Claudia am 26. Juni 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom goldenen Zeitalter, von Chaos und Beständigkeit

Vom goldenen Zeitalter, von Chaos und Beständigkeit

Kleine Rede gegen alles, was nervt:

Dereinst, als ich mit meiner ersten Webveröffentlichung „Human Voices“ schwanger ging, durchwanderte ich die Netze auf der Suche nach lehrreichen Seiten. Die Einfachheit des neuen Kommunikationsmediums faszinierte uns damals alle, die wir mit wild quietschenden Modems täglich in die neuen Datenwelten aufbrachen und uns daran machten, eine „Heimseite“ zu errichten: der Windows-Editor und ein paar Stunden RauslinkSELFHTML-Studium reichten dafür völlig aus. Mittels weniger Mausklicks traten wir mit unseren schlichten Erstlingswerken ein in die unendlichen Weiten und waren Teil des „globalen Dorfs“ – wow! Eine Art Pfingstwunder begab sich: Auf all den neuen Homepages meldeten sich echte Menschen zu Wort, Leute, die man „einfach so“ ansprechen konnte, ohne einen Grund vorschützen zu müssen. Und nicht nur das, sie waren auch alle ungeheuer nett zueinander, freundlich und jederzeit bereit, zu teilen, was sie hatten. Der „Cyberspace“ hatte seinen kurzen Sommer der Anarchie und erschien als Land der Freiheit und Brüderlichkeit. Und die Sprache des Web, das damals noch so schlichte HTML, tat das ihre dazu und machte erst einmal alle GLEICH.

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Claudia am 19. Juni 2002 — 1 Kommentar

Wahrheit und Tod.

Sterben, wie man lebt: Vaters letzte Tage

Ich stell‘ mir öfter mal vor, ich läge im Sterben und das zöge sich einige Wochen und Monate dahin. Würde ich deswegen eigentlich meine „virtuelle Existenz“ aufgeben wollen? Nicht mehr ins Diary schreiben, was ich über die Welt denke? Keinen Newsletter mehr aussenden und nicht mehr mit Stammgästen und Gelegenheitsbesuchern im Forum plaudern? Bewahre! Es kommt natürlich drauf an, in welchem Zustand ich mich befinde und was für Fähigkeiten mir bleiben: Kann ich noch am Bildschirm lesen? Kann der Mausfinger noch klicken und finde ich noch immer die richtigen Tasten? Wenn ja, sehe ich momentan keinen Grund dafür, etwas zu verändern, mit irgend etwas aufzuhören, das Teil meines Lebens ist, „nur“ weil ich bald sterbe.

Da wir nie wissen, WANN das sein wird, sind wir im Übrigen sowieso immer in derselben Situation. Als mein Vater starb, hab‘ ich zum ersten Mal überdeutlich mitbekommen: Man stirbt ganz genau so, wie man lebt: In dem Maß an Wahrheit und Bewusstheit, zu dem man eben in der Lage ist. Das wird nicht auf einmal mehr oder weniger!

Ich war gerufen worden, weil es mit ihm zu Ende ging. Die Ärzte hatten einen aggressiven, schnell fort schreitenden Krebs diagnostiziert, gegen den sich im Grunde nichts mehr machen ließ, da er bereits „überall“ war. Allerdings durfte ihm das nicht gesagt werden, seine dritte Frau erwartete, dass ich ihm eine Ausrede bezüglich meiner Anreise aus Berlin erzählen würde, irgend etwas mit Computer-Workshops, vielleicht ein Arbeitstreffen. Ja, ich sollte tatsächlich sagen, ich sei wegen Maschinen und Programmen gekommen, nicht etwa wegen ihm.

Meine Güte! Ich war völlig entnervt wegen dieser Zumutung, schließlich bin ich schon das ganze Leben lang der festen Überzeugung, die Wahrheit über den eigenen Zustand dürfe man niemandem verheimlichen. Sollte jetzt also ICH diejenige sein, die das entgegen dem lügnerischen Bemäntelungsverhalten seiner Frau, nach deren Weisungen sich auch alle anderen richteten, durchsetzen sollte? Lag es an mir, zu sagen: Papa, du stirbst?

