Claudia am 16. August 2005 — Kommentare deaktiviert für Und nochmal: Angst vorm Fliegen II

Und nochmal: Angst vorm Fliegen II

Ein paar Gedanken über Tod, Zeit und die Kunst, zu sterben

Seit meinem Artikel über die „Angst vorm Fliegen“ sind drei Maschinen abgestürzt, bzw. über die Landebahn hinaus geschossen und in Flammen aufgegangen. Letzteres lief erstaunlich glimpflich ab, alle Passagiere konnten rechtzeitig evakuiert werden. Dafür zeigt die neuerliche Katastrophe eines Billigfliegers, dass es noch weit Schlimmeres gibt, als „einfach abstürzen“ – nämlich eineinhalb Stunden mit dem Autopiloten weiter fliegen bis der Sprit alle ist und DANN abstürzen. Die Leute konnten noch SMS versenden – es graust mich, wenn ich es mir vorstelle!

Als ich vor ca. zwanzig Jahren das zweite Mal im Leben in ein Flugzeug stieg, um nach einer anstrengenden Arbeitsphase vier Wochen Tunesien zu genießen, war ich mit mir halbwegs im Reinen: ich WOLLTE diesen Urlaub, hatte genug Geld, um ihn selbst zu organisieren, nach mehreren Jahren ohne jegliches Interesse an „Urlaub“ stand mir der Sinn nach einem Abenteuer. Der Flugangst sah ich tapfer ins kalte Auge, lernte, dass der von der Stewardess angebotene Wodka durchaus helfen kann, und war dennoch überglücklich, in Tunis dann endlich wieder Boden unter den Füßen zu haben.

Doch auf diesem heimatfernen Boden empfingen uns wenig freundliche, martialisch auftretende Polizeikräfte: mein Begleiter hatte vergessen, seinen Pass zu verlängern, wir waren keine Pauschalurlauber mit fest gebuchtem Hotel, also steckte man uns „postwendend“ wieder in dieselbe Maschine und schickte uns zurück, anstatt uns in der Botschaft den Pass verlängern zu lassen.

Jetzt war ich NICHT mehr mit mir im Reinen: für vier Wochen Abenteuer war mir das Risiko als Preis nicht zu hoch gewesen – jetzt aber flog ich gegen meinen Willen. Würde ich JETZT abstürzen, wäre ich nicht „selber schuld“, sondern wäre Opfer der Willkür einer polizeistaatlich agierenden Obrigkeit, der wir suspekt erschienen waren. Seltsamerweise erregte mich das noch weit mehr, als es die Flugangst alleine vermochte. Auf dem Hinflug war ich damit einverstanden gewesen, für vier Wochen Tunesien mein Leben zu riskieren, mich einer dünnen Röhre anzuvertrauen, die mich in zehn Kilometern Höhe durch lebensfeindliche Luftschichten tragen sollte. Ganz bewusst hatte ich meine Lust auf Urlaub ÜBER meine Angst und die Möglichkeit eines Absturzes gestellt – und war mir dabei schon einigermaßen absurd vorgekommen! Wer seine Angst ernst nimmt, sollte vernünftigerweise nur dann fliegen, wenn es unumgänglich ist: wenn zum Beispiel ein Freund oder Verwandter in der Ferne im Sterben liegt, oder ein wichtiges Geschäft, von dem die Arbeit vieler Menschen abhängt, persönliche Anwesenheit erfordert. Und doch war ich aus bloßer Vergnügungssucht eingestiegen – aber immerhin selbst bestimmt!

Die Stewardessen waren sehr verständnisvoll und reichten erneut Wodka, der allerdings meine Flugangst weit weniger gut dämpfen konnte als auf dem Hinflug.

Wenn schon sterben, dann aber selbstbestimmt! Was für ein seltsames Verlangen, wenn man es genau besieht. Es ist allen vertraut, die sich ein „Mittel zum Abtreten“ wünschen, wenn sie an Alter, Krankheit und Tod denken. Wir wollen dem Geschehen nicht hilflos ausgeliefert sein, sondern über einen „Ausschaltknopf“ verfügen – um uns damit dem Tod vorzeitig in die Arme zu werfen, anstatt seinen „Anblick“ zu ertragen.

Dass da kein Tod ist, solange wir leben, und im Tod kein Subjekt mehr existiert, das sich über etwas erregen könnte, ist ein so abstrakter, bloß logischer Gedanke, dass er dem lebendigen Fühlen der Angst nicht wirklich etwas entgegen setzen kann. Ähnlich wirkungslos bleibt für das gewöhnliche Bewusstsein die Weisheit, dass es keine Zeit gibt, sondern allein den Augenblick, das „ewige Jetzt“: Vergangenheit existiert nicht, es gibt nur die Erinnerungen, die JETZT in uns leben. Zukunft ist ebenso wenig real, wir denken sie uns nur, machen uns Sorgen, hegen Wünsche und verfolgen Pläne – alles hier und jetzt, wann denn sonst?

Das sind immer wieder gern vorgetragene „Trostgedanken“ aus spirituellen oder naturwissenschaftlichen Kontexten, doch erscheinen sie mir oft als reine Abwehr gegen das Schreckliche, von dem man nicht hören und nicht lesen will. Lebt denn der, der so spricht, selber leibhaftig „im ewigen Augenblick“, frei von jenem Missbrauch der Fantasie durch den Verstand, der uns gewöhnlich Beschränkten so selbstverständlich ist wie die Luft zum Atmen?

Ja, wir gruseln uns gerne mal, das Kino- und Fernsehprogramm ist eine einzige Seelenmassage, die Erregungszustände vermittelt, denen wir uns in gesicherter Distanz wohlig hingeben – aber am Ende soll die Familie wieder zusammen finden, das Paar muss glücklich werden, der Held triumphieren, oder sein Tod soll bittschön einen Sinn haben, der über das Übel hinaus weist. Alles andere schwächt uns nur im täglichen Kampf ums Fortkommen, wo immer es hingehen mag. Also bitte, lieber Mitmensch: Sorge dich nicht, lebe! (Aber vergiss nicht den regelmäßigen Gesundheits-Check!).

Nach innen fliehen?

