Claudia am 18. Juni 2014 — 2 Kommentare

Der Schleier der Hormone – Abenteuer Altern

Maike (kleinerdrei.org) setzt sich in ihrem Artikel „I am oldschool, Baby“ mit dem eigenen Altern auseinander. Sie ist 44 und wünscht sich Beiträge von Älteren, was mich zu einem langen Kommentar inspiriert hat. Da das ein ziemlich langer und sehr persönlicher Text geworden ist, stelle ich ihn auch hier ein – damit ich in zehn Jahren (sofern ich dann noch lebe und mir sowas in den Kopf kommt) mal schauen kann, was mittlerweile aus mir geworden ist, verglichen mit heute.

Nun denn: ich werde diesen Sommer 60 und hab die Auseinandersetzung mit „Altern“ weitgehend hinter mir (kommen wird nur noch jene mit zunehmender Gebrechlichkeit, die uns alle irgendwann erwischt. Nachlassende Kräfte spürte ich schon ab Mitte/Ende 40…)

Auch ich bin kinderlos (wollte es nie anders) und das ist aus meiner Sicht eine Erleichterung in Sachen Altern, da es etliche Rollenerwartungen erspart, die Kinder und Enkel mit sich bringen.

Glück hatte ich auch mit meinem Geburtsjahr, denn meine „wilde Jugendzeit“ konnte ich in den 70gern und 80gern erleben – eine Zeit, in der noch nicht so ein „Mode-Druck“ und Schlankwahn herrschte wie heute. Ganz im Gegenteil waren wir konsumkritisch und hüllten uns in unauffällige Jeans, T- und Sweatshirts in blue und schwarz – eine Klamotten-(Un-)kultur, die ich einfach nie abgelegt habe, da ich mich nicht groß fürs Selbst-Styling interessiere (Ausnahmen waren immer nur mal ein paar Monate heftiger Verliebtheit). Meine Haare hab ich nur einmal mit 18 gefärbt und dann nie wieder – sie gehen in den letzten Jahren in hellgrau-blond, im Sommer in fast weiß über und mir gefällt das! Weil ich es viel zu selten zum Frisör schaffe, sind sie meist „zu lang für mein Alter“, aber das interessiert mich nicht und mein (14 Jahre jüngerer) Liebster findet sie gut.

Mit den Wechseljahren ändern sich Körper, Gefühle und auch der Geist. Mein ganzes Leben lang hab ich mich als selbstbestimmte Person empfunden, die tut was sie will, sagt was sie denkt und die sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen lässt. Bin mir sicher, dass das auch heute noch von Menschen, die mich lange kennen, so bestätigt würde.

ABER: erst mit den Wechseljahren hab‘ ich gemerkt, was WIRKLICHE GEISTIGE FREIHEIT ist!!! Alle Welt redet beim Thema „Wechseljahre“ von irgendwelchen Zipperlein, vom Nachlassen äußerer Attraktivität, von Verlusten aller Art. Total verrückt! Für mich war es unglaublich toll, zu bemerken, wie der „Schleier der Hormone“ von mir abfällt!! Ja, so hab ich es wirklich empfunden und nur gestaunt, dass ich diesen „Schleier“ im „Leben davor“ nie wirklich bemerkt hatte.

Was meine ich damit? Es gibt eine Form des Sich-Beziehens auf andere, auf Partner, Freunde, geschätzte Autoritäten, auf „innere Stimmen“, mit denen ich wie selbstverständlich mein Leben lang – tatsächlich oder in Gedanken – Dialoge führte, um quasi das für mich Richtige, Gute, Wahre und Schöne heraus zu finden. Damit einher ging auch immer eine äußere Suche – als gäbe es da irgendwo großartige weise Frauen oder Männer, die es besser wüssten als ich. Vielerlei Weisheitsbücher bis hin zur Ratgeberliteratur lesen war eine Form dieser Suche – aber diese Haltung prägte auch ganz selbstverständlich das Alltagsverhalten. Meine Selbstsicherheit war (vor den Wechseljahren) nie wirklich bis ins tiefste Innere echt, denn es gab da immer diese zweifelnden, in Frage stellenden Stimmen, die ich – jeweils mit mehr oder weniger Mühe – irgendwie zum Schweigen bringen musste.

