Claudia am 20. Januar 2010 — 16 Kommentare

Vom Glauben an die Wahrheit der Bildschirm-Texte

Wo die Worte fehlen

Schon lange bemerke ich schmerzlich, dass in unserer deutschen Sprache wichtige Worte fehlen. Vor allem vermisse ich einen Begriff, der dem „Druck“ entspricht: Einen Text abdrucken, in Druck geben, einen Drucktermin einhalten – was sagt man da, wenn es sich um Web-Veröffentlichungen oder die Anzeige auf anderen Gerätschaften handelt?

Neben der Eingabemaske, in die ich diesen Text gerade tippe, steht ein Button mit der Aufschrift „Publizieren“. Ok, das ist – genau wie „veröffentlichen“ – ein Begriff auf höherer Abstraktionsebene, den wir hilfsweise gebrauchen, um den Mangel zu umschiffen. Will ich aber über das Veröffentlichen digitaler Texte etwas sagen, das nicht zugleich auch gedruckte Texte meint, wird es schwierig. Auch die englische Sprache, bei der wir uns in solchen Fällen oft bedienen, hat da nichts im Angebot. Wie seltsam nach nun doch schon gut 15 Web-Jahren!

Wenn der Tricorder Wirklichkeit wird…

Aber zur Sache: Ein Leser hat unter meinem Artikel zum derzeitigen „Google-Bashing“ angemerkt, dass „Informationsmonopole“ immer schlecht seien. Er meinte damit die kurzen Erklärungstexte, die Google (bzw. die Anwendung „Goggles“) auf entsprechenden Handys anzeigt, wenn man mit ihnen auf einen Gegenstand zeigt, z.B. ein öffentliches Gebäude. Zudem seien diese Texte „unter Wikipedia-Niveau“.

Ich erinnere mich noch gut an die beliebte Serie „Raumschiff Enterpreis“, in der die Helden regelmäßig mit dem sogenannten „Tricorder“ auf unbekannte Gegenstände zeigten und so eine ungefähre Antwort auf die Frage „was ist das?“ erhielten. Mit „Goggles“ kommt man dieser einst so futuristisch wirkenden Funktionalität nun schon ziemlich nahe. Und doch scheint das manche Menschen mehr zu verstören als zu erfreuen – warum nur?

Nicht Gottes Wort, nur Goggles Suchergebnis

Immerhin ist der Leser, der den Kommentar schrieb, über Wikipedia-Texte offenbar im Bilde: es handelt sich NICHT um die Offenbarung von Gottes Wort, sondern um freiwillig und unbezahlt verfasste Texte vieler Aktiver, die sich im besten Fall gegenseitig korrigieren, manchmal aber auch nicht. Das zu wissen, ist ein wichtiger Teil heutiger Medienkompetenz – bezüglich verschiedenster anderer Bildschirmanzeigen scheint es da aber noch sehr zu mangeln.

Was auf einem Handy als Erklärtext erscheint, hat zu stimmen – und weil das so ist, spricht man auch gleich vom „Informationsmonopol“ des Anbieters dieser Texte. Dabei ist auch Goggle nichts als eine automatisierte Suche quer durch Daten, die Google gesammelt hat, Daten, die irgendwann irgendwo von irgendjemandem ins Netz gestellt wurden, allenfalls mittels statistischer Abgleiche etwas mehr mit „Wahrheitsvermutung“ versehen als eine reine Zufallsauswahl.

Was man schwarz auf weiß nach hause trägt…

Wie lange hat es gedauert, bis Menschen begriffen haben: Was in einem Buch steht, muss nicht unbedingt die Wahrheit sein? Was man „schwarz auf weiß nach Hause tragen“ konnte, galt noch bis kürzlich als deutlich glaubwürdiger als die Meinung des Nachbarn oder die Rede des Vorgesetzen. Dem entsprechend war „ein Buch schreiben“ eine unglaublich honorige Tätigkeit, die der Gestalt des „Autors“ eine hohe Reputation brachte – alles vorbei! Spätestens seit das Book on Demand (Bod) das „Bücher machen“ ganz ohne Verlage und Lektoren jedem ermöglicht, der sich die Arbeit machen will, ist den allermeisten einst so Buch-Gläubigen klar: GEDRUCKT heißt nicht gleich WAHR!

