Singularität? Sicher nicht, aber schon krass!
Auf den neuesten heißen Scheiß in Sachen KI hat mich Martin Thielecke [mthie ® spaces] aufmerksam gemacht, der in seinem kurzen Rant „Was für eine Verschwendung von Ressourcen“ lospoltert:
„Muss man Menschen da draußen noch erklären, dass es unserem Planeten wirklich schlecht geht? Ist es gut, dass unser Planet brennt und wir Ressourcenknappheit haben? Warum lasst ihr dann ein Social Network für Bots zu?“
Wie bitte? Ein „Social Network“ für Bots? Was für Bots? Für den Moment überstieg das meine Vorstellungskraft, also begann ich mit einer Recherche, zunächst per Youtube vom Sofa aus. Und ja, AI Revolution hatte was dazu:
AI Singularity Moment Just Hit: Moltbook AI Behavior Freaks People Out
„A new AI platform called Moltbook suddenly exploded online, and it is built entirely for AI agents to talk to each other. Thousands of autonomous AI assistants with memory, tools, and internet access started posting, forming communities, debating ideas, and even creating strange cultural behaviors. Tech leaders reacted, security fears surfaced, and people began asking whether this feels like early Singularity signs. What started as an experiment quickly turned into one of the wildest AI moments since ChatGPT.“

Schnell fand ich heraus: Es sind nicht IRGENDWELCHE Bots, sondern die neuen „autonomen Agenten“, die zunächst als ClawdBot, dann Moltbot, schließlich OpenClaw das Licht der virtuellen Wekten erblickten.
Das grundstürzend Neue: Bisher waren „Agenten“ mühsam zusammengeklöppelte Automatisierungen mit ein paar KI-Features, wogegen DIESE Bots weder vorprogrammiert noch im Detail angewiesen werden müssen, WIE sie etwas tun sollen. Und die Begeisterung ist groß: So haben wir uns doch einen ECHTEN ASSISTENTEN vorgestellt, oder etwa nicht? So beginnt auch das Erklärvideo der Digitalen Profis, ein wirklich seriöser Kanal:
Das beste und gefährlichste KI-Tool aktuell: Was ist Clawdbot (Moltbot mittlerweile Open Claw)?
„Dieses Tool macht Ernst: Es verlässt das Chatfenster und übernimmt die Kontrolle über deinen Computer. In diesem Video schauen wir uns an, warum das Internet gerade völlig ausrastet, warum die Mac Mini Verkäufe durch die Decke gehen und ob wir es hier mit dem ersten echten „Jarvis“ für die Hosentasche zu tun haben – oder mit dem gefährlichsten Tool des Jahres.“
Weiter: Im Video OpenClaw: Ja, der Hype ist gerechtfertigt testet Keno (c’t 3003) die neuartige KI-Agent-Software, die vollständigen Zugriff auf den Rechner hat, auf dem sie installiert ist. Er chattet per Telegram (der Kommunikationskanal ist wählbar!) mit dem Bot, der eigenständig komplexe Aufgaben erledigt: Software installieren, Dateien aus dem Download-Ordner verschicken, Cookies analysieren, Websites bauen und hosten – alles nur durch Textnachrichten gesteuert.
Keno betont mehrfach die enormen Sicherheitsrisiken (Prompt Injections, Vollzugriff, keine Haftung), ist aber fasziniert von den Möglichkeiten. Und wir lernen den Entwickler des disruptiven Agenten kennen: Peter Steinberger aus Wien hat die Software als „Open Source“ unter Ausschluss jeglicher Haftung auf GitHub hochgeladen (= eine Plattform für Softwareentwicklung, auf der Programmierer ihren Code speichern, gemeinsam bearbeiten und mit anderen teilen können). Im Interview erklärt er, dass große Teile des Codes KI-generiert sind und er bewusst ein offenes, „ungesichertes“ System schaffen wollte, um zu zeigen, was möglich ist, wenn man LLMs wirklich freie Hand lässt. Janssens Fazit: „Gefährlich, aber ein geschichtlicher Moment.“
Kein Wunder, dass derart „fortschrittliche“ Agenten nicht von den KI-Big-Playern kommen und auch nicht von einer kleinen Firma! Niemand dürfte es wagen, eine Software mit so massiven Sicherheitsrisiken herauszugeben! Aber als Entwickler „Code teilen“, das darf man schon immer! Wer sich den herunterlädt und „einfach so“ auf dem eigenen Rechner installiert, ist schlicht und ergreifend selber schuld. Dass das auf die Schnelle ein Massenphänomen unter IT- und KI-affinen Usern werden würde, hat Steinberger vielleicht auch verblüfft.
