Thema: Alltag

Claudia am 01. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für Film: Warum immer nur das eine?

Film: Warum immer nur das eine?

Im Kino gewesen: THE CELL angesehen und gestaunt! Den Kritiken kann ich voll zustimmen: Story recht dünn, doch spektakuläre Bilderwelten und Effekte beeindrucken so sehr, dass der Besuch lohnt. Die Rahmenhandlung braucht nur wenig Worte: hübsche Psychologin wird über Hirn/Computer/Hirn-Interface mit häßlichem Serienmörder verschaltet, reist in dessen Bewußtsein, um ihm den Aufenthaltsort seines letzten, noch lebenden Opfers zu entlocken: Der begehbare Frauenmörder als virtueller Freizeitpark für alle. Weiter → (Film: Warum immer nur das eine?)

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Claudia am 28. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Yoga – meine Geschichte

Yoga – meine Geschichte

Endlich mal wieder deutlich früher aufgestanden: um sieben anstatt erst um halb acht. In der dunklen Jahreszeit besteht eine Neigung, länger im Bett zu bleiben, doch genau das trägt zum Winterblues bei. Je später man aufsteht, desto kürzer wirkt der Tag, umso länger die Nacht, die jetzt schon kurz nach vier beginnt: Was um Himmels willen soll ich diese ganze lange Zeit tun? Manchmal beneide ich die Bären um ihren Winterschlaf! Die morgendliche Nacht wirkt dagegen inspirierend, die Stille ist voller Versprechen, langsam verdichtet sich die Energie in Richtung Tag, die Morgendämmerung setzt ein, hier draussen noch immer in Stille. Wunderschön.

So ungefähr an zwei Dritteln aller Tage übe ich morgens von 8 bis 9 mit meinem Lebensgefährten Yoga. Eigentlich hatte ich nie vor, das morgens zu machen, doch letztlich hat es sich so ergeben: es ist sehr viel schwerer, einen Tag – und sei er noch so eintönig und ereignislos – zu unterbrechen, um eine Stunde Übungen zu machen, als gleich morgens damit zu beginnen. Das gilt erst recht, wenn es Übungsformen sind, die sowieso einen leeren Geist benötigen, bzw. erst richtig erfahren werden können, wenn das Gedanken-Wandern im Kopf zum Erliegen kommt oder zumindest von der Konzentration auf den Atem dominiert, wenn schon nicht ganz abgelöst wird.

1991 hab‘ ich mit Yoga angefangen, eine wirklich lange Zeit. Ich möchte gar nicht wissen, was aus mir geworden wäre, wie ich heute das Leben spüren bzw. nicht spüren würde und was ich darüber dächte, wenn ich NICHT mit Yoga angefangen und es stets und ständig fortgeführt hätte. Acht Jahre mit Unterstützung meines ZEN-inspirierten Lehrers in seinen wunderbar kleinen Gruppen von jeweils nur vier Schülern! Der einmal-die-Woche-Termin hat sich dadurch als Minimum eingespielt, das ich mit wenigen Ausnahmen all die Jahre durchgezogen habe, auch in lustlosen Zeiten. Doch per „einmal die Woche“ geschieht im Yoga nicht viel. Ich kann von Glück sagen, dass Hans-Peter es fertig brachte, meine Motivation zu Beginn derart zu steigern und regelmäßig neu zu entfachen, dass ich die ersten Jahre fast täglich übte. Allein die Veränderungen der Befindlichkeit, die sich im ersten halben Jahr ergaben, gerieten deshalb spektakulär und taten das ihre, mich weiterhin bei der Stange zu halten. Auch später gab es viele lange Phasen, wo das Üben zumindest in Richtung täglich tendierte oder sich bei zwei bis dreimal pro Woche einpendelte.

Wenn eine Übungsweise mal so weit in einem Leben etabliert ist, gewinnt sie einen ganz anderen Charakter und völlig andere Bedeutungen, als zu Beginn des Engagements. (Da liegt auch der Grund meiner tiefen Dankbarkeit für Hans-Peter-Hempel, denn ohne ihn hätte ich diese Kontinuität niemals aufbringen können). In der Rückschau wirkt manches geradezu komisch, was ich über Yoga zu wissen meinte, bzw. davon erwartet habe, als ich damit anfing. Und es ist ein unverdientes Wunder, ein großes Glück, dass ich dabei geblieben bin, wenn auch mit größtmöglichen Schwankungen in der inneren und äußeren Beteiligung.

