Claudia am 18. April 2018 — 15 Kommentare

Wo bin ich? Lost in Cyberspace?

Erst seit wenigen Tagen bin ich in der Lage, meine „Verfallenheit“ ans Online-Sein staunend zu beobachten. „Staunend“ ist das richtige Wort, denn erst, wenn man aufhört, sich in irgend einer Weise zu disziplinieren, die Dinge moralisch, politisch, also kritisch zu reflektieren (WÄHREND sie stattfinden!), zeigt sich das Beobachtete unverstellt in all seinen Aspekten.

„Nicht disziplinieren“ ist nicht ganz richtig: Nach wie vor schaffe ich das Nötige, halte meine Termine, bearbeite die Behördenfront erfolgreich, wo sie etwas von mir will, habe keine Schulden, bin gefühlt nicht „im Stress“. Soviel Disziplin muss sein! Um das zu wissen und zu bringen bin ich alt genug.

Aber der große Rest! Die viele Zeit, die ich am PC verbringe, ohne dass ich müsste – trotz Garten. Ohne dass ich da irgend etwas mit Bezug zu meinen Brotjobs unternehme, aber eben auch ohne irgendwelche kreativen Eigenprojekte und Vorhaben voran zu treiben. Mir fehlt dazu die Konzentration, bzw. der Wille zur Konzentration. Wenn es sein muss, KANN ich mich konzentrieren – aber abseits des Not-Wendigen sehe ich offenbar keinen Grund, mich darum zu bemühen.

Die gewöhnlichen Assoziationen, die vermutlich kommen, wenn jemand das liest, treffen nicht zu. Ich bin kein „Facebook-Opfer“ (ich nutze das kaum) und auch nicht mehr jugendlich ehrgeizig genug, um auf Instagramm, Youtube oder sonstwo partout JEMAND sein zu wollen, „jemand Großartiges“, der durch irgendwelche tollen Leistungen und Errungenschaften auffällt und versucht, möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Been there, done that! (damals, in den 90gern, als das Internet noch richtig kuschelig war).

Nö, ich spreche vom ganz normalen Online-Alltag, der mir jetzt, nach 22 Jahren so langsam komisch vorkommt – eine hilfsweise Formulierung, weil ich noch keine Bewertung für meine derzeitigen Beobachtungen habe. Wie gesagt: ich staune!

Schon vor vielen Jahren hab‘ ich darüber gewitzelt, dass meine „Default-Einstellung“ das Sitzen vor dem PC-Monitor ist. Viele Jüngere erleben das heute als Gefesselt-Sein ans Smartphone, wo sich dieselbe Problematik etwas anders darstellt (stressiger, weniger komfortabel, entmündigter). Selbst fühle ich mich – oberflächlich betrachtet – als Herrin meiner Zeit, fast täglich etliche Stunden frei, zu tun, was mir grade einfällt, manchmal ganze Tage lang. Weder ist da ein Chef noch eine Peergroup, von der ich mich gestresst fühlen könnte. Ich fühle mich nahezu nie gestresst!

Und aus eben dieser Freiheit mache ich nichts, sondern versenke mich (sobald die Pflicht getan ist) in „mein Internet“. Da hat sich eine Routine eingestellt, die in etwa so aussieht: Google News, Rivva, meine Blogrolls, NetNewsExpress – und was mich aus den News dieser Aggregatoren innerlich anspricht, das tweete ich auf Twitter. Bzw. nicht GANZ alles, denn nicht allem, was ich so lese, wünsche ich größere Verbreitung!

In aller Regel begegne ich auf diesen routinierten Wegen durch das mediale Geschehen alsbald Themen, die mich berühren, erregen, zu Widerspruch reizen – oder auch dazu, eine Ergänzung in den Strom zu senden, die mir nützlich zu sein scheint. Sobald das der Fall ist, erlebe ich mich im Modus des Dienens: ich retweete, melde weiter, kommentiere, um dem aus meiner Lebenserfahrung SINNVOLLEN mehr Kraft zu verleihen, mehr Reichweite, mehr Chance auf Bemerktwerden.