An Mut hätte es mir nicht gefehlt. Diese ganz persönliche Rücksichtslosigkeit im Namen der Wahrheit war mir dereinst ja sehr nahe. Glücklicherweise hatte ich im Lauf‘ des Lebens schon dazu gelernt, so dass ich auch wahrnahm, dass so ein Verhalten auch immer etwas Eigennütziges hat. Man kann damit rechnen, sich irgendwie GROSSARTIG zu fühlen, wenn man dem Anderen eine existenziell wichtige Wahrheit um die Ohren haut, die er vielleicht lieber nicht hören will – das ist MACHT, vermeintlich im Sinne hoher Werte ausgeübt. Eine gute Gelegenheit auch, sich für Verletzungen aus der Vergangenheit zu revanchieren . Und wer hätte mich je mehr verletzt als mein Vater – damals, als ich noch ein Kind war?

Ich saß ihm Zug nach Wiesbaden und grübelte: Sollte ich brav den Mund halten, wie seine Frau verlangte? Oder sagen, was anliegt – vor ihr? Oder erst, wenn ich mit ihm alleine wäre? Vielleicht gar ganz offen die Kooperation der Lüge verweigern und ihr das bereits vorher „ansagen“? Ich kam zu keinem Ergebnis, für alles gab es ein Für und Wider, die Gedanken überschlugen sich und mir wurde nur immer enger zu Mute, als trüge ich eine zu kleine Rüstung um die Brust. Ich dachte an meinen Vater, stellte ihn mir im Krankenbett vor, erinnerte mich an vergangene Krankenhausaufenthalte, an seine unnachahmliche Manier, mit einem kleinen Stapel medizinischer Fachbücher und Lexika die Ärzte zu beeindrucken. An seinem Bett stehen und über ihn reden, als sei er nicht da, das konnte man mit ihm nicht machen!

Jetzt aber gab es gar nichts mehr zu tun. Seine Macht, seine ganze Kompetenz, andere nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, war obsolet geworden. Wie würde er das verkraften? Niemand sprach ja mit ihm darüber. Alle verbargen das Offensichtliche und taten, als wäre nichts, als werde er bald genesen – wie schrecklich!

Auf einmal musste ich weinen. Ich fühlte die Verzweiflung, die er fühlen musste, angesichts dieser seiner letztlichen Machtlosigkeit – und er tat mir so leid! Schließlich hatte er sich nie im Leben mit diesem Aspekt des Daseins auseinander gesetzt, sondern immer nur darum gekümmert, seine persönliche Macht, seinen Einfluss auf die Dinge zu erhalten, bzw. zu stärken. Er wusste immer, wo es lang zu gehen hatte und was das Richtige sei. „Umgeben von Idioten“ zweifelte er niemals an sich selbst, zeigte es zumindest nicht – es musste furchtbar für ihn sein, am Ende des Machens anzukommen!

Das Weinen rettete mich. Der Schmerz des unerwarteten Mitgefühls befreite mich vom Denken. Ich merkte, dass es nichts zu entscheiden gab, dass ich einfach aus dem Augenblick heraus handeln würde, oder eben nicht. Zur Not würde ich einfach in Tränen ausbrechen, die Ebene des „Vernünftigen“ hinter mir lassen, wo Entscheidungen gefordert sind – meine Güte, was für eine Freiheit!!!! Und nicht nur für diese Situation, sondern ÜBERHAUPT!

Als ich dann an seinem Krankenbett saß, war auch der Arzt da. Schon draußen im Flur hatte er mich über den unveränderten Stand der Dinge in Kenntnis gesetzt: Keine Therapie würde mehr etwas bringen, ja, man könne ihm deren „Nebenwirkungen“ eigentlich auch nicht mehr zumuten. Auch G., seine dritte Frau saß am Bett und schaute voller Angst auf den Arzt, was der wohl jetzt sagen werde.

