen einige. Andere meinen, zu wissen, wie es gehen könnte, doch erscheint es unmöglich, sich auf eine beherzte Reparatur zu einigen. Es wird viel geredet, während es schon spürbar kälter wird, und man überlegt, was man noch alles verheizen könnte. Dabei gerät die offene Tür in den aufgeregten Reden über die Kälte und das Nachheizen zunehmend aus dem Blick.

„Der Markt hat versagt, also muss der Staat ran – und zwar zu 100 Prozent!“, sagt der Experte vor der schwarzen Tafel mit den Börsenkursen in herrischem Ton. Es geht um die „toxischen Papiere“, die als verbriefte Kredite angeblich tausende Milliarden wert waren, die jetzt aber keiner mehr haben will. Was niemand kauft, ist auf dem Markt nichts mehr wert und muss (bzw. müsste?) in den Bilanzen der Banken abgeschrieben werden. Was eben noch als Vermögen galt, schwindet dahin wie Eis in der Sonne und treibt die Banken in die Pleite, denn es zehrt ihr gesetzlich vorgeschriebenes Eigenkapital auf. Klar, dass sie keine Kredite mehr vergeben, bzw. an allen Ecken und Enden versuchen, ihr Risiko zu vermindern – zu Lasten der Unternehmen, die von ihren Krediten abhängen.

In einer Wirtschaft, in der es als normal und zweckmäßig gilt, sämtliche Investitionen (und oft auch Teile des laufenden Geschäfts) mit Krediten zu finanzieren, ist das das AUS: täglich hören wir von bekannten Firmen, die Insolvenz anmelden müssen und nur noch darauf hoffen, im Insolvenzverfahren die „gesunden Unternehmensteile“ zu retten. Sprich: ihnen sind die laufenden Kredite gekündigt worden oder sie bekommen nur noch Kredit, wenn sie deutlich mehr dafür zahlen. Auf einmal rechnen sich die Geschäfte nicht mehr, die bisher so selbstverständlich Schulden-finanziert werden konnten.

Die Banken selber befinden sich vermutlich länger schon im Stadium der Konkursverschleppung. Man schickt ihnen aber nicht etwa den Staatsanwalt, denn der Staat kann ja nicht wünschen, dass die Banken wirklich pleite gehen: dann nämlich bräche ein Chaos aus, das sich keiner vorstellen mag.

Der Staat soll also alle „toxischen Papiere“ übernehmen – selbstverständlich nicht zum aktuellen Null-Wert. Tausende Milliarden, garantiert durch den Steuerzahler: so sieht der einzige Weg aus, der aus Sicht der Banker und Experten den Crash des Finanzsystems vermeidet. Und während täglich Firmen in die Insolvenz rutschen und neue Entlassungen angekündigt werden, fordern die Banker vorläufig „geretteter“ Banken noch immer Boni in dreistelligen Millionenbeträgen ein und leisten sich neue, noch ein wenig teurere Dienstwagen. (Wo ist bloß mein Kotz-Eimer?)

Das ungelöste Finanzproblem erscheint mir zunehmend als ein KOAN des Kapitalismus, da es system-immanent unlösbar erscheint. „Ein Koan ist ein Zen-Rätsel, dessen Lösung zur unmittelbaren Erfahrung der Erleuchtung führt, weil die Grenzen des logischen Denkens durchbrochen werden müssen. Diese Zen-Technik ist bereits Jahrhunderte lang erprobt und bewährt, erfordert jedoch absolutes Loslassenkönnen von herkömmlichen Denkstrukturen, was meist nur unter großem psychischen Einsatz gelingt.“ (irene drela)

Es sieht nicht so aus, als könnte die uneinige Welt so ein Überschreiten herkömmlicher Denkstrukturen in Sachen Finanzsystem hinbekommen. Also werden wir erleben, wie der Karren immer weiter in den Dreck gefahren wird. Sollte ich mich irren, wär mir das eine Freude!

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Diskussion

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7 Kommentare zu „Finanzkrise ungelöst: Das KOAN des Kapitalismus“.