Das Erleben der Flugangst hat mir eine Einsicht vermittelt, die nicht durch bloßes Lesen und intellektuelles Verstehen vermittelbar ist, sonst hätte ich sie schon seit Jahrzehnten „intus“. Ich hatte mich immer schon gefragt, warum in den verschiedenen Meditationswegen auf bestimmten Stufen versucht wird, alles Sinnliche vollständig auszuschalten. Ein Bewusstsein ohne Inhalt, ein Schweben im Nichts – was sollte das bringen? In vielen Jahren Yoga und durch das Durchleben einer tiefen Lebenskrise war mir das Vermögen zugefallen, die Welt des Denkens und Sorgens durch Konzentration auf den Atem und die körperlichen Empfindungen auszuschalten – nicht nur „beim Üben“, sondern jederzeit. Dadurch erlangte ich ein – verglichen mit dem früheren Zustand – unglaublich friedvolles Lebensgefühl, von dem aus es eine regelrechte Anstrengung bedeutet, die Welt der Alltagssorgen, des Ehrgeizes und der sozialen Ängste noch „richtig ernst“ zu nehmen.

Auch eine gewisse Arroganz gegenüber den „gewöhnlich Besorgten“ ging damit gelegentlich einher, die ich gar nicht mochte und sorgsam verbarg. Schließlich hatte ich selber lange genug ein „verspanntes Leben“ geführt, es war mir peinlich und entsprach nicht meinem Wertesystem, nun auf Andere herab zu sehen, anstatt liebendes Mitgefühl zu empfinden. Am tibetischen Buddhismus bewunderte ich umso mehr die Methoden, dieses Mitgefühl in der Psyche zu erzeugen und zu stabilisieren, doch war es niemals mein Weg, mich einer Lehre anzuschließen und – über einen sehr diesseitigen Yoga hinaus – „ernsthaft zu praktizieren“. Soviel spirituelles „Streben“ packe ich einfach nicht, dafür bin ich zu faul, zu undiszipliniert, zu genusssüchtig. Es verhält sich damit ähnlich wie mit dem Thema „Ordnung“: nicht, weil mir eine Tradition oder Autorität „Ordnung“ als hohen Wert nahe legt, räume ich mittlerweile meine Wohnung auf, sondern weil ich festgestellt habe, dass ich zu faul bin zum Suchen – und weil mich Chaos von dem ablenkt, womit ich mich gerade beschäftigen will.

Aber zurück zur Sache: Im Flugzeug versuchte ich automatisch, der Angst mit der gewohnten Konzentration auf den Körper zu begegnen – aber das half nur sehr beschränkt. Ich vermied den Blick aus dem Fenster, hielt mir zeitweise Augen und Ohren zu und schaffte es so, die Fluggeräusche weitgehend auszublenden. Ich beobachtete den Atem, der sich ein wenig beruhigte, doch die Angst, die aus dem „Spüren“ kam, konnte ich nicht besiegen. Mein Bauch fühlte das Zittern der Tragflächen, das Ruckeln in den Turbulenzen, da war nichts zu machen. Und so verfiel ich immer wieder den Angstgedanken, sah mich abstürzen, in Panik geraten, aufschlagen und sterben.

Es liegt auf der Hand, dass ein weiterer Schritt „weg von alledem“, eine Praxis der leibfreien Meditation, die auch auf das Spüren des Körpers und Beobachten des Atems verzichten kann, hier äußerst nützlich wäre: Nach innen fliehen, wo die Flucht nach außen unmöglich ist – und nicht nur in einem Flugzeug, sondern auch in der Situation, die mit Sicherheit auf jeden von uns zukommt: Wenn das Ende in Sicht ist und das Leben nichts mehr bietet, das zum Bleiben verleiten könnte.

Dass ich deshalb jetzt zu einer „ordentlich Meditiererin“ werde, bezweifle ich. Dafür fliege ich einfach zu selten. Die Arroganz des „entspannten Bauches“ ist mir aber gründlich vergangen – und das ist ja auch schon was!

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Claudia am 27. Juli 2005 — Kommentare deaktiviert für Angst vorm Fliegen

Angst vorm Fliegen

Jede Angst ist im Grunde eine abgeschwächte und verkleidete Form der Todesangst, die als „letzte Angst“ hinter allen anderen Ängsten steht. In der Angst, beim Mitmenschen nicht anzukommen, nicht genug anerkannt oder geliebt zu werden, fürchten wir die Einsamkeit, den sozialen Tod. Die Angst vor Veränderungen, vor dem Wandel der Lebensumstände und vor dem Verlust gewohnter Sicherheiten bedroht unsere Selbstsicherheit, denn das Selbst, das wir sichern wollen, besteht oft aus nichts als Identifikationen mit dem einen oder anderen Besitzstand: meine Freunde, meine Stadt, meine Wohnung, mein Auto, mein Konto, meine Arbeit – wenn etwas davon wegzufallen droht, ist es, als ob ein „Stück von mir“ stirbt.

Lebensangst

Lange schon lebe ich mein Leben, ohne viel von diesen Ängsten zu spüren. Selbst wenn das Konto mal stark im Minus ist, kann ich Gelassenheit bewahren, gerate nicht in diese gehetzte und bedrückte Stimmung, die mich vor Jahrzehnten bei solchen Gelegenheiten um die innere Ruhe brachte. Da meine Laune nicht vom materiellen Besitz abhängt und es mir nie wichtig war, meinen Lebensstandard ins Luxuriöse zu steigern, hab‘ ich keine großen Verluste zu befürchten – klar, es wäre verdammt nervig, von der Freiberuflerin zur Harz4erin zu werden, doch vor allem wegen der damit verbundenen Bürokratie und der Beschränkung spontanen Handelns, nicht so sehr wegen der Armut selbst, die es bedeutet.

Ich hänge allerdings an meiner Wohnung und am Ort, an dem ich lebe. Das ist mir bewusst und ich rechne damit, zu leiden, sollte ich diese Wohnung mal nicht mehr halten können. Glücklicherweise ist sie relativ preiswert, genau wie die Lebenshaltungskosten in meinem Stadtteil. Also ist „im Prinzip“ im Moment nichts zu fürchten – toi toi toi! :-)

Stress mit dem Mitmenschen?

