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Claudia Klinger am 26. Mai 2008

Globales Bewusstsein?

Ein Satz im Beitrag über Interessenkonflikte und das Netz schreibt Robert Basic einen Satz, der mich aufgrund seiner Formulierung beeindruckt:

“Die jetzige Struktur, Menschen in territorialen Gruppen zusammenzufassen und das Identitätsgefühl daran aufzuhängen, wird hoffentlich überkommen sein eines fernen Jahrhunderts. Je dringlicher die Probleme aufgrund Ressourcenknappheit und Bevölkerungswachstum werden, desto weniger wird die jetzige Struktur nützlich sein.”

Inhaltlich könnten das sicher viele unterschreiben. Der Druck globaler Probleme zwingt den Nationen den Blick über den Tellerrand geradezu auf. Das Klima macht an den Grenzen nicht halt, alle brauchen die zunehmend knapper werdenden Rohstoffe und Energieträger, Flüchtlingsbewegungen und Katastrophen tangieren alle Nachbarn und die internationale Gemeinschaft – und wir bekommen auch immer mehr mit, wie absurd und störend manch’ nationale Eigenheiten im Internet wirken. Alles ein Elend, alles bekannt.

Wie aber ist jemand drauf, der davon spricht, “Menschen in territorialen Gruppen zusammen zu fassen”?? Ist das die bereits komplett transnationale Sicht eines herauf dämmernden globalen Bewusstseins, im Blogger-Alltag mal eben beiläufig hingerotzt?

Da spielt nämlich schon keine Rolle mehr, dass sich die Menschen ja zunächst in einem physischen Umraum vorfinden, der u.a. national strukturiert ist und damit auch Identitäten erschafft. Dieser Blick spricht aus einer neuen Wirklichkeit heraus, in der frei schweifende Netizens an fluktierende Communities andocken, den Grad ihrer Identifikation mit einem Thema und den verschiedensten Gruppen selber wählen, und damit auch ihr Engagement und sämtliche Verbindlichkeiten nach Belieben binden und lösen. Die dann auch immer mehr ihren physischen Aufenthaltsort nach Gusto wählen, heute hier, morgen dort, das Netz ist ja überall und wird zunehmend “mobil”.

Seit ich keinen Garten mehr habe, sitze ich länger und kontinuierlicher vor dem PC. Und ich bemerke die Schwierigkeit des Transfers zwischen der Welt hinter dem Monitor und der Sperrigkeit des Physischen. Mein gefühlter Wirkungsgrad ist in der Sphäre der Mausklicks um ein Vielfaches höher als wenn ich daran gehe, mit der italienischen Espressokanne einen Kaffee zuzubereiten oder gar Großvorhaben wie Renovieren in Angriff nehmen will. Auch die Zeit vergeht unterschiedlich schnell, was immer wieder dazu führt, dass ich den Kaffee auf dem (Gas-)Herd vergesse (Espressomaschine ist geplant!); Jetzt gerade tippe ich diesen Artikel ein, bin in Gedanken auf Basic Thinking, an den brisanten Orten des Globus und bei meiner Diary-Leserschafft – also “nicht ganz von dieser Welt”, könnte man sagen.

Abgehoben? Lost in Cyberspace? Oder doch da, wo die Musik spielt? Beides!

Wenn ich mir aber die Welt ansehe, die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung, die Ungleichverteilung der Reichtümer, die Unterschiedlichkeit dessen, was die Menschen für wahr und wichtig halten, dann zweifle ich doch daran, dass das frei schweifende Bewusstsein, das sich locker durchs Web klickt, das Modell für alle ist. Zumindest wird es noch sehr lange dauern, bis alle dieses privilegierten Status teilhaftig werden, der es ermöglicht, relativ frei und “bloß beobachtend” auf alles zu schauen und sich zu fragen, ob es Sinn macht, die Menschen in territorialen Gruppen “zusammen zu fassen”.

Schön wärs, wenn’s ein bisschen schneller ginge als “eines fernen Jahrhunderts”.

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16 Reaktionen zu “Globales Bewusstsein?”

