Claudia am 03. Oktober 2014 — 18 Kommentare

Der Sinn des Lebens nach Gregor Eisenhauer

Gestern blieb ich kurz beim RBB hängen geblieben. In der Sendung „Stilbruch“ kam der Philosoph Gregor Eisenhauer zu Wort, der seit 10 Jahren für den Tagesspiegel Nachrufe auf Berlinerinnen und Berliner schreibt. Kein Wunder, dass man so recht nahe an der Sinnfrage lebt. Eisenhauer hat nun ein Buch mit dem schönen Titel „Die zehn wichtigsten Fragen des Lebens in aller Kürze beantwortet“ geschrieben. Es fällt auf, dass dieser Titel mit dem Hinweis “ in aller Kürze“ dem Zeitgeist weit entgegen kommt: Sich allzu ausführlich mit Sinnfragen zu beschäftigen, scheint unzumutbar, da baut man (= der Verlag?) lieber vor. :-)

Nun aber zu Eisenhauers wesentlichen Gedanken – z.B. diesem hier:

„Erfüllt ist das Leben dann, wenn du drüber nachdenken kannst und gutheißt, was du getan hast. Das muss die Reihenfolge sein, erst drüber nachdenken, was du getan hast und dann es gutheißen. Und nicht sagen, toll, was ich tue, und dann, bevor ich sterbe, denke ich mal drüber nach!“

Man mag sich fragen, warum es nicht reichen soll, einfach toll zu finden, was man tut. Kann ein Leben „unerfüllt“ sein, wenn jemand mehrheitlich alles „toll fand“ was er oder sie im Leben so geleistet, unternommen oder unterlassen hat?

Nehmen wir z.B. einen Tech-Blogger, der Jahr um Jahr in Vollzeit und darüber hinaus über technische Gadgets bloggt (die bald wieder uncool sind). Einen, der das ganz toll findet und sogar seinen Lebensunterhalt damit verdient. Wird er plötzlich aus dem aktiven Leben gerissen, z.B. durch einen Unfall, könnten ihm durchaus Gedanken kommen wie: Soll das ALLES gewesen sein? Hab ich nicht eine Menge „richtiges Leben“ verpasst? War da nicht noch was, außerhalb der Gadget-Welt?

Am Beispiel wird deutlich, wann und warum sich solche Fragen stellen. Eisenhauer formuliert es so:

„Wir stellen uns nicht wirklich der Tatsache, dass wir irgendwann nicht mehr sind, weil das ist so kränkend, das ist für uns, die wir so verwöhnt sind vom Leben, eine so einschneidende Tatsache, dass wir irgendwann nicht mehr da sind, dass wir das weit weit von uns schieben. Bis zu dem Tag, an dem es zu spät ist.“

Zu spät für was? Er meint vermutlich, um noch einen Ausgleich zu schaffen, um Dinge nachzuholen, die man vernachlässigt hat, ungelebte Möglichkeiten, die man im falschen Bewusstsein endloser Lebenszeit immer auf morgen oder „vielleicht nächstes Jahr“ verschoben hat. Am Lebensende muss es dann ziemlich frustrierend sein, zu erkennen, dass man sich die ganze Zeit mit Nichtigkeiten beschäftigt hat, die angesichts des Endes keinen echten Wert haben.

Was aber hat diesen echten Wert, jenseits des bloßen „hat Spass gemacht“ ?

Eben darüber sollen wir nachdenken. Aber schauen wir mal ans andere Ende dieses Anspruchdenkens: Das Leben wird so gesehen leicht zum Projekt. Neben den Alltagsanforderungen tritt das Bemühen um Ausgewogenheit: Work-Life-Balance, Beziehung, Freundschaften, Familie, bürgerschaftliches Engagement, Weiterbildung / Horizonterweiterung, Reisen, ausgleichende Hobbys, Sport, „Arbeit“ an der Gesundheit – und Muße muss ja auch noch irgendwo dazwischen passen!

Schon weil man ja nicht weiß, wann das Ende kommt, ist so eine auf die finale Bilanz ausgerichtete Lebensplanung kaum realistisch. Im Denken an die eigene Endlichkeit kommt etwas zutiefst Widersprüchliches zu Bewusstsein. Es ist unmöglich, das Leben „vom Ende her“ zu leben, denn kaum etwas hätte angesichts dessen wirklich Bestand. Selbst jemand, der sein ganzes Leben dem Helfen und Welt verbessern verschrieben hat, würde sich fragen müssen: Versäume ich nicht eine Menge? Wer bin ich, mal abgesehen von meinem sozialen Engagement?

