Claudia am 17. Oktober 2013 — 14 Kommentare

Was die NSA vielleicht noch nicht wusste: 20 mal 20 Fakten – ein Blog-Virus

Wer aus persönlicher Sicht bloggt und sich selbst dabei nicht außen vor lässt, erzählt im Lauf der Zeit eine Menge über sich, über das eigene Leben, die persönlichen Haltungen und Meinungen. Normalerweise stehen die so veröffentlichten Details im Kontext der Artikel und sind einem bestimmten Zeitpunkt zuzuordnen: man muss schon sehr kontinuierlich mitlesen, um wirklich viel von den jeweils Bloggenden zu erfahren.

Derzeit geistert nun ein „Stöckchen“ durchs Netz, das für drastische Abkürzung sorgt, quasi Selbstdarstellung 3.0 im beschleunigten Verfahren. Das Mem heißt 20 Fakten über mich, ein zugegeben reizvoller Schreibimpuls, der viele zum Mitschreiben inspiriert. Auch ganz ohne dass jemand „das Stöckchen zuwirft“ schreiben immer mehr Menschen drauf los.

Hier eine mittellange Auswahl:

  1. 20 facts about me – das Nuf.
    „Mein Mann musste mir schriftlich bestätigen, dass wir nach der Hochzeit nur noch den Hochzeitstag nicht aber unseren Jahrestag feiern werden. Ich hätte mir sonst zwei Daten merken müssen.“
  2. 20 Sachen über mich – die Kaltmamsell
    „Privater Umgang mit Menschen fällt mir schwer, es gibt nur ganz wenige Menschen, in deren Gegenwart ich mich entspanne.“
  3. 20 Dinge über mich, die Sie wahrscheinlich schon ahnten, aber nicht zu fragen wagten – Anne Schüssler
    „Bei längeren Autofahrten unterhalten sich der Mann und ich tatsächlich sehr oft über Systemtheorie und so Zeug. Allerdings sind wir auch schon fast 14 Jahre zusammen, und so eine Beziehung wächst ja mit den Gesprächsthemen oder so. Vielleicht auch andersrum, die Gesprächsthemen wachsen mit der Beziehung. Ach, was weiß ich.
  4. 20 Fakten über mich – Johannes Mirus
    „Ich finde es bis heute schade, dass ich nie ein nor­ma­les Stu­den­ten­le­ben geführt habe.“
  5. 20 überlebenswichtige Informationen – Meike Lobo
    „Ich bin auf eine Weise fasziniert von Serienmord, die andere Menschen manchmal befremdet.“
  6. 20 Dinge über mich, die Sie nach Herzenslust egalen oder nichtsen können. Serotonic.
    „Sobald ich sage, dass ich keinen Dreisatz kann, findet sich jemand, der gönnerhaft lacht und mir die Angelegenheit mal eben näherbringen will. Am Ende kauen wir beide kaltschweißig an unseren Fingernägeln. Es ist mir aber auch schon gelungen, mein Nicht-Verstehen im Rahmen eines solchen Erklärungsversuches auf den Erklärenden zu übertragen.“
  7. 20 Dingse über mich – Ellebil
    „Ich übergebe mich äußerst ungern. So ungern, dass ich es in den letzten 15 Jahren genau zwei Mal gemacht habe.“
  8. 20 Dinge über mich – Juna im Netz
    „Ich mag Menschen. Menschen sind zu den großartigsten Dingen fähig. Faszinierend!“ (Das merkt man auch an ihrem begeisterten Posting mit Links auf andere 20-Fakten-Blogger)
  9. Blogvirus: 20 facts about me – Opas Blog
    „Ich hätte nie gedacht, dass mir – und Oma – diese Bloggerei so viel Spaß macht. Nachdem mittlerweile auch der Tagesspiegel über Opas Blog berichtet hat, wird das, was von Einigen zuvor noch belächelt wurde, selbst von diesen inzwischen sogar ernst genommen.“
  10. 20 Facts about me + 6 Bonus-Facts! Michaela Albrecht
    „Als ich 18 Jahre alt war, habe ich in einer Disco mal eine Handtasche geklaut. Ich wollte einfach wissen, wie es sich anfühlt, etwas zu stehlen. Es hat sich übrigens beschissen angefühlt. Ich habe der Frau daher alles wieder zurückgeschickt – aber ohne Absender.“
  11. 20 Facts about me – dieschlimmehelena
    „Als Kind wollte ich Nonne werden, bis ich erfuhr, dass die keine Kinder haben können. Später wollte ich keine Kinder mehr. Aber Nonne war dann auch keine Alternative.“
  12. #20Dinge – Sacha Rottländer
    „Stubenarrest kann auch sommers lichtlos auf Betongboden im Heizungskeller stattfinden.“
  13. der “20 facts about me”–virus – MissMenke
    „Ich habe zwei Söhne, von denen einer nicht so sehr im Netz präsent sein möchte. Das geht manchmal so weit, dass er mich bittet, bei biografischen Angaben nur von einem Sohn zu sprechen, was wiederum zu Gelächter bei Sohn Nr. 2 und mir führt.“
  14. 20 fakten über mich – felix schwenzel
    „ich sehe aus wie mein vater, nur unrasiert und unfrisiert.“
  15. 20 Fakten über mich – Jens Scholz
    „Wenn was kaputt geht gewöhne ich mich eher daran, als für Ersatz oder Reparatur zu sorgen. Der Vorteil davon ist, dass ich keine Angst vor Verfall habe.“
  16. Was soll’s: ungefähr 20 Dinge, die Sie und ich nie wissen wollten – Lena Reinhard
    „Ich war 20 Jahre lang Vegetarier und habe letztes Jahr damit aufgehört.“
  17. 20 Fakten über mich – ZweiFragezeichen / Carlin Hafen
    „Als Kind dachte ich, die gelben Hinweisschilder für Erdgasleitungen wären dazu da um mit Aliens Kontakt aufzunehmen. Ich hab lange drauf herumgedrückt und es probiert. Die Arschlöcher haben mich bis heute noch nicht abgeholt.“
  18. Nennt mich Stöckchenusurpator! – Natalie Springhart / Gemischtwarenlädchen
    „Meine geheimen Fantasien jedwelcher Art lassen sich am ehesten mit “All shall love me and despair!” umschreiben.“
  19. 20 Dinge über mich, die Sie … wahrscheinlich gar nicht wissen wollen – Trotzendorf
    „Ich halte Melancholie für den wichtigsten Gemütszustand.“
  20. [Blog-Stöckchen]: 20 Dinge über mich – der Berberich
    „Seltsam, wenn man eine solche Liste schreibt ergibt sich ein Gefühl, wie nach einem Vorstellungsgespräch: Hinterher fallen einem viel mehr Sachen ein, die man hätte sagen können. Danke fürs Lesen.“