Vermutlich ist es ganz egal, was man macht: ob Yoga, Tai Chi, Feldenkrais, QiGong, Bogenschiesen, Karate, KungFu, Sitzmeditation oder Marathon, man muss es nur machen, öfter als einmal die Woche, länger als ein paar Monate. Und nicht mechanisch wie ein sogenanntes „Working Out“, sondern mit aller Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Hingabe. Es braucht nun einmal diese Zeit, damit sich die eigentlichen, weniger oberflächlichen Wirkungen dieser Übungen entfalten – auf Ebenen, auf denen man sie gar nicht erwartet hätte.

Es wäre nun zwar möglich, Konkreteres aus meiner Yoga-Geschichte zu erzählen, doch damit wäre der Abgrund nicht überbrückt zu denjenigen, die noch nie eine Geist-UND-Körper-einbeziehende Übungsweise LÄNGER praktiziert haben: Die vielleicht nach drei Monaten Yoga zu TaiChi geweschselt sind, danach Kailash-Besteigung oder Trecking in Nepal, im Winter dann Sitzmeditation, im Frühling das Sportstudio und zur Sonnwende die Schwitzhütten-Zeremonie, als Vorbereitung und Reinigung vor dem Tantra in der Toskana. Oder die, die vom Körper allenfalls Leistung verlangen, aber keinerlei Erkenntnisse – schließlich findet denken im Kopf statt und den behält man am sichersten oben, wenn man sein Leben im Sitzen verbringt.

Das schreibt sich lustig dahin, doch war ich auch nicht viel besser. Mit Yoga hätte ich ganz gewiss nicht angefangen, hätte ich nicht Hans-Peter getroffen, ihn einfach um einen Termin gebeten nach seinem Vortrag über „Buddhismus und Abendland“ an der Berliner Urania.

Hans-Peter Hempel

Hans Peter Hempel,
Yogalehrer, Professor für Politik & Philosophie an der TU Berlin
lehrt einen buddhistisch inspirierten Yoga (ZEN-Yoga), der darauf verzichtet, neue Systeme absoluter Wahrheiten zu errichten.Offene Weite – nichts von heilig
Bücher z.B.

  • „Alle Menschen sind Buddha. Der Weg des Zen“
  • „Im Hier und Jetzt – Unterweisungen im ZEN-Yoga“

Dass er Yoga lehrte, wusste ich gar nicht, sondern hatte aufgrund des Vortrags angenommen, dass er eine Meditationsgruppe leite. Yoga war bei mir „schon durch“ wie vieles andere: Mal ein tolles Buch gelesen, selber mit den Übungen angefangen, nach dem dritten Mal wieder aufgehört, weil ich mir ein bißchen blöd vorkam auf der Matte am Boden meines Zimmers. Das nächste Buch, bitte. Es kann auch gut sein, dass ich das „heiligmäßige Leben“ nicht länger als eine Woche ausgehalten habe, das für meine Begriffe zwingend dazugehörte. Jedenfalls war Yoga für mich kein Thema, als Hans Peter davon anfing: Der Körper sei so unruhig, nervös und verspannt bei uns Westlern, dass es ganz unmöglich sei, aus einem solchen Zustand in Meditation zu kommen. Deshalb lehre er Hatha-Yoga, schlichte Übungen, die jeder machen könne.

Ich hatte meine Zweifel, denn mein Leben lang hatte ich Sport vermieden und erst kürzlich wieder bemerkt, dass ich mich kaum noch ohne Schmerzen bewegen konnte. Ein paar Wochen Krankengymnastik hatten mir gezeigt, wie eingerostet ich mit 36 schon war und das schlimmste wieder hingebügelt. Aber auch sonst war ich weit vom REINEN LEBEN entfernt, das ich als Voraussetzung meinte erstmal leben zu müssen: Der Alkohol war immerhin schon „von mir abgefallen“, nicht aber rauchen, kiffen, zuviel essen, der Kaffee und vieles mehr. Ich – eine Yogini? Unmöglich!