„Sie sind ein Mann wie ein Baum, aber der Baum ist von innen morsch“, fing er an. Ich schaute auf meinen Vater, der, obwohl völlig wach, die Botschaft nicht zu verstehen schien. Jedenfalls lächelte er, als habe er ein Kompliment bekommen. Klar, er hatte nur die erste Hälfte des Satzes an sich heran gelassen! Ich hörte weiter zu, verfolgte mit äußerster Konzentration dieses denkwürdige Gespräch zwischen dem Arzt und meinem Vater – war das wirklich ein Gespräch? Aus meiner Sicht hatte der Arzt alles in gebotener Deutlichkeit gesagt und nichts verschwiegen – es aber andrerseits meinem Vater überlassen, sich die Botschaften heraus zu suchen, die er vernehmen wollte. Und der wollte auf keinen Fall zur Kenntnis nehmen, dass es mit ihm zu Ende ging, dass auch die medizinische Kunst hier am Ende war. Ich staunte, ja, ich war völlig perplex. Sowas hatte ich bis dahin nicht für möglich gehalten: Man konnte die Wahrheit hören, sich aber vollständig vor ihr verschließen!

Er brachte es sogar fertig, sich eine (völlig nutzlose) Chemotherapie mit „halber Dosis“ zu verordnen – der Arzt hat es ihm nicht verweigert und ich musste zugeben: Ja, das ist jetzt das einzig richtige, das mitmenschliche, nämlich dasjenige Verhalten, das die Selbstbestimmung des Patienten an die erste Stelle setzt. Wenn der es nun mal vorzieht, die Wirklichkeit zu ignorieren und sich bis in die letzten Momente mit fürchterlichen Medikamenten voll zu dröhnen, dann ist das so zu akzeptieren!

Noch ein paar Tage war ich dort, saß täglich am Krankenbett und hörte meinem Vater zu. Der sprach meist ohne Punkt und Komma von Belanglosigkeiten, und wenn ihm mal der Faden ausging, machte seine Frau weiter. Bloß keine Lücke entstehen lassen, in die der Gedanke an die Realität eintreten könnte!

Und doch drang sie manchmal durch die Ritzen seines Bewusstseins. Er war ja selber der Körper, der hier starb, wie konnte ihm das verborgen bleiben? Ich sah, wie er gelegentlich etwas unkonzentrierter wurde, sein aktuelles Thema schien dann zu verblassen, die Aufmerksamkeit sich nach innen zu verlagern, als würde er dort etwas hören…. und sofort umnachtete sich sein Geist. Manchmal kamen noch ein paar Tränen, doch immer gleich auch hilfreiche Halluzinationen, die ihn ablenkten von dem, was er weder hören noch spüren wollte: das Zimmer drehte sich wie ein Karusell, an den Wänden erschienen Bilder in schnellem Wechsel – aufgeregt berichtete er von dem, was er sah, schimpfte auf das Krankenhaus, das nicht einmal die Stabilität der Möbel im Griff habe, verlor sich weiter und weiter in Belanglosigkeiten…

So ist er dann auch gestorben, etwa zwei Wochen später. Zurück in Berlin hatte ich noch mal mit ihm telefoniert: immer noch redete er von der hoffentlich bald eintretenden Besserung, von der Chemotherapie, deren Dosis man vielleicht erhöhen müsse….

Ich habe viel von ihm gelernt. Durch dieses Sterben vermutlich genauso viel und Wichtigeres, als während seines ganzen Lebens. (Danke, Papa!)

In meinem Herzen lebt er, solange es mich gibt.

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Claudia am 18. Juni 2002 — Kommentare deaktiviert für Menschen, nicht Automaten!

Menschen, nicht Automaten!

Insgesamt sind es vielleicht so ein paar hundert Leute, die ich „aus den Anfängen“ kenne. Wie anders ihr Blick auf das Netz doch ist, verglichen mit der Sicht derjenigen, die erst in den letzten zwei Jahren eingestiegen sind! Und immer noch ist es ausgesprochen spannend, zu beobachten, wie das „soziale Neuland“ Unsicherheiten hervorruft, die im „Real Life“ lange schon unter irgendwelche Decken und Teppiche gekehrt wurden.

Missbrauche Menschen nicht als Dienstleistungsautomaten!