Leben im Blick aufs Ende?

Ab und an die Sinnfrage zu stellen, ist dennoch nicht überflüssig – wir können nur nicht in ihr verweilen. Die bekannte Weisung „Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter“ ist eine unmögliche Forderung, denn menschliches Leben findet in Erinnerung einer Vergangenheit und in Erwartung einer Zukunft statt. „Ganz im Hier und Jetzt“ passt gut für eine Liebesnacht, für die Sauna und die Meditation aufs Fliegengesumm im Liegestuhl – aber nicht für alles andere, was wir so im Leben unternehmen, arbeiten, vorhaben und umsetzen.

Letztendlich kommt auch Eisenhauer zu einer Antwort auf die Sinnfrage, die man angesichts seiner anderen Statements nicht erwarten würde:

„Die Sinnfrage stellen sich meist nur Leute, die das Leben vor sich haben, wo das Lebensfülle so groß ist, dass man gar nicht ahnt, was man mit der ganzen Lebensfülle machen soll. Wenn sich die Lebensfülle eindampft auf nur noch wenige Tage oder Wochen, dann ist die Antwort eindeutig die: Lass mich noch einen Tag, eine Stunde hier sein. Das ist der Sinn des Lebens: Da sein.“

Wer lebt? Wer stirbt?

Darüber, dass dieses Dasein endlich ist, trösten sich die Menschen auf unterschiedliche Weise. Religionen versprechen die Weiterexistenz in einem „Jenseits“, viele glauben an eine Wiedergeburt und unendlich viele Leben. Mir ist beides nicht möglich, also musste ich etwas Anderes finden: Die Ent-Identifizierung mit diesem besonderen sterblichen Ich. Kommen mir solche Gedanken, halte ich dagegen: Dass da ein „Ich“ sei, ist sowieso nur eine praktische Illusion fürs alltägliche Leben. In Wahrheit ist nirgends ein substanzielles ICH, keine wandernde Seele, nichts dergleichen. Wenn überhaupt ETWAS ist, dann ist es ALLES – und so bin ich wie ein Blatt am Baum, eines von Milliarden. Was „ich“ nicht erlebe, erleben Andere – alles selber haben/erleben zu wollen, ist auch nur eine Form von Gier. Also etwas zum Abgewöhnen!

Mal schauen, ob dieser Trost bis an mein persönliches Ende reicht. :-)

Die zehn wichtigsten Fragen des Lebens in aller Kürze beantwortet
Von Gregor Eisenhauer
254 Seiten, gebunden
Verlag: Dumont

***

Diskussion

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18 Kommentare zu „Der Sinn des Lebens nach Gregor Eisenhauer“.

  1. Mal wieder einfach nur am Tisch sitzen und Kartoffeln schälen…
    Danke für die kleine feine Buchvorstellung!

  2. Der Sinn des Lebens ist es zu leben, also da zu sein, wie es Eisenhauer ganz richtig sagt. Aber welchen Sinn hat dieser Sinn? Worin liegt der Wert des Daseins?

    Für mich ist das Dasein ein Vehikel, das uns überhaupt erst einmal die Möglichkeit gibt Sinn zu suchen und zu erkennen. Das Dasein selbst hat weder einen Sinn, noch eine Aufgabe. Es ist einfach nur da und wäre es das nicht, passierte auch nichts.
    Was also ist der Sinn des Sinns? Für mich ganz klar der Genuss. Der Genuss von allem was mir Spaß macht, mir Freude bringt und mich wachsen lässt.

    Ob ich damit jetzt erfolgreich bin oder „nur“ mein Ding mache, ob ich anderen Freude mache oder mich nur für mich selbst freue, ob ich Drogen nehme oder den klaren Kopf vorziehe, ob ich die Welt mit lachenden oder weinenden Augen betrachte – das alles ist nur eine Frage der persönlichen Präferenzen, Prägungen und den darauf aufbauenden Weltsichten.