Nicht mehr rauchen? Das könne man nicht verordnen, sagte Hans-Peter. Das müsse alles von selber verschwinden. Und in seiner unendlichen Geduld kreidete er es mir niemals an, dass ich über viele Jahre Raucherin blieb, bzw. es immer wieder wurde. Nur merkte er gelegentlich in der Yogastunde an, dass man es wieder mal sehr stark rieche…
Dass er mich trotzdem angenommen hat, obwohl ich seine Nase beleidigte, dafür bin ich ganz besonders dankbar. Neun Jahre später scheint das Rauchen sich zu verabschieden – eine lange Zeit.

Genug spontane Autobio – die Arbeit lockt…

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Claudia am 18. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Newbees unter Frontpage: Schrott siegt!

Newbees unter Frontpage: Schrott siegt!

Gestern hatte ich noch richtig Spaß mit meinem allzu ernsten Diary-Eintrag! Hab‘ nämlich mal ein Webspeech-Plugin geladen, das neuerdings im Forum „angeboten“ wird: Hinter jedem Eintrag steht da auf einmal „Vorlesen?“ – na, da war ich doch neugierig! Weiter → (Newbees unter Frontpage: Schrott siegt!)

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Claudia am 06. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Schaffenskrise: Sinn – Sein – Sinnlichkeit

Schaffenskrise: Sinn – Sein – Sinnlichkeit

Mehrere Tage ohne das morgendliche Diary-Schreiben bringen mich in eine neue Form von Entzug, doch noch nicht in neue Dimensionen der Arbeit, bisher nicht. Zwar staut sich das, was normalerweise alsbald zum Ausdruck kommt, nun zu größeren Mengen an und entfaltet mehr Druck, mehr Verlangen, mehr Drive. Dennoch packe ich es einfach nicht, die Energie sinnvoll zu nutzen und von der Gedankenebene auf die symbolische Schiene zu kommen.

Im Kopf schreiben sich gleich mehrere Kurzessays gleichzeitig, doch wenn ich mich hinsetze und das in eine konsumierbare Form bringen will, läßt der Elan schnell nach, versickert nach ein paar Sätzen wie ein Glas Wasser in der Wüste – warum nur? Es ist, als wandele mich in dem Moment, in dem etwas vom Möglichen ins Wirkliche übergeführt werden soll, mit aller Macht die Sinnfrage an, also immer dann, wenn es beginnt, in irgend einer Weise anzustrengen.

Wenn ich Familien mit Kindern sehe, beneide ich sie manches Mal. Sie verströmen eine Anmutung von Normalität, Sinn, Selbstverständlichkeit, Fraglosigkeit, konkretisierter Form und Heimat in dieser Form, wie es ein einzelnes Individuum niemals zustande bringen kann. Das große „Worum willen“, das als unbekannter Beweger hinter allen Aktivitäten steht, ist ein- für allemal geklärt, es gibt nur das „Wie?“, aber keine Überlegung, ob überhaupt, und wenn ja, warum eigentlich…

Dieser eigenartigen Schaffenskrise kann ich mich nur hingeben, weil derzeit kein Druck aus dem Bereich der Brotarbeit auf mich wirkt. Und genau darauf habe ich ja hingearbeitet! Es war mein größter Wunsch, einige Zeit frei zu haben, undefiniert frei, nicht etwa Urlaub oder Krankheit oder Töpfern in der Toscana. Wenn ich mich so umsehe, gibt es kaum Leute, die einfach mal untätig sind, ohne Plan und Ziel, ohne vorgegebenen Zweck. Nein, es ist im Gegenteil so, dass praktisch alle guten Freelancer, die ich kenne, überlastet, ausgebucht und bis ins nächste Jahr verplant sind. Sie arbeiten und arbeiten – ja woraufhin eigentlich? Ist das eine unzeitgemäße Frage? Ist Arbeiten & Geld verdienen mittlerweile selbst letztes Ziel und finaler Sinn? Wir arbeiten, damit wir nicht aus dem Geschäft kommen, damit wir immer weiter arbeiten dürfen?

Ich kenne vier Gründe, um zu arbeiten: Lebenserhaltung, Anerkennung, Freiheit, Selbstvergessenheit. In dieser Reihenfolge werden sie bewußt, werden sie wichtig und wieder unwichtig. Der Bereich der Lebenserhaltung ist keineswegs so groß, wie man gemeinhin denkt. Würden alle nur soviel arbeiten, wie unbedingt nötig, wäre der ganze wirtschaftliche Umtrieb längst nicht so auschweifend. Die Sehnsucht nach Anerkennung treibt dagegen viel weiter als die Notwendigkeit, und wer die Siegertreppchen nicht (mehr) braucht, wünscht zumindest Freiheit – Freiheit in Zeit und Raum, also in der Regel genug Geld auf der Kante.