Wie kommt zum Beispiel einer, der mich nie zuvor angeschrieben hat, auf die Idee, mir eine Latte Fachfragen vorlegen zu dürfen, weil er offensichtlich zu faul ist, seine Klausur selber auszurecherchieren? (Was versteht man unter dem EVA-Prinzip? Wie viele Zeichen passen auf eine Diskette? Wieviel wäre das in Seiten ausgedrückt? Was versteht man unter Proprietär? usw. usf.). „Wäre nett, wenn Sie mir helfen können“, schreibt er immerhin dazu. Aber WARUM ich meine Zeit opfern sollte, um ihm unbekannterweise Lernarbeit zu ersparen, sagt er mir nicht. Frisch-fröhlich hab‘ ich ihm angeboten, seine Anfrage zu meinem üblichen Stundensatz zu bearbeiten – und dann natürlich nie mehr von ihm gehört!

Vielleicht hat er ja in einem alten Buch oder Artikel gelesen, man solle ruhig fragen. Wer eine Website habe, wolle auch angesprochen werden, die Netizens seien eine fröhliche Schar und ausgesprochen hilfsbereit. Tja, es war aber immer schon ein Missverständnis, dass das bedeutet, einfach andere Leute die eigene Arbeit machen zu lassen. Eigene Bemühungen dürfen dem Um-Hilfe-bitten schon voraus gehen – und DIESE Fragen hätten sich binnen Minuten von Google beantworten lassen.
Merke, Neuling: Missbrauche niemals Menschen als Automaten! Auch wenn beide im Netz ganz ähnlich ‚rüber kommen‘, nämlich durch Texte und Bilder, Zeichen und Symbole, so gibt es da doch noch riesige Unterschiede!

In der Pfeil nach draussenSelf-HTML-Louge diskutieren sie gerade den Stellenwert eines Webforums: ist es eher eine lockere Zusammenkunft, bei der man auch mal ganz wischi waschi ins Unreine plaudern kann? Oder haben diejenigen Recht, die so ein Forum mit preußischer Korrektheit bearbeiten, ihre jeweiligen Argumente wohl erwägen, jedes Wort sehr überlegt setzen und das auch von Anderen so erwarten?

Und hier, in meinem eigenen Board auf einmal die Frage: Kann man „hier“ über Tod & Sterben reden? So mit ganz unbekannten Leuten? Ich fand es anrührend, wie in diesem Fall derjenige, der eigentlich reden wollte, das Thema dann – sensibel für sich selbst – wieder „begraben“ hat: „Du musst ihnen in die Augen sehen .., Du musst ihnen vertrauen können, und sie dir. Sonst kannst du über so ein Thema nicht reden.“ Gefällt mir gut, es wird einfach viel zuviel daher gequatscht, meist „ohne Rücksicht auf Verluste“, man sieht ja nicht, wie es dem anderen gerade geht.

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Claudia am 05. Juni 2002 — Kommentare deaktiviert für Die Einsamkeit des Netizen

Die Einsamkeit des Netizen

„Eines der zentralen Probleme unserer Lebensform ist die Einsamkeit. Und die wird nicht dadurch gelindert, dass wir nunmehr per Internet mit aller Welt kommunizieren können“, sagt der Benediktinermönch und ZEN-Meister Willigis Jäger in seinem lesenswerten Buch „Die Welle ist das Meer“. Richtig, ich fühl‘ mich grad‘ unglaublich einsam – und auf seltsame Weise ANDERS einsam als vor den Zeiten des Netzes.

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Claudia am 31. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Wenn die Worte versiegen: Urlaub im hier & jetzt

Wenn die Worte versiegen: Urlaub im hier & jetzt

Seit Tagen bin ich unfähig, eine Zeile zu schreiben. Setze mich – wie gerade wieder – morgens vor den PC, beginne einen Halbsatz, starre auf die paar Worte, die die Seite verunreinigen wie Fliegenschiss, und vergesse, was ich sagen wollte. Oder ich vergesse es nicht, doch es kommt mir auf einmal lächerlich vor: Worte, mehr Worte, noch mehr Worte – wozu eigentlich? Schreiben ist Abstand halten vom Leben, und wenn es gut gelingt, ziehe ich auch andere hinab ins Schattenreich reiner Vorstellungen, dieses farblose „Leben anstatt“, nachdem wir alle so süchtig sind.