Mit Menschen hab‘ ich ebenfalls keine tiefer gehenden „Probleme“ mehr. Früher litt ich darunter, wenn jemand nicht so war, wie ich ihn mir erträumte, und fühlte mich ständig verletzt, wenn er meine Erwartungen nicht erfüllte. Doch irgendwann hatte ich es endlich geschnallt: das Glück kommt NICHT vom Anderen, kommt nicht von „außen“, sondern aus einem inneren Ort „Nirgendwo“, über den ich jetzt keine weiteren Worte machen will. Man kennt ihn oder eben nicht, man kann ihn nicht redend und schreibend teilen oder vermitteln. Er ist meine eigentliche „Heimat“, und alle Nähe, alles beglückende Miteinander, alle Verbundenheit mit Freunden und Geliebten zehrt allein von meinem Zugang zu jenem ortlosen Ort, an dem ich NIEMANDEN brauche, sondern bei mir selbst zuhause bin: wenn ich die Stille in mir nicht finde, finde ich nirgendwo sonst Erfüllung, sondern reibe mich nur auf in ewig sehnsüchtiger Suche am falschen Ort, immer wieder neu enttäuscht vom Mitmenschen, der als Glückslieferant zwangsläufig versagen muss.

Im Alltag bin ich deshalb nicht etwa gleichgültig, kann mich immer noch aufregen, ärgern, enttäuscht sein – aber anders als früher sehe ich, dass das automatenhafte psychische Prozesse sind, zum Leben gehörig wie der Schmerz, den ich empfinde, wenn ich mich in den Finger schneide: man sagt „aua!“, aber den Seelenfrieden bringt es nicht wirklich in Gefahr.
Es geschieht, ja, aber in dem Moment, in dem ich es als ganzen Prozess ins Auge fasse, einschließlich all der Bedingungen, die genau diese Realität herstellen, erkenne ich meinen kreativ-schöpferischen Anteil an dem, was mir dann als „Elend“ begegnet: sobald ich Erwartungen hege, mir ein Bild vom Mitmenschen mache, dem er gefälligst zu entsprechen hat, werde ich darunter leiden, wenn er dann anders reagiert, als erwartet. So sicher, wie mich das Messer in den Finger schneidet, wenn ich es in die falsche Richtung lenke.

Ich benutze immer noch Messer und schneide mich gelegentlich – vermutlich ist es meine persönliche Faulheit und Schlaffheit, dass ich mich nicht aufraffe, allerlei vermeidbare Leiden aus meinem Leben zu verbannen. Auch in Bezug auf meine Mitmenschen versuche ich nicht krampfhaft, keine Erwartungen entstehen zu lassen – ich erinnere mich nur, wenn das Leiden dann eintritt, dass ich daran erheblichen Eigenanteil habe. DAS schafft ausreichend innere Distanz zum eigenen Ärger, vergleichbar der zum Schmerz beim Schnitt in den Finger. Für mich reicht das momentan, was den Seelenfrieden angeht. Angst ist keine Begleiterin mehr in meinem Umgang mit Anderen – was will ich mehr?

Todesangst

Wie steht es aber mit der Angst vor dem Tod? Oft negieren Menschen, mit denen ich über sie spreche, dass sie da ist, dass sie hinter allem anderen, was uns bewegt, auch immer DA bleibt, solange wir leben. Schließlich wüssten wir ja alle, dass wir sterben, dass wir nur ein Stäubchen im Kosmos sind, in dem sowieso ständig alles bedroht ist. Morgen kann ein Meteor auf die Erde stürzen und alles ist vorbei. Ein Dachziegel kann mich treffen, die letzte Krankheit ist vielleicht nur noch nicht diagnostiziert, die statistische Lebenserwartung nur geringfügig zu überschreiten – alles lange bekannt! Das habe ein geistiger Mensch mit dem Intellekt durchdrungen, sagt mir ein Freund, und damit sei die Angst transzendiert und nicht mehr virulent.

So? Ich glaube kein Wort davon. Dass wir täglich alle unseren Alltag leben und die vielfältigen Bedrohungen genau wie das unvermeidliche Ende aus dem Bewusstsein ausblenden, ist eine Art nützliches Scheuklappen-Leben, bei dem wir uns alle gegenseitig unterstützen. Zivilisation ist die Lizenz zum Halbschlaf. Und gerade gerät dieser Halbschlaf durch die weltweiten Terror-Anschläge auch hierzulande in Gefahr, was viele dazu bewegt, ihre Urlaube umzubuchen – man möchte abschalten und nicht aufpassen müssen, nicht ständig an Gefahren denken. Das sind mir nicht mehr gewohnt und verteidigen unsere kollektive Illusion der Sicherheit mit vielerlei Mitteln.

Am Rande der Panik

Auf dem Flug nach Venedig bin ich der Todesangst begegnet – und dann wieder auf dem Flug zurück nach Berlin. Es war die dritte Flugreise meines Lebens und jedes Mal hatte ich MEHR Angst als beim Flug zuvor. Eine Angst, wie ich sie sonst nie und nirgends im Leben spürte, eine vom Körper und vom innersten Gemüt ausgehende kreatürliche Angst angesichts der sofortigen Vernichtung, die ein Absturz bedeuten würde. Der Blick aus dem Fenster auf Wolken unter mir oder auf die Erde aus unglaublicher Höhe versetzt mich fast in Panik – FAST, denn ich kann sie durch Konzentration auf den Atem und weitgehendes Ausschalten aller Sinneseindrücke halbwegs kontrollieren. Kontrollieren in dem Sinne, dass ich brav auf dem Sitz bleibe und nicht auffällig werde – aber NICHT etwa wegbekommen! Noch jetzt spüre ich die Reste der starken Kopf- und Nackenverspannung, die ich mir während dieser eineinhalb Stunden eingehandelte, obwohl seither mehr als 36 Stunden verstrichen sind. Diesen Text zu schreiben, lässt es mich erinnernd wieder fühlen – es ist das grauenhafteste Gefühl, das ich kenne. Kein Schmerz, kein persönlicher Verlust, kein Liebeskummer, keine Krankheit kommt auch nur ansatzweise an dieses furchtbare Angstgefühl heran, das mich im Innersten ergreift, wenn ich die Flugbewegungen spüre: das Beschleunigen oder Bremsen, das Ruckeln der Tragflächen in Turbulenzen – oder auch nur der Blick aus dem Fenster, wenn ich nicht zwanghaft in die andere Richtung schaue.