Doch es gibt keine wirkliche Unabhängigkeit, man ist immer im Austausch, immer betroffen von Anderen, von der Umwelt, der Gesellschaft. „Fertig werden“ ist keine ernstzunehmende Arbeits-Utopie, und das ist sogar ebenso schön wie schlimm: Der untätig am Strand herumlungernde Millionär aus der Werbung ist nur eine lächerliche Figur, der alsbald schon psychisch vor die Hunde gehen würde, fände er keinen ganz persönlichen Sinnhorizont – tätig oder untätig.

So bleibt also nur die Selbstvergessenheit: Etwas arbeiten, in das ich so hineinversinke, dass es daneben nichts mehr gibt, vor allem nicht mich selbst mit meinen langweiligen Anliegen. Wenn ich zum Beispiel im Fotoshop experimentiere oder ein Webprojekt designe, manchmal auch, wenn ich einen Text niederschreibe – dabei bin ICH als Konglomerat von Gedanken, Fähigkeiten und Energie genau so wichtig oder unwichtig wie die Maus, die Tastatur, die Grammatik, der Strom oder sonstige Komponenten, die zum fertigen Werk führen. Ich falle dabei also sinnvoll in eins zusammen mit allem, was sonst noch da ist und mitwirkt. Es gibt nichts Schöneres, aber leider läßt es sich nicht zwingen. Weil es derzeit nicht gelingt, die Selbstvergessenheit in der Arbeit zu erleben, wechsle ich einfach die Ebene und switche in die Sinnlichkeit: Musik hören, Saunabesuche, Yoga-Übungen, einfach nur daliegen….

(Ich hoffe ja doch, dass sich das bald mal wieder ändert! :-)
Meine Musikempfehlung heute: Einstürzende Neubauten – Silence is sexy)

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Claudia am 01. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Shangrila

Shangrila

Heute ist ein wunderbarer Tag. Ich fühle mich klar und zuversichtlich, ohne dass es dafür besondere Gründe gäbe. Hab‘ gestern ausgespannt, Sauna, ein Spaziergang auf dem Flohmarkt, Besuch bei den Nachbarn und abends einen Serienmörder-Krimi. :-) Schon sieht die Welt wieder richtig freundlich aus, Sinnfragen verblassen im Morgenlicht, treten in den Hintergrund – bis zum nächsten Mal? Weiter → (Shangrila)

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Claudia am 23. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Gefühl & Gedanke – Reflexionen über Sucht

Gefühl & Gedanke – Reflexionen über Sucht

Tag 4 ohne Zigaretten fängt gut an, ich fühle mich fit, arbeitswillig und fähig, kein Schmachten nach der Kippe mehr. Es wird wiederkommen, da bin ich mir sicher, doch nicht mehr so lange bleiben.

Wer bin ich? Offensichtlich ein Konglomerat aus chemischen Prozessen, dem es an Dopamin mangelt, der Stoff, aus dem das Glücksgefühl gemacht ist. Wenn ich so lese, wie Sucht funktioniert, kann ich mich nur wundern, dass überhaupt Leute davon wegkommen. Andrerseits wundere ich mich auch wieder, dass so wenige es schaffen, denn immerhin machen Raucher viele Entwöhnungsversuche, wollen also wirklich – oder doch nicht?

Wenn ich die Geschichte meiner Nicht-mehr-rauch-Versuche bedenke, ist der Wunsch, davon loszukommen, im Lauf der Zeit gewachsen. Anfänglich war das Aufhörenwollen eine reine Vernunftangelegenheit: Kein vernünftiger erwachsener Mensch kann ja das Rauchen ernsthaft verteidigen, also fühlte ich mich immer schon gefordert, aus guten Gründen aufzuhören. Wenn dann noch jemand versucht, mich zu beeinflussen oder ich freiwillig motivierenden Lesestoff aufnehme, dann kommt es zu einem Entwöhnungsversuch, der allerdings bald wieder scheitert.