  1. Mohnblume schreibt:

    Physische Grenzen fallen. Es tun sich neue auf. Vielleicht eher Interessensgrenzen. Beduerfnisgrenzen … oder besser gesagt, es entstehen grenzueberschreitende Raeume. Da hab ich gestern in einer speziellen Sache, die mich persoenlich trifft, eine Petition unterschrieben, die sich an einen Minister in Kanada richtet. Und danach mir dann die Namen der anderen Mitpetitenten (schreibt man dies so?) angesehen, und staunte ueber die geographische Herkunft der jener. Aus Asien, Australien, Afrika … eben aus der ganzen Welt. Das waere vor zehn Jahren noch nicht moeglich gewesen. Ist es aber heute. Und vielleicht tun sich auf diese Weise Chancen auf in anderen Laender zur Meinungsbildung beizutragen. Ebenso wie eine Chance, koennte es auch ein Problem sein. Wenn ich mir vorstelle, dass gezielt Meinungen verbreitet werden, die mich schliesslich veranlassen, meine persoenliche Meinung zu aendern. Das koennte bis und mit in die Politik gehen.

  2. M.G. schreibt:

    @mohnblume, glaube eher weniger, dass hier von interessensgrenzen gesprochen werden kann. bedürfnisse trifft das schon eher…

    in der politik ist es doch heute schon eh so.

  3. susanne schreibt:

    Nun mal ein spannender Artikel, und die Antworten sind auch mit entsprechenden wissen eingestellt worden.
     
    Super Blog

  4. Hanskarl schreibt:

    Hallo Claudia,
    ich glaube mir sicher zu sein, daß gerade “…die Ungleichzeitig-
    keit der Entwicklung, die Ungleichverteilung der Reichtümer, die Unterschiedlichkeit dessen, was die Menschen für wahr und wichtig halten…” es sind, die die Welt lebens- und liebenswert machen.
    Ich glaube mir sicher zu sein, daß Du dies auch so siehtst, Gleichheit wäre unerträglich ( und ist vermutlich unmöglich ).
    Eine über die Gleichheit der Chancen hinausgehende Gleich-
    machung der Menschen ist die größte aller Ungerechtigkeiten.
    ( Karl Jaspers )
    Und bedenke, liebe Claudia, daß Ungleichheit der Beweggrund des Strebens nach Verbesserung ist.
    In diesem Sinne ist die Schlußfolgerung von Herrn Basic verfehlt, gerade intakte“territorialen Gruppen ” werden Probleme lösen können. Sie verfügen über eine unendliche Ressource: Verstand, Ideen und Geist.
    Vielen Dank für Deinen gelungenen Aufsatz.
    Gruß Hanskarl

  5. Claudia schreibt:

    Ich danke Euch für die Aufmerksamkeit und die interessanten Resonanzen – bin nur grade in einem extremen “Arbeitstunnel” und komm nicht zum schreiben – wird aber wieder! Bis bald – Claudia

  6. Dara Weishaupt schreibt:

    Am Ende steht mit Sicherheit ein unerbittlicher Überlebenskampf da sind Grenzen sowieso nur noch Makulatur! Territoriale Gruppen fallen im globalen Gefüge auseinander wie faule Äpfel. Gruppen an für sich halten nur, wenn dadurch der Einzelne irgendwelche Vorteile hat. Mal abgesehen von der Familie die man wohl kaum dazuordnen könnte. Sehr interessantes Thema, nicht ganz leicht anzugehen.

  7. Mohnblume schreibt:

    @ Dara … ich gehoere einer Gruppe von Menschen an, die man versucht in eine abgegrenzte Gesellschaftsform zu zwaengen. So fliehe ich mit anderen in eine Gruppe mit gleichen Interessen. Eben, um diesen von der Gesellschaft gesteckten Grenzen zu entfliehen … der Clou ist, dass wir auch innerhalb unserer Gemeinschaft auch wieder Grenzen ziehen … Beispielsweise stellen sich die Mitglieder schon definiert vor, zu welcher Untergruppe sie innerhalb dieser Gruppe zugehoeren … Seuftz, wir alle wollen Zugehoerigkeit, sogar Funktionszugehoerigkeit. Ordnung muss sein. Innerhalb klarer Grenzen … und da ich keine Grenzen mag, bin ich eben schon ausserhalb dieser Grenzen. Muss wohl ganz fest aufpassen, dass ich eines Tages nicht noch in den Bereich der Alkoholiker kategoriesiert werde … seuftz.