Es ist, als bliebe die Summe der Angst immer gleich. Da ich sie im Lauf eines halben Jahrhunderts aus weiten Teilen meines Lebens ausgeschieden habe, sammelt sie sich eben in der letzten Ecke und zeigt sich da in ganzer Stärke: Siehe, du bist sterblich, da kannst du machen, was du willst! Da rettet dich kein inneres Wachstum, keine Gelassenheit im Umgang mit Menschen und Dingen, keine innere Distanz durch Beobachten – rein gar nichts!

Dem Tod ist man (ja, MAN, nicht nur ich!) unrettbar ausgeliefert, weder Kampf noch Flucht ist mehr möglich. Dass ich DAS kein Stück „transzendiert“ habe, haben mir diese Stunden „über den Wolken“ gezeigt.

Es ist in Ordnung, diese Tatsache per Flugangst erlebt zu haben. Im Grunde wusste ich es immer schon, nur hab‘ ich es nicht GESPÜRT (meine früheren Flüge sind zwanzig und dreißig Jahre her, ich hatte es vergessen, bzw. verdrängt). Unter anderem ist dieses drastische Erlebnis ein Lehrstück über die Machtlosigkeit des Intellekts, der mit seinem Wissen über die statistische Gefährlichkeit bzw. Sicherheit des Fliegens angesichts real gefühlter Todesangst nichts auszurichten vermag – weniger als nichts!

Oder doch?

Ausweichen durch Betäubung und Vermeidung der Wachheit, das ist es, was vermutlich geht. Sollte ich noch einmal in diesem Leben in ein Flugzeug steigen wollen (wozu ich im Moment nicht die geringste Lust verspüre!), werde ich mich mit den Errungenschaften der Pharmaindustrie wappnen: in leicht euphorisierter Gleichgültigkeit dahin schweben, Valium, Prozac, oder was immer das Mittel der Wahl sein mag, in den Adern kreisend – vielleicht ist Fliegen ohne Todesangst SO ja möglich (Tipps dazu sind ausdrücklich erwünscht!).

Ob ich es damit dann riskiere, weiß ich aber noch nicht. Man muss ja nicht unbedingt fliegen, am Boden ist es ausgesprochen schön.

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Claudia am 23. Mai 2005 — Kommentare deaktiviert für Alt werden und darüber sprechen

Alt werden und darüber sprechen

Entgegen der Grammatik wird man in unserer Gesellschaft erst „älter“ und dann „alt“. Und spätestens seit Erreichen des 50. Jahrs kann ich mich nicht mehr hinstellen und sagen: Was geht mich das an? Ich bin SO, wie ich gerade bin, fühle mich im Wechsel der Tagesform und längerer Stimmungszyklen besser oder schlechter, was zum Teufel soll nur dieser Eiertanz ums Lebensalter? Individuell kann ich zwar so empfinden, doch auf einmal ist das eine Anschauung, die ich wie eine exotische Mindermeinung gegenüber einem überwältigenden Mainstream verteidigen müsste – ohne dass ich so genau erkennen könnte, warum eigentlich.

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Claudia am 09. Mai 2005 — Kommentare deaktiviert für Kommunikativer Burnout?

Kommunikativer Burnout?

„Warum also eine Person, eine fassbare Figur im unfassbaren Virtuellen?
Ich finde, es ist vollkommen ueberflüssig, als Person a,b,c
etwas darzustellen, (wenn man nichts will außer Unterhaltung)“.

Gibt es denn Menschen, die nur Unterhaltung wollen? Nobodys eindringlicher Diskussionsbeitrag zum Thema „Kommunikativer Burnout“ fragt nicht danach, doch der kurze Satz in Klammern fällt mir auf, hält mich fest, stößt ein paar Gedanken an, die – sofern ich ihnen Raum gebe, andere nach sich zu ziehen – gewiss für ein Gedankenspiel im „Diary-Format“ reichen. Etwa drei Din A4-Seiten, gutenbergisch gesprochen, verfasst in ein bis zwei Stunden ruhiger Beschaulichkeit: Gedanken beschauen und sortieren, in Sätze und Absätze hintereinander reihen, in den Pausen an der Form feilen, damit die Sprache auch schön fließt – wenn die Freude am „richtigen Sound“ eines Textabsatzes das Interesse am Inhalt übersteigt, ist man reif fürs Literarische.

Dahin hab‘ ich es noch nicht gebracht, eher überkommt mich das große Verstummen. Das kommunikative Universum ist über alle Maßen vollgestopft. Unzählige Themen zwängen sich in immer schnelleren Rhythmen durch den Flaschenhals der persönlichen Aufmerksamkeit. Nichts meinen, nichts sagen, nichts schreiben erscheint als einzig denkbare Gegendemonstration, hilfloser Akt der Zärtlichkeit gegenüber möglichen Lesern: nein, du musst nicht auch noch lesen, was ICH über den Pabst denke, über die „Unwucht in der Gesellschaft“, über dies und das und jenes noch, was mir so durch den Kopf geht, wenn ich an dies und das und jenes denke. Genieße den Moment der Stille!

Kompletter Unsinn, ich weiß! Wer hierher surft, will auch etwas lesen, will ein neues Gedankenspiel im Diary-Format, will fünf Minuten Lebenszeit dafür opfern und ist frustriert, wenn sich nichts Neues findet. Dieser „gefühlte Erwartungsdruck“ hat mich oft in Bewegung versetzt, vor allem in den wilden Anfangsjahren des Web, als die bloße Möglichkeit, selbst zu publizieren, noch neu, grundstürzend anders und aufregend war: Selber mitreden, als Person wahrgenommen werden, eine Stimme sein im großen Konzert und alles dafür tun, dass sie auch gehört wird – wow, wie spannend!

Das ist lange her. Alle damit zusammen hängenden, zigmal diskutierten Fragen sind verblasst oder beantwortet, zum Beispiel diese:

„fragt man sich: was will ich, was soll eine Aktion im netz
bewirken, wie will ich mich darstellen?
will ich ueberhaupt eine selbstdarstellung?
bin ich kuenstler? brauchts zu einem kunstwerk
einen Kuenstler, gibt es keine fuer sich alleinstehende kunst?