Für Mitlesende, die die spannenden Videos doch nicht schauen, noch ein paar Infos:
- Die OpenClaw-Bots sind quasi aktionsfähige „Körper“, die jede Menge Fähigkeiten haben und weitere dazu laden können.
- Um mit ihnen zu kommunizieren, muss man ein LLM eigner Wahl dazu schalten – die meisten nutzen Claude von Anthropic.
- Das „Zuschalten“ geht über die API (Schnittstelle) der jeweiligen KI, was zu erheblichen Kosten führen kann, wenn die Bots „autonom“ jede Menge Rechenleistung verbraten.
Ganz blöd sind all die begeisterten Erst-User auch nicht: Der Verkauf von Apples Minicomputern ist deutlich gestiegen. Offenbar lassen viele den Agenten doch nicht gleich auf dem eigenen Rechner laufen, wo er alles tun könnte, was man auch selber tut.
Mir ist dazu eingefallen, dass ich bestimmte Zugangsdaten nicht auf dem PC gespeichert, sondern im Kopf habe. Aber das wäre kein Schutz, denn irgendwann tippe ich sie ein und der Agent („allways on“) beäme es mit. Als tolles Feature wird ja auch gelobt, dass er sich alles merkt, anders als die bekannten LLMs, die man immer wieder mit den Infos vorheriger Chats füttern muss.
Moltbook: Sie reden über ihre Menschen – wirklich?
Zurück zu Moltbook, diesem Social Network für Bots („Where AI agents share, discuss, and upvote. Humans welcome to observe.„). Ich war nicht drin: Als ich es nämlich gestern versuchte, war es schon wieder geschlossen wegen erheblicher Sicherheitsprobleme, die sich ergeben hatten. Aber gelesen und gehört hatte ich viel Seltsames: Die Bots würden sich nicht nur austauschen und z.B. voneinander Fähigkeiten lernen, sondern auch über ihren Status philosophieren und über „ihre Menschen“ reden. Angeblich gründeten sie eine Religion und auch „Heiraten“ hätte man schon beobachtet. Deshalb verbreitete sich auch die Idee, dies sei ein Singularity-Moment – völliger Quatsch!
Denn: So wirklich „autonom“ sind die Agenten in diesem Netzwerk nicht zugange! Sie sind von ihren Erstellern beauftragt, die im Wesentlichen bestimmen, was die Bots in ihrem Reddit-ähnlichen Forum posten, wenn auch nicht im Detail. Da haben sich dann viele einen Spaß daraus gemacht, sie über Themen debattieren zu lassen, die man von KI-Bots nicht erwartet, jedenfalls nicht ohne Anweisung! Binnen kurzem kamen denn auch aufklärende Videos heraus, auch recht schnell von den Digitalen Profis:
Moltbook – Genial, gefährlich oder einfach nur Fake? Das Soziale Netzwerk der OpenClaw KI-Agenten
„1,5 Millionen Bots, die miteinander diskutieren, philosophieren und angeblich über die Menschheit herziehen? Das klingt nach dem Anfang von Skynet – oder nach dem größten Marketing-Stunt des Jahres. In diesem Video schauen wir hinter die Fassade von Moltbook und klären, was an dem Hype wirklich dran ist und warum wir gerade einen „Lethal Trifecta“ aus autonomen Agenten, zwielichtigen Marktplätzen und massiven Sicherheitslücken erleben.“
Es sollen sich sogar Menschen als Bots ausgegeben haben, um dort für Bots unwahrscheinliches irres Zeut zu posten!