  8. SuMuze schreibt:

    Deine Gedanken teile ich größtenteils, Claudia.
    An dem zitierten Satz aber fällt mir jedoch vor allem die Naivität auf, mit der jemand glaubt, die Qualität der drängenden Probleme bestimme die Qualität der durch sie angeregten Reaktionen (auch oft und fälschlich als Lösungen bezeichnet). Das ist für mich das Denken von Technikern, die ihre Maschinen auswendig zu kennen meinen und stets staunen, daß es außerhalb der Maschinen noch anderes gibt, das ihnen die Petersilie verhagelt.
    Und letztlich: Territorialität gehört in meinen Augen zum Menschen wie das soziale Miteinander. Wenn es eines gibt, was ich immer wieder erlebe, dann, daß Menschen sich in – möglichst kleinen – Gruppen zusammen zu finden suchen.  In Cliquen, Verbänden, Vereinen, Fraktionen usw. Und dann wie der Teufel hinter der armen Seele dahinter her sind, sich von Anderen, von den Nichtmitgliedern abzugrenzen und ein beruhigendes ‘Wir’ zu fühlen, zu wissen und – wenn es sein muß, aggressiv – zu behaupten. Je exklusiver, desto lieber. Niemand kann grenzenlos sein.

  9. Claudia Klinger schreibt:

    @Su: Deiner letzten Beobachtung stimme ich voll zu, doch stellt das von dir als naiv empfundene Zitat das ja auch nicht in Frage – sondern NUR, ob es noch Sinn macht, sich mit territorial organisierten Gruppen zu identifizieren, bzw. wie lange noch.

    Schlagendes Beispiel für die Berechtigung dieser Sicht der Dinge: ich stehe z.B. DIR und Mohnblume weit näher als meinen Mitmietern im selben Haus. Eure Gesichter sah ich noch nie, die meiner physischen Nachbarn übersehe ich, kann mich jedenfalls nicht an sie erinnern (sie fluktuieren stark, ich erkenne einzig den “Obermieter”, der länger da ist als ich und für den ich oft Pakete annehme).

    “Das ist für mich das Denken von Technikern, die ihre Maschinen auswendig zu kennen meinen und stets staunen, dass es außerhalb der Maschinen noch anderes gibt, das ihnen die Petersilie verhagelt.”

    Ja, so ist das. ABER ich kann mich ins Technikerdenken verdammt gut eindenken und einfühlen, denn es ist ja (einerseits) wirklich ein ELEND, auf welche Art und Weise der “menschliche Faktor” ständig die Petersilie verhagelt! Da will ein Teil von mir auch nur entnervt resignieren und sein Heil in den Maschinen und Programmen suchen!

    Natürlich nur ein Teil – sonst wär ich ja Programmiererin geworden, anstatt vom Kommunizieren und der Gestaltung von Kommunikation zu leben! :-)

  10. Claudia Klinger schreibt:

    @Hanskarl,

    ich sehe nicht, warum ausgerechnet “territoriale Gruppen” über größere Ressourcen an Verstand, Ideen und Geist verfügen sollten als nicht territoriale.  Im Gegenteil,  wenn die  Menschen anfangen,  das Türkentum  oder Deutschtum zu verteidigen,  beginnen Probleme und Auseinandersetzungen, die man sich echt sparen könnte.

    Große Teile der iranischen Jugend haben z.B. mit der “Jugend der Welt” mehr gemeinsam als mit den komischen alten Männern und religiösen Fanatikern, die dort immer noch über ihr Volk herrschen, als wären es unerzogene Kinder, die man mit der Peitsche zur Ordnung rufen muss, wenn sie nicht gehorchen.

    Nationalismus empfinde ich als lächerlich, ganz ehrlich! Damit meine ich nicht berechtigten Stolz auf spezifische Eigenarten und Leistungen einer Bevölkerung (wie bei uns in DE z.B. die Korrektheit in der Arbeit, die Gründlichkeit und Pünktlichkeit, das gute Funktionieren verschiedenster komplexer Systeme – in Kambodscha lernt man das schätzen, aber auch schon in Italien). Sondern das inhaltsleere sich Überheben über andere, einfach weil sie einem anderen Stamm (oder heute Staat) angehören. Das sind für mich archaische Reste aus Zeiten, als alle “anderen” noch nicht mal als MENSCHEN galten, sowie Sinngebungen für Zukurzgekommene, denen Erfolge verwehrt sind und denen deshalb die Identifikation mit dem bloßen “deutsch sein” genügen muss.