So eine Frage erzählt mir über den Fragenden, dass er Gründe haben muss, sich zu verstecken. Vielleicht ist er schüchtern oder hat Angst, in anderen Zusammenhängen zu dem stehen zu müssen, was er im Netz publiziert; vielleicht ekelt er sich vor dem eitlen Tanz um die eigene Person, die oft einziger Inhalt einer Netzpublikation ist – alles mir wohl bekannte Motive, die mich jedoch nicht auf die Suche nach dem frei stehenden Kunstwerk gehen ließen, sondern dazu bewegten, von solchem Grübeln einfach abzusehen. Wenn ich schreibe, drücke ich aus, was sich schreiben will, was zum Ausdruck drängt, und wenn ich bemerke, dass mir ein Thema zu „brisant“ ist, um mich damit zu zeigen, bin ich um eine Selbsterkenntnis reicher. Der „Hot Spot“ bleibt mir im Bewusstsein und kommt in die Schublade „Unerledigtes“: möglichst vor dem Sterben noch zu lösen. (Die „Wiedervorlage“ geschieht dann von ganz alleine, ich brauche die Schublade nicht extra durchsehen.)

„Du kannst eine Zeit lang deinen „Narktwert“ ins Unermessliche
steigern, ich wette: früher oder später wirst du erschrocken feststellen,
dass dein Marktwert dich selbst gefressen hat.“

Das ist eine Erkenntnis, die der neuen Blogger-Generation noch bevorsteht. Ich erlebte das 1997/1998, als ich bemerkte, dass ich zur Angestellten meiner eigenen Webprojekte geworden war. Jede Leserreaktion, jeder Wunsch und jede Kritik, jede Erwähnung oder gar Diskussion meiner Werke anderwo und auch der „Zählerstand“ erreichte mich als „Arbeitsanweisung“. Zwar verdiente ich kein Geld mit diesen Just-for-Fun-Publikationen, doch ich „war jemand“ – und das reichte, um mich am Gängelband des eigenen Geltungsbedürfnisses festzuhalten, immer im Bemühen, noch MEHR zu sein, MEHR zu werden oder zumindest den erreichten Status zu verteidigen. Dass ich dabei „ganz nonkommerziell“ agierte, empfand ich als ausgesprochen honorig – bis ich bemerkte, dass mich gut bezahlte Medienschaffende gern als „kostenlosen Content“ benutzten, mich interviewten und fotografierten und dabei Tagessätze oder Monatsgehälter kassierten, von denen ich nur träumen konnte.

Diese und andere Irritationen führten dazu, dass ich meine Webprojekte einstellte und die Domain claudia-klinger.de einrichtete. Fortan schrieb ich fast nur noch Diary: EIN Format für alle Themen, EIN Name, nämlich mein Name, der, der im Ausweis steht und sich nicht verändert – und nur noch schreiben, wann und was ich will, im immer gleichen Design, Ruhepunkt in einer veränderlichen Welt, wo selbst der Metzger um die Ecke von heut auf morgen verschwindet.

Vermutlich verschwinde ich nicht, obwohl die momentanen langen Pausen darauf hindeuten könnten. In meinen Kursen, insbesondere im „Erotischen Schreiben“ erlebe ich eine Form des „nützlich Seins“, das deutlich über das hinaus geht, was in sporadischen 3-Seiten-Artikeln zu leisten ist. Da sind Menschen, die sich tiefer einlassen, die Zeit und Geld investieren, um sich mit einem „brisanten Thema“ zu befassen, Menschen, die bereit sind, etwas zu wagen, etwas von sich zu zeigen, das persönlich nahe geht und nicht nur bloße Meinungsäußerung ist. Es berührt mich, macht Freude und gibt mir das Gefühl, einen sinnvollen Dienst zu leisten.

Ein weiterer Grund für meine Diary-Enthaltsamkeit ist vielleicht das „Format“ selbst: Drei Seiten zu diesem oder jenem – das erscheint mir im Moment einerseits zu kurz, andrerseits zu lang. Meine Hauptthemen sind durch, im Lauf der Jahre mehrfach dreiseitig durchreflektiert. Um tiefer zu gehen, müssten die Texte länger werden, um „unterhaltend“ an wechselnden Oberflächen zu kratzen, kürzer und prägnanter.

Noch weiß ich nicht, in welche Richtung es gehen wird, doch will ich zumindest eine Blog-Software installieren, um die „kurze Form“ technisch zu unterstützen. Länger schreiben kann ich dann ja immer noch! :-)

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Claudia am 08. März 2005 — Kommentare deaktiviert für Ein paar Vorschläge in Sachen „Reformen“

Ein paar Vorschläge in Sachen „Reformen“

Immer Sonntagabends wird bei Sabine Christiansen die Lage der Nation verhandelt. Nach Lindenstraße, Weltspiegel und Tatort (Sonntag ist mein Fernseh-Tag) bin ich dabei, wenn es zur Sache geht: 5,2 Millionen Arbeitslose, Hartz 4, Globalisierung, Verschuldung, Bürokratie – eine Never-Ending-Story, bei deren medialer Verhackstückung durch Christiansen & Co. mir oft die Haare zu Berge stehen. Je mehr Parteipolitiker in der jeweiligen Talk-Runde sitzen, desto kindergartenhafter wird der Stil der Gespräche, umso peinlicher die Art, wie sie alle gleichzeitig reden, einander ins Wort fallen, um selber Endlosreden zu halten, die von Christiansen erst dann punktgenau unterbrochen werden, wenn ausnahmsweise mal etwas Interessantes gesagt wird. Es ist purer Masochismus, das freiwillig mitanzusehen, aber offenbar brauche ich die sonntagabendliche Fortsetzung des deutschen Dramas, mehr jedenfalls als die je nächste Folge der Lindenstraße.

Weg mit den Kopfpauschalen!

Daneben hab‘ ich genug Gelegenheit, die Realität zu sehen: das absurde Behördentheater, das rund um die „Reformen“ entsteht, bekomme ich von betroffenen Freunden hautnah mit. Gerade hörte ich von einer Bekannten, dass sie eine Ich-AG gründen muss, „um übers nächste Jahr zu kommen“. Als Sprachlehrerin (derzeitiges Haupteinsatzgebiet: Deutsch für Ausländer) hat sie viel zu tun, aber niemand will sie fest anstellen und die Sozialbeiträge aufbringen. Als Selbstständige verdient sie jedoch nicht genug, um die Einstiegspauschalen für die Kranken- und Rentenversicherung zu bezahlen (zusammen knapp 600 Euro). Behördlich vorgeschlagene Lösung: eine Ich-AG – da gibt’s die 600 Euro mal zumindest für ein Jahr als Förderung. Und dann wird man weiter sehen… Natürlich nicken alle Beteiligten den Plan ab, auch diejenigen, die neuerdings die Geschäftspläne der Ich-AG-Gründer zertifizieren, deren „Aussicht auf Erfolg“ bestätigen oder verneinen sollen.