Medienkompetenz durch Mitschreiben

Das Web war nun, anders als der Buchdruck, vom Start weg ein Mitmach-Medium. 1996 war HTML noch so einfach, dass jeder Ahnungslose binnen weniger Stunden eine Webseite online bringen konnte. Allerdings interessierten sich noch nicht viele dafür und in den Folgejahren wurde es komplexer und komplizierter: nur die Autodidakten der Anfangszeit konnten locker mitlernen, was es Neues gab. Für Neueinsteiger wirkte das Web schon bald viel zu elaboriert, um noch auf die Idee des Selber-Machens zu kommen. Erst die Blogs der Nuller-Jahre machten mittels ihrer vereinfachten Nutzungsweise wieder klar: Jeder kann ins Web schreiben, was er mag. Und dieses Mal wurde die Chance auch massenhaft ergriffen – und beiläufig gelernt: Was im Web steht und in den Google-Suchergebnissen angezeigt wird, muss noch lange nicht „die Wahrheit“ sein.

Wer allerdings noch nie selbst etwas im Netz veröffentlicht hat, íst immer noch leicht empört angesichts dessen, was es da so alles zu lesen gibt. Der alte „Glaube ans Gedruckte“ überträgt sich unbewusst aufs Web und dem entsprechend groß ist die Frustration: Soviel Schrott, Extremes, Oberflächliches, Hingerotztes – furchtbar, dieses Internet! Natürlich gibts auch jede Menge Passendes und sogar „Richtiges“, aber – oh Schreck! – man muss SELBST beurteilen, wem man glaubt und wem nicht. Sich zu orientieren und die vielen Info-Quellen zu filtern und zu beurteilen, ist eine Fähigkeit, die erst gelernt werden muss. Das ist unbequem, braucht Zeit und Befassung, weshalb sich viele damit begnügen, das zu kritisieren, was ihnen vorgesetzt wird – zum Beispiel vom Google-Suchalgorithmus.

Mobil machts auch nicht wahrer!

Indem das Netz mobil wird und das „Cockpit PC“ als Zugang zum neuen „Gedächtnis der Menschheit“ immer entbehrlicher wird, wird die Situation noch unübersichtlicher: Anzeigen auf kleinen Handy-Screens kann noch nicht „jeder“ selbst erstellen – aber doch viel mehr Leute als der gemeine Alt-Handy-User gewohnt ist. Zigtausende I-Phone-Apps werden von den Programmierern der Welt schon zum Download angeboten – und Google macht mit seinem offenen „Nexus“ der Abschottungs-Strategie von Apple (= es kommt nur ins Angebot, was Apple absegnet) Konkurrenz. Was im Web zu sehen ist, kann in vielerlei Formen auf dem Smart-Handy erscheinen -wird aber durch diesen Transfer nicht etwa WAHRER!

Und so werden zukünftig noch viele Menschen in Sackgassen landen, die an die 100%ige Stimmigkeit ihrer jeweiligen Navis glauben. Die „Street-View“, die so viele Vorgartenbesitzer auf die Palme bringt, veraltet verdammt schnell und zeigt falsche Ansichten. Und was als Erläuterung zu den Dingen der Welt als Erklärungstext erscheint, ist auch nur das, was irgend jemand mal zu diesem Gegenstand geschrieben hat. Durch Geräte und Alghoritmen haben wir nicht etwa ein Abo auf die Wahrheit. Sondern nur einen anderen Zugang zu unserer beschränkten, immer mal wieder fehlerhaften menschlichen Sicht der Dinge.

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Claudia am 16. Januar 2010 — 24 Kommentare

Sennett im SPIEGEL-Interview: Über Daten und Macht

Dem SPIEGEL ist es derzeit wichtig, Google als die große böse Datenkrake anzuprangern. So wird der Spruch „Die Stasi war eine Organisation wie Google“ zur Headline eines Interviews mit dem von mir sehr geschätzten US-Soziologen Richard Sennet. Wer das Interview tatsächlich liest und nicht nur die Überschrift „scannt“, merkt schnell, wie tendenziös SPON hier agiert. Denn Sennett sagt schon auf Seite 1:

„Wer sich um die Privatsphäre sorgt, sollte sich um die Regierung Sorgen machen, nicht um Google. Wer sich wirklich um die ökonomische Ausbeutung von persönlichen Daten Sorgen macht, sollte sich mit dem Kapitalismus beschäftigen, nicht mit Google.“

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Claudia am 13. Januar 2010 — 10 Kommentare

Morgendliche Aufreger

Was für eine verrückte Existenz: ich schaue links aus dem Fenster, erblicke den verschneiten Rudolfplatz, die blattlos in den Himmel ragenden schwarzen Äste der Bäume, den verhangenen Himmel. Seit Tagen ändert sich da nichts, es ist ja schon etwas Besonderes, dass da mal Schnee liegt.