    „…und so bin ich wie ein Blatt am Baum, eines von Milliarden.“

    Genau so ist es. Ich bin damit zufrieden allein an meinem Stil zu hängen, der aus einem Ast kommt, an dem noch andere Stile mit Blättern hängen und sich dieser Ast mit anderen Ästen verästelt und sich so zu einem Stamm vereinen, der in der Erde steht die auf einem Kontinent liegt, der auf einem Planeten schwimmt, welcher um eine Sonne kreist, die in der Milchstraße liegt, welche im Universum schwebt.

    Dieser unwahrscheinliche Zufall – und mehr ist es nicht – gibt mir den Sinn, mein Dasein zu genießen. Denn ein Leben ohne Genuss ist ein verschwendetes Leben. Also ist der Sinn des Daseins das Dasein zu genießen. Nur darum geht es und um nichts anderes.

    Und wenn jetzt jemand sagt, das war der wohl sinnloseste Kommentar seit langem auf Claudias Blog, dann sage ich nein, das war er nicht. Warum? Weil mein Dasein es mir ermöglicht hat, ihn zu schreiben. Und die Auseinandersetzung mit dem Thema ein Genuss für mich war. ;o)

  3. Hmmmm…. und all die sozialen und politischen Engagement? Die macht doch niemand des GENUSSES wegen! (Womit ich dir unterstelle, dass dir derlei nicht fremd ist, trotz der eigenwilligen Sinn-Definition).

    Rein genießerische Aktivitäten (gutes Essen, Sauna, Wellness, Natur genießen etc.) vermitteln mir nicht unbedingt große Sinn-Empfindungen. Die erlebe ich eher, wenn ich Schwierigkeiten meistere, aus einem Tief wieder heraus komme und etwas gelernt habe, wenn ich anderen helfe (und sei es nur, zu deren „Genuss“ beizutragen) oder wenn mich aus vermeintlichen Abhängigkeiten (Gewohnheiten, Süchte etc.) befreien konnte.

    ???

  4. Liebe Claudia,

    ich muss jetzt leider zur Spätschicht, aber Du bekommst auf jeden Fall eine Antwort. Heute Abend oder morgen Früh, je nachdem, wie müde der Geist ist. ;o)

    Hab ein schönes Wochenende!

    Olaf

  5. Es wird ja manchmal gesagt, der Sinn des Lebens wäre, sich bewusst zu werden, „wer“ man ist. Insofern wäre man da ja schon erheblich weiter, wenn man sagen und spüren kann, daß das Ich eine Illusion ist. Wenn dem so ist, was bliebe dann noch an Sinnfrage übrig?

  6. @Gerhard: die Nicht-Existenz von etwas kann man nicht spüren. Gespürt wird immer nur das, was über Sinnesorgane vermittelt bzw. als Gedanke wahrgenommen wird. Das ist jedoch bei genauerer Betrachtung nicht „ich“, sondern der Körper, die Gefühle und eben die spontan von irgendwo „einfallenden“ Gedanken. Phänomene, nicht grundsätzlich unterschieden von jenen der sog. „äußeren Welt“.

    Die „Sinnfrage“ als Frage nach einem Absoluten stelle ich mir nicht (mehr). Wohl aber ist sie mir – wenn sie mal wieder von jemandem angesprochen wird – ein Anstoß, einen Schritt zurück zu treten und mich zu fragen: ist alles gut so wie es läuft? Oder sollte etwas korrigiert werden?

    Wenn ich mit der Hand an eine heiße Platte fasse, muss ich nicht extra innehalten und nachdenken, ob etwas falsch läuft. Der Körper reagiert unmittelbar, zum Glück.

    Überall da, wo ich mehr selbst (?) bzw. bewusst mit-entscheide, ist es nicht so einfach. Z.B. kann mir eine bestimmte Arbeit „an sich“ gut gefallen, was dazu führen kann, dass ich mehr und mehr davon annehme und lange nicht bemerke, dass es zuviel ist, dass schon meine Lebensqualität darunter leidet.
    Oder ich widme mich fortwährend dringlichen und nahe liegenden Dingen, komme aber nicht mehr zu anderen, die als Beitrag zur Weltverbesserung sowohl Freude als auch Sinn machen würden.