Ich erinnere mich, dass es nach dem Platzen der Börsenblase hieß, die Versicherungskonzerne hätten sich gewaltig verspekuliert und seien ernsthaft „am Wackeln“. Vielleicht dient ja die ICH-AG im Wesentlichen der Stabilisierung privater Versicherungen: unzählige neue Selbstständige zahlen die hohen Kopfpauschalen, die hierzulande auch Kleinstverdienern abgefordert werden, wenn sie denn freiberuflich oder unternehmerisch tätig werden. Wogegen jeder Angestellte die entsprechenden Beiträge nach seinem tatsächlichen Verdienst berechnet bekommt (und zur Not ergänzende Sozialhilfe/ALG2) – eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, über die sich, soviel ich weiß, noch nicht mal die FDP beschwert.

Früher einmal, in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums, konnte man davon ausgehen, dass jemand, der in die Selbstständigkeit geht, in der Regel auch ordentliche Gewinne machen wird, die es ihm erlauben, sich problemlos zu versichern. Das aber ist lange vorbei, jeder Hinz und Kunz, der noch einen Antrag schreiben kann, wird gedrängt, „Unternehmer zu werden“ – nun denn, dann ist es aber höchste Zeit, auch die Rahmenbedingungen anzupassen. Und zwar auf dem direkten Weg, nicht über lachhafte Umwege wie die „Ich-AG“! Wer nicht genug verdient, um die Versicherungen zu bezahlen (also z.B. nur soviel Einkommen hat, wie es etwa ALG2 plus Miete entspricht) sollte auch nicht zahlen müssen – egal, ob angestellt oder selbständig. Das entstehende Defizit müsste direkt aus Steuern ausgeglichen werden, wie es in der Rente ja durchaus üblich ist. Dafür wäre die Mehrwertsteuer zu erhöhen, die von ALLEN gezahlt wird, nicht nur von den Arbeitenden. Und auf Seiten des Selbstständigen wäre eine „gläserne Selbständigkeit“ hinzunehmen, solange die staatliche Förderung benötigt wird.

Weg mit den 1-Euro-Jobs!

Und wo ich schon mal dabei bin, alles besser zu wissen, mach ich gleich damit weiter: Weg mit den 1-Euro-Jobs! Normale Stundenlöhne für alle!
Schön, aber nicht finanzierbar? Doch, denn ich würde das als Arbeitspflicht für alle Arbeitsfähigen anlegen: Wer z.B. alles in allem 700 Euro ALG2 bekommt, hätte die Pflicht (und auch das Recht), diese 700 Euro zu einem marktüblichen Stundensatz in gemeinnützigen öffentlichen Diensten abzuarbeiten – wenn möglich im Rahmen der eigenen Qualifikation, wenn nicht, auch in anderen Berufsfeldern. Selbst mein Freund M., seit Jahr und Tag „glücklicher Sozialhilfeempfänger“, fände das gerecht und weit menschenwürdiger als die absurden 1-Euro-Jobs. Mit all den zusätzlichen Arbeitskräften, die so auf einmal zur Verfügung stünden, könnte vieles geleistet werden, was sich der verarmte Staat anders nicht mehr leisten kann, vor allem im sozialen Sektor. Es wäre ein ehrliches Geben und Nehmen – warum also nicht?

Kindergartenpflicht!

Es wird derzeit viel darüber geredet, dass der Kindergarten keine bloße Betreuungseinrichtung mehr sein darf, dass BILDUNG schon bei den Kleinsten anfangen muss, dass man den Defiziten sozial problematischer Elternhäuser so früh wie möglich etwas entgegen setzen muss. Warum also nicht der Schulpflicht eine (auch durchzusetzende!) Kindergartenpflicht voran stellen? Fehlentwicklungen könnten rechtzeitig entdeckt, manche Katastrophe könnte verhindert werden. Weniger Kinder würden unbemerkt verhungern (man denke an den Fall in Hamburg!), geprügelt und vergewaltigt werden, oder – weniger furchtbar aber gleichwohl schädlich – zum übergewichtigen Coach-Potato heran wachsen, noch bevor es eine Schule von innen gesehen hat. Natürlich dürfte der Kindergarten nichts kosten und das wäre insgesamt richtig teuer, dafür aber mal eine lohnende „Investition in die Zukunft künftiger Generationen“, wie sie in der immer älter werdenden Gesellschaft ganz gewiss gebraucht wird. Wer soll uns denn mal unterhalten und pflegen, wenn die Kinder „wegen Herkunft“ bereits in frühen Jahren alle Chancen verlieren?

Weg mit der Kehrwoche im Schwabenland!

Ist es nicht eine Schande? Inmitten der dramatischsten Situation auf dem Arbeitsmarkt seit Gründung der Bundesrepublik bestehen die Schwaben darauf, ihre Treppenaufgänge noch immer selbst zu putzen!! Wo bleibt da die soziale Verantwortung? Könnten hier nicht unzählige Jobs im Niedriglohnsektor geschaffen werden, die in anderen Bundesländern viele Menschen vor dem Abstieg ins ALG2 bewahren? „Wir können alles, außer deutsch“ – so stellen sich die Schwaben gerne selber dar und sind dann auch noch stolz auf sich! Zumindest das Selber-Putzen könnten sie zugunsten des Großen & Ganzen verlernen und in Zukunft an fleißige Objekt-Pfleger delegieren. Ihre „Häusle“ bauen sie ja auch nicht mehr selber, sondern lassen Firmen und Handwerker machen! Etwas mehr Gemeinsinn stände Euch wohl an, liebe Landsleute! Als gebürtige Schwäbin, die es erst nach Hessen und dann in die Hauptstadt verschlagen hat, darf ich das wohl mal sagen – und kann darüber hinaus bezeugen, dass es sich auch ohne Kehrwoche angenehm leben lässt!