Ganz anders der Blick ins Web. Da überfliege ich auf die Schnelle die über Nacht von Rivva und anderen zusammen gestellten Artikel und konsumiere die aktuellen Aufreger: Google droht, sich aus China zurück zu ziehen, stellt das Zensieren ein und berichtet von Angriffen auf die eigene Infrastruktur; schweres Erdbeben in Haiti, ein „platt, uninformiert, spekulativ und dünn recherchierter“ SPIEGEL-Schwerpunkt über Google; Alvar Freude sichtet „Sendezeitbegrenzungen“, Zwangs-Labeling und Internet-Sperren im Entwurf des neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrages, 12 Millionen Deutsche machen Falschangaben im Web, was der IT-Branchenverband Bitkom glatt als „Tricksen“ und „Schwindeln“ hinstellt und so eigene Probleme mit dem Datenschutz offenbart. Dass Google mit einem neuen Speicherplatz-Angebot tendenziell die Festplatten überflüssig macht, hatte mich noch nächtens zum Schreiben inspiriert, doch gegen all die anderen Themen von heute ist das schon wieder eine marginale Fußnote.

Draußen auf dem Rudolfplatz liegt ungerührt von alledem der Schnee. Nichts hat sich verändert, doch hab‘ ich jetzt das Gefühl, schon recht viel „erlebt“ zu haben – ein Empfinden, das sich nach Sichtung meiner Mailboxen noch deutlich verstärkt. Hier sind die Nachrichten persönlicher, liebe Freunde melden sich, Auftraggeber/innen schreiben, was aktuell zu tun ist, ja, gleich mach‘ ich mich dran! Im Kopf scanne ich meine ToDo-Liste, der ich dieses Jahr noch keine geschriebene Form geben wollte: alles noch übersichtlich, ich muss nicht hetzen – wie schön.

Vielleicht gehe ich nachher mal raus und laufe durch den Schnee.

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Claudia am 08. Januar 2010 — 8 Kommentare

Kino-Erfahrung: AVATAR 3D

Wow, was für ein Film! Noch heute beim Aufwachen standen mir die spektakulären Bilder vor Augen, anscheinend hab‘ ich gleich noch davon geträumt. Von der irrsinnig übersteigerten „Natur“ auf Pandora, wo die Berge in der Luft schweben, Blätter und Bodenpflanzen geheimnisvoll leuchten, Bäume kilometerhoch wachsen und die schlanken, ranken, starken und hübschen Einwohner so mystisch-naturverbunden auf ihren Drachen reiten.

Dazu der aufs Schärfste ausgewalzte Kontrast zu den „Himmelsmenschen“ der technischen Zivilisation, die für irgend ein teures Gestein die ganze Schönheit in Schutt und Asche legen wollen, weil die Gesetze nun mal so sind (der Börsenzyklus, Rendite binnen 3 Monaten etc. – wir kennen es!). Und zwar mit wahrlich martialischen Flug- und Kampfmaschinen, die alles übersteigen, was ich in älteren Filmen je zu Gesicht bekam!

Die immerselbe Sündengeschichte „Gute Wilde, die im Einklang mit der Natur leben, werden von bösen Ausbeutern mit Herzen aus Stein angegriffen“ hämmert Hollywood hier ein weiteres Mal meisterlich in die Seelen der Zuschauer. Da stört es nicht besonders, dass die Gegenwehr mit Pfeil und Bogen gegen vielfach gepanzerte Kampfhubschrauber zuerst lächerlich scheitert, später aber mit genau denselben Bögen das Panzerglas der Angreifer locker durchdrungen wird. Und die schönen Humanoiden und Avatare: mit Bäumen und Drachen verbinden sie sich mittels ihres wundersamen Haarschopfes, wenns aber um die Liebe geht, ist auf einmal wieder KÜSSEN und die „klassische“ Vereinigung angesagt – wirkt hier seltsam spießig. Weiter → (Kino-Erfahrung: AVATAR 3D)

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Claudia am 07. Januar 2010 — 13 Kommentare

Zwischen Winterschlaf und Aufbruchsstimmung

Nach all den Jahresendfesten hat diese Zeit anfang Januar einen ganz eigentümlichen Charakter. Als kollektives Thema steht allenfalls noch das Bemühen im Raum, die mittels forcierter Schlemmereien zugewachsenen Pfunde wieder loszuwerden. Ansonsten muss es jetzt einfach wieder los gehen, das „ganz normale Leben und Arbeiten“, auch wenn da draußen ein Winter daher frostet, wie wir ihn lange nicht hatten.