    Genau wie es meinen Körper gibt, der vor der Herdplatte wegzuckt, so gibt es auch meine Gefühle, meine Erfahrungen, meine Meinungen, Haltungen und Potenziale. Dass all das auf je anderer Ebene keine „Herdplatte berührt“, dabei hilft gelegentliches Nachsinnen über den Sinn (dessen, was und wie man lebt) bzw. besser: die Richtigkeit.

  7. Ja, was Du beschreibst, ist ja mehr das Pragmatische. Die fortwährende Selbtbeobachtung und auch Korrektur des Handelns, so als müsste man, überspitzt gesagt, eine Maschine so behandeln, damit sie ihr Bestes gibt. Die Maschine soll nicht überlastet sein, sich freuen können, möglichst vielen Aspekten des Menschseins sich zuwenden können und dergleichen.
    Das nennt man u.a. auch Psychohygiene.
    Sicher ist es wichtig, „sich richtig zu verwalten“, aber dem Philosophen ging es doch m.E. um den höheren Sinn unserer Existenz? Was bleibt, wenn ich mich tagtäglich umwendig versorgt und gepflegt habe?

  8. Ich hatte befürchtet, dass das auf „Selbstpflege“ reduziert wird, meinte es aber nicht so. Auch Engagement für Andere (persönlich, politisch, sozial) zählt zum „pragmatischen Sorgen“ um Ausgleich, bzw. in deinen Worten „Pflege der Maschine“.

    Dies einbeziehend ist die Antwort auf:

    „Was bleibt, wenn ich mich tagtäglich umwendig versorgt und gepflegt habe?“

    Nichts weiter. Was sollte da auch sein? Ich sehe auch nicht, dass Eisenhauer einen „höheren“ Sinn postuliert, denn er verweist ja auf das erfüllte Leben als eines, zu dem man sagen kann: Was ich getan habe, war im Großen und Ganzen gut so.

    Siehst denn Du noch irgend etwas Anderes?

    ***

    Ich hatte den Link zur Quelle beim RBB (inkl. Video) vergessen und jetzt nachgetragen:

    http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/20141002_2215/Die-zehn-wichtigsten-Fragen-des-Lebens.html

    .

  9. Wie Du selbst schreibst, hast Du Sinn-Empfindungen wenn Du Schwierigkeiten meisterst, ein Tief überwindest oder anderen hilfst. Letzteres ist doch soziales Engagement. Du empfindest Freude wenn Deine großen und kleinen Projekte, egal ob für Dich selbst oder andere, gelingen. Und Freude ist Genuss, oder?

    Gerade auch Politikern unterstelle ich Genuss ob ihrer Tätigkeiten. Sie genießen es im Mittelpunkt zu stehen, sich selbst darzustellen und von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Besonders schlimm ist es, wenn Politiker Macht haben – dann kann der Genuss schnell in Sucht umschlagen. Horst Seehofer ist da für mich ein Paradebeispiel.

    Mir macht es Freude mit anderen Menschen zu arbeiten. Ganz bewusst habe ich mir eine Arbeit in einem Wohnheim für schwer Gehandicapte gesucht, denen ich bei ihren täglichen Herausforderungen helfe. Es macht mir Freude wenn sie mich fragen ob ich sie ins Bett bringe, ihnen beim Essen helfe oder einen Spaziergang mit ihnen mache. Es macht mir Freude ihnen zu ermöglichen über sich selbst zu bestimmen, in dem ich mich zu ihrem Werkzeug mache. Da kommt viel zurück und ich genieße es, von diesen Menschen – ehrlich – gemocht zu werden.

    Genauso genieße ich es aber wenn ich nach Hause komme und meine Ruhe habe. Auch hier habe ich ganz bewusst die Entscheidung getroffen, weit ab vom Schuss ein Haus zu kaufen, mitten im Grünen und mit Nachbarn nur auf Sicht- und nicht Hörweite. Die Kraft, die mich meine Arbeit mit und unter Menschen kostet, tanke ich hier mit einem gewissen Maß eremitischen Daseins wieder auf.