Das Suchtgedächtnis ist nach dreissig Jahren Rauchen WEIT STÄRKER als alle Argumente und oberflächlichen Motivationen, die z.B. sozial bedingt zustande kommen. Verläßlich wiederholbare Glückszustände – das ist die Domäne der Chemie, menschliches Miteinander kann da nicht mithalten, Argumente sowieso nicht. (Wer würde denn mit Gespenstern gegen Panzer angehen?).

Die einzige Chance gegen die Sucht liegt auf derselben Ebene des Gewahrseins wie diese selbst: Gefühle, Emotionen und sinnliche Befindlichkeiten müssen sich DAGEGEN aussprechen, den Stoff, aus dem die Träume sind, weiter aufnehmen zu wollen. Das Leiden am Rauchen – vom Husten über die verschleimten Bronchien bis hin zum benebelten Kopf und schauderhaft stinkigen Zimmer – muß größer werden als die „Kaskade der Glücksgefühle“, dann ist Aufhören möglich. So hoffe ich wenigstens.

Ich danke es meinem Yogalehrer und dem zunehmenden Alter, dass die Sensibilität auf der physischen Ebene gewachsen, also trotz rauchen nicht geschrumpft ist. Ich konnte es zum Herbst hin kaum mehr ertragen, dieses Zimmer hier voll zu qualmen, saß selbst an kühlen Tagen bei offenem Fenster vor dem Monitor, die wohlig-gemütliche Arbeitssituation war das lange nicht mehr. Und ich spürte die Gifte in den Adern, litt an einschlafenden Händen, kalten Füßen und vielem mehr. Irgendwie hatte ich in den letzten Wochen auch keine Lust mehr, mein Zimmer aufzuräumen – wozu, wenn man sich selber täglich mit solchem Dreck abfüllt?

All diese Gefühle sind schon länger da und trotzdem konnte ich nicht aufhören, bzw. erlitt wieder Rückfälle. Nun hab‘ ich neulich ganz außerhalb aller Gedanken ans Rauchen ein Gefühl aus früher Kindheit wieder entdeckt: Den Ekel vor der eigenen Unfreiheit (siehe 16.10.00). Dieses Gefühl verbinde ich jetzt mit der Zigarette, erinnere mich daran, wenn das Verlangen kommt. Es passt wirklich gut dahin, wo der Gedanke alleine vielleicht auf verlorenem Posten stünde: Der Gedanke, dass die Zigarette NICHT die Freiheit, das Glück und das Wohl-Sein bringt, sondern mich immer neu an die Unfreiheit, das Übel, die Krankheit fesselt.

Wer jammert oder trauert, hat schon verloren. Mein letzter Rückfall war praktisch schon vollzogen, als ich es gedanklich zuließ, von den „Schönheiten“ einer Zigarette zu träumen, anstatt diesen Gedanken schon im Ansatz als suchtbedingte Lüge zu erkennen und nicht eine Sekunde darin zu schwelgen. Ich hoffe, dass es diesmal besser läuft, alle Zeichen stehen gut. Wenn aber Gefühl & Gedanke noch immer nicht genug ausrichten, dann werde ich trotzdem nicht aufgeben. Sondern andere einladen, eine Gruppe zu bilden, um unsere Macht zu potenzieren. Das ist das letzte Mittel und ich weiß, es hilft.

***

Wie Sucht funktioniert

Alle Phasen der Sucht – von Rausch bis Rückfall, von Kick bis „Craving“ – spielen sich primär im gleichen kleinen Hirnareal ab: im so genannten Nucleus Accumbens, dem Belohnungssystem. Die Evolution hat diesem Nervenknoten eine entscheidende Rolle zugeteilt. Er verbindet lebenswichtige Vorgänge wie Essen, Trinken und Sex mit einem Lustgefühl. Dazu schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, vor allem Dopamin. Sämtliche Drogen jedoch stören den Mechanismus so, dass mehr freies Dopamin übrigbleibt:

  • Nikotin steigert die Ausschüttung;
  • Kokain blockiert die Wiederaufnahme;
  • Opiate hemmen Nervenzellen, die die Dopaminmenge begrenzen;
  • Cannabis benutzt einen anderen körpereigenen Steuerkreis, den es wie mit einem Nachschlüssel starten kann;
  • Alkohol greift so umfassend in die Steuerung der Neuronen ein, dass ebenfalls mehr Dopamin ausgeschüttet wird.