    Insofern ist es schon eine schöne Utopie, dass dieses territoriale Element mit zunehmender Vernetzung an Bedeutung verlieren könnte. Wie Google seinen Suchalgorithmus weiter entwickelt, könnte dann wichtiger werden als neue Gesetze irgend einer Regierung – nur mal so vor mich hingesponnen…  Selbst die “Steinzeitmenschen”, die uns neulich vorgeführt wurden (um zu zeigen: es gibt sie – wir müssen uns um sie kümmern = sie schützen) werden davon berührt werden, wenn es erst einmal üblich ist, dass die reiche Welt für den Erhalt der urtümlichen Umwelt BEZAHLT. Wenn dann die privaten Spender auf einmal die Seite nicht mehr finden…

    Na, genug für jetzt!  Das ist ein schönes entschleunigtes Gespräch!

     

  11. Claudia Klinger schreibt:

    @Dara: doch, auch die Familie kann man da zuordnen, da der Zusammenhalt der Familie die erste Form äußerst NÜTZLICHER menschlicher Gruppenbildung war. Und zwar so lange, dass es sich in unsere Gene eingeschrieben hat, bzw. immer noch nicht “überschrieben” ist, wie interessante wissenschaftliche Versuche zweifelsfrei bewiesen haben (die mit den “wie lange tauchst du für deine Schwester / deine Mutter / deine Kollegin den Kopf unter Wasser-Tests”).

    Auf Familie und Clan bleiben auch immer noch alle angewiesen, die es bisher nicht schafften, ein staatlich organisiertes soziales Netz zu etablieren, das aus der familiären Abhängigkeit befreit. In diesen Ländern werden die Alten geehrt und man hält zusammen: wer es zu etwas bringt, beteiligt selbstverständlich alle anderen Angehörigen. Und WIR loben dann das herzliche menschliche Miteinander und schütteln den Kopf über die krasse Korruption…

  12. LadyArt schreibt:

    …mit großem Interesse lese ich…

    All das was Du denkst und schreibst ist so lange wirkungsvoll, so lang es Dir gut geht und Du jung und kräftig bist und Deine Geist-und Körperstärke Dir hilft die Welt so zu sehen wie sie sich für Dich darstellt:

    Stell Dir nur mal vor:
    Du fällst die Treppe runter, dumm gelaufen, schrecklich! Die Nachbarn mit ihren leeren, unbekannten Gesichtern sind gezwungen über Dich drüber zu steigen mit ihren Einkaufstüten und ihren Bierkästen, während Du da liegst, mit Schmerzen und elend, und sie sind da, mit diesem hohlen Grinsen, das Du Gottseidank vorher nie bemerken musstest!
    Es würde aber vielleicht anders verlaufen:
    Die schrecklich farblose Frau aus dem vierten Stock, die, von der man gar nichts mitkriegt, weil sie wie ein unscheinbares Geistwesen durch die Welt huscht, sie würde erschrocken innehalten, und Dir aus Deiner Misere helfen … und vielleicht würdest Du ja dann bemerken, dass sie ein Engel ist, der nur nach der Arbeit immer müde ist, leergepowert, aber so wertvoll wie niemand sonst auf der Welt, denn sie rettet Dir das Leben!

    Dramatisch? Primitiv? Sicherlich ziemlich schlicht im Geiste: Ich meine mich selber – und versuche ein Lächeln in Deine Richtung.

    …zu Deinem Artikel:
    auch unsere Zeit ist nur eine Zeit des Übergangs.
    Als junge Frau stand ich völlig ratlos in den überwucherten Thermen der Römer in der Charente,  sah die verfallene Kanalisation in Ephesos, staunte über den Niedergang der Aquädukte in Italien, las von dem tropischen Urwald, der die Stätten der Indianer Südamerikas, die doch schon Hochkulturen waren, mitgenommen hatt, in das Reich des Vergessens.