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Claudia am 04. März 2005 — Kommentare deaktiviert für Suchen und finden

Suchen und finden

Als ich neulich mal wieder die Statistik des Digital Diary ansah, die ich aus sentimentalen Gründen noch immer von Webhits erfassen lasse, beeindruckte mich die Zusammenstellung der Suchbegriffe, über die die Menschen hierher finden. Ich geb‘ sie einfach mal wieder – und verknüpfe einzelne Worte mit den entsprechenden Artikeln:

porno für frauen (20), digital diary (11), „porno für frauen“ (7), diary (4), digidiary (3),
tunnelblick (3), DIGITAL DIARY (2), Tietze Syndrom (2), tietze-syndrom (2), tietze syndrom (2), Fremde Zigaretten, sinn des lebens nachwuchs, bemalte fassaden in berlin,

Kinderbande, KOMISCHES ZUCKEN IN DER BRUST, Digital Diary CD-Rom, die hässlichsten mütter der welt, Die Feuerwehrmänner vom 11 September, Vor- und Nachteile des Lebens auf dem Land, „mein traum Mann“, sinn des lebens erörterung, Porno für Frauen, speiseeis werbung, „Porno für Frauen“, Sitz-/Steh Arbeitsplatz OR
Schreibtisch OR Tisch
, Bilder über liebe, sinn des lebens, Das Rätsel das mich wach hält, fesseln an Stuhl, benimm frau links rechts, golferarm operation, „der andere ist mein Spiegel“, im code, Deeskalation, bondage geschichten,
Matrix, digital sinn, gesundstuhl, bondage geschichten gefesselt, porno von frauen für frauen, randale, Dehnübungen bei Tennisarm, Tunnelblick, adorno denk nicht, fitnesscenter, windows
schutzverletzung
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Fazit:

Interessant, so eine Zusammenfassung des Begehrens der Suchmachinen-benutzenden Allgemeinheit! Diene ich also der Menschheit mit diesem Diary? Der Sinn des Lebens? Ok, dazu schreibe ich eine Menge, wenn auch nie analytisch. Im Bereich „Porno für Frauen“ hab‘ ich dagegen noch kaum etwas geleistet – immerhin ist das Lustgespinst ein Anfang! :-) Vielleicht sollte ich „download + pay“ anbieten, im erotischen Sektor gibts offenbar den festen Willen, zu bezahlen!
Das Tietze-Syndrom begleitet mich noch immer, mal nervt es, mal gerät es in Vergessenheit – und noch immer weiß niemand, was es eigentlich ist, Pech für die Suchenden! Etliches findet sich dagegen zum Thema Ergonomie, Sitzschäden, Mausarm: gerade sitze ich auf meinem neuen „Gesundstuhl“ und kann jetzt sogar aufstehen, den Tisch hochfahren und im Stehen weiter arbeiten – ich müsste es nur öfter mal tun!

Was ein Hühnertraktor sein soll, weiß ich nicht – aber meine Huhn- und Traktor-Seiten werden täglich mehrmals angesehen, wie schön! Ein „freier, heioßer Bildschirm“ kommt mir aber nicht ins Zimmer, ich mach‘ doch nicht jeden Scheiß mit…

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Claudia am 24. Februar 2005 — Kommentare deaktiviert für Alt werden und Sterben

Alt werden und Sterben

„Du hast nur deshalb Angst vor dem Ersticken, weil du noch nicht mitten drin bist! Sterben ist immer JETZT!“, sagt M. mein Ex-Lebensgefährte. Unser Gespräch nach dem gemütlichen gemeinsamen Abendessen, das ich immer Mittwochs für ihn koche, kreist um Tod und Sterben. Genauer gesagt darum, wie wir es gerne hätten, wenn’s soweit ist. Er möchte am liebsten draußen in der Natur sein, sitzend an einen Baum gelehnt meditieren, bis die Barbiturate wirken. Weiter → (Alt werden und Sterben)

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Claudia am 03. Februar 2005 — Kommentare deaktiviert für Blicke nach drinnen

Blicke nach drinnen

Wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, entstehen dort kreisförmige Wellen, die hübsch anzusehen sind. Wenn es windig ist und die Wasseroberfläche nicht gänzlich ruhig, sind sie weniger schön: verzerrt, auseinander gerissen, chaotisch.

Hätte der Stein ein Selbstbewusstsein, würde er vielleicht denken: „Oh, wie großartig! Ich bin ein Genie: so tolle Kreise hat noch keiner hingekriegt!“ Und im andern Fall würde er sich in Selbstvorwürfe stürzen: „Mist, ich kann es nicht, ich bin vollkommen unfähig!“.

Oft geht es mir nicht anders als dem Stein. Ich bin identifiziert mit den Wirkungen meines Tuns oder Lassens und vergesse, dass auch ich geworfen werde. Vielfältige „Ursachen“ bewirken mein Handeln, mein Begehren und Bewerten: Selbst wenn ich lange nachdenke und eine Sache von allen Seiten betrachte, bevor ich mich entschließe, etwas Bestimmtes zu tun, ist die Lage nicht anders. Die, die ich geworden bin, kann nicht anders, sondern eben „nur so“. Das ist dann der „Klinger-Stil“ im Umgang mit dem Leben und üblicherweise ist all dieses Erleben, Abwägen und Handeln mit dem Gefühl eines ICHs verbunden, das Träger all dieser Handlungen ist und sich in diesem Rahmen frei fühlt.

Über dieses Thema ist schon viel philosophiert worden, doch die abstrakte Fragestellung, wie „frei“ der Mensch überhaupt sein kann, interessiert mich nicht mehr so. Mir geht es um die Praxis, das tägliche Leben. Da finde ich mich immer wieder in mehr oder weniger irrationalen Bestrebungen und Tätigkeiten verhaftet: Ich rauche, ich sehne mich nach Arbeit A, wenn ich gerade B verrichten muss, worauf ich mich vorgestern noch richtig freute. Ich klebe vor dem PC, auch wenn der Körper lange schon signalisiert, dass es genug sei. Und ich hänge am regelmäßigen Besuch der Sauna, als sei sie der Garant fürs Seelenheil, obwohl ich doch da nur ein bisschen schwitze.

Wenn es mich nach etwas verlangt, fühle ich mich ganz besonders stark als „Ich“: Ich bin so bescheuert, ab und an Lust auf ein fettes Eisbein mit Sauerkraut zu haben – nun ja, das bin halt ICH! Deshalb, oder wegen all der anderen Verrücktheiten, die MEIN Leben ausmachen, lass ich mir doch von niemandem an den Karren fahren! Ich bin 50 und darf endlich ALLES. Wer sollte mir mit welchem Recht sagen, ich sei auf dem falschen Dampfer? Auf dem falschen Dampfer ganz ich selbst sein ist schließlich immer noch besser, als mich zu verkrampfen und ständig anders sein zu wollen – mit meistens eher weniger als mehr Erfolg.