Ich glaube, es war am Montag, als ich mich mal wieder zwischen sechs ungefähr gleich wichtigen bzw. unwichtigen Aktivitäten nicht entscheiden konnte. Eins nach dem anderen taucht dann vor dem inneren Auge auf und eine Art Suchscheinwerfer checkt meine Gefühle zur Sache: hab ich LUST darauf? Winkt eine wie immer geartete Freude? Kann ich wenigstens einen Ehrgeiz befriedigen? Ist da vielleicht eine Angst, die mich antreibt? Und wenn keinerlei Resonanz erfolgt, dann wird das nächste Thema eingeblendet und ganz genauso auf Handlungsbedarf untersucht. Dann das ganze wieder von vorne, mit der ersten Möglichkeit beginnend, es erinnert mich ans TV, wenn die Aktienkurse am unteren Bildrand durchlaufen, um den einen oder anderen Zuschauer zur Kaufentscheidung zu verlocken.

Mehr als eine diffuse Angst im Hintergrund, die mir zu Recht sagt, ich müsse ja doch irgend etwas tun, wenn mir mein Berufsleben mit all seinen Einkommenschancen noch etwas bedeutet, spüre ich nicht. Und auch diese Angst ist kaum ein Gefühl, eher ein Gedanke, ein Pflichtgedanke, der zur inneren Einrichtung gehört wie das Kaffee-Service mit den röhrenden Hirschen irgendwo unten im Schrank, das man nicht wegzuwerfen vermag, solange die alte Tante noch lebt.

Was ist nur los mit mir? Immer öfter zeigt sich mir die Welt auf diese Weise, als ein beliebiges Sammelsurium von Plänen und Pflichten, die ich irgendwie sortieren soll, Prioritäten setzen, erfolgreich abarbeiten, und dann? Das nächste bitte! Ich kann zusehen, wie ich ohne Not neue Vorhaben ins Leben rufe, mich hier oder dort zu diesem und jenem verpflichte, ohne dazu gezwungen zu sein, ja, oft sogar, ohne dafür bezahlt zu werden – warum tu‘ ich das? Wenn mir dies alles sowieso schon als seltsames Schattenreich aus Zeichen und Bildern erscheint, warum setze ich immer noch eins drauf?

Vielleicht ist es besser, mich vom Monitor zu entfernen? – so dachte ich jedenfalls am Montag morgen, stand vom Stuhl auf, öffnete die Balkontür, blickte in den wolkigen Himmel, atmete ein paar Mal tief durch und setzte mich auf den Boden. Mich selber aussitzen, einfach abwarten, bis sich das Kopfkino beruhigt hat, in der Hoffnung, dass sich dann alles wie „von selbst“ sortieren werde – so ungefähr hatte ich es mir vorgestellt.

Aber weit gefehlt! Mir schien, als beschleunigten sich die Gedanken noch, nun, da ich ihnen freie Bahn eingeräumt hatte. Zu den sechs anstehenden Arbeiten fielen mir prompt noch fünf andere ein, dazu die unzähligen Kleinigkeiten, E-Mails, die geschrieben werden müssen, anstehende Korrekturen an verschiedenen Webseiten, Überlegungen, ob ich nicht diese oder jene Seite lieber löschen sollte, anstatt immer wieder veraltete Links zu erneuern, Erinnerungen an abgebrochene Gespräche, als ich selber oder mein Gegenüber plötzlich in Aktivitäten versackt war, ja, und natürlich sind da noch die Projekte, meine Werbe-Seite ist nun echt mal fällig…
Und dann – es gibt ja ein Leben neben der Arbeit! – all die Gedanken ans Elend der Welt, Israel und die Palästinenser, Kampf gegen den Terror, Saddams Massenvernichtungswaffen, Kürzungen im Berliner Haushalt, Streiks, steigende Arbeitslosigkeit, Entlassungen, Insolvenzen, Globalisierung, Wahlkampf – oh Gott, wer rettet mich davor, nun auch noch in diesen Themen-Ozean zu versacken?

Nichts und niemand. Während das Kopfkino zu Hochform aufläuft, wird mir auf einmal klar, dass das immer so weiter gehen wird. All diese Gedankenbits werden sich weiter überschlagen und gelegentlich wird mich etwas davon in Aktion versetzen. Nicht, weil ich etwa sinnvoll Prioritäten setze, sondern weil der Reiz, die Idee, oder auch das, was droht, gerade besonders eindrücklich scheint, jedenfalls eindrücklicher als das zuvor oder später im Focus der Aufmerksamkeit befindliche. Nach außen mag das durchaus wie „Prioritäten setzen“ wirken – umso leichter, als ja doch niemand zuschaut, denn jeder ist mit dem eigenen Kopfkino beschäftigt. Tatsächlich ist da nichts außer einem Getrieben-Sein, eine seltsame Unruhe, die sich als Langeweile manifestiert, wenn man sich – warum auch immer – mal nicht dem Gang der Dinge tätig in die Arme werfen kann.