    Generell versuche ich allen meinen Tätigkeiten einen Stückchen Freude abzuringen. Sogar dann, wenn die Freude zunächst so gar nicht sichtbar ist. Beim Aufräumen zum Beispiel. Es gibt wahrlich schönere Dinge für mich als aufzuräumen. Aber ich freue mich und genieße es, wenn alles an seinem Platz ist, kein Staub auf den Möbeln liegt und die Wollmäuse im Haus das Zeitliche gesegnet haben. Daran erinnere ich mich, bevor ich den Staubsauger in die Hand nehme, meine Hemden bügele oder den Abwasch mache. Da kommt die Freude schon während des Tuns und der Genuss nach getaner Arbeit ist mir gewiss.

    Vielleicht ist das was ich meine die Balance zwischen können und wollen und müssen und dürfen. Ich kann nicht genauer erklären wie ich diese Balance finde – ich mache einfach und sie ist da. Ich bin weder reich, noch bin ich arm. Ich bin zufrieden. Ich bin weder krank, noch bin ich trainiert oder superfit. Ich fühl mich wohl. Ich erfreue mich an den kleinen Dingen und lasse es sein, nach den Großen zu streben. Ich muss nicht Nr. 1 oder Hahn im Korb sein, ich bin einfach da und genieße es, dass mich die Lotterie des Lebens in eine Gegend gewürfelt hat, in der keine Bomben fallen, kein Hunger gelitten wird und es Regeln für den Umgang untereinander gibt, die weitestgehend eingehalten werden.

    Ich denke es ist ein Fehler immer nach dem Perfekten zu suchen und seine Lebenskraft darin zu verschwenden es zu erreichen. Weil es das Perfekte nicht gibt. Oder anders gesagt: Es ist schon da und der Fehler ist, es noch perfekter machen zu wollen als es schon ist. Das nimmt uns die Freude, das verhindert den Genuss.

    Kannst Du, wenigstens ein bisschen verstehen, was ich meine?

    Hab einen schönen Sonntag!

    Olaf

  10. [..] Es ist unmöglich, das Leben “vom Ende her” zu leben

    claudia,

    doch, das kann und vor allem sollte man das „in unserem alter“ und – vielleicht hattest du ja nicht die dramatische erfahrung, die ich letztes jahr gemacht hatte. wenn uns das leben daran erinnert, daß es eben nicht endlos ist.

    montaigne, mein leib & magen philosoph, meint „das ziel unseres lebenslaufs ist der tod. auf ihn müssen wir unser augenmerk notwenigerweise richten“.

    deshalb bin ich gerade „ganz im hier und jetzt“, auch wenn du das da oben als so einen von diesen „kalendersprüchen“ (um nochmal ödön von hörvath und sein „das sind doch bloß alles so kalendersprüch'“ aus den „geschichten aus dem wienerwald“ zu bemühen) beäugst – aber genau so – nennen wir es einfach „achtsamkeit“ – scheint es mir zzt. am besten zu sein: wissend, daß jeder tag der erste vom rest meine slebens ist, schärfe ich meine sinne für das jetzt, wo ich vorher gerne auf das gestern geguckt habe.

    „der sinn des lebens“ da ist je nach verfasstheit, die vrstellung, es gäbe so etwas wie ein allgemeingültiges regelwerk oder pflichtenheft, die es abzuarbeiten gäbe („einen baum pflanzen, ein kind zeugen …“ etc) nur, as macht man, wenn man das pflichtenheft abgearbeitet hat?

    für mich ist er, genau das zu tun, was man tut. punkt. egal, was andere sagen, egal, was die religion, die gesellschaft, die sozialisierung sagen und sich einen deut darum zu kümmern, was irgendwer oder irgendwas von einem erwartet. den zweifel, das annölen der anderen beiseite schieben und sagen: „hey, ist _mein_ leben. kümmert euch mal besser um eures, da habt ihr genug mit zu tun.“

    that’s where i stand. hier und jetzt. im gespräch über die „teemenschen“ nis morgens um halb sieben versunken, als gäbe es kein morgen, egal was gestern war.

    glücklich ;-)

  11. @Olaf: danke für diese umfangreiche Erläuterung! Also ich würde da nicht „Genuss“ als Überschrift bzw. Zentralbegriff wählen, sondern eher FREUDE. Denn nicht alles, was Freude macht, ist auch ein Genuss – und Genuss ist im allgemeinen Verständnis eher etwas selbstzentriertes („weil ich es mir wert bin“ etc.), wogegen FREUDE viel mehr Möglichkeiten einschließt.