Schönes Narrativ, nicht wahr? Doch neuerdings fällt mir zwischendurch immer öfter auf: Hey, ist das nicht ein ziemlich entlegenes Thema, in das du dich da grade vertiefst? Oder: was bringt es jetzt, dieser oder jener Person zu widersprechen? Sie wird ihre Meinung sowieso nicht ändern, ich werde sie nie kennenlernen, wir interessieren uns beide nicht füreinander – also was soll das?

Nach und nach erkenne ich, dass ich per Internet letztlich nur den kurzen Weg zu wohlfeilen Erregungszuständen suche – und ihn immer auch schnell finde! Nur bringt mich das nirgendwohin, sondern vor allem weg von einem sinnvollen, konzentrierten Schaffen. Dieses Verhalten, diese „Default-Einstellung“, diese Routine ist FAST eine Sucht. Aber nicht wirklich so stark und fesselnd wie eine richtige Drogensucht.

Eher so schleichend normal, ein übliches Verhalten in Zeiten der Alternativlosigkeit.

Und Ihr so?

Diskussion

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15 Kommentare zu „Wo bin ich? Lost in Cyberspace?“.

  1. Freilich ist es Sucht.
    Wieso anders benennen? Wem hilfst Du denn damit, es „differenzierter“ darzustellen?!

    Sucht an sich ist nicht verwerflich. Was Du tust, da kann man zig Parallelen finden: Den Bücherhorter, den Rundumfotografen, was auch immer.

    Du schreibst, Du machst nichts aus deinem Tag. Das kann durchaus sein, daß man es so auf den Nenner bringen kann. Du erschaffst keine „Produkte“. Du schreibst stattdessen Leuten (oder robots, who knows), die meist auch nicht antworten. Das ist objektiv wenig sinnvoll, aber aus meiner entfernten Sicht DOCH wieder sinnvoll: Denn du webst so Dein Leben.
    Du bist eine Weberin!
    Wenn Du den Artikel aber geschrieben haben solltest, um Dich zu ändern, DA was zu ändern, dann wird das so nicht dauerhaft gelingen. Mehr als 20 Jahre solchen Tuns gibt man nicht einfach dauerhaft auf. Da kenne ich keinen.

  2. Ich denke nicht im Traum daran, das „dauerhaft aufzugeben“. Wie gesagt, bin ich nur deshalb in der Lage, diese Prozesse zu sehen, weil ich eben NICHT auf Dos und Donts achte, sondern mich einfach (ohne Be- und Verurteilung) einlasse, wenn nichts Zwingendes dagegen spricht.
    Ich schreibe nicht „um zu“. Diesen Artikel hab ich auf Twitter mit dem Vorsatz „Ernsthaft gebloggt“ versehen, in der Hoffnung, mit Menschen in Dialog zu treten, denen es ähnlich geht. Noch bin ich weit davon entfernt, etwas ändern zu wollen – mich zwingt ja nichts, also kann ich in aller Ruhe meine Verfallenheiten beobachten. Ob man das nun „Sucht“ nennt, ist mir egal – meine Aussage, dass es nicht vergleichbar mit einer stofflichen Sucht ist, kommt aus eigener, ausschweifender Lebenserfahrung. Das dikutiert mir niemand so leicht weg.

    Das Thema hat viele philosophische Weiterungen – hoffentlich schaffe ich es, da weiter zu schreiben! Arbeitstitel für den nächsten Beitrag: „Warum ich nicht meditiere“.

  3. Kenne ich, auch die „Default-Einstellung“. Die Frage ist: wie sehen die Alternativen aus? Wenn du dazu bestimmt bist, Kunst zu schaffen, wird sie ohnehin aus dir herausbrechen und ihren Weg suchen. Alles andere ist Beschäftigung, und da ist eine so gut wie die andere. Solange du deshalb nicht notwendige Pflichten (z. B.: Kümmern um Familie oder Freunde, die deines Kümmerns bedürfen) vernachlässigst, ist es nicht wirklich ein Problem. Es gibt keine Pflicht, produktiv zu sein (vom Lebensunterhalt abgesehen).

  4. Ich antworte wegen der Sie-Form mal mit einem Tagebuchlink und weil ich meien Überlegungen bestimmt noch be/überarbeiten will & werde. Grüße aus dem heute sonnigen Leipzig nach Berlin.