So, ich hoffe, niemand fühlt sich durch meine Zitat-Auswahl auf den Schlips getreten! Auch diese Liste soll ja – genau wie die jeweiligen „20 Fakten“ – unterhaltsam sein, Interesse wecken und Lust aufs Lesen machen.

Nun könnte der Titel, den ich diesem Blogposting gab, vermuten lassen, dass ich solche Selbstdarstellungs-Listen kritisiere. Bewahre, ich hab‘ selbst schon jede Menge von mir erzählt, das gut in diese Form gepasst hätte. (Vermutlich hindert mich nur eine altersbedingte Scheu, nicht allzu eitel wirken zu wollen).

Dennoch ist es eine Überlegung wert, warum sich gerade jetzt, in Zeiten der Offenbarung fast totaler Überwachung, so ein „Stöckchen“ zum schier unabweisbaren Virus entwickelt, der täglich mehr Menschen infiziert. Ist es vielleicht der Versuch, das Bild der eigenen Person mittels einer Flucht nach vorne doch selber bestimmen zu wollen? Entgegen der „Profilbildung“ bei unübersichtlich vielen staatlichen und kommerziellen Akteuren zu sagen: SO BIN ICH – und nicht so, wie IHR vielleicht meint…

Tja, ich weiß es nicht.

***

Auch lesenswert:

Die Privatsphären-Falle – Michael Seemann

„Der Begriff Privatsphäre taugt nicht als Argument gegen Überwachung, weniger Privatsphäre macht offenbar niemandem Angst.“

[Und das hier ist ein Test, einfach ignorieren]

Diskussion

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14 Kommentare zu „Was die NSA vielleicht noch nicht wusste: 20 mal 20 Fakten – ein Blog-Virus“.