    „die Balance zwischen können und wollen und müssen und dürfen“

    das ist eine schöne Fomulierung! Um deine Freude bei haushälterischem Tun beneide ich dich fast ein bisschen.. :-) Ich WEISS auch, dass das geht – genauso wie ich WEISS, dass ich mich nach 5 Minuten gut fühlen würde, wenn ich jetzt eine Yoga-Pause machen würde – aber das UMSCHALTEN in die ganz andere Tätigkeit ist dann doch ein seltsam großer Schritt, den ich oft genug lieber lasse. Leider – aber ich geissle mich nun auch nicht deswegen… :-)

    Den Perfektionismus hinter sich lassen ist m.E. ungemein wichtig für die innere Balance. Wobei diese Balance nicht in jedem Lebensalter ein hoher Wert ist bzw. sein sollte. Sie wird erst nötig, wenn die Kräfte zu schwinden beginnen… was ja schon um die 40 spürbar wird.

  12. ich nehme es mal als „blogstöckchen“ und spiele einen song.

  13. @hardy: wir haben da keinen Dissenz! Es ist nur so, dass ich genau mit diesen Inhalten, die du so schön darstellst, selber gefühlte Jahrzehnte hausieren gegangen bin – erst nur in der Theorie, später dann als ernst gemeinte Haltung.

    Sobald dann aber die Begeisterung über diese „andere Sicht der Dinge“ der mentalen Routine gewichen ist, schaute ich auch wieder distanzierter auf absolute Aussagen, die gern „Kalenderspruchmäßig“ daher kommen und ihre Wahrheit haben, aber im richtigen Leben allzu ernst genommen zu Absurditäten führen würden.

    Beispiel aus der wilden Jugendzeit: Ich erlebte eine neue glückliche Liebe, erste Phase voller Begehren, Schmetterlinge im Bauch und – ja wirklich – eine fast schmerzhafte Geilheit aufeinander. Ich hatte zwar eine eigene Wohnung, also Gelegenheit war da, ABER es war die falsche Zeit, so verhütungstechnisch gesehen (Pillenpause, Romantik-tötendes Hantieren mit Präservativ undenkbar…).

    Beide waren wir philosophisch drauf, ich war begeistert, was ich mit ihm alles debattieren konnte! Grade waren wir also beim Renovieren meiner Wohnung, strichen die Wände, machten ab und an Pause, um ein bisschen übereinander herzufallen… (und immer wieder dieser Frust!).

    In einer ruhigen Zigarettenpause schaute er mich glücklich an und sagte: „Wenn jetzt morgen die Welt unterginge, was würden wir tun?“
    Er wartete die Antwort nicht ab, sondern fuhr philosophisch korrekt fort: „…dann würden wir genau das tun, was wir gerade tun – und hier einfach weiter die Wände streichen“.

    WIE BITTE?

    Ja, ich kannte das Mem, kannte damals auch noch die Verfasser, hatte es selbst schon genutzt – und doch war es in unserer Situation des schmerzlich zugunsten der Zukunft geübten Lustverzichts eben einfach lächerlich! :-)

    Was er auch sofort einsah und gar nicht böse war, als ich ihm sagte, was ich jetzt weit lieber mit ihm tun würde, wenn morgen die Welt unterginge.)

    *

    Tja, Hardy verführt zum Plaudern.. :-)

  14. claudia,

    ich hätte dir die selbe antwort gegeben und finde sie nicht lächerlich. im gegenteil, sie ist für mich aus gleich mehreren _erfahrungen_ heraus ein _erfahrungswert_.

    ich habe noch vor kurzem genau diese situation bei klaus als kommentar gepostet, als ich haargenau das tat, anstreichen, und mir diese ukrainenummer in ein heikles stadium getreten zu sein schien. ich habe dort nur bemerkt: „hey, ie sollen mal bloß keinen mist bauen, ich bin hier am streichen und … wenn sie es täten, würde ich weiterstreichen“. weltuntergänge sind teil meiner lsd-erfahrungen, die ich nicht als bad trips beschreiben würde, definitiv nicht.

    natürlich kannst du – wahrscheinlich zurecht – auf instinktverhalten „plädieren“ und dir vorstellen, daß wir wie panische hühner über den hof laufen würden, aber … naja, ich denke, ich würde weiterstreichen.