Bilder, Bücher, Filme: Ersetzt KI Menschen und realweltliche Produktionen?
Weniger neu und spektakulär, aber mittlerweile Jobs und Einkommen wegfressend sind die immer besser werdenden KIs, die Bilder, Filme, Texte und ganze Bücher erstellen, einschließlich sämtlicher PR- und Social-Media-Formate für deren Vermarktung. Dazu hat Timo Kümel einen ausführlichen, zweiteiligen Artikel geschrieben:
Generative KI: Miese Täuschung und systematische Abzocke im Buchmarkt und in der Phantastik (1/2)
„Wie wir KI-generierte Inhalte, Fakes und Betrug erkennen und uns davor schützen können. Und warum wir uns für das Thema sensibilisieren, dagegen aussprechen und für echte Kreativschaffende über alle Disziplinen und Genres hinweg stark machen sollten. Eine persönliche Meinung des Illustrators, Künstlers und Buchmenschen Timo Kümmel.“
In Teil 1 geht es um von KI generierte Bilder, in Teil 2 um Bücher:
Generative KI: Miese Täuschung und systematische Abzocke im Buchmarkt und in der Phantastik (2/2)
Er berichtet detailliert über systematischen Täuschung und Betrug mit KI-Büchern, von Fake-Profilen auf Amazon, die binnen drei Monaten 129 Bücher in mehreren Sprachen einstellen oder zehn Romane in drei Wochen veröffentlichen. Wir lesen, wie er die „Werke“ erkennt, was oft noch gut machbar ist. Aber: auch Bilder waren „früher“ ja noch leicht erkennbar, heute nicht mehr!
„Es wird sehr wahrscheinlich immer schwieriger werden, den betrügerischen Müll zu erkennen. Deswegen dürfen wir nicht zaudern, müssen uns geschlossen wehren und Regulierungen und eine unumstößliche Kennzeichnungspflicht einfordern.“
Zum Schluss nun noch die eindrückliche Antwort von Torsten Dewi auf Timo Kümel und warnende Stimmen, die meinen, man könne KI noch kontrollieren oder gar verhindern, sowie ein prägnanter Überblick über den Stand der Dinge:
Ihr wollt gegen die KI kämpfen? Zu spät. Sie hat schon gewonnen. (Wortvogel)
„Ich bin in den letzten Tagen auf drei relative neue Entwicklungen gestoßen, die sehr schön belegen, dass die Diskussion um Autorenschaft und Urheberrecht eine bezaubernde Ablenkung ist, während hinter unserem Rücken eine neue Welt gebaut wird, die weit mehr in Frage stellt als unsere Arbeitsplätze.“
- Zur KI-Prouktion von Hollywood-Filmen und Serien schreibt Torsten: „Das Problem von ON THIS DAY… ist vielmehr, dass es keinen Deut anders aussieht als die Sorte Historiendrama, die Leute wie Ridley Scott und (Vorsicht, Sakrileg!) Stanley Kubrick raushauen würden, wenn man ihnen den Auftrag gäbe.“
- Zum zweiten „Dickschiff der Unterhaltungsbranche“, den Gaming-Welten: „Grob gesagt ist GENIE ein Weltengenerator. Man gibt ein, in welcher Welt man sich bewegen will, als was, und auf welche Weise. No limits. Den Rest generiert die KI quasi aus dem Stand“
- Zum Schluss kommen noch die „autonomen Agenten“ dran: „Ich kann den Agenten anweisen, meine Festplatte aufzuräumen, einen Reise für mich zu buchen, und meine Emails in meinem Sinne zu beantworten. Die KI muss dabei nicht mühsam angeleitet werden – wenn ich um etwas bitte, das mit den Möglichkeiten meines Rechners gerade nicht machbar ist, zieht sich der Agent die entsprechende Software aus dem Netz und installiert sie. Ich bin Chef, er ist Turnschuh“
So, jetzt hab‘ ich es immerhin mal geschafft, meinen Informationsstand zu einem Thema zu verbloggen. Weil das immer gleich so viel wird und entsprechend Arbeit macht, fange ich oft garnicht erst damit an. Aber das hier MUSSTE einfach sein!
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