Selber schwanke ich zwischen Winterschlaf und Aufbruchstimmung, leider noch mit Betonung auf ersterem. Die Kälte hat etwas Lähmendes, auch wenn man geschützt im Warmen sitzt. Zu einer kleinen Veränderung meiner Bloglandschaft hab‘ ich mich immerhin schon entschlossen: Das Modersohn-Magazin wird sich wieder auf meinen Stadtteil Friedrichshain konzentrieren und verstärkt über Lokales berichten. Und dazu gibts auch einen Twitter-Account (MoMagBerlin), in dem FHainer News die Hauptrolle spielen – mal sehen, wie weit ich ins „Lokale“ noch einsteige. Weiter → (Zwischen Winterschlaf und Aufbruchsstimmung)

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Claudia am 30. Dezember 2009 — 11 Kommentare

Jahresendbesinnung 2009

Wenn ich nach den Themen gehe, die per E-Mail-Spam in meine Mailboxen schwappen, so bewegte in diesem Jahr der Wunsch nach „Abnehmen“ und „mehr Stehkraft im Bett“ die Menschen wie nichts anderes. Das war nicht immer so: es gab Jahre der Penisverlängerung und solche der immer billigeren Hypothekenkredite, wobei letztere eine weltweite Wirtschaftskrise auslösten. Hätte man den Spam damals richtig interpretiert, hätte man sie voraus gesehen!

Lacan: „Das Begehren begehrt das Begehren des Anderen“

Was sagt nun dieser massive Wunsch nach einem schlankeren Körper, der zudem sexuell Olympia-fähig sein soll? Mir scheint, es geht um eine weitere Drehung der Spirale in Richtung Privatisierung und Vereinzelung der Individuen: jeder soll gefälligst sein Glück selber schmieden, sich marktförmig (jung, schlank, straff, superpotent) zurichten und so die „Nachfrage“ nach dem Produkt dieser Bemühungen steigern. Begehrt werden wäre dann die Erfüllung – solange man es schafft, die geforderte Fitness und „Beauty“ aufrecht zu erhalten. Weiter → (Jahresendbesinnung 2009)

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Claudia am 27. Dezember 2009 — 9 Kommentare

Blog-Ladezeiten verbessern: ein Nachmittag als Nerd

So, wie findet Ihr die aktuelle Ladezeit des Digidiary? Gestern – und auch schon in den letzten Tagen – fiel mir auf, dass es mittlerweile unerträglich lahmte. Wer hier mitdiskutiert, hat ja einen Grund, mehrere Sekunden zu warten, bis sich endlich was zeigt. Aber spontane Besucher? Eher nicht…

WordPress-Blogs haben allgemein die Unart, im Lauf der Zeit immer voluminöser und lahmer zu werden: man bindet dieses und jenes Feature ein, probiert Zusatzmodule aus, erweitert die Style-Datei (mit den möglichen Formatierungen), klatscht GoogleAds und interaktive Web2.0-Gimmicks dran – und merkt in der zunehmende Betriebsblindheit gar nicht, dass das Blog kaum noch in akzeptabler Zeit auftaucht.

Testen, testen, testen…

Also machte ich mich gestern dran, das zu ändern. Ein Test mit einer statischen Seite (meine Homepage) zeigte, dass der Server an sich recht schnell ist – es musste also am Blog und seinen vielfältigen Einzelteilen liegen, die ja erst beim Aufrufen zusammen gesetzt werden. Aber WELCHE Teile waren nun der Grund der Langsamkeit? Weiter → (Blog-Ladezeiten verbessern: ein Nachmittag als Nerd)

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Claudia am 24. Dezember 2009 — 6 Kommentare

Fröhliche Weihnachten!

So, meine Ente brutzelt im Ofen und vor mir liegen ein paar wirklich ruhige Tage: an Weihnachten arbeitet (fast) niemand, das ergibt eine fast körperlich spürbare Entlastung von jeglicher Erwartung des Funktionierens. Sehr angenehm!

Ich werde gut essen, vor mich hin träumen, spazieren gehen, im Web lesen, was andere so machen – und vielleicht hier und da auch was schreiben, noch mehr nach Lust und Laune als sonst schon. Es freut mich, dass über Twitter und Blogs ein kleiner Blumenladen in Berlin grade noch gerettet wurde – wär schön, wenn wir mit der ganzen Welt so weiter machen könnten. :-)

Früher war ich Jahrensendzeit-Muffel, weil ich mich zu allerlei Fest-Ritualen fast verpflichtet fühlte. Das ist heut‘ vorbei und so kann ich mich sogar an allerlei Weihnachtlichem freuen – ein „Fest der Liebe“ ist ja eigentlich was Tolles!

Ich wünsch Euch allen rauschende Feste oder ruhige Tage – und nochmal Danke für die angenehme Art, wie hier im Diary immer diskutiert wird!

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