Ich kann die Augen nicht mehr davor verschließen: Was ich tue oder lasse, was ich denke und schreibe, tu‘ ich zu großen Teilen nicht aus guten Gründen (Geld, Ruhm, Ehre, Welt-Retten), nicht einmal, um einem eigenen Dämon, einem Hobby, einer Marotte zu folgen, sondern ich rede, schreibe, plane, mache meistens deshalb, weil ich nicht anders kann, weil gar keine Alternative zur Verfügung steht. Aufhören ist undenkbar, denn es gibt kein Diesseits des rechnenden Denkens, allenfalls Pausen, Entspannungsübungen, kleine Fluchten – allesamt dadurch gerechtfertigt, dass sie „notwendig“ sind, um den Status Quo zu erhalten, das Dasein „um-zu“: wenn man jeweils am Ziel angekommen ist, ist dort gar nichts, nichts außer der nächsten Aufgabe.

„Du spinnst!“, sag‘ ich mir, bzw. sagte ich mir am Montagvormittag, als ich so auf dem Boden saß und mich ernsthaft fragte, ob ich denn SO noch Jahrzehnte zubringen will: als Reality-Zapper ohne echtes Engagement, ziellos leer laufend im rasenden Stillstand.

Nun, ich wollte es ja „aussitzen“: in meinem Kopfkino sitz‘ ich immerhin in der ersten Reihe. Einfach die Gedanken in aller Gelassenheit und ohne Bewertungen wahr nehmen – irgend wann würde der Strom schon ruhiger werden, nach und nach langsamer fließen, vielleicht gäbe es dann Momente der Stille, in die – toi toi toi! – visionsartig einfallen würde, was wichtig und richtig ist. Mehr noch: Was LEUCHTET, was warm und farbig das Herz berührt!

Denkste! An diesem Morgen hatte ich bereits drei Tassen (Pötte!) Milchkaffee intus, dazu bestimmt schon zehn Zigaretten – auf nüchternen Magen, versteht sich, ich frühstücke normal erst mittags. Mein Herz schlug schneller, ich zappelte herum, wippte mit dem Fuß, zwirbelte die Haut am Fingernagelbett bis es weh tat; es drängte mich, nun endlich aufzustehen, mich wieder „ins Cockpit“ zu setzen und mir eine anzustecken, damit der kurze Nikotin-Flash wenigstens für einen Moment fragloses Wohlgefühl erzeugen möge: Ohhhhh, Einheit von Körper und Geist! Dass meine Bronchien von dieser Art Einheit gerade wahrhaftig genug hatten, war zu hören und zu fühlen, aber offensichtlich spielte das keine Rolle.

Warum das alles? Und wie lange noch? Ich war auf einmal ziemlich entsetzt. Nicht, weil ich mich entgegen aller Vernunft mit Giften beschädige, auch nicht, weil ich vor irgendwelchen Lehrern, Partnern, Weltbildern oder hübschen Gedankengebäuden über ein gesundes Leben in einer besseren Welt gnadenlos versage – nein, ich sah auf einmal die Sinnlosigkeit, das Immer-Weiter-So, das Wiederholen des Immer-Selben.

Nichts von all den vielen Dingen, zwischen denen ich hin- und hergerissen bin, haut‘ mich noch wirklich vom Hocker. Nichts mehr lässt mich fasziniert den Spuren folgen und jeden Einsatz bringen. Nichts scheint mehr so drohend, dass es mir einen richtigen Schreck, eine ordentliche Angst einjagen, mich also in Bewegung versetzen könnte – und dennoch bin ich immer in (mentaler!) Bewegung, MUSS in Bewegung sein, muss ständig zwischen den 10.000 Dingen wägen und wählen. Kann vielleicht – als einziger Notnagel – darüber schreiben, um mich wenigstens ein bisschen als Mensch zu fühlen, als GANZES, das zumindest in der Lage ist, die Lage zu SEHEN, in der es da zappelt.