Dopamin sorgt jedoch nicht selbst für den Kick, sondern setzt gleichsam hinter alle Erlebnisse ein Ausrufezeichen: Das hier, was du gerade tust, dieser Ort, dieser Geschmack, dieser Geruch! – das ist immens wichtig, sagt der Dopaminschub dem Drogennutzer. Das Belohnungszentrum verknüpft die Umstände des Konsums mit der spezifischen Wirkung der Droge.

Nikotin löst also eine wohlige Gefühlskaskade im Belohnungszentrum des Gehirns aus. Eine Zigarette beglückt den Raucher ähnlich wie ein Kuss oder ein gutes Essen. Diese „Belohnung“ wird direkt mit der Tätigkeit des Rauchens assoziiert. Der durchschnittliche Raucher mit 7.000 Zigaretten pro Jahr wiederholt ständig seine „Erfahrung“, dass Rauchen eine beglückende Tätigkeit ist. Dies prägt sich tief in sein Unterbewusstsein ein, es entsteht ein sogenanntes „Suchtgedächtnis“. Dieses Gedächtnis wird aktiv, wenn der Spiegel an wirksamen Substanzen im Belohnungszentrum nachlässt. Oder wenn der Raucher einen anderen rauchen sieht. Dann erwacht wieder das Verlangen nach einer neuen Dosis Nikotin.

Ein weiterer Aspekt ist die Vermehrung der Anzahl von Nikotinrezeptoren bei chronischem Nikotinabusus. Bei Untersuchungen an Gehirnen gestorbener Raucher wurden doppelt soviele Rezeptoren gefunden wie bei Nichtrauchern. Eine Hypothese ist, dass dadurch bei Kettenrauchern besonders viel Dopamin ausgeschüttet wird, was eine intensivierte Reaktion auf das Nikotin zur Folge hat. Allerdings ist das Phänomen reversibel: bei Ex-Rauchern sinkt die Anzahl der Nikotinrezeptoren wieder in den Normbereich. Das Suchtgedächtnis scheint jedoch eine irreversible Komponente aufzuweisen, die die Entwöhnungsschwierigkeiten erklärt.

Quelle: http://www.rauchen.de/

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Claudia am 21. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Die Gelegenheit

Die Gelegenheit

Feuchtfröhliche Abende mit Freunden kommen nicht mehr oft vor, seit ich hier wohne. Abgesehen davon, dass wir außerhalb des Schlosses keine Leute kennen, verbietet sich jedes Trinken in der Ferne, denn man müßte ja hinterher irgendwie nachhause kommen. (Der Mecklenburger fährt zwar unverdrossen in praktisch jedem Zustand Auto, doch enden diese Fahrten öfter mal am nächsten Allee-Baum, da will ich nicht mithalten.)

Ich war also much amused, als vorgestern unsere Wohnungsnachbarn zu Pizza und Wein herüberkamen. Richtig ungewohnt, aber schön, mal wieder plaudernd bis in die Motten um den mit Vor- und Nachspeisen festlich überladenen Tisch zu sitzen – die Männer auf den unbequemen Stühlen, verdammt, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht!

Gestern morgen fasste ich dann spontan den Entschluß, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und (mal wieder…) den Versuch zu machen, das Rauchen zu lassen. Das geht am Tag nach Besäufnissen besonders gut: irgend etwas ist in der Körperchemie dann so verändert, dass man sowieso keine rechte Lust auf das Qualmen hat.

Im Durchschnitt versucht ein Raucher zwei- bis dreimal im Jahr, davon loszukommen, las ich neulich und dieses Jahr halte ich den Schnitt! Das Aufhören selbst ist ja – selbst bei 30 bis 40 Zigaretten pro Tag – nicht das ganz große Problem, sondern das dauerhaft rauchfrei bleiben. Solange da ein Kampf um die Umstellung ist, wie jetzt, wo sich praktisch alles, was ich tue, anders anfühlt als „normal“, solange kann man sich über Erfolge freuen:

  • WOW, schon jetzt atme ich besser,
  • toll, meine Bude stinkt nicht mehr nach Rauch,
  • herrlich, diese Woche über 100,- Mark gespart….