  1. Manchmal freut man sich, wenn man falsch liegt!
    Das in Deinem Artikel Geschilderte trifft den Kern, vor allem der Ruf nach dem Staat, wenn der Markt versagt. Der Markt hat allerdings viel früher versagt – nämlich schon zu der Zeit, als die jetzigen Schreier nach dem Staat die exorbitanten Gewinne eingefahren haben. Da habe ich nichts gehört, vom Marktversagen.
    Die jetzige Krise bringt ja auch eine Chance mit sich (was ja auch in der Blogosphäre ausreichend beschrieben ist). Wenn der Staat jetzt aber alles repariert (mit Mitteln, die in der Zukunft bezahlt werden müssen), dann ist die Chance wahrscheinlich vertan. Eigentlich müßte es richtig krachen, um die Chance zu nutzen. Aber das würde wieder nicht die eigentlichen Verursacher treffen.
    Aus meiner Sicht beruht die jetzige Finanzkrise nicht auf Marktversagen, sondern wurde durch kriminelle Machenschaften großen Stils verursacht. Und das soll jetzt mit staatlichen Mitteln geheilt werden.

  2. Ich hoffe, daß der Kommentar meines Vorredners zeitcollector nur entworfen wurde, um einen typischen Aspekt des aktuellen Krisenmanagements (nämlich den: hätte der Kaiser das nur früher gewußt, daß seine Leute solche Scheiße bauen, dann wäre die Monarchie nie über die Wupper gegangen) zu beleuchten.
    In der Biologie wie in der Kriminologie gilt der Grundsatz, daß kein Räuber die von ihm beraubte Population gefährdet. Auch das funny money hat zur Finanzierung wirtschaftlichen Handelns beigetragen. Nicht das Ausnutzen der Geldwirtschaft erstickt diese nunmehr, sondern die Macht ihrer Prinzipien – nämlich das , was einmal als Anarchie der Produktionsweise bezeichnet wurde.
    Der buchhalterischer Zeithorizont, der Bezug der Gewinnbewertung auf einen willkürlich verkürzten Zeitraum, blendet aus, was an möglichen anderen Kontrollwerten eine Geldwirtschaft stabiler gestalten könnte. Aber wäre dem nicht so, wäre es keine Geldwirtschaft mehr. Preise müssen ermittelbar sein, schnell und effizient, d.h. für den aktuellen Zweck genügend. In einem anderen Sinne ‚wahre‘ Preise (die Kosten des Wachstums, die um soziale Folgekosten erweiteren Kosten etwa der Kernkraft, der Autoindustrie usw.) sind keine effizienten Steuerparameter für aktuelles, schnelles wirtschaftliches Handeln, das qua Geld seine Entscheidungen findet.
     
    Auch gutwillige Manager (und die gibt es sicherlich, sogar in der Mehrzahl), oder  sozial verantwortungsvolle Kapitaleigner (welche ebenfalls die Mehrheit ausmachen dürften) können sich den Geld-Kalkülen nicht entziehen, wie immer sie sich auch wenden und winden. Wenn ich Schach spiele, darf ich mich nicht wundern, mit meinen Elfmeterkünsten nicht einmal ein Schäfermatt zuwege zu bringen.
     
    De facto ist in meinen Augen die kapitalistische Produktionsweise am Ende. Was nicht heißt, daß sie nicht noch lange existiert. Eine Hoffnung besteht nur darin, daß entweder es bald keiner Produktionsweise mehr bedarf (da es keine nennenswerten  Menschengruppen mehr auf der Erde gibt) oder daß Steuerungsszenarien für Ressourcenverwendung bei knappen Ressourcen (zu denen sowohl Zeit wie auch disponible Masse gehören) entwickelt werden, die ohne den eher primitiven Glauben an die Selbstregulierung mikrosokopisch vereinzelter, in sich dummer Vorgänge auskommen. Schwarmintelligenz ist da so eine der schönen Hoffnungsblasen  des Nicht-Denkens, wie es vor einiger Zeit die neuronalen Netze und die wunderbare Fuzzy Logik und die Katastrophen- oder Chaostheorie (weiß noch eine(r) genau, was das alles war?) darstellten. Der Markt (also eine Steuerung global lebenswichtiger Verteilungs- und Produktionsvorgänge auf der Grundlage von Wissen, das so eben für den atomischen Tauschakt genügt und nicht für viel mehr) platzt gerade.