Ran an den Feind…

Richtig und falsch: Lange Zeit kommen diese Bewertungen von außen, man versucht, sich danach zu richten oder dagegen zu rebellieren. Die Gesellschaft, die Herrschenden, die abendländische Kultur, die Megamaschine – alles böse, wahnsinnig, bekämpfenswert!

Später ist es dann der eigene Verstand, der der Feind zu sein scheint: Was nicht „verstanden werden“ kann, was irrational und unlogisch ist, ist irgendwie nicht in Ordnung. Als Gegenwehr gegen diese allzu beschränkte Sicht beginnt man, gegen den eigenen Verstand anzugehen: Ich bin doch nicht nur Großhirnrinde – der ganze große Rest will auch sein Recht, seine Freude und seine Spielfelder im Leben! Fühlen, Intuitionen, „innere Gewissheiten“ werden auf einmal die wesentlichen Identifikationspunkte: Weil ICH es will, ist es gut so! Niemand muss mich verstehen, auch nicht der eigene Verstand. Freiheit ist, einfach da sein und so sein, wie ich nun mal bin. Wenn ich damit aufhöre, ständig eine Andere sein zu wollen, ist alles gut.

Punkt, Schluss!? Zu Ende philosophiert für dieses Leben? In letzter Zeit bemerke ich das Auftauchen eines neuen Gefühls, das man leicht mit alten, lange überwundenen psychischen Instanzen verwechseln könnte. (Zum Beispiel mit dem inneren Sklaventreiber, der sich stets zu Wort meldet und sagt: Du SOLLTEST ..! ) Und doch ist es ganz anders, nicht vorwurfsvoll, nicht drängend, nicht verurteilend – mehr eine Frage, die gelegentlich auftaucht, wenn ich mal wieder viel Herzblut auf mein „So-Sein“ verwende, wenn ich meine persönliche Freiheit, bzw. das, was ich dafür halte, einfach genieße: Ist das schon alles? Willst du das jetzt bis ans Lebensende so betreiben? Jaaaa, du kannst! Du darfst! Niemand redet dir rein und wenn es jemand tut, lässt du dich nicht beirren. Nun und? WAS fängst du damit an?

Es ist KEIN schlechtes Gewissen, wie man meinen könnte. Sondern eher wie unerfüllte Liebe – die ganz große Liebe, die sich niemals mittels eines konkreten Menschen erfüllt. Eine Liebe zu ALLEM – und die Unzufriedenheit entsteht daraus, dass sie sich nicht genug verströmen und mitwirken kann, wenn ich meine Lebensenergie allzu sehr aufs ganz persönliche Streben, was immer es gerade sein mag, konzentriere.

Mir einen Ruck geben und „was Nützliches tun“ ist da nicht das Mittel der Wahl. Das habe ich im Leben allzu oft praktiziert, es ist nur Kratzen an der Oberfläche. Ich kann mit dem Verstand (noch?) nicht sagen, WAS die andere Qualität ausmacht, bzw. ausmachen würde, wenn ich dem folge. Im Moment weiß ich nicht mal, wie ich „dem folgen“ sollte! Also halte ich mich an das, was ich bereits kenne: Hinsehen, genau hinsehen, was geschieht – ohne Bewertung, ohne Umerziehungsabsichten.

Kein Nest nirgends

Als ich vor vielen Jahren mal das Glück hatte, mehrere Monate in einem Toskanischen Bauernhaus verbringen zu können, schaute ich mir mangels Alternative auch alles sehr genau an. Damals war es ein Blick nach draußen: die Natur, das Wetter, die Pflanzen und Tiere, die Nachbarn und ihre Aktivitäten, die Anwohner und Touristen. Insbesondere die Insekten fand ich sehr interessant, wohl deshalb, weil mich manche davon erschreckten oder gar anekelten. Das gab sich im Lauf meiner Beobachtungen. Ich begann, sie zu bewundern, und auch, sie ein bisschen zu erforschen.

Da war etwa ein kleines Wespennest am oberen Ende eines Balkens, der am Zaun zwischen Wiese und Weg lehnte. Nachts, als die vielleicht dreißig Bewohnerinnen nicht mehr wild herum flogen sondern friedlich schliefen, löste ich das Nest vom Balken und legte es auf einen anderen Balken, einen guten Meter entfernt. Am Morgen sah ich dann, wie die Wespen ausflogen, aber nicht zurück fanden. Sie umschwirrten den ursprünglichen Balken, die Stelle, an der das Nest gehangen hatte und ich fragte mich, was sie dort wohl hinzog. Da war ja nichts mehr!

Lange sah ich ihnen zu. Ihre bewusstlose Automatenhaftigkeit irritierte mich, sie gefiel mir nicht. Ich spürte Bedauern, Mitgefühl – aber nicht so sehr für DIESE dreißig Wespen, die ihre Heimat verloren hatten, sondern für alle Wespen und Insekten, die ihren inneren Programmierungen folgen (müssen…), ohne den Schimmer einer Chance, zu erkennen, was wirklich los ist. Ohne jede Möglichkeit, zu lernen, das größere Ganze in den Blick zu nehmen und entsprechend zu handeln. Wie furchbar!

Kann ICH das denn? Erkenne ICH im Fall des Falles, dass „da kein Nest ist“, wenn ich mich zielstrebig und voller Verlangen in eine Richtung bewege, in die es mich zieht? Sehe ich, „dass da nichts mehr ist“, wenn ich zum Beispiel in Folge immer noch vorhandener psychischer Altlasten nach DIESEM strebe und JENES vermeide?

Es fühlt sich seltsam an, sich als eine solche Wespe zu erkennen. Wenn das innerste Verlangen nicht „Ich“ ist, sondern auch nur ein Programm, das ins Leere läuft – was dann? WER bin ich dann?

Jedenfalls bin ich sehr gespannt, ob dieses „Sehen“ etwas ändert! Kann ich aufhören, das Nest zu suchen, wo es keines mehr gibt? Vielleicht niemals eins gegeben hat?

Schau’n wir mal!

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