Das immerhin war noch möglich. Ich sah mich auf einmal ganz klar: Fast immer „Probleme bedenkend“, darüber redend, lesend und schreiben. Sicher, ich mach‘ auch Yoga, gehe sogar ins Fitness-Center, mag Spaziergänge, – aber das Gefühl des „Heimkommens“, das mein Yogalehrer nahe legt, wenn wir uns auf den Körper konzentrieren, fühle ich eher dann, wenn ich mich an den Computer setze. Das ist der Ort, von dem aus ich „meine Welt“ gestalte, erhalte und verwalte, wo mir all‘ meine Ressourcen und die vieler anderer zur Verfügung stehen, wo ich „in Kontakt bin“, zumindest „der Möglichkeit nach“, eben so, wie das Virtuelle in diesem Leben vorhanden, bzw. nicht vorhanden ist und trotzdem voller Kraft: der Kraft nämlich, alles andere restlos zu verschlingen.

Fühlt Euch nicht auf der sicheren Seite, ihr Freunde des Buches und der „Papers“. Sich zurück lehnen und in einen interessanten Essay versinken, auf der Couch liegen und die Welt über einem vielschichtigen Krimi vergessen – auch das ist kein Leben, sondern ist „Lesen über das Leben“. Es braucht keinen Computer, um sich im eigenen Kopf zu verlieren – ich mach’s auch gern per Buch, wie meine Leseliste beweist.

Am Montag jedenfalls hatte ich plötzlich keine Lust mehr auf die geschriebene, gemeinte, erzählte und gezeigte Welt. Ich schaltete den PC aus und räumte ein bisschen das Zimmer auf. Staub saugen, Papierkorb leeren, Tabak, Zigaretten und Aschenbecher entsorgen, Müll runter bringen – alles freute mich, was ich anfassen, riechen und spüren konnte. Selbst Geschirr spülen macht seither Spaß! Die Farben draußen scheinen kräftiger, das Licht kommt heller durch die Wolken, der Himmel ist blauer und die Wolken sind weit dramatischer als ich es gewohnt bin. Wenn ich das Haus verlasse, bestimmten die Füße, wo es lang geht – und am Computer komm‘ ich seit Tagen kaum noch vorbei. Musste mich heut‘ morgen richtig zwingen, es wieder einmal zu versuchen: Drüber schreiben, statt selber leben.

Langsam frag ich mich: Was wird aus mir werden, wenn ich mich der Zeichenwelt dauerhaft entfremde? Wenn das nicht nur eine Pause, eine Art Spontanurlaub im Hier & Jetzt ist, sondern sich eine große Veränderung ankündigt? Ohne Tabak und ohne die kontinuierlichen Koffeinschübe von früh bis spät fühl‘ ich mich deutlich zu wach zum arbeiten, zu spritzig für dieses reduzierte Herumsitzen und in die Tasten tippen, das ich gerade wieder betreibe, damit Ihr nicht glaubt, ich sei verstorben.

Aber selbst wenn alle das dächten, ja, wenn es wahr wäre, wär‘ das denn irgendwie schlimm?

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Claudia am 23. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Der Abschied, die Katze, das Leiden

Der Abschied, die Katze, das Leiden

Die Spannung steigt. Gestern den unterschriebenen Mietvertrag mit sieben Anlagen an den Makler geschickt und die Kaution für die neue Wohnung in Friedrichshain überwiesen. Jetzt muß noch die „Gegenseite“ unterschreiben, dann ist der Umzug „im Kasten“. Eigentlich dürfte nichts mehr dazwischen kommen, doch bin ich gewohnt, nicht auf Dinge zu vertrauen oder gar zu hoffen, die noch nicht ganz sicher sind. (Auch das ein Teil der selbst anerzogenen Verteidigungshaltung gegenüber der Welt: Nichts wünschen, nichts erhoffen, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden). Weiter → (Der Abschied, die Katze, das Leiden)

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Claudia am 23. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Am Puls der Zeit: Bush-Besuch