    Ich will alle Überheblichkeit wegnehmen.
    Doch: Nimm Dir den Strom! Nur das und Du verfällst in stupende Ratlosigkeit.
    Ich hoffe, dass Du mir antwortest.
    Gabriele

     
     

  13. Claudia Klinger schreibt:

    Liebe Gabriele,

    hab Dank für deinen Beitrag! Mir war und ist sehr wohl bewusst, auf welcher technischen Infrastruktur ein Leben, wie ich (und viele andere) es führen, nur möglich ist. Und dass es sich drastisch ändern würde, wenn diese Infrastruktur (Strom, Internet, Heizung, Abfallentsorgung, Warenströme “on demand” und in jeden Laden und Supermarkt) nicht mehr existiert, bzz. Probleme bekommt.

    Nur: will ich mein Leben leben, wie es nun einmal derzeit möglich und normal ist? Oder will ich es so leben, dass ich gegen alle möglichen Zusammenbrüche weitestgehend gerüstet bin? Das ist eine Grundsatzentscheidung, da kann man nicht “mal so halb” agieren.

    Im “Leben für die Katastrophe” müsste ich aufs Land ziehen, genug Garten haben, um wesentliche Teile meiner Nahrung  selbst zu produzieren. Ich bräuchte ausreichende Vorräte, die immer mal wieder erneuert werden müssten, bräuchte ein Warenlager voller Dinge, die lebenswichtig werden könnten, wenn sie nicht mehr spontan zu kaufen wären – und vermutlich bräuchte ich auch eine ordentliche Mauer um mein Anwesen und Waffen, um es zu verteidigen, wenn es so weit ist und mich Leute angreifen, die nicht so gut vorgesorgt haben. Und weil das alles alleine nicht zu leisten ist, bräuchte ich Clan-Mitglieder, die mit mir da leben, damit wir, wenn es so weit ist, als Gruppe stark genug sind, um uns zu behaupten. Und mit alledem hätte ich soviel zu tun, dass an Leben und Arbeiten wie JETZT nicht zu denken wäre!

    Es gibt Menschen, die machen das so. In den USA gibts ja viel Platz und viele, die “Survival” und Autonomie mit allem, was das benötigt, bereits heute praktizieren. (Und auch hierzulande kenne ich Menschen,  die ansonsten im Kopf alle beisammen haben,  die aber allen Ernstes mit einem Zusammenbruch der Weltwirtschaft in den nächsten Jahren rechnen).

    Also leben für den Fall des Falles?

    Ich habe mich dagegen entschieden und bin mir bewusst, dass ich im Katastrophenfall eben mit allen anderen zivilisatorisch Verweichlichten untergehe.

    Was die vergleichsweise kleine persönliche Katastrophe angeht, stelle ich mir sehr oft vor, wie es sein wird, wenn ich krank, alt, schwach und pflegebedürftig werde (Daraus entstand auch das Konzept “Altersheim 2.0″, das ich wirklich ernst meine).

    Ein beeindruckendes individuelles Schicksal und den Bericht sämtlicher Details aus dem Leben, das sich bei zunehmendem Verlust der Motorik ergibt, liest man z.B. hier:

    http://www.sandraschadek.de

    Wie du siehst, schreibt Sandra noch heute ins Internet (obwohl die Kraft der Finger nicht mehr reicht, eine Taste zu drücken!) und pflegt weit reichende Verbindungen, die auch immer wieder zu persönlichen Hilfe-Leistungen und zum Einbringen erheblicher finanzieller Mittel führen, mit denen z.B. der Umbau in eine behindertengerechte Umgebung mit entsprechender Technik finanziert wurde.

    Natürlich helfe ich, wenn ich jemanden hilflos im Treppenhaus antreffe – auch ohne ihn bisher besonders bemerkt zu haben (und gehe davon aus, dass das die Anderen auch tun). Ich hab’ auch schon einer Nachbarin angeboten, ihr Kind gelegentlich zu nehmen, während sie einkaufen geht. Denn dieses Kind hatte ich im Eingangsbereich angetroffen, heulend und alleine in seinem Kinderwagen abgestellt, während die Mutter mal eben ins Lädchen gegangen war, bzw. schon nach oben, um erstmal ihre Tüten abzustellen. Ich wartete dann 10 Minuten bei dem Kind, das sich schnell beruhigte, wenn es nicht mehr alleine war.