Wenn dann aber das Nichtrauchen droht, „normal“ zu werden, dann melden sich tiefere Schichten: WOLLTEST Du WIRKLICH aufhören?, sagt ein Teil von mir, der das Selbstbild „Claudia, die Schreiberin, am Monitor, rauchend, Kaffee trinkend“, vertritt und sich gar nicht vorstellen kann, dass davon ohne Kippen etwas übrig bleibt. Dann wird es erst heftig, denn DANN kommt die Versuchung auf, mal wieder „eine“ zu probieren – und dem konnte ich bisher nicht widerstehen. Was heisst hier „konnte“, es war ja gerade mein Wille, der untergraben wurde, das Rauchen romantisierte sich in meiner Erinnerung mehr und mehr, bis ich mir WÜNSCHTE, wieder „die Alte“ zu sein. (Dies alles zu WISSEN, hilft leider nicht ‚raus aus dem Prozess, der sich eben nicht durch Gedanken steuern läßt, sondern mit Gefühlen agiert und sich aus uralten, physisch eingravierten Gewohnheitsmustern speist).

Nichtsdestotrotz versuche ich es wieder, da sich die Gelegenheit nun mal ergeben hat und ich mich gerade ziemlich gut fühle ohne dieses Pfeifen in den Bronchien. Und jetzt geh‘ ich in die Sauna…

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Claudia am 19. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Natur = Schönheit ?

Natur = Schönheit ?

An den Kastanien, die so langsam ihre Blätter fallen lassen, sieht man bereits jetzt die Knospen für’s nächste Jahr. Während alles abstirbt, können wir mit Fug und Recht annehmen, dass im nächsten Frühling das Leben erneut explodiert, blüht und fruchtet, um dann genau wie jetzt wieder abzusterben. Die Schnecken, Plage hiesiger Gartenfreunde, haben ihre Eier abgelegt, auf dass Hunderttausende neuer Schnecken nächstes Jahr den Salat wegfressen können. Ein Kreislauf, wesentlich berechenbarer als das Hochfahren von Windows ’98, jedes Jahr dasselbe und doch ein Wunder, eine Freude.

Auch die größeren Tiere sind ja so leicht zu durchschauen: 17 Hühner picken eifersüchtig Konkurrenten vom Futtertrog weg, selbst dann, wenn genug für alle da ist. Komme ich in den Hühnergarten, rasen sie herbei wie kleine Raptoren, sie würden mich fressen, wäre ich ein bisschen kleiner. (So aber kann ich mir einbilden, sie mögen mich). Die Motive und Emotionen der ansässigen Hunde sind ein offenes Buch – fast jeder Landhaushalt hat ja mindestens einen, mensch fürchtet sich weniger, wenn das Vieh gleich laut bellt, sobald ein Spaziergänger es wagt, in Sichtweite zu kommen.

Überall berechenbare Abläufe und Verhaltensweisen, zwar störanfällig, aber alles in allem verläßlich. Wachsen, blühen, sterben, fressen & gefressen werden. Und Millionen Naturfreunde finden das toll, ich auch. Doch frag‘ ich mich gelegentlich: Warum ist das „Natürliche“ im Reich der Pflanzen und Tiere schön, unter den Menschen aber häßlich? Konkurrenzverhalten, Büro-Mobbing, Korruption, Intrigen, Sägen an fremden Stühlen – allgemein üblich, aber niemand sagt: Wie wunderbar!

Wenn im Frühling die Kater im Kampf um ihr „Revier“ (sprich: Zugang zu den ansässigen Katzen) kämpfen und sich ernsthafte Verletzungen zuziehen, würde niemand Kritik üben. Dasselbe Verhalten unter Menschen veranlaßt die gemeinte Frau eher dazu, keinen der „Streithähne“ zu wählen, sondern einen Dritten, der sich souverän heraushält, einen, der „drüber steht“.

Gerade das, was wir an den Tieren mögen, ihr unverstelltes und ungebrochenes Agieren im Rahmen einfachster Bedürfnisse und Emotionen, treibt uns in die Flucht, wenn es beim Mitmensch allzu deutlich sichtbar wird. (Und selber tun wir viel dafür, so zu erscheinen, als seien wir anders). Zivilisation, Kultur, Sozialstaat, Recht und Gesetz – alles Bollwerke gegen die anderwo bewunderten natürlichen Eigenschaften eines jeden Wesens, das wachsen und leben will und deshalb darum kämpft, zu dominieren.