  3. Guter Beitrag. Ich schaue mir (nur eins von tausenden Beispielen) einen 52-jährigen Ingenieur einer dieser Insolvenzfirmen an. Nach den wenigen Monaten Arbeitslosengeld und keiner neuen Arbeit im Osten dieser Republik geht er für 500,– Euro im Monat als Vollzeitjob arbeiten, womit er versucht, sein Häuschen, an dem er 15 jahre lang mit großer Hingabe als Altersitz gewerkelt hat, zu retten. 
    Wer sich umsieht und richtig hinschaut: Soviel kann man doch garnicht verdrängen oder hoffnungsvoll klug schönreden, dass unsere System nicht kollabieren werden.
    Nun weil man etwas nicht für möglich hält, ist es nicht unmöglich.

    Keiner, der dem momentanen Reparaturbetrieb zuschaut, spürt wirklich in sich, dass es Ansätze für eine wirkliche und anhaltende Genesung gibt. Fast alle fragen sich besorgt, ob das gut geht. Das sind nur Gedanken zum heute. Und die Diskussion kommt auf, was wir den Kindern hinterlassen und die ersten stehen auch schon deshalb protestierend auf der Strasse. Sie sollen die Zeche zahlen, die sie nicht zu verantworten haben. Sind das Strömungen zu einem harmonischen Gesellschaftsgefüge?

    Die Frage ist nicht, ob das System kollabiert, sondern: Wann

  4. an dem ganzen Finanzdesaster interessiert mich
    im Grunde nur:
    welcher Einzelbetrag aus welchem Geschäft ist im Detail
    nicht bezahlt/ausgeglichen worden.
    Was wurde für welche Arbeit/Dienstleistung/Vertragsverhältnis
    vereinbart und was genau wurde dafür nicht getan?
    wie kommen durch die vielen geplatzzten Geschäfte
    im Detail genau die zig Milliarden Verluste zusammen,
    wer hat an diesen Verlusten verdient?
    (wenn eine Leistung nicht bezahlt wird, ist der Leistungsempfänger
    um den Kaufpreis der Leistung reicher (zumindest ist das im realen Geschäfftsleben so): d.h.: er/sie hat das eigene Vermögen verdoppelt.
    wenn diese richtig einfachen Fragen von den notleidenden Banken
    und Gesellschaften im Detail mit Belegen öffentlich in allen Details nachgewiesen werden,
    dann könnte man sich als Gemeinwesen mit sozialer Verantwortung
    daran machen, die unbeglichenen Rechnungen zum Wohle aller Beteiligten zu regeln. aber nur dann. vorher sollen SIE doch alle zur Hölle fahren.
    ich glaube denen kein Wort bis zum belegten Beweis des Gegenteils.
    gruss
    i.m.
     

  5. […] Claudia Klinger befasste sich in ihrem Blog digital diary mit der Krise: „Finanzkrise ungelöst: Das KOAN des Kapitalismus“ – ihr schönes Zitat soll diesen Beitrag beschließen: Das ungelöste Finanzproblem erscheint […]

  6. […] Stichwort: Club Newsegotronic news:Was Blogger tun, lassen und erleben… zum Stichwort: CrashFinanzkrise ungelöst: Das KOAN des KapitalismusFlight 3407 Crash An Assassination Hit On 9/11 Widow?Satelliten-Crash: Rätselhafter […]

  7. @i.m.
    Das ist leicht erklärt.
    Die Banken haben ihnen anvertrautest Geld in der Regel NEUN Mal weitergeliehen, denn nur Kredite bringen Gewinne. Wenn nun von diesen 9malen nur drei (vermutlich waren es eher 4-5 male) einem spekulativen Zwecke dienten, so ist das Geld seit dem Platzen der Blase weg.
    Die Banken sind also gleich merfach pleite, darum nutzen all die Rettungspakete auch nichts. Das darf und will natürlich keiner der Verantwortlichen oder Politiker so klar benennen, weil uns sonst das wahre Ausmass des Bescheissens der letzten Jahre ans Licht käme.
    Ach ja, das System, wie es bis heute angelegt ist, muss so enden, weil diese Form von Wachstum immer eine Hyperbel ist.
    Dumm gelaufen ist diesmal bloss, dass kein Krieg früh genug die Spirale beendet hat.