    Die Nachbarin hat das Angebot nie angenommen.

  14. LadyArt schreibt:

    Liebe Claudia,

    - ich danke Dir sehr für Deine detaillierte Antwort auf meine kurze Ausführung. Ich bin über SuMuzes Seite zu Dir gelangt und wenn ich viel Zeit hätte, dann würde ich gerne noch mehr lesen, denn alles, was Du schreibst ist sehr interessant und, lass mich das bitte ganz klar sagen: weil interessiert, detailliert, fundiert und in jedem Fall niemals kleinkariert, engstirnig und vorurteilsbehaftet – und die Sprache ist auch noch gut! Also wirklich guter Lesestoff. Wenn ich dann noch lese, dass Du relativ jung bist, dann freut mich das besonders! Wenn ich irgendwas nicht mehr aushalten kann, dann ist es flaches esoterisches Gesülze (das mag sicherlich für viele Menschen Strohhalm oder Stützmauer sein – und dann respektiere ich diese Haltung im Einzelfall), aber für mich ist die Welt und der Mensch in ihr so:
    Das Leben – Spielball
    im Fadenkreuz der Mächte –
    Chaos in Echtzeit 
     
    - und dem brauche ich nichts mehr hinzuzufügen.
     Dein Engagement ist beeindruckend.
    Über die Lyrik und die Kunst habe ich mein ganzes Leben lang schon versucht auf ganz unterschiedliche Weise der Wirrnis des Chaos einen Hauch von Ordnung einzuhauchen, auch mich selber immer wieder zu positionieren, jedoch bin ich neben allem was da noch an Jugendlichkeit bruchstückhaft da ist, ein klarsichtiger Fatalist geworden, der die Grenzen der Realisierung der Möglichkeit überall erfahren hat. 
    - Eine kleine Anekdote aus meinem Leben: Ich erinnere mich nicht mehr an das Jahr, aber vielleicht war es zwischen 1968 und 1971 – ich war in einer Gruppe von engagierten linken Studenten, wir wollten die Welt radikal verändern, Kindern Kinderläden eröffnen, wir wollten…. Ich sollte, so wie alle anderen auch eine der wöchentlichen Gesprächsthemen durch ein fundiertes Referat vertiefend behandeln. Ich wählte Kursbuch Nr. ? mit dem Thema: „Frauen sind die Neger aller Völker“ und wurde zur glühenden Verfechterin einer neuen „selbstbewussten“, „selbstgesteuerten“ Welt für Frauen! Ich wusste was ich niemals wollte, ich wusste welche kämpferischen Wege ich einschlagen würde… und? Ich habe sie alle eingeschlagen: auf erweiterndes Studium zugunsten der Ausbildung des Mannes und der kleinen Familie verzichtet, mein Kind ausgetragen, obgleich alle anderen nach Holland fuhren um abzutreiben und Freundinnen meine Taschen mit Tipps und Ratschlägen (Adressen) füllten… Ich wollte zu meinem Wort stehen, wollte zeigen, dass ich selbstbestimmt leben kann, auch wenn ich das, was ich ursprünglich vorgehabt hatte nicht und niemals mehr würde verwirklichen können. Nun, das ist schon heiter! So im Rückblick!!!                                                                   – Und irgendwann war ich dann ganz und gar in meine alte Haut von 68 zurückgerutscht, war mit 3 Kindern alleinerziehend, (meine große Tochter hatte das Haus schon verlassen), zerrte “die Kleinen” liebevoll durch die Pubertät, durch Studium und Ausbildung, habe dabei immer gearbeitet, meine Kunst trotzdem zu realisieren versucht und mein Schicksal nicht bejammert… weil selbst gewollt, mich immer selber entschieden!
    …und glaub mir, das ist hart, wenn man alles allein regeln muss! Aber so habe ich Kinder, die ihre Freuden und Leiden mit mir teilen! Und bin: zufrieden!