  5. @Limone: tröstlicher Satz „Es gibt keine Pflicht, produktiv zu sein“! :-) Ich bin es wohl selbst, die an sich diese Erwartungen hat.

    @Markus: danke für den ausgiebigen Kommentar in deinem Blog – das mit der „Sie-Form“ verstehe ich gerade nicht. Ich sieze doch nicht…. ? :-)

  6. @Claudia, schmerzt es nicht, nicht produktiv zu sein?
    Daß Du Süchte kennst, weiß ich bereits. Ist mir vertraut, habe ich ja bei Dir gelesen.

  7. @Claudia Genauer: Im Tagebuch: 3. Person Singular (Claudia meint, schreibt, hinterfragt…). – Hier als Kommentar müßte ich 2. Person Singular/Plural nehmen. Für beide Varianten hatte ich gerade keine Zeit.

  8. @Gerhard: klar, sonst hätte ich diesen Jammer-Artikel nicht geschrieben! Aber manchmal ist es auch gut, sich über ein gefühltes Defizit trösten zu können: immerhin gibts keine Pflicht!

  9. In einem Interview sagte mal ein Schriftsteller, er habe sich schon immer vorstellen können, sein Leben an einem Schreibtisch zu verbringen. Ich glaube, es war in der Interviewsammlung „Schreiben und Leben“ von Christian Linder.

    Das hatte mir als Student schon damals eingeleuchtet. Das wollte ich auch. Gut, mir fielen keine Romane ein, an denen ich jeden Tag von from 9 to 5 hätte schreiben können. So wurde ich Übersetzer.

    Jetzt bin ich Rentner und schreibe weder Romane noch Übersetzungen. Doch einen wichtigen – sogar frei wählbaren – Teil des Tages am Computer zu verbringen scheint mir irgendwie normal. Jedenfalls für mich.

    Blogeinträge, E-Mails und Kommentare zu schreiben ist ja auch nichts Schlechtes. Es kommt halt immer noch drauf an, was drin steht und wie es quantitativ und qualitativ rezipiert wird.

  10. „..in der Hoffnung, mit Menschen in Dialog zu treten, denen es ähnlich geht.“
    Mir geht es „nicht ähnlich“ wie dir, liebe Claudia, mir geht es „genau so“ wie dir.

    Das, womit ich relativ locker dabei umgehen kann, ist:
    Die Summe aller Süchte bleibt gleich.

  11. @Menachem, ich weiß nicht, ob die Summe immer gleich bleibt, aber der Hang zum Irrationalen bleibt gleich, auch die Vorlieben bleiben meist gleich, sodass der Grund, dies alles zu erörtern, gleichsam obsolet wird.
    Siehst du das anders?

  12. Hallo Gerhard, das seh`ich ebenso, wie du es beschreibst. Mich dennoch ab und zu selbst zu betrachten, wenn das überhaupt geht, ob eine Vorliebe nicht einen zu übermächtigen Stellenwert in Anspruch zu nehmen droht, empfinde ich als positiv. Dabei kann es für mich richtig interessant werden, wenn ich nach den tiefer liegenden Auslöser zu forschen beginne. Allerdings muss ich auch sagen, dass diese Reisen zuletzt immer weniger werden, und wenn, auch nicht mehr so intensiv sind.
    Und auch meine Reisen in die Welt der blogs werden immer seltener. Deshalb, sorry, dass ich erst heute antworte. Liebe Grüße sende ich dir.

  13. […] Titel ist nur deshalb englisch, weil er auf den vorherigen „Lost in cyberspace?“ anspielt. Denn seit dieser Klage über das Festkleben am Monitor hat mich der Garten im […]

  14. @Menachem, „ob eine Vorliebe nicht einen zu übermächtigen Stellenwert in Anspruch zu nehmen droht“: well said.

  15. https://www.youtube.com/playlist?list=PLNwq9CMuOUoKjpeVB3C5l85kITkz5Sate

    hallo Ihrs,
    wenn mir die Decke auf den Kopp fällt (:))
    hör ich mir die kleinen meisterwerke von tom
    an; dann gehts wieder ne zeitlang:)

    gruss auch an claudia (thx tel:)

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