Am Puls der Zeit: Bush-Besuch

Vermutlich ist es das Alter: Herr Bush und alle, die in diesen Tagen einen solchen Wirbel um seinen Besuch veranstalten, langweilen mich. Heut‘ will er, so ist zu hören, eine HISTORISCHE Rede im Bundestag halten – ach, ich bin mir fast sicher, dass in dieser Rede kein halber Satz vorkommen wird, den man nicht schon kennt, nicht so oder ähnlich erwartet. Und alle Nachrichtensprecher, Kommentatoren und Reporter auf den Straßen tun ebenfalls ihr bestes, vorgestanzte Sätze und Statements auszutauschen. Demonstranten in karnevalesken Kostümierungen geben brav zu Protokoll, gegen was sie jetzt gerade demonstrieren und wenden sich dann wieder dem fröhlich-bunten Miteinander zu. Trommeln dröhnen, die Leute tanzen, einzelne führen akrobatische Kunststücke vor – man kann nicht unterscheiden, wer hier demonstriert und wer nur flaniert, sagt ein Reporter.

Mir reicht es, alles vom TV aus anzusehen, man sieht sehr viel mehr und wenn ich mich ärgere, kann ich es ausschalten. Schon der Karneval der Kulturen am Sonntag war medial betrachtet sehr viel angenehmer, denn es hat die ganze Zeit geschüttet.

Am Dienstagabend kam alles ein wenig näher – wie immer, wenn die Welt „gewalttätige Ausschreitungen befürchtet“, versammelten sich mehrere hundert junge Menschen auf dem Boxhagener Platz, viele mit Bierflaschen in den Händen. Bald war der Bär los, wieder erklangen die „Bush-Trommeln“, ab und an redete jemand Unverständliches in einen Lautsprecher, gelegentlich raffte man sich zu kurzen Sprechchören auf („Hoch die internationale Solidarität!“). Ich ging runter, wollte mal gucken, die Atmosphäre aus der Nähe schnuppern, aber da die Wannen/Einsatzfahrzeuge sich grad von allen Seiten um den Platz stauten, hab mich lieber wieder verzogen. Zwar werde ich normalerweise (altersbedingt..) von den Polizeibeamten nicht mehr als „Zielgruppe“ wahrgenommen, aber es war verdammt dunkel.

Vieles erinnert mich in diesen Tagen an die 80ger, ich war Ende zwanzig, voll begeistert und hoch engagiert „Häuserkampf“, Anti-Reagan-Demo, TUWAT-Festival – oh, wenn ich anfangen würde, davon zu erzählen, wär ich genau wie der Opa, der immer die Geschichten von „damals im Krieg“ zum besten gab, ob sie einer hören wollte oder nicht.

Anders als der nervende Opa bin ich mir nicht sicher, inwieweit ich überhaupt noch ein Geschehen „richtig“ beurteilen kann. Zwar sehe ich die Ähnlichkeit der äußeren Formen zu „früher“, gleichzeitig nehme ich auch Unterschiede wahr. Alles kommt mir ein wenig unecht vor, als zelebrierten die Menschen weitgehend bewusst hohle Rituale, ein Protest ohne Herz und ohne echte Wut, abgeleistet für die Medienwelt weil es nun mal sein muss, wenn ein amerikanischer Präsident kommt. Dass man versucht, dabei ein Maximum an Spaß und guter Unterhaltung mitzubekommen, versteht sich von selbst. Die Bush-Demo als Event der Spaß-Gesellschaft – von den Berlinern nur mit gebremstem Schaum mitgetragen. Zu komplex sind die Themen, nur wenige formulieren noch klare Feindbilder, der Schatten des 11.Septembers hindert viele daran, in ein schlichtes „Ami go home!“ einzustimmen. Auch die befragten Demonstranten äußern sehr differenzierte Meinungen, so dass praktisch jeder etwas anderes sagt.

Das sind meine Eindrücke – inwieweit sie etwas Objektives beschreiben oder mich nur selber spiegeln, kann ich nicht wissen. Berührt hat mich das Statement eines amerikanischen Journalisten, der sagte, er erlebe die Demos nicht als anti-amerikanisch, dieselben Proteste gäbe es weltweit und auch in den USA selbst. Im übrigen sei es gut, wenn in Deutschland demonstriert werde – erst wenn NICHT mehr demonstriert werde, bekäme er Angst.

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