    so wie ich letztes jahr nach dem (temporären) teilausfall meiner sprach und bewegungsfähigkeiten die schnitzel zuende gebraten und mich dann ins krankenhaus hab‘ bringen lassen ;-)

    sorry, das ist für mich kein kalenderspruch, es ist ein erfahrungswert

    ich würde weiterstreichen, aus purem trotz ;-)

    graadseläätz … (saarlönder sind so)

    [..] zugunsten der Zukunft geübten Lustverzichts

    och nööö. ;-)

    ich bin ja nun „gesetzten alters“ (hihi) und das gehört gerade überhaupt nicht zu den dingen, die mich in irgendeiner art treiben.

    ich sitze da zeitweilig dem so ziemlich entzückendsten wesen, das ich mir ausmalen könnte, gegenüber und betrachte es wie eine dieser blumengestecke, die sie mir in einem schönen buch gezeigt hat, in dem für jeden tag im jahr ein solches gesteck abgebildet ist. irgendwas chemisches oder hormonelles würde mir den genuss vergällen, und wenn zwischendrin die welt untergehen würde, who cares?

    ich hab’s ja bei mir zuhause gesagt: sinn ist immer das, was wir egal wo hineinlegen und … gesetzt dem fall im nächsten moment alles was ist aufhören würde, was für einen sinn würde es „machen“, wenn wir dann noch irgendetwas bedauern würden?

    gar keinen. und deshalb: fest den farbpinsel in die hand und die wirklichkeit gestalten, finde ich gar nicht so lächerlich oder „kalendersprüchig“. in den mittleren 80ern ein kind zu kriegen, rundherum raketen, die in 7 minuten beim „feind“ einschlagen, ist doch auch so was wie dieses anstreichen, ein – ich weiss, er meint es ganz anders, als ich es damals verstehen wollte – „apfelbäumchen pflanzen“.

    wie gesagt: erfahrungswert und kein kalenderspruch.

    [..] wir haben da keinen Dissenz!

    das kann ich mir auch nicht vorstellen, es ist wahrscheinlich eher, daß wir bestimmte dinge einfach unterschiedlich betonen, weil der ausgangspunt ein anderer ist. ich komme gerade halt aus einer eher als „laut“ empfundenen welt und bin in eine eher stille eingetaucht, ich rede weniger über poltik, technik, wissenschaft als über … phhhht … die kultur der menschen, die im umfeld von teeproduktion, -handel, -konsum und -zermemonie kreisen … (zur erklärung: es gibt da einen chinesischen vierteiler über den mir ausführlichst berichtet wird, weil es keine englische oder deutsche fassung gibt … und das bildet so ein bißchen den „teppich“ für gespräche, die dann eher um die größeren themen kreisen und wie man sie durch kleine dinge erreicht)

    das mißverständnis mit diesen „kalendersprüchen“ ist ja, daß sie mit eine bedeutung aufgeladen werden oder einer abstraktion, die sie in nette sprüche verwandeln … aber eben nicht in ganz einfache, schlicht zu handhabende gedanken – um daraus jetzt keine „handlungsanweisung“ zu machen, weil es um den gedanken alleine geht und wie er andere von ganz alleine und ohne kopfzerbrechen nach sich zieht.

    ich bedürfchte, für die, die du meinst, ist wohl eher eine dochtkerzenumrandete badewanne, auf der die sprüche in die matte gedruckt sind, die vor der wanne in einem rauch voller räucherkerzen liegt, das, worum es geht – ich war da mal mit jemandem verheiratet in fernen finstern tagen, wo das bad wohl genauso aussieht und die verantwortung komplett an „das universum“ abgetreten worden ist.

    ich hab‘ da das glück das, worum es geht, zu beobachten, wenn essen zubereitet wird. zen oder die kunst, sein motorrad zu warten in der küche.

    mittlerweile verstehe ich mich selbst ja schon als „langnase“, bewohner einer unkultivierten zone von barbaren … und da stellt sich schon die frage nach dem sinn, wenn man in einer solchen unbedachten, unachtsamen kultur mit ihren lustigen sinngebungsversuchen großgeworden ist und ihrer angst irgendwas zu verpassen.