  1. Liebe Frau Klinger,

    es ist in der Tat ein Drahtseilakt beim Bloggen die Balance zwischen zu viel und zu wenig Informationen zu sich selbst preiszugeben.

    Lustigerweise wurde mir Ihre Verlinkung als SPAM von WordPress angezeigt. Das fand ich dabei fast noch interessanter.

    Liebe Grüße von der Nichtnonne
    Helena

  2. @Helena: na, immerhin wird der Link angezeigt – und er ist auch völlig regelkonform, denn dieser Artikel hier enthält ja selbst einen korrekten Link zu Ihrem Blog. Es gibt Plugins, die das prüfen und alle Trackbacks OHNE einen solchen Link als SPAM einstufen. Warum das in diesem Fall auch so passiert ist, könnten Sie nur selber anhand Ihrer Installation feststellen – FALLS es wirklich von Interesse ist!

  3. „Ist es vielleicht der Versuch, das Bild der eigenen Person mittels einer Flucht nach vorne doch selber bestimmen zu wollen?“
    Das glaubst Du doch wohl selbst nicht, @Claudia!
    Ich denke, daß das Sich-mitteilen-wollen solch einen starken Sog ausübt, daß etwaig vorhandene Bedenken gerne über Bord geworfen werden.

  4. @Gerhard: es mutet mich aber schon seltsam an, wie massiv gerade jetzt dieses „Stöckchen“ (=komm, spring auch du drüber!) derzeit aufgehoben wird – bzw. auch einfach aufgenommen, wie aus einigen Vorreden ersichtlich.

    Dem Drang sich mitzuteilen kann man doch täglich an vielen Stellen folgen. Auch sind derartige Blog-Aktionen nicht neu, doch bleiben sie in der Regel auf kleine Freundes-Netze beschränkt – ganz im Gegenteil zu diesem jetzt. Die Liste zeigt ja nur einen Ausschnitt!

    https://twitter.com/PlanC_/status/390547130861252608

  5. @ Claudia, #Stöckchen: Ist es nicht typisch Internet, dass gerne jede Sau auch noch ein bisschen geritten wird, wenn man sie durchs virtuelle Dorf treibt?

  6. mir ist – offen gestanden – die attitüde mancher blogger, sich hinter der von ihm propagierten sache/idee oder allgemein gehaltener fensterreden zu verstecken, sehr suspekt. ich vermute dann immer jemanden, der eigentlich nichts zu sagen hat und das im grunde auch von sich selbst weiss.

    am liebsten ist mir immer das eingeständnis einer schwäche. ich glaube, ich habe irgendwo gelesen, daß eine von sich erzählte, ihr mann nenne sie gerne „speckwürfel“ (was mich auch ein bißchen geschockt hat, ich wäre drei sekunden später am scheunentor genagelt mit nägel an allen möglichen nicht unbedingt erforderlichen stellen): wir sind halt alle nicht perfekt und auch wenn wir gerne so tun, als wären wir schlau, wir sind es eben nicht wirklich.

    ich mag die aktion also, auch wenn ich mir die mühe nicht machen werde, da jetzt eine liste zu erstellen, aber – wie du – flechte ich gerne private und vollkommen sinnlose infos über vorlieben und abneigungen ein.

    wie etwa, daß wir hier literweise veilchensirup konsumieren, auch wenn das ein bißchen hinterfotzig ist: man kann das zeugs ja nicht in deutschland kaufen und so ist das eine info, die einen kommerziellen auswerter von solchen texten eher irre machen soll.

    oder dazu führen, daß es endlich auch in deutschen läden diese leckere sirup collection von cora gibt ;-)

  7. Bei mir landete der Pingback auch im Spam. Im Gegensatz zur NSA, die ja meinen gesamten Mailverkehr überwachen kann, entscheide ich in meinem Blog selbst, was ich preisgeben will und was nicht. Dass ich mich seit 15 Jahren nicht übergeben habe, erzähle ich auch so gelegentlich – das mag Menschen befremden, aber es ist nichts, was ich bewusst geheimhalten will – und jede Krankenkasse, die mich googlen würde, fände das bestimmt ganz toll /ironieoff.