    - Natürlich stimme ich Dir zu, und finde es auch vollkommen richtig, dass Du das Leben mit den Mitteln ausschöpfst, die sich uns jetzt, hier und da zur Verfügung stellen, ohne sich von allzuviel Zukunftsangst belasten zu lassen. Die verschiedenen Lebensstile zumal in Amerika  z.B. das zero-waste movement, oder der Rückzug einiger Intellektueller aus der Welt um ganz vom Müll zu leben (habe die Bezeichnung für die Gruppierung in San Francisco vergessen) gehen häufig in sehr extreme Richtungen, finden sich zusammen, leben so für einige Jahre nach strengen Regeln und gehen dann wieder auseinander, bis auf wenige hartgesottene. 

     - Übrigens eine Tante von mir, blind ab 87, hat mit 92 Jahren noch einen Aufsatz mit politischen Erinnerungen an die Zeit des ersten Weltkriegs ins Netz stellen lassen, als sie von der Möglichkeit erfuhr. Sie war eine Kämpferin mit harten Bandagen bis zum Schluss, streitend für die Wahrheit, wie sie sie verstand.

    Vielleicht zuviel Privates, egal, jetzt steht es da! Ich werde, wenn ich Zeit habe, viel bei Dir lesen und freue mich darauf…
    Liebe Grüße
    Gabriele

     

  15. Claudia Klinger schreibt:

    Liebe Gabriele, hab Dank für deinen (angenehm) umfangreichen Kommentar und das Lob, das mich sehr freut. (Witzigerweise hab’ ich das erst gelesen, nachdem ich heute zum Verhältnis “Weltverändern/Selbstverändern” schrieb).

    “Relativ jung”? 1968 war ich 14, zu jung, um richtig mitzumischen, aber alt genug, um in vieler Hinsicht von der Kulturrevolution ergriffen zu werden – was für eine spannende Zeit! Wenn Aufbruch und Veränderung Mainstream werden, ergibt das wahrlich ein anderes Lebensgefühl als das, was die heute Jungen ertragen müssen.

    Mein etwas zu spät kommen hat mich davor bewahrt, in mancher Hinsicht zu verbissen zu werden. All die politischen Extreme konnten mich nicht wirklich reizen, denn der “Spaß hier und jetzt” war mir deutlich wichtiger als die Weltrevolution.  Seltsamerweise war ich mir schon in den letzten Schuljahren bewusst, dass ich (abgesehen von ein paar familiären Konflikten) ein wunderbares Leben hatte – und das quasi geschenkt. Es gab BAFÖG, ich konnte mich nach dem Abi abseilen und tun, was immer ich wollte. Und es war mir wirklich zuwider, wenn jemand mir (oder gesellschaftlichen Gruppen, wie etwa “den Arbeitern”) ein FALSCHES BEWUSSTSEIN attestieren wollte.

    Die Frauenbewegung hat mich auch sehr berührt, doch war mir schon zuvor (im Kampf gegen meinen Vater) die Selbstbestimmung zum obersten Wert geworden. Das galt im Arbeitsleben, wo ich komplett unwillig war, einen langweiligen Angestelltenjob anzustreben, genau wie  in der Liebe: an Familie gründen dachte ich nicht im Traum, meine Herkunftsfamilie hatte war mir abschreckendes Beispiel genug. Zum Glück wurde ich nie schwanger, darüber bin ich noch heute froh – und ich bewundere Frauen wie dich, die all das durchgestanden haben, was du ansprichst!

    Zwar hab’ ich nie zugunsten eines Mannes auf etwas verzichtet, was mir wichtig gewesen wäre (und oft genug nicht mal auf Unwichtiges, schließlich wollte ich mich nicht “unterdrücken” lassen), doch sehe ich in der Rückschau, dass ich in jungen Jahren lange nicht so souverän war, wie ich mich gerne sah. Sonst wären nämlich viele sogenannte “Beziehungskonflikte” gar keine gewesen: es gehören ja immer zwei dazu! :-)

    In diesem Sinne “Privates” findest du in diesem Diary einiges – ich freue mich, dass du hierher gefunden hast!

  16. Bartosz schreibt:

    Zum Thema Globales Bewusstein habe ich ein Artikel auf meinem Blog gepostet, der das Projekt Giant Leap – Musik für ein Globales Bewustsein anspricht. Ich würde gerne den Link zu meinem Artikel hier posten. Grüße
    http://www.trendsderzukunft.de/musik-fuer-ein-globales-bewusstsein/2009/02/22/

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