    deshalb meine leicht „esoterischen“ anwandlungen hic & nunc, weil ich es einfach gerade erfahre und es mich ein klitzekleines bißchen „fliegen“ macht, während du zu „erden“ versuchst, was wiederum vollkommen okay ist … aber gerade bei mir nicht „fruchtet“.

    aber, um die kurve zu kriegen: der kern ist wahrscheinlich wirklich, das alles immer genau den sinn hat, den wir ihm selbst geben. mir ging es darum, zu betonen, daß wir im grunde die freie wahl haben, zu bestimmen, was das ist, und uns nicht reinreden lassen sollten.

    wenn jemand behauptet, zu „wissen“, was der sinn denn nun ist ist, würde ich ihm per se mißtrauen und weiter („whats my life? i’m happy cleaning windows!“, um mal van morrison zu bemühen) wände anstreichen, statt ihm zu folgen.

    https://www.youtube.com/watch?v=RYyVxQgnhDo

  15. Mit meinem Beispiel wollte ich ja gerade verdeutlichen, dass es in manchen Situationen kompletter Unsinn ist, „das zu tun, was man sowieso getan hätte“… weil zum Mensch sein eben auch das Denken und Handeln für die Zukunft gehört. Ja, das macht sogar eine Menge Alltagshandeln aus – und es wäre in den letzten Stunden sinnlos.

    Offenbar ist das nicht angekommen oder du gehörst zu jenen, die in solch einer Situation tatsächlich lieber eine Wand streichen, anstatt die lezten Stunden dazu zu nutzen, sich mit der Geliebten zu vereinigen.

    Tja, Menschen sind verschieden… ich jedenfalls muss manchmal grinsen über solch philosophische „Konsequenz“ (wie es dann wirklich wäre, wissen wir ja nicht).

    Ich würde z.B. auch nicht

    -> meine Steuer 2013 fertig machen, wenn ich grad dran sitze…

    -> an den Gewerken für meine Kunden weiter arbeiten

    -> im Garten das neue Beet fertig machen…

    und und und. Sondern mit meinen Liebsten zusammen kommen und das Ende gebührend zelebrieren. Ja was denn sonst?

  16. {..[ anstatt die lezten Stunden dazu zu nutzen,
    [..] sich mit der Geliebten zu vereinigen

    ts ts ts … das wäre da nicht mehr möglich gewesen, claudia, ich war da bereits ca einen monat alleine in dem haus, jetzt habe ich keine und das steht das auch nicht auf meiner wunschliste. es ist – für mich jedenfalls – also nichts, worüber ich nachdenken muss oder würde …

    im moment würde ich also, gesetzt dem fall eines falles, wohl mit den meinen was leckeres kochen, wenn das als „zelebrieren“ durchgeht.

    [..] die lezten Stunden dazu zu nutzen

    mir ging es, denke ich mal, um eine haltung, die gelassen akzeptiert, was ist, die „stoa“, das wunschfreie. das ende, das solltest du auch bedenken, kommt ja nicht mit ankündigung, das ist ein blitz über einer stadt oder in deinem kopf, da haben weder du noch ich die möglichkeit, vorbereitungen zu treffen.

    und – natürlich bestehe ich auf dem, was ich da oben das „anstreichen“ nenne, also mit genau dem weiter zu machen, was man tut. wenn wir ein philosophisches thema diskutieren, reden wir ja über eine abstraktion, die metaebene und wie sich die in das praktische auswirkt.

    es ist so „sinnlos“ oder „sinnvoll“ wie alles andere. weil, wie gesagt, wir dem eben erst den sinn geben – und da befürchte ich, denkst du nicht zuende sondern guckst auf das naheliegende. ich da hatte jetzt eineinanhalb jahre zeit, eine erfahrung zu verarbeiten, meine schlüsse daraus zu ziehen und komme zu genau dem ergebnis, das ich versucht habe, dir zu erklären.

  17. Olaf, ich finde das toll, was du da machst. Und ich weiß, dass das einem Menschen sehr, sehr viel Kraft abverlangt. Diese wünsche ich dir weiter, die du in deinem stillen Refugium immer regenierst.

  18. @Hardy: ich sagte ja: wir haben nicht wirklich einen Dissenz… :-) Und ich hab ab und an Lust und sehe auch Sinn darin, die Ebene der philosophischen Abstraktion mit der Realität im Detail zu konfrontieren! :-)

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