Das Wunderbare

Warum ist das so? Ich frage mich das, weil ich andere Menschen mindestens genauso wunderbar finden möchte wie zum Beispiel die Hühner hinten im Garten. Stattdessen krieg ich schon die Krise, wenn ich nur die Nachrichten einschalte. Und es sage mir keiner, das sei nur ein Medien-Problem! Viele Jahre war ich in Gruppen, Teams, Vereinen, Nachbarschaften und Initiativen aktiv. Einzig im „geschützten Raum“ eines therapeutischen Workshops oder im schweigenden Miteinander einer Yoga-Gruppe war etwas anderes zu erleben, als ein mehr oder weniger verstelltes Hauen & Stechen. Letzteres hat ja durchaus seine Highlights: Wenn man noch lernt, endlich auch mal zu siegen, oder wenn der „eigene Stamm“ einen Sieg zu verbuchen hat und feiert. Aber auf die Dauer schleift sich das ab und es wird immer deutlicher, dass es nichts zu gewinnen gibt, nichts wirklich Wichtiges oder auch nur dauerhaft Interessantes.

Dass ich mehr Zeit mit diesem Diary verbringe als mit den Hühnern, ist immerhin ein Zeichen, dass es mich noch zu anderen Menschen zieht – wenn auch nur in einer sehr vermittelten, symbolisierenden Form. Und wäre da nicht mein Lebensgefährte, mit dem ich seit über 15 Jahren ein Gespräch über die Welt führe, wäre ich sicherlich auch im „Real Life“ etwas umtriebiger – aber nur der Not gehorchend, nicht wie früher im Glauben, das Gute und Wunderbare beim Anderen zu finden.

Finde es bei dir selbst, würde jetzt ein Weiser sagen und er hätte recht. Der Blick auf die Welt und die anderen ist nicht unabhängig vom Empfinden mir selbst gegenüber. Ich war schon in Zuständen so positiver Art, dass ich das Wunderbare in einem agressiv-besoffenen Penner erleben konnte, der in der Berliner U-Bahn rotgesichtig, fluchend und wutschnaubend auf mich zukam: Ich wich nicht ängstlich aus, sondern sah ihm freundlich und offen entgegen, fragte mich (in diesem einen Moment!) voller Mitgefühl: Was mag diesen armen Typ nur so fertig machen? Ja, ich war drauf und dran, IHN zu fragen, wenn er nahe genug gekommen wäre. Doch seltsamerweise wählte er mich NICHT als Opfer – die U-Bahn war fast leer! – sondern drehte plötzlich ab, sah an mir vorbei und setzte sich murmelnd irgendwo ab. Als wäre ich ganz plötzlich für ihn unsichtbar geworden. Ein seltsames Erlebnis.

Der „Zustand“ war ebenso seltsam zustande gekommen: Ich hatte mir eine Kassette mit den Carmina Burana gekauft, obwohl ich praktisch nie Musik höre. Über Kopfhörer konnte ich es laut hören, es euphorisierte mich irgendwie. Der Kasette lag ein Booklet bei, in dem die lateinischen Texte standen und ich begann, das mal versuchsweise mitzusingen – ich, die ich normalerweise NIE singe! Und das euphorisierte mich NOCH mehr. Ich sang die ganze Vorder- und Rückseite laut mit, stand schließlich auf (war ja alleine im Zimmer) und sang alleine weiter, alle Lieder und Texte, an die ich mich erinnern konnte, wirklich alles, von „Hair“ bis „Hänschen klein“. Das Singen ergriff mich psychisch und körperlich in nie zuvor erlebter Weise, ich geriet in einen völlig anderen Seinszustand: mit viel mehr Sauerstoffumsatz, heftigerem und tieferem Atmen und einem Gefühl im Herzen, als wäre ich im Paradies, die Welt ein wunderbarer Ort. Allein das bloße Atmen war die reine Ekstase und erfüllte mich mit Dankbarkeit und Liebe. (Danach bin ich dann U-Bahn gefahren…)

Ich sang so ungefähr drei Stunden lang, das Gefühl hielt aber bis zur Mitte des nächsten Tages an. Erst in irgendeinem Meeting irgendeiner Arbeitsgruppe landete ich wieder langsam auf dem Boden gewöhnlicher Empfindung.

Vielleicht sollte ich ja mal wieder singen… ;-)

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