Ein wichtiges Element dieser Seinsweise war auch das Selbstbild, das ich von mir hatte: immer bei den Guten, immer bemüht, alles richtig und möglichst perfekt, kontrolliert und unangreifbar zu machen, mutwillig blind gegenüber den eigenen Fehlern, Ecken und Kanten. Bekam dieses Selbstbild mal irgendwelche Risse, wollte ichs nicht wahrhaben und machte „die Umstände“ verantwortlich. Und da ich selber so mit mir umging, fiel es mir auch schwer, die Andersheit der Anderen gelassen zu tolerieren – bis hin zum in der Tendenz kritischen und „erzieherischen“ Umgang mit geliebten Partnern.

Die Wechseljahre ERLÖSTEN mich von alledem! Der innere Dialog ist verstummt, ich suche nicht mehr nach Weisheit bei Fremden, sondern folge meiner Intuition, meiner Erfahrung, meinen Impulsen. Was ANDERE über mich meinen – sei es das Äußere oder meine Gedanken und Taten – interessiert mich nurmehr ganz sachlich als Feedback zum jeweiligen Thema. Es TRIFFT mich nicht, verunsichert mich nicht, denn ich bin mir ja meiner Selbst (inkl. „Fehler“) und meiner Handlungen ganz anders bewusst als früher. Gilt übrigens für Lob genauso wie für Tadel – oft sagt beides mehr über die Person aus, die sie äußert, als über mich.

So erlebe ich seit Ende vierzig eine wunderbare Gelassenheit und große Freiheit. Wenn die Östrogene (der „Schleier“) runter fahren, erlebt frau erstmal einen Testosteron-Überschuss: innerer Kraftzuwachs, Mut, Risikobereitschaft, sich nochmal neu erfinden, allerlei erleben und wagen, was man bisher aus irgendwelchen Vorbehalten, Bedenken, Selbstbild-Problemen nicht in Betracht zog. Neue erotische Abenteuer, Phasen mit besonderer Freude am Sex…

Mit den weiter fortschreitenden Jahren harmonisiert sich das dann wieder und frau empfindet sich in ruhigerem Fahrwasser, ohne etwas zu vermissen.

Barbara schreibt in ihrem Kommentar:

“ Ich kenne im übrigen so tolle Frauen 50+, die mit mir in den Clubs
abrocken, dass ich nicht wirklich Sorge trage, dass unsere Generation
irgendwie per Gesetz verpflichtet ist, trutschig zu werden:).“

Wenn „truschig“ bedeutet, sich solche Events nicht mehr anzutun, dann bin ich GERNE truschig! :-) Die Interessen ändern sich und auch das, was Freude macht! Mich macht es heute richtig glücklich, wenn ich irgendwo nützlich sein, mit meiner Lebenserfahrung helfen kann – OHNE dass ich das irgendjemandem aufdrängen müsste oder wollte. Und ich hab einen Garten

Mit das Schönste ist, die Andersheit der Anderen (auch des Partners) gelassen akzeptieren und oft sogar schätzen zu können. Meine Nächsten muss ich nicht mehr „erziehen“ bzw. ungefragt belehren, sondern nur jeweils die passende Nähe oder Distanz wählen. Das geht am besten, indem ich alleine wohne – ein Zustand, in dem ich mich „angekommen“ und glücklich fühle.

Alles in allem: das Altern kann mehr Freiheit und viele neue Abenteuer bedeuten, doch ist die Voraussetzung dafür Offenheit für Veränderung, nicht Festhalten-wollen am Gewohnten, Emanzipation von Rollenerwartungen aller Art.

Freu dich drauf!

Diskussion

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2 Kommentare zu „Der Schleier der Hormone – Abenteuer Altern“.

  1. Oh, und WIE mir das gefällt!
    Trutschige Tantchen betrachten macht mir Spaß, immer noch besser als die Dicklippengeilbleibmonster, die das nicht für sich sind, sondern für Cabriofahrer u.ä., für den Marktwert also.
    Gartengrüße von
    Sonja

  2. Hallo Claudia,

    Danke für deinen Kommentar auf meiner Seite und danke, dass du mich auf deinen Blogeintrag aufmerksam gemacht hast.
    Ich finde es spannend, dass du die Veränderungen an dir so reflektiert beobachten und daraus so viel positive Energie ableiten kannst und ich finde, das macht Mut. Endlich mal in sich selbst als Person „anzukommen“ klingt jedenfalls nach einer guten Aussicht. Von Gelassenheit, Selbstakzeptanz und einer Prise Mut hätte ich ja auch jetzt schon am liebsten mehr :)

    Liebe Grüße
    Frauke

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