  8. Fensterreden, hinterfotzig, Veilchensirup, ironieoff, das schönste Wort: Speckwürfel……..
    Das Gelesene beschäftigt mich beim Laubfegen…

  9. Achtung: Wichtig! Der/das Pingback landetet auch bei mir im Spam und war tatsächlich mein 1.000 Kommentar. Herzlichen Glückwunsch!
    Ich habe die 20 Fakten übrigens geschrieben, um kommentiert, benotet, anerkannt und gelesen zu werden. Immer auf der Suche nach Liebe, schien mir dies eine sichere Bank, um Aufmerksamkeit zu erregen.
    Es fehlt auch nicht der „Speckwürfel“-Effekt, bei mir sind es die riesigen Ohren, ein Mitleidsfaktor ohne Gleichen.
    Danke auch im Namen von Sohn 1 für Punkt 13…

  10. […] der #20Dinge-Blogposts von Claudia Klinger! “Selbstdarstellung 3.0 im beschleunigten Verfahren”. Sehr schön formuliert, Claudia, […]

  11. Liebe Claudia, liebe alle,

    als eine derjenigen, die vor allem via twitter das Blogstöckchen „gepusht“ haben, melde ich mich zu dieser Diskussion, die ich interessiert verfolge, zu Wort. Da sich die 20 Dinge ja immer um die Person drehen, fange ich auch mit meinen Motiven an:
    Die Außenwahrnehmung (und ich meine nicht die der NSA) mitgestalten zu können, funktioniert wohl nirgends so fantastisch wie im Netz. Dies muss immer mitgedacht werden. Gleichzeitig war meine Selbstdarstellung wie die von vielen anderen in erster Linie als ein Kommunikationsangebot gedacht – es sind Punkte darunter, die ich in meinem Umfeld wenig bis überhaupt nicht thematisiere. Die mir aber unheimlich wichtig sind – die ich als identifikatorisch betrachte. Die Narzissmus-Debatte ist irgendwie 90er. Die Selbstoffenbarung im Netz ist in meinen Augen eine Suche nach einem Beziehungsaspekt in einem Massenkommunikationsmedium- in dem es diesen Beziehungsaspekt leider so gar nicht gibt. Er muss konstruiert werden.
    @Claudia: Es überrascht mich fast, hier eine Frage von Dir zu lesen, die Dir selbst im Zusammenhang mit Deinen Netzprojekten gestellt worden ist. Geht es nicht beim 20Dinge-Blogstöckchen in erster Linie um die soziale Ästhetik? Um die entstehenden Beziehungen untereinander, die wir thematisieren, indem wir auf die anderen mehr oder weniger Bezug nehmen? Siehe z.B. implizite Verweise auf mein eigenes Blogstöckchen, oder auf stilistische Übernahmen zwischen den Schreibenden. Ich würde mich freuen, dies mal mit Dir diskutieren zu können. Die Flucht nach vorne kann ich insofern nicht sehen, als wir Bloggenden alle immerzu schon in den öffentlichen Raum gerufen haben. Für viele aber ist das Bedürfnis nach Antworten größer geworden, so meine ich zu sehen. Bevor ich ins Metaphorische abgleite, mache ich hier mal Schluss und freue mich auf weitere Kommentare zu diesem Thema :)

  12. @sonja

    nur um mißvrständnissen vorzubeugen: „hinterfotzig“ ist so ein schönes wort und ein kurzer blick auf wikipedia zeigt: keinerlei sexuelle konnotation ;-)

  13. btw. es gehen auch führerscheinphotos ;-)

  14. @alle:

    ich danke Euch sehr herzlich für Eure Kommentare und die angenehm unaufgeregt beigetragenen Meinungen!!

    Dass es NATÜRLICH einen Riesenunterschied macht, ob man sich freiwillig offenbart oder ausgespäht wird, ist mir klar – dafür trete ich ja selbst an jeder Ecke ein. Mich hat aber schon interessiert, ob dieses explizite „Fakten über mich“ evtl. motivatorisch doch etwas damit zu tun hat (sonst haben die Blogparaden und Projekte ja doch oft einen Themenbezug).

    Nun, dem ist also nicht so, hab ich dank Euch festgestellt. Man kann ja auch mal falsch liegen…

    @Juna: du hast besonders schöne Worte gefunden

    „Die Selbstoffenbarung im Netz ist in meinen Augen eine Suche nach einem Beziehungsaspekt in einem Massenkommunikationsmedium- in dem es diesen Beziehungsaspekt leider so gar nicht gibt. Er muss konstruiert werden.“

    Wundervoll! :-)

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